Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Artikel-Schlagworte: „Integration“

Gebrochen deutsch, 23.01.2012, Düsseldorf

Ges­tern waren wir bei der zwei­ten Talk­run­de von Staf­fan Val­de­mar Holm mit Vom Rit­chie (Groß­bri­tan­ni­en, Schlag­zeu­ger (Die Toten Hosen)), Kyo­ko Jastram (Japan, Musik-Lehrerin), Fio­rel­la Fale­ro Rami­rez de Ent­ner (Peru, Studentin/Garderobenpersonal), Iraj Far­zi Kah­kash (Iran, Büdchen-Inhaber) dar­über, wie man in Düs­sel­dorf stran­det und wie­so man es inzwi­schen mag. Das For­mat ist sowas wie ein Selbst­läu­fer. Man bekommt schwe­re wie auch lus­ti­ge Geschich­ten über die Auf­brü­che in die Frem­de zu hören. Man lernt lebens­lus­ti­ge Men­schen ken­nen, an denen man sonst viel­leicht ein­fach nur vor­bei läuft. Dabei kommt die Fra­ge, was an Düs­sel­dorf so toll sein soll, schon fast zu kurz, aber was will man auch sagen? Aus dem Publi­kum kam die ver­such­te Erklä­rung: “Clau­dia Schif­fer.”, wor­auf­hin Holm mein­te: “Das kann es nicht sein.”

Viel­leicht gibt es nicht sol­che Grün­de, viel­leicht gibt es nur die geleb­ten Erfah­run­gen, die alle Gäs­te vor­zu­wei­sen haben. Denn es springt ins Auge, dass alle, die auf der Büh­ne sind, so höf­lich wie offen sind, wenn es um die Geschich­ten der ande­ren geht. Vom Rit­chie erzählt, wie er mit sei­ner Locker­heit stu­ren Münch­ner Poli­zis­ten begeg­net, die sei­ne abge­lau­fe­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis mit “Schei­ße, Schei­ße, Schei­ße” kom­men­tie­ren. Fio­rel­la Fale­ro Rami­rez de Ent­ner beschreibt, wie sie ohne irgend­wie deutsch zu kön­nen nach Deutsch­land kommt, und dort ihr ers­tes Date mit einem Taschen­wör­ter­buch bewäl­tigt. Kyo­ko Jastram erzählt über die musi­ka­li­sche Grö­ße Deutsch­lands, die vor Ort doch etwas anders aus­sieht. Und Iraj Far­zi Kah­kash berich­tet dar­über, wie er im Iran die Revo­lu­ti­ons­be­stre­bun­gen unter­stützt hat, Krieg mit­er­lebt hat und schließ­lich in die DDR kommt, und eines Tages von einen Schleu­ser in West-Berlin aus­ge­setzt wird — ohne die Spra­che zu kön­nen oder irgend­je­man­den zu kennen.

Also ein ganz groß­ar­ti­ges For­mat, das Holm da aus dem Ärmel geschüt­telt hat, und bei dem an die­sem Abend auf­fiel, dass weder der Begriff “Die Toten Hosen”, noch der Begriff “Inte­gra­ti­on” ein ein­zi­ges Mal gefal­len ist. Wenn er es jetzt noch schafft, dem Düs­sel­dor­fer Publi­kum das Klat­schen bei­zu­brin­gen, ist ihm ein Denk­mal sicher.

Alle Ausländer sind herzlich willkommen. — Ach so, nur die Muslime nicht!

Hach, herr­lich.  Es ist doch immer wie­der schön mit­an­zu­se­hen, wie jun­ge Deut­sche ihre argu­men­ta­ti­ven Fähig­kei­ten aus­spie­len: Hier, indem sie einem popu­li­sitsch auf­tre­ten­den “Repor­ter” des rech­ten Blogs Poli­ti­cal­ly Incor­rect voll vor die Wand lau­fen lassen:

[via]

Guten Morgen

morgenkaffee

Neunt­kläss­ler haben im Unter­richt den neu­en Per­so­nal­aus­weis geknackt — mit einer Ein­weg­ka­me­ra, einem Löt­kol­ben und einem Schrau­ben­zie­her. Die Bun­des­re­gie­rung hat­te den neu­en 30€ teue­ren — der alte kos­tet 8€ — aus Sich­her­heits­grün­den ein­ge­führt. Andern­orts reagiert man inten­si­ver auf Bildzeitungsaktionen.

Die Duisburg-Essener Uni­ver­si­tät hat Bild­zei­tungs­re­por­te­rin Ali­ce Schwar­zer zur Mercator-Professorin gemacht, eine Pro­fes­sur für Welt­of­fen­heit und Gedöns.

Harald Schmidt geht vom sich als Natiol­al­mann­schaft den­ken­den Schlaf­sen­der ARD zurück zu Sat1 — und könn­te dort Oli­ver Pocher ver­drän­gen. Wäh­rend­des­sen hat die ARD nichts lus­ti­ges mehr zu bie­ten, kann sich ande­rer­seits im Poli­tik­ge­plap­per nicht sinn­voll begrenzen.

