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Artikel-Schlagworte: „Heinrich von Kleist“

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deut­schen Zei­tung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­ti­on beschäf­tigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Toch­ter ihr eine Fra­ge gestellt hat, bei der Ant­wort aber gar nicht lan­ge zuge­hört hat, weil — auf Nach­fra­ge — die Ant­wort ihr nicht hilf­reich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht mora­lisch gebo­ten sei, als Fra­gen­der unab­hän­gig vom eige­nen Gedan­ken, ob die Ant­wort hilf­reich ist, der Ant­wort zuzuhören.

Erlin­ger meint, dass es bei die­sem Fall u.a. um die Fra­ge gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhö­ren muss, fin­det. Offen­bar ist das eine phi­lo­so­phisch zu klä­ren­de Fra­ge für Herrn Erlin­ger. Da hät­te ich ger­ne mal gewusst, wie­so das denn der Fall ist.

Erlin­ger behan­delt den Fall des Auskunftsuchenden:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung die­ser Infor­ma­ti­on. Aber der­je­ni­ge bleibt eigen­stän­dig sowohl in der Ent­schei­dung, ob er oder sie ant­wor­tet, als auch dar­in, was und wie umfang­reich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er ant­wor­tet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimm­ten Infor­ma­ti­on inter­es­siert ist, nicht aber an dem, was der ande­re zu die­sem The­ma sagen will. Man redu­ziert ihn tat­säch­lich auf ein Auskunftsmittel.

Erlin­ger sieht nur an einer Stel­le eine Berech­ti­gung, den Aus­kunft­ge­ben­den zu unterbrechen:

wenn die Ant­wort nicht mehr für den Fra­gen­den erfolgt, son­dern umge­kehrt der Ant­wor­ten­de den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlin­ger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus einer For­mu­lie­rung von Kant einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv für alle Men­schen zu zau­bern. Dem ist nicht so. Zunächst ein­mal han­delt es sich im vor­lie­gen­den Fall um eine pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der nicht zwin­gend kate­go­ri­sche Impe­ra­ti­ve eine Rol­le spielen.

Wenn ich jeman­den um Rat fra­ge, dann impli­ziert das nach Kant mög­li­cher­wei­se einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv. Nahe­lie­gend wäre, dass er beinhal­tet, dass jemand bei einer Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer sol­chen Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet. Ein Bruch die­ses Abkom­mens wäre es, bei einer Gegen­fra­ge für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, gera­de wenn ich über eine hilf­rei­che Ant­wort ver­fü­ge. Im Bei­spiel, dass Erlin­ger bear­bei­tet, ist aber genau das der Fall: Die Toch­ter ant­wor­tet der Mut­ter auf deren Gegen­fra­ge. Die Toch­ter betrach­tet die Mut­ter dem­nach gera­de nicht ledig­lich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschil­der­ten Impe­ra­tiv gefor­dert wird.

Erlin­ger müss­te erklä­ren, wes­we­gen ein sol­cher kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv über­haupt beinhal­ten soll­te, dass man gedul­dig einer Ant­wort lauscht, wenn schon abzu­se­hen ist, dass die Ant­wort dem Fra­gen­den nicht wei­ter­hilft, so wie es schein­bar im Bei­spiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhö­re oder nicht. Selbst Ges­ten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahe­le­gen, dass ich zuhö­re. Hat mein Gegen­über ein Recht dar­auf, dass ich zuhö­re und das Gehör­te ver­ar­bei­te und hat er ein Recht dar­auf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine sol­che Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­mei­ner­bar, denn sie wür­de Men­schen nöti­gen, ande­re (nach Erlin­ger zumin­dest bei nicht selbst ver­herr­li­chen­den Ant­wor­ten) gene­rell aus­re­den zu las­sen, rela­tiv unab­hän­gig von der Hil­fe, die die Ant­wort dar­stellt, und von der Län­ge der Ant­wort, so the­ma­tisch pas­send sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schied­lichs­ten Momen­te, in denen man ande­re in ihrer Rede unter­bricht, und die­se sind unter­schied­lich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führ­te Gedan­ke bekannt ist, und es für den Ange­re­de­ten uner­heb­lich ist, den blo­ßen Gedan­ken gänz­lich aus­zu­füh­ren. Mit­un­ter ist das The­men­ge­biet auch so klar, dass Anek­do­ten das eigent­li­che The­ma nicht bereichern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den ande­ren zu erzie­hen oder ihm durch Zuhö­ren Wohl zu tun, muss ich sei­ne Ant­wort nicht abwar­ten. Es ist mir aller­dings unbe­nom­men, mir selbst eben einen sol­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv aufzuerlegen.

Imma­nu­el Kant beinhal­tet die­sen gan­zen Bereich in einem Text­stück, das Erlin­ger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugend­pflich­ten gegen Ande­re in Die Meta­phy­sik der Sit­ten. Eine nahe­zu unbe­ding­te Zuhör­pflicht fin­det sich dort nicht.

Und zur Ant­wort über die Aus­nah­me zu Erlin­gers Zuhör­pflicht sei gesagt: Dass ein Ant­wor­ten­der den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht, muss nicht bedeu­ten, dass die Ant­wort für den Zuhö­ren­den kei­ne inhalt­li­che Berei­che­rung dar­stellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­nung, man sol­le bei jeder Gele­gen­heit Zuhö­ren­den sei­ne Gedan­ken aus­le­gen, um sie so ver­bes­sern zu kön­nen. Es ist unklar, wie­so das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­li­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs sein soll.

Guten Morgen

Morgenkaffee

Arno Klön­ne wirft nach der “Der Islam gehört nicht zu Sachsen”-Äußerung von Minis­ter­prä­si­dent Til­lich einen Blick auf das Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keits­bild Sach­sens.

Bier­blog­ger Felix bloggt wie­der über sei­ne Lieblingsbiere.

A good blog exists inde­pendent­ly of peop­le rea­ding it.

schreibt Dave Winer. Muss man mir nicht sagen bei den Mil­li­ar­den, die die­ses Blog lesen *hust*. Was mir dazu einfiel:

Ach­tual­ly I think blog­ging is some­thing like hol­ding a speech. And by thin­king of Kleist’s On the Gra­du­al Con­struc­tion of Thoughts During Speech I’d say blog­ging is a tech­ni­que to work with thoughts for yours­elf. That’s why peop­le will keep on jus­ti­fy­ing their blog­ging and it’s why blogs will be inte­res­ting for a long time.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Könn­te etwas dem Blog­gen bei­kom­men, was direk­ter als das Ein­tip­pen von Gedan­ken in Tas­ta­tu­ren ist? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

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