Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

R.i.p. Kazim Akboga (1983–2017)

Conchita Wurst — Satellite

Da gab’s ja doch noch eine sehr gute Per­for­mance beim deut­schen ESC-Vorentscheid:

Alternative zu Fakten

Das Lokal­blätt­chen mei­ner Hei­mat­stadt hat eine son­der­ba­re Kam­pa­gne gestar­tet, deren Inhalt es ist, dass die Jour­na­lis­ten ihrer Zei­tung angeb­lich kei­ne Fake-News ver­brei­ten. Einen dazu gehö­ri­gen Aus­spruch, den man bei der Zei­tung offen­bar für rich­tig hält, habe ich etwas genau­er unter die Lupe genommen: 

Zu Fak­ten gibt es kei­ne Alternative.

Das ist schlicht falsch. Die Alter­na­ti­ven zu Fak­ten sind Mei­nun­gen. Und wenn man gera­de nichts ande­res zur Ver­fü­gung hat, sind der­ar­ti­ge Mei­nun­gen lebens­wich­tig. Das ist doch gera­de der Witz in Spiel­fil­men, bei denen eine Bom­be ent­schärft wer­den soll, der Held kein Fak­ten­wis­sen hat und über eine geschei­te Mei­nung ver­su­chen muss, das Pro­blem zu lösen.

Was man bei der Zei­tung wohl eigent­lich mein­te — und das ist auch nur eine Ver­mu­tung — ist, dass es kei­ne alter­na­ti­ven Fak­ten gibt. Das bedeu­tet, dass es zu dar­stell­ba­ren Tat­sa­chen kei­ne alter­na­ti­ven Erklä­run­gen gibt, die vom sel­ben Gegen­stand han­deln, und etwas bezo­gen auf eine Tat­sa­che gegen­sätz­li­ches in rich­ti­ger Wei­se dar­stel­len. Es ist ent­we­der die eine oder die ande­re Erklä­rung rich­tig. Bei Ver­schie­den­heits­be­haup­tun­gen kommt es oft vor, dass schlicht nicht vom sel­ben Gegen­stand in glei­cher­wei­se die Rede ist.

An die­ser Stel­le besteht eine Schwie­rig­keit, mit der Per­so­nen, die poli­ti­schen Wil­len trotz Fak­ten­la­ge durch­set­zen wol­len, nut­zen kön­nen: Es ist erklä­rungs­be­dürf­tig, wie­so eine Tat­sa­chen­dar­le­gung nur als Sin­gu­la­ri­tät gül­tig sein kann. Ohne eine lan­ge phi­lo­so­phi­sche Dar­le­gung hier zu erör­tern: Es hat mit der geis­ti­gen Ver­an­la­gung des Men­schen zu tun. Es folgt die nächs­te Schwie­rig­keit: Erklä­run­gen dau­ern mit­un­ter etwas län­ger. Da schal­ten vie­le ab, mei­nen, was nicht ein­fach erklär­bar sei, wäre des­we­gen schon falsch. Wenn Sie schon bis­her gele­sen haben, wis­sen sie um den Auf­wand, den so ein Lesen mit sich bringt — und wie vie­le gehen da schon nicht mit.

Wer nun unter­stellt, es gäbe die­se Beschaf­fen­heit von Tat­sa­chen nicht, der erklärt alle Tat­sa­chen zu Mei­nun­gen. Inso­fern ist auch ger­ne von der herr­schen­den Mei­nung die Rede. Hier kommt hin­zu, dass es inzwi­schen unter den Men­schen so vie­le Fach­ge­bie­te gibt, dass nie­mand mehr wie frü­her in allen Fach­ge­bie­ten kom­pe­tent ist. Das bedeu­tet auch Exper­ten haben sich in für sie fach­frem­den Gebie­ten mit Mei­nun­gen zu behelfen.

Und nach so viel Vor­lauf sind wir beim eigent­li­chen gesell­schaft­li­chen Pro­blem: Es gibt wirk­lich vie­le Men­schen, die den­ken, es gäbe nur Mei­nun­gen und dem­entspre­chend herr­schen­de Meinungen. 

Einer­seits ist es per­sön­lich eine sehr unan­ge­neh­me Posi­ti­on, so etwas wirk­lich zu den­ken, denn das Erklä­ren der Welt anhand von Tat­sa­chen hat doch noch etwas stark Befrie­di­gen­des. Wenn Kin­der in der Schu­le eine Mathe­auf­ga­be rich­tig lösen und sie das erken­nen, krie­gen sie eben einen Kick, aber lös­brül­len wer­den die Wenigs­ten. Dem kommt ein bloß mei­nungs­ba­sie­ren­des Recht­ha­be­ge­fühl schon nahe, aber wäh­rend ers­te­res meist geräusch­los abgeht, muss z.B. bei den popu­lis­ti­schen Par­tei­en immer unheim­lich gebrüllt wer­den. Es muss mit Emo­ti­on auf­ge­la­den wer­den, weil ein Rest­zwei­fel, ein skep­ti­sches Unsi­cher­heits­ge­fühl bleibt: Was ist, wenn mei­ne Mei­nung falsch ist? Wer­de ich dann als Idi­ot ver­pot­tet? Vor sol­chen Zwei­feln wird auch schnell weg gerannt, indem man schleu­nigst das The­ma wech­selt — dann kos­tet es Kri­ti­ker ja wie­der etwas Zeit, um das neu­er­li­che The­ma sach­lich rich­tig aus­ein­an­der zu neh­men. Wer gegen so eine Posi­ti­on hält, muss eben­so damit rech­nen, ange­pö­belt zu werden.

