Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Auf Haus anrufen

Hasi 1 zu Hasi 2:

Boah, verdammt. Ich hab grad Mike auf Haus angerufen. Dabei wollte ich Tüte auf Haus anrufen.

Rollkofferslalom

Bewegungsabläufe in Fußgängerzonen sind in der Sportwissenschaft bislang sträflich missachtet worden. Nehmen sie nur den Slalomlauf um übergewichtige Zugfahrer auf dem Weg durch die Fußgängerzone zum Bahnhof. Das erfordert einiges an Geschick.

Mit übergewichtigen Fußgängerzonenbenutzern ist es ja eh so eine Besonderheit. Die schauen ihre Entgegenkommenden lange an, erwarten aber, dass der Entgegenkommende einem sonst sicheren Aufprall ausweicht, egal wie eilig sie selbst unterwegs sind. Oder kennen Sie etwa übergewichtige Fußgängerzonenbenutzer, die dem Gegenverkehr freundlich einen Weg frei machen? Wird im Straßenverkehr rechts vor links beachtet, gilt für Fußgängerzonen dick vor dünn. Wie lustig wäre es, wenn im Straßenverkehr das Gewicht der Fahrzeuge über die Vorfahrt entscheiden würde. Vollkommen unvorstellbar. Aber in Fussgängerzonen eben die Regel.

Kommen wir nun aber zur eigentlichen Sportart. Am Ausweichen übergewichtiger Fußgänger hat man sich eigentlich schon sozial gewöhnt. In letzter Zeit hat ein spezielles Gepäckstück den Fußgängerzonensport verfeinert. Und dies in Kombination mit übergewichtigen FGZBs ist für jeden seriösen Sportler eine echte Herausforderung: Der Rollkoffer mit dem ausziehbaren Haltegriff, ein sogenannter Trolley.

Falls Sie das noch nicht bemerkt haben: üFGZBs haben die Angewohnheit, ihre Trolleys nicht eng am Körper zu führen, sondern sozusagen an der langen Leine zu lassen. Das ist ein bisschen Hilfe zur Selbsthilfe: Einserseits macht das Schlüren des Koffers einen schlanken Fuß, indem der Koffer auf Abstand zum massigen körper gehalten wird, andererseits erzeugt diese Abstandshaltung ein Gefühl der Lässigkeit.

Der Fußgängerzonensportler muss dieser Masche allerdings Rechnung tragen: Nicht hinter jedem Fußgänger wird ein Trolley vermutet. Und da sich die interessanten Dinge in der Fußgängerzone eher auf Augenhöhe oder etwas darunter abspielen, muss man auf die Trolleygefahr gefasst sein. Das wird besonders spannend, wenn man zügig durch die Fußgängerzonne will: Da gilt es, über Trolleys zu springen und den üFGZBs auszuweichen. Und hinter einem üFGZB könnte gleich der nächste lauern. Oder ein Trolley. Oder ein Kleinwagen.

Wäre die Fußgängerzone nicht so klein, könnte man auch Turnierpferde einsetzen. Aber so ist der Sportler mit Anspruch auf sich selbst gestellt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Sport olympisch wird – offiziell oder inoffiziell. Fußgängerzonen müssten ja in den Olympiastädten kaum eigens installiert werden. Und üFGZBs gibt’s auch an jeder Straßenecke. Ich bin gespannt auf den ersten Goldmedalliengewinner im Rollkoffern.

Hansen, Eric T. – Nörgeln !

buchleserNörgeln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Hansen hat sich des Themas auf sehr humorvolle Weise angenommen. Gerade auf den ersten Seiten erweist er sich als Fachmann des Nörgelns und des wissenschaftlichen Nörgelns.

In der Nörgelgeschichte der Literatur steht Faust als literarisches Meisterwerk einsam da. Goethes wahres Genie im Erschaffen dieser Jahrtausendfigur wird erst recht deutlich, wenn man Faust mit anderen großen literarischen Jammerern der Weltliteratur vergleicht. Wie viel konsequenter und authentischer wäre es gewesen, wenn Shakespears Hamlet ohne Grund unzufrieden wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolgreich, wohlhabend,
erbe demnächst ein Königreich,
und bin leider auch gutaussehend,
die sexy Ophelia macht mir durchaus
Augen mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und finde alles genauso Scheiße wie zuvor.

