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Artikel-Schlagworte: „Düsseldorf“

Lesezeichen vom 5. Juli 2012

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Lesezeichen von heute

Guten Morgen

Morgenkaffee

Eben war Lindenstraßen-Star Kostas Papanastasiou im Fernsehen zu sehen, der bedauert, dass die Linken in Griechenland nicht an die Regierung gekommen sind, sondern diejenigen, die in der Vergangenheit alles verbockt haben.

Ulrich Horn bemängelt die Selbstgefälligkeit der Regierungskoaliton in NRW angesichts der Alltagsprobleme, wie z.B., dass in Köln und Düsseldorf 50.000 fehlende Wohnungen erwartet werden. Das erinnert mich an eine Begegnung vom Wochenende: Ich kam mit einer Sozialpädagogin, die an einer Schule in Düsseldorf arbeitet, ins Gespräch. Der erzählte ich von meiner Schwester, die in Essen als Grundschullehrerin arbeitet, und diese wiederum meinte, es sei für sie das Traurigste, wenn Kinder statt mit Schulranzen mit Aldi-Tüten zur Schule erschienen. Sowas sei in Düsseldorf mittlerweile auch nichts ungewöhnliches mehr, meinte die Sozialpädagogin.

Vorgestern lag ich mit meinen EM-Tipps ganz falsch, gestern genau richtig. Bleibt ein kleines Minus. Heute wird Irland wohl gegen Italien verlieren und bei Kroatien gegen Spanien liebäugle ich mit einer Torwette. Mal sehen, was die Kroaten werden reißen können, um im Turnier zu bleiben. Vielleicht kicken sie ja sogar Spanien raus.

Und während ich mir die Frage stelle: Wo bleibt der Sommer eigentlich? hole ich mir erstmal noch einen Kaffee.

Guten Morgen

Morgenkaffee

Marc Eschweiler denkt beim WDR über Konsequenzen nach dem Relegationsspiel der Fußballbundesliga zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC nach. Bei der Spielverlagerung fasst TE das Spiel betroffen zusammen und konstatiert, dass er keine Lust mehr auf Fußball hat.

Kristiane Backer war anschließend bei Maischberger. Mehr als skuril war die Sendung wohl nicht.

Der Fefe des Tages: Canon will seine Kameraproduktion vollständig automatisieren.

Und während ich mir die Frage stelle: Sinken die Kamerapreise dann noch weiter? hole ich mir erstmal noch einen Kaffee.

Mir schavant nichts Gutes…

Ja, upsalla: Bundesbildungsministerin Annette Schavans Dissertation steht unter Plagiatsverdacht. Und wenn man zur Maßstab nimmt, dass eine einzige Stelle zur Aberkennung des Titels reicht, würde ich diese Bedingung hierdurch schon als gegeben ansehen. Der anonyme Verfasser der Plagiatsverdachtsseite:

Die Verfasserin übernimmt von Stadter (1970) […] ohne Stadter in der Arbeit zu erwähnen.

Sie selbst habe nur Originalquellen verwendet, äußerte sich die Ministerin. Und hey, da wird die erste Nebelkerze geworfen:

Mit anonymen Vorwürfen kann man schwerlich umgehen

sagt Schavan. Äh, doch, man muss nur lesen. Der Fall ist so gut wie durch.

Aktualisierung

14:55 Uhr – Das geht aber schnell heutzutage: Die Universität Düsseldorf kündigt für den Nachmittag eine Erklärung an.

Beim Spiegel hat man die Vorwürfe noch nicht ganz verstanden.

Der Tagesspiegel versteht die Causa besser und verweist darauf, dass die Dissertation von Gewissensbildung handelt. Muhahahaha.

