Übersicht besprochener Bücher

Bode, Thi­lo — Die Essens­fäl­scher
Dobel­li, Rolf- Die Kunst des kla­ren Den­kens
Emcke, Caro­lin — Gegen den Hass
Grö­ner, Anke — Nudel­di­cke Deern
Haeus­ler, Tan­ja & John­ny – Netz­ge­mü­se
Han­sen, Eric T. — Nör­geln !
Hes­sel, Sté­pha­ne — Empört euch!
Jens Bis­ky über Miri­am Meckels Bur­nout
Natur­ern­te — Samen­ba­sier­te Rezep­te
Pirinçci, Akif — Deutsch­land von Sin­nen: Shit­s­torm in Buch­form
Rosen­bach, Mar­cel & Hol­ger Stark — Staats­feind Wiki­leaks
Scher­pe, Mary — An jedem ein­zel­nen Tag
Sün­der, Tho­mas: Wer Ja sagt, darf auch Tan­te Käthe aus­la­den
Weih­nachts­buch­ge­schenk­tipps
Wel­ding, Mal­te — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Lie­bes­le­ben der ande­ren

Bode, Thilo — Die Essensfälscher

buchleser

Es gab vor ein paar Jah­ren ja ein Buch, dass “End­lich Nicht­rau­cher” oder so hieß. damals habe ich von vie­len gehört, dass dies für sie ein Ende mach­te mit allen Selbst­täu­schun­gen über ihr Rauch­ver­hal­ten. Ähn­lich könn­te es Lesern bei der Lek­tü­re von Die Essens­fäl­scher. Was Lebens­mit­tel­kon­zer­ne uns auf die Tel­ler lügen von Thi­lo Bode, der­zeit auch in der Sach­buch­best­sel­ler­lis­te zu fin­den, gehen.
Bode ver­deut­licht, wie oft­mals ver­steckt zucker­hal­tig Vie­les im Super­markt ist, dass nicht Bewe­gung, son­dern Ernäh­rung das Pro­blem des all­ge­mein anstei­gen­den Über­ge­wichts ist, und wie faden­schei­nig Ver­brau­cher­po­li­tik und wie not­wen­dig ver­ständ­li­che Pro­dukt­in­for­ma­ti­on ist.

Das geht in die­sem Buch vor allem auf die Kap­pe der CDU. Für Bode ist das Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­ri­um von Ilse Aigner schlicht ein Lob­by­mi­nis­te­ri­um:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die For­de­rung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie sol­le sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, kei­ne Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum soll­te massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staat­li­che Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weni­ger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine ent­spre­chen­de Selb­stverpflich­tung abge­ben? Die For­de­rung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Bei­spiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die end­lich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müss­ten.

Aber auch Julia Klöck­ner, die gera­de ver­sucht, in Rheinland-Pfalz Minis­ter­prä­si­den­tin zu wer­den, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staats­se­kre­tä­rin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernäh­rung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »kei­ne wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »kei­nen Nut­zen« brin­ge. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tau­sen­den von Wis­senschaftlern und Ärz­ten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist sol­che Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch des­sen Wän­de nicht mehr dringt, was »drau­ßen« pas­siert.

Zwar ist Bode manch­mal etwas schwat­zend und wie­der­holt sich des öfte­ren. Aber die­ses Buch muss man der­zeit ein­fach gele­sen haben.

Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buches schon ver­korkst im Titel vor: Kla­res Den­ken ist kei­ne Kunst. Es ist eine Metho­de, nichts um ande­re vor­ran­gig zu beein­dru­cken. Aller­dings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in die­sem Buch gar nicht ver­steht.

Das Buch ent­hält Feuilleton-Artikel, in denen Anek­do­ten ver­bra­ten wer­den, in denen eine auf Vor­ur­tei­len basie­ren­de Pro­blem­lö­sung dar­ge­stellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hier­ge­gen. Das Buch soll nicht auf­klä­ren, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit kla­rem Den­ken schon wie­der nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahr­schein­li­che Ereig­nis­se” inter­pre­tiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigent­lich klas­sisch betrach­tet eine Wir­kung in der Welt ohne kau­sa­le Ursa­che. Eine Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hän­gig vom Ver­käu­fer abwi­ckeln. Wenn Sie jetzt nach­fra­gen: Wie­so immer? — das Buch gibt auf sol­che auf der Hand lie­gen­den Fra­gen kei­ne Ant­wort. Der Autor behaup­tet ein­fach nur rum. Kla­res Den­ken sieht anders aus.

