Hoeneß

Da tref­fe ich den Uli an der Wurst­brate­rei, wie er sein Würst­chen gera­de in den Senf auf der Papp­scha­le tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil neh­mend an sei­ner Umge­bung. Und irgend­wie bleibt man doch nicht schwei­gend dane­ben ste­hen.

Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

Naja, die Pres­se und die Staats­an­walt­schaft sitzt dir doch im Nacken. Ange­nehm ist das doch sicher­lich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer dar­auf ver­las­sen, selbst zu kämp­fen. Immer. Sowas scho­ckiert mich nicht son­der­lich. Und wenn man dann so gran­di­os gegen den wich­tigs­ten Fuss­ball­ver­ein der Welt gewinnt, dann bestä­tigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgend­wel­che Hin­ter­zim­mer­ad­vo­ka­ten.”

Aber genau die kön­nen dir doch ans Bein pin­keln.”

- “Das ist auch nichts Neu­es. Wenn sie so lan­ge einem Ver­ein vor­ste­hen, da müs­sen sie wis­sen, wie sie mit Leu­ten umge­hen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weni­ger Eitel­keit, als viel­mehr Selbst­be­haup­tung und der Erfolg zeigt, dass das im Sin­ne der Sache war.”

Und wo bleibt die Rücken­de­ckung, außer von Franz und Kal­le?”

- “Da drau­ßen wird kein Fuß­ball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es kei­ne Mann­de­ckung, da wird nicht abge­pfif­fen, wenn jemand dich foult. Da musst du vor­sor­gen. Schau, die Spa­ni­er waren ja vor­bil­dich, was ihre Netz­werk­ar­beit anging. Nur war die viel zu stark vom Finan­zi­el­len abhän­gig. Bei uns wir­ken zudem ande­re Kräf­te. Wir sind nicht so finanz­stark, dafür kip­pen wir nicht um, wenn eine Säu­le insta­bil ist. Und bei mir funk­tio­niert das ähn­lich.”

Das heißt, dein Ein­fluss wird nicht weni­ger, selbst wenn du fal­len soll­test?”

- “Das wer­den wir ja noch sehen.”,

sag­te Ulli, biss noch ein­mal von sei­ner gesenf­ten Brat­wurst ab, schief­te ordent­lich in sein Stoff­ta­schen­tusch, warf die gebrauch­te Papp­scha­le in den über­vol­len Müll­korb, nick­te mir bestimmt zu und schlurf­te zu sei­nem Audi rüber, den er mit sei­ner Schlüs­sel­fern­be­die­nung auf­blin­ken ließ.

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Lauter Loser

Neu­lich traf ich Gott in mei­ner Stamm­knei­pe und zwi­schen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

Sag mal, was ist denn da oben eigent­lich los? Ein spar­süch­ti­ger Argen­ti­ni­er wird Papst, durch die Wirt­schaft ver­lot­tert die Moral und das Wet­ter passt doch auch vor­ne und hin­ten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

Na, sag doch!”

- “Das war damals wun­der­bar geplant: Die Moral wird an die Kir­che out­ge­sour­ced und wir kön­nen uns da oben einen schö­nen Lenz machen, uns mehr um das Gro­ße und Gan­ze küm­mern, du ver­stehst?”

Das Gro­ße und Gan­ze?”

– “Ich woll­te eine zwei­te Welt erschaf­fen, mit weni­ger Bugs. So mit stär­ke­rem Pro­zes­sor, aber die­ses Mal intern, nicht extern, ver­stehs­te, gei­le­rer Gra­fik sowie­so, aktu­el­le­re Netz­werk­tech­nik, bes­se­re Kon­den­sa­to­ren, sowas halt – und irgend­wo ener­gie­spa­ren­der.”

Wor­an haper­te es denn?”

– “Ja, konn­te unser­eins denn ahnen, dass man wegen dem Alt­teil da immer um Sup­port gebe­ten wer­den? Dau­ernd zankt sich wer, dau­ernd ver­zwei­felt wer, dau­ernd wun­dert sich einer, dass er das Teil wirk­lich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Wei­ter­ent­wick­lung küm­mert sich kei­ner so recht, nur um Unter­hal­tung.”

