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Artikel-Schlagworte: „Immanuel Kant“

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süddeutschen Zeitung hat sich mit dem Begriff too much information beschäftigt. Eine Mutter schreibt ihm, dass ihre Tochter ihr eine Frage gestellt hat, bei der Antwort aber gar nicht lange zugehört hat, weil – auf Nachfrage – die Antwort ihr nicht hilfreich erschien. Die Mutter fragt, ob es nicht moralisch geboten sei, als Fragender unabhängig vom eigenen Gedanken, ob die Antwort hilfreich ist, der Antwort zuzuhören.

Erlinger meint, dass es bei diesem Fall u.a. um die Frage ginge, wo man die Grenze, ab der man nicht mehr zuhören muss, findet. Offenbar ist das eine philosophisch zu klärende Frage für Herrn Erlinger. Da hätte ich gerne mal gewusst, wieso das denn der Fall ist.

Erlinger behandelt den Fall des Auskunftsuchenden:

Wenn man von jemandem etwas wissen will, benutzt man ihn als Mittel zur Erlangung dieser Information. Aber derjenige bleibt eigenständig sowohl in der Entscheidung, ob er oder sie antwortet, als auch darin, was und wie umfangreich. Unterbricht man ihn jedoch, weil man das, was er antwortet, doch nicht wissen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimmten Information interessiert ist, nicht aber an dem, was der andere zu diesem Thema sagen will. Man reduziert ihn tatsächlich auf ein Auskunftsmittel.

Erlinger sieht nur an einer Stelle eine Berechtigung, den Auskunftgebenden zu unterbrechen:

wenn die Antwort nicht mehr für den Fragenden erfolgt, sondern umgekehrt der Antwortende den Fragesteller als bloßes Mittel für seine Selbstdarstellung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlinger tut leider so, als sei es so simpel aus einer Formulierung von Kant einen kategorischen Imperativ für alle Menschen zu zaubern. Dem ist nicht so. Zunächst einmal handelt es sich im vorliegenden Fall um eine private Kommunikation, bei der nicht zwingend kategorische Imperative eine Rolle spielen.

Wenn ich jemanden um Rat frage, dann impliziert das nach Kant möglicherweise einen kategorischen Imperativ. Naheliegend wäre, dass er beinhaltet, dass jemand bei einer Frage bestmöglich antwortet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer solchen Frage bestmöglich antwortet. Ein Bruch dieses Abkommens wäre es, bei einer Gegenfrage für eine Beantwortung nicht zur Verfügung zu stehen, gerade wenn ich über eine hilfreiche Antwort verfüge. Im Beispiel, dass Erlinger bearbeitet, ist aber genau das der Fall: Die Tochter antwortet der Mutter auf deren Gegenfrage. Die Tochter betrachtet die Mutter demnach gerade nicht lediglich als Mittel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschilderten Imperativ gefordert wird.

Erlinger müsste erklären, weswegen ein solcher kategorischer Imperativ überhaupt beinhalten sollte, dass man geduldig einer Antwort lauscht, wenn schon abzusehen ist, dass die Antwort dem Fragenden nicht weiterhilft, so wie es scheinbar im Beispiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wissen, ob ich zuhöre oder nicht. Selbst Gesten und Bewegungen können nur nahelegen, dass ich zuhöre. Hat mein Gegenüber ein Recht darauf, dass ich zuhöre und das Gehörte verarbeite und hat er ein Recht darauf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine solche Pflicht ist gar nicht verallgemeinerbar, denn sie würde Menschen nötigen, andere (nach Erlinger zumindest bei nicht selbst verherrlichenden Antworten) generell ausreden zu lassen, relativ unabhängig von der Hilfe, die die Antwort darstellt, und von der Länge der Antwort, so thematisch passend sie auch sein mag.

