Guten Morgen

Morgenkaffee

Eben war Lin­den­straßen-Star Kostas Papanas­ta­siou im Fernse­hen zu sehen, der bedauert, dass die Linken in Griechen­land nicht an die Regierung gekom­men sind, son­dern diejeni­gen, die in der Ver­gan­gen­heit alles ver­bockt haben.

Ulrich Horn bemän­gelt die Selb­st­ge­fäl­ligkeit der Regierungskoali­ton in NRW angesichts der All­t­agsprob­leme, wie z.B., dass in Köln und Düs­sel­dorf 50.000 fehlende Woh­nun­gen erwartet wer­den. Das erin­nert mich an eine Begeg­nung vom Woch­enende: Ich kam mit ein­er Sozialpäd­a­gogin, die an ein­er Schule in Düs­sel­dorf arbeit­et, ins Gespräch. Der erzählte ich von mein­er Schwest­er, die in Essen als Grund­schullehrerin arbeit­et, und diese wiederum meinte, es sei für sie das Trau­rig­ste, wenn Kinder statt mit Schul­ranzen mit Aldi-Tüten zur Schule erschienen. Sowas sei in Düs­sel­dorf mit­tler­weile auch nichts ungewöhn­lich­es mehr, meinte die Sozialpäd­a­gogin.

Vorgestern lag ich mit meinen EM-Tipps ganz falsch, gestern genau richtig. Bleibt ein kleines Minus. Heute wird Irland wohl gegen Ital­ien ver­lieren und bei Kroa­t­ien gegen Spanien liebäu­gle ich mit ein­er Tor­wette. Mal sehen, was die Kroat­en wer­den reißen kön­nen, um im Turnier zu bleiben. Vielle­icht kick­en sie ja sog­ar Spanien raus.

Und während ich mir die Frage stelle: Wo bleibt der Som­mer eigentlich? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Marc Eschweil­er denkt beim WDR über Kon­se­quen­zen nach dem Rel­e­ga­tion­sspiel der Fußball­bun­desli­ga zwis­chen For­tu­na Düs­sel­dorf und Hertha BSC nach. Bei der Spielver­lagerung fasst TE das Spiel betrof­fen zusam­men und kon­sta­tiert, dass er keine Lust mehr auf Fußball hat.

Kris­tiane Backer war anschließend bei Mais­chberg­er. Mehr als skuril war die Sendung wohl nicht.

Der Fefe des Tages: Canon will seine Kam­er­apro­duk­tion voll­ständig automa­tisieren.

Und während ich mir die Frage stelle: Sinken die Kam­er­apreise dann noch weit­er? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Knöllchen

Let­ztens traf ich eine Mitar­bei­t­erin des Düs­sel­dor­fer Jugen­damtes. Und da ich in mein­er Heimat­stadt noch ab und an etwas von Jugen­dar­beit mit­bekomme, geri­eten wir etwas ins Gespräch. Ich berichtete über meine merk­würdi­gen Erfahrun­gen im Umgang mit Behör­den, wom­it ich ihr allerd­ings nichts Neues erzählen kon­nte. Es sei halt bei Behör­den mit Team­work nicht weit her. Jed­er würde für sich kämpfen, ein ern­sthaftes Miteinan­der, nein das gäbe es nicht. Ich erzählte von ein­er Bekan­nten, die im Ruhrge­bi­et Lehrerin ist. Sie erzählte, dass sie rechtlich dazu verpflichtet sei, beson­dere Vorkomm­nisse mit Schülern dort zu melden. Aber sie erwarte schon nichts mehr von den Jugendämtern. Egal wie blaugeschla­gen die Kinder ankä­men, das Jugen­damt könne nie etwas Son­der­bares find­en.
Auch das ver­wun­derte die Jugen­damtsmi­tar­bei­t­erin nicht. Bei ihr sei es so, dass sie so mit Arbeit zugeschüt­tet werde, dass sie abends wegen der Dinge Skru­pel bekäme, die zeitlich ein­fach nicht mehr erledigt wer­den kon­nten. Schließlich stün­den da ja Men­schen­schick­sale ein­er­seits und ihre rechtliche Eigen­ver­ant­wor­tung ander­er­seits im Raume. Immer mehr habe sie das Gefühl, dass Bürg­er so abgewim­melt wer­den sollen, dass am besten kaum noch jemand ins Jugen­damt komme. Das gin­ge anderen aber nicht anders: Wenn sie tagsüber aus ihrem Büro schaue, sähe sie oft­mals ander­er Mitar­beit­er, die auf dem Flur Weinkrämpfe bekä­men. Weil sie schlicht über­ar­beit­et seien.
Ich zeigte mich etwas ver­wun­dert, schließlich prahle die Düs­sel­dor­fer Poli­tik so mit der Schulden­frei­heit der Stadt. Der Euro­vi­sion Song Con­test kon­nte auch eben mal so finanziert wer­den. Düs­sel­dorf habe doch Geld. Da sagte sie:

