Zwischen Verschwörungstheorie und Überwachungsperfektion: Das Projekt INDECT

Wenn man eine neue Welt­be­herrschungs­geschichte aus Motiv­en von Orwells 1984, Dicks Minor­i­ty Report und Dür­ren­matts Die Physik­er schreiben wollte, dann käme wohl so etwas raus wie INDECT. INDECT ist das “Intel­li­gente Infor­ma­tion­ssys­tem zur Unter­stützung von Überwachung, Suche und Erfas­sung für die Sicher­heit von Bürg­ern in städtis­ch­er Umge­bung”. Und überwacht, gesucht und erfasst wer­den: Bürg­er.

Ob in Fußball­sta­di­en, in der Straßen­bahn, am Bahn­hof, in Einkauf­szen­tren oder beim Demon­stra­tio­nen: In Deutsch­land wer­den Men­schen in der Öffentlichkeit dauernd überwacht. Das Pro­jekt INDECT sieht vor, die Dat­en von allen ver­füg­baren Überwachungssys­te­men zu sam­meln und in Echtzeit auszuw­erten: Vor­rats­daten­spe­icherung, Handy­or­tung, Tele­fonüberwachung, fest instal­lierte und mobile Videokam­eras, Gesicht­serken­nung, beste­hende Daten­banken und Inter­net­seit­en. Damit ließe sich eine mobile Zielver­fol­gung, wie man sie aus Kriegsszenar­ien ken­nt, in Innen­städten durch­führen. Die Pro­jek­tver­ant­wortlichen haben ihre Phan­tasien dazu auch schon ver­filmt. Bis­lang scheit­erten der­ar­tige Daten­samm­lung­spro­jek­te immer am Infor­ma­tion­süber­fluss und an zueinan­der inkom­pat­i­blen Daten­banken. Dieses Prob­lem hat man inzwis­chen in den Griff bekom­men.

Weil die Polizei mit einem solchen Pro­jekt schon per­son­ell über­fordert wäre, sollen Com­put­er die Arbeit übernehmen und Videoauf­nah­men nach abnor­malem Ver­hal­ten auswerten. Unter­sucht wer­den also ent­ge­gen aller Unschuldsver­mu­tung alle erfassten Per­so­n­en. Abnor­males Ver­hal­ten beste­ht nach Vor­gabe des Pro­jek­ts u.a. beim Fluchen in der Öffentlichkeit, beim Ren­nen am Flughafen, bei zu langem Aufen­thal­ten in Tür­bere­ichen, aber auch beim Zusam­men­tr­e­f­fen zu viel­er Per­so­n­en in Fußgänger­zo­nen. Hooli­gans, Sex­u­al­straftäter und Ter­ror­is­ten sind die üblichen Verdächti­gen, nach denen Auss­chau gehal­ten wer­den soll. Die Ergeb­nisse der Com­puterun­ter­suchun­gen wer­den schließlich zu einem automa­tis­chem Benachrich­ti­gungssys­tem weit­ergeleit­et. Der erste ern­sthafte Ein­satz von INDECT kön­nte bei der Fußball-WM 2012 in Polen stat­tfind­en. Zwar sagen die Pro­jek­tver­ant­wortlichen, dass nicht geplant sei, INDECT dort einzuset­zen, aber Genehmi­gun­gen zu Testzweck­en in Sta­di­en wur­den auch für diesen Zeitraum einge­holt. Neben der nor­malen Überwachung plant man beim Pro­jekt INDECT, Fangesänge live auf eine aufkeimende Bedro­hung abzuhören. Für die Überwachung an Orten mit zu wenig instal­lierten Kam­eras sind Drohnen vorge­se­hen, die mit Kam­eras aus­ges­tat­tet sind. Der­ar­tige Flug­geräte wer­den in Deutsch­land schon bei Cas­tor-Trans­porten einge­set­zt.

