Warteschlangenlogik

fussgaengerzone Hin­ter mir an der Super­mark­tkasse schlur­fen zwei Rent­ner an, um sich in die Warteschlange einzurei­hen.

Wal­dorf Wenn ich eben ste­hen geblieben wäre, wäre ich jet­zt viel weit­er vorne. Ich war schon eben hier.

Statler Ich war schon vorige Woche hier.

(Rent­nergelächter.)

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Seconhandladeneskalation

Kundin Ich inter­essiere mich für das Kleid auf der Anzieh­puppe dort drüben…
Verkäuferin Ach ja?
Kundin Wür­den Sie mir helfen, es abzuziehen?
Verkäuferin Ich weiß nicht, ob das geht.
Kundin Man muss ein­fach nur anheben, denke ich.
Verkäuferin Das passt Ihnen nie.
Kundin Woher wollen Sie das wis­sen?
Verkäuferin Das ist 38.
Kundin Was denken Sie, dass ich habe?
Verkäuferin Keine 38.
Kundin Aber nicht viel mehr.
Verkäuferin Das passt Ihnen nie.
Kundin Kön­nten Sie mir den Schrank mit den Gläsern auf­schließen?
Verkäuferin Wollen Sie die anguck­en?
Kundin Kaufen.
Verkäuferin Ich hab jet­zt Feier­abend.

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Lokführerstreik

Ich vertrete mir kurz vor dem Essen­er Haupt­bahn­hof die Füße und tre­ffe auf einen Zug­be­gleit­er, der sich ger­ade eine Zigaret­ten­pause gön­nt.

Na, mor­gen großer Streik­tag?”

- “Na, das wer­den wir mal sehen. Genau weiß noch kein­er, was mor­gen los ist. Eigentlich alles ein ganz großer Schwachsinn. Und wenn die sich mor­gen wieder wie beim let­zten Mal zum Grillen verabre­den, die Lok­führer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch ein­mal Ärg­er gibt.”

Der Vor­sitzende der GDL war ja früher auch Lok­führer.”

- “Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wis­sel­s­ki oder wie der heißt, den küm­mert es doch einen Scheiss, ob die Leute hin­ter­her 3% mehr oder 5% mehr bekom­men. Sie kön­nen mor­gen aber auf jeden Fall den RE2 nehmen, die fährt.”

Aber wenn nach so ein­er Ankündi­gung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgend­wie unglaub­würdig.”

- “Ich muss ja sowieso mor­gen antreten, ich darf nicht streiken. Sie kön­nen auch über Biele­feld fahren. Der RE6 fährt auch. Je nach­dem, wohin Sie wollen.”

Nanu? Wieso dür­fen sie nicht streiken?”

- “Ich bin beim Sub­un­ternehmen angestellt. Wir kom­men mor­gen hier zum Bahn­steig, und dann wird uns gesagt, wo wir fahren. Oder wir rauchen uns stun­den­lang eine. Das wird eine Scheisse. In Deutsch­land müssen Sie Mil­lio­nen auf der hohen Kante haben oder sie haben die Arschkarte.”

Ein Sub­un­ternehmen, das ihren Angestell­ten Namenss­childer der Deutschen Bahn zur Ver­fü­gung stellt?”

- “Gut, ne?”

Ganz großes Kino.”

- “Ja, die Bahn ist halt inzwis­chen ein wirtschaft­sori­en­tiertes, nee, warten Sie, wie heißt das noch? Ein kostenop­ti­mieren­des Unternehmen. Ich muss jet­zt wieder rein. Schö­nen Abend noch!”

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Hoeneß

Da tre­ffe ich den Uli an der Wurst­braterei, wie er sein Würstchen ger­ade in den Senf auf der Papp­schale tunkt. Bes­timmt wie immer, mäßig Anteil nehmend an sein­er Umge­bung. Und irgend­wie bleibt man doch nicht schweigend daneben ste­hen.

Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

Naja, die Presse und die Staat­san­waltschaft sitzt dir doch im Nack­en. Angenehm ist das doch sicher­lich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer darauf ver­lassen, selb­st zu kämpfen. Immer. Sowas schock­iert mich nicht son­der­lich. Und wenn man dann so grandios gegen den wichtig­sten Fuss­bal­lvere­in der Welt gewin­nt, dann bestätigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgendwelche Hin­terz­im­mer­ad­vokat­en.”