Es gibt die unterschiedlichsten Momente, in denen man andere in ihrer Rede unterbricht, und diese sind unterschiedlich gut begründet. Manchmal schneidet man jemandem das Wort ab, weil der ausgeführte Gedanke bekannt ist, und es für den Angeredeten unerheblich ist, den bloßen Gedanken gänzlich auszuführen. Mitunter ist das Themengebiet auch so klar, dass Anekdoten das eigentliche Thema nicht bereichern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jemanden anderen zu erziehen oder ihm durch Zuhören Wohl zu tun, muss ich seine Antwort nicht abwarten. Es ist mir allerdings unbenommen, mir selbst eben einen solchen kategorischen Imperativ aufzuerlegen.

Immanuel Kant beinhaltet diesen ganzen Bereich in einem Textstück, das Erlinger nicht so geläufig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugendpflichten gegen Andere in Die Metaphysik der Sitten. Eine nahezu unbedingte Zuhörpflicht findet sich dort nicht.

Und zur Antwort über die Ausnahme zu Erlingers Zuhörpflicht sei gesagt: Dass ein Antwortender den Fragesteller als bloßes Mittel für seine Selbstdarstellung gebraucht, muss nicht bedeuten, dass die Antwort für den Zuhörenden keine inhaltliche Bereicherung darstellt. Heinrich von Kleist war gar der Meinung, man solle bei jeder Gelegenheit Zuhörenden seine Gedanken auslegen, um sie so verbessern zu können. Es ist unklar, wieso das eine Verletzung eines nicht bloß persönlichen kategorischen Imperativs sein soll.

Die Krim und das Völkerrecht

Da ich mich in meiner Uni-Abschlussarbeit mit dem Völkerrecht nach Kant beschäftigt habe, kann ich ja mal kurz die Lage auf der Krim in dieser Hinsicht erläutern. In philosophischer Hinsicht müsste grundsätzlich noch erklärt werden, welchen Stellenwert Begründungen an sich haben, was eine Begründung ist, wo und wie Begründungen verankert werden usw. So weit gehe ich nicht zurück.

Das Völkerrecht [hierzu: Wikipedia] ist in philosophischer Hinsicht – Kant ist meines Erachtens der einzige Philosoph, der das Völkerrecht begründet darlegt – zunächst einmal ein aus dem Staatsrecht notwendig werdendes, aber unverankertes Recht. Unverankert, weil es keine Rechtsprechungsinstanz für das Völkerrecht gibt. Hiervon geht Kant in Die Metaphysik der Sitten aus. Das Völkerrecht ist zunächst schlicht das nach außen gewendete Staatsrecht, ein Staat hat die Pflicht, die rechtliche Ordnung nach innen zu schützen und entsprechend nach außen. Laut Kant erwächst hieraus das Recht zu kriegerischen Handlungen, falls der eigene Staat angegriffen, die eigene Rechtsordnung somit bedroht ist. Er muss laut Kant die notwendigen Mittel ergreifen dürfen, d.i. Bürger als Soldaten einsetzen, die er zur Erfüllung seiner Pflicht braucht.

Ein Staat kann sich nach Kant durch einige Ereignisse bedroht fühlen: Militärische Aufrüstung, Kriegserklärungen oder Beleidigungen. Letzteres ist sicherlich ein sehr diskutabler Punkt, allerdings wird er als Kriegsgrund meines Wissens seltenst angeführt.

Soweit die Theorie. Im aktuellen Konflikt um die Krim kann man festhalten: Russland ist nicht beleidigt worden, die Ukraine hat nicht militärisch aufgerüstet, sie hat niemandem den Krieg erklärt und ist auch sonst außenpolitisch nicht andere Staaten angegangen. Russlands Vorgehen ist ein eindeutiger Verstoß gegen das Völkerrecht, indem man mit Soldaten in ein anderes Land eingedrungen ist. So ein Verhalten kann man als Kriegserklärung werten.

Wie man aus Kant einen Antisemiten macht

zeigt der Religionsstudent Markus Voss-Göschel und bekommt dafür den Franz-Delitzsch-Förderpreis für christlich-jüdische Verständigung. Dabei ist die Grundlage seiner Behauptungen mehr als dürftig.

