Mrgn.

Warteschlangenlogik

fussgaengerzone Hinter mir an der Supermarktkasse schlurfen zwei Rentner an, um sich in die Warteschlange einzureihen.

Waldorf Wenn ich eben stehen geblieben wäre, wäre ich jetzt viel weiter vorne. Ich war schon eben hier.

Statler Ich war schon vorige Woche hier.

(Rentnergelächter.)

Seconhandladeneskalation

Kund­in Ich inter­essiere mich für das Kleid auf der Anzieh­pup­pe dort drüben…
Verkäufer­in Ach ja?
Kund­in Wür­den Sie mir helfen, es abzuziehen?
Verkäufer­in Ich weiß nicht, ob das geht.
Kund­in Man muss ein­fach nur anheben, denke ich.
Verkäufer­in Das passt Ihnen nie.
Kund­in Woher wol­len Sie das wis­sen?
Verkäufer­in Das ist 38.
Kund­in Was denken Sie, dass ich habe?
Verkäufer­in Keine 38.
Kund­in Aber nicht viel mehr.
Verkäufer­in Das passt Ihnen nie.
Kund­in Kön­nten Sie mir den Schrank mit den Gläsern auf­schließen?
Verkäufer­in Wol­len Sie die anguck­en?
Kund­in Kaufen.
Verkäufer­in Ich hab jet­zt Feier­abend.

Lokführerstreik

Ich vertrete mir kurz vor dem Essener Hauptbahnhof die Füße und treffe auf einen Zugbegleiter, der sich gerade eine Zigarettenpause gönnt.

"Na, morgen großer Streiktag?"

- "Na, das werden wir mal sehen. Genau weiß noch keiner, was morgen los ist. Eigentlich alles ein ganz großer Schwachsinn. Und wenn die sich morgen wieder wie beim letzten Mal zum Grillen verabreden, die Lokführer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch einmal Ärger gibt."

"Der Vorsitzende der GDL war ja früher auch Lokführer."

- "Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wisselski oder wie der heißt, den kümmert es doch einen Scheiss, ob die Leute hinterher 3% mehr oder 5% mehr bekommen. Sie können morgen aber auf jeden Fall den RE2 nehmen, die fährt."

"Aber wenn nach so einer Ankündigung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgendwie unglaubwürdig."

- "Ich muss ja sowieso morgen antreten, ich darf nicht streiken. Sie können auch über Bielefeld fahren. Der RE6 fährt auch. Je nachdem, wohin Sie wollen."

"Nanu? Wieso dürfen sie nicht streiken?"

- "Ich bin beim Subunternehmen angestellt. Wir kommen morgen hier zum Bahnsteig, und dann wird uns gesagt, wo wir fahren. Oder wir rauchen uns stundenlang eine. Das wird eine Scheisse. In Deutschland müssen Sie Millionen auf der hohen Kante haben oder sie haben die Arschkarte."

"Ein Subunternehmen, das ihren Angestellten Namensschilder der Deutschen Bahn zur Verfügung stellt?"

- "Gut, ne?"

"Ganz großes Kino."

- "Ja, die Bahn ist halt inzwischen ein wirtschaftsorientiertes, nee, warten Sie, wie heißt das noch? Ein kostenoptimierendes Unternehmen. Ich muss jetzt wieder rein. Schönen Abend noch!"

Hoeneß

Da treffe ich den Uli an der Wurstbraterei, wie er sein Würstchen gerade in den Senf auf der Pappschale tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil nehmend an seiner Umgebung. Und irgendwie bleibt man doch nicht schweigend daneben stehen.

“Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

“Naja, die Presse und die Staatsanwaltschaft sitzt dir doch im Nacken. Angenehm ist das doch sicherlich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer darauf verlassen, selbst zu kämpfen. Immer. Sowas schockiert mich nicht sonderlich. Und wenn man dann so grandios gegen den wichtigsten Fussballverein der Welt gewinnt, dann bestätigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgendwelche Hinterzimmeradvokaten.”

“Aber genau die können dir doch ans Bein pinkeln.”