16:31 Uhr – Auch N24 übernimmt von der dpa das Missverständnis: „Anders als bei früheren Plagiatsvorwürfen gegen Politiker – etwa im Fall des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) – geht es bei den anonymen Vorhaltungen gegen Schavan nicht um die Übernahme kompletter Textstellen aus anderen Veröffentlichungen.“ Doch, darum geht es auch. Aber immerhin haben sie einen O-Ton des Doktorvaters:

Solange ich nicht durch äußere Umstände dazu veranlasst werde, auf die Arbeit zu schauen, werde ich das nicht tun.

20:23 Uhr – Nebelkerze Nr. 2 bei der Süddeutschen Zeitung:

Man könne nie ganz ausschließen, dass ähnliche Gedanken oder Formulierungen auch in anderen Werken stünden.

Naja, wir reden hier immer noch über identische, auf einander folgende Sätze aus einer nichtgenannten Quelle.

22:13 Uhr – Das heute-journal bringt die Meldung. So schnell war ein WordPress.com-Blog wohl noch nie bei den Meinungsmachern.
Auf Vroniplag findet sich die vermutlich vorhergehende Stellensammlung.

3. Mai 10:30 Uhr – Die NOZ bringt eine Meldung der dpa über die NOZ, die den Vroniplag-Gründer interviewt hat. Dieser hält einige Stellen in Schavans Dissertation für klare Plagiate, es sei aber kein zweiter Fall Guttenberg. Das geht ja auch schon rein substantiell nicht: Bei Guttenberg wurden auf mehr Seiten Plagiate gefunden als Schavans Dissertation überhaupt umfasst.

Interessant ist ein Hinweis auf die Verhandlung um den Doktorgrad von Jorgo Chatzimarkakis: In einer Veröffentlichung des Verwaltungsgerichts wird festgehalten, dass der Zweitgutachter betont, dass jedes wörtliche Zitat einzeln ausgewiesen sein muss.

Knöllchen

Letztens traf ich eine Mitarbeiterin des Düsseldorfer Jugendamtes. Und da ich in meiner Heimatstadt noch ab und an etwas von Jugendarbeit mitbekomme, gerieten wir etwas ins Gespräch. Ich berichtete über meine merkwürdigen Erfahrungen im Umgang mit Behörden, womit ich ihr allerdings nichts Neues erzählen konnte. Es sei halt bei Behörden mit Teamwork nicht weit her. Jeder würde für sich kämpfen, ein ernsthaftes Miteinander, nein das gäbe es nicht. Ich erzählte von einer Bekannten, die im Ruhrgebiet Lehrerin ist. Sie erzählte, dass sie rechtlich dazu verpflichtet sei, besondere Vorkommnisse mit Schülern dort zu melden. Aber sie erwarte schon nichts mehr von den Jugendämtern. Egal wie blaugeschlagen die Kinder ankämen, das Jugendamt könne nie etwas Sonderbares finden.
Auch das verwunderte die Jugendamtsmitarbeiterin nicht. Bei ihr sei es so, dass sie so mit Arbeit zugeschüttet werde, dass sie abends wegen der Dinge Skrupel bekäme, die zeitlich einfach nicht mehr erledigt werden konnten. Schließlich stünden da ja Menschenschicksale einerseits und ihre rechtliche Eigenverantwortung andererseits im Raume. Immer mehr habe sie das Gefühl, dass Bürger so abgewimmelt werden sollen, dass am besten kaum noch jemand ins Jugendamt komme. Das ginge anderen aber nicht anders: Wenn sie tagsüber aus ihrem Büro schaue, sähe sie oftmals anderer Mitarbeiter, die auf dem Flur Weinkrämpfe bekämen. Weil sie schlicht überarbeitet seien.
Ich zeigte mich etwas verwundert, schließlich prahle die Düsseldorfer Politik so mit der Schuldenfreiheit der Stadt. Der Eurovision Song Contest konnte auch eben mal so finanziert werden. Düsseldorf habe doch Geld. Da sagte sie:

Für sowas nicht.