In Deutsch­land ist neben Videoüberwachungs­fir­men die Uni­ver­sität Wup­per­tal an INDECT beteiligt. Dort erforscht man für das Pro­jekt, inwiefern sich aus Bildern und Videos Anze­ichen von möglicher­weise straf­baren Hand­lun­gen erken­nen lassen. Die zuständi­gen Wis­senschaftler in Wup­per­tal sehen sich allerd­ings nicht in irgen­dein­er Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen ihrer Forschung. Man lief­ere nur die Grund­la­gen­forschung und sei nicht für die Ver­wen­dung ihrer Ergeb­nisse zuständig. Von Gewis­sens­bis­sen, wie sie Dür­ren­matts Physik­er plagten, keine Spur. Eben­so wie die EU-Kom­mis­sion stellt man es so dar, als ob es sich bei INDECT bis­lang nur um ein auf bloße Forschung begren­ztes Pro­jekt han­delt. Der AStA Wup­per­tal sowie weit­ere linke Stu­den­ten­grup­pen fordern seit let­ztem Novem­ber den sofor­ti­gen Ausstieg der Uni­ver­sität aus diesem Pro­jekt. Das Ver­hal­ten der Wup­per­taler Forsch­er sei so, meint Kai Noth­durft, als ob man eine Waffe erfind­et, aber nicht mitver­ant­wortlich sei, wenn jemand diese Waffe tat­säch­lich benutzt. Im Kern befind­et sich die Wis­senschaft hier in einem Zwies­palt. Wie kann man sich vehe­ment gegen die Tren­nung von Wis­senschaftler und Vertei­di­gungsmin­is­ter wehren, während man die Aufteilung in Forsch­er und Ver­ant­wortliche hin­nimmt?

Das EU-Pro­jekt ist auch auf poli­tis­ch­er Ebene höchst umstrit­ten: Zwar gibt es eine Ethik-Kom­mis­sion für dieses Pro­jekt, allerd­ings durften die Pro­jek­tver­ant­wortlichen diese Kom­mis­sion nach eigen­em Ermessen beset­zen. Und so entschei­det die Ethik-Kom­mis­sion inzwis­chen neben ihrer eigentlichen Auf­gabe auch darüber, welche Infor­ma­tio­nen über das Pro­jekt her­aus­gegeben wer­den. Das führt zu so bizarren Sit­u­a­tio­nen wie der fol­gen­den: Das EU-Par­la­ment hat an das Pro­jekt eine Anfrage gestellt, nach welchen Kri­te­rien die Ethikkom­mis­sion beset­zt wor­den sei. INDECT ver­weigerte schlicht die Auskun­ft.

Noch ste­hen der Umset­zung der Forschun­gen des Pro­jek­ts tech­nis­che und rechtliche Hür­den im Weg. Allerd­ings meint der EU-Abge­ord­nete Alexan­der Alvaro (FDP), die “Men­schen­such­mas­chine” INDECT sei wie “ein Tanker, der schw­er aufzuhal­ten sei, wenn er erst ein­mal auf Kurs ist”. Wer prof­i­tiert also von diesem Pro­jekt?

Pro­jek­t­beteiligte erzählen ziem­lich offen, dass wirtschaftliche Inter­essen dur­chaus eine Rolle spie­len:

Why not com­mer­cial­iz­ing it?

Gut, vielle­icht schon deswe­gen nicht, weil dieses Pro­jekt öffentliche Gelder ver­schlun­gen hat. Aber wer an der­ar­ti­gen Stellen auf rhetorische Fra­gen zurück­greift, der will über Daten­schutz wohl nicht ern­sthaft nach­denken.

Es ist derzeit nicht zu sagen, ob der­ar­tige Pro­jek­te zu mehr Sicher­heit führen oder die Bürg­er durch Dauerüberwachung zutief­st verun­sich­ern. Allerd­ings kön­nte INDECT ein Parade­beispiel sein, wie Innen­poli­tik durch sekundäre Inter­essen aus­ländis­ch­er Organ­i­sa­tio­nen und Aus­nutzung von Schwach­stellen der EU bee­in­flusst wird, und nationale Restrik­tio­nen umgan­gen wer­den.