Zum einen verweist er auf das Zitat „Jetzo sind sie die Vampyre der Gesellschaft“, das allerdings nicht in Kants Schriften auftaucht, soweit ich weiß, sondern bei J.F.A. Abbeg, der es Kant zuschreibt. Streng genommen ist es nur Hörensagen und entzieht sich so einer ernsthaften wissenschaftlichen Erörterung. Für Voss-Göschel ist dies in öffentlichen Äußerungen der erste Beleg für Kants Antisemitismus: Getratsche.

Der zweite Beleg ist ein Lesefehler Voss-Göschels

„Kant bezeichnet die Juden als ‚Vampyre der Gesellschaft‘ und fordert ‚die Euthanasie des Judentums‘!“, nennt Markus Voss-Göschel zwei Beispiele für die zum Teil extremen antisemitischen Äußerungen in Kants Schriften.

Kant fordert nichts dergleichen. Allerding meint er, ein Übergang zur „reinen moralischen Religion“ aus dem Jugendtum heraus, sei die Euthanasie, d.i. der sanfte Tod, des Jugendtums:

Die Euthanasie des Judenthums ist die reine moralische Religion mit Verlassung aller alten Satzungslehren, deren einige doch im Christenthum (als messianischen Glauben) noch zurück behalten bleiben müssen: welcher Sectenunterschied endlich doch auch verschwinden muß und so das, was man als den Beschluß des großen Drama des Religionswechsels auf Erden nennt, (die Wiederbringung aller Dinge) wenigstens im Geiste herbeiführt, da nur ein Hirt und eine Heerde Statt findet.

Voss-Göschel bringt Antisimitismus in diesen Kontext, nicht Kant. Es wird halt das gefunden, was man finden will. Wenn diese Erörterungen stellvertretend sind für die Wissenschaftlichkeit der Erörterung, dann bleibt da nicht viel. Aber hören wir dem Nachwuchs weiter zu:

Über Kant gibt es so viele Abhandlungen, doch bisher gab es keine klaren Antworten darauf, wie genau er Religion definiert

sagt Voss-Göschel.

Das bezweifle ich, und vielleicht hätte er da lieber Kant selbst gelesen als Abhandlungen, denn bei Kant findet sich z.B. diese Definition:

Religion ist (subjectiv betrachtet) das Erkenntniß aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote *)[Fußnote ausgelassen]. Diejenige, in welcher ich vorher wissen muß, daß etwas ein göttliches Gebot sei, um es als meine Pflicht anzuerkennen, ist die geoffenbarte (oder einer Offenbarung benöthigte) Religion: dagegen diejenige, in der ich zuvor wissen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein göttliches Gebot anerkennen kann, ist die natürliche Religion.

Und weil Voss-Göschel wohl Kants Religionsbegriff nicht geläufig ist, versteigt er sich laut israelogie.de zu dieser Äußerung

Für Kant ist das Judentum ein absurdes und sinnloses Gesetzeswerk ohne moralischen Bezug und daher eigentlich keine Religion

und folgender gänzlich aus den Fingern gezogenen Behauptung

Er [Kant] habe sich nicht die Mühe gemacht, seine jüdischen Freunde zu fragen, worum es im Judentum geht, sondern auf eklatanten Falschinformationen aufgebaut.

Eine Behauptung ohne Beleg, einfach mal so rausspekuliert. Die Aussage, Kant hat heimlich bis ins hohe Alter am Daumen genuckelt, besitzt in etwa denselben Wahrheitswert. Ernsthafte Wissenschaft ist etwas ganz anderes.

Das Elternrecht

kannitverstan Markus Pieper, EU-Parlamentarier aus dem Münsterland, hat sich als einer der wenigen mal getraut, auf den Punkt zu bringen, wie die konservative Position der CDU zum Elternrecht aussieht:

Kinder haben gottgegebenes Recht auf Vater und Mutter. Niemand ein Recht auf Kinder.