Wel­ding, Malte – Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Malte Welding, Versiebt, verkackt, verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End, 204 Seiten, Piper Taschenbuch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flieger startet morgen früh nach Berlin. Wir kommen zum Frühstück an, das ist wichtig. Dann arbeitet der gemeine Berliner und die Touristen sind noch nicht ausgeschwärmt. Aber es ist echt früh, der Flieger geht um Sechsuhrirgendwas. Ich beende den Tag vorm Laptop am Schreibtisch, da kommt mir Malte Weldings neues Buch zu. Das letzte war nicht ganz mein Fall. Aber vielleicht das. Vielleicht sollte man es in Berlin lesen. Vielleicht hilft das. Abgemacht. Weldinglesen in Berlin. Der Authentizität wegen. (Vielleicht meint nun der andere oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eigenes Empfinden und das Besprechen eines Buches zu vermischen. Wer das auseinanderhalten möchte, lese im Folgenden einfach nur den eingerückten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor verlieren: Malte Welding ist Kolumnist der Berliner Zeitung und in Internetkreisen als Blogger bekannt geworden. Er hat schöne Artikel zu Spreeblick beigetragen, solche die man jetzt dem Blog wieder wünscht. Daneben hat er für die Blogs Fooligan, Neue Bodenständigkeit und Deus ex machina geschrieben. 2010 erschien sein erstes Buch Frauen und Männer passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte.

Der Flieger erhebt sich am folgenden Tag pünktlich um 6.40 Uhr in die Lüfte. Die Stewardessen setzen zu ihrer Morgengymnastik an und ich schlage die ersten Seiten auf.

Das Buch handelt von den drei Brüdern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekanntschaft Welding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Berlin verzieht. Allesamt stecken sie in Beziehungen, die ins Stocken geraten. Welding scheint sie privat zu kennen. Wird das jetzt eine Freundesanalyse? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fiktiv? Alles bleibt etwas dunkel für den Leser, der ins kalte Wasser geworfen wird. Warum sind die Geschichten der vier so interessant? Ich fühle mich an Marcel Reich-Ranicki erinnert, der mal meinte, er wolle nur noch Problemschilderungen von Intellektuellen lesen. Ich kann das gut verstehen, auch wenn ich selber einfache Literatur zu schätzen weiß. Es muss nicht immer Kaviar sein. Aber weil ich eben Liebesproblematisierungen in der Popkultur von David Baddiel bis Verrückt nach dir inhaltlich durchwaten habe, fragt sich doch: Was bietet dieses Buch neues? Außer dass es ein Friends aus Berlin zu sein scheint? Der Blick in Beziehungen „nach dem Happy End“? Vielleicht ist das Buch eher für Leute, die nur Liebesfilme kennen.

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, bemerke ich, dass in Berlin ja noch Winter ist. Mindestens 7 Grad weniger als in Düsseldorf. Es herrscht interkontinentales Klima, wie ich mich aus dem Sachunterricht zu erinnern glaube. Der war aber auch vor der Wende. Ich habe Durst und ziehe mir was am Automaten. Meine Freundin fängt lauthals an zu lachen, als sie die Büchse sieht und berlinert:

Ditt kennwa im Westen ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn verspätet sich, ich krame meine Lektüre raus:

Welding stellt jedem Kapitel Zitate voran. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zitate sind nicht sonderlich vomhockerhauend, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich überlese sie konsequent. Die drei Brüder stecken in Beziehungen: Roman hat Mia geheiratet, Mia trennt sich gerade von Paul und Ben ist mit Juila Mia zusammen. Was sind das nun also für Leute?