Iro­nie der Geschich­te: Einem Bekann­ten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wir­ken­den Wid­mung, das Buch sei auf Grund sei­ner Erst­plat­zie­rung in der Spiegel-Bestseller-Liste aus­ge­wählt wor­den. Viel­leicht hät­te man sich doch erst mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sol­len.

Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dach­te erst, man müss­te die Auto­rin even­tu­ell gegen ihre Kri­ti­ker in Schutz neh­men, aber all­zu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktu­el­len Buch mit den auf­kei­men­den und gedie­he­nen natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen in Deutsch­land und dar­über hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möch­te für die Ver­tei­di­gung von Min­der­hei­ten im Lich­te des Popu­lis­mus die­ser Zeit. Sie bril­liert an den Stel­len, an denen sie Posi­tio­nen als dis­kri­mi­nie­rend und pole­mi­sie­rend demas­kiert, indem sie die Posi­ti­on unauf­ge­regt ent­schlüs­selt. Weni­ger über­zeu­gend ist Emcke aller­dings in ihrer Ein­ord­nung von Posi­tio­nen in einen his­to­ri­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Kon­text. So bestimmt sie die “Par­tei­lich­keit der Ver­stan­des­waa­ge” aus einer Text­stel­le aus Kants “Träu­me eines Geis­ter­se­hers”, d.i. ein Text vor des­sen so genann­ter kri­ti­schen Pha­se, als “Vor­ein­ge­nom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betref­fen­den Stel­le im Kan­ti­schen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig über­zeu­gend wie beein­dru­ckend. Und auch wenn ande­re Stel­len in ihrer gewoll­ten Beleh­rung eher ner­ven als ein­neh­men, ist das Buch wegen der Ana­ly­se­fäh­rig­keit der Auto­rin emp­feh­lens­wert.

Gröner, Anke — Nudeldicke Deern

buchleserAnke Grö­ner hat sich als Blog­ge­rin sicher­lich ver­dient gemacht: So sym­pa­thisch wie sie schreibt, steht sie ein für kla­re, unauf­ge­reg­te Spra­che, Offen­heit für die Genuss­sei­te des Lebens, für Lesen, für Bestän­dig­keit. Sie zählt auch zu den weni­gen deut­schen Blog­ge­rin­nen, denen gro­ße Ach­tung inner­halb der Blog­go­sphä­re zukommt.

Nur: War­um hat nie­mand ver­sucht zu ver­hin­dern, dass sie so ein Buch schreibt?

Das Buch ist ein Ich-bin-okay-du-bist-okay-Durchhalteparolen-Lebensratgeber (Und das mit dem Ich bin okay, du bist okay kommt im Buch tat­säch­lich vor). Es ist nicht so ver­lo­gen wie die fröh­li­che Mop­pel­li­te­ra­tur, denn da ist die prä­sen­tie­ren­de Auto­rin ja immer um eini­ges mop­pe­li­ger als auf dem Buch­um­schlag, aber es ist lei­der auch ver­lo­gen: Es geht im Buch um die Auf­ga­be von Abnehm­vor­ha­ben zur ver­meint­li­chen Ret­tung der eige­ne Psy­che, nicht um’s Abneh­men oder Dick­sein. Ich hal­te es für pro­ble­ma­tisch, sich für die­se Auf­ga­be Applaus zu holen.

