Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Artikel-Schlagworte: „Immanuel Kant“

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deut­schen Zei­tung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­ti­on beschäf­tigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Toch­ter ihr eine Fra­ge gestellt hat, bei der Ant­wort aber gar nicht lan­ge zuge­hört hat, weil — auf Nach­fra­ge — die Ant­wort ihr nicht hilf­reich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht mora­lisch gebo­ten sei, als Fra­gen­der unab­hän­gig vom eige­nen Gedan­ken, ob die Ant­wort hilf­reich ist, der Ant­wort zuzuhören.

Erlin­ger meint, dass es bei die­sem Fall u.a. um die Fra­ge gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhö­ren muss, fin­det. Offen­bar ist das eine phi­lo­so­phisch zu klä­ren­de Fra­ge für Herrn Erlin­ger. Da hät­te ich ger­ne mal gewusst, wie­so das denn der Fall ist.

Erlin­ger behan­delt den Fall des Auskunftsuchenden:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung die­ser Infor­ma­ti­on. Aber der­je­ni­ge bleibt eigen­stän­dig sowohl in der Ent­schei­dung, ob er oder sie ant­wor­tet, als auch dar­in, was und wie umfang­reich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er ant­wor­tet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimm­ten Infor­ma­ti­on inter­es­siert ist, nicht aber an dem, was der ande­re zu die­sem The­ma sagen will. Man redu­ziert ihn tat­säch­lich auf ein Auskunftsmittel.

Erlin­ger sieht nur an einer Stel­le eine Berech­ti­gung, den Aus­kunft­ge­ben­den zu unterbrechen:

wenn die Ant­wort nicht mehr für den Fra­gen­den erfolgt, son­dern umge­kehrt der Ant­wor­ten­de den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlin­ger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus einer For­mu­lie­rung von Kant einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv für alle Men­schen zu zau­bern. Dem ist nicht so. Zunächst ein­mal han­delt es sich im vor­lie­gen­den Fall um eine pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der nicht zwin­gend kate­go­ri­sche Impe­ra­ti­ve eine Rol­le spielen.

Wenn ich jeman­den um Rat fra­ge, dann impli­ziert das nach Kant mög­li­cher­wei­se einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv. Nahe­lie­gend wäre, dass er beinhal­tet, dass jemand bei einer Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer sol­chen Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet. Ein Bruch die­ses Abkom­mens wäre es, bei einer Gegen­fra­ge für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, gera­de wenn ich über eine hilf­rei­che Ant­wort ver­fü­ge. Im Bei­spiel, dass Erlin­ger bear­bei­tet, ist aber genau das der Fall: Die Toch­ter ant­wor­tet der Mut­ter auf deren Gegen­fra­ge. Die Toch­ter betrach­tet die Mut­ter dem­nach gera­de nicht ledig­lich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschil­der­ten Impe­ra­tiv gefor­dert wird.

Erlin­ger müss­te erklä­ren, wes­we­gen ein sol­cher kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv über­haupt beinhal­ten soll­te, dass man gedul­dig einer Ant­wort lauscht, wenn schon abzu­se­hen ist, dass die Ant­wort dem Fra­gen­den nicht wei­ter­hilft, so wie es schein­bar im Bei­spiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhö­re oder nicht. Selbst Ges­ten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahe­le­gen, dass ich zuhö­re. Hat mein Gegen­über ein Recht dar­auf, dass ich zuhö­re und das Gehör­te ver­ar­bei­te und hat er ein Recht dar­auf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine sol­che Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­mei­ner­bar, denn sie wür­de Men­schen nöti­gen, ande­re (nach Erlin­ger zumin­dest bei nicht selbst ver­herr­li­chen­den Ant­wor­ten) gene­rell aus­re­den zu las­sen, rela­tiv unab­hän­gig von der Hil­fe, die die Ant­wort dar­stellt, und von der Län­ge der Ant­wort, so the­ma­tisch pas­send sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schied­lichs­ten Momen­te, in denen man ande­re in ihrer Rede unter­bricht, und die­se sind unter­schied­lich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führ­te Gedan­ke bekannt ist, und es für den Ange­re­de­ten uner­heb­lich ist, den blo­ßen Gedan­ken gänz­lich aus­zu­füh­ren. Mit­un­ter ist das The­men­ge­biet auch so klar, dass Anek­do­ten das eigent­li­che The­ma nicht bereichern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den ande­ren zu erzie­hen oder ihm durch Zuhö­ren Wohl zu tun, muss ich sei­ne Ant­wort nicht abwar­ten. Es ist mir aller­dings unbe­nom­men, mir selbst eben einen sol­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv aufzuerlegen.

Imma­nu­el Kant beinhal­tet die­sen gan­zen Bereich in einem Text­stück, das Erlin­ger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugend­pflich­ten gegen Ande­re in Die Meta­phy­sik der Sit­ten. Eine nahe­zu unbe­ding­te Zuhör­pflicht fin­det sich dort nicht.