Für sowas nicht.

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Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Malte Weld­ing, Ver­siebt, verkackt, ver­heiratet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Seit­en, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flieger startet mor­gen früh nach Berlin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wichtig. Dann arbeit­et der gemeine Berlin­er und die Touris­ten sind noch nicht aus­geschwärmt. Aber es ist echt früh, der Flieger geht um Sech­suhrir­gend­was. Ich beende den Tag vorm Lap­top am Schreibtisch, da kommt mir Malte Weld­ings neues Buch zu. Das let­zte war nicht ganz mein Fall. Aber vielle­icht das. Vielle­icht sollte man es in Berlin lesen. Vielle­icht hil­ft das. Abgemacht. Weld­in­gle­sen in Berlin. Der Authen­tiz­ität wegen. (Vielle­icht meint nun der andere oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eigenes Empfind­en und das Besprechen eines Buch­es zu ver­mis­chen. Wer das auseinan­der­hal­ten möchte, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den eingerück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lieren: Malte Weld­ing ist Kolum­nist der Berlin­er Zeitung und in Inter­netkreisen als Blog­ger bekan­nt gewor­den. Er hat schöne Artikel zu Spree­blick beige­tra­gen, solche die man jet­zt dem Blog wieder wün­scht. Daneben hat er für die Blogs Fooli­gan, Neue Boden­ständigkeit und Deus ex machi­na geschrieben. 2010 erschien sein erstes Buch Frauen und Män­ner passen nicht zusam­men — auch nicht in der Mitte.

Der Flieger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünk­tlich um 6.40 Uhr in die Lüfte. Die Stew­ardessen set­zen zu ihrer Mor­gengym­nas­tik an und ich schlage die ersten Seit­en auf.

Das Buch han­delt von den drei Brüdern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Fre­und Jimo, deren Bekan­ntschaft Weld­ing hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Berlin verzieht. Alle­samt steck­en sie in Beziehun­gen, die ins Stock­en ger­at­en. Weld­ing scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jet­zt eine Fre­un­de­sanalyse? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dunkel für den Leser, der ins kalte Wass­er gewor­fen wird. Warum sind die Geschicht­en der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ran­ic­ki erin­nert, der mal meinte, er wolle nur noch Prob­lem­schilderun­gen von Intellek­tuellen lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fache Lit­er­atur zu schätzen weiß. Es muss nicht immer Kaviar sein. Aber weil ich eben Liebe­sprob­lema­tisierun­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhaltlich durch­wa­t­en habe, fragt sich doch: Was bietet dieses Buch neues? Außer dass es ein Friends aus Berlin zu sein scheint? Der Blick in Beziehun­gen “nach dem Hap­py End”? Vielle­icht ist das Buch eher für Leute, die nur Liebesfilme ken­nen.

Als wir wieder fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemerke ich, dass in Berlin ja noch Win­ter ist. Min­destens 7 Grad weniger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht interkon­ti­nen­tales Kli­ma, wie ich mich aus dem Sachunter­richt zu erin­nern glaube. Der war aber auch vor der Wende. Ich habe Durst und ziehe mir was am Auto­mat­en. Meine Fre­undin fängt lau­thals an zu lachen, als sie die Büchse sieht und berlin­ert:

Ditt ken­nwa im West­en ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spätet sich, ich krame meine Lek­türe raus:

Weld­ing stellt jedem Kapi­tel Zitate voran. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zitate sind nicht son­der­lich vomhock­er­hauend, haben mit dem was fol­gt auch nicht direkt zu tun. Ich über­lese sie kon­se­quent. Die drei Brüder steck­en in Beziehun­gen: Roman hat Mia geheiratet, Mia tren­nt sich ger­ade von Paul und Ben ist mit Juila Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leute?