Ande­rer­seits sind Tat­sa­chen dar­stell­bar, eben­so die Metho­den und Grund­an­nah­men, auf denen sie beru­hen. Nicht alles, was als Tat­sa­che dar­ge­stellt wird, ist eine, das ändert nichts dar­an, dass es Tat­sa­chen und rich­ti­ge Tat­sa­chen­dar­stel­lun­gen gibt. Um das Mei­nun­gen von Tat­sa­chen tren­nen zu kön­nen braucht man Ruhe und eine grund­le­gen­de Bildung.

Ich hal­te die durch­gän­gi­ge Ein­stel­lung, es gäbe nur Mei­nun­gen und kei­ne Tat­sa­chen, für kaum annehm­bar, wenn wir es nicht mit psy­chisch stark beein­träch­tig­ten Per­so­nen zu tun haben. Der Mensch kann ein­fach sei­ne geis­ti­ge Beschaf­fen­heit nicht abschüt­teln. So wenig, wie er sich den­ken kann, er sein nicht Initia­tor von Hand­lun­gen sei­nes Kör­pers. Das ist auch nicht das eigent­li­che Problem. 

Das Pro­blem ist eine Macht­po­li­tik, die mit Hil­fe von Popu­lis­mus Ent­schei­dun­gen trotz Tat­sa­chen, aus denen Hand­lungs­ma­xi­men erwach­sen, die gegen eben die­se Ent­schei­dun­gen spre­chen, durch­set­zen will.

Sesamstraße: Wie man über die Mauer kommt

Die Pra­xis­tipps der Sesam­stra­ße wer­den aber auch immer aktueller:

Konis Hupen

Veiel, Andres — Black Box BRD

Die­ses Buch ist auch schon wie­der alt, aber nicht mal ange­staubt, wie mir scheint. In bezug auf die Ermor­dung Alfred Herr­hau­sens ist man in den letz­ten Jah­ren kein Stück wei­ter gekom­men. In die­sem Buch wird erzäh­le­risch das Leben Herr­hau­sens und das von Wolf­gang Grams, die bei­de im Stru­del R.A.F.-Terrors ihr Leben ver­lo­ren. Das Buch ver­gli­chen mit dem Film ist span­nen­der, dich­ter, der Film dage­gen mit den Stim­men der Betei­lig­ten und Betrof­fe­nen anschaulicher.

Nervling — Unplugged

Letz­tes Jahr habe ich gar nicht die Alben des Jah­res gewür­digt, schlicht auch des­we­gen, weil ich kaum wel­che auf dem Schirm hat­te. Die­sem möch­te ich mich aber noch wid­men: Die Ham­bur­ger Band Nerv­ling hat ihr ers­tes Unplugged-Album auf den Markt gebracht und so wenig Beach­tung sie bekom­men, so unver­dient ist dies. Es ist schon erstaun­lich in welch ande­rem Gewand ihre Songs in der strom­lo­sen Form daher kom­men, was ein wei­te­res Mal zeigt, wie vir­tu­os die bei­den Künst­ler mit ihrer Kunst umzu­ge­hen ver­mö­gen. Da bekom­men Lie­der ganz ande­re Melo­di­en ver­passt, und wenn man nicht den Text kennt, wüss­te man gar nicht, dass hier eine glei­che Grund­la­ge ver­wen­det wor­den ist. Schlicht gran­di­os und ein wirk­li­cher Kauftipp.

Simsek Semiya, Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

buchleser

So lang­sam kom­me ich mal mei­ner Able­se­lis­te hin­ter­her: Die­ses Buch beinhal­tet Semiya Şimşeks Beschrei­bung des Lebens und der Ermor­dung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Fol­gen für ihre Fami­lie und erbärm­li­che Rol­le, die der deut­sche Staat bei der Auf­ar­bei­tung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schrei­ben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jah­re zurück, und der Pro­zess gegen das letz­te Mit­glied der für die dazu­ge­hö­ren­de Mord­se­rie ver­ant­wort­li­che Grup­pe, geht dem Ende ent­ge­gen. Und den­noch ist es erschre­ckend, wie vie­le wich­ti­ge Fra­gen hier­zu offen sind und viel­leicht bleiben.

Die­ses Buch ver­schafft einen Ein­blick in die Situa­ti­on, wie sie sich für betei­lig­te Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, dar­stellt. Es ver­liert sich nicht in kit­schi­gen oder anders sach­frem­den Beschrei­bun­gen, son­dern fokus­siert sich auf die Tat und ihre Nach­wir­kun­gen. Abge­schlos­sen wird es von einer juris­ti­schen Ein­schät­zung der Ange­le­gen­heit durch die Anwäl­te von Semiya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen poli­ti­schen Skan­dal es hier eigent­lich geht. Das es bei der gan­zen Sache noch kei­nen ein­zi­gen Rück­tritt eines zustän­di­gen Beam­ten gege­ben hat, ist nicht min­der ver­wun­der­lich, eher aussagekräftig.

Ein Plä­doy­er für Gerech­tig­keit und dafür, in der Kata­stro­phe Stär­ke zei­gen zu können.

R.i.p. Alan Thicke (1947–2016)

Bronski schuftet für den Rock — mit Clinch auf Tour 1982

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