Und zur Ant­wort über die Aus­nah­me zu Erlin­gers Zuhör­pflicht sei gesagt: Dass ein Ant­wor­ten­der den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht, muss nicht bedeu­ten, dass die Ant­wort für den Zuhö­ren­den kei­ne inhalt­li­che Berei­che­rung dar­stellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­nung, man sol­le bei jeder Gele­gen­heit Zuhö­ren­den sei­ne Gedan­ken aus­le­gen, um sie so ver­bes­sern zu kön­nen. Es ist unklar, wie­so das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­li­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs sein soll.

Die Krim und das Völkerrecht

Da ich mich in mei­ner Uni-Abschlussarbeit mit dem Völ­ker­recht nach Kant beschäf­tigt habe, kann ich ja mal kurz die Lage auf der Krim in die­ser Hin­sicht erläu­tern. In phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht müss­te grund­sätz­lich noch erklärt wer­den, wel­chen Stel­len­wert Begrün­dun­gen an sich haben, was eine Begrün­dung ist, wo und wie Begrün­dun­gen ver­an­kert wer­den usw. So weit gehe ich nicht zurück. 

Das Völ­ker­recht [hier­zu: Wiki­pe­dia] ist in phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht — Kant ist mei­nes Erach­tens der ein­zi­ge Phi­lo­soph, der das Völ­ker­recht begrün­det dar­legt — zunächst ein­mal ein aus dem Staats­recht not­wen­dig wer­den­des, aber unver­an­ker­tes Recht. Unver­an­kert, weil es kei­ne Recht­spre­chungs­in­stanz für das Völ­ker­recht gibt. Hier­von geht Kant in Die Meta­phy­sik der Sit­ten aus. Das Völ­ker­recht ist zunächst schlicht das nach außen gewen­de­te Staats­recht, ein Staat hat die Pflicht, die recht­li­che Ord­nung nach innen zu schüt­zen und ent­spre­chend nach außen. Laut Kant erwächst hier­aus das Recht zu krie­ge­ri­schen Hand­lun­gen, falls der eige­ne Staat ange­grif­fen, die eige­ne Rechts­ord­nung somit bedroht ist. Er muss laut Kant die not­wen­di­gen Mit­tel ergrei­fen dür­fen, d.i. Bür­ger als Sol­da­ten ein­set­zen, die er zur Erfül­lung sei­ner Pflicht braucht.

Ein Staat kann sich nach Kant durch eini­ge Ereig­nis­se bedroht füh­len: Mili­tä­ri­sche Auf­rüs­tung, Kriegs­er­klä­run­gen oder Belei­di­gun­gen. Letz­te­res ist sicher­lich ein sehr dis­ku­ta­bler Punkt, aller­dings wird er als Kriegs­grund mei­nes Wis­sens sel­tenst angeführt.

Soweit die Theo­rie. Im aktu­el­len Kon­flikt um die Krim kann man fest­hal­ten: Russ­land ist nicht belei­digt wor­den, die Ukrai­ne hat nicht mili­tä­risch auf­ge­rüs­tet, sie hat nie­man­dem den Krieg erklärt und ist auch sonst außen­po­li­tisch nicht ande­re Staa­ten ange­gan­gen. Russ­lands Vor­ge­hen ist ein ein­deu­ti­ger Ver­stoß gegen das Völ­ker­recht, indem man mit Sol­da­ten in ein ande­res Land ein­ge­drun­gen ist. So ein Ver­hal­ten kann man als Kriegs­er­klä­rung werten.

Wie man aus Kant einen Antisemiten macht

zeigt der Reli­gi­ons­stu­dent Mar­kus Voss-Göschel und bekommt dafür den Franz-Delitzsch-Förderpreis für christlich-jüdische Ver­stän­di­gung. Dabei ist die Grund­la­ge sei­ner Behaup­tun­gen mehr als dürftig. 

Zum einen ver­weist er auf das Zitat “Jet­zo sind sie die Vam­py­re der Gesell­schaft”, das aller­dings nicht in Kants Schrif­ten auf­taucht, soweit ich weiß, son­dern bei J.F.A. Abbeg, der es Kant zuschreibt. Streng genom­men ist es nur Hören­sa­gen und ent­zieht sich so einer ernst­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen Erör­te­rung. Für Voss-Göschel ist dies in öffent­li­chen Äuße­run­gen der ers­te Beleg für Kants Anti­se­mi­tis­mus: Getratsche.

Der zwei­te Beleg ist ein Lese­feh­ler Voss-Göschels

Kant bezeich­net die Juden als ‘Vam­py­re der Gesell­schaft’ und for­dert ‘die Eutha­na­sie des Juden­tums’!”, nennt Mar­kus Voss-Göschel zwei Bei­spie­le für die zum Teil extre­men anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen in Kants Schriften.