- “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Verein vorstehen, da müssen sie wissen, wie sie mit Leuten umgehen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weniger Eitelkeit, als vielmehr Selbstbehauptung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

“Und wo bleibt die Rückendeckung, außer von Franz und Kalle?”

- “Da draußen wird kein Fußball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Manndeckung, da wird nicht abgepfiffen, wenn jemand dich foult. Da musst du vorsorgen. Schau, die Spanier waren ja vorbildich, was ihre Netzwerkarbeit anging. Nur war die viel zu stark vom Finanziellen abhängig. Bei uns wirken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanzstark, dafür kippen wir nicht um, wenn eine Säule instabil ist. Und bei mir funktioniert das ähnlich.”

“Das heißt, dein Einfluss wird nicht weniger, selbst wenn du fallen solltest?”

- “Das werden wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch einmal von seiner gesenften Bratwurst ab, schiefte ordentlich in sein Stofftaschentusch, warf die gebrauchte Pappschale in den übervollen Müllkorb, nickte mir bestimmt zu und schlurfte zu seinem Audi rüber, den er mit seiner Schlüsselfernbedienung aufblinken ließ.

Lauter Loser

Neulich traf ich Gott in meiner Stammkneipe und zwischen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

“Sag mal, was ist denn da oben eigentlich los? Ein sparsüchtiger Argentinier wird Papst, durch die Wirtschaft verlottert die Moral und das Wetter passt doch auch vorne und hinten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

“Na, sag doch!”

- “Das war damals wunderbar geplant: Die Moral wird an die Kirche outgesourced und wir können uns da oben einen schönen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze kümmern, du verstehst?”

“Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaffen, mit weniger Bugs. So mit stärkerem Prozessor, aber dieses Mal intern, nicht extern, verstehste, geilerer Grafik sowieso, aktuellere Netzwerktechnik, bessere Kondensatoren, sowas halt – und irgendwo energiesparender.”

“Woran haperte es denn?”

– “Ja, konnte unsereins denn ahnen, dass man wegen dem Altteil da immer um Support gebeten werden? Dauernd zankt sich wer, dauernd verzweifelt wer, dauernd wundert sich einer, dass er das Teil wirklich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Weiterentwicklung kümmert sich keiner so recht, nur um Unterhaltung.”

“Aber die Religionen versuchen ja immerhin, den Laden zusammen zu halten.”

- “Ja, genau! Was die Religionen sich da zusammenspinnen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeblich alles auch noch gesagt und befohlen haben. Na, schönen Dank auch. Als hätte ich nichts besseres zu tun als tausendseitige Betriebsanleitungen rauszugeben. Und da soll ich mich auch noch ums Wetter kümmern. Ja, bin ich denn der Hausmeister, oder was? Ich habe sowas komplexes wie die Erdanziehungskraft ertüftelt, aber auf die Idee, einen Hausmeister einzustellen, bin ich nicht gekommen, oder was? Ich hab’ einfach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trocknenden Bierschaumspuren am oberen Rand meines Glases bis mich der Gläser putzende Barkeeper antippte: “Lass ihn einfach, heute ist nur einer dieser Tage.”

