Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Kurvendiskussion

Schnell schrei­tend über­ho­len mich auf dem Bür­ger­steig zwei rhei­ni­sche Käp­pi­trä­ger. Der eine trägt das Käp­pi lup­fig mit der Kap­pe nach vor­ne, der ande­re streng an den Kopf gezurrt nach hin­ten. Der mit dem Käp­pi nach hin­ten, ich nen­ne ihn mal Kähi, trägt zudem mit sei­ner rech­ten Hand einen trop­fen­den Aus­puff in einem Handtuch.

Kähi Ey, an die­ser Graaaaaaa­de muss ich ihn ficken.
Kävo Ja, loooooo­cker, mannnn.
Kähi Die­se Gra­de hier. (Er stellt sich an den Bür­ger­steig­rand und zeigt mit der lin­ken Hand ein­mal vom lin­ken Anfang der Stra­ße bis zum rech­ten Ende, als ob da noch eine Alter­na­ti­ve wär.)
Kävo Ja, lockkkkkkkkkka.
Kähi Da muss ich ihn ficken.
Kävo Ja, da mus­se nur auf­pas­se, dass der dir do hin­ten in der Kur­ve nisch ent­glei­tet.
Kähi Jo. (Er hebt den Aus­puff an und schaut den Trop­fen nach.)
Kävo Da muss­te den haben.
Kähi Jo, den muss ich vor­her ficken.
Kävo Ja, locker, man.

Auf Haus anrufen

Hasi 1 zu Hasi 2:

Boah, ver­dammt. Ich hab grad Mike auf Haus ange­ru­fen. Dabei woll­te ich Tüte auf Haus anrufen.

Rollkofferslalom

Bewe­gungs­ab­läu­fe in Fuß­gän­ger­zo­nen sind in der Sport­wis­sen­schaft bis­lang sträf­lich miss­ach­tet wor­den. Neh­men sie nur den Sla­lom­lauf um über­ge­wich­ti­ge Zug­fah­rer auf dem Weg durch die Fuß­gän­ger­zo­ne zum Bahn­hof. Das erfor­dert eini­ges an Geschick.

Mit über­ge­wich­ti­gen Fuß­gän­ger­zo­nen­be­nut­zern ist es ja eh so eine Beson­der­heit. Die schau­en ihre Ent­ge­gen­kom­men­den lan­ge an, erwar­ten aber, dass der Ent­ge­gen­kom­men­de einem sonst siche­ren Auf­prall aus­weicht, egal wie eilig sie selbst unter­wegs sind. Oder ken­nen Sie etwa über­ge­wich­ti­ge Fuß­gän­ger­zo­nen­be­nut­zer, die dem Gegen­ver­kehr freund­lich einen Weg frei machen? Wird im Stra­ßen­ver­kehr rechts vor links beach­tet, gilt für Fuß­gän­ger­zo­nen dick vor dünn. Wie lus­tig wäre es, wenn im Stra­ßen­ver­kehr das Gewicht der Fahr­zeu­ge über die Vor­fahrt ent­schei­den wür­de. Voll­kom­men unvor­stell­bar. Aber in Fuss­gän­ger­zo­nen eben die Regel.

Kom­men wir nun aber zur eigent­li­chen Sport­art. Am Aus­wei­chen über­ge­wich­ti­ger Fuß­gän­ger hat man sich eigent­lich schon sozi­al gewöhnt. In letz­ter Zeit hat ein spe­zi­el­les Gepäck­stück den Fuß­gän­ger­zo­nen­sport ver­fei­nert. Und dies in Kom­bi­na­ti­on mit über­ge­wich­ti­gen FGZ­Bs ist für jeden seriö­sen Sport­ler eine ech­te Her­aus­for­de­rung: Der Roll­kof­fer mit dem aus­zieh­ba­ren Hal­te­griff, ein soge­nann­ter Trolley.