Kant for­dert nichts der­glei­chen. Aller­ding meint er, ein Über­gang zur “rei­nen mora­li­schen Reli­gi­on” aus dem Jugend­tum her­aus, sei die Eutha­na­sie, d.i. der sanf­te Tod, des Jugendtums:

Die Eutha­na­sie des Juden­t­h­ums ist die rei­ne mora­li­sche Reli­gi­on mit Ver­las­sung aller alten Sat­zungs­leh­ren, deren eini­ge doch im Chris­tent­hum (als mes­sia­ni­schen Glau­ben) noch zurück behal­ten blei­ben müs­sen: wel­cher Sec­ten­un­ter­schied end­lich doch auch ver­schwin­den muß und so das, was man als den Beschluß des gro­ßen Dra­ma des Reli­gi­ons­wech­sels auf Erden nennt, (die Wie­der­brin­gung aller Din­ge) wenigs­tens im Geis­te her­bei­führt, da nur ein Hirt und eine Heer­de Statt findet. 

Voss-Göschel bringt Anti­si­mi­tis­mus in die­sen Kon­text, nicht Kant. Es wird halt das gefun­den, was man fin­den will. Wenn die­se Erör­te­run­gen stell­ver­tre­tend sind für die Wis­sen­schaft­lich­keit der Erör­te­rung, dann bleibt da nicht viel. Aber hören wir dem Nach­wuchs wei­ter zu:

Über Kant gibt es so vie­le Abhand­lun­gen, doch bis­her gab es kei­ne kla­ren Ant­wor­ten dar­auf, wie genau er Reli­gi­on definiert

sagt Voss-Göschel.

Das bezweif­le ich, und viel­leicht hät­te er da lie­ber Kant selbst gele­sen als Abhand­lun­gen, denn bei Kant fin­det sich z.B. die­se Definition:

Reli­gi­on ist (sub­jec­tiv betrach­tet) das Erkennt­niß aller unse­rer Pflich­ten als gött­li­cher Gebo­te *)[Fuß­no­te aus­ge­las­sen]. Die­je­ni­ge, in wel­cher ich vor­her wis­sen muß, daß etwas ein gött­li­ches Gebot sei, um es als mei­ne Pflicht anzu­er­ken­nen, ist die geof­fen­bar­te (oder einer Offen­ba­rung benö­thig­te) Reli­gi­on: dage­gen die­je­ni­ge, in der ich zuvor wis­sen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein gött­li­ches Gebot aner­ken­nen kann, ist die natür­li­che Religion.

Und weil Voss-Göschel wohl Kants Reli­gi­ons­be­griff nicht geläu­fig ist, ver­steigt er sich laut israelogie.de zu die­ser Äußerung

Für Kant ist das Juden­tum ein absur­des und sinn­lo­ses Geset­zes­werk ohne mora­li­schen Bezug und daher eigent­lich kei­ne Religion 

und fol­gen­der gänz­lich aus den Fin­gern gezo­ge­nen Behauptung

Er [Kant] habe sich nicht die Mühe gemacht, sei­ne jüdi­schen Freun­de zu fra­gen, wor­um es im Juden­tum geht, son­dern auf ekla­tan­ten Falsch­in­for­ma­tio­nen aufgebaut.

Eine Behaup­tung ohne Beleg, ein­fach mal so raus­spe­ku­liert. Die Aus­sa­ge, Kant hat heim­lich bis ins hohe Alter am Dau­men genu­ckelt, besitzt in etwa den­sel­ben Wahr­heits­wert. Ernst­haf­te Wis­sen­schaft ist etwas ganz anderes.

Das Elternrecht

kannitverstan

Mar­kus Pie­per, EU-Parlamentarier aus dem Müns­ter­land, hat sich als einer der weni­gen mal getraut, auf den Punkt zu brin­gen, wie die kon­ser­va­ti­ve Posi­ti­on der CDU zum Eltern­recht aussieht:

Kin­der haben gott­ge­ge­be­nes Recht auf Vater und Mut­ter. Nie­mand ein Recht auf Kinder.

Gut, wenn man Gott in Spiel bringt, hat man kei­ne son­der­lich gro­ße Dis­kus­si­ons­ba­sis. Ver­su­chen wir es mal mit einem etwas zugäng­li­che­ren Mann: Imma­nu­el Kant.

Bei Kant ist eine Sor­ge­pflicht der Eltern für ihre Kin­der dadurch gege­ben, dass sie es gewe­sen sind, die ihre Kin­der ohne deren Ein­wil­li­gung in die Welt gesetzt haben. Damit haben Eltern ein ethi­sches, wie juri­di­sches Recht zur Erzie­hung ihrer Kin­der, wie die ethi­sche Pflicht (aber nicht eine juri­di­sche) hier­zu. Kin­der sind bei Kant kei­ne Rechts­per­so­nen, daher kommt bei ihm nicht vor, dass die­se bestimm­te Rech­te hät­ten. Wie soll­te ein Kind auch das angeb­li­che Recht auf einen Vater in Anspruch neh­men, wenn die­ser gestor­ben oder unau­f­ind­bar ist?