Gut, wenn man Gott in Spiel bringt, hat man keine sonderlich große Diskussionsbasis. Versuchen wir es mal mit einem etwas zugänglicheren Mann: Immanuel Kant.

Bei Kant ist eine Sorgepflicht der Eltern für ihre Kinder dadurch gegeben, dass sie es gewesen sind, die ihre Kinder ohne deren Einwilligung in die Welt gesetzt haben. Damit haben Eltern ein ethisches, wie juridisches Recht zur Erziehung ihrer Kinder, wie die ethische Pflicht (aber nicht eine juridische) hierzu. Kinder sind bei Kant keine Rechtspersonen, daher kommt bei ihm nicht vor, dass diese bestimmte Rechte hätten. Wie sollte ein Kind auch das angebliche Recht auf einen Vater in Anspruch nehmen, wenn dieser gestorben oder unaufindbar ist?

Sicherlich hat Kant bei Eltern an Vater und Mutter gedacht. Aber die Begründung der Rechte und Pflichten von Eltern liegt nicht in ihren biologischen Attributen:

da das Erzeugte eine Person ist, und es unmöglich ist, sich von der Erzeugung eines mit Freiheit begabten Wesens durch eine physische Operation einen Begriff zu machen*): so ist es eine in praktischer Hinsicht ganz richtige und auch nothwendige Idee, den Act der Zeugung als einen solchen anzusehen, wodurch wir eine Person ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt und eigenmächtig in sie herüber gebracht haben; für welche That auf den Eltern nun auch eine Verbindlichkeit haftet, sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zustande zufrieden zu machen.

Wäre es demnach denkbar, dass der Beschluss, ein Kind in die Welt zu setzen, von zwei gleichgeschlechtlichen Menschen aus geht, so wie er von leiblichem Vater und leiblicher Mutter ausgeht?

Ja. Das ist derselbe Fall wie bei der künstlichen Befruchtung. Auf die Idee, den gesetzlichen Eltern eines so gezeugten Kindes, eheliche Rechte zu entziehen, ist auch noch niemand gekommen.

Bei Kant ist das Elternrecht ethisch begründet, nicht juridisch, nicht biologisch und nicht religiös. Juridische, biologische und religiöse Umstände mag es geben, sie rütteln aber nicht an der ehtischen Begründung des Elternrechts, weil man es hier mit verantwortlichen Erwachsenen zu tun hat.

Kant wendet sich implizit gegen Piepers Rede vom Gott gegebenen Elternrecht, weil Kinder Wesen sind, denen es möglich sein wird, freie Entscheidungen zu treffen, wobei es für den Menschen unmöglich zu denken ist, dass die Möglichkeit zu freien Entscheidung auf eine physische Ursache zurückführbar wäre,

*) Selbst nicht, wie es möglich ist, daß Gott freie Wesen erschaffe; denn da wären, wie es scheint, alle künftige Handlungen derselben, durch jenen ersten Act vorherbestimmt, in der Kette der Naturnothwendigkeit enthalten, mithin nicht frei. Da sie aber (wir Menschen) doch frei sind, beweiset der kategorische Imperativ in moralisch praktischer Absicht, wie durch einen Machtspruch der Vernunft, ohne daß diese doch die Möglichkeit dieses Verhältnisses einer Ursache zur Wirkung in theoretischer begreiflich machen kann, weil beide übersinnlich sind.