Dann wäre nicht mehr die Frage, ob der Schutz vor kör­per­lich­er Unversehrtheit gegen den Schutz der Pri­vat­sphäre aus­ge­spielt wird, zen­tral, son­dern ob Maß­nah­men zur physis­chen Sicher­heit der Bevölkerung die Staat­sauf­gabe zur Her­stel­lung von Rechtssicher­heit unter­graben.

weit­er­führende Links:
Seite des FIfF zu Indect — http://panopticum-europe.eu/

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Indect

Die Pro­jek­t­seite – http://www.indect-project.eu/
Domin­go Con­te – http://nomenom.blogspot.com/2011/01/projekt-indect_15.html, http://nomenom.blogspot.com/2011/01/uberwachungsstaat-20.html
West­deutsche Zeitung, 15.02.2011 – http://www.wz-newsline.de/home/panorama/video-ueberwachung-indect-grosser-bruder-aus-wuppertal-1.578701

Piraten­partei Deutsch­land – www.stopp-indect.info
Alexan­der Alvaro im Deutsch­land­funk – http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1367715/

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Lesezeichen vom 21.09.2011

Die Nachtgeschichten von heute

  • Zum Tod des Net­zpub­lizis­ten Robin Mey­er-Lucht: Meis­ter der Debat­te — Dig­i­tales Denken — Feuil­leton — FAZ.NET — Aufgeweckt waren viele sein­er Texte, leb­haft bis stre­itlustig die Debat­ten, die er mit dem von ihm gegrün­de­ten Blog Car­ta ent­fachte: Der Medi­en­wis­senschaftler und Jour­nal­ist Robin Mey­er-Lucht ist im Alter von 38 Jahren gestor­ben.
  • pri­macall zahlt, Spree­blick nimmt Beitrag dem Netz − Buskeis­mus — Wie so oft, die Äußerungs­frei­heit bleibt auf der Strecke. Gewin­ner sind die bei­den bekan­nten, vor­wiegend als Abmah­n­er bekan­nten Anwälte. Die Anwälte haben eine zusät­zliche Ver­hand­lungs­ge­bühr erstrit­ten. Bei einem Stre­itwert von 42.000 €, sind das immer­hin für jeden Anwalt ca. 1.500 € (zusam­men 3.000,00 €). 1/3 davon – ca. 1.000,00 € — zahlt Spree­blick. So teuer ist Spree­blick diese Seite gekom­men.
  • Vizekan­zler-Gat­tin Wiebke Rösler: „Philipp, viel Spaß mit den Kröten“ | RP ONLINE — Ich glaube, dass Fam­i­lien­poli­tik wenig bringt. Eltern müssen begreifen, dass nicht nur der Entschluss zu Kindern und die Entste­hung der Kinder ein Gemein­schaft­spro­jekt ist. Es sollte nicht mehr als Nor­mal­fall gel­ten: Der Mann geht arbeit­en, die Frau bekommt Kinder, und wenn sie dann wieder arbeit­en geht, hat sie halt Beruf und Kinder. Nor­mal­fall sollte sein: Bei­de gehen alles gemein­sam an. Und zwar, weil man das so will — und nicht, weil man das von oben verord­net bekommt oder es finanzielle Anreize gibt. Das muss von einem selb­st kom­men, es ist eine Sache der Ein­stel­lung. Genau­so müssen auch Müt­ter abgeben kön­nen. Ich erlebe oft, dass Müt­ter ganz schlecht Auf­gaben an Väter abgeben. Da sind die Kinder falsch ange­zo­gen, er hat ‚mor­gens natür­lich den falschen Käse auf das Früh­stücks­brot gemacht’, falls es nicht sowieso ein­fach Kekse gab. Und dass ‚er die Kleine nach dem Mit­tagss­chlaf mit dem Mor­gen­gruß weckt — die kommt ja ganz durcheinan­der’.
  • Christoph Kappes zum Tod von Robin Mey­er-Lucht — Mit Robin Mey­er-Lucht hat uns ein kluger Kopf ver­lassen, der zeitweilig auch diese Zeitung beri­et. Die Som­mer­pause, in die er Car­ta im Juni diesen Jahres schick­te, endet nicht mit dem Herb­st und seinen reifen Frücht­en.