Sicher­lich hat Kant bei Eltern an Vater und Mut­ter gedacht. Aber die Begrün­dung der Rech­te und Pflich­ten von Eltern liegt nicht in ihren bio­lo­gi­schen Attributen:

da das Erzeug­te eine Per­son ist, und es unmög­lich ist, sich von der Erzeu­gung eines mit Frei­heit begab­ten Wesens durch eine phy­si­sche Ope­ra­ti­on einen Begriff zu machen*): so ist es eine in prak­ti­scher Hin­sicht ganz rich­ti­ge und auch not­hwen­di­ge Idee, den Act der Zeu­gung als einen sol­chen anzu­se­hen, wodurch wir eine Per­son ohne ihre Ein­wil­li­gung auf die Welt gesetzt und eigen­mäch­tig in sie her­über gebracht haben; für wel­che That auf den Eltern nun auch eine Ver­bind­lich­keit haf­tet, sie, so viel in ihren Kräf­ten ist, mit die­sem ihrem Zustan­de zufrie­den zu machen.

Wäre es dem­nach denk­bar, dass der Beschluss, ein Kind in die Welt zu set­zen, von zwei gleich­ge­schlecht­li­chen Men­schen aus geht, so wie er von leib­li­chem Vater und leib­li­cher Mut­ter ausgeht?

Ja. Das ist der­sel­be Fall wie bei der künst­li­chen Befruch­tung. Auf die Idee, den gesetz­li­chen Eltern eines so gezeug­ten Kin­des, ehe­li­che Rech­te zu ent­zie­hen, ist auch noch nie­mand gekommen.

Bei Kant ist das Eltern­recht ethisch begrün­det, nicht juri­disch, nicht bio­lo­gisch und nicht reli­gi­ös. Juri­di­sche, bio­lo­gi­sche und reli­giö­se Umstän­de mag es geben, sie rüt­teln aber nicht an der ehti­schen Begrün­dung des Eltern­rechts, weil man es hier mit ver­ant­wort­li­chen Erwach­se­nen zu tun hat.

Kant wen­det sich impli­zit gegen Pie­pers Rede vom Gott gege­be­nen Eltern­recht, weil Kin­der Wesen sind, denen es mög­lich sein wird, freie Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wobei es für den Men­schen unmög­lich zu den­ken ist, dass die Mög­lich­keit zu frei­en Ent­schei­dung auf eine phy­si­sche Ursa­che zurück­führ­bar wäre,

*) Selbst nicht, wie es mög­lich ist, daß Gott freie Wesen erschaf­fe; denn da wären, wie es scheint, alle künf­ti­ge Hand­lun­gen der­sel­ben, durch jenen ers­ten Act vor­her­be­stimmt, in der Ket­te der Natur­no­t­hwen­dig­keit ent­hal­ten, mit­hin nicht frei. Da sie aber (wir Men­schen) doch frei sind, bewei­set der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv in mora­lisch prak­ti­scher Absicht, wie durch einen Macht­spruch der Ver­nunft, ohne daß die­se doch die Mög­lich­keit die­ses Ver­hält­nis­ses einer Ursa­che zur Wir­kung in theo­re­ti­scher begreif­lich machen kann, weil bei­de über­sinn­lich sind.

Mein Freund Kant

Bei Anne Will habe ich wohl eine intel­lek­tu­el­le Dis­kus­si­on zu Fried­rich, dem Gro­ßen, ver­passt. Richard von Weiz­sä­cker hat offen­bar die Idee, den alten Fritz als Vor­bild gel­ten zu las­sen, unter Ver­weis auf sei­nen “Freund Kant” vom Tisch gewischt:

Von Kant her gese­hen ist die höchs­te Tugend die Über­win­dung der Tugen­den zuguns­ten des Selbst­zwecks der Pflicht.

und eben nicht die Imi­ta­ti­on eines ande­ren. Das klingt zwar irgend­wie nach Preus­si­schem Pflicht­ge­hor­sam, hat aber mit Kant, so weit ich ihn gele­sen habe, nichts zu tun: Pflicht selbst ist kein Selbst­zweck. Aber es klingt eben auch so gut, dass Patrick Bahn­ers den Feder­hand­schuh auf­nimmt und das gan­ze in einem Fern­seh­kri­tiktext ver­wurs­tet, in dem er dann wie­der­um ver­sucht, Richard von Weiz­sä­cker selbst als Reinkar­na­ti­on von Fried­rich, dem Gro­ßen, darzustellen.

Es ist eben Fern­se­hen oder um es mit Richard von Weiz­sä­cker zu sagen “alles gro­ßer Blödsinn”.