Mein Freund Kant

Bei Anne Will habe ich wohl eine intellektuelle Diskussion zu Friedrich, dem Großen, verpasst. Richard von Weizsäcker hat offenbar die Idee, den alten Fritz als Vorbild gelten zu lassen, unter Verweis auf seinen „Freund Kant“ vom Tisch gewischt:

Von Kant her gesehen ist die höchste Tugend die Überwindung der Tugenden zugunsten des Selbstzwecks der Pflicht.

und eben nicht die Imitation eines anderen. Das klingt zwar irgendwie nach Preussischem Pflichtgehorsam, hat aber mit Kant, so weit ich ihn gelesen habe, nichts zu tun: Pflicht selbst ist kein Selbstzweck. Aber es klingt eben auch so gut, dass Patrick Bahners den Federhandschuh aufnimmt und das ganze in einem Fernsehkritiktext verwurstet, in dem er dann wiederum versucht, Richard von Weizsäcker selbst als Reinkarnation von Friedrich, dem Großen, darzustellen.

Es ist eben Fernsehen oder um es mit Richard von Weizsäcker zu sagen „alles großer Blödsinn“.

Kant für die Hand

Was es nicht alles gibt! Kant für die Hand ist ein Bastelbuch, mit dem man Begriffe der Kritik der reinen Vernunft nachbauen kann. Mal ne andere Art, sich mit den Begriffen Kants vertraut zu machen. Aber die Herleitungen der Kantischen Philosophie werden wohl auf der Strecke bleiben.

Marx, Reinhard – Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein bisschen mit Religion und Religionsphilosophie auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholischen Hirten anzusehen. Vorgenommen habe ich mir mal Das Kapital von Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising.

Das Buch ist ungefähr so wie Reinhard Marx: Sympathisch, geschwätzig, nicht überwissenschaftlich, anekdotenreich, einheitschaffend. Es beinhaltet aber interessanterweise in politischer oder philosophischer Hinsicht alles, was man heute an der Katholischen Kirche kritisieren mag.

Reinhard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich seine Überzeugung feststellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwischen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Reinhard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist andererseits einfach eine Form von Respektlosigkeit, anderen Menschen irgendwelche Behauptungen unterzujubeln, nur weil diese Menschen nun tot sind, und sich nicht mehr dagegen wehren können. Das hatte auch schon Walter Nigg in „Friedrich Nietzsche“ so getan, wo er behauptet, hätte Nietzsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evangele gewesen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Reinhard Marx einfach das, worunter er Karl Marx versteht, gegen die Katholische Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinandertreffen einer Lehre auf eine Philosophie. Das Problem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt werden muss, nicht überzeugend begründet wie eine Philosophie sein muss, um akzeptabel zu sein. Wobei in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass für Reinhard Marx das, wofür Karl Marx steht, einfach nur Skeptizismus ist: Das Angreifen von Dingen, die für Werte gehalten werden.

Diese Werte entstammen alle dem Christentum, meint Detlef Horster, auf den sich Reinhard Marx als Segnung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist überhaupt eine eigentümliche Belegmethode von Reinhard Marx: Das Heranziehen der Meinung eines großen Geistes als Ersatz für die Begründung einer eigenen Meinung. Fast schon gönnerhaft gesteht Reinhard Marx der Philosophie der Aufklärung zu, dass sie Begründungen für moralische Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offensichtlich ist es Reinhard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhandensein von Werten wichtiger ist als das Begründetsein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholischen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx ausgespielt, ebenso grundlegender ein katholischer Fundamentalismus gegen objektive Begründungen, worunter man Philosophie verstehen kann.

„Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren größten Gegner sie bezeugt ihm ihren Respekt.“ (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie großzügig. Die katholische Soziallehre kennzeichnet sich durch eine Weltanschauung, in der Individuen durch Solidarität und Subsidiarität miteinander verbunden sind (S. 95). Ein jedem seien politisch und wirtschaftlich alle Freiheiten gegeben, solange sie in einem moralischen Einklang und in Unverletzung der Rechte anderer möglich sind. Marx meint offensichtlich, dass dies schlichte Motiv einer ausgearbeiteten Philosophie gleichkommt, diese gar übertrifft. Eine irgendwie gestaltete Begründung gibt es in Reinhard Marx‘ buch für die katholische Soziallehre nämlich nicht: Sie ist einfach besser als alles andere.

