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Übersicht besprochener Bücher

Bauer, Patrick und Michael Ebert — Unnützes Wis­sen * Klolek­türe (09)
Benedikt XVI. — Licht der Welt
Berlin, Kat­ja und Peter Grün­lich — Was wir tun, wenn es an der Haustür klin­gelt * Klolek­türe (18)
Birr, Tilman — Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern zu Besuch hin­fahren * Klolek­türe (16)
Bode, Thilo — Die Essens­fälscher
Dobel­li, Rolf- Die Kun­st des klaren Denkens
Duve, Karen — Anständig essen
Duve, Karen — Lexikon der berühmten Tiere • Klolek­türe (01)
Emcke, Car­olin — Gegen den Hass
Fröh­lich, Axel und Oliv­er Kuhn — Die große Brock­laus * Klolek­türe (05)
Gottwald, Car­o­line — Ist der Hahn tot, wenn man ihn zudreht? * Klolek­türe (19)
Grön­er, Anke — Nudeldicke Deern
Gsel­la, Thomas — Rein­er Schön­heit Glanz und Licht Ihre Stadt im Schmähgedicht * Klolek­türe (15)
Guil­laume, André de — Wie man ein Genie wird * Klolek­türe (02)
Haeusler, Tan­ja & John­ny – Net­zgemüse
Ham­mer, Agnes — Ich blogg dich weg!
Hansen, Eric T. — Nörgeln !
Hes­sel, Stéphane — Empört euch!
Home­r­ing-Elsner, Jörg und Ralf Heimann — Lep­ra-Grup­pe hat sich aufgelöst: Per­len des Lokaljour­nal­is­mus * Klolek­türe (21)
Jens Bisky über Miri­am Meck­els Burnout
Koch, Anna und Axel Lilien­blum — SMS von gestern Nacht * Klolek­türe (08)
Kühn, Tot­te — Am Ende der Wels * Klolek­türe (17)
Kut­tner, Sarah — Die anstren­gen­de Dauer­an­we­sen­heit der Gegen­wart * Klolek­türe (24)
Lichter, Horst — Keine Zeit für Arschlöcher
Lustiges Taschen­buch Maus-Edi­tion 4 — Alles Gute! * Klolek­türe (14)
Marx, Rein­hard — Das Kap­i­tal
Mrozek, Bodo — Lexikon der bedro­ht­en Wörter * Klolek­türe (11)
Müh­ling, Jens — Mein rus­sis­ches Aben­teuer
Munroe, Ran­dall — What if? * Klolek­türe (20)
Natur­ern­te — Samen­basierte Rezepte
Non­hoff, Sky — Don’t believe the hype! * Klolek­türe (13)
Pir­inç­ci, Akif — Deutsch­land von Sin­nen: Shit­storm in Buch­form
Proimas, James — 12 things to do before you crash and burn *Klokeltüre (23)
Rosen­bach, Marcel & Hol­ger Stark — Staats­feind Wik­ileaks
Sauer, Joscha — Nichtlustig * Klolek­türe (10)
Scher­pe, Mary — An jedem einzel­nen Tag
Schier­ach, Fer­di­nand von — Ver­brechen * Klolek­türe (06)
Schill, Nadine — Hochzeit­s­pla­nung für Dum­mies
Schnei­der, Hel­ge — Arschfahl klebte der Mond am Fen­ster * Klolek­türe (07)
Schröder, Atze — Und dann kam Ute * Klolek­türe (03)
Sim­sek Semi­ya, Peter Schwarz — Schmer­zliche Heimat
Süd­deutsche Zeitung — Der große Jahres­rück­blick 2013 * Klolek­türe (12)
Sün­der, Thomas: Wer Ja sagt, darf auch Tan­te Käthe aus­laden
Veg­as, Rob — Ich, Har­ald Schmidt
Veiel, Andres — Black Box BRD
von der Lippe, Jür­gen — Beim Dehnen singe ich Bal­laden * Klolek­türe (22)
Wei­h­nachts­buchgeschenk­tipps
Wel­ding, Mal­te — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen
Wis­chmey­er, Diet­mar und Oliv­er Welke — Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk * Klolek­türe (04)

Bauer, Patrick und Michael Ebert — Unnützes Wissen * Klolektüre (09)

“Wenn Kühe zu viele Karotten essen, wird die Milch rosa.”

“John Wayne hiess eigentlich Marion Morrison.”

“Das Verbot, im Parlament zu sterben, wurde 2007 zum lächerlichsten Gesetzt Grossbritanniens gewählt”.

Das sind nur drei skurrile Fakten aus dem 2008 erschienen Buch Unnützes Wissen: 1374 skurrile Fakten, die man nie mehr vergisst .

Man kann prima darin rumschmökern, indem man das Buch einfach irgendwo aufmacht und eine der 1374 Unsinnigkeiten liest, und es ist allemal unterhaltsamer als die Fernsehzeitschrift. Leider hat man irgendwann mal alle Fakten durch und es verliert komplett als Spannung. Also gehört es nicht zu den Schmökern, die man ewig auf dem stillen Örtchen liegen lassen kann. Nichtsdestotrotz ist es eine prima Unterhaltungslektüre für das Gäste WC. Daher von mir von fünf Rollen:

Benedikt XVI. — Licht der Welt

buchleser

Peter Seewald interviewt Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und agiert dabei als Fan der Katholischen Kirche im Gewand eines seriösen Journalisten. Vielleicht mag das in dieser Form kirchenintern okay sein, aber einen kritischen Ansatz zu den Bemerkungen des Papstes, trotz aller kritischen Ansätze beim Fragen, vermisst man doch schmerzlich. Spätestens wenn Seewald ein "brasilianisches Model" mit Allerweltsweisheiten anführt, knirscht der Leser mit den Zähnen. Und dann all diese albernen Tatsachenbehauptungen Seewalds, die glauben machen, es gehe in diesem Buch auch um die Ansichten Seewalds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. Warum schreibt Seewald nicht ein eigenes Buch, wenn er sich genötigt fühlt, die Position der Katholischen Kirche zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgendwie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf seine Weise Fundamentalist, zieht sich immer wieder auf selbsterfüllende Prophezeiungen zurück. Schwulsein ist halt unnatürlich - obwohl es doch dauernd in der Natur vorkommt - und soll nicht Anreiz zum Priesterwerden sein. Sexverzicht sei ebenso von Gott auferlegt, wasimmer das genau heißen soll. Letzten Endes wird immer auf irgendetwas Unbelegbares verwiesen, keine einzige derartige Ansicht ist belegbar. Immerhin verweist der Papst auf eine angebliche Immerverfügbarkeit von Kondomen und lässt im Raume stehen, ob dies eine akzeptable Möglichkeit sein soll.

Aber auch sonst ist es interessant, was der Papst da vom Stapel lässt:

Die monogame Ehe gehört zum Fundament, auf dem die Zivilisation des Westens beruht. Wenn sie zusammenbricht, bricht Wesentliches unserer Kultur zusammen.

In der Sicht der Katholischen Kirche bricht immer irgendwas zusammen, wenn man an ihren fundamentalistischen Sichtweisen rüttelt. Warum sollte überhaupt gleich etwas zusammenbrechen, wenn Monogamie nicht der Standard bleibt?

Ein Großteil der heutigen Philosophen besteht tatsächlich darauf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahrheitsfähig. Aber so gesehen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Laufenden, was in der Philosophie so abgeht. Das Problem an dieser Stelle ist nur: Diese Philosophen bezweifeln ja auch diesen Ethos. Und dagegen verrichtet man mit einem schlicht behaupteten Gegensatz nichts.

Es breitet sich eine neue Intoleranz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt eingespielte Maßstäbe des Denkens, die allen auferlegt werden sollen. Diese werden dann in der sogenannten negativen Toleranz verkündet. Also etwa, wenn man sagt, der negativen Toleranz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäuden geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhebung der Toleranz, denn das heißt ja, dass die Religion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sichtbar ausdrücken darf.

Natürlich darf er das, nur nicht vorgeschrieben wirkend in der Schule. Aber einem Fundamentalisten können sie auch kaum erklären, dass er Fundamentalist ist.

Eine bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen.

Droge, natürlich, da drunter wäre keine Metapher des Bösen zu finden. Dabei will ja niemand eine bloße Fixierung auf Kondome. Überhaupt sind Vorstellungen von Leuten, die nie Sex hatten, über Sex, dass dieser ausschließlich Ausdruck von Liebe sei, höchst skuril.

In Deutschland hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Wieso dann gar so wenig hängen bleibt, um es mal so auszudrücken, ist unbegreiflich. Hier müssen die Bischöfe in der Tat ernsthaft darüber nachdenken, wie der Katechese ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben werden kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Laufenden: Nicht jedes Kind hat neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Und die Ansicht, dass die Bischöfe der Basisarbeit in der Katholischen Kirche zu Popularität verhelfen können, finde ich eher belustigend.

Die Kirche hat "keinerlei Vollmacht", Frauen zu weihen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, sondern: wir können nicht. Der Herr hat der Kirche eine Gestalt gegeben mit den Zwölfen - und in deren Nachfolge dann mit den Bischöfen und den Presbytern, den Priestern.

Schnöff, tä täääääää. Warum wirkt der Gott der Katholiken auf Katholiken nur immer so irrational? Sicher auch nur eine Prüfung für Katholiken, damit wäre die Sache dann wieder rund.

Enttäuscht werden sich von diesem Buch auch alle sehen, die sich in den Missbrauchsskandalen Aufklärung seitens der Katholischen Kirche wünschen: Nach dem Papst sieht der normale Prozess hier so aus: Erst den missbrauchten Schäfchen helfen, dann die Täter strafen und dann das Verbrechen aufklären. Nach Belieben der Katholischen Kirche wird hierüber die Öffentlichkeit informiert. Vom rechtzeitigen Einbezug rechtsstatlicher Organe keine Rede. Von der Kritik von Missbrauchsopfern, dass die Katholische Kirche Aufklärung mutwillig behindert - keine Rede. Nur Rede davon, dass gesamtgesellschaftlich gesehen verhältnismäßig wenig Missbrauch in der Katholischen Kirche stattfindet. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Berlin, Katja und Peter Grünlich — Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt * Klolektüre (18)

Dies ist der Nachfolger von Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt und steht diesem in Sachen Humor in nichts nach. Die einzelnen Grafiken sind schnell erfassbar und das Buch als solches schnell durchblätterbar, ohne dass es die Schmunzelgefahr außer Kraft setzen würde.

Dieser Schmöker zwar kein erhellender, dafür ungemein unterhaltsamer Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Birr, Tilman — Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern zu Besuch hinfahren * Klolektüre (16)

Der Schinken war ein Geburtstagsgeschenk. Man soll mir ja eher nicht so Bücher schenken. Sowas ist immer schwierig, wenn der Beschenker den Beschenkten nicht so kennt. Aber ab und zu passiert das dann doch. Und man liest das dann. War ja ein Geschenk. Und man verzweifelt.

Birr ist Slam Poet. Wobei: Heutzutage schimpft er sich Kabarettist, weil das wohl erwachsener klingt. Und er hat dieses Buch irgendwie geschrieben, was man nur lesen sollte, wenn man sich selbst innerlich einen aufgebrachten Slam Poeten aufleben lässt.