Aber genau die kön­nen dir doch ans Bein pinkeln.”

- “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Vere­in vorste­hen, da müssen sie wis­sen, wie sie mit Leuten umge­hen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weniger Eit­elkeit, als vielmehr Selb­st­be­haup­tung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

Und wo bleibt die Rück­endeck­ung, außer von Franz und Kalle?”

- “Da draußen wird kein Fußball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Man­ndeck­ung, da wird nicht abgep­fif­f­en, wenn jemand dich foult. Da musst du vor­sor­gen. Schau, die Spanier waren ja vor­bildich, was ihre Net­zw­erkar­beit anging. Nur war die viel zu stark vom Finanziellen abhängig. Bei uns wirken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanzs­tark, dafür kip­pen wir nicht um, wenn eine Säule insta­bil ist. Und bei mir funk­tion­iert das ähn­lich.”

Das heißt, dein Ein­fluss wird nicht weniger, selb­st wenn du fall­en soll­test?”

- “Das wer­den wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch ein­mal von sein­er gesen­ften Bratwurst ab, schiefte ordentlich in sein Stoff­taschen­tusch, warf die gebrauchte Papp­schale in den über­vollen Mül­lko­rb, nick­te mir bes­timmt zu und schlurfte zu seinem Audi rüber, den er mit sein­er Schlüs­selfernbe­di­enung auf­blinken ließ.

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Lauter Loser

Neulich traf ich Gott in mein­er Stammkneipe und zwis­chen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

Sag mal, was ist denn da oben eigentlich los? Ein sparsüchtiger Argen­tinier wird Papst, durch die Wirtschaft ver­lot­tert die Moral und das Wet­ter passt doch auch vorne und hin­ten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

Na, sag doch!”

- “Das war damals wun­der­bar geplant: Die Moral wird an die Kirche out­ge­sourced und wir kön­nen uns da oben einen schö­nen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze küm­mern, du ver­stehst?”

Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaf­fen, mit weniger Bugs. So mit stärk­erem Prozes­sor, aber dieses Mal intern, nicht extern, ver­stehste, geil­erer Grafik sowieso, aktuellere Net­zw­erk­tech­nik, bessere Kon­den­satoren, sowas halt – und irgend­wo energies­paren­der.”

Woran haperte es denn?”

– “Ja, kon­nte unsere­ins denn ahnen, dass man wegen dem Alt­teil da immer um Sup­port gebeten wer­den? Dauernd zankt sich wer, dauernd verzweifelt wer, dauernd wun­dert sich ein­er, dass er das Teil wirk­lich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Weit­er­en­twick­lung küm­mert sich kein­er so recht, nur um Unter­hal­tung.”

Aber die Reli­gio­nen ver­suchen ja immer­hin, den Laden zusam­men zu hal­ten.”

- “Ja, genau! Was die Reli­gio­nen sich da zusam­men­spin­nen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll ange­blich alles auch noch gesagt und befohlen haben. Na, schö­nen Dank auch. Als hätte ich nichts besseres zu tun als tausend­seit­ige Betrieb­san­leitun­gen rauszugeben. Und da soll ich mich auch noch ums Wet­ter küm­mern. Ja, bin ich denn der Haus­meis­ter, oder was? Ich habe sowas kom­plex­es wie die Erdanziehungskraft ertüftelt, aber auf die Idee, einen Haus­meis­ter einzustellen, bin ich nicht gekom­men, oder was? Ich hab’ ein­fach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trock­nen­den Bier­schaum­spuren am oberen Rand meines Glases bis mich der Gläs­er putzende Bar­keep­er antippte: “Lass ihn ein­fach, heute ist nur ein­er dieser Tage.”