Die Lektüre unterhält also ganz beschaulich und enttäuscht auch sprachlich nicht. Ich vermisse dabei allerdings eine Abgrenzung von Nörgeln zu gerechtfertigter Kritik. War dieser Satz jetzt in Hansens Augen nur nörgeln? Im zweiten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in dieser Hinsicht die Puste aus und es wird sehr weitläufig von Nörgeln gesprochen, was weder überzeugt, noch witzig ist. Dafür ist der Leser durch den ersten Teil schon hinreichend entschädigt. Eine unterm Strich sehr geistreiche Lektüre.

Richard David Precht – Die Kunst, kein Egoist zu sein

buchleser

Das was Sascha Lobo für die Bloggerszene ist, ist Richard David Precht für die Literatur: Ein halbgebildeter Schwätzer. Und so erzählt Precht in seinem neuesten Populismuskitschwerk die Mär von heutiger Moral, verpackt für Leute, die nicht an einer ernsthaften Befassung mit der Thematik interessiert sind. Das ist so elendig viel Gelaber und so wenig Substanz, so gar kein roter Faden und gelebtes Besserwissertum, dass das Buch von Anfang bis Ende in seiner Klugscheisserei nervt. Wenn Precht sich dann mal dazu erhebt, Klartext zu reden, ist es auch gleich nichts:

Was ist das überhaupt – die Moral? Es ist die Art, wie wir miteinander umgehen.

Das ist schlicht falsch: Die Art, wie Menschen miteinander umgehen, ist das Sozialverhalten. Moral ist das Normensystem, nach dem gehandelt werden soll.

Das sind so Bücher, für die es vielleicht einen Markt, aber der Sache nach keine Berechtigung gibt. Schund eben.

Benedikt XVI. – Licht der Welt

buchleser

Peter Seewald interviewt Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und agiert dabei als Fan der Katholischen Kirche im Gewand eines seriösen Journalisten. Vielleicht mag das in dieser Form kirchenintern okay sein, aber einen kritischen Ansatz zu den Bemerkungen des Papstes, trotz aller kritischen Ansätze beim Fragen, vermisst man doch schmerzlich. Spätestens wenn Seewald ein „brasilianisches Model“ mit Allerweltsweisheiten anführt, knirscht der Leser mit den Zähnen. Und dann all diese albernen Tatsachenbehauptungen Seewalds, die glauben machen, es gehe in diesem Buch auch um die Ansichten Seewalds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. Warum schreibt Seewald nicht ein eigenes Buch, wenn er sich genötigt fühlt, die Position der Katholischen Kirche zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgendwie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf seine Weise Fundamentalist, zieht sich immer wieder auf selbsterfüllende Prophezeiungen zurück. Schwulsein ist halt unnatürlich – obwohl es doch dauernd in der Natur vorkommt – und soll nicht Anreiz zum Priesterwerden sein. Sexverzicht sei ebenso von Gott auferlegt, wasimmer das genau heißen soll. Letzten Endes wird immer auf irgendetwas Unbelegbares verwiesen, keine einzige derartige Ansicht ist belegbar. Immerhin verweist der Papst auf eine angebliche Immerverfügbarkeit von Kondomen und lässt im Raume stehen, ob dies eine akzeptable Möglichkeit sein soll.

Aber auch sonst ist es interessant, was der Papst da vom Stapel lässt:

Die monogame Ehe gehört zum Fundament, auf dem die Zivilisation des Westens beruht. Wenn sie zusammenbricht, bricht Wesentliches unserer Kultur zusammen.

In der Sicht der Katholischen Kirche bricht immer irgendwas zusammen, wenn man an ihren fundamentalistischen Sichtweisen rüttelt. Warum sollte überhaupt gleich etwas zusammenbrechen, wenn Monogamie nicht der Standard bleibt?

Ein Großteil der heutigen Philosophen besteht tatsächlich darauf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahrheitsfähig. Aber so gesehen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Laufenden, was in der Philosophie so abgeht. Das Problem an dieser Stelle ist nur: Diese Philosophen bezweifeln ja auch diesen Ethos. Und dagegen verrichtet man mit einem schlicht behaupteten Gegensatz nichts.