Falls Sie das noch nicht bemerkt haben: üFGZ­Bs haben die Ange­wohn­heit, ihre Trol­leys nicht eng am Kör­per zu füh­ren, son­dern sozu­sa­gen an der lan­gen Lei­ne zu las­sen. Das ist ein biss­chen Hil­fe zur Selbst­hil­fe: Ein­s­er­seits macht das Schlü­ren des Kof­fers einen schlan­ken Fuß, indem der Kof­fer auf Abstand zum mas­si­gen kör­per gehal­ten wird, ande­rer­seits erzeugt die­se Abstands­hal­tung ein Gefühl der Lässigkeit.

Der Fuß­gän­ger­zo­nen­sport­ler muss die­ser Masche aller­dings Rech­nung tra­gen: Nicht hin­ter jedem Fuß­gän­ger wird ein Trol­ley ver­mu­tet. Und da sich die inter­es­san­ten Din­ge in der Fuß­gän­ger­zo­ne eher auf Augen­hö­he oder etwas dar­un­ter abspie­len, muss man auf die Trol­ley­ge­fahr gefasst sein. Das wird beson­ders span­nend, wenn man zügig durch die Fuß­gän­ger­zon­ne will: Da gilt es, über Trol­leys zu sprin­gen und den üFGZ­Bs aus­zu­wei­chen. Und hin­ter einem üFGZB könn­te gleich der nächs­te lau­ern. Oder ein Trol­ley. Oder ein Kleinwagen.

Wäre die Fuß­gän­ger­zo­ne nicht so klein, könn­te man auch Tur­nier­pfer­de ein­set­zen. Aber so ist der Sport­ler mit Anspruch auf sich selbst gestellt. Es ist nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die­ser Sport olym­pisch wird – offi­zi­ell oder inof­fi­zi­ell. Fuß­gän­ger­zo­nen müss­ten ja in den Olym­pia­städ­ten kaum eigens instal­liert wer­den. Und üFGZ­Bs gibt’s auch an jeder Stra­ßen­ecke. Ich bin gespannt auf den ers­ten Gold­medal­li­en­ge­win­ner im Rollkoffern.

Hansen, Eric T. — Nörgeln !

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Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nörgelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohlhabend,
erbe dem­nächst ein Königreich,
und bin lei­der auch gutaussehend,
die sexy Ophe­lia macht mir durchaus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lektüre.

Richard David Precht — Die Kunst, kein Egoist zu sein

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Das was Sascha Lobo für die Blog­ger­sze­ne ist, ist Richard David Precht für die Lite­ra­tur: Ein halb­ge­bil­de­ter Schwät­zer. Und so erzählt Precht in sei­nem neu­es­ten Popu­lis­mus­kitsch­werk die Mär von heu­ti­ger Moral, ver­packt für Leu­te, die nicht an einer ernst­haf­ten Befas­sung mit der The­ma­tik inter­es­siert sind. Das ist so elen­dig viel Gela­ber und so wenig Sub­stanz, so gar kein roter Faden und geleb­tes Bes­ser­wis­ser­tum, dass das Buch von Anfang bis Ende in sei­ner Klug­scheis­se­rei nervt. Wenn Precht sich dann mal dazu erhebt, Klar­text zu reden, ist es auch gleich nichts:

Was ist das über­haupt — die Moral? Es ist die Art, wie wir mit­ein­an­der umgehen.

Das ist schlicht falsch: Die Art, wie Men­schen mit­ein­an­der umge­hen, ist das Sozi­al­ver­hal­ten. Moral ist das Nor­men­sys­tem, nach dem gehan­delt wer­den soll.

Das sind so Bücher, für die es viel­leicht einen Markt, aber der Sache nach kei­ne Berech­ti­gung gibt. Schund eben.