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Großstadt

A large city can­not be expe­ri­en­tial­ly known;
its life is too man­i­fold for any indi­vid­ual
to be able to par­tic­i­pate in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Aus­gabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Fre­undin und ihre Fre­undin kom­men erst in ein­er hal­ben Stunde, also starte ich ein Stadt­melan­cholieren, dieses Mal in ein­er Großs­tadt oder zumin­d­est ein­er, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimm­sten Uhrzeit­en in Düs­sel­dorfs Innen­stadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrrad­fahrer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Baustel­lenam­peln der Fußgänger­zone und dauernd patschen ohrbestöpselte Men­schen auf ihre hell erleuchteten Com­put­ertele­fone. Einkaufen will kein­er mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürg­er­steige hochgeklappt wer­den. Selb­st die Kniebet­tler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­dere in einen Arkaden­bau hinein. Auch hier: Gäh­nende Leere. Keine chi­ne­sis­che Geis­ter­stadteinkauf­s­pas­sage, aber eine gän­zlich unin­spiri­erende. Ich lehne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Klavier­musik an. Eine Barhock­er­sän­gerin intoniert Night & Day. Etwas merk­würdig, denn im Keller des Arkaden­baus ist nie zu erken­nen, ob ger­ade Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­weilen lädt mich nichts ein. Ich erin­nere mich an eine Pas­sage aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fes­thält, dass Kaufhäuser unheim­lich gut geeignete Orte für Stre­uner sind, die eh nichts kaufen, son­dern sich nur aufwär­men wollen, als ich die gut gewärmte Fil­iale ein­er Buch­han­dels­kette betrete. Hier wird mit Büch­ern noch Han­del betrieben, ins Auge sprin­gen nur Best­seller. Gute Büch­er sucht man fast verge­blich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klam­ot­tengeschäften passiert, in Bücherä­den noch von Verkäufern ange­sprochen wurde, um bei der Lit­er­atur­suche behil­flich zu sein. Als ich zwei lau­thals tratschende Kol­legin­nen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schrift­stel­lerin­nen zu wer­den, danke ich inner­lich dafür, dass mir heute Lit­er­atur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgänger­zone, ab zum Schaus­piel­haus. Ich reg­istriere, dass kaum ein Geschäft irgen­det­was hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich diese Sachen? In der Par­fümeriefil­iale ent­decke ich einen dieser flach­brüsti­gen Flakon­body­guards, der nie lächelt und seinen Blick so mech­a­nisch schwenkt, als sei er schon ein Hal­bro­bot­er, der das mit der men­schlichen Kom­mu­nika­tion noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, werde ich Rauss­chmeiss­er.

Ich erre­iche nun über bepfütztes Baustel­lenge­bi­et den Gus­tav-Gründ­gens-Platz. Graue Beton­plat­ten markieren die Trost­losigkeit auf dem Vorhofs des Schaus­piel­haus­es. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leer­ste­hende, hyh­nen­hafte Thyssen-Büro­ge­bäude in den Nachthim­mel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und ent­decke im zweito­ber­sten Stock­w­erk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäudes ein vorm Com­put­er sitzen­des Hop­per­mo­tiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schaus­piel­haus wieder ver­lassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schaus­piel­haus­es, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem einzi­gen, der da ger­ade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünk­tlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Fre­undin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstel­lungs­be­ginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Nieder­län­derin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf ges­tran­det ist. Ges­tran­det ist vielle­icht ein zu ästhetis­ches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, keine Frage, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hin­unter in Rich­tung Kaiser­swerth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich — in Düs­sel­dorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Fre­undin mein­er Fre­undin an, dass sie es nie ver­standen hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Ver­lassen­heit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Karneval­szeit, sagt meine Fre­undin. Die Leute gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­sion über die Einkauf­s­pas­sagen und Cafés. Ach so.

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Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du liebes Biss­chen! Ja, früher, da war das roman­tisch und so. Das war ja auch alles nur in Fernse­hen. Da rit­ten die Amerikan­er auf ihre gestriegel­ten Pfer­d­chen durchs wilde Wasweis­sich­nich­stan und eroberten die Prärie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Einge­bore­nen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lauer um rumzuschießen und Leute zu über­fall­en. Humor hat­te von denen kein­er, da kan­nten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur über­fall­en und Büf­fel­suppe aufkochen.

Als dann die Eisen­bah­nen erfun­den wur­den, da lagen sie dann anne Schienen zu horchen. Da macht­en die Loks wohl son­nen Krach, dass sich das über die Schienen angekündigt hat. Das war qua­si, woll­masagen, der Vor­läufer vom Tele­fon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wurde über­fall­en und abends auf den Erfolg wieder ordentlich Büf­fel­suppe getrunk­en. Und immer so weit­er.