Es breitet sich eine neue Intoleranz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt eingespielte Maßstäbe des Denkens, die allen auferlegt werden sollen. Diese werden dann in der sogenannten negativen Toleranz verkündet. Also etwa, wenn man sagt, der negativen Toleranz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäuden geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhebung der Toleranz, denn das heißt ja, dass die Religion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sichtbar ausdrücken darf.

Natürlich darf er das, nur nicht vorgeschrieben wirkend in der Schule. Aber einem Fundamentalisten können sie auch kaum erklären, dass er Fundamentalist ist.

Eine bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen.

Droge, natürlich, da drunter wäre keine Metapher des Bösen zu finden. Dabei will ja niemand eine bloße Fixierung auf Kondome. Überhaupt sind Vorstellungen von Leuten, die nie Sex hatten, über Sex, dass dieser ausschließlich Ausdruck von Liebe sei, höchst skuril.

In Deutschland hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Wieso dann gar so wenig hängen bleibt, um es mal so auszudrücken, ist unbegreiflich. Hier müssen die Bischöfe in der Tat ernsthaft darüber nachdenken, wie der Katechese ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben werden kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Laufenden: Nicht jedes Kind hat neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Und die Ansicht, dass die Bischöfe der Basisarbeit in der Katholischen Kirche zu Popularität verhelfen können, finde ich eher belustigend.

Die Kirche hat „keinerlei Vollmacht“, Frauen zu weihen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, sondern: wir können nicht. Der Herr hat der Kirche eine Gestalt gegeben mit den Zwölfen – und in deren Nachfolge dann mit den Bischöfen und den Presbytern, den Priestern.

Schnöff, tä täääääää. Warum wirkt der Gott der Katholiken auf Katholiken nur immer so irrational? Sicher auch nur eine Prüfung für Katholiken, damit wäre die Sache dann wieder rund.

Enttäuscht werden sich von diesem Buch auch alle sehen, die sich in den Missbrauchsskandalen Aufklärung seitens der Katholischen Kirche wünschen: Nach dem Papst sieht der normale Prozess hier so aus: Erst den missbrauchten Schäfchen helfen, dann die Täter strafen und dann das Verbrechen aufklären. Nach Belieben der Katholischen Kirche wird hierüber die Öffentlichkeit informiert. Vom rechtzeitigen Einbezug rechtsstatlicher Organe keine Rede. Von der Kritik von Missbrauchsopfern, dass die Katholische Kirche Aufklärung mutwillig behindert – keine Rede. Nur Rede davon, dass gesamtgesellschaftlich gesehen verhältnismäßig wenig Missbrauch in der Katholischen Kirche stattfindet. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Die Krakeelende

Ich hatte immer gedacht, es gibt so maximal drei Arten, einen Bus zu benutzen. Entweder schwarzfahren, oder bezahlen oder einen Ausweis vorzeigen, der befreit. Es gibt aber offensichtlich noch eine weitere Möglichkeit. Die sollte man eigentlich auch mal ausprobieren.

Ich fahr also eben mir nichts, dir nichts mit dem Bus in die Fußgängerzone, steige brav ein, entlohne 2,10€ Fahrtpreis und schweife über die zur Option stehenden Sitzplätze. Da steigt im Ausgangsbereich nach den Aussteigern eine rüstige Rentnerin ein und schaut sich ebenso um. Dann sucht sie den Blick des Fahrers vorne im Rückspiegel und krakeelt:

Ich happn Ausweis!

Die hat gar nicht gesagt, was für einen Ausweis. Ausweise hat man ja viele. Gezeigt hat sie auch nichts, nur krakeelt. Sie sah eigentlich noch zu rüstig für einen Behindertenausweis aus. Dass Rentnern das kostenlose Busfahren gestattet wird, wäre mir auch gerade neu. Aber vielleicht bauen einige ältere Herrschaften einfach darauf, durch lautes Krakeelen über eine 4-Meter-Distanz den Nerv von Busfahrern so exakt zu treffen, dass sie kostenlos mitcruisen können.

Muss ich auch mal testen. Vielleicht kommt man so ja auch mal kostenlos ins Kino. Oder auffn Mond.

Marx, Reinhard – Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein bisschen mit Religion und Religionsphilosophie auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholischen Hirten anzusehen. Vorgenommen habe ich mir mal Das Kapital von Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising.

