Die geistig-politische Wende als Wiedereinführung des Standesdünkels

Recht­zei­tig zum Neu­start der Regie­rung aus CDU, CSU und FDP lan­det die­se einen Tief­schlag nach dem ande­ren. Wäh­rend die CDU ori­en­tie­rungs­los ver­sucht, den Gesamt­scha­den gering zu hal­ten, kämpft die CSU um ihr ram­po­nier­tes Image und die FDP gefällt sich als Oppor­tu­nis­mus­par­tei:

Nach­dem sich die FDP im Wahl­kampf noch als Par­tei der Steu­er­ge­rech­tig­keit und Bür­ger­rech­te auf­ge­spielt hat, ver­schleu­dert sie die­se bei­den Din­ge gera­de zum Spott­preis:

The­ma Nackt­scan­ner: Bun­des­mi­nis­te­rin Sabi­ne Leutheusser-Schnarrenberger fin­det Nackt­scan­ner auch akzep­ta­bel, sofern tat­säch­lich ein Gewinn an Sicher­heit ver­bun­den und der Schutz der Intim­sphä­re strikt gewähr­leis­tet wer­de. Die­se Mach­bar­keit einer der­ar­ti­gen strik­ten Gewähr­leis­tung stellt der Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Peter Schaar gänz­lich in Fra­ge:

Kön­nen die neu­en Scan­ner tat­säch­lich unter­schei­den zwi­schen einer Bein­pro­the­se und einem am Unter­schen­kel ange­brach­ten Gegen­stand? Müs­sen Brust­am­pu­tier­te damit rech­nen, dass ihr Implan­tat offen­bar wird? Wie sieht es mit Trans­se­xu­el­len aus, deren äuße­res Erschei­nungs­bild und die pri­mä­ren Geschlechts­merk­ma­le nicht über­ein­stim­men? Kann der Scan­ner wirk­lich unter­schei­den zwi­schen einem Spreng­stoff­päck­chen und einem künst­li­chen Darm­aus­gang? Und was zeigt der Scan­ner an, wenn Men­schen, die an Inkon­ti­nenz lei­den, eine Win­del tra­gen (das sind allein in Deutsch­land schät­zungs­wei­se an die 10 Mil­lio­nen Betrof­fe­ne)?

The­ma Steu­er­ge­rech­tig­keit: Unter dem von der FDP für unkri­ti­sier­bar gehal­te­nen Aus­spruch “Wachs­tum schafft Arbeit” geben sich bei der FDP die Wirt­schafts­lob­by­is­ten der­art die Klin­ke in die Hand, dass von einem Wäh­ler­auf­trag nicht ernst­haft noch eine Rede sein kann. Dabei wird der Begriff “Wachs­tum” als Lösung aller wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me z.b. von Mein­hard Mie­gel (CDU) stark in Fra­ge gestellt:

Mitt­ler­wei­le haben wir einen mate­ri­el­len Lebens­stan­dard erreicht, der soviel höher ist als der Lebens­stan­dard der übri­gen Mensch­heit, dass es nicht mehr sinn­voll sein kann, wei­ter in die­se Rich­tung zu mar­schie­ren. Und abge­se­hen davon ist es gar nicht mehr mög­lich, die­se Art von mate­ri­el­lem Wachs­tum immer wei­ter zu trei­ben. Die natür­li­chen Res­sour­cen fal­len aus. Die Ener­gie fällt aus. Die Umwelt­be­las­tung nimmt zu. Wir müs­sen also Abschied neh­men von dem ursprüng­lich mal sinn­vol­len, aber mitt­ler­wei­le über­hol­ten Kon­zept.

Die geistig-politische Wen­de der FDP, sie ist nicht mehr als die Wie­der­ein­füh­rung des alten Stan­des­dün­kels. Ein Relikt einer Zeit, die man schon für über­wun­den hielt. Aber wer sagt, das Wen­den immer posi­tiv sein müs­sen. Dabei wäre eine sozial-energiepolitische Wen­de der­zeit doch so begrü­ßens­wert.