Aber die Reli­gio­nen ver­su­chen ja immer­hin, den Laden zusam­men zu hal­ten.”

- “Ja, genau! Was die Reli­gio­nen sich da zusam­men­spin­nen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeb­lich alles auch noch gesagt und befoh­len haben. Na, schö­nen Dank auch. Als hät­te ich nichts bes­se­res zu tun als tau­send­sei­ti­ge Betriebs­an­lei­tun­gen raus­zu­ge­ben. Und da soll ich mich auch noch ums Wet­ter küm­mern. Ja, bin ich denn der Haus­meis­ter, oder was? Ich habe sowas kom­ple­xes wie die Erd­an­zie­hungs­kraft ertüf­telt, aber auf die Idee, einen Haus­meis­ter ein­zu­stel­len, bin ich nicht gekom­men, oder was? Ich hab’ ein­fach kei­ne Lust mehr. Macht euern Kram doch allei­ne.”

Betrübt schau­te ich auf die trock­nen­den Bier­schaum­spu­ren am obe­ren Rand mei­nes Gla­ses bis mich der Glä­ser put­zen­de Bar­kee­per antipp­te: “Lass ihn ein­fach, heu­te ist nur einer die­ser Tage.”

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Das Elternrecht

kannitverstan

Mar­kus Pie­per, EU-Parlamentarier aus dem Müns­ter­land, hat sich als einer der weni­gen mal getraut, auf den Punkt zu brin­gen, wie die kon­ser­va­ti­ve Posi­ti­on der CDU zum Eltern­recht aus­sieht:

Kin­der haben gott­ge­ge­be­nes Recht auf Vater und Mut­ter. Nie­mand ein Recht auf Kin­der.

Gut, wenn man Gott in Spiel bringt, hat man kei­ne son­der­lich gro­ße Dis­kus­si­ons­ba­sis. Ver­su­chen wir es mal mit einem etwas zugäng­li­che­ren Mann: Imma­nu­el Kant.

Bei Kant ist eine Sor­ge­pflicht der Eltern für ihre Kin­der dadurch gege­ben, dass sie es gewe­sen sind, die ihre Kin­der ohne deren Ein­wil­li­gung in die Welt gesetzt haben. Damit haben Eltern ein ethi­sches, wie juri­di­sches Recht zur Erzie­hung ihrer Kin­der, wie die ethi­sche Pflicht (aber nicht eine juri­di­sche) hier­zu. Kin­der sind bei Kant kei­ne Rechts­per­so­nen, daher kommt bei ihm nicht vor, dass die­se bestimm­te Rech­te hät­ten. Wie soll­te ein Kind auch das angeb­li­che Recht auf einen Vater in Anspruch neh­men, wenn die­ser gestor­ben oder unau­f­ind­bar ist?

Sicher­lich hat Kant bei Eltern an Vater und Mut­ter gedacht. Aber die Begrün­dung der Rech­te und Pflich­ten von Eltern liegt nicht in ihren bio­lo­gi­schen Attri­bu­ten:

da das Erzeug­te eine Per­son ist, und es unmög­lich ist, sich von der Erzeu­gung eines mit Frei­heit begab­ten Wesens durch eine phy­si­sche Ope­ra­ti­on einen Begriff zu machen*): so ist es eine in prak­ti­scher Hin­sicht ganz rich­ti­ge und auch not­hwen­di­ge Idee, den Act der Zeu­gung als einen sol­chen anzu­se­hen, wodurch wir eine Per­son ohne ihre Ein­wil­li­gung auf die Welt gesetzt und eigen­mäch­tig in sie her­über gebracht haben; für wel­che That auf den Eltern nun auch eine Ver­bind­lich­keit haf­tet, sie, so viel in ihren Kräf­ten ist, mit die­sem ihrem Zustan­de zufrie­den zu machen.