Das Buch ist ungefähr so wie Reinhard Marx: Sympathisch, geschwätzig, nicht überwissenschaftlich, anekdotenreich, einheitschaffend. Es beinhaltet aber interessanterweise in politischer oder philosophischer Hinsicht alles, was man heute an der Katholischen Kirche kritisieren mag.

Reinhard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich seine Überzeugung feststellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwischen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Reinhard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist andererseits einfach eine Form von Respektlosigkeit, anderen Menschen irgendwelche Behauptungen unterzujubeln, nur weil diese Menschen nun tot sind, und sich nicht mehr dagegen wehren können. Das hatte auch schon Walter Nigg in „Friedrich Nietzsche“ so getan, wo er behauptet, hätte Nietzsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evangele gewesen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Reinhard Marx einfach das, worunter er Karl Marx versteht, gegen die Katholische Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinandertreffen einer Lehre auf eine Philosophie. Das Problem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt werden muss, nicht überzeugend begründet wie eine Philosophie sein muss, um akzeptabel zu sein. Wobei in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass für Reinhard Marx das, wofür Karl Marx steht, einfach nur Skeptizismus ist: Das Angreifen von Dingen, die für Werte gehalten werden.

Diese Werte entstammen alle dem Christentum, meint Detlef Horster, auf den sich Reinhard Marx als Segnung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist überhaupt eine eigentümliche Belegmethode von Reinhard Marx: Das Heranziehen der Meinung eines großen Geistes als Ersatz für die Begründung einer eigenen Meinung. Fast schon gönnerhaft gesteht Reinhard Marx der Philosophie der Aufklärung zu, dass sie Begründungen für moralische Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offensichtlich ist es Reinhard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhandensein von Werten wichtiger ist als das Begründetsein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholischen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx ausgespielt, ebenso grundlegender ein katholischer Fundamentalismus gegen objektive Begründungen, worunter man Philosophie verstehen kann.

„Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren größten Gegner sie bezeugt ihm ihren Respekt.“ (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie großzügig. Die katholische Soziallehre kennzeichnet sich durch eine Weltanschauung, in der Individuen durch Solidarität und Subsidiarität miteinander verbunden sind (S. 95). Ein jedem seien politisch und wirtschaftlich alle Freiheiten gegeben, solange sie in einem moralischen Einklang und in Unverletzung der Rechte anderer möglich sind. Marx meint offensichtlich, dass dies schlichte Motiv einer ausgearbeiteten Philosophie gleichkommt, diese gar übertrifft. Eine irgendwie gestaltete Begründung gibt es in Reinhard Marx‘ buch für die katholische Soziallehre nämlich nicht: Sie ist einfach besser als alles andere.

Und weil man nach Reinhard Marx auch angeblich denkt, dass Religion nicht nur Privatsache sei, sondern dass Kirche eine gesellschaftspolitische Aufgabe habe (S. 63) gäbe es den Religionsunterricht in Deutschland in der vorliegenden Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Einbindung der evangelischen und der katholischen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthalten eines Staatslenkers.

Aber diese eigenwillige Ansicht Reinhard Marx‘ fügt sich gut in sein Weltbild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholische, ist die Institution der Moral (S.62): Ihr Richtplatz. Ohne Kirche ist Moral für Reinhard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt ausgeliefert. Reinhard Marx fühlt sich zudem in Übereinstimmung mit Immanuel Kant, was sein Menschenbild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird überhaupt gerne von Geistlichen als Gewährsmann vereinnahmt ohne auf seine Religionskritik einzugehen) und ebenso in Übereinstimmung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Familie als Geburtsort von Moral angeht: Für Marx sei die Familie wichtigster Ort der Wertevermittlung, daher sei Familienpolitik wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik.

Das kann man nun unhinterfragt so stehen lassen oder hinterfragen. Bei letzterem ist man sich selber aber Philosoph, und das für viele zwangsläufig. Denn beim Stichwort Familie muss man ja bei der katholischen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Familie sind. Eine Familie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholische Kirche die sexuellen Auswüchse neueren Datums mit zu verantworten. Die Soziallehre der katholischen Kirche lässt völlig unbeantwortet, warum man sich nicht einfach durch eine vertraute Bezugsperson eben so gut moralisch entwickeln kann, wie durch verheiratete Eltern. Und ob es gerade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf verständliche, begründete Vermittlung von moralischen Verhaltensweisen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begegnet in diesem Buch Reinhard Marx an den Stellen, die den Menschen an der katholischen Kirche so unheimliche Probleme bereiten. Man findet aber als Reaktionen darauf nur fundamentalistische Durchhalteparolen vor, die für sich genommen nicht überzeugen. Aber das sollen sie ja auch nicht.