Und weil man nach Reinhard Marx auch angeblich denkt, dass Religion nicht nur Privatsache sei, sondern dass Kirche eine gesellschaftspolitische Aufgabe habe (S. 63) gäbe es den Religionsunterricht in Deutschland in der vorliegenden Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Einbindung der evangelischen und der katholischen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthalten eines Staatslenkers.

Aber diese eigenwillige Ansicht Reinhard Marx‘ fügt sich gut in sein Weltbild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholische, ist die Institution der Moral (S.62): Ihr Richtplatz. Ohne Kirche ist Moral für Reinhard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt ausgeliefert. Reinhard Marx fühlt sich zudem in Übereinstimmung mit Immanuel Kant, was sein Menschenbild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird überhaupt gerne von Geistlichen als Gewährsmann vereinnahmt ohne auf seine Religionskritik einzugehen) und ebenso in Übereinstimmung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Familie als Geburtsort von Moral angeht: Für Marx sei die Familie wichtigster Ort der Wertevermittlung, daher sei Familienpolitik wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik.

Das kann man nun unhinterfragt so stehen lassen oder hinterfragen. Bei letzterem ist man sich selber aber Philosoph, und das für viele zwangsläufig. Denn beim Stichwort Familie muss man ja bei der katholischen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Familie sind. Eine Familie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholische Kirche die sexuellen Auswüchse neueren Datums mit zu verantworten. Die Soziallehre der katholischen Kirche lässt völlig unbeantwortet, warum man sich nicht einfach durch eine vertraute Bezugsperson eben so gut moralisch entwickeln kann, wie durch verheiratete Eltern. Und ob es gerade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf verständliche, begründete Vermittlung von moralischen Verhaltensweisen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begegnet in diesem Buch Reinhard Marx an den Stellen, die den Menschen an der katholischen Kirche so unheimliche Probleme bereiten. Man findet aber als Reaktionen darauf nur fundamentalistische Durchhalteparolen vor, die für sich genommen nicht überzeugen. Aber das sollen sie ja auch nicht.

Stuttgart 21 und das Widerstandsrecht nach Kant

rothwiderstand

Tja, in der Tat: woher eigentlich?

Politiker, Bahn-Chefs und Straafrechtler haben bezüglich der Demonstrationen gegen Stuttgart 21 eingewendet, dass politische Entscheidungen nicht auf Grund derartiger Demos zurückgenommen werden könnten, da es kein Widerstandsrecht gäbe. Grundsätzlich ist das Thema des Widerstandsrechts so von Interesse, und wird derzeit argumentativ so bedeutsam verwendet, dass ich hier mal Kants Sacherklärung darlege, die ich für durchaus relevant halte:

Kant sagt zum einen, dass ein rechtlicher Widerstand des Volkes gegen seinen Obertan nicht eingeräumt werden kann, weil dies die Existenz einer rechtlichen Ordnung dekonstruiere: Die Gründe für einen rechtlichen Widerstand, d.i. ein Widerstand, der im Gesetz niedergeschrieben wird, sind für sich selbst nicht objektiv begründbar und man könnte sich willkürlich dazu entscheiden.

Dies ist nach Kant der rechtspositive oder aktive Widerstand. Was Kant Interpreten aber oftmals gar nicht auf dem Schirm haben: Es gibt nach Kant einen negativen Widerstand. Mit diesem verhält es sich so:

In einer Staatsverfassung, die so beschaffen ist, daß das Volk durch seine Repräsentanten (im Parlament) jener und dem Repräsentanten derselben (dem Minister) gesetzlich widerstehen kann – welche dann eine eingeschränkte Verfassung heißt -, ist gleichwohl kein activer Widerstand (der willkürlichen Verbindung des Volks die Regierung zu einem gewissen thätigen Verfahren zu zwingen, mithin selbst einen Act der ausübenden Gewalt zu begehen), sondern nur ein negativer Widerstand, d. i. Weigerung des Volks (im Parlament), erlaubt, jener in den Forderungen, die sie zur Staatsverwaltung nöthig zu haben vorgiebt, nicht immer zu willfahren; vielmehr wenn das letztere geschähe, so wäre es ein sicheres Zeichen, daß das Volk verderbt, seine Repräsentanten erkäuflich und das Oberhaupt in der Regierung durch seinen Minister despotisch, dieser selber aber ein Verräther des Volks sei.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, AA VI, 322