Wäre es dem­nach denk­bar, dass der Beschluss, ein Kind in die Welt zu set­zen, von zwei gleich­ge­schlecht­li­chen Men­schen aus geht, so wie er von leib­li­chem Vater und leib­li­cher Mut­ter aus­geht?

Ja. Das ist der­sel­be Fall wie bei der künst­li­chen Befruch­tung. Auf die Idee, den gesetz­li­chen Eltern eines so gezeug­ten Kin­des, ehe­li­che Rech­te zu ent­zie­hen, ist auch noch nie­mand gekom­men.

Bei Kant ist das Eltern­recht ethisch begrün­det, nicht juri­disch, nicht bio­lo­gisch und nicht reli­gi­ös. Juri­di­sche, bio­lo­gi­sche und reli­giö­se Umstän­de mag es geben, sie rüt­teln aber nicht an der ehti­schen Begrün­dung des Eltern­rechts, weil man es hier mit ver­ant­wort­li­chen Erwach­se­nen zu tun hat.

Kant wen­det sich impli­zit gegen Pie­pers Rede vom Gott gege­be­nen Eltern­recht, weil Kin­der Wesen sind, denen es mög­lich sein wird, freie Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wobei es für den Men­schen unmög­lich zu den­ken ist, dass die Mög­lich­keit zu frei­en Ent­schei­dung auf eine phy­si­sche Ursa­che zurück­führ­bar wäre,

*) Selbst nicht, wie es mög­lich ist, daß Gott freie Wesen erschaf­fe; denn da wären, wie es scheint, alle künf­ti­ge Hand­lun­gen der­sel­ben, durch jenen ers­ten Act vor­her­be­stimmt, in der Ket­te der Natur­no­t­hwen­dig­keit ent­hal­ten, mit­hin nicht frei. Da sie aber (wir Men­schen) doch frei sind, bewei­set der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv in mora­lisch prak­ti­scher Absicht, wie durch einen Macht­spruch der Ver­nunft, ohne daß die­se doch die Mög­lich­keit die­ses Ver­hält­nis­ses einer Ursa­che zur Wir­kung in theo­re­ti­scher begreif­lich machen kann, weil bei­de über­sinn­lich sind.

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Denis Schecks Druckfrisch und Martin Walser

Ges­tern Abend zeig­te die ARD zum 10jährigen Jubi­lä­um eine extralan­ge Fol­ge der Lite­ra­tur­sen­de­rei­he Druck­frisch, in der Mar­tin Wal­ser nicht feh­len durf­te. Mar­tin Wal­ser ist Dau­er­gast in die­ser Sen­dung, er taucht öfters auf als jeder ande­re Schrift­stel­ler. Viel­leicht weil er jedes Jahr ein Buch schreibt und tat­säch­lich jedes zwei­te Buch in letz­ter Zeit es wert war, ihn ein­zu­la­den. Ich kann das nicht ein­schät­zen, Tod eines Kri­ti­kers war der letz­te Wal­ser, den ich las. Auch ich emp­fand die Schil­de­run­gen in die­sem Buch teils anti­se­mi­tisch. Zudem fand ich es lahm und unin­spi­rie­rend, unge­fähr so wie die Fern­seh­auf­trit­te Wal­sers.

In Druck­frisch wur­de die Kri­tik der anti­se­mi­ti­schen Dar­stel­lun­gen bei Wal­ser nie ange­spro­chen, auch wenn sie aktu­ell waren, auch wenn Wal­ser dau­ernd vor­bei schaut. Beim dies­ma­li­gen Auf­tau­chen Wal­sers in Druck­frisch gibt es auf der Inter­net­sei­te einen merk­wür­di­gen Begleit­text, in dem die Anti­se­mi­tis­mu­vor­wür­fe abge­han­delt wer­den:

Der Kon­flikt eska­lier­te noch ein­mal 1982, als Wal­ser den (Schlüssel-) Roman “Tod eines Kri­ti­kers” ver­öf­fent­lich­te, des­sen Vor­ab­druck die FAZ ver­wei­ger­te und der Wal­ser den nicht nach­weis­ba­ren Vor­wurf ein­brach­te, anti­se­mi­tisch zu sein.