Rentnerflüge

Sie! Wo ich Sie gerade hier an der Bushaltestelle treffe. Was mir auch schon immer mal durchn Kopp ging: Wie fürsorglich die Busfahrer doch inzwischen ihre Linienbusse fahren. Früher, da kann ich mich noch erinnern, früher da war Buseinsteigen ja ein Rentnersport. Da gingste morgens zum Arzt und dann fragt der dich: „Hamse heute schon Sport getrieben?“ und da konnteste sagen: „Ja. Bin in den Bus eingestiegen auf dem Weg nach Sie hin!“

Weil früher, woll, da sind die Busse sofort nach dem Bezahlen des letzen Einsteigers losgebraust. Da musste man schleunigst seinen Platz gefunden haben. Sonst flogste auf die Fresse. Für ältere Busmitfahrer war das dann schon Sport, die waren ja nicht so schnell wie jüngere. Vor allem, wenn vorne die Sitze schon besetzt waren. Dieser Aufgabe haben sich dann die Rentner auch zügig angepasst. Das war zum Gucken, ich sage es Sie!

Da stieg so ein Rentner in den Bus, zahlte seine 1,80 und schon beim Wechselgeldkriegen schielte der so in den Bus rein auf der Suche nach einer freien Niederlassungsmöglichkeit. Da ist ja auch schon so mancher Rentner durch den Bus geschossen, weil er sich nicht vorbereitet hat. Grufthansa haben wir das dann immer genannt, so schnell sind die an uns vorbeigerauscht. Aber nur so für Spass. Nach Rücken war Bus eine Zeit lang das beliebteste Körperleiden bei Rentnern.

Und diese Erleichterung auf den Rentnergesichtern, wenn die rechtzeitig saßen. Ich bin mir sicher, zu der Zeit gab es mehr Rentnerorgasmen in Linienbussen als in Schlafzimmern. Da können Sie aber einen drauf lassen, können Sie da aber.

Aber heute ist das alles ja viel entspannter. Da warten die Busfahrer ja ab, bis die Rentner sitzen. Die Ärzte diagnostizieren da heute auch immer weniger Bus. Die liegen da diagnosestatistisch schon hinter den Pathologen, hab ich mal gelesen.

Duve, Karen – Anständig essen

buchleser

Dieses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wieso es gerade so oft in den Medien zu finden ist. Ich habe auch nicht verstanden, ob einer der Gründe, dass es dieses Buch ist, derjenige ist, dass eine Autorin ihrem Verlag mal wieder ein Buch verschaffen muss. Das Buch nervt schlicht wegen seines überbordenden Subtextes, durch den man irgendwann nicht mehr durchschaut und durchschauen will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexikon der berühmten Tiere meine Lieblingsklolektüre geschaffen. Dabei ist die Grundausgangslage von Anständig essen leicht erläutert:

Die Grausamkeiten, Gemeinheiten und Rücksichtslosigkeiten, die Menschen wie ich jden Tag begehen, sind die Folgen eines bilogischen Prinzips, das wir mit allen anderen Spiezies auf diesem Planeten teilen, dem Prinzip Eigennutz.

So gesehen ist das Essen von Tieren legitimiert. In Fragestellungen darüber, ob und auf welche Weise Tiere genutzt werden dürfen, wird oft auf Tierethik verwiesen. Nur gibt es schlicht keinen Grund, Ethik auf Tiere selbst auszuweiten. Daher verweist auch Duve auf Mitleid oder Mitgefühl, um Tiernutzung als ethische Angelegenheit auszugeben. Aber dies ist schlicht nur ein argumentativer Grundfehler. Als argumentative Herangehensweise taugt das Buch somit nicht. Vielleicht sensibilisiert es dennoch einige Leser, was ihr Essverhalten betrifft. Und auch als eine Art persönlicher Erzählung mag es seine Berechtigung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der ganze teils naiv-persönliche Subtext. Das verwässert nur das ganze Thema. Besser Thilo Bode lesen.

