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Artikel-Schlagworte: „Düsseldorf“

Guten Morgen

Morgenkaffee

Ulrich Horn unkt, dass die Ruh­ge­biets­städ­te so run­ter­ge­kom­men sind, dass man bald aus Köln und Düs­sel­dorf Erleb­nis­fahr­ten dort­hin oran­gi­sie­ren werde.

Gift im Cock­pit
, klingt wie eine TKKG-Folge, wird aber im Bun­des­tag untersucht.

Utopia.de stellt Palmöl-Produktalternativen vor. Da merkt man erst ein­mal, wo Palm­öl überal drin ist. Und Sie wun­dern sich, dass die Ja-Magerine so bil­lig ist.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wann gibt’s denn mal einen tren­di­gen Öko-Einkaufsoptimismus? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

Lesezeichen vom 5. Juli 2012

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Eben war Lindenstraßen-Star Kos­tas Papa­na­sta­siou im Fern­se­hen zu sehen, der bedau­ert, dass die Lin­ken in Grie­chen­land nicht an die Regie­rung gekom­men sind, son­dern die­je­ni­gen, die in der Ver­gan­gen­heit alles ver­bockt haben.

Ulrich Horn bemän­gelt die Selbst­ge­fäl­lig­keit der Regie­rungs­ko­ali­ton in NRW ange­sichts der All­tags­pro­ble­me, wie z.B., dass in Köln und Düs­sel­dorf 50.000 feh­len­de Woh­nun­gen erwar­tet wer­den. Das erin­nert mich an eine Begeg­nung vom Wochen­en­de: Ich kam mit einer Sozi­al­päd­ago­gin, die an einer Schu­le in Düs­sel­dorf arbei­tet, ins Gespräch. Der erzähl­te ich von mei­ner Schwes­ter, die in Essen als Grund­schul­leh­re­rin arbei­tet, und die­se wie­der­um mein­te, es sei für sie das Trau­rigs­te, wenn Kin­der statt mit Schul­ran­zen mit Aldi-Tüten zur Schu­le erschie­nen. Sowas sei in Düs­sel­dorf mitt­ler­wei­le auch nichts unge­wöhn­li­ches mehr, mein­te die Sozialpädagogin.

Vor­ges­tern lag ich mit mei­nen EM-Tipps ganz falsch, ges­tern genau rich­tig. Bleibt ein klei­nes Minus. Heu­te wird Irland wohl gegen Ita­li­en ver­lie­ren und bei Kroa­ti­en gegen Spa­ni­en lieb­äug­le ich mit einer Tor­wet­te. Mal sehen, was die Kroa­ten wer­den rei­ßen kön­nen, um im Tur­nier zu blei­ben. Viel­leicht kicken sie ja sogar Spa­ni­en raus.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wo bleibt der Som­mer eigent­lich? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

Guten Morgen

Morgenkaffee

Marc Esch­wei­ler denkt beim WDR über Kon­se­quen­zen nach dem Rele­ga­ti­ons­spiel der Fuß­ball­bun­des­li­ga zwi­schen For­tu­na Düs­sel­dorf und Her­tha BSC nach. Bei der Spiel­ver­la­ge­rung fasst TE das Spiel betrof­fen zusam­men und kon­sta­tiert, dass er kei­ne Lust mehr auf Fuß­ball hat.

Kris­tia­ne Back­er war anschlie­ßend bei Maisch­ber­ger. Mehr als sku­ril war die Sen­dung wohl nicht.

Der Fefe des Tages: Canon will sei­ne Kame­ra­pro­duk­ti­on voll­stän­dig auto­ma­ti­sie­ren.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Sin­ken die Kame­r­a­prei­se dann noch wei­ter? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

Mir schavant nichts Gutes…

Ja, ups­al­la: Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Annet­te Scha­vans Dis­ser­ta­ti­on steht unter Pla­gi­ats­ver­dacht. Und wenn man zur Maß­stab nimmt, dass eine ein­zi­ge Stel­le zur Aberken­nung des Titels reicht, wür­de ich die­se Bedin­gung hier­durch schon als gege­ben anse­hen. Der anony­me Ver­fas­ser der Plagiatsverdachtsseite:

Die Ver­fas­se­rin über­nimmt von Stadter (1970) […] ohne Stadter in der Arbeit zu erwähnen.