  • Neue Panne: Wahlun­ter­la­gen im Müll gefun­den — Berlin — Tagesspiegel — Einen Tag nach dem Bekan­ntwer­den des Zählfehlers in Licht­en­berg gibt es die näch­ste Wahlpanne. In Lichter­felde wur­den ungeöffnete Briefwahlun­ter­la­gen im Müll gefun­den. Die Krim­i­nalpolizei ermit­telt.
  • die enno­mane » Blog Archive » Die Piraten­partei vs. Sascha Lobo — so lange Sascha Lobo u.a. von den Ein­nah­men sein­er Büch­er lebt und auf der Gehalt­sliste divers­er Medi­en­häuser ste­ht, wird er die Piraten­partei vor allem in der Urhe­ber­rechts­frage immer kri­tisieren und angreifen.
  • Ruhe in Mün­ster — Mün­ster ist die leis­es­te Großs­tadt in ganz Deutsch­land. Unter­sucht haben Forsch­er des Fraun­hofer-Insti­tuts alles, was es an Lärm gibt zwis­chen Autos, Zügen und Indus­trie — und dem­nach ist Mün­ster jet­zt nicht mehr nur die lebenswerteste Stadt son­dern auch Oase der Ruhe.
  • Nachruf auf Robin Mey­er-Lucht | Netzpiloten.de — das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 — Ich kan­nte Robin Mey­er-Lucht nicht per­sön­lich. Er hat­te carta.info aus dem Boden gestampft und dort habe ich ihn über­haupt zum ersten Mal wahrgenom­men. Ich habe car­ta manch­mal gehas­st, manch­mal gemocht. Aber eines muss ich aus Sicht eines Online-Jour­nal­is­ten sagen: Er hat einen Stein in die deutsche Online-Land­schaft gerollt.
  • Robin Mey­er-Lucht: Haber­mas, die Medi­en, das Inter­net — Die demokratis­che Öffentlichkeit hängt nicht davon ab, dass ihr von ihren tra­di­tionellen Inhab­ern in den etablierten Medi­en mit­geteilt wird, was sie denken soll. Anders als Jür­gen Haber­mas glaubt, emanzip­iert sie sich erst im Inter­net.
  • Wolf­gang Michal » Burnout im Netz? - — alles, was bish­er passiert ist, war nur das Aufwärm­train­ing vor dem Start, das Sich-Aus­pro­bieren, das Üben, das Vor­spiel. Jet­zt wird es ernst.
  • Nicht NRW, Berlin entschei­det — Käme bei ein­er Neuwahl 2012 eine rot-grüne Mehrheit­sregierung zus­tande, kön­nte sie gle­ich zu Beginn der neuen Leg­is­laturpe­ri­ode die unver­mei­d­baren Grausamkeit­en bege­hen, ohne befürcht­en zu müssen, sofort abges­traft zu wer­den. Bei der näch­sten reg­ulären Land­tagswahl 2017 wären die Kürzun­gen längst vergessen und vergeben.
  • Währungsre­form for Dum­mys — Dum­my: Kannst nen 10ner wech­seln?<br />
    Tad­di: Was willst Du denn mit dem Wech­sel­geld, ist doch bald eh nix mehr wert. Pass auf wir ma­chen es so, du gib­st mir den 10ner, und über­nimmst den nächs­ten Monat die Shakes, und wenn die D-Mark nächs­ten Monat kommt, zahle ich dir alles zum Wech­sel­kurs zu­rück.<br />
    Dum­my: Cool, ne win win Si­tua­ti­on.
  • Jed­er achte Jugendliche lei­det unter Sozial­pho­bie — Ser­vice — sueddeutsche.de — Etwa jed­er achte Jugendliche hat ein­er Studie zufolge Angst vor anderen Men­schen. «Soziale Pho­bi­en sind bei Her­anwach­senden zwis­chen 14 und 20 Jahren weit ver­bre­it­et», berichteten Frank­furter Psy­cholo­gen am Mon­tag.
  • Grü­nen-Konkur­renz Piraten­partei: Ups, die sind ja gefährlich! — taz.de — Der sen­sa­tionelle Erfolg der Pirat­en alarmiert die Grü­nen: Sie bekom­men im linken Lager Konkur­renz, die auf die gle­iche Klien­tel zielt — allerd­ings ohne Frauen­quote.
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Guten Morgen