Wir checken bei meinem Freund am Ostkreuz ein und lernen Maren kennen, die auch dort wohnt. Sie hat Medizin studiert, aber nicht zu ende, ist Mitte 30 und sattelt nun zur Immobilienmaklerin um. Die letzte Prüfung hat sie in Berlin verpasst, kann sie aber, was sie heute erfahren hat, in Rostock ablegen. Und hinterher vielleicht noch etwas studieren – was man in Berlin eben so macht. Über die Brücke am Ostkreuz verschlägt es uns in das Datscha. Es gibt schweres russisches Frühstück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst lernen wir Roman und Paul kennen, nachdem Greta Paul, der sich gerade auf einem LSD-Trip befindet, den Laufpass gegeben hat. Von Roman und Greta erfahren wir, dass beide ein Kind bekommen wollen, aber etwas kontraproduktiverweise das mit dem Sex gerade so gar nicht läuft. Von Ben wissen wir, dass er Architektur studiert oder studiert hat und Paul ist ehrgeizloser Rechtsanwalt. Die Berufe spielen aber im Folgenden keine sonderliche Rolle. Mia hängt an Roman, vielleicht etwas leidenschaftlicher als umgekehrt, Greta scheint eine gutaussehende, willensstarke Frau zu sein. Generell bleibt es aber bei Typisierungen der Charaktere, ein eigenes Bild will sich kaum einstellen. Die Kerle kommen mir vor wie phantasielose, unlustige Tunichtguts. Wenig inspirierend – weder zum Interesse an den Charakteren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nachmittags so durch den Osten schlendern, fallen mir die traditionellen Berlinerisms auf. In der Straßenbahn hat gefühlt jeder Zweite eine Bierflasche dabei, im Osten flanieren Hundeköttel die Gehwege, es herrscht distanzierte Humorlosigkeit, hektisches Gehen, Gedrängel, und man sieht, was Frauen in Berlin für Mode halten: Knallenge Leggins zu dunkelwattierten Rettungswesten. Oder wie meine Freundin sich ausdrückt:

Hier laufen selbst die ganz hübschen Mädchen auf hässlich getrimmt rum.

Als irgendwo waschechte Düsseldorferin zieht es sie in eine der 111 Sehenswürdigkeiten des Sehenswürdigkeitenbuches, das in Berlin die Touristen erkennbar macht: Das ganzjährige Verkleidungsgeschäft.

Während sie den Laden auseinandernimmt und sich schließlich für eine überdimensionierte Geburtstagsbrille, sowie 30er Absperrband und Warnschilder für ihren Geburtstag entscheidet, lese ich…

… einen Witz. Tatsächlich. Ich lache auf Seite 130. So, dass einige mich schon komisch anschauen. Öffentliches, spontanes Lachen in Berlin ist so eine Sache. Ich werde aber quasi mit dieser Stelle etwas wärmer mit dem Buch. Ich denke nicht mehr ans Weglegen. Immerhin so gut muss die Lektüre sein. Man kann sie weiterlesen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man sich, vielleicht wie in einem Roman, mit irgendeiner Figur derart anfreundet, dass man mitfiebert. Pustekuchen. Dafür gibt es Namedropping: Dawkins, Pinker und die Internetaussteckanekdote von Franzen. Jaja.

Am nächsten Morgen hole ich Brötchen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt „ENDLICH! Sauf Verbot in der BVG“. Kritik wird hier ja schnell umgesetzt, denke ich. Ubringens: Die schmierigen Graffiti sind auch scheiße! Ich gelange zur Brötchentheke, an der ich mich nicht entsinnen kann, wie Berliner noch mal in Berlin heißen, lerne dagegen: „Good Cookies go to heaven, bad cookies go to…“

Als ich mit den Frühstückssachen wieder in die Wohnung komme, erzählt Maren, dass sie nun eine Wohnung in Rostock hat. Dafür die Prüfung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Einbahnstraße. Zum Mittagessen zieht es meine Freundin und mich wieder in den Osten. Hinter den Hackeschen Höfen ist Sushi angesagt. Das Sushi kann es mit den Düsseldorfern aufnehmen. Da ich weniger Teller verputze als meine Begleitung…

… und mir die dortigen Kleidungsfachgeschäfte nicht so zusagen wie meiner Freundin, blättere ich etwas.

