Man­che Tex­te lese ich schon wegen des ver­un­glück­ten Ein­stiegs nicht wei­ter:

Das Kon­zept von “too much infor­ma­ti­on”, von zu vie­len pri­va­ten Details also, scheint im Leben der Lena Dun­ham kei­ne all­zu gro­ße Rol­le zu spie­len.

Das bedeu­tet der Aus­druck nicht.

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Reinhold Galls angebliche Freiheitsrechte

Tja, die SPD ist wohl inhalt­lich schon so tot, dass die eige­nen Leu­te auf ihrem Sarg zu tan­zen begin­nen:

Ich weiß nicht, was “ver­meint­li­che Frei­heits­rech­te” sind oder wie man auf ver­meint­li­che Rech­te ver­zich­ten kann. Das klingt unge­fähr so sinn­voll, als wol­le man als Mensch auf sein ver­meint­li­ches Recht zu flie­gen ver­zich­ten. Das Inter­es­san­te ist, dass in die­sem Satz ein “dadurch” fehlt. So wie er geschrie­ben wur­de, ist nur von einem zeit­li­chen Auf­ei­an­der­fol­ge die Rede, wenn dies pas­siert, pas­siert das.

Sprich: Wenn die­ses Wir einen Kin­der­schän­der schnappt, gibt Rein­hold Gall sei­ne ver­meint­li­chen Frei­heits­rech­te auf. Die Blö­den haben eine neue Hei­mat. Oder um es den Hernn sel­ber sagen zu las­sen :

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Lokführerstreik

Ich ver­tre­te mir kurz vor dem Esse­ner Haupt­bahn­hof die Füße und tref­fe auf einen Zug­be­glei­ter, der sich gera­de eine Ziga­ret­ten­pau­se gönnt.

Na, mor­gen gro­ßer Streik­tag?”

- “Na, das wer­den wir mal sehen. Genau weiß noch kei­ner, was mor­gen los ist. Eigent­lich alles ein ganz gro­ßer Schwach­sinn. Und wenn die sich mor­gen wie­der wie beim letz­ten Mal zum Gril­len ver­ab­re­den, die Lok­füh­rer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch ein­mal Ärger gibt.”

Der Vor­sit­zen­de der GDL war ja frü­her auch Lok­füh­rer.”

- “Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wis­sel­ski oder wie der heißt, den küm­mert es doch einen Scheiss, ob die Leu­te hin­ter­her 3% mehr oder 5% mehr bekom­men. Sie kön­nen mor­gen aber auf jeden Fall den RE2 neh­men, die fährt.”

Aber wenn nach so einer Ankün­di­gung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgend­wie unglaub­wür­dig.”

- “Ich muss ja sowie­so mor­gen antre­ten, ich darf nicht strei­ken. Sie kön­nen auch über Bie­le­feld fah­ren. Der RE6 fährt auch. Je nach­dem, wohin Sie wol­len.”

Nanu? Wie­so dür­fen sie nicht strei­ken?”

- “Ich bin beim Sub­un­ter­neh­men ange­stellt. Wir kom­men mor­gen hier zum Bahn­steig, und dann wird uns gesagt, wo wir fah­ren. Oder wir rau­chen uns stun­den­lang eine. Das wird eine Scheis­se. In Deutsch­land müs­sen Sie Mil­lio­nen auf der hohen Kan­te haben oder sie haben die Arsch­kar­te.”

Ein Sub­un­ter­neh­men, das ihren Ange­stell­ten Namens­schil­der der Deut­schen Bahn zur Ver­fü­gung stellt?”

- “Gut, ne?”

Ganz gro­ßes Kino.”

- “Ja, die Bahn ist halt inzwi­schen ein wirt­schafts­ori­en­tier­tes, nee, war­ten Sie, wie heißt das noch? Ein kos­ten­op­ti­mie­ren­des Unter­neh­men. Ich muss jetzt wie­der rein. Schö­nen Abend noch!”