Nüchtern geht’s nicht. Das Buch will hip sein und kommt mit Städtebeschimpfungen an, die andere schon besser vorgemacht haben. Das Buch will lustig sein. Ist es nicht. Zum Verrecken nicht. Es ist ungefähr so, als würde Jan Hofer das Hörbuch zu Die Supernasen einsprechen. Das klingt dann so:

Was haben Stalin, Hitler und Jack the Ripper gemein? Sie alle waren mal Kinder. Das kann doch kein Zufall sein!

Grottig.

Dieser Schmöker ein öder Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Bode, Thilo — Die Essensfälscher

buchleser

Es gab vor ein paar Jahren ja ein Buch, dass "Endlich Nichtraucher" oder so hieß. damals habe ich von vielen gehört, dass dies für sie ein Ende machte mit allen Selbsttäuschungen über ihr Rauchverhalten. Ähnlich könnte es Lesern bei der Lektüre von Die Essensfälscher. Was Lebensmittelkonzerne uns auf die Teller lügen von Thilo Bode, derzeit auch in der Sachbuchbestsellerliste zu finden, gehen.
Bode verdeutlicht, wie oftmals versteckt zuckerhaltig Vieles im Supermarkt ist, dass nicht Bewegung, sondern Ernährung das Problem des allgemein ansteigenden Übergewichts ist, und wie fadenscheinig Verbraucherpolitik und wie notwendig verständliche Produktinformation ist.

Das geht in diesem Buch vor allem auf die Kappe der CDU. Für Bode ist das Verbraucherschutzministerium von Ilse Aigner schlicht ein Lobbyministerium:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die Forderung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie solle sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, keine Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum sollte massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staatliche Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weniger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine entsprechende Selb­stverpflich­tung abgeben? Die Forderung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Beispiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die endlich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müssten.

Aber auch Julia Klöckner, die gerade versucht, in Rheinland-Pfalz Ministerpräsidentin zu werden, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staatssekretärin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernährung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »keine wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »keinen Nutzen« bringe. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tausenden von Wis­senschaftlern und Ärzten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist solche Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch dessen Wände nicht mehr dringt, was »draußen« passiert.

Zwar ist Bode manchmal etwas schwatzend und wiederholt sich des öfteren. Aber dieses Buch muss man derzeit einfach gelesen haben.

Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buch­es schon verko­rk­st im Titel vor: Klares Denken ist keine Kun­st. Es ist eine Meth­ode, nichts um andere vor­rangig zu beein­druck­en. Allerd­ings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in diesem Buch gar nicht ver­ste­ht.

Das Buch enthält Feuil­leton-Artikel, in denen Anek­doten ver­braten wer­den, in denen eine auf Vorurteilen basieren­de Prob­lem­lö­sung dargestellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hierge­gen. Das Buch soll nicht aufk­lären, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit klarem Denken schon wieder nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahrschein­liche Ereignis­se” inter­pretiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigentlich klas­sis­ch betra­chtet eine Wirkung in der Welt ohne kausale Ursache. Eine Wahrschein­lichkeit­sein­schätzung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hängig vom Verkäufer abwick­eln. Wenn Sie jet­zt nach­fra­gen: Wieso immer? — das Buch gibt auf solche auf der Hand liegen­den Fra­gen keine Antwort. Der Autor behauptet ein­fach nur rum. Klares Denken sieht anders aus.

Ironie der Geschichte: Einem Bekan­nten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wirk­enden Wid­mung, das Buch sei auf Grund sein­er Erst­platzierung in der Spiegel-Best­seller-Lis­te aus­gewählt wor­den. Vielle­icht hät­te man sich doch erst mit der The­matik auseinan­der­set­zen sol­len.

Duve, Karen — Anständig essen

buchleser

Dieses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wieso es gerade so oft in den Medien zu finden ist. Ich habe auch nicht verstanden, ob einer der Gründe, dass es dieses Buch ist, derjenige ist, dass eine Autorin ihrem Verlag mal wieder ein Buch verschaffen muss. Das Buch nervt schlicht wegen seines überbordenden Subtextes, durch den man irgendwann nicht mehr durchschaut und durchschauen will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexikon der berühmten Tiere meine Lieblingsklolektüre geschaffen. Dabei ist die Grundausgangslage von Anständig essen leicht erläutert:

Die Grausamkeiten, Gemeinheiten und Rücksichtslosigkeiten, die Menschen wie ich jden Tag begehen, sind die Folgen eines bilogischen Prinzips, das wir mit allen anderen Spiezies auf diesem Planeten teilen, dem Prinzip Eigennutz.

So gesehen ist das Essen von Tieren legitimiert. In Fragestellungen darüber, ob und auf welche Weise Tiere genutzt werden dürfen, wird oft auf Tierethik verwiesen. Nur gibt es schlicht keinen Grund, Ethik auf Tiere selbst auszuweiten. Daher verweist auch Duve auf Mitleid oder Mitgefühl, um Tiernutzung als ethische Angelegenheit auszugeben. Aber dies ist schlicht nur ein argumentativer Grundfehler. Als argumentative Herangehensweise taugt das Buch somit nicht. Vielleicht sensibilisiert es dennoch einige Leser, was ihr Essverhalten betrifft. Und auch als eine Art persönlicher Erzählung mag es seine Berechtigung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der ganze teils naiv-persönliche Subtext. Das verwässert nur das ganze Thema. Besser Thilo Bode lesen.

Duve, Karen — Lexikon der berühmten Tiere • Klolektüre (01)

Das Sofa ist wohl nicht das einzige Plätzchen in den eigenen vier Wänden, an dem man gerne zur Lektüre greift. Auch das stille Örtchen wird gerne für einen Blick in Gedrucktes genutzt. Das hat in unseren Wänden dazu geführt, dass Gäste unseres Lokusses sicher sein können, Lesenswertes zu entdecken.

Ein Klassiker unter den Klolektüren ist das Lexikon der berühmten Tiere. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und Ledas Schwan von Karen Duve und Thies Volker. In diesem Standardwerk [ hier eine Besprechung von Florian Felix Weyh ], bei uns in der Ausgabe von 1999 ausgelegt, wird von altertümlichen Gestalten wie den Eulen von Athen, Fabelwesen, Werbefiguren wie dem Erdalfrosch, Comicfiguren wie Fix und Foxi bis hin zu realen Tieren wie Fortunée, dem Mops der Kaiserin Josephine, so ziemlich alles abgegrast, was man bis dato selbst gerade noch in Erinnerung hat.

Es ist also durch seine Lustigkeit, durch die Erinnerungsmöglichkeit und die interessanten, neuen Geschichten der Ideale Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dachte erst, man müsste die Autor­in eventuell gegen ihre Kri­tik­er in Schutz nehmen, aber allzu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktuel­len Buch mit den aufkeimenden und gediehenen nation­al­is­tis­chen Posi­tio­nen in Deutsch­land und darüber hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möchte für die Vertei­di­gung von Min­der­heit­en im Lichte des Pop­ulis­mus dieser Zeit. Sie bril­liert an den Stel­len, an denen sie Posi­tio­nen als diskri­m­inierend und polemisierend demask­iert, indem sie die Posi­tion unaufgeregt entschlüs­selt. Weniger überzeu­gend ist Emcke allerd­ings in ihrer Einord­nung von Posi­tio­nen in einen his­torischen oder wis­senschaftlichen Kon­text. So bes­timmt sie die “Parteilichkeit der Ver­standeswaage” aus ein­er Textstelle aus Kants “Träume eines Geis­terse­hers”, d.i. ein Text vor dessen so genan­nter kri­tis­chen Phase, als “Vor­ein­genom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betr­e­f­fend­en Stelle im Kan­tis­chen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gion­sphiloso­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig überzeu­gend wie beein­druck­end. Und auch wenn andere Stel­len in ihrer gewoll­ten Belehrung eher ner­ven als ein­nehmen, ist das Buch wegen der Analy­se­fährigkeit der Autor­in empfehlenswert.

Fröhlich, Axel und Oliver Kuhn — Die große Brocklaus * Klolektüre (05)

Klolektüren als Weihnachtsgeschenke - eine schwierige Angelegenheit. Woanders als Buch des Tages gewürdigt, sprang bei mir bei … Die große Brocklaus: Das komplett erfundene Lexikon von Oliver Kuhn, Alexandra Reinwarth und Axel Fröhlich der Funke oder, wenn man so mag, die Laus nicht über. 6 oder 7 mal habe ich schmökernd irgendwas angelesen und wegen zu gewollter Lustigkeit umgehend weggelegt. Vielleicht fällt die Begeisterung für diesen Schmöker anders aus, wenn man sich viel Zeit oder das Hörbuch zur Hand nimmt .

Was aber die Präsenttauglichkeit angeht, stimme ich dem zu, der schreibt: “Zum Verschenken nicht geeignet.” Das Risiko, zu enttäuschen und den Geschmack des Beschenken zu verfehlen, ist da einfach zu groß.

Der Schmöker ist trotz großem Umfangs, ein paar guten Einfällen, aber oftmals bloß bräsigem Humor nur ein mäßig interessanter Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Gottwald, Caroline — Ist der Hahn tot, wenn man ihn zudreht? * Klolektüre (19)

Witziger als im Buchtitel wird dieser Schmöker nicht. Die Autorin greift irgendwann nach jedem Strohhalm, um Fragen stellen zu können. Das ist bemüht, aber eben völlig geistlos.

Dieser Schmöker ist zwar kein erhellender, schnell nervender Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Gröner, Anke — Nudeldicke Deern

buchleserAnke Grön­er hat sich als Blog­ger­in sicher­lich ver­di­ent gemacht: So sym­pa­this­ch wie sie schreibt, ste­ht sie ein für klare, unaufgeregte Sprache, Offen­heit für die Genuss­seite des Lebens, für Lesen, für Beständigkeit. Sie zählt auch zu den weni­gen deutschen Blog­gerin­nen, denen große Achtung inner­halb der Blog­gosphäre zukommt.

Nur: Warum hat nie­mand ver­sucht zu ver­hin­dern, dass sie so ein Buch schreibt?

Das Buch ist ein Ich-bin-okay-du-bist-okay-Durch­hal­teparolen-Leben­srat­ge­ber (Und das mit dem Ich bin okay, du bist okay kommt im Buch tat­säch­lich vor). Es ist nicht so ver­logen wie die fröh­liche Mop­pel­lit­er­atur, denn da ist die präsen­tieren­de Autor­in ja immer um einiges mop­peliger als auf dem Buchum­schlag, aber es ist lei­der auch ver­logen: Es geht im Buch um die Auf­gabe von Abnehmvorhaben zur ver­meintlichen Ret­tung der eigene Psy­che, nicht um’s Abnehmen oder Dick­sein. Ich hal­te es für prob­lema­tis­ch, sich für diese Auf­gabe Applaus zu holen.

Natür­lich darf und soll­te jed­er seinen eige­nen psy­chol­o­gis­chen Haushalt so arrang­ieren, dass man gefeit ist gegen Angrif­fe von außen. Das zählt für Dicke so wie für Dün­ne. Ich weiß auch nicht, wer das angezweifelt haben soll­te. Wer aber zu viel wiegt und wem das Zuviel auf die Psy­che schlägt, der soll­te abnehmen, wenn er das Prob­lem lösen will. Das bedeutet auch, dass man gegen den eige­nen inneren Schweine­hund ankämpft. Wer nun meint, dieser Kampf sei schon gewon­nen, weil man nach ein­er Diät weniger wiegt, täuscht sich ein­fach.