Benedikt XVI. — Licht der Welt

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Peter See­wald inter­viewt Papst Bene­dikt XVI. ali­as Joseph Ratzin­ger und agiert dabei als Fan der Katho­li­schen Kir­che im Gewand eines seriö­sen Jour­na­lis­ten. Viel­leicht mag das in die­ser Form kir­chen­in­tern okay sein, aber einen kri­ti­schen Ansatz zu den Bemer­kun­gen des Paps­tes, trotz aller kri­ti­schen Ansät­ze beim Fra­gen, ver­misst man doch schmerz­lich. Spä­tes­tens wenn See­wald ein “bra­si­lia­ni­sches Model” mit Aller­welts­weis­hei­ten anführt, knirscht der Leser mit den Zäh­nen. Und dann all die­se alber­nen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen See­walds, die glau­ben machen, es gehe in die­sem Buch auch um die Ansich­ten See­walds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. War­um schreibt See­wald nicht ein eige­nes Buch, wenn er sich genö­tigt fühlt, die Posi­ti­on der Katho­li­schen Kir­che zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgend­wie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf sei­ne Wei­se Fun­da­men­ta­list, zieht sich immer wie­der auf selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen zurück. Schwul­sein ist halt unna­tür­lich — obwohl es doch dau­ernd in der Natur vor­kommt — und soll nicht Anreiz zum Pries­ter­wer­den sein. Sex­ver­zicht sei eben­so von Gott auf­er­legt, was­im­mer das genau hei­ßen soll. Letz­ten Endes wird immer auf irgend­et­was Unbe­leg­ba­res ver­wie­sen, kei­ne ein­zi­ge der­ar­ti­ge Ansicht ist beleg­bar. Immer­hin ver­weist der Papst auf eine angeb­li­che Immer­ver­füg­bar­keit von Kon­do­men und lässt im Rau­me ste­hen, ob dies eine akzep­ta­ble Mög­lich­keit sein soll.

Aber auch sonst ist es inter­es­sant, was der Papst da vom Sta­pel lässt:

Die mono­ga­me Ehe gehört zum Fun­da­ment, auf dem die Zivi­li­sa­ti­on des Wes­tens beruht. Wenn sie zusam­men­bricht, bricht Wesent­li­ches unse­rer Kul­tur zusammen.

In der Sicht der Katho­li­schen Kir­che bricht immer irgend­was zusam­men, wenn man an ihren fun­da­men­ta­lis­ti­schen Sicht­wei­sen rüt­telt. War­um soll­te über­haupt gleich etwas zusam­men­bre­chen, wenn Mono­ga­mie nicht der Stan­dard bleibt?

Ein Groß­teil der heu­ti­gen Phi­lo­so­phen besteht tat­säch­lich dar­auf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahr­heits­fä­hig. Aber so gese­hen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Lau­fen­den, was in der Phi­lo­so­phie so abgeht. Das Pro­blem an die­ser Stel­le ist nur: Die­se Phi­lo­so­phen bezwei­feln ja auch die­sen Ethos. Und dage­gen ver­rich­tet man mit einem schlicht behaup­te­ten Gegen­satz nichts.

Es brei­tet sich eine neue Into­le­ranz aus, das ist ganz offen­kun­dig. Es gibt ein­ge­spiel­te Maß­stä­be des Den­kens, die allen auf­er­legt wer­den sol­len. Die­se wer­den dann in der soge­nann­ten nega­ti­ven Tole­ranz ver­kün­det. Also etwa, wenn man sagt, der nega­ti­ven Tole­ranz wegen darf es kein Kreuz in öffent­li­chen Gebäu­den geben. Im Grun­de erle­ben wir damit die Auf­he­bung der Tole­ranz, denn das heißt ja, dass die Reli­gi­on, dass der christ­li­che Glau­be sich nicht mehr sicht­bar aus­drü­cken darf.

Natür­lich darf er das, nur nicht vor­ge­schrie­ben wir­kend in der Schu­le. Aber einem Fun­da­men­ta­lis­ten kön­nen sie auch kaum erklä­ren, dass er Fun­da­men­ta­list ist.

Eine blo­ße Fixie­rung auf das Kon­dom bedeu­tet eine Bana­li­sie­rung der Sexua­li­tät, und die ist ja gera­de die gefähr­li­che Quel­le dafür, dass so vie­le Men­schen in der Sexua­li­tät nicht mehr den Aus­druck ihrer Lie­be fin­den, son­dern nur noch eine Art von Dro­ge, die sie sich selbst verabreichen.