Wir check­en bei meinem Fre­und am Ostkreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin studiert, aber nicht zu ende, ist Mitte 30 und sat­telt nun zur Immo­bilien­mak­lerin um. Die let­zte Prü­fung hat sie in Berlin ver­passt, kann sie aber, was sie heute erfahren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her vielle­icht noch etwas studieren — was man in Berlin eben so macht. Über die Brücke am Ostkreuz ver­schlägt es uns in das Datscha. Es gibt schw­eres rus­sis­ches Früh­stück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich ger­ade auf einem LSD-Trip befind­et, den Lauf­pass gegeben hat. Von Roman und Gre­ta erfahren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wollen, aber etwas kon­trapro­duk­tiver­weise das mit dem Sex ger­ade so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Architek­tur studiert oder studiert hat und Paul ist ehrgei­zlos­er Recht­san­walt. Die Berufe spie­len aber im Fol­gen­den keine son­der­liche Rolle. Mia hängt an Roman, vielle­icht etwas lei­den­schaftlich­er als umgekehrt, Gre­ta scheint eine gutausse­hende, wil­lensstarke Frau zu sein. Generell bleibt es aber bei Typ­isierun­gen der Charak­tere, ein eigenes Bild will sich kaum ein­stellen. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­tasielose, unlustige Tunichtguts. Wenig inspiri­erend — wed­er zum Inter­esse an den Charak­teren, noch zum Weit­er­lesen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fall­en mir die tra­di­tionellen Berliner­isms auf. In der Straßen­bahn hat gefühlt jed­er Zweite eine Bier­flasche dabei, im Osten flanieren Hun­deköt­tel die Gehwege, es herrscht dis­tanzierte Humor­losigkeit, hek­tis­ches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frauen in Berlin für Mode hal­ten: Knal­lenge Leg­gins zu dunkel­wat­tierten Ret­tungswest­en. Oder wie meine Fre­undin sich aus­drückt:

Hier laufen selb­st die ganz hüb­schen Mäd­chen auf hässlich getrimmt rum.

Als irgend­wo waschechte Düs­sel­dor­ferin zieht es sie in eine der 111 Sehenswürdigkeit­en des Sehenswürdigkeit­en­buch­es, das in Berlin die Touris­ten erkennbar macht: Das ganzjährige Verklei­dungs­geschäft.

Während sie den Laden auseinan­dern­immt und sich schließlich für eine überdi­men­sion­ierte Geburt­stags­brille, sowie 30er Absper­rband und Warn­schilder für ihren Geburt­stag entschei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Seite 130. So, dass einige mich schon komisch anschauen. Öffentlich­es, spon­tanes Lachen in Berlin ist so eine Sache. Ich werde aber qua­si mit dieser Stelle etwas wärmer mit dem Buch. Ich denke nicht mehr ans Wegle­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­türe sein. Man kann sie weit­er­lesen. Ich habe die Hoff­nung aufgegeben, dass man sich, vielle­icht wie in einem Roman, mit irgen­dein­er Fig­ur der­art anfre­un­det, dass man mit­fiebert. Pustekuchen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Dawkins, Pinker und die Inter­ne­taussteck­anek­dote von Franzen. Jaja.

Am näch­sten Mor­gen hole ich Brötchen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­set­zt, denke ich. Ubrin­gens: Die schmieri­gen Graf­fi­ti sind auch scheiße! Ich gelange zur Brötchen­theke, an der ich mich nicht entsin­nen kann, wie Berlin­er noch mal in Berlin heißen, lerne dage­gen: “Good Cook­ies go to heav­en, bad cook­ies go to…”

Als ich mit den Früh­stückssachen wieder in die Woh­nung komme, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­straße. Zum Mit­tagessen zieht es meine Fre­undin und mich wieder in den Osten. Hin­ter den Hack­eschen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern aufnehmen. Da ich weniger Teller ver­putze als meine Begleitung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fachgeschäfte nicht so zusagen wie mein­er Fre­undin, blät­tere ich etwas.