Der Vor­wurf lau­te­te nicht, Wal­ser sei anti­se­mi­tisch, son­dern der Roman. Und dazu kann man sicher­lich einen Nach­weis füh­ren, was auch schon(s.u.) geschah. Aber wei­ter im Text:

Als er 1998 den “Frie­dens­preis des deut­schen Buch­han­dels” erhält, kri­ti­siert er in sei­ner Dan­kes­re­de die Instru­men­ta­li­sie­rung von Ausch­witz und stellt die The­se auf, dass die per­ma­nen­te The­ma­ti­sie­rung des Holo­caust eher das Weg­schau­en zur Fol­ge hät­te. Die erneu­te Anschul­di­gung des Anti­se­mi­tis­mus sowie die sehr hef­tig aus­ge­tra­ge­nen Debat­ten in der deut­schen Öffent­lich­keit wer­den erst nach einem gemein­sa­men Gespräch von Wal­ser mit Ignaz Bubis, dem Vor­sit­zen­den des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land, bei­ge­legt mit der Fest­stel­lung, dass für den Umgang mit der deut­schen Ver­gan­gen­heit noch kei­ne ange­mes­se­ne Spra­che gefun­den sei.

Von die­ser Bei­le­gung weiß man bei der Süd­deut­schen Zei­tung nichts:

Das Gespräch war damals ohne einen Abschluss been­det wor­den: Bubis hat­te zwar sei­nen Vor­wurf gegen­über Wal­ser, die­ser sei ein “Brand­stif­ter” des Anti­se­mi­tis­mus, zurück­ge­nom­men, aber wei­ter dar­auf insis­tiert, die Friedenspreis-Rede sei miss­ver­ständ­lich gewe­sen. Wal­ser hin­ge­gen hat­te dar­auf beharrt, völ­lig ein­deu­tig gespro­chen zu haben.

Es ist mir eigent­lich uner­klär­lich, wie der Faux pas um die fal­sche Jah­res­an­ga­be von Tod eines Kri­ti­kers ent­ste­hen konn­te. Schreibt hier Mode­ra­tor Denis Scheck, der Lesun­gen mit Wal­ser abhält? Oder irgend ein Prak­ti­kant? Es ist kein Ver­se­hen, dass Wal­sers Tod eines Kri­ti­kers um zwan­zig Jah­re ins Jahr 1982 ver­frach­tet wird – der Autor glaubt offen­bar wirk­lich an die­se Jah­res­zahl, denn er schreibt 1998 sei er erneut wegen anti­se­mi­ti­schen Anschul­di­gun­gen kri­ti­siert wor­den. Da scheint jemand kei­ne Ahnung zu haben, von dem, was er da schreibt.

Und die­ser jemand kennt wohl auch nicht die Stu­die, die sich mit den anti­se­mi­ti­schen Vor­komm­nis­sen in Wal­sers Werk beschäf­tigt. Elke Schmit­ter schreibt dazu:

In Wal­sers Werk aller­dings kann man lesen, dass die Abwehr von Trau­er und Mit­ge­fühl auch die Selbst­re­fle­xi­on nach­hal­tig schä­digt.

Offen­bar auch die Fremd­re­fle­xi­on.

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Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weih­nach­ten steht vor der Tür und vie­ler­orts wer­den nun die Buch­lä­den durch­stö­bert, um inter­es­san­te lite­ra­ri­sche Sachen aus­fin­dig zu machen. Ich habe mir mal Netz­ge­mü­se von Tan­ja und John­ny Haeus­ler, der auch unter spreeblick.de bloggt, ange­schaut. In die­sem Fall ist es viel­leicht hilf­reich, die bei­den erst selbst zu Wort kom­men zu las­sen:

Jetzt kann man zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es hier eine dicke Markt­lü­cke gibt. Das Inter­net ist in vie­len Facet­ten nicht leicht zu ver­ste­hen. Das macht beson­ders dann Pro­ble­me, wenn Eltern dar­über nach­den­ken, wie sie ihre Kin­der im Inter­net beglei­ten. Und das tut Not, denn im Inter­net lau­ern recht­li­che und per­sön­li­che Gefah­ren. Ande­rer­seits bewe­gen sich Inter­net­nut­zer ziem­lich frei und unge­bun­den durch das Netz. Wor­auf sol­len sich Eltern daher ein­stel­len?