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Scherpe, Mary — An jedem einzelnen Tag

buchleser

Mary Scher­pe ist eine bekann­te Mode­blog­ge­rin. Und sie hat einen Stal­ker. Der schickt ihr tag­täg­lich irgend­wel­che Din­ge, mischt sich in ihre Pri­vat­le­ben ein, kon­tak­tiert Freun­de, ver­folgt sie. In die­sem Buch schreibt sie nie­der, was pas­siert ist. Wie sie ver­sucht hat, ihn zu brem­sen, ihn zu ver­ste­hen, ihm zu hel­fen. Wie sie schei­ter­te und wie es ihr zusetz­te.

Die Stär­ke des Buches ist, dass Scher­pe nicht in femi­nis­ti­sche Kli­schees abwan­dert, ihre eige­ne Rol­le nicht merk­lich schön­schreibt und sprach­lich sehr gut for­mu­liert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles wider­fährt, aber auch irri­tiert, wes­we­gen sie ihn vor Freun­den ernst­haft als Affä­re kaschiert oder ver­sucht, sich sei­nes Pro­blems anzu­neh­men.

Das Buch ist nicht mora­li­sie­rend, nicht objek­tiv, aber offen und schil­dert, wie Stal­king heut­zu­ta­ge von­stat­ten­geht. Und es ist ein Plä­doy­er dafür, sich zu weh­ren, wenn man ange­gan­gen wird.

Mary Scher­pe, An jedem ein­zel­nen Tag. Mein Leben mit einem Stal­ker, Bas­tei Lüb­be, 14,99€ (gebun­de­ne Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

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Pirinçci, Akif — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­bü­re­ner mal wie­der in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijo­ma Man­golds Ver­riss von Akif Pirinçcis Deutsch­land von Sin­nen.

Pirinçci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesens­wer­ten Kat­zen­kri­mi geschrie­ben, der ein Best­sel­ler wur­de. Danach ver­such­te er die­se Roman­tier­form am Köcheln zu hal­ten, was leid­lich gelang. Lesens­wert ist das alles nicht. Nun hat er sei­ne Homo­pho­bie oder sein homo­pho­bes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit sei­ner Isla­mo­pho­bie zwi­schen Buch­de­ckel gepresst. Es ist das argu­men­ta­ti­ves Armuts­zeug­nis eines Haupt­schul­ab­sol­ven­ten, dem wei­te­re Bil­dung nie ein Bedürf­nis war, so dass er zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­form begrenzt sich auf das Dif­fa­mie­ren der als fun­da­men­ta­lis­tisch gekenn­zeich­ne­ten Gegen­po­si­ti­on, was sei­ne eige­ne, eben­so bloß daher­be­haup­te­ten Posi­tio­nen als rech­tens erwei­sen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mudda-Gene­ra­ti­on und für den Rest ein Fall fürs Alt­pa­pier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lo­se Frech­heit, die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung als einen Hau­fen von reak­tio­nä­ren, Nazis, ja, ver­hin­der­ten Mör­dern zu ver­un­glimp­fen, sobald sie mit­be­stim­men möch­te, mit wel­cher Sor­te von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­le­ben wünscht und mit wel­cher nicht. (Akif Pirinçci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schrei­ben, wenn man nicht ver­stan­den hat, was ein Rechts­staat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von die­sem auf­ge­wie­gel­ten Geschwätz anhei­zen und ver­gleicht das Mach­werk allen Erns­tes, unnö­ti­ger Wei­se und völ­lig unüber­zeu­gend mit Hit­lers Mein Kampf:

Die­ses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bramar­ba­sie­ren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stands­lo­sen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­um­pha­lis­ti­schen Ges­te der Ent­lar­vung von media­len Lügen­ge­spins­ten, in sei­ner Mischung aus Bru­ta­li­tät und Heu­le­rei erin­nert das Buch – ich schwö­re, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezo­gen in mei­nem Berufs­le­ben – an Adolf Hit­lers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hit­ler hat­te eine Agen­da, setz­te ent­spre­chend um, was er in sei­nem Buch anspinn­te, so höl­zern geschrie­ben es auch ist. Pirinçci schreibt nicht höl­zern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­gen­ar­tig. Man­gold heizt so den Shit­s­torm, den das eigent­lich in Rede ste­hen­de Buch ver­kör­pert, nur wei­ter an.