Morgenkaffee

Nach der einiger­maßen von SPD gewonnenen Wahl des Berlin­er Abge­ord­neten­haus­es hält Herib­ert Prantl einen Kan­zlerkan­di­dat­en Wow­ere­it den­noch für keine gute Wahl:

Es ist schon bemerkenswert: Das Gefühl, dass sich nichts bewegt, führt in der Stadt Berlin zur Bestä­ti­gung des Amtsin­hab­ers; Wow­ere­it verun­sichert nicht, weil er nichts bewegt. In der Repub­lik aber ist es anders. Da erzeugt das Gefühl, dass Verän­derung endlich ein Konzept braucht, einen Wind of Change. Noch nie hat man in der Mitte ein­er Leg­is­latur eine so abgewirtschaftete Bun­desregierung erlebt.

Das sehen SPD-Linke anders. Die monothe­ma­tis­che Piraten­partei sind sprach­los über ihren Erfolg. Die Recht­en sauer. Der­weil ist in der FDP ein Hauen und Stechen aus­ge­brochen.

In Ital­ien wer­den ger­ade abge­hörte Tele­fonate Berlus­co­nis mit seinen Gespielin­nen veröf­fentlicht.

Christoph Süß beschäftigt die Euroschuldenkrise:

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Und während ich mir die Frage stelle: Wer kippt als erstes in der FDP? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Klaus Kocks und die Piraterie

Meine Güte, einen so strun­zdäm­lichen Text über Poli­tik habe ich auch schon lange nicht mehr gele­sen: Klaus Kocks ver­sim­pelt die Piraten­partei auf den Nen­ner, sie sei, weil sie gegen den Begriff des geisti­gen Eigen­tums sei, gän­zlich gegen Pri­vateigen­tum:

Wer Frei­heit und Sozial­is­mus will, muss Pri­vateigen­tum und Wet­tbe­werb wollen.

Ich stimme der Piraten­partei in ihrer Argu­men­ta­tion zum geisti­gen Eigen­tum nicht zu, aber aus ihr fol­gert sich nicht, dass man gle­ich ganz gegen Pri­vateigen­tum und Wet­tbe­werb ist. Und dass die Piraten­partei für Sozial­is­mus sein soll, der meines Eracht­ens ger­ade mit Frei­heit, Pri­vateigen­tum und Wet­tbe­werb auf Kriegs­fuß ste­ht — nein, Herr Kocks ist da wohl ein­fach durcheinan­der gekom­men.

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Jugendverdrossenheit?

Ach, Gottchen, was soll man denn nun schon wieder mit so einem Text anfan­gen? John­ny Haeusler wäh­nt beim Tagesspiegel, Poli­tik­er kön­nten jugend­ver­drossen sein. Dies tut er mit Blick auf die E-Peti­tion von vor ein paar Tagen. Bei aller Liebe, John­ny, das war nicht die Jugend. Ich glaube auch nicht, dass die Piraten­partei die Jugend ist. Der Text bauscht lediglich Unter­stel­lun­gen auf. Poli­tiker­bash­ing nach dem Baukas­ten­prinzip. (Übri­gens das­selbe Baukas­ten­prinzip, nach dem Lobo in der Vor­wärts inkl. völ­lig vergeigtem Aris­tote­les-Bezug meinte, dass die Alten die Jun­gen wegen ihrer Tech­nikbegeis­terung geißeln. )

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Anderthalb Wochen vor der Land­tagswahl in Berlin sieht es dort so aus, als ob die Piraten­partei in den Land­tag einzieht, die FDP es nicht schafft und rot-rot passé ist.

In diversen Blogs disku­tiert man über die Erstaus­gabe der deutschen WIRED. Don Alphon­so kann der Aus­gabe wenig abgewin­nen. Ich für meinen Teil habe noch von über­haupt keinem The­ma der Aus­gabe gehört, das ern­sthaft inter­es­sant ist. Warum also kaufen?

Der Erfind­er des E-Books, Michael Stern Hart, ist gestor­ben. Auf Boing­bo­ing erin­nert sich´Mark Frauen­felder an ihn.

Und während ich mir die Frage stelle: Hat diese Amerikaaffinität in tech­nis­chen Din­gen inzis­chen religöse Züge angenom­men? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Lesezeichen