Dro­ge, natür­lich, da drun­ter wäre kei­ne Meta­pher des Bösen zu fin­den. Dabei will ja nie­mand eine blo­ße Fixie­rung auf Kon­do­me. Über­haupt sind Vor­stel­lun­gen von Leu­ten, die nie Sex hat­ten, über Sex, dass die­ser aus­schließ­lich Aus­druck von Lie­be sei, höchst skuril.

In Deutsch­land hat jedes Kind neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Wie­so dann gar so wenig hän­gen bleibt, um es mal so aus­zu­drü­cken, ist unbe­greif­lich. Hier müs­sen die Bischö­fe in der Tat ernst­haft dar­über nach­den­ken, wie der Kate­che­se ein neu­es Herz, ein neu­es Gesicht gege­ben wer­den kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Lau­fen­den: Nicht jedes Kind hat neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Und die Ansicht, dass die Bischö­fe der Basis­ar­beit in der Katho­li­schen Kir­che zu Popu­la­ri­tät ver­hel­fen kön­nen, fin­de ich eher belustigend.

Die Kir­che hat “kei­ner­lei Voll­macht”, Frau­en zu wei­hen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, son­dern: wir kön­nen nicht. Der Herr hat der Kir­che eine Gestalt gege­ben mit den Zwöl­fen — und in deren Nach­fol­ge dann mit den Bischö­fen und den Pres­by­tern, den Priestern.

Schnöff, tä tää­ä­ä­ä­ää. War­um wirkt der Gott der Katho­li­ken auf Katho­li­ken nur immer so irra­tio­nal? Sicher auch nur eine Prü­fung für Katho­li­ken, damit wäre die Sache dann wie­der rund.

Ent­täuscht wer­den sich von die­sem Buch auch alle sehen, die sich in den Miss­brauchs­skan­da­len Auf­klä­rung sei­tens der Katho­li­schen Kir­che wün­schen: Nach dem Papst sieht der nor­ma­le Pro­zess hier so aus: Erst den miss­brauch­ten Schäf­chen hel­fen, dann die Täter stra­fen und dann das Ver­bre­chen auf­klä­ren. Nach Belie­ben der Katho­li­schen Kir­che wird hier­über die Öffent­lich­keit infor­miert. Vom recht­zei­ti­gen Ein­be­zug rechts­stat­li­cher Orga­ne kei­ne Rede. Von der Kri­tik von Miss­brauchs­op­fern, dass die Katho­li­sche Kir­che Auf­klä­rung mut­wil­lig behin­dert — kei­ne Rede. Nur Rede davon, dass gesamt­ge­sell­schaft­lich gese­hen ver­hält­nis­mä­ßig wenig Miss­brauch in der Katho­li­schen Kir­che statt­fin­det. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Die Krakeelende

Ich hat­te immer gedacht, es gibt so maxi­mal drei Arten, einen Bus zu benut­zen. Ent­we­der schwarz­fah­ren, oder bezah­len oder einen Aus­weis vor­zei­gen, der befreit. Es gibt aber offen­sicht­lich noch eine wei­te­re Mög­lich­keit. Die soll­te man eigent­lich auch mal ausprobieren.

Ich fahr also eben mir nichts, dir nichts mit dem Bus in die Fuß­gän­ger­zo­ne, stei­ge brav ein, ent­loh­ne 2,10€ Fahrt­preis und schwei­fe über die zur Opti­on ste­hen­den Sitz­plät­ze. Da steigt im Aus­gangs­be­reich nach den Aus­stei­gern eine rüs­ti­ge Rent­ne­rin ein und schaut sich eben­so um. Dann sucht sie den Blick des Fah­rers vor­ne im Rück­spie­gel und krakeelt:

Ich happn Ausweis!