Kant für die Hand

Was es nicht alles gibt! Kant für die Hand ist ein Bas­tel­buch, mit dem man Begrif­fe der Kri­tik der rei­nen Ver­nunft nach­bau­en kann. Mal ne ande­re Art, sich mit den Begrif­fen Kants ver­traut zu machen. Aber die Her­lei­tun­gen der Kan­ti­schen Phi­lo­so­phie wer­den wohl auf der Stre­cke bleiben.

Marx, Reinhard — Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gi­on und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­setzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktu­el­len Schin­ken der katho­li­schen Hir­ten anzu­se­hen. Vor­ge­nom­men habe ich mir mal Das Kapi­tal von Rein­hard Marx, dem Erz­bi­schof von Mün­chen und Freising.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwät­zig, nicht über­wis­sen­schaft­lich, anek­do­ten­reich, ein­heits­chaf­fend. Es beinhal­tet aber inter­es­san­ter­wei­se in poli­ti­scher oder phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht alles, was man heu­te an der Katho­li­schen Kir­che kri­ti­sie­ren mag.

Rein­hard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich sei­ne Über­zeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach sei­nem Tode wohl inzwi­schen davon über­zeugt sein müs­se, dass Gott exis­tie­re. Rein­hard Marx macht es so sei­nen Lesern von Beginn an schwie­rig, ihn für voll zu neh­men. Es ist ande­rer­seits ein­fach eine Form von Respekt­lo­sig­keit, ande­ren Men­schen irgend­wel­che Behaup­tun­gen unter­zu­ju­beln, nur weil die­se Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen weh­ren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Fried­rich Nietz­sche” so getan, wo er behaup­tet, hät­te Nietz­sche nur etwas unauf­ge­reg­ter nach­ge­dacht, wäre er über­zeug­ter Evan­ge­le gewe­sen. Ich glau­be dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, wor­un­ter er Karl Marx ver­steht, gegen die Katho­li­sche Sozi­al­leh­re aus. Es ist ein Auf­ein­an­der­tref­fen einer Leh­re auf eine Phi­lo­so­phie. Das Pro­blem ist nur, dass die Leh­re ledig­lich geglaubt wer­den muss, nicht über­zeu­gend begrün­det wie eine Phi­lo­so­phie sein muss, um akzep­ta­bel zu sein. Wobei in die­sem Zusam­men­hang zu beach­ten ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx steht, ein­fach nur Skep­ti­zis­mus ist: Das Angrei­fen von Din­gen, die für Wer­te gehal­ten werden.

Die­se Wer­te ent­stam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Det­lef Hors­ter, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Phi­lo­so­phen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­li­che Beleg­me­tho­de von Rein­hard Marx: Das Her­an­zie­hen der Mei­nung eines gro­ßen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung einer eige­nen Mei­nung. Fast schon gön­ner­haft gesteht Rein­hard Marx der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung zu, dass sie Begrün­dun­gen für mora­li­sche Wer­te gelie­fert habe, dass aber die­se Wer­te eben schon vor­her bestan­den haben. Offen­sicht­lich ist es Rein­hard Marx ein Anlie­gen zu zei­gen, dass das Vor­han­den­sein von Wer­ten wich­ti­ger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che wird somit in die­sem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grund­le­gen­der ein katho­li­scher Fun­da­men­ta­lis­mus gegen objek­ti­ve Begrün­dun­gen, wor­un­ter man Phi­lo­so­phie ver­ste­hen kann.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sieht in Marx ihren größ­ten Geg­ner sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie groß­zü­gig. Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re kenn­zeich­net sich durch eine Welt­an­schau­ung, in der Indi­vi­du­en durch Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem sei­en poli­tisch und wirt­schaft­lich alle Frei­hei­ten gege­ben, solan­ge sie in einem mora­li­schen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rech­te ande­rer mög­lich sind. Marx meint offen­sicht­lich, dass dies schlich­te Motiv einer aus­ge­ar­bei­te­ten Phi­lo­so­phie gleich­kommt, die­se gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­te­te Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katho­li­sche Sozi­al­leh­re näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bes­ser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch angeb­lich denkt, dass Reli­gi­on nicht nur Pri­vat­sa­che sei, son­dern dass Kir­che eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Auf­ga­be habe (S. 63) gäbe es den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land in der vor­lie­gen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bin­dung der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in den Staat geht auf einen Pakt mit Hit­ler zurück, nicht auf ein Für­gut­hal­ten eines Staatslenkers.