Natür­lich darf und soll­te jeder sei­nen eige­nen psy­cho­lo­gi­schen Haus­halt so arran­gie­ren, dass man gefeit ist gegen Angrif­fe von außen. Das zählt für Dicke so wie für Dün­ne. Ich weiß auch nicht, wer das ange­zwei­felt haben soll­te. Wer aber zu viel wiegt und wem das Zuviel auf die Psy­che schlägt, der soll­te abneh­men, wenn er das Pro­blem lösen will. Das bedeu­tet auch, dass man gegen den eige­nen inne­ren Schwei­ne­hund ankämpft. Wer nun meint, die­ser Kampf sei schon gewon­nen, weil man nach einer Diät weni­ger wiegt, täuscht sich ein­fach.

Anke Grö­ner schreibt nun in ihrem Buch, man kön­ne die­sen Kampf auf­ge­ben, solan­ge nur die eige­ne Psy­che okay ist. Mit ande­ren Wor­ten: Ver­drän­gung. Kann man. Muss man aber nicht. Gera­de wenn die Kör­per­fül­le am eige­nen Selbst­be­wusst­sein nagt, ist ein gelun­ge­ner Abnehm­ver­such ja ein Erfolg. Der Schlüs­sel lau­tet nicht, wie das Buch weis machen will: Free your mind, and your fat ass will fol­low im Sin­ne von: Ent­las­te dei­ne Psy­che, son­dern Free your mind, and the rest will fol­low im Sin­ne von: Regel dein Ver­hal­ten nach nicht bloß momen­ta­nen Gesichts­punk­ten (wor­un­ter auch eine Kan­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Wor­tes frei fal­len könn­te).

Wer ver­drängt, ver­drängt mit dem Pro­blem eben auch die Pro­blem­lö­sung. Das ist die unan­ge­neh­me Wahr­heit, die man im Buch nicht zu lesen bekommt.

Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weih­nach­ten steht vor der Tür und vie­ler­orts wer­den nun die Buch­lä­den durch­stö­bert, um inter­es­san­te lite­ra­ri­sche Sachen aus­fin­dig zu machen. Ich habe mir mal Netz­ge­mü­se von Tan­ja und John­ny Haeus­ler, der auch unter spreeblick.de bloggt, ange­schaut. In die­sem Fall ist es viel­leicht hilf­reich, die bei­den erst selbst zu Wort kom­men zu las­sen:

Jetzt kann man zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es hier eine dicke Markt­lü­cke gibt. Das Inter­net ist in vie­len Facet­ten nicht leicht zu ver­ste­hen. Das macht beson­ders dann Pro­ble­me, wenn Eltern dar­über nach­den­ken, wie sie ihre Kin­der im Inter­net beglei­ten. Und das tut Not, denn im Inter­net lau­ern recht­li­che und per­sön­li­che Gefah­ren. Ande­rer­seits bewe­gen sich Inter­net­nut­zer ziem­lich frei und unge­bun­den durch das Netz. Wor­auf sol­len sich Eltern daher ein­stel­len?

Das ist in etwa die Fra­ge, der das Ehe­paar Haeus­ler nach­geht. Sicher­lich ist das Buch so geschrie­ben und wird so prä­sen­tiert, dass es sich irgend­wie ren­tiert. Inso­fern ist die­ser Ein­trag auch schon wie­der eine Form von Wer­bung. Aber ande­rer­seits bin ich davon über­zeugt, dass das Buch die Auf­ga­be, Eltern für ihre Auf­ga­be, Kin­der im Umgang mit dem Inter­net ver­ant­wor­tungs­voll zu beglei­ten, gut erfüllt.

Jetzt könn­te ich auch am Buch rum­mo­sern über man­chen gram­ma­tisch nicht ganz so per­fek­ten Satz­bau, ver­kürz­te und somit falsch wir­ken­de Dar­stel­lun­gen oder den Begriff Netz­ge­mü­se, der mich das gan­ze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber dar­auf gerich­tet ist, her­aus­zu­fin­den, ob die­ses Buch Eltern eine Hil­fe sein kann, schie­be ich das mal ganz bei­sei­te.