Die hat gar nicht gesagt, was für einen Aus­weis. Aus­wei­se hat man ja vie­le. Gezeigt hat sie auch nichts, nur kra­keelt. Sie sah eigent­lich noch zu rüs­tig für einen Behin­der­ten­aus­weis aus. Dass Rent­nern das kos­ten­lo­se Bus­fah­ren gestat­tet wird, wäre mir auch gera­de neu. Aber viel­leicht bau­en eini­ge älte­re Herr­schaf­ten ein­fach dar­auf, durch lau­tes Kra­kee­len über eine 4-Meter-Distanz den Nerv von Bus­fah­rern so exakt zu tref­fen, dass sie kos­ten­los mit­crui­sen können.

Muss ich auch mal tes­ten. Viel­leicht kommt man so ja auch mal kos­ten­los ins Kino. Oder auf­fn Mond.

Marx, Reinhard — Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gi­on und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­setzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktu­el­len Schin­ken der katho­li­schen Hir­ten anzu­se­hen. Vor­ge­nom­men habe ich mir mal Das Kapi­tal von Rein­hard Marx, dem Erz­bi­schof von Mün­chen und Freising.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwät­zig, nicht über­wis­sen­schaft­lich, anek­do­ten­reich, ein­heits­chaf­fend. Es beinhal­tet aber inter­es­san­ter­wei­se in poli­ti­scher oder phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht alles, was man heu­te an der Katho­li­schen Kir­che kri­ti­sie­ren mag.

Rein­hard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich sei­ne Über­zeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach sei­nem Tode wohl inzwi­schen davon über­zeugt sein müs­se, dass Gott exis­tie­re. Rein­hard Marx macht es so sei­nen Lesern von Beginn an schwie­rig, ihn für voll zu neh­men. Es ist ande­rer­seits ein­fach eine Form von Respekt­lo­sig­keit, ande­ren Men­schen irgend­wel­che Behaup­tun­gen unter­zu­ju­beln, nur weil die­se Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen weh­ren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Fried­rich Nietz­sche” so getan, wo er behaup­tet, hät­te Nietz­sche nur etwas unauf­ge­reg­ter nach­ge­dacht, wäre er über­zeug­ter Evan­ge­le gewe­sen. Ich glau­be dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, wor­un­ter er Karl Marx ver­steht, gegen die Katho­li­sche Sozi­al­leh­re aus. Es ist ein Auf­ein­an­der­tref­fen einer Leh­re auf eine Phi­lo­so­phie. Das Pro­blem ist nur, dass die Leh­re ledig­lich geglaubt wer­den muss, nicht über­zeu­gend begrün­det wie eine Phi­lo­so­phie sein muss, um akzep­ta­bel zu sein. Wobei in die­sem Zusam­men­hang zu beach­ten ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx steht, ein­fach nur Skep­ti­zis­mus ist: Das Angrei­fen von Din­gen, die für Wer­te gehal­ten werden.

Die­se Wer­te ent­stam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Det­lef Hors­ter, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Phi­lo­so­phen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­li­che Beleg­me­tho­de von Rein­hard Marx: Das Her­an­zie­hen der Mei­nung eines gro­ßen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung einer eige­nen Mei­nung. Fast schon gön­ner­haft gesteht Rein­hard Marx der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung zu, dass sie Begrün­dun­gen für mora­li­sche Wer­te gelie­fert habe, dass aber die­se Wer­te eben schon vor­her bestan­den haben. Offen­sicht­lich ist es Rein­hard Marx ein Anlie­gen zu zei­gen, dass das Vor­han­den­sein von Wer­ten wich­ti­ger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che wird somit in die­sem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grund­le­gen­der ein katho­li­scher Fun­da­men­ta­lis­mus gegen objek­ti­ve Begrün­dun­gen, wor­un­ter man Phi­lo­so­phie ver­ste­hen kann.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sieht in Marx ihren größ­ten Geg­ner sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie groß­zü­gig. Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re kenn­zeich­net sich durch eine Welt­an­schau­ung, in der Indi­vi­du­en durch Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem sei­en poli­tisch und wirt­schaft­lich alle Frei­hei­ten gege­ben, solan­ge sie in einem mora­li­schen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rech­te ande­rer mög­lich sind. Marx meint offen­sicht­lich, dass dies schlich­te Motiv einer aus­ge­ar­bei­te­ten Phi­lo­so­phie gleich­kommt, die­se gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­te­te Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katho­li­sche Sozi­al­leh­re näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bes­ser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch angeb­lich denkt, dass Reli­gi­on nicht nur Pri­vat­sa­che sei, son­dern dass Kir­che eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Auf­ga­be habe (S. 63) gäbe es den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land in der vor­lie­gen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bin­dung der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in den Staat geht auf einen Pakt mit Hit­ler zurück, nicht auf ein Für­gut­hal­ten eines Staatslenkers.