Aber die­se eigen­wil­li­ge Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kir­che, und das heißt bei ihm eben die katho­li­sche, ist die Insti­tu­ti­on der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kir­che ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­ge­lie­fert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Über­ein­stim­mung mit Imma­nu­el Kant, was sein Men­schen­bild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt ger­ne von Geist­li­chen als Gewährs­mann ver­ein­nahmt ohne auf sei­ne Reli­gi­ons­kri­tik ein­zu­ge­hen) und eben­so in Über­ein­stim­mung mit Karl Marx, was des­sen Bild von der Fami­lie als Geburts­ort von Moral angeht: Für Marx sei die Fami­lie wich­tigs­ter Ort der Wer­te­ver­mitt­lung, daher sei Fami­li­en­po­li­tik wie Bil­dungs­po­li­tik vor­aus­schau­en­de Sozialpolitik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen las­sen oder hin­ter­fra­gen. Bei letz­te­rem ist man sich sel­ber aber Phi­lo­soph, und das für vie­le zwangs­läu­fig. Denn beim Stich­wort Fami­lie muss man ja bei der katho­li­schen Kir­che immer sehen, dass Schwu­le kei­ne Fami­lie sind. Eine Fami­lie ist Mama & Papa, nicht die wil­de WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katho­li­sche Kir­che die sexu­el­len Aus­wüch­se neue­ren Datums mit zu ver­ant­wor­ten. Die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che lässt völ­lig unbe­ant­wor­tet, war­um man sich nicht ein­fach durch eine ver­trau­te Bezugs­per­son eben so gut mora­lisch ent­wi­ckeln kann, wie durch ver­hei­ra­te­te Eltern. Und ob es gera­de an die­ser Stel­le nicht eben doch viel mehr auf ver­ständ­li­che, begrün­de­te Ver­mitt­lung von mora­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begeg­net in die­sem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katho­li­schen Kir­che so unheim­li­che Pro­ble­me berei­ten. Man fin­det aber als Reak­tio­nen dar­auf nur fun­da­men­ta­lis­ti­sche Durch­hal­te­pa­ro­len vor, die für sich genom­men nicht über­zeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.

Stuttgart 21 und das Widerstandsrecht nach Kant

rothwiderstand

Tja, in der Tat: woher eigentlich?

Poli­ti­ker, Bahn-Chefs und Straaf­recht­ler haben bezüg­lich der Demons­tra­tio­nen gegen Stutt­gart 21 ein­ge­wen­det, dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen nicht auf Grund der­ar­ti­ger Demos zurück­ge­nom­men wer­den könn­ten, da es kein Wider­stands­recht gäbe. Grund­sätz­lich ist das The­ma des Wider­stands­rechts so von Inter­es­se, und wird der­zeit argu­men­ta­tiv so bedeut­sam ver­wen­det, dass ich hier mal Kants Sach­erklä­rung dar­le­ge, die ich für durch­aus rele­vant halte:

Kant sagt zum einen, dass ein recht­li­cher Wider­stand des Vol­kes gegen sei­nen Ober­tan nicht ein­ge­räumt wer­den kann, weil dies die Exis­tenz einer recht­li­chen Ord­nung dekon­stru­ie­re: Die Grün­de für einen recht­li­chen Wider­stand, d.i. ein Wider­stand, der im Gesetz nie­der­ge­schrie­ben wird, sind für sich selbst nicht objek­tiv begründ­bar und man könn­te sich will­kür­lich dazu entscheiden.

Dies ist nach Kant der rechts­po­si­ti­ve oder akti­ve Wider­stand. Was Kant Inter­pre­ten aber oft­mals gar nicht auf dem Schirm haben: Es gibt nach Kant einen nega­ti­ven Wider­stand. Mit die­sem ver­hält es sich so:

In einer Staats­ver­fas­sung, die so beschaf­fen ist, daß das Volk durch sei­ne Reprä­sen­tan­ten (im Par­la­ment) jener und dem Reprä­sen­tan­ten der­sel­ben (dem Minis­ter) gesetz­lich wider­ste­hen kann — wel­che dann eine ein­ge­schränk­te Ver­fas­sung heißt -, ist gleich­wohl kein activer Wider­stand (der will­kür­li­chen Ver­bin­dung des Volks die Regie­rung zu einem gewis­sen thä­ti­gen Ver­fah­ren zu zwin­gen, mit­hin selbst einen Act der aus­üben­den Gewalt zu bege­hen), son­dern nur ein nega­ti­ver Wider­stand, d. i. Wei­ge­rung des Volks (im Par­la­ment), erlaubt, jener in den For­de­run­gen, die sie zur Staats­ver­wal­tung nöthig zu haben vor­giebt, nicht immer zu will­fah­ren; viel­mehr wenn das letz­te­re geschä­he, so wäre es ein siche­res Zei­chen, daß das Volk ver­derbt, sei­ne Reprä­sen­tan­ten erkäuf­lich und das Ober­haupt in der Regie­rung durch sei­nen Minis­ter des­po­tisch, die­ser sel­ber aber ein Ver­räther des Volks sei.