Wenn ein Volk nach Kant so eine Demonstration wie zu Stuttgart 21 nicht mehr auf die Reihe bekommt, wäre dies ein Indikator seiner Verdorbenheit. Dass man unter Verweis auf die Nichteinräumung eines Widerstandsrechts in positivrechtlicher Hinsicht, dieses allerdings gleich komplett vom Tisch fegen möchte, zeugt von einem gewissen Manko.

Guten Morgen

morgenkaffeeHerfried Münkler kritisiert in der Süddeutschen Zeitung Wikileaks:

Die durch Wikileaks veröffentlichten Dokumente bestätigten nur, was man geahnt und befürchtet hatte: dass einige amerikanische Soldaten – oder auch ganze Truppenteile – die Herausforderungen asymmetrischer Kriegführung nutzten, um Jagd auf Zivilisten zu machen und erkennbar Unbeteiligte hemmungslos „abzuknallen“, und dass man es in Afghanistan mit einem Gegner zu tun hatte, der tief in den sozialen und kulturellen Strukturen des Landes verwurzelt war und gegen den man kein probates Mittel gefunden hatte. Eigentlich haben die Veröffentlichungen bloß vorläufiges in definitives Wissen verwandelt, nichts Sensationelles also, auch wenn einige Journalisten anfangs diesen Eindruck zu wecken versucht hatten. [… ] Immanuel Kant hat das Verschwinden solcher strategischen Geheimnisse als die Voraussetzung eines dauerhaften Weltfriedens begriffen [… Allerdings] handelt es sich eher um Machtumverteilungen als Entmachtungen. […] Man darf bezweifeln, dass dies bei anderen, Wikileaks oder wem auch immer, besser aufgehoben ist.

tagesschau.de fragt, was an Sarrazins Thesen dran ist:

Obwohl es bei den Schul- und Universitätsabschlüssen keine großen Unterschiede gibt, haben Menschen mit Migrationshintergrund einen deutlich schlechteren Zugang zum Arbeitsmarkt. 12,4 Prozent sind arbeitslos, bei den Zuwanderern aus der Türkei sind es 16,8 Prozent und bei den Zuwanderern aus dem Iran, dem Irak und Afghanistan ist jeder vierte arbeitslos – trotz hoher Bildung. Woran liegt das? Migrationsforscher Stefan Luft von der Universität Bremen sieht gegenüber tagesschau.de zwei Gründe: Zum einen werden im Ausland erzielte Schul- und Berufsabschlüsse in Deutschland nur begrenzt anerkannt, zum anderen haben bei gleicher Qualifikation Zuwanderer mit arabisch oder türkisch klingenden Namen oft schlechtere Chancen.

Die Deutsche Welle bietet hierzu einen kleinen Pressespiegel voll ablehnender Haltungen der Zeitungen. Michael Spreng meint, Sarrazin wäre der einzige, der rechts von CDU/CSU eine rechte, bundesweit bedeutsame Partei gründen könne. Thomas Promny wundert sich bei diesem Thema über etwas anderes. der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron reagiert auf Kritik, dass der Spiegel Sarrazin ein Forum gibt.

In Israel bekommt ein Sänger 39 Peitschenhiebe, weil er vor gemischtgeschlechtlichem Publikum aufgetreten ist.

NRWaktuell portraitiert einmal mehr, dass die Braunen sich nicht grün sind.