  • Lars von Tri­er im Inter­view: “In jedem von uns steckt ein klein­er Nazi” — Kul­tur | STERN.DE
  • Das.Geht.Nicht. | law blog — Es bedarf kein­er großen Phan­tasie, dass die weitaus meis­ten Tat­en in den über­haupt von der Sta­tis­tik erfassten Kat­e­gorien das virtuelle Äquiv­a­lent von Delik­ten sind, wie sie auch im wirk­lichen Leben alltäglich sind. Oder will ern­sthaft jemand behaupten, mit Hil­fe eines Com­put­ers bei ebay abzock­en ist per se schlim­mer als bei Karstadt mopsen? Auch im Netz haben wir es also vor­wiegend mit ein­fach­er bis mit­tlerer Krim­i­nal­ität zu tun. Von daher wun­dert es schon, wenn der Bun­desin­nen­min­is­ter auch die Vorstel­lung der Krim­i­nal­sta­tis­tik 2011 dazu nutzt, die Wer­be­trom­mel für die Vor­rats­daten­spe­icherung zu rühren: “Die nahezu unge­brem­sten Möglichkeit­en, die das Inter­net eröffnet, schaf­fen spiegel­bildlich auch mehr Anreize und Möglichkeit­en zu ihrer miss­bräuch­lichen Nutzung. Es muss alles getan wer­den, um daraus resul­tierende Schut­zlück­en – wie zum Beispiel die derzeit fehlende Min­dest­spe­icher­frist von Kom­mu­nika­tionsverbindungs­dat­en – so schnell wie möglich zu schließen.” <br />
    <br />
    Das. Geht. Nicht.
  • futurezone.at | Polizei dreht deutschen Piraten­partei-Serv­er ab — Auf der östere­ichis­chen Mail­ingliste der Piraten­partei schreibt ein Aktivist dazu: “Die Serv­er ein­er Partei, die sich vor allem im Inter­net engagiert, wenige Tage vor ein­er Wahl ein­fach abzu­drehen und wahrschein­lich die Dat­en ihrer Mit­glieder zu kopieren, ist jeden­falls ein Quan­ten­sprung für die poli­tis­che Repres­sion in Europa.”
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Lesezeichen

  • FR-Inter­view: „So viel Macht habe ich mir echt nicht zuge­traut“ | Medi­en — Frank­furter Rund­schau — Sascha Lobo wohnt zwar gegenüber von unserem Büro, aber ent­ge­gen der landläu­fi­gen Mei­n­ung, dass wir dadurch jeden Tag aufeinan­der hän­gen, hat er mit dem Vere­in rel­a­tiv wenig zu tun. Unsere Net­zw­erke wussten davon, aber auch nicht alle. Bei Robin Mey­er-Lucht wusste ich vor allem nicht, ob er aus Sicht sein­er Ver­lags­ber­ater-Tätigkeit oder als E-Plus-Lob­by­ist gegen die Idee schießt, dass mal jemand Nutzer­in­ter­essen, die in der Regel diame­tral zu den Inter­essen von Robin Mey­er-Luchts Auf­tragge­bern ste­hen, in Form ein­er in Zukun­ft vielle­icht schlagkräfti­gen Organ­i­sa­tion vertreten möchte.
  • Studie zu Engage­ment von Jugendlichen: Schul­stress block­iert die Hil­fs­bere­itschaft | RP ONLINE — Tur­bo-Abitur und Tur­bo-Stu­di­engänge block­ieren ein­er Studie zufolge die Hil­fs­bere­itschaft der Jugendlichen in Deutsch­land. Nach der Unter­suchung der Ber­tels­mann-Stiftung und des Bun­des­fam­i­lien­min­is­teri­ums engagieren sich Schüler und Stu­den­ten einem Zeitungs­bericht zufolge immer weniger in der Gesellschaft.
  • OST:BLOG: Erin­nerun­gen an Tsch­er­nobyl — Jenz Stein­er befragte auf sein­er Reisen durch Rus­s­land und Belarus, aber auch in Berlin, immer wieder Leute, welche Erin­nerun­gen sie mit der Tsch­er­nobyl-Katas­tro­phe vor einem Viertel­jahrhun­dert verbinden. Her­aus kam eine kleine Samm­lung erschreck­ender, ganz sub­jek­tiv­er Details, die nie in einem Geschichts­buch ste­hen wer­den:
  • Kretschmann will weniger PKWs: Auf­schrei im Autoland — taz.de — Müssen Porsche und Daim­ler massen­haft teure Luxu­skarossen bauen? Der desig­nierte Min­is­ter­präsi­dent Baden-Würt­tem­bergs stößt eine Debat­te an – und ern­tet Kri­tik.
  • Sach­sen-Anhalt will NPD-Ver­bot — “Lieber Lok­führer als Bremser” — Poli­tik — sueddeutsche.de — Bos­bach erk­lärte, die Risiken eines neuen Ver­botsver­fahrens seien erhe­blich: “Wir müssten die V-Leute aus der NPD abziehen. Und wir befän­den uns dann bei der Beobach­tung der Partei für eine län­gere Zeit im Blind­flug”.
  • Vater der CD gestor­ben — sueddeutsche.de — Er war nicht nur ein Musik­lieb­haber. Er war auch ein­er der ein­flussre­ich­sten Musik­man­ag­er. Und so kon­nte sich Norio Ohga vor 30 Jahren diesen Wun­sch erfüllen: Beethovens neunter Sin­fonie zu lauschen, ohne Unter­brechung. Eine sil­brig glänzende Scheibe brauchte es dazu. Mit zwölf Zen­time­tern Durchmess­er, für 74 Minuten, die bis dahin läng­ste Ein­spielung von Beethovens Neunter. Ohne Norio Ohga, Ama­teur-Bari­ton-Sänger und damals Sony-Chef, hätte es die Com­pact Disc wom­öglich nie gegeben.
  • Dig­i­tales Gemeineigen­tum wird zum einge­tra­ge­nen Marken­ze­ichen | Flaschen­post — Am 10. Dezem­ber 2010 wurde die weitver­bre­it­ete und oft ver­wen­dete Zeichen­folge „<3“ von ein­er ital­ienis­chen Fir­ma als Marken­ze­ichen einge­tra­gen.
  • Kopieren als Reli­gion: Isak glaubt ans Duplizieren — jetzt.de — Mis­sion­ar­ische Kirche des Kopierens nen­nt sich eine Organ­i­sa­tion, die Anfang des Monats in Schwe­den ins Leben gerufen wurde. Ziel der neuen Glaubens­ge­mein­schaft ist es, das Teilen und Ver­bre­it­en von Dat­en im dig­i­tal­en Raum als Reli­gion anerken­nen zu lassen.
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Guten Morgen