Und wenn das erst­mal bei­sei­te gescho­ben ist fällt zunächst die gro­ße Band­brei­te auf, die das Buch umfasst: Es han­delt den Umgang mit Com­pu­ter­spie­len, ille­ga­le Down­loads, Inter­net­diens­ten, Blogs, Mob­bing, Pseud­ony­men, sozia­len Kom­pe­ten­zen, Taschen­geld, Smart­pho­nes und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefun­den, was ich ver­mis­se. Alle The­men wer­den zwar nur ange­ris­sen und Bei­spie­le und Lösungs­an­sät­ze von wirk­lich schwie­ri­gen Pro­ble­men kom­men nicht vor. Das ist aber für ein Eisn­tiegs­buch in die Mate­rie nicht wei­ter schlimm. Die Fra­ge wäre eh, ob man ein sol­ches Buch nicht über­frach­te­te, wenn man zu vie­le Lösun­gen anbie­ten woll­te.

Was ich sehr über­zeu­gend fin­de, ist, dass die Auto­ren heik­le The­men wie Por­no­gra­fie im Inter­net, die von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den kann, nicht umschif­fen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Sei­ten um rich­tig in Schwung zu kom­men, trifft aber dann den rich­ti­gen Ton. Wer also Eltern kennt oder sel­ber erze­hungs­be­rech­tigt ist, dem lege ich die­ses Buch wärms­tens ans Herz.

Hansen, Eric T. — Nörgeln !

buchleser

Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nör­gelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohl­ha­bend,
erbe dem­nächst ein König­reich,
und bin lei­der auch gut­aus­se­hend,
die sexy Ophe­lia macht mir durch­aus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lek­tü­re.

Hessel, Stéphane — Empört euch!

buchleser

Empö­rung führt zur Ver­bes­se­rung miss­li­cher Lagen, das hat die Ver­gan­gen­heit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empö­ren, wenn sich eine Gele­gen­heit bie­tet. Es kann nur bes­ser wer­den. Die Bot­schaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch sel­ber eben auch.

Wäh­rend ich das Buch im Zug gele­sen habe, saßen mir zwei Män­ner auf einem Vie­rer schräg gegen­über. Der eine hielt aus­ge­brei­tet eine Zei­tung, der ande­re hat­te den Ellen­bo­gen kopf­stüt­zend auf dem rech­ten Ober­schen­kel gestellt und hielt mit der lin­ken Hand ein dicke­res Buch fest. Bei­de lasen.

Und dann — aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glau­be, dass der Zug­fah­rer mit dem Buch Leh­rer gewe­sen ist? Also, ich glau­be, dass er Leh­rer gewe­sen ist. Dann jeden­falls raschel­te es und der Leh­rer hob sei­nen Kopf und sag­te sei­nem Gegen­über:

Also, das ist jetzt schon min­des­tens das fünf­te Mal, dass Sie einen Teil der Zei­tung fal­len las­sen. So liest man doch kei­ne Zei­tung. Kön­nen Sie nicht auf­pas­sen? Sowas stört einen doch.

Und dann mein­te der Gegen­über:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besit­zer die­ser Zei­tung und kann doch wohl mei­ne Zei­tung im Zug fal­len las­sen, so oft und so lan­ge ich will.

Und dann nahm er einen Teil der Zei­tung und ließ ihn mit aus­ge­streck­tem Arm den Leh­rer im Blick demons­tra­tiv fal­len. Den Kopf etwas zurück­zie­hend schau­te der Leh­rer sein Gegen­über Zäh­ne zei­gend mit streng geschürz­ten Lip­pen ob die­ser Unkul­ti­viert­heit ange­wie­dert an, strich über die Falz sei­nes Buches und las kopf­schüt­telnd wei­ter. Aber nur kurz. Er blick­te wie­der rüber und sag­te:

Aber dann neh­men Sie doch wenigs­tens die Wer­bung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden ste­hen, wenn man sie schon run­ter­wirft.

Und dann nahm er ein Wer­be­pro­spekt sei­nes Gegen­übers und liess das demons­tra­tiv fal­len. Das Pro­spekt stand für 5 Sekun­den und sank dann gänz­lich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel bes­ser.