Imma­nu­el Kant, Die Meta­phy­sik der Sit­ten, AA VI, 322

Wenn ein Volk nach Kant so eine Demons­tra­ti­on wie zu Stutt­gart 21 nicht mehr auf die Rei­he bekommt, wäre dies ein Indi­ka­tor sei­ner Ver­dor­ben­heit. Dass man unter Ver­weis auf die Nicht­ein­räu­mung eines Wider­stands­rechts in posi­tiv­recht­li­cher Hin­sicht, die­ses aller­dings gleich kom­plett vom Tisch fegen möch­te, zeugt von einem gewis­sen Manko.

Guten Morgen

morgenkaffee

Her­fried Münk­ler kri­ti­siert in der Süd­deut­schen Zei­tung Wikileaks:

Die durch Wiki­leaks ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­te bestä­tig­ten nur, was man geahnt und befürch­tet hat­te: dass eini­ge ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten — oder auch gan­ze Trup­pen­tei­le — die Her­aus­for­de­run­gen asym­me­tri­scher Krieg­füh­rung nutz­ten, um Jagd auf Zivi­lis­ten zu machen und erkenn­bar Unbe­tei­lig­te hem­mungs­los “abzu­knal­len”, und dass man es in Afgha­ni­stan mit einem Geg­ner zu tun hat­te, der tief in den sozia­len und kul­tu­rel­len Struk­tu­ren des Lan­des ver­wur­zelt war und gegen den man kein pro­ba­tes Mit­tel gefun­den hat­te. Eigent­lich haben die Ver­öf­fent­li­chun­gen bloß vor­läu­fi­ges in defi­ni­ti­ves Wis­sen ver­wan­delt, nichts Sen­sa­tio­nel­les also, auch wenn eini­ge Jour­na­lis­ten anfangs die­sen Ein­druck zu wecken ver­sucht hat­ten. [… ] Imma­nu­el Kant hat das Ver­schwin­den sol­cher stra­te­gi­schen Geheim­nis­se als die Vor­aus­set­zung eines dau­er­haf­ten Welt­frie­dens begrif­fen [… Aller­dings] han­delt es sich eher um Machtum­ver­tei­lun­gen als Ent­mach­tun­gen. […] Man darf bezwei­feln, dass dies bei ande­ren, Wiki­leaks oder wem auch immer, bes­ser auf­ge­ho­ben ist.

tagesschau.de fragt, was an Sar­ra­zins The­sen dran ist:

Obwohl es bei den Schul- und Uni­ver­si­täts­ab­schlüs­sen kei­ne gro­ßen Unter­schie­de gibt, haben Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund einen deut­lich schlech­te­ren Zugang zum Arbeits­markt. 12,4 Pro­zent sind arbeits­los, bei den Zuwan­de­rern aus der Tür­kei sind es 16,8 Pro­zent und bei den Zuwan­de­rern aus dem Iran, dem Irak und Afgha­ni­stan ist jeder vier­te arbeits­los — trotz hoher Bil­dung. Wor­an liegt das? Migra­ti­ons­for­scher Ste­fan Luft von der Uni­ver­si­tät Bre­men sieht gegen­über tagesschau.de zwei Grün­de: Zum einen wer­den im Aus­land erziel­te Schul- und Berufs­ab­schlüs­se in Deutsch­land nur begrenzt aner­kannt, zum ande­ren haben bei glei­cher Qua­li­fi­ka­ti­on Zuwan­de­rer mit ara­bisch oder tür­kisch klin­gen­den Namen oft schlech­te­re Chancen.

Die Deut­sche Wel­le bie­tet hier­zu einen klei­nen Pres­se­spie­gel voll ableh­nen­der Hal­tun­gen der Zei­tun­gen. Micha­el Spreng meint, Sar­ra­zin wäre der ein­zi­ge, der rechts von CDU/CSU eine rech­te, bun­des­weit bedeut­sa­me Par­tei grün­den kön­ne. Tho­mas Prom­ny wun­dert sich bei die­sem The­ma über etwas ande­res. der stell­ver­tre­ten­de Spiegel-Chefredakteur Mathi­as Mül­ler von Blu­men­cron reagiert auf Kri­tik, dass der Spie­gel Sar­ra­zin ein Forum gibt.

In Isra­el bekommt ein Sän­ger 39 Peit­schen­hie­be, weil er vor gemischt­ge­schlecht­li­chem Publi­kum auf­ge­tre­ten ist.

NRWak­tu­ell por­trai­tiert ein­mal mehr, dass die Brau­nen sich nicht grün sind.

Die ame­ri­ka­ni­sche Elek­tro­me­di­en­ket­te Best Buy hat einen Film mit 15.000€ pro­du­ziert. Tors­ten Dewi kri­ti­siert die­se Zahl: Die­ser Film habe nicht 15.000€ gekos­tet, es sei soviel nur bis­lang an die Teil­neh­men­den bezahlt worden.