Aktua­li­sie­rung
Als ob es noch eines wei­te­ren Nach­wei­ses bedurft hät­te: Der FDP-Gesundheitsminister lässt Reform von Lob­by­is­ten erar­bei­ten.

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Vol­ker Pis­pers über das Wachs­tums­dog­ma:

WDR 2 Klar­text: Die FDP gegen den Rest der Welt

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Die ZEIT: Die Bun­des­re­gie­rung rui­niert die Bun­des­bank
Sci­en­ce­B­logs: Das Soli­da­ri­täts­schrei­ben für IQWiG-Chef Sawi­cki
SPIEGEL Online: Ärz­te machen sich für kri­ti­schen Arz­nei­mit­tel­prü­fer stark
Süd­deut­sche Zei­tung: CSU und FDP — Neu­ro­ti­sches Ver­hält­nis

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Merkel ‘not amused’ über kritische Frage

Der für den Tele­graaf schrei­ben­de freie Jour­na­list Rob Savel­berg hat sei­nen Arti­kel zur Pres­se­kon­fe­renz zum Ende der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ver­öf­fent­licht. Hier die Über­set­zung aus dem Nie­der­län­di­schen:

http://www.telegraaf.nl/buitenland/5156227/__Luchtjes_aan__Mannschaft___.html?p=22,1

Etwas Faul an Mer­kels Mann­schaft

Die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel war not amu­sed als der Kor­re­spon­dent des Tele­graaf, Rob Savel­berg, sie nach den Umstän­den der Beru­fung von Wolf­gang Schäub­le zum Finanz­mi­nis­ter frag­te.

Mer­kel mach­te ges­tern erleich­tert ihr neu­es Kabi­nett bekannt. Ihre “Mann­schaft” besteht aus einer mit­te­rech­ten Koali­ti­on von CDU/CSU und FDP, die unse­re Ost­nach­ba­ren aus dem wirt­schaft­li­chen Morast zie­hen muss. Aber es bestehen Zwei­fel über die Ver­trau­ens­wür­dig­keit und Eig­nung eini­ger Minis­ter Mer­kels.

Mit­ten in der größ­ten finan­zi­el­len Kri­se seit 1929, zu einem Zeit­punkt, in dem die Staats­schuld explo­diert und ver­sa­gen­de Ban­ken mit einer hal­ben Bil­li­on Steu­er­geld geret­tet wer­den müs­sen, ver­traut Mer­kel die Finan­zen von 82 Mil­lio­nen Deut­schen an einen kon­ser­va­ti­ven Par­tei­ge­nos­sen, der an einem aku­ten Erin­ne­rungs­ver­lust litt.

Am 2. Dezem­ber 1999 erklär­te Wolf­gang Schäub­le, dass er den obsku­ren Waf­fen­händ­ler Karl-Heinz Schrei­ber nur ein Mal in einem Hotel in Bonn gese­hen habe. Bei der Befra­gung im Deut­schen Bun­des­tag “ver­gaß” Schäub­le, dass er bei einem zwei­ten Tref­fen mit dem Lob­by­is­ten nur einen Tag spä­ter im Büro, einen Brief­um­schlag mit 100.000 DM bekam.

Das ille­ga­le Geschenk blieb mona­te­lang in einer Schub­la­de lie­gen. Schluss­end­lich kos­te­te die Schmier­geld­af­fä­re Alt­kanz­ler Hel­mut Kohl und Kron­prinz Wolf­gang Schäub­le den Kopf. Schrei­ber ist nach jah­re­lan­ger Flucht gera­de an Deutsch­land aus­ge­lie­fert wor­den. Jetzt darf es Schäub­le (67) erneut pro­bie­ren. Mer­kel stam­mel­te ges­tern nach den Fra­gen des Tele­graafs über die beschmutz­te Ver­gan­gen­heit von Schäub­le: “Er hat viel Erfah­rung und unser volls­tes Ver­trau­en.” Die Kanz­le­rin reagier­te etwas von der Rol­le durch die Kon­fron­ta­ti­on mit der Ver­gan­gen­heit, auch Koali­ti­ons­part­ner und neu­er deut­scher Vize­kanz­ler Gui­do Wes­ter­wel­le schloss aus Ver­zweif­lung kurz die Augen.