Freiheit

kannitverstan

Freiheit nach Marius Müller-Westernhagen ist ja das Einzige was zählt. Aber damit wurde damals wohl nur Freiheit von politischer Unterdrückung gemeint. Wenn man nicht gerade der Meinung ist, dass man Begriffe wie Freiheit gar nicht sinnvoll ausdrücken kann, weil jeder mit Recht etwas anderes darunter verstehen kann, vertut man sich. Man vertut sich aber auch, wenn man so wie die FDP alles „Freiheit“ nennt, was man irgendwie gut findet. Dort gibt es sogar einen Fotowettbewerb zur Freiheit. Als ob man Freiheit fotographieren könnte.

Das Wort klingt gut, es hat eine durch und durch positive Ausstrahlung und doch ist nicht genau klar, was darunter zu verstehen ist. Im Internet lässt sich allerdings ein philosophischer Text finden, der wohl aktuell zum Besten gehört, was aus der Wissenschaft der Philosophie derzeit hervorgegangen ist. Er stammt von Georg Geismann , einem vielleicht etwas schrulligen, aber zweifellos sehr wichtigen, ermeritierten Professoren. Sein Spezialgebiet ist Kant. Mit Kant verhält es sich nun so, dass es glühende Anhänger der Philosophie Kants und starke Ablehner. Es ist ein weites Feld, sich mit der Entstehung der Haltung totaler Ablehnung Kants zu beschäftigen, ich finde diese Haltung allerdings nur hinderlich. Denn Kant hat tatsächlich heute noch Gewichtiges zu sagen. Leider stempeln viele in der Philosophie Kant als historisch und daher nicht mehr aktuell ab. Das ist ungefähr so, als würde man Beethoven mit Tokio Hotel vergleichen und meine, es komme zur Bewertung der Bedeutung der Schaffenden darauf an, ob man noch lebt oder nicht.

Es ist allerdings kein einfaches Unternehmen, über ein durchaus schwieriges Textstück, wie Geissmann es vorlegt zu bloggen. Die deutsche Bloggosphäre ist zwar bunt, aber doch oftmals oberflächlich.

Geismanns Text lautet Kant über Freiheit in spekulativer und in praktischer Hinsicht [pdf]. Die Ausdrucksweise, wie man hier schon merkt, ist mitunter durchaus bedacht. Die Überschrift handelt von zwei Hinsichten auf dasselbe Wort oder denselben Begriff, um sich philosophisch auszudrücken.

Im Text, den man sich durchaus mal anschauen sollte, findet man weitere Besonderheiten: Mit Willkür ist nicht der heuteige Begriff von Willkürlichkeit gemeint, sondern die bewußt getroffene Wahl, die eigene Entscheidung. Mit Freiheit in praktischer Hinsicht ist Entscheidungsfreiheit gemeint, mit in theoretischer Hinsicht Handlungsfreiheit. In aktuellen Diskussionen wird meist über letzteren Begriff geredet. Z.B.: Ist der Vorgang, dass ich jetzt meine Hand hebe, wirklich hauptsächlich auf meinen Gedanken, dass ich jetzt die Hand heben will, zurückzuführen?

Das verneinen Biologen und einige Philosophen heute meist. Dagegen gibt es aber noch Freiheit in praktischer Hinsicht, da Menschen ihre Handlungen planen können. Sie können Entscheidungen treffen über Handlungen, die sie künftig vollziehen. Freiheit in theoretischer Hinsicht wird an dieser Stelle nicht in den Fokus genommen, von ihr wird abstrahiert. Weil es diese Freiheit in praktischer Hinsicht gibt, redet man von einer Verantwortung, die Menschen für ihre Taten haben. Für einige Biologen besteht diese Verantwortung nicht, aber meines Erachtens nur aus dem Grunde, weil sie Freiheit nur in theoretischer Hinsicht annehmen. Aus dieser Sichtweise heraus wäre die Ansicht richtig.

Man muss nicht alle Begriffe verstehen, sollten dennoch Begriffsunklarheiten bestehen, lohnt ein Blick in das online verfügbare Kant-Lexikon.

[ Foto: Rachel PaschWhat part of… | CC BY-NC 2.0 ]

August 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Jul    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren
    • none
Seite 10 von 11« Erste...7891011