Die han­del­nden Per­so­n­en im Buch lassen sich offen­bar immer von irgendwelchen Gefühlen treiben. Man erfährt eigentlich zu wenig über wirk­liche Gründe. Alles bleibt Speku­la­tion, alle Verän­derung wirkt wie Ein­bahn­straße. Das Buch ver­leit­et, selb­st über Pärchen nachzu­denken. Ich habe nach mein­er Abizeit selb­st gerne Pärchen analysiert, nach Zie­len gefragt, über das Wohlbefind­en der einzel­nen Part­ner nachgedacht. Ein­mal habe ich das einem Bekan­nten vorgelegt, worauf dieser meinte: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glaube auch nicht, dass Beziehun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber vielle­icht sind die damit zufrieden.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was andere Pärchen ange­ht.

Als wir den Rück­weg antreten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form dreier Per­so­n­en Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­d­est meine Fre­undin. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pol­sterten Lilaanzüge, die mir einen Tick zu met­ro­sex­uell vorkom­men. Die blonde Begleitung ist zu klein, um mir aufz­u­fall­en. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Meine Fre­undin klagt seit 2 Tagen über Seit­en­stechen. Blind­darm, eventuell. Kann sein, meinte Maren. Ich lasse mir das Wlan-Pass­wort geben und google die 5 typ­is­chen Kennze­ichen ein­er Blind­dar­mentzün­dung. Ihre Wehwe­hchen qual­i­fizieren nicht für was mit Blind­darm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jet­zt, wo du’s sagst: im Rück­en zieht was!” — “Nee, das soll heißen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­p­er.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schla­gar­tig bess­er. Und während sie her­auszufind­en ver­sucht, wer die über­botoxte Frau im roten Kleid auf der anderen Seite ist, und ob sie ihren Begleit­er aus dem Fernse­hen ken­nt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­rat­en. Wir erfahren mehr über Bens Dreier­erfahrung, Jimos Fam­i­lien­pla­nung und die Eltern der drei Brüder. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­tiellen Leser? Vielle­icht das, was man einem zu Berlin auch empfehlen würde: Man sollte es selb­st erkun­den. Ich halte mich nicht für son­der­lich repräsen­ta­tiv, um dieses Buch geschmack­lich genau einzuord­nen. Dazu hat man, ger­ade was Liebe als The­ma ange­ht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob dieses Buch was für Sie ist, mein geneigter Leser, müssen sie selb­st her­auskriegen. Vielle­icht haben Sie durch die vor­ange­gan­gen Zeilen etwas Appetit bekom­men.

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Großstadt

A large city can­not be expe­ri­en­tial­ly known;
its life is too man­i­fold for any indi­vid­ual
to be able to par­tic­i­pate in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Aus­gabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Fre­undin und ihre Fre­undin kom­men erst in ein­er hal­ben Stunde, also starte ich ein Stadt­melan­cholieren, dieses Mal in ein­er Großs­tadt oder zumin­d­est ein­er, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimm­sten Uhrzeit­en in Düs­sel­dorfs Innen­stadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrrad­fahrer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Baustel­lenam­peln der Fußgänger­zone und dauernd patschen ohrbestöpselte Men­schen auf ihre hell erleuchteten Com­put­ertele­fone. Einkaufen will kein­er mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürg­er­steige hochgeklappt wer­den. Selb­st die Kniebet­tler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­dere in einen Arkaden­bau hinein. Auch hier: Gäh­nende Leere. Keine chi­ne­sis­che Geis­ter­stadteinkauf­s­pas­sage, aber eine gän­zlich unin­spiri­erende. Ich lehne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Klavier­musik an. Eine Barhock­er­sän­gerin intoniert Night & Day. Etwas merk­würdig, denn im Keller des Arkaden­baus ist nie zu erken­nen, ob ger­ade Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­weilen lädt mich nichts ein. Ich erin­nere mich an eine Pas­sage aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fes­thält, dass Kaufhäuser unheim­lich gut geeignete Orte für Stre­uner sind, die eh nichts kaufen, son­dern sich nur aufwär­men wollen, als ich die gut gewärmte Fil­iale ein­er Buch­han­dels­kette betrete. Hier wird mit Büch­ern noch Han­del betrieben, ins Auge sprin­gen nur Best­seller. Gute Büch­er sucht man fast verge­blich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klam­ot­tengeschäften passiert, in Bücherä­den noch von Verkäufern ange­sprochen wurde, um bei der Lit­er­atur­suche behil­flich zu sein. Als ich zwei lau­thals tratschende Kol­legin­nen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schrift­stel­lerin­nen zu wer­den, danke ich inner­lich dafür, dass mir heute Lit­er­atur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgänger­zone, ab zum Schaus­piel­haus. Ich reg­istriere, dass kaum ein Geschäft irgen­det­was hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich diese Sachen? In der Par­fümeriefil­iale ent­decke ich einen dieser flach­brüsti­gen Flakon­body­guards, der nie lächelt und seinen Blick so mech­a­nisch schwenkt, als sei er schon ein Hal­bro­bot­er, der das mit der men­schlichen Kom­mu­nika­tion noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, werde ich Rauss­chmeiss­er.