Deut­sche, mus­li­mi­sche Kul­tur­schaf­fen­de haben einen offe­nen Brief an Bun­des­prä­si­dent Wulff verfasst:

was wir momen­tan beob­ach­ten, ist lei­der das Gegen­teil eines sol­chen Pro­zes­ses, in dem Men­schen auf­ein­an­der zuge­hen, damit Gutes ent­steht. Wir erle­ben, wie sich Tei­le der Bevöl­ke­rung von ande­ren abset­zen. Wie Min­der­hei­ten aus­ge­deu­tet und öffent­lich als “Ande­re” mar­kiert wer­den. Die Ton­la­ge ist oft genug nicht neu­gie­rig und gesprächs­be­reit, son­dern aggres­siv und dif­fa­mie­rend. Für Mus­li­min­nen und Mus­li­me ist der­zeit nicht ein­mal der Gang zum Zei­tungs­händ­ler leicht, weil sie nie wis­sen, wel­che Schlag­zei­le, wel­ches ste­reo­ty­pe Bild sie dort erwar­tet. Auch in der Schu­le, bei der Arbeit und am Aus­bil­dungs­platz kann es sein, dass einem Feind­se­lig­keit entgegenschlägt. 

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Ist man heut­zu­ta­ge schon welt­of­fen, wenn man als intel­li­gen­te Per­son für die Bild­zei­tung schreibt? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

[Foto: Luc van Gent]

Guten Morgen

morgenkaffee

Zur Eröff­nung des Ber­li­ner Musik­fes­tes und ange­sichts der Migra­ti­ons­de­bat­te hat der Eth­no­lo­ge aus sei­ner Sicht den Arti­kel Die Unver­zicht­bar­keit des Frem­den veröffentlicht.

Der Bun­des­prä­si­dent hat den Rück­tritt Sar­ra­zins dadurch im Vor­feld schmack­haft gemacht, dass die­ser nun 1000€ mehr Ren­te bekommt.

Der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Tahar Ben Jelloun hat in Le Mon­de einen offe­nen Brief an den fran­zö­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Sar­ko­zy ver­öf­fent­licht, weil er durch Sar­ko­zys Äuße­run­gen gegen über Roma sein Hei­mat­land beschä­digt sieht.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wie­so sind gera­de frem­de­n­un­freund­li­che Äuße­run­gen so en vogue? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

[Foto: Luc van Gent]

Guten Morgen

morgenkaffee

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat das deut­sche staat­li­che Glücksspiel-Monopol gekippt. Deutsch­land ver­sto­ße mit sei­ner bies­he­ri­gen Rege­lung gegen die von der EU vor­ge­ge­be­ne Niederlassungs- und Dienst­leis­tungs­frei­heit und begren­ze Glücks­spie­le und Sport­wet­ten nicht in sys­te­ma­ti­scher, kohe­rän­ter Weise.

Götz Aly fühlt sich genö­tigt, die Posi­ti­on Sar­ra­zins in rech­te Licht zu stel­len, da ihn die inqui­si­to­ri­sche Ver­ur­tei­lung Sar­ra­zins von linn­ker Sei­tee stört. Daher betrach­tet er aus his­to­ri­scher Sicht die Bil­dungs­la­ge um 1900:

Um 1900 wie­sen die christ­li­chen Deut­schen [im Ver­gleich mit jüdi­schen deut­schen] jene Bil­dungs­rück­stän­de auf, die Thi­lo Sar­ra­zin heu­te bestimm­ten mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rer­grup­pen vorwirft.

War­um hat­ten die Juden die Nase vorn? Sie waren seit alters urba­ni­siert, und in den wach­sen­den Städ­ten lag die Zukunft. Die meis­ten jüdi­schen Kna­ben lern­ten von jeher lesen und schrei­ben. Das gehör­te zu ihrer reli­giö­sen Bil­dung, eine Reli­gi­on, in der man dis­ku­tiert, strei­tet, liest, nach­denkt – nicht ein­fach wie im Chris­ten­tum glaubt. Jüdi­sche Reli­gi­on ist geis­ti­ge Gym­nas­tik. Chris­ten­fa­mi­li­en muss­ten damals, der Not gehor­chend, aus bäu­er­li­chen Ver­hält­nis­sen in die Stadt zie­hen. Kaum alpha­be­ti­siert, unkul­ti­viert und ent­wur­zelt benö­tig­ten sie drei bis vier Gene­ra­tio­nen ele­men­ta­rer Schul­bil­dung, bis der Ers­te in aka­de­mi­sche Höhen aufstieg.

Mehr als an Gene glau­be ich an die Bedeu­tung sozia­ler und kul­tu­rel­ler, also auch reli­giö­ser, Lebens­um­stän­de. Die christ­li­chen Mehr­heits­deut­schen haben seit 1900 kräf­tig auf­ge­holt. Die noch Bil­dungs­fer­nen unter den mus­li­mi­schen Zuwan­de­rern kön­nen das auch – ver­mut­lich schnel­ler als einst die christ­li­chen Deutschen.

Hil­al Sez­gin fin­det dage­gen die Sarrazin-Debatte für falsch:

Die­ser Dis­kurs ist falsch, weil er kei­nen Raum lässt für das Eigen­recht geleb­ten Lebens und die beschei­de­ne Erkennt­nis aller empi­risch arbei­ten­den Sozio­lo­gen: Wirk­lich ange­mes­sen wäre nur eine Kar­te im Maß­stab 1:1.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Was sind denn sys­te­ma­tisch und kohe­ränt begrenz­te Glücks­spie­le? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

[Foto: Luc van Gent]

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