Das ist in etwa die Fra­ge, der das Ehe­paar Haeus­ler nach­geht. Sicher­lich ist das Buch so geschrie­ben und wird so prä­sen­tiert, dass es sich irgend­wie ren­tiert. Inso­fern ist die­ser Ein­trag auch schon wie­der eine Form von Wer­bung. Aber ande­rer­seits bin ich davon über­zeugt, dass das Buch die Auf­ga­be, Eltern für ihre Auf­ga­be, Kin­der im Umgang mit dem Inter­net ver­ant­wor­tungs­voll zu beglei­ten, gut erfüllt.

Jetzt könn­te ich auch am Buch rum­mo­sern über man­chen gram­ma­tisch nicht ganz so per­fek­ten Satz­bau, ver­kürz­te und somit falsch wir­ken­de Dar­stel­lun­gen oder den Begriff Netz­ge­mü­se, der mich das gan­ze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber dar­auf gerich­tet ist, her­aus­zu­fin­den, ob die­ses Buch Eltern eine Hil­fe sein kann, schie­be ich das mal ganz bei­sei­te.

Und wenn das erst­mal bei­sei­te gescho­ben ist fällt zunächst die gro­ße Band­brei­te auf, die das Buch umfasst: Es han­delt den Umgang mit Com­pu­ter­spie­len, ille­ga­le Down­loads, Inter­net­diens­ten, Blogs, Mob­bing, Pseud­ony­men, sozia­len Kom­pe­ten­zen, Taschen­geld, Smart­pho­nes und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefun­den, was ich ver­mis­se. Alle The­men wer­den zwar nur ange­ris­sen und Bei­spie­le und Lösungs­an­sät­ze von wirk­lich schwie­ri­gen Pro­ble­men kom­men nicht vor. Das ist aber für ein Eisn­tiegs­buch in die Mate­rie nicht wei­ter schlimm. Die Fra­ge wäre eh, ob man ein sol­ches Buch nicht über­frach­te­te, wenn man zu vie­le Lösun­gen anbie­ten woll­te.

Was ich sehr über­zeu­gend fin­de, ist, dass die Auto­ren heik­le The­men wie Por­no­gra­fie im Inter­net, die von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den kann, nicht umschif­fen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Sei­ten um rich­tig in Schwung zu kom­men, trifft aber dann den rich­ti­gen Ton. Wer also Eltern kennt oder sel­ber erze­hungs­be­rech­tigt ist, dem lege ich die­ses Buch wärms­tens ans Herz.

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Demokratiemißverständnisse

Sven Sor­gen­frey bemüht sich um eine sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Patrick Dörings Aus­spruch “Tyran­nei der Mas­se”. Aber wer in die­sem Zuge Sät­ze schreibt wie

Die Netz­ge­mein­de hat ihn dafür mit einem Shit­s­torm bedacht

muss sich nicht wun­dern, wenn er selbst nicht ernst genom­men wird. Um Dörings Punkt stark zu machen, muss man sagen: Der Angriffs­punkt der Pira­ten­par­tei ist, dass Basis­de­mo­kra­tie viel­leicht fai­rer ist als Frak­ti­ons­zwang, aber immer noch latent die Dis­kri­mi­nie­rung der Mehr­heit über die Min­der­heit inne­hat.