Ja, und nun hat da wohl ein­er zu lange in Berlin die alten Win­netou-Fol­gen sich reingep­fif­f­en getan. Jet­zt wollen die das hier ein­führen. So nen Bun­desin­di­an­er. Der liegt dann anne Geräte und horcht ab, was da so abge­ht. Nur weil der diese Tele­fonier­ab­hörtech­nik vor Jahrhun­derten schon im Blut hat­te. Die hamse dann über die Büf­fel­suppe weit­er­vererbt. So wird das wohl gewe­sen sein. Dass das doch eigentlich krim­inell ist, das stört die in Berlin gar nicht. Kön­nte man doch legal wer­den lassen, sagen se.

Na, hoch die Tassen. Irgend­wann sind wir soweit, da wer­den sie uns Büf­fel­suppe intra­ve­nieren. Aber lustig wird das nicht.

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Verständnis

Nach­dem Sie sich ver­ab­schiedet hat, und sich der Board­ing-Schlange zum Flieger angeschlossen hat, ste­he ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düs­sel­dor­fer Flughafens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebür­tig von der Krim, hat spät noch die deutsche Sprache gel­ernt und spricht daher etwas rade­brechend Deutsch mit jid­dis­chem Ein­schlag. Tagsüber marschiert sie stun­den­lang durch Düs­sel­dorf, abends schal­tet sie die Flim­merk­iste ein:

Chabe ich rus­sis­che Fernse­hen abbestellt. Chabe ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Gle­iche, immer jam­mern sie, immer neg­a­tiv. Russen immer das­selbe. Schaue ich jet­zt Car­men Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheisst? Son­ntags, abends, Diri­gent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hände an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Gün­ter Jauch.

Ist nicht leicht zu ver­ste­hen. Nicht leicht. Redet mon­tags Palas­berg, auch schw­er, kann ich nicht gut ver­ste­hen. Kom­met dann Mais­chber­ga, kann ich sehr gut ver­ste­hen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut ver­ste­hen. Sehr gutt. Beek­mann, schw­er. Redet schnell, so schnell. Ver­ste­he nicht gutt. Aber Anne Will ver­ste­he ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deut­lich, stimme ich bei.

Nur ver­ste­he ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deutsche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

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Kauderwelsch

In jed­er Fam­i­lie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merk­würdig ist. Der bei Kaf­fee und Kuchen stört, wo man doch ger­ade so ein­hel­lig beisam­men sitzt. Der pein­liche Sachen vom Stapel lässt, wo aller immer so ver­schämt ins Off ver­suchen zu guck­en. Dessen The­ma man schle­u­nigst über­labern möchte.

Bei den Nach­barn mein­er Oma war das früher deren alter Opa. Der stand immer im Vor­garten und hat von dort aus das Welt­geschehen kri­tisiert, immer in der Hoff­nung, aber auch etwas wehmütig, auf eine bessere Zeit: “Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben.” Sowas wie junge Mäd­chen in Jeans, laut fußball­tre­tende Knirb­se, nicht­grüßende Spatziergänger, knat­ternde Mofas, schreiende Schulkinder auf dem Weg zum Bus, Män­ner, die voll­bepackt ihren nicht­stra­gen­den Frauen hin­ter­her­laufen, Türken. So ziem­lich alles, was an Men­schlichem die Straße rauf und runter kam.

Dabei war Adolf nur das Syn­onym für Kon­ser­v­a­tiv­ität. Das Sosein der Alten, das Unflex­i­ble, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Vertei­di­gung der eige­nen Entwick­lung, unkri­tisier­bar ein­gelullt in den Gedanken, der Adolf hätte lediglich für all das ges­tanden. Wenn’s reg­nete wurde der Opa reinge­holt, so wie man den Son­nen­schirm rein­holt. Er wurde aber auch reinge­holt, wenn er für zu viel Auf­se­hen unter den Nach­barn sorgte. Man möchte eben nicht zu sehr Dorf­tratschthe­ma sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Siegfried Kaud­er. Natür­lich darf ein jed­er auch dort seine eigene Mei­n­ung haben. Inwieweit er sie bre­it­treten darf, wird aber schon noch kon­trol­liert. Kon­trol­liert, nicht gemobbt, das ist der CDU wichtig. So eine Mei­n­ung kann ja dur­chaus nüt­zlich sein, schließlich gibt es diverse Mei­n­un­gen in der CDU. Irgendwen wird man da schon bedi­enen.