Ste­fan Wil­le­ke reagiert auf die Empö­run­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Auf­müp­fi­ge kon­tak­tiert. Dar­un­ter Herrn H. aus Ibben­bü­ren, der Man­golds Text wohl als “geis­ti­gen Dünn­pfiff” cha­rak­te­ri­siert hat. In die Fäkal­spra­che hat­te aller­dings auch Man­gold schon ein­ge­stimmt. Der ange­ru­fe­ne Herr H. legt zunächst ein­fach auf, wird aber ein zwei­tes Mal ange­ru­fen:

Dies­mal sagt er, bevor er auf­legt: “Mich inter­es­siert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.”

Schö­ne Replik, aller­dings nicht ganz so über­zeu­gend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redak­ti­on schreibt.

Wil­le­ke selbst ver­fängt sich im Shit­s­torm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Jour­na­lis­ten der gro­ßen Zei­tun­gen, unehr­lich? Man muss über uns kei­ne Stu­di­en anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stär­ker zum rot-grünen Milieu ten­die­ren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natür­lich leben wir viel zu oft in den­sel­ben bür­ger­li­chen Stadt­tei­len der­sel­ben Groß­städ­te, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Alt­bau, hohe Decken, Fisch­grät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homo­ge­ni­täts­fal­le der urba­nen Mit­tel­schicht ste­cken, wird nicht der Umkehr­schluss zuläs­sig, Pirinçci leis­te auf­rich­ti­ge Basis­ar­beit. Viel unheil­vol­ler ist es, wenn der Dem­ago­ge Pirinçci von sei­ner Bon­ner Vil­la aus die Geräu­sche der Stra­ße imi­tiert, um damit reich zu wer­den.

Ach Gott­chen. Wer Pirinçci Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter nicht pas­send ana­ly­sie­ren kann, ohne ihm der­art Din­ge zu unter­stel­len, der argu­men­tiert für Leser nicht grund­le­gend anders als Pirinçci selbst. Und wer bit­te­schön hat nach die­ser selbst­ver­lieb­ten Jour­na­lis­ten­flan­ke gefragt?

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Was nicht passt

Sams­tag, 11.03 Uhr, Klin­ge­lin­ge­ling.

Ich: „Guten Tag. Haben Sie Schrau­ben?”

Laden­che­fin „Was wären wir wohl für ein Elek­tro­la­den, wenn wir kei­ne Schrau­ben hät­ten?”

Ich „Dann bräuch­te ich mal vier Ach­ter und pas­sen­de Dübel.”

Laden­che­fin „Bit­te, hier. Sonst noch was? Nein? Dann schö­nen Tag noch.”

Ich „Na, ich weiß nicht, ob das mein letz­ter Besuch heu­te war.”

Laden­che­fin „Wir haben noch bis 14 Uhr auf. Bis dann.”

11.40 Uhr
, Klin­ge­lin­ge­ling.

Laden­che­fin „Ach, Sie schon wie­der.”

Ich „Ich bräuch­te noch mal vier Neue von denen da:”

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Laden­che­fin „Mei­ne Güte, wat ham­se denn damit gemacht?!”

Ich „Öhhh…

Juni­or­chef „Gebohrt, rein­ge­stopft und mit dem Ham­mer hin­ter­her­ge­hau­en, dass der wohl doch noch rein­geht.”

Ich „Ja, sicher.”

Laden­che­fin ver­dreht die Augen.

Juni­or­chef „Ist ja nicht so, dass ich das noch nie gebohrt hät­te.”

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Vertrauen

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In zwei unter­schied­li­chen Blogs war gera­de die Rede von Ver­trau­en: Bei Had­mut Danisch und Felix Schwen­zel. Zwei sehr unter­schied­li­chen Blogs. Hart­mut Danish nahm die Feder auf, dass selbst unter Kri­mi­nel­len Ver­trau­en herr­schen müs­se, damit Sys­te­me wie das der Mafia funk­tio­nie­re. Felix Schwen­zel schreibt dar­über, dass Ver­trau­en gegen­über Fir­men dar­über ent­schei­de, wie groß der Zuspruch ihrer Kun­den sei. Was bedeu­tet nun eigent­lich Ver­trau­en?