Ich weiß nicht, wie die bei­den Kon­tra­hen­ten ver­blie­ben sind, weil ich an der nächs­ten Hal­te­stel­le den Zug ver­ließ. Aber dass es so wün­schens­wert ist, sich immer und über­all gleich zu empö­ren, davon war ich bei Ver­las­sen des Zuges weit weni­ger über­zeugt.

Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schät­ze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benut­zend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Inner­lich­keit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebens­klu­ge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrie­ben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

Naturernte — Samenbasierte Rezepte

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Wir hat­ten ja schon lan­ge nichts Ekli­ges mehr hier, also so rich­tig Ekli­ges. Dem kom­men wir mal gera­de etwas ent­ge­gen. Fotie Pfo­ten­hau­er, ja genau, deeer Fotie Pfo­ten­hau­er hat ein neu­es Koch­buch raus­ge­ge­ben. Ange­prie­sen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Lei­den­schaft sind und kei­ne Angst haben vor neu­en Zuta­ten, wer­den Sie die­ses Buch lie­ben!

Da fühlt man sich ja gera­de­zu her­aus­ge­for­dert, zu die­ser exqui­si­ten Grup­pe von Köchen zu gehö­ren? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfo­ten­hau­ers neu­es Buch emp­foh­len: Kochen mit Sper­ma.

Pirinçci, Akif — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­bü­re­ner mal wie­der in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijo­ma Man­golds Ver­riss von Akif Pirinçcis Deutsch­land von Sin­nen.

Pirinçci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesens­wer­ten Kat­zen­kri­mi geschrie­ben, der ein Best­sel­ler wur­de. Danach ver­such­te er die­se Roman­tier­form am Köcheln zu hal­ten, was leid­lich gelang. Lesens­wert ist das alles nicht. Nun hat er sei­ne Homo­pho­bie oder sein homo­pho­bes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit sei­ner Isla­mo­pho­bie zwi­schen Buch­de­ckel gepresst. Es ist das argu­men­ta­ti­ves Armuts­zeug­nis eines Haupt­schul­ab­sol­ven­ten, dem wei­te­re Bil­dung nie ein Bedürf­nis war, so dass er zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­form begrenzt sich auf das Dif­fa­mie­ren der als fun­da­men­ta­lis­tisch gekenn­zeich­ne­ten Gegen­po­si­ti­on, was sei­ne eige­ne, eben­so bloß daher­be­haup­te­ten Posi­tio­nen als rech­tens erwei­sen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mudda-Gene­ra­ti­on und für den Rest ein Fall fürs Alt­pa­pier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lo­se Frech­heit, die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung als einen Hau­fen von reak­tio­nä­ren, Nazis, ja, ver­hin­der­ten Mör­dern zu ver­un­glimp­fen, sobald sie mit­be­stim­men möch­te, mit wel­cher Sor­te von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­le­ben wünscht und mit wel­cher nicht. (Akif Pirinçci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schrei­ben, wenn man nicht ver­stan­den hat, was ein Rechts­staat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von die­sem auf­ge­wie­gel­ten Geschwätz anhei­zen und ver­gleicht das Mach­werk allen Erns­tes, unnö­ti­ger Wei­se und völ­lig unüber­zeu­gend mit Hit­lers Mein Kampf:

Die­ses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bramar­ba­sie­ren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stands­lo­sen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­um­pha­lis­ti­schen Ges­te der Ent­lar­vung von media­len Lügen­ge­spins­ten, in sei­ner Mischung aus Bru­ta­li­tät und Heu­le­rei erin­nert das Buch – ich schwö­re, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezo­gen in mei­nem Berufs­le­ben – an Adolf Hit­lers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hit­ler hat­te eine Agen­da, setz­te ent­spre­chend um, was er in sei­nem Buch anspinn­te, so höl­zern geschrie­ben es auch ist. Pirinçci schreibt nicht höl­zern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­gen­ar­tig. Man­gold heizt so den Shit­s­torm, den das eigent­lich in Rede ste­hen­de Buch ver­kör­pert, nur wei­ter an.