morgenkaffee

Hans-Ulrich Wehler ruft die SPD zur inhaltlichen Auseinan­der­set­zung auf und verbindet dies mit ein­er Analyse von Bil­dungskatas­tro­phen.

Eine Poli­tik­erin der Piraten­partei hat mit einem Blo­gein­trag zur satirischen Ent­las­sung der Bun­desregierung aufgerufen. Immer­hin haben sich für diese Idee 16.000 Peten­ten gefun­den. Nun ver­langt sie — vertreten durch ihren Mann — schon für das Ver­linken des Artikels eine Gebühr. Das find­et der Spiegelfechter aus­ge­sprochen albern.

Das Bun­deskartel­lamt sucht nach Nach­weisen für das wiederkehrende Steigen der Sprit­preise zu Ferien­be­ginn.

Und während ich mir die Frage stelle: Was passiert wohl nach einem Nach­weis, dass die Sprit­preise wirk­lich strate­gisch zu Ferien­be­ginn steigen? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

[Foto: Luc van Gent]

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Edo Reents: Peter Kruse – Der Vollweise

Die FAZ hat inzwis­chen Edo Reents’ Schmähar­tikel auf Peter Kruse frei zugänglich gemacht. Und so kann nun jed­er kosten­los nachvol­lziehen, wie Reents aus der nicht unberechtigten Analyse, dass Kruse pop­ulär­wis­senschaftlich daherkommt, die Grund­stim­mung zu erzeu­gen ver­sucht, Kruse sei ein intellek­tueller Hochsta­pler.
Dabei out­et Reents sich allerd­ings deut­lich selb­st als vorurteils­be­hafteter Laie:

Es ist Kruse, der die bei­den Lager aufeinan­der loslässt, und zwar auf zweifel­hafter Grund­lage: Nur 191 Per­so­n­en wur­den dazu befragt. Fachkreise begeg­nen den daraus abgeleit­eten The­sen skep­tisch. Jür­gen Kuri, stel­lvertre­tender Chefredak­teur des IT-Mag­a­zins „c’t“, hält das für „eine sta­tis­tisch wenig aus­sagekräftige Grund­lage und wis­senschaftlich nicht halt­bar“.