Ver­trau­en ist die zwi­schen­mensch­li­che, nicht­ver­trag­li­che Annah­me, mein Gegen­über beken­ne sich einer mora­li­schen Ver­ant­wor­tung´, sei daher mir gegen­über auf­rich­tig und wol­le mir durch das, was er tut, nicht scha­den. Inso­fern ist Miss­trau­en sicher­lich das Gegen­stück zu Ver­trau­en, aber Ver­trau­en ist mehr als die Abwe­sen­heit von Miss­trau­en, was auch ledig­lich Unbe­küm­mert­heit sein kann: Man hegt kei­nen Arg­wohn.

Im eigent­li­chen Kon­text bezieht sich Ver­traue auf ein sozia­les Ver­hält­nis zwi­schen mora­li­schen Per­so­nen. Es rich­tet sich nicht auf juris­ti­sche Per­so­nen.

Der Feh­ler, der im Mafia-Beispiel began­gen wird, das Danisch auf­greift, ist, dass Ver­trau­en ledig­lich als funk­tio­nie­ren­des Netz­werk ange­se­hen wird. Die Mafia ist oft­mals ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk, beruht aber grund­le­gend auf Miss­trau­en, Angst und Geld­gier. Sofern ein Teil des Netz­wer­kes die Spiel­re­geln die­ses Netz­werks kennt, weiß er, dass er nie­man­dem inner­halb des Netz­wer­kes, außer even­tu­ell sei­ner gene­ti­schen Fami­lie, d.i. Per­so­nen, die in einem grunf­sätz­li­chem sozia­len Ver­hält­nis ihm gegen­über ste­hen, ver­trau­en soll­te. Zwar kann er davon aus­ge­hen, dass es bestimm­te Funk­ti­ons­wei­sen inner­halb die­ses Netz­wer­kes gibt, mit ande­ren Wor­ten: Er kann dar­auf ver­trau­en, dass bestimm­te Hand­lungs­wei­sen von stat­ten gehen, aller­dings ist die­se Rede von Ver­trau­en nur eine über­tra­ge­ne. Kurz­um: Im Kern heitß Ver­trau­en inner­halb des Mafia-Beispiels: Die Mafia ist ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk, weil das Netz­werk funk­tio­niert. Rede ich davon, dass selbst die Mafia Ver­trau­en brau­che, ver­mi­sche ich zwei Rede­wei­sen von Ver­trau­en: Die ursprüng­lich mora­li­sche und die über­tra­ge­nen, bloß tech­ni­sche.

Und wenn Felix Schwen­zel “das ange­sichts der unfass­bar­keit all die­ser hin­ter­fot­zig­keit und unauf­rich­tig­keit” von Fir­men sein Pop­corn im Hal­se steckt, soll­te eben­so berück­sich­tigt wer­den, dass es schon ein Feh­ler war, bei Fir­men in mora­li­schem Sin­ne von Ver­trau­en aus­zu­ge­hen. Wie beim Mafia-Beispiel kann man nur davon aus­ge­hen, dass ein Netz­werk funk­tio­niert, wobei die­ses in Rede ste­hen­de Netz­werk Nut­zer offen­bar als mora­li­sche Per­so­nen aner­ken­nen soll­te und nicht ledig­lich als tech­ni­sche Bau­stei­ne. Aus blo­ßer Sicht der Spiel­theo­rie völ­lig unver­ständ­lich.

[ Foto: Rachel PaschWhat part of… | CC BY-NC 2.0 ]

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Wie man aus Kant einen Antisemiten macht

zeigt der Reli­gi­ons­stu­dent Mar­kus Voss-Göschel und bekommt dafür den Franz-Delitzsch-Förderpreis für christlich-jüdische Ver­stän­di­gung. Dabei ist die Grund­la­ge sei­ner Behaup­tun­gen mehr als dürf­tig.

Zum einen ver­weist er auf das Zitat “Jet­zo sind sie die Vam­py­re der Gesell­schaft”, das aller­dings nicht in Kants Schrif­ten auf­taucht, soweit ich weiß, son­dern bei J.F.A. Abbeg, der es Kant zuschreibt. Streng genom­men ist es nur Hören­sa­gen und ent­zieht sich so einer ernst­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen Erör­te­rung. Für Voss-Göschel ist dies in öffent­li­chen Äuße­run­gen der ers­te Beleg für Kants Anti­se­mi­tis­mus: Getrat­sche.