Sie selbst habe nur Ori­gi­nal­quel­len ver­wen­det, äußer­te sich die Minis­te­rin. Und hey, da wird die ers­te Nebel­ker­ze gewor­fen:

Mit anony­men Vor­wür­fen kann man schwer­lich umgehen

sagt Scha­van. Äh, doch, man muss nur lesen. Der Fall ist so gut wie durch.

Aktua­li­sie­rung

14:55 Uhr — Das geht aber schnell heut­zu­ta­ge: Die Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf kün­digt für den Nach­mit­tag eine Erklä­rung an.

Beim Spie­gel hat man die Vor­wür­fe noch nicht ganz verstanden.

Der Tages­spie­gel ver­steht die Cau­sa bes­ser und ver­weist dar­auf, dass die Dis­ser­ta­ti­on von Gewis­sens­bil­dung han­delt. Muha­h­a­h­a­ha.

16:31 Uhr — Auch N24 über­nimmt von der dpa das Miss­ver­ständ­nis: “Anders als bei frü­he­ren Pla­gi­ats­vor­wür­fen gegen Poli­ti­ker — etwa im Fall des zurück­ge­tre­te­nen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Karl-Theodor zu Gut­ten­berg (CSU) — geht es bei den anony­men Vor­hal­tun­gen gegen Scha­van nicht um die Über­nah­me kom­plet­ter Text­stel­len aus ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen.” Doch, dar­um geht es auch. Aber immer­hin haben sie einen O-Ton des Doktorvaters: 

Solan­ge ich nicht durch äuße­re Umstän­de dazu ver­an­lasst wer­de, auf die Arbeit zu schau­en, wer­de ich das nicht tun.

20:23 Uhr — Nebel­ker­ze Nr. 2 bei der Süd­deut­schen Zei­tung:

Man kön­ne nie ganz aus­schlie­ßen, dass ähn­li­che Gedan­ken oder For­mu­lie­run­gen auch in ande­ren Wer­ken stünden.

Naja, wir reden hier immer noch über iden­ti­sche, auf ein­an­der fol­gen­de Sät­ze aus einer nicht­ge­nann­ten Quel­le.

22:13 Uhr — Das heute-journal bringt die Mel­dung. So schnell war ein WordPress.com-Blog wohl noch nie bei den Meinungsmachern.
Auf Vro­ni­plag fin­det sich die ver­mut­lich vor­her­ge­hen­de Stellensammlung.

3. Mai 10:30 Uhr — Die NOZ bringt eine Mel­dung der dpa über die NOZ, die den Vroniplag-Gründer inter­viewt hat. Die­ser hält eini­ge Stel­len in Scha­vans Dis­ser­ta­ti­on für kla­re Pla­gia­te, es sei aber kein zwei­ter Fall Gut­ten­berg. Das geht ja auch schon rein sub­stan­ti­ell nicht: Bei Gut­ten­berg wur­den auf mehr Sei­ten Pla­gia­te gefun­den als Scha­vans Dis­ser­ta­ti­on über­haupt umfasst.

Inter­es­sant ist ein Hin­weis auf die Ver­hand­lung um den Dok­tor­grad von Jor­go Chat­zi­marka­kis: In einer Ver­öf­fent­li­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts wird fest­ge­hal­ten, dass der Zweit­gut­ach­ter betont, dass jedes wört­li­che Zitat ein­zeln aus­ge­wie­sen sein muss.