Anke Grön­er schreibt nun in ihrem Buch, man kön­ne diesen Kampf aufgeben, solange nur die eigene Psy­che okay ist. Mit anderen Worten: Ver­drän­gung. Kann man. Muss man aber nicht. Ger­ade wenn die Kör­per­fülle am eige­nen Selb­st­be­wusst­sein nagt, ist ein gelun­gener Abnehmver­such ja ein Erfolg. Der Schlüs­sel lautet nicht, wie das Buch weis machen will: Free your mind, and your fat ass will fol­low im Sin­ne von: Ent­laste deine Psy­che, son­dern Free your mind, and the rest will fol­low im Sin­ne von: Regel dein Ver­hal­ten nach nicht bloß momen­ta­nen Gesicht­spunk­ten (worun­ter auch eine Kan­tis­che Inter­pre­ta­tion des Wortes frei fal­l­en kön­nte).

Wer ver­drängt, ver­drängt mit dem Prob­lem eben auch die Prob­lem­lö­sung. Das ist die unan­genehme Wahrheit, die man im Buch nicht zu lesen bekommt.

Gsella, Thomas — Reiner Schönheit Glanz und Licht Ihre Stadt im Schmähgedicht * Klolektüre (15)

Thomas Gsella hat diverste Städte mit Schmähgedichten bedacht und - sage Bub - Ibbenbüren ist auch mit dabei. Besser gefällt mir ja Düsseldorf, aber das ist sicher auch Geschmackssache.

Das Ganze gibt es online, aber auch zwischen Buchdeckeln. Die Gedichte insgesamt sind mal mehr, mal weniger witzig, oftmals zeigt Gsella allerdings, dass er etwas vom raffinierten Gedichtschreiben versteht.

Somit ist dieser Schmöker ein kurzweiliger, aber respektabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Guillaume, André de — Wie man ein Genie wird * Klolektüre (02)

Eines dieser Exemplare ist der Schmöker Wie man ein Genie wird: Das Handbuch für angehende Überflieger
von André de Guillaume, übersetzt aus dem Englischen von Petra Trinkaus. Das Buch ergeht sich eigentlich nur in Eigenwilligkeiten und Anekdoten berühmter Männer. Das ist ganz nett zu lesen, kurzweilig, aber irgendwie nicht erhellend. Ein paar Schmunzler sind aber drin.

Er ist also durch seine Intention, die hübsche Machart und durch hin und wieder interessante Anekdoten ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weihnachten steht vor der Tür und vielerorts werden nun die Buchläden durchstöbert, um interessante literarische Sachen ausfindig zu machen. Ich habe mir mal Netzgemüse von Tanja und Johnny Haeusler, der auch unter spreeblick.de bloggt, angeschaut. In diesem Fall ist es vielleicht hilfreich, die beiden erst selbst zu Wort kommen zu lassen:

Jetzt kann man zunächst einmal feststellen, dass es hier eine dicke Marktlücke gibt. Das Internet ist in vielen Facetten nicht leicht zu verstehen. Das macht besonders dann Probleme, wenn Eltern darüber nachdenken, wie sie ihre Kinder im Internet begleiten. Und das tut Not, denn im Internet lauern rechtliche und persönliche Gefahren. Andererseits bewegen sich Internetnutzer ziemlich frei und ungebunden durch das Netz. Worauf sollen sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Frage, der das Ehepaar Haeusler nachgeht. Sicherlich ist das Buch so geschrieben und wird so präsentiert, dass es sich irgendwie rentiert. Insofern ist dieser Eintrag auch schon wieder eine Form von Werbung. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass das Buch die Aufgabe, Eltern für ihre Aufgabe, Kinder im Umgang mit dem Internet verantwortungsvoll zu begleiten, gut erfüllt.

Jetzt könnte ich auch am Buch rummosern über manchen grammatisch nicht ganz so perfekten Satzbau, verkürzte und somit falsch wirkende Darstellungen oder den Begriff Netzgemüse, der mich das ganze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber darauf gerichtet ist, herauszufinden, ob dieses Buch Eltern eine Hilfe sein kann, schiebe ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erstmal beiseite geschoben ist fällt zunächst die große Bandbreite auf, die das Buch umfasst: Es handelt den Umgang mit Computerspielen, illegale Downloads, Internetdiensten, Blogs, Mobbing, Pseudonymen, sozialen Kompetenzen, Taschengeld, Smartphones und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefunden, was ich vermisse. Alle Themen werden zwar nur angerissen und Beispiele und Lösungsansätze von wirklich schwierigen Problemen kommen nicht vor. Das ist aber für ein Eisntiegsbuch in die Materie nicht weiter schlimm. Die Frage wäre eh, ob man ein solches Buch nicht überfrachtete, wenn man zu viele Lösungen anbieten wollte.

Was ich sehr überzeugend finde, ist, dass die Autoren heikle Themen wie Pornografie im Internet, die von Jugendlichen konsumiert werden kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Seiten um richtig in Schwung zu kommen, trifft aber dann den richtigen Ton. Wer also Eltern kennt oder selber erzehungsberechtigt ist, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herz.

Hammer, Agnes — Ich blogg dich weg!

Ich blogg dic weg!Jule ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Band beim Schulfest auftreten soll. Dann erhält sie jedoch anonyme E-Mails, Beschimpfungen und Drohungen. Ein Fake-Profil von ihr taucht im Internet auf und ihr wird nahe gelegt, die Band zu verlassen. In dieser starken Bedrängnis kommt es schließlich zur gewalttätigen Auseinandersetzung.

Das Buch von Agnes Hammer behandelt ein sehr aktuelles Thema: Die Problematik, dass Jugendliche einerseits in der realen und andererseits in der virtuellen Welt unterwegs sind, und es schwierig wird, wenn Probleme der einen Sphäre mit der anderen in Berührung kommen, indem anonymes Mobbing betrieben wird.

Was der Leser schnell merkt, ist, dass es sich hierbei um eine klassische Schullektüre handelt, und das ist auch schon das Manko des Buches, wenn man so will: Die Geschichte ist überraschungsarm, vorhersehbar, das klassische Problem, dass die jugendliche Erzählerin mit mitunter arg verschachtelteln Sätzen alles andere als jugendlich klingt, sowie dass sich die Akteure für Jugendliche doch sehr abgeklärt verhalten. Bei erotischen Situationen wirkt die political correctness dann schon mal belustigend.

Aber als Schullektüre, und für eine kommunikative Behandlung durch Jugendliche ist das Buch, das einen für Jugendliche sehr fairen Preis hat, sicherlich hervorragend geeignet.

Hansen, Eric T. — Nörgeln !

buchleserNörgeln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Hansen hat sich des Themas auf sehr humorvolle Weise angenommen. Gerade auf den ersten Seiten erweist er sich als Fachmann des Nörgelns und des wissenschaftlichen Nörgelns.

In der Nörgelgeschichte der Literatur steht Faust als literarisches Meisterwerk einsam da. Goethes wahres Genie im Erschaffen dieser Jahrtausendfigur wird erst recht deutlich, wenn man Faust mit anderen großen literarischen Jammerern der Weltliteratur vergleicht. Wie viel konsequenter und authentischer wäre es gewesen, wenn Shakespears Hamlet ohne Grund unzufrieden wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolgreich, wohlhabend,
erbe demnächst ein Königreich,
und bin leider auch gutaussehend,
die sexy Ophelia macht mir durchaus
Augen mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und finde alles genauso Scheiße wie zuvor.

Die Lektüre unterhält also ganz beschaulich und enttäuscht auch sprachlich nicht. Ich vermisse dabei allerdings eine Abgrenzung von Nörgeln zu gerechtfertigter Kritik. War dieser Satz jetzt in Hansens Augen nur nörgeln? Im zweiten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in dieser Hinsicht die Puste aus und es wird sehr weitläufig von Nörgeln gesprochen, was weder überzeugt, noch witzig ist. Dafür ist der Leser durch den ersten Teil schon hinreichend entschädigt. Eine unterm Strich sehr geistreiche Lektüre.

Hessel, Stéphane — Empört euch!

buchleserEmpörung führt zur Verbesserung misslicher Lagen, das hat die Vergangenheit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empören, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Es kann nur besser werden. Die Botschaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch selber eben auch.

Während ich das Buch im Zug gelesen habe, saßen mir zwei Männer auf einem Vierer schräg gegenüber. Der eine hielt ausgebreitet eine Zeitung, der andere hatte den Ellenbogen kopfstützend auf dem rechten Oberschenkel gestellt und hielt mit der linken Hand ein dickeres Buch fest. Beide lasen.

Und dann - aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glaube, dass der Zugfahrer mit dem Buch Lehrer gewesen ist? Also, ich glaube, dass er Lehrer gewesen ist. Dann jedenfalls raschelte es und der Lehrer hob seinen Kopf und sagte seinem Gegenüber:

Also, das ist jetzt schon mindestens das fünfte Mal, dass Sie einen Teil der Zeitung fallen lassen. So liest man doch keine Zeitung. Können Sie nicht aufpassen? Sowas stört einen doch.

Und dann meinte der Gegenüber:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besitzer dieser Zeitung und kann doch wohl meine Zeitung im Zug fallen lassen, so oft und so lange ich will.

Und dann nahm er einen Teil der Zeitung und ließ ihn mit ausgestrecktem Arm den Lehrer im Blick demonstrativ fallen. Den Kopf etwas zurückziehend schaute der Lehrer sein Gegenüber Zähne zeigend mit streng geschürzten Lippen ob dieser Unkultiviertheit angewiedert an, strich über die Falz seines Buches und las kopfschüttelnd weiter. Aber nur kurz. Er blickte wieder rüber und sagte:

Aber dann nehmen Sie doch wenigstens die Werbung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden stehen, wenn man sie schon runterwirft.

Und dann nahm er ein Werbeprospekt seines Gegenübers und liess das demonstrativ fallen. Das Prospekt stand für 5 Sekunden und sank dann gänzlich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel besser.

Ich weiß nicht, wie die beiden Kontrahenten verblieben sind, weil ich an der nächsten Haltestelle den Zug verließ. Aber dass es so wünschenswert ist, sich immer und überall gleich zu empören, davon war ich bei Verlassen des Zuges weit weniger überzeugt.

Homering-Elsner, Jörg und Ralf Heimann — Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst: Perlen des Lokaljournalismus * Klolektüre (21)

Die Facebook-Seite Perlen des Lokaljournalismus hat mittlerweile über 190.000 Fans, jetzt gibt es den Schmöker zur Seite. Aber wer die Seite schon kennt, wird nicht sonderlich begeistert sein: Das Buch beinhaltet nur Altbekanntes und die Kommentare zu den Zeitungsschnipseln sind doch sehr kurz.