Herr Reents, die c’t ist doch kein Fachkreis für wis­senschaftliche Stu­di­en.
Auch andere Analy­sen Reents sind kaum ver­ständlich:

Doch die Güte und die Geduld des Weltweisen [Kruse] kön­nen schnell umschla­gen in belehren­den Zorn über den Unver­stand der­er, die auch mitre­den wollen. Das war am Rande der Re:publica während eines Inter­views zu erleben, das Alexan­der Kluges Sender dctp mit ihm führte. Schon die Ein­stiegs­frage nach den Net­zw­erken, die er benutze, war ihm nicht gut genug: „Jet­zt müssen wir gle­ich schon anfan­gen, the­o­retisch zu wer­den“, sagte er kopf­schüt­tel­nd: „Welche Net­zw­erke meinen Sie?“ Damit hat­te er den Mod­er­a­tor so weit, die her­ablassende Lek­tion schließlich mit Demut zu quit­tieren: „Immer wieder inspiri­erend, mit Ihnen zu reden!“

Das ver­ste­he ich nun über­haupt nicht: Wie kann denn die Einzel­frage, welch­es Net­zw­erk von mehreren, in ein­er bes­timmten Frage in Frage kom­men, einem Fragesteller gegenüber demüti­gend sein?
Reents sieht sich unbeir­rt selb­st als Aufk­lär­er, als Ent­larv­er des Flöten­spiel­er von Hameln, was er dann aber doch lieber andere sagen lässt:

Einige durch­schauen ihn aber auch. „Da ste­ht er nun und gener­iert Mehrheit­en der schlicht­en Art“, sagte Diet­mar Moews von der Piraten­partei. Blog­ger und Inter­netkom­men­ta­toren äußern sich unverblümt: „Kruse ist der Hyper-Schwobler des Inter­nets, ver­gle­ich­bar nur mit Franz Beck­en­bauer im Fußball oder mit Peter Slo­ter­dijk im Lit­er­aturbe­trieb. Mit sein­er Brachial­rhetorik, sein­er enorm schnellen Sprechgeschwindigkeit, welche dem Zuhör­er keine Chance zu einem klaren Gedanken lässt, ver­mit­telt er die Illu­sion, er hätte unglaublich Bedeu­ten­des und Weg­weisendes mitzuteilen.“

Wer Aufk­lärung aber der­art polemisch in Angriff nimmt, der dro­ht zu scheit­ern. Und eben dies passiert dem Ger­man­is­ten Reents nach all diesem unqual­i­fizierten Rum­spsy­chol­o­gisieren über die Per­son Krus­es am Ende des Textes noch ein­mal:

In der Regel wer­den von Nextprac­tice weniger als zwei­hun­dert Per­so­n­en befragt; dafür wird das mit dem Attrib­ut „qual­i­ta­tives Inter­view“ verse­hen — als hät­ten alle anderen Inter­views keine Qual­ität. Auf den Anspruch auf wis­senschaftliche Seriosität, darauf, etwas Rel­e­vantes über unsere Gesellschaft auszusagen und sie über Beratung auch zu bee­in­flussen, reagiert man in Fachkreisen mit Gelächter. Ursu­la Dehm, die beim ZDF seit vie­len Jahren Medi­en­forschung betreibt, kriegt sich gar nicht wieder ein: „Da dreht sich einem das Empirik­er-Herz um. Das ist quirliger Non­sens.“

Was in Fachkreisen ein qual­i­ta­tives Inter­view genan­nt wird, und wieviele Ver­suchsper­so­n­en für eine wis­senschaftliche akzep­tierte Analyse benötigt wer­den, das ist Reents völ­lig unbekan­nt. Auch dass Reents bei Fachkreisen für wis­senschaftliche Stu­di­en nur die c’t und das ZDF ein­fall­en, erzeugt eine gewisse Irri­ta­tion. Aber er ist anfäl­lig für Leute, die lachen, soviel ver­ste­ht der Leser.
Nun mag Kruse pop­ulär­wis­senschaftlich und für einige platt daherkom­men, das ändert nichts daran, dass eine wis­senschaftliche Analyse nicht dadurch falsch wird, dass ein Laie wie Reents sie nicht ver­ste­ht. Wäre Reents der Aufk­lär­er des Phänomens Kruse, er hätte wis­senschaftlich auf der Höhe sein müssen, dies sach­lich ver­ständlich begrün­den zu kön­nen. So aber ist er genau der unwis­senschaftliche, vorurteilsver­haftete Wind­müh­le­n­an­a­lyst, den er in Kruse zu erken­nen glaubt.
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Bei Gun­nar­sohn sind Reak­tio­nen auf den Text ver­sam­melt.

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