Die amerikanische Elektromedienkette Best Buy hat einen Film mit 15.000€ produziert. Torsten Dewi kritisiert diese Zahl: Dieser Film habe nicht 15.000€ gekostet, es sei soviel nur bislang an die Teilnehmenden bezahlt worden.

Andrea Köhler wundert sich bei der NZZ über den Hype um Jonathan Franzens neues Buch.

Und während ich mir die Frage stelle: Werden rechte Positonen wieder ‚in‘? hole ich mir erstmal noch einen Kaffee.

[Foto: Luc van Gent]

Was ich noch sagen wollte zu… eheähnlichen Gemeinschaften

Julia Seeliger hat drüben bei der taz einen Text über alternative Lebensgemeinschaften zu Ehen geschrieben und fordert adequate Rechte. Sie beginnt den Text mit der Information, dass ihre Freund, während sie schreibt, sich mit einer anderen vergnügt. So gesehen kann der Text auch dahingehend verstanden werden, dass man von solchen Texten verschont bleibt, wenn man den Freund nur zur Monogamie zwingt. Jedenfalls: Wer berufliches Schreiben nicht vom Erzählen seiner Privatmeinung trennen kann, und das auch gleich zu Beginn eines Textes, der sollte sich nicht wundern, wenn über Privates dann auch kommentiert wird.

Generell fasst Seeliger Ehe als Form von Liebesgemeinschaft auf, und dazu gäbe es Alternativen. Daher sollte was verändert werden. Nun ist die Ehe als Liebesverbindung ein Gedanke neueren Datums. Das kann man auch anders auffassen. Nach Immanuel Kant z.b. ist eine Ehe

die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.

Gegen Schwule und Lesben hat er also was. Diese stellten eine widernatürliche Geschlechtsgemeinschaft dar, und unter einer Geschlechtsgemeinschaft versteht Kant

wechselseitigen Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht

[Brecht hat das mal vergnüglich auf die Schippe genommen.] Von Liebe ist hier keine Rede, von der Kinderplanung auch nicht, sondern nur vom Genuß, denn jemand, der eine Ehe eingeht, von der Geschlechtsgemeinschaft hat. Werden jetzt Kinder in die Welt gesetzt, haben Eltern die Aufgabe,

sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zustande [d.i. dem In-die-Welt-gesetzt-sein ] zufrieden zu machen

weil die so gezeugten Personen ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt wurden. Hieraus entsteht nach Kant eine notwendige häusliche Gesellschaft, die in Rede stehenden Personen bilden eine Familie.

[Kant, AA VI, 277ff.]

Interessant an der ganzen Geschichte ist nun, dass ja viele heutzutage an der Kantischen Sicht das Widernatürliche, was Schwule und Lesben angeht, abstreiten würden, ohne dass sie vollkommen vom Begriff des Widernatürlichen lassen würden. Man lässt keine Kuh als Elternteil zu, weil das widernatürlich ist. Die Verbindung von Mann und Frau ist der einzig natürliche Weg zur Erzeugung eines Kindes, bei allen anderen Möglichkeiten. Adoption ist eine staatliche Anerkennung einer Lebensgemeinschaft als Fürsorger eines Kindes, aus der rechtliche Ansprüche erwachsen.

Den Vätern des Grundgesetzes war bei ihrer Idee der Famile der Gedanke der Versorgung der Frau und der Kinder wichtig. Den Kindern sollte ein gutes Aufwachsen ermöglicht werden, auch wenn der Ehemann frühzeitig starb und so die Frau Oberhaupt der Familie wurde. Ein Wertewandel hat sicherlich insofern stattgefunden, als dass damals rein rechtlich, die Ehefrau beim Kauf einer Wurst nur ihren Ehemann vertrat, da sie selbst keine Verträge eingehen durfte.

Eine Veränderung des Familienbegriffs in rechtlicher Hinsicht hin zu einem mehr metaphorischen Gebraucht scheint mir damit eher unsinnig zu sein.

August 2017
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