Ste­fan Wil­le­ke reagiert auf die Empö­run­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Auf­müp­fi­ge kon­tak­tiert. Dar­un­ter Herrn H. aus Ibben­bü­ren, der Man­golds Text wohl als “geis­ti­gen Dünn­pfiff” cha­rak­te­ri­siert hat. In die Fäkal­spra­che hat­te aller­dings auch Man­gold schon ein­ge­stimmt. Der ange­ru­fe­ne Herr H. legt zunächst ein­fach auf, wird aber ein zwei­tes Mal ange­ru­fen:

Dies­mal sagt er, bevor er auf­legt: “Mich inter­es­siert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.”

Schö­ne Replik, aller­dings nicht ganz so über­zeu­gend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redak­ti­on schreibt.

Wil­le­ke selbst ver­fängt sich im Shit­s­torm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Jour­na­lis­ten der gro­ßen Zei­tun­gen, unehr­lich? Man muss über uns kei­ne Stu­di­en anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stär­ker zum rot-grünen Milieu ten­die­ren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natür­lich leben wir viel zu oft in den­sel­ben bür­ger­li­chen Stadt­tei­len der­sel­ben Groß­städ­te, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Alt­bau, hohe Decken, Fisch­grät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homo­ge­ni­täts­fal­le der urba­nen Mit­tel­schicht ste­cken, wird nicht der Umkehr­schluss zuläs­sig, Pirinçci leis­te auf­rich­ti­ge Basis­ar­beit. Viel unheil­vol­ler ist es, wenn der Dem­ago­ge Pirinçci von sei­ner Bon­ner Vil­la aus die Geräu­sche der Stra­ße imi­tiert, um damit reich zu wer­den.

Ach Gott­chen. Wer Pirinçci Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter nicht pas­send ana­ly­sie­ren kann, ohne ihm der­art Din­ge zu unter­stel­len, der argu­men­tiert für Leser nicht grund­le­gend anders als Pirinçci selbst. Und wer bit­te­schön hat nach die­ser selbst­ver­lieb­ten Jour­na­lis­ten­flan­ke gefragt?

Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

buchleser

Die­ses Buch war­tet mit diver­sen Anek­do­ten rund um Wiki­leaks, Wikileaks-Gründer Juli­an Assan­ge und Fol­ge­be­trach­tun­gen der Ver­öf­fent­li­chun­gen von Wiki­leaks auf, ufert nach der Hälf­te des Buches aber in Über­le­gun­gen über den rech­ten Jour­na­lis­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wir­ken. Also ein klas­si­sches SPIEGEL-Produkt. Tie­fe­re Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­se von Wiki­leaks gibt es nicht und auch ansons­ten bleibt der Blick meist außen vor.

Scherpe, Mary — An jedem einzelnen Tag

buchleser

Mary Scher­pe ist eine bekann­te Mode­blog­ge­rin. Und sie hat einen Stal­ker. Der schickt ihr tag­täg­lich irgend­wel­che Din­ge, mischt sich in ihre Pri­vat­le­ben ein, kon­tak­tiert Freun­de, ver­folgt sie. In die­sem Buch schreibt sie nie­der, was pas­siert ist. Wie sie ver­sucht hat, ihn zu brem­sen, ihn zu ver­ste­hen, ihm zu hel­fen. Wie sie schei­ter­te und wie es ihr zusetz­te.

Die Stär­ke des Buches ist, dass Scher­pe nicht in femi­nis­ti­sche Kli­schees abwan­dert, ihre eige­ne Rol­le nicht merk­lich schön­schreibt und sprach­lich sehr gut for­mu­liert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles wider­fährt, aber auch irri­tiert, wes­we­gen sie ihn vor Freun­den ernst­haft als Affä­re kaschiert oder ver­sucht, sich sei­nes Pro­blems anzu­neh­men.

Das Buch ist nicht mora­li­sie­rend, nicht objek­tiv, aber offen und schil­dert, wie Stal­king heut­zu­ta­ge von­stat­ten­geht. Und es ist ein Plä­doy­er dafür, sich zu weh­ren, wenn man ange­gan­gen wird.