Dieser Schmöker ist wohl nur was für Leute ohne Internetanschluss, aber wegen der guten Ausgangsidee gibt es von fünf möglichen Klorollen:

Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miriam Meckel das erste Mal aufgefallen, als sie damals in den Schlagzeilen stand, jüngste deutsche Professorin in Münster geworden zu sein. Und auch da schon war irgendetwas, was mich intuitiv an ihr störte. Dabei ist Miriam Meckel grundsympathisch, soweit ich sie kenne, überdurchschnittlich intelligent, gutaussehend, offen, sie hat diese geistige Uneitelkeit, die ich sehr an Menschen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eigener Aussage einen Burnout hatte, ein Buch darüber geschrieben hat, dass allerdings einige Leser den Inhalt für nicht so lebensnah hielten. Ich dachte, dass da eben das zum Tragen kam, was mich auch irgendwie störte. Aber ausformuliert hatte ich das bisher nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unregelmäßig, kommentierte nichts, kaufte nicht ihre Bücher.

Heute sprang mir beim Durchblättern der Süddeutschen Zeitung ins Auge, dass es eine ganzseitige Besprechung ihres Buches oder dessen Themas gab. Ich fühlte diesen intuitiven Störfaktor, der mir sagte, dass dies nach erster Einschätzung nur eine unkritische Buchbeschreibung sein könne, las dann aber Jens Bisky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemäßigtem Interesse bis zu der Stelle, die mich die Zeitung begeistert weglegen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapitalismuskritischen Stellen wohl, um den Punkt richtig zu setzen. Der abschließende Brief - "Liebes Leben" - formuliert in Floskeln therapierter Innerlichkeit einen Anspruch, den in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Marx erhob, die Formeln der Hegelschen Philosophie benutzend.

Der saß.

Nicht die Biskysche Erinnerung an Marx. Die Floskeln therapierter Innerlichkeit. Es ist einerseits das Tolle der deutschen Sprache, das hier zum Ausdruck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie andere, aber mitunter kriegen sie Begriffszusammenstellungen vorgesetzt, die sie selbst entfalten müssen, um zu erkennen, was sich der Redner wie zusammengereimt hat. Andererseits trifft es auch die Störung, die ich bei Miriam Meckel so denke. Die Rede von den Floskeln therapierten Innerlichkeit lässt doch bei Meckel die Frage stellen: Warum übernimmt sie Floskeln, die in einer Therapie auftauchen bei einem so persönlichen Projekt wie der eigenen Innerlichkeit?

Irgendwie ist es das, was mich an Meckel störte, ohne sie deswegen unsympathisch zu finden: Das Stehenbleiben an einem gewissen Punkt, das geistige Sich-Abfinden mit einer erreichten Höhe. Eigentlich ist ein solches Rummäkeln ungehörig, es ist nur deswegen zulässig, weil Meckel eben durchaus was drauf hat.

Bisky setzt diesen Treffer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stampfen, sondern er findet folgenden Schluss

Meckels Brief ans eigene Leben fordert die individuelle Unverfügbarkeit von den Übungsleitern, Systemoptimierern und Geschäftsführern zurück, fordert sie auch gegen das eigene, notwendig in der Kultur der Grenzenloskigkeit befangene Ich. Man muss Reserven in sich selbst bereithalten. Reservate im Innern sorgsam bewachen. Das ist keine große, erst recht keine radikale Lösung, aber eine lebenskluge.

Dieser Text aber ist ein großer, so einen kriegen nur wenige geschrieben.

____________________

Jens Bisky - Ein erzwungenes, willkommenes Ende der Verlässlichkeit, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2010

[P.S. Dagegen hätte sich die Süddeutsche Zeitung die Veröffentlichung dieses voreingenommen altklugen Artikels von Sarina Plauth lieber gespart.]

Koch, Anna und Axel Lilienblum — SMS von gestern Nacht * Klolektüre (08)

 Das Beste aus SMSvonGesternNacht.de ist eine laue Kopie von Texts from last night, mittlerweile in drei oder vier Buchausgaben als Reihe verfügbar. Man findet vielleicht auf den ersten Seiten eine ganz witzige Minigeschichte über Leute, die missverständliche und missverstandene SMS-Unterhaltungen führen, aber irgendwann zieht man bei der Lektüre nicht mehr mit. Erfunden oder real? Wen interessiert’s?

Der Schmöker ist mit seinen seltenst witzigen Mini-Geschichten ein mäßig unterhaltsamer Begleiter auf unserem Donnerbalken, mittlerweile dürften diejenigen, die sowas interessiert, ihn auch zur Genüge kennen, und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Kühn, Totte — Am Ende der Wels * Klolektüre (17)

Geburtstagsgeschenke in Buchform können auch Überraschungstreffer sein, deswegen rate ich eigentlich kaum jemand, außer den erfahrenen Fehlschenkern, von Buchgeschenken ab. Eigentlich kann man die Schinken ja auch dann noch irgendwie verwursten als Weitergeschenktes oder so.

Am Ende des Wels von Totte Kühn, der auch bei den Monsters of Liedermaching - hier mal eine Kostprobe - singt, ist so ein Schmöker.

Der Erstling enthält diverse Erzählungen aus dem Leben eines Musikers, realistisch oder ersponnen, da greift alles mal ineinander. Die Geschichten kommen aber so entspannd und nicht überambitioniert daher, dass das Lesen immer wieder Freude bereitet. Auch hebt sich das Sprachniveau und der Einfallsreichtum Kühns angenehm von denen vieler seiner aktuell deutsch singenden Kollegen ab.

Dieser Schmöker ein kurzweiliger, überraschend unterhaltsamer Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Kuttner, Sarah — Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart * Klolektüre (24)

Sarah Kuttner fand ich immer nett und wollte nie ein Buch von ihr Lesen. Da ich dann diesen Schmöker fand, wanderte er zumindest ganz kurz mal aufs Klo. Und dann blättert man da rein, ist enttäuscht, weil der quietschige Inhalt so flach wie die Schreibkunst ist, blättert weiter und weiter, weil vielleicht doch noch was Interessanteres kommen könnte, kommt dann zu längeren, aber eben nicht tiefschürferenden Texten - anfangs werden nur kolummnenartig Fragen beantwortet - und schwupps ist das Büchlein am Ende. Dass es solche Texte ernsthaft in die Süddeutsche Zeitung geschafft haben, ist wohl nur dem Vermarktungswert geschuldet. Ein anderer Leser verreißt dieses Kaugummiwerk so:

Bei der Beantwortung jeder Frage greift sie das Thema auf, nimmt ein Wörterbuch zur Hand und entnimmt diesem irgendeinen x-beliebigen Begriff. Diesen lässt sie dann zusammen mit einigen Trivialitäten ihres Alltags in die Antwort einfließen. Was bisweilen als frech, unkonventionell und postmodern gepriesen wird, ist bei nüchterner Betrachtung blanker Nonsens. Da die begrifflichen Verbindungen (Weihnachtsmann-Mundgeruch, Frank Elstner-Epiliergeräte, etc.) keiner Geistesleistung, sondern eher dem Zufall geschuldet sind, fehlt der intellektuelle Mehrwert in dem Buch fast vollständig.

Das Cover ist noch das Beste an diesem Bändchen, daher gibt es für diesen lahmen Schmöker von fünf möglichen Klorollen:

Lichter, Horst — Keine Zeit für Arschlöcher

Nach der Lek­türe dieses Buch­es würde ich sagen: Horst Lichter ist ein herzensguter Rhein­län­der, der im Fernse­hen ein­er der let­zten sym­pa­this­chen Fernseh-Mod­er­a­toren der leicht­en Unter­hal­tung darstellt und der über­flüs­sige Bücher schreibt. Dieser Biogra­phie geht lei­der kom­plett das Ana­lytis­che ab, sie ist zwar aufrichtig, aber kratzt nur an Ober­flächen. Es wird gelit­ten, es wird geweint, es wird gefeiert, es wird was erre­icht. Aber wie man aus Tälern her­auskommt, wie man Erfolg verkraftet, einord­net, wie man zuhört, wie man Arschlöcher erken­nt und umge­ht, wie es der Titel doch irgend­wie anvisiert wird — das alles fehlt in diesem Buch. Alles schwimmt im Unge­fähren. Für Fans eine ein­fühlsame Unter­hal­tung, das war’s aber auch.

Lustiges Taschenbuch Maus-Edition 4 — Alles Gute! * Klolektüre (14)

Micky Maus ist im November letzten Jahres 85 Jahre alt geworden. Das ist der Aufhänger dieser Ausgabe.

Als Klolektüre funktioniert dieser Disney-Comic-Schinken wie gewohnt. Allerdings bin ich entweder den Geschichten entwachsen oder Micky-Maus-Geschichten sagen mir nicht sonderlich zu. Jedenfalls gibt es in dieser Ausgabe gerade mal eine Geschichte, die ich wirklich einigermaßen interessant finde. Der Rest ist schon unglaublich banal gehalten.

Daher ist diese Ausgabe ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Marx, Reinhard — Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein bisschen mit Religion und Religionsphilosophie auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholischen Hirten anzusehen. Vorgenommen habe ich mir mal Das Kapital von Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising.

Das Buch ist ungefähr so wie Reinhard Marx: Sympathisch, geschwätzig, nicht überwissenschaftlich, anekdotenreich, einheitschaffend. Es beinhaltet aber interessanterweise in politischer oder philosophischer Hinsicht alles, was man heute an der Katholischen Kirche kritisieren mag.

Reinhard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich seine Überzeugung feststellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwischen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Reinhard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist andererseits einfach eine Form von Respektlosigkeit, anderen Menschen irgendwelche Behauptungen unterzujubeln, nur weil diese Menschen nun tot sind, und sich nicht mehr dagegen wehren können. Das hatte auch schon Walter Nigg in "Friedrich Nietzsche" so getan, wo er behauptet, hätte Nietzsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evangele gewesen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Reinhard Marx einfach das, worunter er Karl Marx versteht, gegen die Katholische Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinandertreffen einer Lehre auf eine Philosophie. Das Problem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt werden muss, nicht überzeugend begründet wie eine Philosophie sein muss, um akzeptabel zu sein. Wobei in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass für Reinhard Marx das, wofür Karl Marx steht, einfach nur Skeptizismus ist: Das Angreifen von Dingen, die für Werte gehalten werden.

Diese Werte entstammen alle dem Christentum, meint Detlef Horster, auf den sich Reinhard Marx als Segnung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist überhaupt eine eigentümliche Belegmethode von Reinhard Marx: Das Heranziehen der Meinung eines großen Geistes als Ersatz für die Begründung einer eigenen Meinung. Fast schon gönnerhaft gesteht Reinhard Marx der Philosophie der Aufklärung zu, dass sie Begründungen für moralische Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offensichtlich ist es Reinhard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhandensein von Werten wichtiger ist als das Begründetsein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholischen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx ausgespielt, ebenso grundlegender ein katholischer Fundamentalismus gegen objektive Begründungen, worunter man Philosophie verstehen kann.

"Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren größten Gegner sie bezeugt ihm ihren Respekt." (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie großzügig. Die katholische Soziallehre kennzeichnet sich durch eine Weltanschauung, in der Individuen durch Solidarität und Subsidiarität miteinander verbunden sind (S. 95). Ein jedem seien politisch und wirtschaftlich alle Freiheiten gegeben, solange sie in einem moralischen Einklang und in Unverletzung der Rechte anderer möglich sind. Marx meint offensichtlich, dass dies schlichte Motiv einer ausgearbeiteten Philosophie gleichkommt, diese gar übertrifft. Eine irgendwie gestaltete Begründung gibt es in Reinhard Marx' buch für die katholische Soziallehre nämlich nicht: Sie ist einfach besser als alles andere.