Aber die­se eigen­wil­li­ge Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kir­che, und das heißt bei ihm eben die katho­li­sche, ist die Insti­tu­ti­on der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kir­che ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­ge­lie­fert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Über­ein­stim­mung mit Imma­nu­el Kant, was sein Men­schen­bild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt ger­ne von Geist­li­chen als Gewährs­mann ver­ein­nahmt ohne auf sei­ne Reli­gi­ons­kri­tik ein­zu­ge­hen) und eben­so in Über­ein­stim­mung mit Karl Marx, was des­sen Bild von der Fami­lie als Geburts­ort von Moral angeht: Für Marx sei die Fami­lie wich­tigs­ter Ort der Wer­te­ver­mitt­lung, daher sei Fami­li­en­po­li­tik wie Bil­dungs­po­li­tik vor­aus­schau­en­de Sozialpolitik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen las­sen oder hin­ter­fra­gen. Bei letz­te­rem ist man sich sel­ber aber Phi­lo­soph, und das für vie­le zwangs­läu­fig. Denn beim Stich­wort Fami­lie muss man ja bei der katho­li­schen Kir­che immer sehen, dass Schwu­le kei­ne Fami­lie sind. Eine Fami­lie ist Mama & Papa, nicht die wil­de WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katho­li­sche Kir­che die sexu­el­len Aus­wüch­se neue­ren Datums mit zu ver­ant­wor­ten. Die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che lässt völ­lig unbe­ant­wor­tet, war­um man sich nicht ein­fach durch eine ver­trau­te Bezugs­per­son eben so gut mora­lisch ent­wi­ckeln kann, wie durch ver­hei­ra­te­te Eltern. Und ob es gera­de an die­ser Stel­le nicht eben doch viel mehr auf ver­ständ­li­che, begrün­de­te Ver­mitt­lung von mora­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begeg­net in die­sem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katho­li­schen Kir­che so unheim­li­che Pro­ble­me berei­ten. Man fin­det aber als Reak­tio­nen dar­auf nur fun­da­men­ta­lis­ti­sche Durch­hal­te­pa­ro­len vor, die für sich genom­men nicht über­zeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.

Rentnerflüge

Sie! Wo ich Sie gera­de hier an der Bus­hal­te­stel­le tref­fe. Was mir auch schon immer mal durchn Kopp ging: Wie für­sorg­lich die Bus­fah­rer doch inzwi­schen ihre Lini­en­bus­se fah­ren. Frü­her, da kann ich mich noch erin­nern, frü­her da war Bus­ein­stei­gen ja ein Rent­ner­sport. Da gings­te mor­gens zum Arzt und dann fragt der dich: „Ham­se heu­te schon Sport getrie­ben?“ und da konn­tes­te sagen: „Ja. Bin in den Bus ein­ge­stie­gen auf dem Weg nach Sie hin!“

Weil frü­her, woll, da sind die Bus­se sofort nach dem Bezah­len des let­zen Ein­stei­gers los­ge­braust. Da muss­te man schleu­nigst sei­nen Platz gefun­den haben. Sonst flogs­te auf die Fres­se. Für älte­re Bus­mit­fah­rer war das dann schon Sport, die waren ja nicht so schnell wie jün­ge­re. Vor allem, wenn vor­ne die Sit­ze schon besetzt waren. Die­ser Auf­ga­be haben sich dann die Rent­ner auch zügig ange­passt. Das war zum Gucken, ich sage es Sie!