Der zwei­te Beleg ist ein Lese­feh­ler Voss-Göschels

Kant bezeich­net die Juden als ‘Vam­py­re der Gesell­schaft’ und for­dert ‘die Eutha­na­sie des Juden­tums’!”, nennt Mar­kus Voss-Göschel zwei Bei­spie­le für die zum Teil extre­men anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen in Kants Schrif­ten.

Kant for­dert nichts der­glei­chen. Aller­ding meint er, ein Über­gang zur “rei­nen mora­li­schen Reli­gi­on” aus dem Jugend­tum her­aus, sei die Eutha­na­sie, d.i. der sanf­te Tod, des Jugend­tums:

Die Eutha­na­sie des Juden­t­h­ums ist die rei­ne mora­li­sche Reli­gi­on mit Ver­las­sung aller alten Sat­zungs­leh­ren, deren eini­ge doch im Chris­tent­hum (als mes­sia­ni­schen Glau­ben) noch zurück behal­ten blei­ben müs­sen: wel­cher Sec­ten­un­ter­schied end­lich doch auch ver­schwin­den muß und so das, was man als den Beschluß des gro­ßen Dra­ma des Reli­gi­ons­wech­sels auf Erden nennt, (die Wie­der­brin­gung aller Din­ge) wenigs­tens im Geis­te her­bei­führt, da nur ein Hirt und eine Heer­de Statt fin­det.

Voss-Göschel bringt Anti­si­mi­tis­mus in die­sen Kon­text, nicht Kant. Es wird halt das gefun­den, was man fin­den will. Wenn die­se Erör­te­run­gen stell­ver­tre­tend sind für die Wis­sen­schaft­lich­keit der Erör­te­rung, dann bleibt da nicht viel. Aber hören wir dem Nach­wuchs wei­ter zu:

Über Kant gibt es so vie­le Abhand­lun­gen, doch bis­her gab es kei­ne kla­ren Ant­wor­ten dar­auf, wie genau er Reli­gi­on defi­niert

sagt Voss-Göschel.

Das bezweif­le ich, und viel­leicht hät­te er da lie­ber Kant selbst gele­sen als Abhand­lun­gen, denn bei Kant fin­det sich z.B. die­se Defi­ni­ti­on:

Reli­gi­on ist (sub­jec­tiv betrach­tet) das Erkennt­niß aller unse­rer Pflich­ten als gött­li­cher Gebo­te *)[Fuß­no­te aus­ge­las­sen]. Die­je­ni­ge, in wel­cher ich vor­her wis­sen muß, daß etwas ein gött­li­ches Gebot sei, um es als mei­ne Pflicht anzu­er­ken­nen, ist die geof­fen­bar­te (oder einer Offen­ba­rung benö­thig­te) Reli­gi­on: dage­gen die­je­ni­ge, in der ich zuvor wis­sen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein gött­li­ches Gebot aner­ken­nen kann, ist die natür­li­che Reli­gi­on.

Und weil Voss-Göschel wohl Kants Reli­gi­ons­be­griff nicht geläu­fig ist, ver­steigt er sich laut israelogie.de zu die­ser Äuße­rung

Für Kant ist das Juden­tum ein absur­des und sinn­lo­ses Geset­zes­werk ohne mora­li­schen Bezug und daher eigent­lich kei­ne Reli­gi­on

und fol­gen­der gänz­lich aus den Fin­gern gezo­ge­nen Behaup­tung

Er [Kant] habe sich nicht die Mühe gemacht, sei­ne jüdi­schen Freun­de zu fra­gen, wor­um es im Juden­tum geht, son­dern auf ekla­tan­ten Falsch­in­for­ma­tio­nen auf­ge­baut.

Eine Behaup­tung ohne Beleg, ein­fach mal so raus­spe­ku­liert. Die Aus­sa­ge, Kant hat heim­lich bis ins hohe Alter am Dau­men genu­ckelt, besitzt in etwa den­sel­ben Wahr­heits­wert. Ernst­haf­te Wis­sen­schaft ist etwas ganz ande­res.

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