Schäub­les Ernen­nung ist nicht die ein­zi­ge, die zu Stirn­run­zeln führ­te. Im Außen­mi­nis­te­ri­um bekommt es die Welt fort­an mit Wes­ter­wel­le, dem Vize­kanz­ler des größ­ten EU-Landes zu tun. Der libe­ra­le Par­tei­vor­sit­zen­de der FDP spricht jedoch deren Spra­chen nicht. Bei einer Pres­se­kon­fe­renz stell­te ein BBC-Reporter ihm eine Fra­ge auf eng­lisch und Wes­ter­wel­le zeig­te Ner­ven. Auf dem Video­ka­nal You­Tube kann man sehen, wie Wes­ter­wel­le sich mokiert, in Deutsch­land müs­se deutsch gespro­chen wer­den. Dane­ben schau­te man in Ber­lin sor­ge­voll auf die Rei­sen, die Wes­ter­wel­le in die Ara­bi­sche Welt machen wird. Zwei­fel­los wird er ab und zu sei­nen Lebens­part­ner mit­neh­men, aber es ist unklar, wie mus­li­mi­sche Län­der auf die homo­se­xu­el­le Bezie­hung Wes­ter­wel­les reagie­ren. In jedem Fall wer­den die Bezie­hun­gen zu den USA stark blei­ben. Sowohl die FDP, die CDU und die bay­ri­sche Schwes­ter­par­tei CSU bestehen aus über­zeug­ten Ver­bün­de­ten der trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen. Den­noch wird die zwei­te Regie­rung Mer­kels die Ame­ri­ka­ner bit­ten, die letz­ten Kern­waf­fen in Deutsch­land, Über­bleib­sel des Kal­ten Krie­ges, vom Bun­des­ge­biet abzu­zie­hen.

Wei­ter­hin ist die deut­sche Regie­rung das Resul­tat eines poli­ti­schen Stuhl­tan­zes. Der stüm­per­haf­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Franz-Josef Jung, der nie ein­räum­te, dass sich sein Land in Afgha­ni­stan im Krieg befin­det, darf sich jetzt als Arbeits­mi­nis­ter ver­su­chen. Der ein­fluss­rei­che Wirt­schafts­mi­nis­ter, Karl-Theodor Graf zu Gutenn­berg, nimmt die Ver­tei­di­gung unter sei­ne Fit­ti­che.

Schäub­le wird als Innen­mi­nis­ter durch Tho­mas Mai­zié­re (CDU), einem engen Ver­trau­ten Mer­kels, ersetzt. Die far­ben­fro­he Ursu­la von der Ley­en, Mut­ter von 7 Kin­dern, bleibt als Fami­li­en­mi­nis­te­rin Ansprech­part­ne­rin von André Rou­vo­et. Eine wei­te­re Über­ra­schung ist die Beru­fung des 36-jährigen FDP-ers Phil­ipp Rös­ler, der als viet­na­me­si­sches Kind durch eine deut­sche Fami­lie adop­tiert wur­de, zum Gesund­heits­mi­nis­ter.

mehr:

Rob Savel­berg im Inter­view mit Welt Online:
Schäub­le ist kei­ne sau­be­re Per­son.

Die Über­set­zung wur­de von Rob Savel­berg auto­ri­siert.
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Vol­ker Pis­pers 1993 über Wolf­gang Schäub­le

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