Mary Scher­pe, An jedem ein­zel­nen Tag. Mein Leben mit einem Stal­ker, Bas­tei Lüb­be, 14,99€ (gebun­de­ne Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

Sünder, Thomas: Wer Ja sagt, darf auch Tante Käthe ausladen

Wer zu hei­ra­ten beab­sich­tigt, darf auch mal ein Buch zur Hand neh­men, wie eine Hoch­zeits­fei­er denn ablau­fen soll. Und da griff ich zu die­sem Schmö­ker von Tho­mas Sün­der, einem Ham­bur­ger DJ.

Der Autor beschreibt ganz tref­fend, dass man sich klar­ma­chen soll­te, dass es sich bei die­ser Fei­er wohl um die teu­ers­te Ver­an­stal­tung han­deln wird, die man pri­vat in sei­nem Leben aus­rich­ten wird. Und zur Unter­maue­rung, dass man es sich allein aus die­sem Grun­de bei den diver­sen Ein­zel­ent­schei­dun­gen nicht zu leicht machen soll, fügt er diver­se unter­hal­ten­de Bei­spie­le an.

Die­se Bei­spie­le wir­ken zwar auf den ers­ten Blick etwas weit weg, weil nicht jeder Vor­fall so bei einem selbst ein­tre­ten wird, aber dafür tre­ten ande­re ein, die die Hei­rats­wil­li­gen vor ver­gleich­ba­re Pro­ble­me stel­len.

Als DJ ist er bei der Fra­ge nach der Musik auf einer Hoch­zeit natür­lich ganz in sei­nem Metier: Man soll­te gera­de auf die Musik­dar­bie­tung ach­ten, da sie einen ganz gro­ßen Teil der Hoch­zeit aus­macht. Sün­der spricht in der Fol­ge von über­teu­er­ten und zu bil­li­gen DJs, von typi­schen Anmach­sprü­chen an DJs und von untaug­li­chen Bewer­bungs­sprü­chen der Musi­kan­ten.

Uns hat die Lek­tü­re nach Durch­schau­en des Inter­net und Infor­ma­tio­nen über das Kön­nen loka­ler DJs dazu bewo­gen, eine Band zu enga­gie­ren. So unge­fähr funk­tio­niert der Schmö­ker und inso­fern ist er nütz­lich.

Weihnachtsbuchgeschenktipps

Wer kurz vor Weih­nach­ten noch ein Geschenk braucht, nicht irgend­was schen­ken will und Büchern nicht abge­neigt ist, dem sei fol­gen­des emp­foh­len:

Lite­ra­tur / Thril­ler
Mei­ne Tan­te beschwert sich mal, dass sie seit­dem sie 80 ist nur noch Bücher übers Älter­wer­den und den Tod bekä­me. Des­we­gen bekommt sie nun Fumi­no­ri Naka­mu­ra — Der Dieb. Eine span­nen­de Geschich­te aus dem All­tags­le­ben eines Taschen­die­bes in Tokio, den sei­ne Ver­gan­gen­heit ein­holt.

Lite­ra­tur / Lie­bes­ge­schich­te
Tho­mas Mey­er — Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se. War in der Schweiz ein Best­sel­ler und beschreibt wit­zig das jüdi­sche All­tags­le­ben in der Schweiz.

Lite­ra­tur / Fami­li­en­ge­schich­te
Ali­na Bron­sky — Baba Dun­jas letz­te Lie­be. Baba Dun­ja schreibt Brie­fe an ihre Toch­ter Iri­na, die Chir­ur­gin bei der deut­schen Bun­des­wehr ist, über das Leben in ihrem rus­si­schen Dorf: Was­ser gibt es aus dem Brun­nen, Elek­tri­zi­tät an guten Tagen und Gemü­se aus dem eige­nen Gar­ten. Doch dann kommt ein Frem­der ins Dorf und bedroht die Dorf­ge­mein­schaft.

Kin­der­buch ab 4 Jah­ren
Ali­ce Mel­vin — Emma kauft ein. Sehr schön bebil­der­te Kurz­ge­schich­te.