Und weil man nach Reinhard Marx auch angeblich denkt, dass Religion nicht nur Privatsache sei, sondern dass Kirche eine gesellschaftspolitische Aufgabe habe (S. 63) gäbe es den Religionsunterricht in Deutschland in der vorliegenden Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Einbindung der evangelischen und der katholischen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthalten eines Staatslenkers.

Aber diese eigenwillige Ansicht Reinhard Marx' fügt sich gut in sein Weltbild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholische, ist die Institution der Moral (S.62): Ihr Richtplatz. Ohne Kirche ist Moral für Reinhard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt ausgeliefert. Reinhard Marx fühlt sich zudem in Übereinstimmung mit Immanuel Kant, was sein Menschenbild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird überhaupt gerne von Geistlichen als Gewährsmann vereinnahmt ohne auf seine Religionskritik einzugehen) und ebenso in Übereinstimmung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Familie als Geburtsort von Moral angeht: Für Marx sei die Familie wichtigster Ort der Wertevermittlung, daher sei Familienpolitik wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik.

Das kann man nun unhinterfragt so stehen lassen oder hinterfragen. Bei letzterem ist man sich selber aber Philosoph, und das für viele zwangsläufig. Denn beim Stichwort Familie muss man ja bei der katholischen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Familie sind. Eine Familie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholische Kirche die sexuellen Auswüchse neueren Datums mit zu verantworten. Die Soziallehre der katholischen Kirche lässt völlig unbeantwortet, warum man sich nicht einfach durch eine vertraute Bezugsperson eben so gut moralisch entwickeln kann, wie durch verheiratete Eltern. Und ob es gerade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf verständliche, begründete Vermittlung von moralischen Verhaltensweisen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begegnet in diesem Buch Reinhard Marx an den Stellen, die den Menschen an der katholischen Kirche so unheimliche Probleme bereiten. Man findet aber als Reaktionen darauf nur fundamentalistische Durchhalteparolen vor, die für sich genommen nicht überzeugen. Aber das sollen sie ja auch nicht.

Mrozek, Bodo — Lexikon der bedrohten Wörter * Klolektüre (11)

Bodo Mrozek listet in seinem Buch Lexikon der bedrohten Wörter so einiges an Wörtern auf, die einem nicht mehr oder niemals geläufig sind oder war. Oder weiß jemand aus dem Kopf oder wie man heute sagt: Ohne zu googlen, was ein Bratkartoffelverhältnis ist? Oder eine Duttengretel? Oder eine Schneckenschleuder? Einige Wörter wie Exportbier, Konferenz oder Kavalier sind mir dann doch noch sehr geläufig und witzig sind einige Einträge dann auch nicht. Aber eine Fundkiste bleibt dieses Büchlein allemal.

Der Schmöker ist trotz vieler wenig inspirierender Einträge wegen ein paar Aufhorchen lassender Hervorhebungen ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Mühling, Jens — Mein russisches Abenteuer

buchleserDieses Buch ist eine Art Road-Movie zwischen Buchdeckeln quer durch Russland und die Ukraine. Mühling ist auf der Suche nach wahren Geschichten, von denen ihm ein Freund mal sagte, es gäbe sie nur in Russland zu finden. So macht er sich eines Tages auf den Weg, Agafja Lykowa zu treffen, was sich als waghalsiges, wenn nicht gar lebensgefährliches Abenteuer erweist.

Man lernt in diesem Buch vieles über die Geschichte Russlands und einiges über den Umgang mit Russen. Agafja Lykowa ist wohl die Dame in diesem Video:

Ein sehr lesenswerter Schmöker für alle, die mal einen Blick über den Tellerrand wagen wollen.

Munroe, Randall — What if? * Klolektüre (20)

Dies ist die zweite Webcomic-Reihe von Randall Munroe nach xkcd in Buchform. Es werden diverse außergewöhnliche Fragen so ernst wie möglich behandelt. Jetzt weiß ich also, dass es wahrscheinlicher ist, irgendeine Telefonnummer anzurufen, "Gesundheit" zu sagen und derjenige, der den Hörer abgenommen hat, hat gerade tatsächlich genießt, als einen 6er im Lotto zu kriegen. Und dass 2060 Facebook wahrscheinlich mehr Profile Toter als Lebendiger hat. Und dass ich durch Teeumrühren das Teewasser nicht zum Kochen bringen kann. Wie wundervoll!

Dieser Schmöker ist ein erhellender, nicht ganz anspruchsloser Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält, da er wohl für jeden etwas Interessantes birgt, von fünf möglichen Klorollen:

Naturernte — Samenbasierte Rezepte

buchleserWir hatten ja schon lange nichts Ekliges mehr hier, also so richtig Ekliges. Dem kommen wir mal gerade etwas entgegen. Fotie Pfotenhauer, ja genau, deeer Fotie Pfotenhauer hat ein neues Kochbuch rausgegeben. Angepriesen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Leidenschaft sind und keine Angst haben vor neuen Zutaten, werden Sie dieses Buch lieben!

Da fühlt man sich ja geradezu herausgefordert, zu dieser exquisiten Gruppe von Köchen zu gehören? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfotenhauers neues Buch empfohlen: Kochen mit Sperma.

Nonhoff, Sky — Don’t believe the hype! * Klolektüre (13)

Schmöker aus dem Grabbelkorb bei der Postenbörse in Schierloh. Mit 2€ für ein Mängelexemplar zwar nicht unheimlich günstig, die Lektüre lohnt sich allerdings.

Nonhoff gibt in Don’t believe the hype! einen Pop-Begriff vor, nach dem mittlerweile nicht mehr neu kreiert, sondern massentauglich gesamplet wird, über den er diverse, gerne mal als Klassiker bezeichnete Alben über die Klippe springen lässt: Neil Youngs Rust never sleeps, The White Stripes’ White Blood Cells, Never Mind the Bollocks von den Sex Pistols, Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles, Blood Sugar Sex Magic von den Red Hot Chilli Peppers, Eric Claptons Unplugged und und und.

Zumindest als Debattenbeitrag funktioniert der Schmöker unheimlich gut. Zudem wird mein Geschmacksempfinden sehr oft getroffen. Andererseits ist man auch irgendwie froh, dass die eigenen Lieblinge der 80er Pop-Szene nicht unter den Verdammten zu finden sind. Und ab und an ist Pop auch gut, weil er gut klingt, auch wenn er Vorgänger hatte. Aber sei’s drum:

Der Schmöker ist dank vieler guter, kurzer Beiträge, einer schönen Einleitung, obwohl man schon die besprochenen Alben selbst besser kennen sollte, um die Kritik zu verstehen, ein idealer Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Pirinçci, Akif — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­büren­er mal wieder in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijo­ma Man­golds Ver­riss von Akif Pir­inç­cis Deutsch­land von Sin­nen.

Pir­inç­ci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesenswerten Katzenkrimi geschrieben, der ein Best­seller wur­de. Danach ver­suchte er diese Romantier­form am Köcheln zu hal­ten, was lei­dlich gelang. Lesenswert ist das alles nicht. Nun hat er seine Homo­pho­bie oder sein homo­phobes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit sein­er Islam­o­pho­bie zwis­chen Buchdeck­el gepresst. Es ist das argu­men­ta­tives Armut­szeug­nis eines Hauptschu­la­b­sol­ven­ten, dem weit­ere Bil­dung nie ein Bedürfnis war, so dass er zu ein­er Auseinan­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Seine Argu­men­ta­tions­form begren­zt sich auf das Dif­famieren der als fun­da­men­tal­is­tis­ch gekennze­ich­neten Gegen­po­si­tion, was seine eigene, eben­so bloß daher­be­haupteten Posi­tio­nen als recht­ens erweisen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mud­da-Gen­er­a­tion und für den Rest ein Fall fürs Alt­pa­pier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lose Frech­heit, die indi­gene Bevölkerung als einen Haufen von reak­tionären, Nazis, ja, ver­hin­derten Mördern zu verunglimpfen, sobald sie mitbes­tim­men möchte, mit welcher Sorte von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­leben wün­scht und mit welcher nicht. (Akif Pir­inç­ci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Ver­sion)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schreiben, wenn man nicht ver­standen hat, was ein Rechtsstaat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von diesem aufgewiegel­ten Geschwätz anheizen und ver­gle­icht das Mach­w­erk allen Ern­stes, unnötiger Weise und völ­lig unüberzeu­gend mit Hitlers Mein Kampf:

Dieses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bra­mar­basieren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stand­slosen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­umphal­is­tis­chen Geste der Ent­larvung von medi­alen Lügenge­spin­sten, in sein­er Mis­chung aus Bru­tal­ität und Heulerei erin­nert das Buch – ich schwöre, ich habe noch nie einen Hitler-Ver­gle­ich gezo­gen in meinem Beruf­sleben – an Adolf Hitlers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hitler hat­te eine Agen­da, set­zte entsprechend um, was er in seinem Buch anspin­nte, so hölz­ern geschrieben es auch ist. Pir­inç­ci schreibt nicht hölz­ern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­ge­nar­tig. Man­gold heizt so den Shit­storm, den das eigentlich in Rede ste­hen­de Buch verkör­pert, nur weit­er an.

Ste­fan Willeke reagiert auf die Empörun­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Aufmüp­fige kon­tak­tiert. Darun­ter Her­rn H. aus Ibben­büren, der Man­golds Text wohl als “geisti­gen Dün­npfiff” charak­ter­isiert hat. In die Fäkalsprache hat­te allerd­ings auch Man­gold schon einges­timmt. Der angerufene Herr H. legt zunäch­st ein­fach auf, wird aber ein zweites Mal angerufen:

Dies­mal sagt er, bevor er auflegt: “Mich inter­essiert Ihre Zeit­geist-Pos­tille nicht.”

Schöne Rep­lik, allerd­ings nicht ganz so überzeu­gend, wenn man eigens Leser­brief-Mails an die Redak­tion schreibt.

Willeke selb­st ver­fängt sich im Shit­storm dann noch wie fol­gt:

Sind wir, die Jour­nal­is­ten der großen Zeitun­gen, unehrlich? Man muss über uns keine Stu­di­en anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stärk­er zum rot-grü­nen Milieu tendieren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus ein­er Hartz-IV-Fam­i­lie. Natür­lich leben wir viel zu oft in densel­ben bürg­er­lichen Stadt­teilen der­sel­ben Großstädte, in Berlin-Pren­zlauer Berg oder in Ham­burg-Eppen­dorf. Alt­bau, hohe Deck­en, Fis­chgrät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppen­dorf-Syn­drom. Aber nur, weil wir selb­st in ein­er Homogen­itäts­falle der urba­nen Mit­telschicht steck­en, wird nicht der Umkehrschluss zuläs­sig, Pir­inç­ci leis­te aufrichtige Basis­ar­beit. Viel unheil­voller ist es, wenn der Dem­a­goge Pir­inç­ci von sein­er Bon­ner Vil­la aus die Geräusche der Straße imi­tiert, um damit reich zu wer­den.