Ich erre­iche nun über bepfütztes Baustel­lenge­bi­et den Gus­tav-Gründ­gens-Platz. Graue Beton­plat­ten markieren die Trost­losigkeit auf dem Vorhofs des Schaus­piel­haus­es. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leer­ste­hende, hyh­nen­hafte Thyssen-Büro­ge­bäude in den Nachthim­mel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und ent­decke im zweito­ber­sten Stock­w­erk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäudes ein vorm Com­put­er sitzen­des Hop­per­mo­tiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schaus­piel­haus wieder ver­lassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schaus­piel­haus­es, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem einzi­gen, der da ger­ade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünk­tlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Fre­undin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstel­lungs­be­ginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Nieder­län­derin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf ges­tran­det ist. Ges­tran­det ist vielle­icht ein zu ästhetis­ches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, keine Frage, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hin­unter in Rich­tung Kaiser­swerth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich — in Düs­sel­dorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Fre­undin mein­er Fre­undin an, dass sie es nie ver­standen hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Ver­lassen­heit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Karneval­szeit, sagt meine Fre­undin. Die Leute gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­sion über die Einkauf­s­pas­sagen und Cafés. Ach so.

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Der CSU-Gen­er­alsekretär möchte alle Bun­destagsab­ge­ord­neten der Linkspartei unter Gen­er­alver­dacht stellen.

Kleine Selb­stre­f­erenz: Eigentlich wollte ich nur ein schönes Foto verbloggen und dann tex­tete ich ein­fach was drumzu: Schrot­tiges in Düs­sel­dorf.

Christoph Süß fragt mal aktuell nach den Ver­fas­sungfein­den: [audio:http://cdn-storage.br.de/mir-live/MUJIuUOVBwQIb71S/iw11MXTPbXPS/_2rc_71S/_-iS/_-rH9AFH/120128_1002_orange_Verfassungsfeinde-rechts-und-links.mp3|artists=Chrisoph Süß auf Bay­ern 2|titles=Verfassungsfeinde rechts und links]

Und während ich mir die Frage stelle: Hat der Ver­fas­sungss­chutz eigentlich auch sich selb­st zu schützen? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Gebrochen deutsch, 23.01.2012, Düsseldorf

Gestern waren wir bei der zweit­en Talkrunde von Staffan Valde­mar Holm mit Vom Ritchie (Großbri­tan­nien, Schlagzeuger (Die Toten Hosen)), Kyoko Jas­tram (Japan, Musik-Lehrerin), Fiorel­la Falero Ramirez de Ent­ner (Peru, Studentin/Garderobenpersonal), Iraj Farzi Kahkash (Iran, Büd­chen-Inhab­er) darüber, wie man in Düs­sel­dorf stran­det und wieso man es inzwis­chen mag. Das For­mat ist sowas wie ein Selb­stläufer. Man bekommt schwere wie auch lustige Geschicht­en über die Auf­brüche in die Fremde zu hören. Man lernt lebenslustige Men­schen ken­nen, an denen man son­st vielle­icht ein­fach nur vor­bei läuft. Dabei kommt die Frage, was an Düs­sel­dorf so toll sein soll, schon fast zu kurz, aber was will man auch sagen? Aus dem Pub­likum kam die ver­suchte Erk­lärung: “Clau­dia Schif­fer.”, woraufhin Holm meinte: “Das kann es nicht sein.”