Aber auch anders­wo stößt der Demo­kra­tie­be­griff wei­ter­hin an begriff­li­che Gren­zen, so schreibt Björn Boeh­ning:

wenn wir nicht dar­auf zäh­len kön­nen, dass demo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen auch akzep­tiert wer­den, dann sind wir auch mit mehr Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten kei­nen Zen­ti­me­ter vor­an­ge­kom­men

Wie gesagt: Wenn demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung nur eine Mehr­heits­ent­schei­dung dar­stellt, kann das immer noch eine Dis­kri­mi­nie­rung sein. Der moder­ne Begriff der Demo­kra­tie ver­weist auf einen Staat als Rechts­staat, der nicht auf fun­da­men­ta­lis­ti­sche, son­dern begrün­de­te Argu­men­ta­tio­nen zurück­greift. Ein sol­cher Demo­krat gibt kein Ver­spre­chen ab, Mehr­heits­ent­schei­dun­gen kri­tik­los zu akzep­tie­ren. Das ist auch gar nicht sys­tem­not­wen­dig, wie Boeh­ning meint.

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Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me ken­nen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und ber­li­nert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leu­te?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Früh­stück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Wei­ter­le­sen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich aus­drückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Ver­klei­dungs­ge­schäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Beglei­tung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blind­darm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekom­men.

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Großstadt

A lar­ge city can­not be expe­ri­en­ti­al­ly known;
its life is too mani­fold for any indi­vi­du­al
to be able to par­ti­ci­pa­te in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die drit­te Aus­ga­be von Gebro­chen Deutsch anfängt, mei­ne Freun­din und ihre Freun­din kom­men erst in einer hal­ben Stun­de, also star­te ich ein Stadt­me­lan­cho­lie­ren, die­ses Mal in einer Groß­stadt oder zumin­dest einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimms­ten Uhr­zei­ten in Düs­sel­dorfs Innen­stadt.

Die Cafés sind leer, es gibt kei­ne Fahr­rad­fah­rer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Bau­stel­len­am­peln der Fuß­gän­ger­zo­ne und dau­ernd pat­schen ohr­be­stöp­sel­te Men­schen auf ihre hell erleuch­te­ten Com­pu­ter­te­le­fo­ne. Ein­kau­fen will kei­ner mehr, nur schnell zuhau­se sein, bevor die Bür­ger­stei­ge hoch­ge­klappt wer­den. Selbst die Knie­bett­ler haben schon ein­ge­packt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­de­re in einen Arka­den­bau hin­ein. Auch hier: Gäh­nen­de Lee­re. Kei­ne chi­ne­si­sche Geis­ter­stadt­ein­kaufs­pas­sa­ge, aber eine gänz­lich unin­spi­rie­ren­de. Ich leh­ne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Kla­vier­mu­sik an. Eine Bar­ho­ckersän­ge­rin into­niert Night & Day. Etwas merk­wür­dig, denn im Kel­ler des Arka­den­baus ist nie zu erken­nen, ob gera­de Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­wei­len lädt mich nichts ein. Ich erin­ne­re mich an eine Pas­sa­ge aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fest­hält, dass Kauf­häu­ser unheim­lich gut geeig­ne­te Orte für Streu­ner sind, die eh nichts kau­fen, son­dern sich nur auf­wär­men wol­len, als ich die gut gewärm­te Filia­le einer Buch­han­dels­ket­te betre­te. Hier wird mit Büchern noch Han­del betrie­ben, ins Auge sprin­gen nur Best­sel­ler. Gute Bücher sucht man fast ver­geb­lich. Ich ent­sin­ne mich, dass man frü­her, was heu­te nur noch in Kla­mot­ten­ge­schäf­ten pas­siert, in Büche­rä­den noch von Ver­käu­fern ange­spro­chen wur­de, um bei der Lite­ra­tur­su­che behilf­lich zu sein. Als ich zwei laut­hals trat­schen­de Kol­le­gin­nen an der Kas­se zuhö­ren muss, die in die­ser Ket­te gelan­det sind, weil sie auf der Schu­le frü­her davon träum­ten, Schrift­stel­le­rin­nen zu wer­den, dan­ke ich inner­lich dafür, dass mir heu­te Lite­ra­tur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart blei­ben.