Ach Gottchen. Wer Pir­inç­ci Argu­men­ta­tion­s­muster nicht passend analysieren kann, ohne ihm der­art Dinge zu unter­stel­len, der argu­men­tiert für Leser nicht grundle­gend anders als Pir­inç­ci selb­st. Und wer bitteschön hat nach dieser selb­stver­liebten Jour­nal­is­ten­flanke gefragt?

Proimas, James — 12 things to do before you crash and burn *Klokeltüre (23)

Dieser Schmöker ist eigentlich ein Jugendbuch, aber wegen seines Witzes und der Kürze seiner Einzelepisoden durchaus auch für Erwachsene Broiler interessant: Hercs Vater ist gestorben. Un weil er auf der Beerdigung als einziger den Mumm hat, zu sagen, das sein Vater ein Arschloch war, wird Herc zur Strafe zu seinem Onkel geschickt, der ihm wie seinem Namensgeber für die Zeit seines Aufenthalts 12 Tag für Tag abzuarbeitende Aufgaben stellt:

  1. Such dir eine Aufgabe.
  2. Finde den besten Pizzaladen der Stadt.
  3. Räum die Garage auf.
  4. Miste die Ställe auf der Riverbend Farm aus.
  5. Setz dich unter einen Baum und lies ein kompettes Buch.
  6. Begib dich an einen Ort der Huldigung und des Gebets.
  7. Geh zu sieben Bewerbungsgesprächen.
  8. Verbring den Tag mit großen Gedanken, Schreib sie auf.
  9. Iss eine Mahlzeit mit einem Unebkannten.
  10. Mach etwas für mich.
  11. Trag auf der Mitternachtslyriklesung im Blake's Coffee Shop ein Gedicht vor.
  12. Beende deine Aufgabe.

Die Geschichten behalten dank guter Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn den mitunter schroffen Stil des Originals und erheitern durch wiederholte Aushebelung der Erwartungen des Lesers. Der aufheiternde Schmöker bekommt von fünf möglichen Klorollen:

Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

buchleserDieses Buch wartet mit diversen Anekdoten rund um Wikileaks, Wikileaks-Gründer Julian Assange und Folgebetrachtungen der Veröffentlichungen von Wikileaks auf, ufert nach der Hälfte des Buches aber in Überlegungen über den rechten Journalismus aus, die nicht zuende gedacht wirken. Also ein klassisches SPIEGEL-Produkt. Tiefere Einblicke in die Funktionsweise von Wikileaks gibt es nicht und auch ansonsten bleibt der Blick meist außen vor.

Sauer, Joscha — Nichtlustig * Klolektüre (10)

Joscha Sauers Nichtlustig besticht allein schon durch die Grafiken. Allerdings sind die Comics nicht immer sonderlich witzig, aber das ist sicherlich Geschmackssache. Manche Gags kommen öfters vor, manche versteht man kaum. Unterm Strich bleibt aber das Interesse herauszufinden, worum es auf der nächsten Seite geht, bestehen. Und das ist dann auch der bleibende Eindruck des Schmökers.

Der Schmöker ist mit seiner beeindruckenden Optik, trotz der oftmaligen Nichtlustigkeit ein gut unterhaltender Begleiter auf unserem Donnerbalken, er verleitet zum Kauf des nächsten Bandes, und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Scherpe, Mary — An jedem einzelnen Tag

buchleserMary Scherpe ist eine bekannte Modebloggerin. Und sie hat einen Stalker. Der schickt ihr tagtäglich irgendwelche Dinge, mischt sich in ihre Privatleben ein, kontaktiert Freunde, verfolgt sie. In diesem Buch schreibt sie nieder, was passiert ist. Wie sie versucht hat, ihn zu bremsen, ihn zu verstehen, ihm zu helfen. Wie sie scheiterte und wie es ihr zusetzte.

Die Stärke des Buches ist, dass Scherpe nicht in feministische Klischees abwandert, ihre eigene Rolle nicht merklich schönschreibt und sprachlich sehr gut formuliert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles widerfährt, aber auch irritiert, weswegen sie ihn vor Freunden ernsthaft als Affäre kaschiert oder versucht, sich seines Problems anzunehmen.

Das Buch ist nicht moralisierend, nicht objektiv, aber offen und schildert, wie Stalking heutzutage vonstattengeht. Und es ist ein Plädoyer dafür, sich zu wehren, wenn man angegangen wird.

Mary Scherpe, An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker, Bastei Lübbe, 14,99€ (gebundene Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

Schierach, Ferdinand von — Verbrechen * Klolektüre (06)

Zunächst habe ich die ZDF-Fernsehserie zum Buch Verbrechen: Stories gesehen. Die entnommenen Geschichten aus dem Buch wirken wie 1:1-Versionen der Verfilmungen. Was mich an beiden stört, ist die moralische Neutralität, die allen beschriebenen Verhalten beiwohnt. Im Buch gibt es noch eine interessante Geschichte um einen Museumswächter, der langsam, aber sicher durchdreht, die mir ganz gut gefällt, ansonsten muss niemand zum Buch greifen, der die Serie geschaut hat.

Der Schmöker wegen der Kürze der interessanten, wenn auch haltungslos beschriebenen Geschichten und dem guten Schreibstil ist passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Schill, Nadine — Hochzeitsplanung für Dummies

Einen ganz guten Überblick über diverse The­men ein­er Hochzeit, so wie man sie heutzu­tage ange­hen soll­te, bietet dieser Schmök­er der Dum­mies-Rei­he. Wobei die Ratschlagge­berei im Detail lei­der schon wieder etwas schwach aus­fällt:

Eine Band kostet in etwa das Drei- bis Vier­fache eines DJs. (…) Eine gute Band hat ein­fach ihren Preis. Hier muss man schon ein wenig den Namen mit­bezahlen. Aus ver­schiede­nen Grün­den ist ein DJ aber ohne­hin fast immer die bessere Wahl: Bands ver­fü­gen oft über kein so großes Reper­toire. Der DJ kann hinge­gen die Charts der let­zten 30 Jahre aus seinem Kof­fer zaubern. Zudem benötigt eine Band viel Platz und sie pro­duziert eine gewis­se Grund­laut­stärke.

Also da haben wir ger­ade eine gegen­teilige Erfahrung gemacht: DJs unter 1000€ – sofern man sie nicht schon ken­nt – sind kaum zu bekom­men, wenn man sicher gehen möchte, dass der- oder diejenige in der Lage ist, Hochzeit­en musikalis­ch im Griff zu haben. Eine Band liegt da nicht weit von ent­fer­nt, man muss auch ger­ade nicht den Namen mit­bezahlen, mein­er Mei­n­ung nach sind passende Bands mitun­ter preiswert.

Und was den Hochzeits­fo­tografen ange­ht:

Der Ama­teur (…) ist unschlag­bar gün­stig. Das wer­den Sie seinen Bildern jedoch auch stets anse­hen. (…) Schlechte Bilder jedoch wer­den Sie ein Leben lang begleit­en!

Das ist der Posten, den wir ger­ade auf Null geschraubt haben, eben weil wir pro­fes­sionelle Fotografen, die wir bis­lang erlebt haben, so gar nicht gut fan­den. Wir set­zen auf den Ama­teur, der Spaß daran hat, sicher nicht nur Fotos machen wird, aber auch, und der sehr wohl pro­fes­sionelle Fotos hin­bekommt.

Kurzum: Die Band­bre­ite der The­men lässt nichts fast nichts zu wün­schen übrig, allerd­ings hät­ten Tipps, wie man ohne Qual­itätsver­lust Einsparun­gen machen kann, dem Buch – das für sich abso­lut preiswert ist — gut getan. Das Buch ist im Umfang der aufgestell­ten Fra­gen und mit diversen unter­schiedlichen Mei­n­un­gen sehr empfehlenswert. Die Antworten – abge­se­hen vom rechtlichen Bere­ich — gibt man sich dann aber besser ein­fach selb­st.

Schneider, Helge — Arschfahl klebte der Mond am Fenster * Klolektüre (07)

 Bei einer Bekannten entdeckt: Arschfahl klebte der Mond am Fenster…: Die Kommissar Schneider Romane 1 - 4 in einem Band als Klolektüre. Die Kürze der einzelnen Kapitel spricht schon für diesen Schmöker als Klolektüre, er ist aber nur etwas für diejenigen, die gedanklich stark auf die verschachtelte Geschichte einsteigen. Für Gelegenheitsleser, und damit als Gästeklolektüre, eignet sich das gute Stück eher weniger. Man braucht schlicht etwas Zeit, um überhaupt einsteigen zu können, und die Geschichten selbst sind auch nicht jedermanns Geschmack.
Der Schmöker ist mit seinen mitunter witzigen, aber umständlichen beschriebenen Geschichten ein mäßiger Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Schröder, Atze — Und dann kam Ute * Klolektüre (03)

Atze Schröders erster Roman . Abgepackt in kurze Episoden erinnert der Schmöker etwas an Und dann kam Polly und hat gefühlt denselben Plot: Charismatische Sie bringt heldenhaften und vermögenden Ihn unter ihre Fittiche. Spannungsärmer wär’s wohl nicht gegangen. Manchmal taucht unser Emsdettener Komiker aus dieser selbstverliebten Labergeschichte auf und bringt Schmunzelbares wie

Als ich beim Pinkeln in den Spiegel schaute, sah ich so fertig aus wie Helmut Schmidt nach einer Elektrozigarette.

aber, das ist rar gesät, der Witz verbleibt im Metaphorischen und wird gerne mal wiederholt für alle, die es beim ersten Mal noch nicht verstanden haben. Oder sollen so Running Gags angeleiert werden?

Der Schmöker ist wegen guter Lesbarkeit, flottem Tempo und den paar Witzchen ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Simsek Semiya, Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

buchleser So langsam komme ich mal meiner Ableseliste hinterher: Dieses Buch beinhaltet Semiya Şimşeks Beschreibung des Lebens und der Ermordung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Folgen für ihre Familie und erbärmliche Rolle, die der deutsche Staat bei der Aufarbeitung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schreiben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jahre zurück, und der Prozess gegen das letzte Mitglied der für die dazugehörende Mordserie verantwortliche Gruppe, geht dem Ende entgegen. Und dennoch ist es erschreckend, wie viele wichtige Fragen hierzu offen sind und vielleicht bleiben.

Dieses Buch verschafft einen Einblick in die Situation, wie sie sich für beteiligte Familienangehörige, darstellt. Es verliert sich nicht in kitschigen oder anders sachfremden Beschreibungen, sondern fokussiert sich auf die Tat und ihre Nachwirkungen. Abgeschlossen wird es von einer juristischen Einschätzung der Angelegenheit durch die Anwälte von Semiya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen politischen Skandal es hier eigentlich geht. Das es bei der ganzen Sache noch keinen einzigen Rücktritt eines zuständigen Beamten gegeben hat, ist nicht minder verwunderlich, eher aussagekräftig.

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit und dafür, in der Katastrophe Stärke zeigen zu können.

Süddeutsche Zeitung — Der große Jahresrückblick 2013 * Klolektüre (12)

Zum Jahresübergang habe ich mal diesen Schmöker angeschafft, auf dass einem nicht langweilig wird zwischen den Jahren. Wurde es aber eh nicht. Wenn ich es richtig sehe, ist dieser Jahresrückblick der zweite seiner Art seitens der Süddeutschen Zeitung. Er beinhaltet, so weit ich sehe, alle nennenswerten Ereignisse des angelaufenen Jahres bis Anfang Dezember 2013. Eine aktuelle Ausgabe findet sich als “Digital Zugang”, der eine App-Version online für Nutzer von Apple- oder Android-Geräten ist. Ich als Firefox-Nutzer schaue also in die Röhre.