Vielle­icht gibt es nicht solche Gründe, vielle­icht gibt es nur die gelebten Erfahrun­gen, die alle Gäste vorzuweisen haben. Denn es springt ins Auge, dass alle, die auf der Bühne sind, so höflich wie offen sind, wenn es um die Geschicht­en der anderen geht. Vom Ritchie erzählt, wie er mit sein­er Lock­er­heit sturen Münch­n­er Polizis­ten begeg­net, die seine abge­laufene Aufen­thalt­ser­laub­nis mit “Scheiße, Scheiße, Scheiße” kom­men­tieren. Fiorel­la Falero Ramirez de Ent­ner beschreibt, wie sie ohne irgend­wie deutsch zu kön­nen nach Deutsch­land kommt, und dort ihr erstes Date mit einem Taschen­wörter­buch bewältigt. Kyoko Jas­tram erzählt über die musikalis­che Größe Deutsch­lands, die vor Ort doch etwas anders aussieht. Und Iraj Farzi Kahkash berichtet darüber, wie er im Iran die Rev­o­lu­tions­be­stre­bun­gen unter­stützt hat, Krieg miter­lebt hat und schließlich in die DDR kommt, und eines Tages von einen Schleuser in West-Berlin aus­ge­set­zt wird — ohne die Sprache zu kön­nen oder irgend­je­man­den zu ken­nen.

Also ein ganz großar­tiges For­mat, das Holm da aus dem Ärmel geschüt­telt hat, und bei dem an diesem Abend auffiel, dass wed­er der Begriff “Die Toten Hosen”, noch der Begriff “Inte­gra­tion” ein einziges Mal gefall­en ist. Wenn er es jet­zt noch schafft, dem Düs­sel­dor­fer Pub­likum das Klatschen beizubrin­gen, ist ihm ein Denkmal sich­er.

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Bei der FDP gibt es noch Spaßvögels: Forschung­sex­perte Mar­tin Neu­mann fordert von Copy-Karl, er soll die Pla­giatsvor­würfe inner­halb von zwei Wochen aus­räu­men. Schnöff tätäääääää!

Die Erde kön­nte im Herb­st von einem deutschen Satel­liten getrof­fen wer­den.

Der türkische Min­is­ter­präsi­dent Erdo­gan hat in Düs­sel­dorf vor 10.000 Immi­granten propagiert, diese soll­ten sich inte­gri­eren, aber nicht assim­i­lieren:

Im inter­na­tionalen Recht existiert die Vorschrift, dass Migranten in den Län­dern, in denen sie leben, die Sprache und Kul­tur ihres Herkun­ft­s­lan­des pfle­gen sollen.

Ja, super! Erdo­gans Pop­ulis­mus basiert auf einem Fun­da­men­tal­is­mus, nach dem im inter­na­tionalen Recht, was wohl das Völk­er­recht sein soll, die Pflicht zur Beibehal­tung vorherge­hen­der Kul­tur drin ste­hen soll. So ein Mumpitz.

Und während ich mir die Frage stelle: Warum will die Türkei bei Beibehal­tung eines so tum­ben Nation­al­is­mus’ über­haupt in die EU? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

[ Foto: Luc van Gent ]

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Guten Morgen

morgenkaffee

Die Rain­er­sche Post wartet mit ein­er angenehm lan­gen Eloge auf Düs­sel­dorf auf. Nun ist zwar bekan­nt, dass Ein­heimis­che sel­ten zu den Attrak­tio­nen gehen, für die ihre Stadt so bekan­nt ist, aber was es ist, dass Düs­sel­dorfs so lang­weiliges Image verur­sacht, das scheint mit der Text nicht herzugeben. Aber immer­hin hadert er damit eben­so.

Heute ist der Welt­tag der Philoso­phie. Denken Sie heute mal.

Spür­bar ernüchtert ist Mar­cel Weiß vom Parteitag der Grü­nen: Die pro­gras­sivste Partei in Sachen Inter­net sei noch weit davon ent­fer­nt, den Inter­net-The­matiken nach sin­nvolle Anstöße zu geben.

Und während ich mir noch die Frage stelle: Wer ruft eigentlich Welt­tage aus? hole ich mir erst nochmal einen Kaf­fee.

[ Foto: Luc van Gent ]

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