Nun muss der Sig­gi wohl im Vor­garten ges­tanden haben und junge Men­schen kamen vor­bei. Die hat­ten sowas gemacht, wie ihre Mofas frisieren. Und, oh, wie ist der Sig­gi da ener­gisch gewor­den. Welch Frefeltat. Welch Unge­zo­gen­heit. Das muss ver­boten wer­den, streng­stens. Da muss man mit Härte range­hen. Damit die das mal ler­nen. Härte und Strenge, nicht die neu­mod­erne Tätschelver­we­ich­lichung. Das war schon früher gut so. Aus uns ist ja schließlich auch was gewor­den. Sowas brüllte der da im Vor­garten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa reinge­holt: Nee, nee, das ist jet­zt nur ne Einzelmei­n­ung, die hat wed­er ne Mehrheit in unserem Haus, noch wird das ern­sthaft mit­ge­tra­gen, was der da im Vor­garten so raus­posaunt hat. Alles wieder gut, wir sind noch zurech­nungs­fähig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst nehmen würde.

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Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hätte früher unheim­lich gerne in etwas abge­halfterten Biele­felder Kneipen abge­hangen. Irgend­wann wäre man dann dort bekan­nt, “das ist der Sacha da”, und, wenn man aushält, würde man auf Typen tre­f­fen, die einem die merk­würdig­sten Geschicht­en erzählen.
Sowas in der Art war das beim let­zten Biele­felder Inter­net­ge­mein­de­tr­e­ff, kurz Biblo­sta­ti, der Fall: Nach­dem der erste Bulk an Leuten die Heim­reise ange­treten hat­te, und noch der harte Kern im düsteren Hin­ter­stübchen übrig blieb, kam ein erschüt­tert­er Wom­ke vom stillen Örtchen zurück an den Stammtisch:

Also, das glaub­ste ja nicht. Da ste­ht unsere­ins pullernd am Pis­sior, lehnt sich ein­er in meinen Bere­ich rüber und meint: “Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, mor­gen Geburt­stag. Kommsse vor­bei, weiße schon mal bescheid. Bring­ste Wod­ka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann.” und lehnt sich wieder weg.

Wir schüt­teln alle ver­wun­dert die Köpfe, machen nochmal kurz aus volle Gläs­er leere Gläs­er, da geht ne gute Stunde später die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut’s? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach mor­gen ne Par­ty, seid ihr alle dabei, Ernst-Wie­mann-Straße, gegenüber vom Kranken­haus-Mitte, bringt ihr Wod­ka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahrrad draußen ste­hen, super Ange­bot, kostet auf­fer Liste 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahrrad? Hab ich beim Pok­er gewon­nen, lag ein Tausender aufm Tisch. Spitzen­teil, kostet eigentlich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damen­fahrrad zuhause, Ket­tler, kön­nt ihr anguck­en, kommt ihr mit, ich muss nochmal nach vorne, bis dann.

Ist ja super, denke ich. Eine Stunde später und er hat immer noch densel­ben Getränkewun­sch. Und wieso hat er nicht den Tausender genom­men, wenn er gewon­nen hat? Naja, wir lachen etwas, machen nochmal kurz aus volle Gläs­er leere Gläs­er und tendieren dann ab zur Theke. Am Ende der Theke höre ich schon Uwe, der eine hal­b­volle Becks­flasche schief hal­tend seinem Neben­mann hin­hält:

… is noch frisch. Verkauf ich dir für 1,50.

Ich begle­iche meinen Deck­el und dann sehe ich, dass Uwe tat­säch­lich ein Fahrrad neben sich in der Kneipe ste­hen hat und er haut seinen Neben­mann noch mal kurz an:

… kostet auf der Liste 500, für dich 250!

bis der aus der Kneipe flüchtet. So schnell steigen die Fahrrad­preise in der Tan­gente.

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