Die handelnden Personen im Buch lassen sich offenbar immer von irgendwelchen Gefühlen treiben. Man erfährt eigentlich zu wenig über wirkliche Gründe. Alles bleibt Spekulation, alle Veränderung wirkt wie Einbahnstraße. Das Buch verleitet, selbst über Pärchen nachzudenken. Ich habe nach meiner Abizeit selbst gerne Pärchen analysiert, nach Zielen gefragt, über das Wohlbefinden der einzelnen Partner nachgedacht. Einmal habe ich das einem Bekannten vorgelegt, worauf dieser meinte: „Japp, das klingt alles schlüssig. Und ich glaube auch nicht, dass Beziehungen immer sonderlich glücklich sind unterm Strich. Aber vielleicht sind die damit zufrieden.“ Da habe ich mich angefangen, mich in Zurückhaltung zu üben, was andere Pärchen angeht.

Als wir den Rückweg antreten – Rotfront tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form dreier Personen Mia. entgegen. Sagt zumindest meine Freundin. Ich habe nur Augen für die schulterbepolsterten Lilaanzüge, die mir einen Tick zu metrosexuell vorkommen. Die blonde Begleitung ist zu klein, um mir aufzufallen. Kann sein, dass das Mietze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rückweg kommen wir am St. Oberholz vorbei, uns verschlägt es aber in Unser Haus am Meer. Meine Freundin klagt seit 2 Tagen über Seitenstechen. Blinddarm, eventuell. Kann sein, meinte Maren. Ich lasse mir das Wlan-Passwort geben und google die 5 typischen Kennzeichen einer Blinddarmentzündung. Ihre Wehwehchen qualifizieren nicht für was mit Blinddarm.

„Wanderschmerz“, lese ich vor. „Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!“ – „Nee, das soll heißen, der Schmerz wandert zum Blinddarm hin, nicht quer durch den Körper.“ – „Ach, so.“

Ihr geht es schlagartig besser. Und während sie herauszufinden versucht, wer die überbotoxte Frau im roten Kleid auf der anderen Seite ist, und ob sie ihren Begleiter aus dem Fernsehen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gelesen und verhandelt. Das Ende wird nicht verraten. Wir erfahren mehr über Bens Dreiererfahrung, Jimos Familienplanung und die Eltern der drei Brüder. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem potentiellen Leser? Vielleicht das, was man einem zu Berlin auch empfehlen würde: Man sollte es selbst erkunden. Ich halte mich nicht für sonderlich repräsentativ, um dieses Buch geschmacklich genau einzuordnen. Dazu hat man, gerade was Liebe als Thema angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob dieses Buch was für Sie ist, mein geneigter Leser, müssen sie selbst herauskriegen. Vielleicht haben Sie durch die vorangegangen Zeilen etwas Appetit bekommen.

Großstadt

A large city cannot be experientially known;
its life is too manifold for any individual
to be able to participate in it.