Knöllchen

Letz­tens traf ich eine Mit­ar­bei­te­rin des Düs­sel­dor­fer Jugend­am­tes. Und da ich in mei­ner Hei­mat­stadt noch ab und an etwas von Jugend­ar­beit mit­be­kom­me, gerie­ten wir etwas ins Gespräch. Ich berich­te­te über mei­ne merk­wür­di­gen Erfah­run­gen im Umgang mit Behör­den, womit ich ihr aller­dings nichts Neu­es erzäh­len konn­te. Es sei halt bei Behör­den mit Team­work nicht weit her. Jeder wür­de für sich kämp­fen, ein ernst­haf­tes Mit­ein­an­der, nein das gäbe es nicht. Ich erzähl­te von einer Bekann­ten, die im Ruhr­ge­biet Leh­re­rin ist. Sie erzähl­te, dass sie recht­lich dazu ver­pflich­tet sei, beson­de­re Vor­komm­nis­se mit Schü­lern dort zu mel­den. Aber sie erwar­te schon nichts mehr von den Jugend­äm­tern. Egal wie blau­ge­schla­gen die Kin­der ankä­men, das Jugend­amt kön­ne nie etwas Son­der­ba­res finden.
Auch das ver­wun­der­te die Jugend­amts­mit­ar­bei­te­rin nicht. Bei ihr sei es so, dass sie so mit Arbeit zuge­schüt­tet wer­de, dass sie abends wegen der Din­ge Skru­pel bekä­me, die zeit­lich ein­fach nicht mehr erle­digt wer­den konn­ten. Schließ­lich stün­den da ja Men­schen­schick­sa­le einer­seits und ihre recht­li­che Eigen­ver­ant­wor­tung ande­rer­seits im Rau­me. Immer mehr habe sie das Gefühl, dass Bür­ger so abge­wim­melt wer­den sol­len, dass am bes­ten kaum noch jemand ins Jugend­amt kom­me. Das gin­ge ande­ren aber nicht anders: Wenn sie tags­über aus ihrem Büro schaue, sähe sie oft­mals ande­rer Mit­ar­bei­ter, die auf dem Flur Wein­krämp­fe bekä­men. Weil sie schlicht über­ar­bei­tet seien.
Ich zeig­te mich etwas ver­wun­dert, schließ­lich prah­le die Düs­sel­dor­fer Poli­tik so mit der Schul­den­frei­heit der Stadt. Der Euro­vi­si­on Song Con­test konn­te auch eben mal so finan­ziert wer­den. Düs­sel­dorf habe doch Geld. Da sag­te sie:

Für sowas nicht.

Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me kennen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und berlinert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leute?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Frühstück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich ausdrückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Verkleidungsgeschäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Begleitung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blinddarm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekommen.

Großstadt

A lar­ge city can­not be expe­ri­en­ti­al­ly known;
its life is too mani­fold for any individual
to be able to par­ti­ci­pa­te in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die drit­te Aus­ga­be von Gebro­chen Deutsch anfängt, mei­ne Freun­din und ihre Freun­din kom­men erst in einer hal­ben Stun­de, also star­te ich ein Stadt­me­lan­cho­lie­ren, die­ses Mal in einer Groß­stadt oder zumin­dest einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimms­ten Uhr­zei­ten in Düs­sel­dorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt kei­ne Fahr­rad­fah­rer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Bau­stel­len­am­peln der Fuß­gän­ger­zo­ne und dau­ernd pat­schen ohr­be­stöp­sel­te Men­schen auf ihre hell erleuch­te­ten Com­pu­ter­te­le­fo­ne. Ein­kau­fen will kei­ner mehr, nur schnell zuhau­se sein, bevor die Bür­ger­stei­ge hoch­ge­klappt wer­den. Selbst die Knie­bett­ler haben schon ein­ge­packt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­de­re in einen Arka­den­bau hin­ein. Auch hier: Gäh­nen­de Lee­re. Kei­ne chi­ne­si­sche Geis­ter­stadt­ein­kaufs­pas­sa­ge, aber eine gänz­lich unin­spi­rie­ren­de. Ich leh­ne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Kla­vier­mu­sik an. Eine Bar­ho­ckersän­ge­rin into­niert Night & Day. Etwas merk­wür­dig, denn im Kel­ler des Arka­den­baus ist nie zu erken­nen, ob gera­de Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­wei­len lädt mich nichts ein. Ich erin­ne­re mich an eine Pas­sa­ge aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fest­hält, dass Kauf­häu­ser unheim­lich gut geeig­ne­te Orte für Streu­ner sind, die eh nichts kau­fen, son­dern sich nur auf­wär­men wol­len, als ich die gut gewärm­te Filia­le einer Buch­han­dels­ket­te betre­te. Hier wird mit Büchern noch Han­del betrie­ben, ins Auge sprin­gen nur Best­sel­ler. Gute Bücher sucht man fast ver­geb­lich. Ich ent­sin­ne mich, dass man frü­her, was heu­te nur noch in Kla­mot­ten­ge­schäf­ten pas­siert, in Büche­rä­den noch von Ver­käu­fern ange­spro­chen wur­de, um bei der Lite­ra­tur­su­che behilf­lich zu sein. Als ich zwei laut­hals trat­schen­de Kol­le­gin­nen an der Kas­se zuhö­ren muss, die in die­ser Ket­te gelan­det sind, weil sie auf der Schu­le frü­her davon träum­ten, Schrift­stel­le­rin­nen zu wer­den, dan­ke ich inner­lich dafür, dass mir heu­te Lite­ra­tur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Stra­ße, noch­mal durch die Fuß­gän­ger­zo­ne, ab zum Schau­spiel­haus. Ich regis­trie­re, dass kaum ein Geschäft irgend­et­was hat, was ich ger­ne haben möch­te. Mei­ne Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich die­se Sachen? In der Par­fü­me­rie­fi­lia­le ent­de­cke ich einen die­ser flach­brüs­ti­gen Fla­kon­bo­dy­guards, der nie lächelt und sei­nen Blick so mecha­nisch schwenkt, als sei er schon ein Halb­ro­bo­ter, der das mit der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, wer­de ich Rausschmeisser.