Thematisch sind die Artikel von Johannes Boie über den NSA-Skandal und von Hans Leyendecker über Uli Hoeneß interessant, der Rest, so weit ich ihn gelesen oder überflogen habe, verliert sich in Beschreibungen - so auch Joschka Fischer über den Untergang der FDP. Die Beschreibungen der meisten Artikel kommen einem schon sehr geläufig vor. Es fehlen ein wenig gute Analysen und frischer Wind für Leute, denen eine Zeitung nicht Medium Nr. 1 ist und die sich online auskennen.

Restlos enttäuscht die optisch und inhaltlich zusammengewürfelt wirkende Rubrik Die besten CDs, Bücher, Filme und Apps des Jahres auf lediglich zwei grafisch breit ausgelegten Seiten. Before midnight ist ein Film des Jahres? EyeEm eine App des Jahres? Das Ungeheuer von Terézia Mora und F von Kehlmann sind Bücher des Jahres?

Der Schmöker ist trotz dank einiger guter Beiträge neben viel Überfliegbarem ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Sünder, Thomas: Wer Ja sagt, darf auch Tante Käthe ausladen

Wer zu heiraten beab­sichtigt, darf auch mal ein Buch zur Hand nehmen, wie eine Hochzeits­feier denn ablaufen soll. Und da griff ich zu diesem Schmök­er von Thomas Sün­der, einem Ham­burg­er DJ

Der Autor beschreibt ganz tre­f­fend, dass man sich klar­ma­chen soll­te, dass es sich bei dieser Feier wohl um die teuer­ste Ver­anstal­tung han­deln wird, die man pri­vat in seinem Leben aus­richt­en wird. Und zur Unter­mauerung, dass man es sich allein aus diesem Grun­de bei den diversen Einze­lentschei­dun­gen nicht zu leicht machen soll, fügt er diverse unter­hal­tende Beispiele an.

Diese Beispiele wirken zwar auf den ersten Blick etwas weit weg, weil nicht jed­er Vor­fall so bei einem selb­st ein­treten wird, aber dafür treten andere ein, die die Heiratswilli­gen vor ver­gle­ich­bare Prob­le­me stel­len.

Als DJ ist er bei der Frage nach der Musik auf ein­er Hochzeit natür­lich ganz in seinem Metier: Man soll­te ger­ade auf die Musik­dar­bi­etung acht­en, da sie einen ganz großen Teil der Hochzeit aus­macht. Sün­der spricht in der Fol­ge von über­teuerten und zu bil­li­gen DJs, von typ­is­chen Anmach­sprüchen an DJs und von untauglichen Bewer­bungssprüchen der Musikan­ten.

Uns hat die Lek­türe nach Durch­schauen des Inter­net und Infor­ma­tio­nen über das Kön­nen lokaler DJs dazu bewogen, eine Band zu engagieren. So unge­fähr funk­tion­iert der Schmök­er und insofern ist er nüt­zlich.

Vegas, Rob — Ich, Harald Schmidt

buchleserSchlicht verhoben hat sich Rob Vegas mit dieser Pseudo-Biographie des ehemaligen Late-Night-Talkers Harald Schmidt. Dem inspirationslosen Anekdotenmix aus Interviews und eigenen Ideen fehlt genau der Esprit, die Giftigkeit, die Misanthropie, die Harald Schmidt einst ausmachten. Es hätte mehr Mut gebraucht, dem Altmeister nahe zu kommen. Stattdessen plaudert sich Vegas in banaler, dem Subjekt des Buches gar nicht entsprechender Sprache durchs Buch und lässt Schmidts Achillesverse, seine intellektuelle Eitelkeit, komplett aus. Es ist eine Comedy, die angelacht werden muss, und in Buchform gänzlich versagt.

Veiel, Andres — Black Box BRD

Dieses Buch ist auch schon wieder alt, aber nicht mal anges­taubt, wie mir scheint. In bezug auf die Ermor­dung Alfred Her­rhausens ist man in den let­zten Jahren kein Stück weit­er gekom­men. In diesem Buch wird erzäh­lerisch das Leben Her­rhausens und das von Wolf­gang Grams, die bei­de im Strudel R.A.F.-Terrors ihr Leben ver­loren. Das Buch ver­glichen mit dem Film ist span­nen­der, dichter, der Film dage­gen mit den Stim­men der Beteiligten und Betrof­fe­nen anschaulicher.

von der Lippe, Jürgen — Beim Dehnen singe ich Balladen * Klolektüre (22)

Jürgen von der Lippes Schmöker haben nicht selten die Eigenschaft, dass sie in der eigenen Wiedergabe nicht so lustig sind, als wenn der Autor selbst sein Werk wiedergibt. Dahingehend scheint auch der etwas bräsige Titel dieses Schinkens zu verweisen. Allerdings sollte man sich in diesem Fall nicht täuschen lassen: Der Entertainer unterhält den geneigten Leser durchaus gut mit absurder Situationskomik - wenn auch die Geschichtsenden, von denen er anfangs schreibt, dass sie gut sein müssen, reihnenweise enttäuschen.

Auch wenn die Geschichten in vorgetragener Form erst ihren eigentlichen Reiz entfalten - das Hörbuch mit Carolin Kebekus und Jochen Malmsheimer sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen-, gibt es für diesen gelungenen, kurzweiigen Schmöker von fünf möglichen Klorollen:

Weihnachtsbuchgeschenktipps

Wer kurz vor Wei­h­nacht­en noch ein Geschenk braucht, nicht irgend­was schenken will und Büch­ern nicht abgeneigt ist, dem sei fol­gen­des emp­fohlen:

Lit­er­atur / Thriller
Meine Tan­te beschw­ert sich mal, dass sie seit­dem sie 80 ist nur noch Bücher übers Älter­w­er­den und den Tod bekäme. Deswe­gen bekommt sie nun Fumi­nori Naka­mu­ra — Der Dieb. Eine span­nen­de Geschichte aus dem All­t­agsleben eines Taschendiebes in Tokio, den seine Ver­gan­gen­heit ein­holt.

Lit­er­atur / Liebesgeschichte
Thomas Mey­er — Wolken­bruchs wun­der­liche Reise in die Arme ein­er Schick­se. War in der Schweiz ein Best­seller und beschreibt witzig das jüdis­che All­t­agsleben in der Schweiz.

Lit­er­atur / Fam­i­liengeschichte
Ali­na Bron­sky — Baba Dun­jas let­zte Liebe. Baba Dun­ja schreibt Briefe an ihre Tochter Iri­na, die Chirurgin bei der deutschen Bun­deswehr ist, über das Leben in ihrem rus­sis­chen Dorf: Wasser gibt es aus dem Brun­nen, Elek­triz­ität an guten Tagen und Gemüse aus dem eige­nen Garten. Doch dann kommt ein Fremder ins Dorf und bedro­ht die Dor­fge­mein­schaft.

Kinder­buch ab 4 Jahren
Alice Melv­in — Emma kauft ein. Sehr schön bebilderte Kurzgeschichte.

Kinder­buch
Oren Lavie — Der Bär, der nicht da war. “Da ist er, der Bär, der ger­ade noch nicht da war, und zieht aus sein­er Tasche einen Zettel, auf dem ste­ht: »Bist du ich?« Gute Frage, denkt er sich, find­en wir es her­aus! Sofort macht er sich auf und wan­dert in den wun­der­samen Wald.” Ein­fall­sre­iche Geschichte mit wun­der­voller Bebilderung — auch für Erwach­sene.

Englis­cher Schmök­er
Ein mys­ter­iöser Mann gibt Zwill­in­gen einen Con­troller, der aber nicht für ihre bish­eri­gen Videospiele geeignet ist. Als sie ver­ste­hen, was man über ihn bee­in­flusst, wäh­nen sie sich im Land ihrer Träume. David Bad­diel — The Per­son Con­troller.

Nieder­ländis­che Biogra­phie
Isa Hoes — Toen ik je zag. Die Lebens­ge­fährt­in von Antonie Kamer­ling alias Hero beschreibt ihr Leben im Medien­zirkus der 90er Jahre und die Krankheit von Kamer­ling, die in ein­er Tragödie ende­te.

Klolek­türe
Es ist wahrschein­licher, irgen­deine Tele­fon­num­mer anzu­rufen, “Gesund­heit” zu sagen und der­jenige, der den Hör­er abgenom­men hat, hat ger­ade tat­säch­lich genießt, als einen 6er im Lot­to zu kriegen. Diese und mehr merk­würdi­ge Weisheit­en find­en sich in: Ran­dall Munroe — What if?

Für Rei­sein­ter­essierte / klein­er Preis
Einen unge­mein unter­halt­samen Kennnlern­schmöker hat Mile­na Moser da geschrieben. Die gebür­tige Zürcher­in beschreibt ihre Geburtsstadt Zürich anek­doten­re­ich und ohne Aus­las­sung der Mack­en ihrer Ein­wohner oder den Nachteilen der Stadt. Abgerun­det wird Gebrauch­san­weisung für Zürich mit Krim­i­le­setipps und Heimatliebe­bekun­dun­gen einge­sessener Zürcher. Unter­halt­sam, selb­st wen man nicht in näch­ster Zeit nach Zürich reisen möchte.

Für Rei­sein­ter­essierte / gehoben­er Preis
Judtih Scha­lan­sky — Atlas der abgele­ge­nen Inseln: Fün­fzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde. Großar­tiger Schmök­er mit beein­druck­enden Grafiken der Autor­in, in dem genau das ist, was der Titel ver­spricht.

Geschichte
Mar­t­in Kitchen — Speer: Hilter’s Architekt. Es ist so beein­druck­end wie merk­würdig, dass es nach der Biogra­phie von Joachim C. Fest, dessen Ansicht­en getrübt sind, noch keine bessere Biogra­phie zu Albert Speer gegeben hat. Bis zu dieser.

Kochen
Roland Tret­tl — Serviert – Die Wahrheit über die besten Köche der Welt. Kurzweilige Abrech­nung des Starkochs mit den besten Köchen sein­er Zun­ft, das am besten ist, wenn er ein paar der besten Rezepte dieser Meis­ter ver­rät.

Hör­buch
Pastewka & Kom­plizen — Paul Tem­ple und der Fall Gre­go­ry. Bas­tian Pastewka klamüsert sich einen fast ver­loren gegan­genen Fall von Fran­cis Dur­bridge zusam­men und ver­set­zt ihn mit etwas Humor. Sehr lustig.