Mich treibt es zurück auf die Stra­ße, noch­mal durch die Fuß­gän­ger­zo­ne, ab zum Schau­spiel­haus. Ich regis­trie­re, dass kaum ein Geschäft irgend­et­was hat, was ich ger­ne haben möch­te. Mei­ne Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich die­se Sachen? In der Par­fü­me­rie­fi­lia­le ent­de­cke ich einen die­ser flach­brüs­ti­gen Fla­kon­bo­dy­guards, der nie lächelt und sei­nen Blick so mecha­nisch schwenkt, als sei er schon ein Halb­ro­bo­ter, der das mit der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, wer­de ich Raus­schmeis­ser.

Ich errei­che nun über bepfütz­tes Bau­stel­len­ge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten mar­kie­ren die Trost­lo­sig­keit auf dem Vor­hofs des Schau­spiel­hau­ses. Ein leich­ter Wind zieht auf und es tröp­felt etwas. Zur Lin­ken ragt das leer­ste­hen­de, hyh­nen­haf­te Thyssen-Bürogebäude in den Nacht­him­mel.

Ich las­se mei­nen Blick nach rechts schwei­fen und ent­de­cke im zwei­t­obers­ten Stock­werk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäu­des ein vorm Com­pu­ter sit­zen­des Hop­per­mo­tiv:

Er wird noch da sit­zen, als wir das Schau­spiel­haus wie­der ver­las­sen.

Ich schaue nach vor­ne zur Anzei­gen­ta­fel des Schau­spiel­hau­ses, die wie der Vor­hof mit Ästhe­tik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem ein­zi­gen, der da gera­de auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absät­ze auf den Beton. Pünkt­lich­keits­stress.

End­lich kommt mei­ne Freun­din und ihre Beglei­tung zwei Minu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Auf der Büh­ne sitzt die­ses Mal eine Nie­der­län­de­rin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf gestran­det ist. Gestran­det ist viel­leicht ein zu ästhe­ti­sches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, kei­ne Fra­ge, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fah­re ger­ne mit dem Fahr­rad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kai­sers­werth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fi­zie­ren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, den­ke ich — in Düs­sel­dorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Freun­din mei­ner Freun­din an, dass sie es nie ver­stan­den hat, wie­so solch ein Bohei um die Kö gemacht wer­de, sol­che Stra­ßen gäb es dut­zend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Kar­ne­vals­zeit, sagt mei­ne Freun­din. Die Leu­te gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­si­on über die Ein­kaufs­pas­sa­gen und Cafés. Ach so.

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Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buches schon ver­korkst im Titel vor: Kla­res Den­ken ist kei­ne Kunst. Es ist eine Metho­de, nichts um ande­re vor­ran­gig zu beein­dru­cken. Aller­dings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in die­sem Buch gar nicht ver­steht.

Das Buch ent­hält Feuilleton-Artikel, in denen Anek­do­ten ver­bra­ten wer­den, in denen eine auf Vor­ur­tei­len basie­ren­de Pro­blem­lö­sung dar­ge­stellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hier­ge­gen. Das Buch soll nicht auf­klä­ren, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit kla­rem Den­ken schon wie­der nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahr­schein­li­che Ereig­nis­se” inter­pre­tiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigent­lich klas­sisch betrach­tet eine Wir­kung in der Welt ohne kau­sa­le Ursa­che. Eine Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hän­gig vom Ver­käu­fer abwi­ckeln. Wenn Sie jetzt nach­fra­gen: Wie­so immer? — das Buch gibt auf sol­che auf der Hand lie­gen­den Fra­gen kei­ne Ant­wort. Der Autor behaup­tet ein­fach nur rum. Kla­res Den­ken sieht anders aus.

Iro­nie der Geschich­te: Einem Bekann­ten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wir­ken­den Wid­mung, das Buch sei auf Grund sei­ner Erst­plat­zie­rung in der Spiegel-Bestseller-Liste aus­ge­wählt wor­den. Viel­leicht hät­te man sich doch erst mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sol­len.

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