Da stieg so ein Rent­ner in den Bus, zahl­te sei­ne 1,80 und schon beim Wech­sel­geld­krie­gen schiel­te der so in den Bus rein auf der Suche nach einer frei­en Nie­der­las­sungs­mög­lich­keit. Da ist ja auch schon so man­cher Rent­ner durch den Bus geschos­sen, weil er sich nicht vor­be­rei­tet hat. Gruft­han­sa haben wir das dann immer genannt, so schnell sind die an uns vor­bei­ge­rauscht. Aber nur so für Spass. Nach Rücken war Bus eine Zeit lang das belieb­tes­te Kör­per­lei­den bei Rentnern.

Und die­se Erleich­te­rung auf den Rent­ner­ge­sich­tern, wenn die recht­zei­tig saßen. Ich bin mir sicher, zu der Zeit gab es mehr Rent­ner­or­gas­men in Lini­en­bus­sen als in Schlaf­zim­mern. Da kön­nen Sie aber einen drauf las­sen, kön­nen Sie da aber.

Aber heu­te ist das alles ja viel ent­spann­ter. Da war­ten die Bus­fah­rer ja ab, bis die Rent­ner sit­zen. Die Ärz­te dia­gnos­ti­zie­ren da heu­te auch immer weni­ger Bus. Die lie­gen da dia­gno­se­sta­tis­tisch schon hin­ter den Patho­lo­gen, hab ich mal gelesen.

Duve, Karen — Anständig essen

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Die­ses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wie­so es gera­de so oft in den Medi­en zu fin­den ist. Ich habe auch nicht ver­stan­den, ob einer der Grün­de, dass es die­ses Buch ist, der­je­ni­ge ist, dass eine Auto­rin ihrem Ver­lag mal wie­der ein Buch ver­schaf­fen muss. Das Buch nervt schlicht wegen sei­nes über­bor­den­den Sub­tex­tes, durch den man irgend­wann nicht mehr durch­schaut und durch­schau­en will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexi­kon der berühm­ten Tie­re mei­ne Lieb­lings­klo­lek­tü­re geschaf­fen. Dabei ist die Grund­aus­gangs­la­ge von Anstän­dig essen leicht erläutert:

Die Grau­sam­kei­ten, Gemein­hei­ten und Rück­sichts­lo­sig­kei­ten, die Men­schen wie ich jden Tag bege­hen, sind die Fol­gen eines bilo­gi­schen Prin­zips, das wir mit allen ande­ren Spie­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten tei­len, dem Prin­zip Eigennutz.

So gese­hen ist das Essen von Tie­ren legi­ti­miert. In Fra­ge­stel­lun­gen dar­über, ob und auf wel­che Wei­se Tie­re genutzt wer­den dür­fen, wird oft auf Tier­ethik ver­wie­sen. Nur gibt es schlicht kei­nen Grund, Ethik auf Tie­re selbst aus­zu­wei­ten. Daher ver­weist auch Duve auf Mit­leid oder Mit­ge­fühl, um Tier­nut­zung als ethi­sche Ange­le­gen­heit aus­zu­ge­ben. Aber dies ist schlicht nur ein argu­men­ta­ti­ver Grund­feh­ler. Als argu­men­ta­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se taugt das Buch somit nicht. Viel­leicht sen­si­bi­li­siert es den­noch eini­ge Leser, was ihr Ess­ver­hal­ten betrifft. Und auch als eine Art per­sön­li­cher Erzäh­lung mag es sei­ne Berech­ti­gung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der gan­ze teils naiv-persönliche Sub­text. Das ver­wäs­sert nur das gan­ze The­ma. Bes­ser Thi­lo Bode lesen.

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