[ Die Links zu den Büch­ern sind Wer­be­links. ]

Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Malte Welding, Versiebt, verkackt, verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End, 204 Seiten, Piper Taschenbuch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flieger startet morgen früh nach Berlin. Wir kommen zum Frühstück an, das ist wichtig. Dann arbeitet der gemeine Berliner und die Touristen sind noch nicht ausgeschwärmt. Aber es ist echt früh, der Flieger geht um Sechsuhrirgendwas. Ich beende den Tag vorm Laptop am Schreibtisch, da kommt mir Malte Weldings neues Buch zu. Das letzte war nicht ganz mein Fall. Aber vielleicht das. Vielleicht sollte man es in Berlin lesen. Vielleicht hilft das. Abgemacht. Weldinglesen in Berlin. Der Authentizität wegen. (Vielleicht meint nun der andere oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eigenes Empfinden und das Besprechen eines Buches zu vermischen. Wer das auseinanderhalten möchte, lese im Folgenden einfach nur den eingerückten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor verlieren: Malte Welding ist Kolumnist der Berliner Zeitung und in Internetkreisen als Blogger bekannt geworden. Er hat schöne Artikel zu Spreeblick beigetragen, solche die man jetzt dem Blog wieder wünscht. Daneben hat er für die Blogs Fooligan, Neue Bodenständigkeit und Deus ex machina geschrieben. 2010 erschien sein erstes Buch Frauen und Männer passen nicht zusammen - auch nicht in der Mitte.

Der Flieger erhebt sich am folgenden Tag pünktlich um 6.40 Uhr in die Lüfte. Die Stewardessen setzen zu ihrer Morgengymnastik an und ich schlage die ersten Seiten auf.

Das Buch handelt von den drei Brüdern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekanntschaft Welding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Berlin verzieht. Allesamt stecken sie in Beziehungen, die ins Stocken geraten. Welding scheint sie privat zu kennen. Wird das jetzt eine Freundesanalyse? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fiktiv? Alles bleibt etwas dunkel für den Leser, der ins kalte Wasser geworfen wird. Warum sind die Geschichten der vier so interessant? Ich fühle mich an Marcel Reich-Ranicki erinnert, der mal meinte, er wolle nur noch Problemschilderungen von Intellektuellen lesen. Ich kann das gut verstehen, auch wenn ich selber einfache Literatur zu schätzen weiß. Es muss nicht immer Kaviar sein. Aber weil ich eben Liebesproblematisierungen in der Popkultur von David Baddiel bis Verrückt nach dir inhaltlich durchwaten habe, fragt sich doch: Was bietet dieses Buch neues? Außer dass es ein Friends aus Berlin zu sein scheint? Der Blick in Beziehungen "nach dem Happy End"? Vielleicht ist das Buch eher für Leute, die nur Liebesfilme kennen.

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, bemerke ich, dass in Berlin ja noch Winter ist. Mindestens 7 Grad weniger als in Düsseldorf. Es herrscht interkontinentales Klima, wie ich mich aus dem Sachunterricht zu erinnern glaube. Der war aber auch vor der Wende. Ich habe Durst und ziehe mir was am Automaten. Meine Freundin fängt lauthals an zu lachen, als sie die Büchse sieht und berlinert:

Ditt kennwa im Westen ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn verspätet sich, ich krame meine Lektüre raus:

Welding stellt jedem Kapitel Zitate voran. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zitate sind nicht sonderlich vomhockerhauend, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich überlese sie konsequent. Die drei Brüder stecken in Beziehungen: Roman hat Mia geheiratet, Mia trennt sich gerade von Paul und Ben ist mit Juila Mia zusammen. Was sind das nun also für Leute?

Wir checken bei meinem Freund am Ostkreuz ein und lernen Maren kennen, die auch dort wohnt. Sie hat Medizin studiert, aber nicht zu ende, ist Mitte 30 und sattelt nun zur Immobilienmaklerin um. Die letzte Prüfung hat sie in Berlin verpasst, kann sie aber, was sie heute erfahren hat, in Rostock ablegen. Und hinterher vielleicht noch etwas studieren - was man in Berlin eben so macht. Über die Brücke am Ostkreuz verschlägt es uns in das Datscha. Es gibt schweres russisches Frühstück...

... und Zeit zum lesen:

Zunächst lernen wir Roman und Paul kennen, nachdem Greta Paul, der sich gerade auf einem LSD-Trip befindet, den Laufpass gegeben hat. Von Roman und Greta erfahren wir, dass beide ein Kind bekommen wollen, aber etwas kontraproduktiverweise das mit dem Sex gerade so gar nicht läuft. Von Ben wissen wir, dass er Architektur studiert oder studiert hat und Paul ist ehrgeizloser Rechtsanwalt. Die Berufe spielen aber im Folgenden keine sonderliche Rolle. Mia hängt an Roman, vielleicht etwas leidenschaftlicher als umgekehrt, Greta scheint eine gutaussehende, willensstarke Frau zu sein. Generell bleibt es aber bei Typisierungen der Charaktere, ein eigenes Bild will sich kaum einstellen. Die Kerle kommen mir vor wie phantasielose, unlustige Tunichtguts. Wenig inspirierend - weder zum Interesse an den Charakteren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nachmittags so durch den Osten schlendern, fallen mir die traditionellen Berlinerisms auf. In der Straßenbahn hat gefühlt jeder Zweite eine Bierflasche dabei, im Osten flanieren Hundeköttel die Gehwege, es herrscht distanzierte Humorlosigkeit, hektisches Gehen, Gedrängel, und man sieht, was Frauen in Berlin für Mode halten: Knallenge Leggins zu dunkelwattierten Rettungswesten. Oder wie meine Freundin sich ausdrückt:

Hier laufen selbst die ganz hübschen Mädchen auf hässlich getrimmt rum.

Als irgendwo waschechte Düsseldorferin zieht es sie in eine der 111 Sehenswürdigkeiten des Sehenswürdigkeitenbuches, das in Berlin die Touristen erkennbar macht: Das ganzjährige Verkleidungsgeschäft.

Während sie den Laden auseinandernimmt und sich schließlich für eine überdimensionierte Geburtstagsbrille, sowie 30er Absperrband und Warnschilder für ihren Geburtstag entscheidet, lese ich...

... einen Witz. Tatsächlich. Ich lache auf Seite 130. So, dass einige mich schon komisch anschauen. Öffentliches, spontanes Lachen in Berlin ist so eine Sache. Ich werde aber quasi mit dieser Stelle etwas wärmer mit dem Buch. Ich denke nicht mehr ans Weglegen. Immerhin so gut muss die Lektüre sein. Man kann sie weiterlesen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man sich, vielleicht wie in einem Roman, mit irgendeiner Figur derart anfreundet, dass man mitfiebert. Pustekuchen. Dafür gibt es Namedropping: Dawkins, Pinker und die Internetaussteckanekdote von Franzen. Jaja.

Am nächsten Morgen hole ich Brötchen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt "ENDLICH! Sauf Verbot in der BVG". Kritik wird hier ja schnell umgesetzt, denke ich. Ubringens: Die schmierigen Graffiti sind auch scheiße! Ich gelange zur Brötchentheke, an der ich mich nicht entsinnen kann, wie Berliner noch mal in Berlin heißen, lerne dagegen: "Good Cookies go to heaven, bad cookies go to..."

Als ich mit den Frühstückssachen wieder in die Wohnung komme, erzählt Maren, dass sie nun eine Wohnung in Rostock hat. Dafür die Prüfung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Einbahnstraße. Zum Mittagessen zieht es meine Freundin und mich wieder in den Osten. Hinter den Hackeschen Höfen ist Sushi angesagt. Das Sushi kann es mit den Düsseldorfern aufnehmen. Da ich weniger Teller verputze als meine Begleitung...

... und mir die dortigen Kleidungsfachgeschäfte nicht so zusagen wie meiner Freundin, blättere ich etwas.

Die handelnden Personen im Buch lassen sich offenbar immer von irgendwelchen Gefühlen treiben. Man erfährt eigentlich zu wenig über wirkliche Gründe. Alles bleibt Spekulation, alle Veränderung wirkt wie Einbahnstraße. Das Buch verleitet, selbst über Pärchen nachzudenken. Ich habe nach meiner Abizeit selbst gerne Pärchen analysiert, nach Zielen gefragt, über das Wohlbefinden der einzelnen Partner nachgedacht. Einmal habe ich das einem Bekannten vorgelegt, worauf dieser meinte: "Japp, das klingt alles schlüssig. Und ich glaube auch nicht, dass Beziehungen immer sonderlich glücklich sind unterm Strich. Aber vielleicht sind die damit zufrieden." Da habe ich mich angefangen, mich in Zurückhaltung zu üben, was andere Pärchen angeht.

Als wir den Rückweg antreten - Rotfront tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form dreier Personen Mia. entgegen. Sagt zumindest meine Freundin. Ich habe nur Augen für die schulterbepolsterten Lilaanzüge, die mir einen Tick zu metrosexuell vorkommen. Die blonde Begleitung ist zu klein, um mir aufzufallen. Kann sein, dass das Mietze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rückweg kommen wir am St. Oberholz vorbei, uns verschlägt es aber in Unser Haus am Meer. Meine Freundin klagt seit 2 Tagen über Seitenstechen. Blinddarm, eventuell. Kann sein, meinte Maren. Ich lasse mir das Wlan-Passwort geben und google die 5 typischen Kennzeichen einer Blinddarmentzündung. Ihre Wehwehchen qualifizieren nicht für was mit Blinddarm.

"Wanderschmerz", lese ich vor. "Ja, jetzt, wo du's sagst: im Rücken zieht was!" - "Nee, das soll heißen, der Schmerz wandert zum Blinddarm hin, nicht quer durch den Körper." - "Ach, so."

Ihr geht es schlagartig besser. Und während sie herauszufinden versucht, wer die überbotoxte Frau im roten Kleid auf der anderen Seite ist, und ob sie ihren Begleiter aus dem Fernsehen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gelesen und verhandelt. Das Ende wird nicht verraten. Wir erfahren mehr über Bens Dreiererfahrung, Jimos Familienplanung und die Eltern der drei Brüder. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem potentiellen Leser? Vielleicht das, was man einem zu Berlin auch empfehlen würde: Man sollte es selbst erkunden. Ich halte mich nicht für sonderlich repräsentativ, um dieses Buch geschmacklich genau einzuordnen. Dazu hat man, gerade was Liebe als Thema angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob dieses Buch was für Sie ist, mein geneigter Leser, müssen sie selbst herauskriegen. Vielleicht haben Sie durch die vorangegangen Zeilen etwas Appetit bekommen.

Wischmeyer, Dietmar und Oliver Welke — Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk * Klolektüre (04)

… Deutsche Helden privat , geschrieben teils von Oliver Welke, teils von Dietmar Wischmeyer, und daher teils langweilend uninspiriert und teils unterhaltsam bis höchstamüsant.

Wischmeyer hat diese Portraitform in der ARD mal vorgeführt, ungefähr so funktionieren die guten Portraits, wenn sich auch die Stilmittel ab und an wiederholen und somit dem Leser bekannt vorkommen.

Andererseits versteht es Wischmeyer, Prominente an ihrer Achillesverse, der Eitelkeit, zu treffen und sein Publikum mit einem einzigen Satz in schallendes Gelächter zu versetzen. Wie hier bei Gerhard Schröder:

Wenn Schröder morgens das Bad verlässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spiegel noch minutenlang verharrt, ehe es erlischt.

Den meisten Spaß mit dem Schmöker hat man, wenn man sich eingelesen hat und die Beiträge von Welke erkennen und überspringen kann. So ist das Buch wegen halbwegs witzigem Inhalt ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich bei einer Wertung des einen Autors mit zwei und des anderen Autors mit vier von fünf möglichen Klorollen:

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