Aldous Huxley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Ausgabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Freundin und ihre Freundin kommen erst in einer halben Stunde, also starte ich ein Stadtmelancholieren, dieses Mal in einer Großstadt oder zumindest einer, die sich dafür hält: Düsseldorf. Und was einem schnell auffällt: 18 Uhr ist eine schlimmsten Uhrzeiten in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrradfahrer, die wenigen Passanten gehen nicht, sondern hasten über die Baustellenampeln der Fußgängerzone und dauernd patschen ohrbestöpselte Menschen auf ihre hell erleuchteten Computertelefone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Selbst die Kniebettler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlendere in einen Arkadenbau hinein. Auch hier: Gähnende Leere. Keine chinesische Geisterstadteinkaufspassage, aber eine gänzlich uninspirierende. Ich lehne mich an ein Geländer, da fängt unter mir Klaviermusik an. Eine Barhockersängerin intoniert Night & Day. Etwas merkwürdig, denn im Keller des Arkadenbaus ist nie zu erkennen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Verweilen lädt mich nichts ein. Ich erinnere mich an eine Passage aus Erich Kästners Fabian, in der Fabian festhält, dass Kaufhäuser unheimlich gut geeignete Orte für Streuner sind, die eh nichts kaufen, sondern sich nur aufwärmen wollen, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buchhandelskette betrete. Hier wird mit Büchern noch Handel betrieben, ins Auge springen nur Bestseller. Gute Bücher sucht man fast vergeblich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klamottengeschäften passiert, in Bücheräden noch von Verkäufern angesprochen wurde, um bei der Literatursuche behilflich zu sein. Als ich zwei lauthals tratschende Kolleginnen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden, danke ich innerlich dafür, dass mir heute Literaturtipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgängerzone, ab zum Schauspielhaus. Ich registriere, dass kaum ein Geschäft irgendetwas hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woanders, wer holt sich diese Sachen? In der Parfümeriefiliale entdecke ich einen dieser flachbrüstigen Flakonbodyguards, der nie lächelt und seinen Blick so mechanisch schwenkt, als sei er schon ein Halbroboter, der das mit der menschlichen Kommunikation noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich einmal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erreiche nun über bepfütztes Baustellengebiet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Betonplatten markieren die Trostlosigkeit auf dem Vorhofs des Schauspielhauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leerstehende, hyhnenhafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und entdecke im zweitobersten Stockwerk des dortigen, noch bezogenen Bürogebäudes ein vorm Computer sitzendes Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schauspielhaus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schauspielhauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir entgegen, dem einzigen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Freundin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Niederländerin aus Amsterdam, die in Düsseldorf gestrandet ist. Gestrandet ist vielleicht ein zu ästhetisches Wort. Denn Düsseldorf ist nicht schön, sagt sie. Amsterdam ist schön. Aber Düsseldorf? Nein, keine Frage, Düsseldorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hinunter in Richtung Kaiserswerth. Schön da, aber irgendwie nicht Düsseldorf. Düsseldorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schönheit der Stadt identifizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düsseldorf.

Beim Hinausgehen merkt die Freundin meiner Freundin an, dass sie es nie verstanden hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzendfach in Hamburg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innenstadt. Das sei aber ganz normal in der Woche nach der Karnevalszeit, sagt meine Freundin. Die Leute gingen einfach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depression über die Einkaufspassagen und Cafés. Ach so.

Das Kölschgefühl

Jochen Busse hat gestern im WDR2 erzählt, dass er schon des Öfteren Karneval mitgemacht und genossen hat, dass er ihn aber nicht vermisse, wenn er nicht mit dabei sei.

Das Rheinländische verblasst also doch einigermaßen schnell, wenn man nicht drin, drum und dran ist. Ähnlich steht es mit dem Biergeschmack: Alt oder Kölsch. Der Düsseldorfer präferiert das Schwarzbier, dem Kölner kommt es nicht ins Glas. Und bei anderen?

Guten Morgen

Morgenkaffee

Der CSU-Generalsekretär möchte alle Bundestagsabgeordneten der Linkspartei unter Generalverdacht stellen.

Kleine Selbstreferenz: Eigentlich wollte ich nur ein schönes Foto verbloggen und dann textete ich einfach was drumzu: Schrottiges in Düsseldorf.

Christoph Süß fragt mal aktuell nach den Verfassungfeinden: [audio:http://cdn-storage.br.de/mir-live/MUJIuUOVBwQIb71S/iw11MXTPbXPS/_2rc_71S/_-iS/_-rH9AFH/120128_1002_orange_Verfassungsfeinde-rechts-und-links.mp3|artists=Chrisoph Süß auf Bayern 2|titles=Verfassungsfeinde rechts und links]

Und während ich mir die Frage stelle: Hat der Verfassungsschutz eigentlich auch sich selbst zu schützen? hole ich mir erstmal noch einen Kaffee.

August 2017
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