Kin­der­buch
Oren Lavie — Der Bär, der nicht da war. “Da ist er, der Bär, der gera­de noch nicht da war, und zieht aus sei­ner Tasche einen Zet­tel, auf dem steht: »Bist du ich?« Gute Fra­ge, denkt er sich, fin­den wir es her­aus! Sofort macht er sich auf und wan­dert in den wun­der­sa­men Wald.” Ein­falls­rei­che Geschich­te mit wun­der­vol­ler Bebil­de­rung — auch für Erwach­se­ne.

Eng­li­scher Schmö­ker
Ein mys­te­riö­ser Mann gibt Zwil­lin­gen einen Con­trol­ler, der aber nicht für ihre bis­he­ri­gen Video­spie­le geeig­net ist. Als sie ver­ste­hen, was man über ihn beein­flusst, wäh­nen sie sich im Land ihrer Träu­me. David Bad­diel — The Per­son Con­trol­ler.

Nie­der­län­di­sche Bio­gra­phie
Isa Hoes — Toen ik je zag. Die Lebens­ge­fähr­tin von Anto­nie Kamer­ling ali­as Hero beschreibt ihr Leben im Medi­en­zir­kus der 90er Jah­re und die Krank­heit von Kamer­ling, die in einer Tra­gö­die ende­te.

Klo­lek­tü­re
Es ist wahrschein­licher, irgen­deine Tele­fon­num­mer anzu­rufen, “Gesund­heit” zu sagen und der­jenige, der den Hörer abgenom­men hat, hat ger­ade tat­säch­lich genießt, als einen 6er im Lot­to zu krie­gen. Die­se und mehr merk­wür­di­ge Weis­hei­ten fin­den sich in: Rand­all Mun­roe — What if?

Für Reise­in­ter­es­sier­te / klei­ner Preis
Einen unge­mein unter­halt­samen Kennnlern­schmöker hat Mile­na Moser da geschrie­ben. Die gebür­tige Zür­che­rin beschreibt ihre Geburts­stadt Zürich anek­doten­re­ich und ohne Aus­las­sung der Macken ihrer Ein­wohner oder den Nach­tei­len der Stadt. Abgerun­det wird Gebrauchs­an­wei­sung für Zürich mit Krim­i­le­setipps und Heimatliebe­bekun­dun­gen einge­sessener Zür­cher. Unter­halt­sam, selbst wen man nicht in nächs­ter Zeit nach Zürich rei­sen möch­te.

Für Reise­in­ter­es­sier­te / geho­be­ner Preis
Jud­tih Schalan­sky — Atlas der abge­le­ge­nen Inseln: Fünf­zig Inseln, auf denen ich nie war und nie­mals sein wer­de. Groß­ar­ti­ger Schmö­ker mit beein­dru­cken­den Gra­fi­ken der Auto­rin, in dem genau das ist, was der Titel ver­spricht.

Geschich­te
Mar­tin Kit­chen — Speer: Hilter’s Archi­tekt. Es ist so beein­dru­ckend wie merk­wür­dig, dass es nach der Bio­gra­phie von Joa­chim C. Fest, des­sen Ansich­ten getrübt sind, noch kei­ne bes­se­re Bio­gra­phie zu Albert Speer gege­ben hat. Bis zu die­ser.

Kochen
Roland Trettl — Ser­viert – Die Wahr­heit über die bes­ten Köche der Welt. Kurz­wei­li­ge Abrech­nung des Star­kochs mit den bes­ten Köchen sei­ner Zunft, das am bes­ten ist, wenn er ein paar der bes­ten Rezep­te die­ser Meis­ter ver­rät.

Hör­buch
Pas­tew­ka & Kom­pli­zen — Paul Temp­le und der Fall Gre­go­ry. Bas­ti­an Pas­tew­ka kla­mü­sert sich einen fast ver­lo­ren gegan­ge­nen Fall von Fran­cis Durbridge zusam­men und ver­setzt ihn mit etwas Humor. Sehr lus­tig.

[ Die Links zu den Büchern sind Wer­be­links. ]

Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me ken­nen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und ber­li­nert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leu­te?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Früh­stück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Wei­ter­le­sen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich aus­drückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Ver­klei­dungs­ge­schäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Beglei­tung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blind­darm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekom­men.