Ich errei­che nun über bepfütz­tes Bau­stel­len­ge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten mar­kie­ren die Trost­lo­sig­keit auf dem Vor­hofs des Schau­spiel­hau­ses. Ein leich­ter Wind zieht auf und es tröp­felt etwas. Zur Lin­ken ragt das leer­ste­hen­de, hyh­nen­haf­te Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich las­se mei­nen Blick nach rechts schwei­fen und ent­de­cke im zwei­t­obers­ten Stock­werk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäu­des ein vorm Com­pu­ter sit­zen­des Hoppermotiv:

Er wird noch da sit­zen, als wir das Schau­spiel­haus wie­der verlassen.

Ich schaue nach vor­ne zur Anzei­gen­ta­fel des Schau­spiel­hau­ses, die wie der Vor­hof mit Ästhe­tik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem ein­zi­gen, der da gera­de auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absät­ze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

End­lich kommt mei­ne Freun­din und ihre Beglei­tung zwei Minu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Auf der Büh­ne sitzt die­ses Mal eine Nie­der­län­de­rin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf gestran­det ist. Gestran­det ist viel­leicht ein zu ästhe­ti­sches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, kei­ne Fra­ge, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fah­re ger­ne mit dem Fahr­rad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kai­sers­werth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fi­zie­ren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, den­ke ich — in Düsseldorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Freun­din mei­ner Freun­din an, dass sie es nie ver­stan­den hat, wie­so solch ein Bohei um die Kö gemacht wer­de, sol­che Stra­ßen gäb es dut­zend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Kar­ne­vals­zeit, sagt mei­ne Freun­din. Die Leu­te gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­si­on über die Ein­kaufs­pas­sa­gen und Cafés. Ach so.

Das Kölschgefühl

Jochen Bus­se hat ges­tern im WDR2 erzählt, dass er schon des Öfte­ren Kar­ne­val mit­ge­macht und genos­sen hat, dass er ihn aber nicht ver­mis­se, wenn er nicht mit dabei sei.

Das Rhein­län­di­sche ver­blasst also doch eini­ger­ma­ßen schnell, wenn man nicht drin, drum und dran ist. Ähn­lich steht es mit dem Bier­ge­schmack: Alt oder Kölsch. Der Düs­sel­dor­fer prä­fe­riert das Schwarz­bier, dem Köl­ner kommt es nicht ins Glas. Und bei anderen?

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