Andrea Köh­ler wun­dert sich bei der NZZ über den Hype um Jona­than Fran­zens neu­es Buch.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wer­den rech­te Posi­to­nen wie­der ‘in’? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

[Foto: Luc van Gent]

Was ich noch sagen wollte zu… eheähnlichen Gemeinschaften

Julia See­li­ger hat drü­ben bei der taz einen Text über alter­na­ti­ve Lebens­ge­mein­schaf­ten zu Ehen geschrie­ben und for­dert ade­qua­te Rech­te. Sie beginnt den Text mit der Infor­ma­ti­on, dass ihre Freund, wäh­rend sie schreibt, sich mit einer ande­ren ver­gnügt. So gese­hen kann der Text auch dahin­ge­hend ver­stan­den wer­den, dass man von sol­chen Tex­ten ver­schont bleibt, wenn man den Freund nur zur Mono­ga­mie zwingt. Jeden­falls: Wer beruf­li­ches Schrei­ben nicht vom Erzäh­len sei­ner Pri­vat­mei­nung tren­nen kann, und das auch gleich zu Beginn eines Tex­tes, der soll­te sich nicht wun­dern, wenn über Pri­va­tes dann auch kom­men­tiert wird.

Gene­rell fasst See­li­ger Ehe als Form von Lie­bes­ge­mein­schaft auf, und dazu gäbe es Alter­na­ti­ven. Daher soll­te was ver­än­dert wer­den. Nun ist die Ehe als Lie­bes­ver­bin­dung ein Gedan­ke neue­ren Datums. Das kann man auch anders auf­fas­sen. Nach Imma­nu­el Kant z.b. ist eine Ehe

die Ver­bin­dung zwei­er Per­so­nen ver­schie­de­nen Geschlechts zum lebens­wie­ri­gen wech­sel­sei­ti­gen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.

Gegen Schwu­le und Les­ben hat er also was. Die­se stell­ten eine wider­na­tür­li­che Geschlechts­ge­mein­schaft dar, und unter einer Geschlechts­ge­mein­schaft ver­steht Kant

wech­sel­sei­ti­gen Gebrauch, den ein Mensch von eines ande­ren Geschlechts­or­ga­nen und Ver­mö­gen macht

[Brecht hat das mal ver­gnüg­lich auf die Schip­pe genom­men.] Von Lie­be ist hier kei­ne Rede, von der Kin­der­pla­nung auch nicht, son­dern nur vom Genuß, denn jemand, der eine Ehe ein­geht, von der Geschlechts­ge­mein­schaft hat. Wer­den jetzt Kin­der in die Welt gesetzt, haben Eltern die Aufgabe,

sie, so viel in ihren Kräf­ten ist, mit die­sem ihrem Zustan­de [d.i. dem In-die-Welt-gesetzt-sein ] zufrie­den zu machen

weil die so gezeug­ten Per­so­nen ohne ihre Ein­wil­li­gung auf die Welt gesetzt wur­den. Hier­aus ent­steht nach Kant eine not­wen­di­ge häus­li­che Gesell­schaft, die in Rede ste­hen­den Per­so­nen bil­den eine Familie.

[Kant, AA VI, 277ff.]

Inter­es­sant an der gan­zen Geschich­te ist nun, dass ja vie­le heut­zu­ta­ge an der Kan­ti­schen Sicht das Wider­na­tür­li­che, was Schwu­le und Les­ben angeht, abstrei­ten wür­den, ohne dass sie voll­kom­men vom Begriff des Wider­na­tür­li­chen las­sen wür­den. Man lässt kei­ne Kuh als Eltern­teil zu, weil das wider­na­tür­lich ist. Die Ver­bin­dung von Mann und Frau ist der ein­zig natür­li­che Weg zur Erzeu­gung eines Kin­des, bei allen ande­ren Mög­lich­kei­ten. Adop­ti­on ist eine staat­li­che Aner­ken­nung einer Lebens­ge­mein­schaft als Für­sor­ger eines Kin­des, aus der recht­li­che Ansprü­che erwachsen.

Den Vätern des Grund­ge­set­zes war bei ihrer Idee der Fami­le der Gedan­ke der Ver­sor­gung der Frau und der Kin­der wich­tig. Den Kin­dern soll­te ein gutes Auf­wach­sen ermög­licht wer­den, auch wenn der Ehe­mann früh­zei­tig starb und so die Frau Ober­haupt der Fami­lie wur­de. Ein Wer­te­wan­del hat sicher­lich inso­fern statt­ge­fun­den, als dass damals rein recht­lich, die Ehe­frau beim Kauf einer Wurst nur ihren Ehe­mann ver­trat, da sie selbst kei­ne Ver­trä­ge ein­ge­hen durfte.

Eine Ver­än­de­rung des Fami­li­en­be­griffs in recht­li­cher Hin­sicht hin zu einem mehr meta­pho­ri­schen Gebraucht scheint mir damit eher unsin­nig zu sein.

Oktober 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Sep    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren
Seite 1 von 212