Großstadt

A large city can­not be expe­ri­en­tial­ly known;
its life is too man­i­fold for any indi­vid­u­al
to be able to par­tic­i­pate in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die drit­te Aus­gabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Fre­und­in und ihre Fre­und­in kom­men erst in ein­er hal­ben Stun­de, also starte ich ein Stadt­melan­cholieren, dieses Mal in ein­er Großs­tadt oder zumin­dest ein­er, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimm­sten Uhrzeit­en in Düs­sel­dorfs Innen­stadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrrad­fahrer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Baustel­lenam­peln der Fußgänger­zone und dauernd patschen ohrbestöpsel­te Men­schen auf ihre hell erleuchteten Com­put­ertele­fone. Einkaufen will kein­er mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürg­er­steige hochgeklappt wer­den. Selb­st die Kniebet­tler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­dere in einen Arkaden­bau hinein. Auch hier: Gäh­nen­de Leere. Keine chi­ne­sis­che Geis­ter­stadteinkauf­s­pas­sage, aber eine gän­zlich unin­spiri­eren­de. Ich lehne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Klavier­musik an. Eine Barhock­er­sän­ger­in intoniert Night & Day. Etwas merk­würdig, denn im Keller des Arkaden­baus ist nie zu erken­nen, ob ger­ade Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­weilen lädt mich nichts ein. Ich erin­nere mich an eine Pas­sage aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fes­thält, dass Kaufhäuser unheim­lich gut geeignete Orte für Stre­uner sind, die eh nichts kaufen, son­dern sich nur aufwär­men wol­len, als ich die gut gewärmte Fil­iale ein­er Buch­han­dels­ket­te betrete. Hier wird mit Büch­ern noch Han­del betrieben, ins Auge sprin­gen nur Best­seller. Gute Bücher sucht man fast verge­blich. Ich entsin­ne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klam­ot­tengeschäften passiert, in Bücherä­den noch von Verkäufern ange­sprochen wur­de, um bei der Lit­er­atur­suche behil­flich zu sein. Als ich zwei lau­thals tratschen­de Kol­legin­nen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Ket­te gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schrift­stel­lerin­nen zu wer­den, danke ich inner­lich dafür, dass mir heute Lit­er­atur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgänger­zone, ab zum Schaus­piel­haus. Ich reg­istri­ere, dass kaum ein Geschäft irgen­det­was hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich diese Sachen? In der Par­fümeriefil­iale ent­decke ich einen dieser flach­brüsti­gen Flakon­body­guards, der nie lächelt und seinen Blick so mech­a­nis­ch schwenkt, als sei er schon ein Hal­bro­bot­er, der das mit der men­schlichen Kom­mu­nika­tion noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, werde ich Rauss­chmeis­ser.

Ich erre­iche nun über bepfütztes Baustel­lenge­bi­et den Gus­tav-Gründ­gens-Platz. Graue Beton­plat­ten markieren die Trost­losigkeit auf dem Vorhofs des Schaus­piel­haus­es. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leer­ste­hen­de, hyh­nen­hafte Thyssen-Büro­ge­bäude in den Nachthim­mel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und ent­decke im zweito­ber­sten Stock­w­erk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäudes ein vorm Com­put­er sitzen­des Hop­per­mo­tiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schaus­piel­haus wieder ver­lassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schaus­piel­haus­es, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem einzi­gen, der da ger­ade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünk­tlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Fre­und­in und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstel­lungs­be­ginn. Auf der Büh­ne sitzt dieses Mal eine Nieder­län­der­in aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf ges­tran­det ist. Ges­tran­det ist vielle­icht ein zu ästhetis­ches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, keine Frage, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kaiser­swerth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich — in Düs­sel­dorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Fre­und­in mein­er Fre­und­in an, dass sie es nie ver­standen hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Ver­lassen­heit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Karneval­szeit, sagt meine Fre­und­in. Die Leute gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­sion über die Einkauf­s­pas­sagen und Cafés. Ach so.

Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du liebes Bisschen! Ja, früher, da war das romantisch und so. Das war ja auch alles nur in Fernsehen. Da ritten die Amerikaner auf ihre gestriegelten Pferdchen durchs wilde Wasweissichnichstan und eroberten die Prärie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Eingeborenen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lauer um rumzuschießen und Leute zu überfallen. Humor hatte von denen keiner, da kannten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur überfallen und Büffelsuppe aufkochen.

Als dann die Eisenbahnen erfunden wurden, da lagen sie dann anne Schienen zu horchen. Da machten die Loks wohl sonnen Krach, dass sich das über die Schienen angekündigt hat. Das war quasi, wollmasagen, der Vorläufer vom Telefon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wurde überfallen und abends auf den Erfolg wieder ordentlich Büffelsuppe getrunken. Und immer so weiter.

Ja, und nun hat da wohl einer zu lange in Berlin die alten Winnetou-Folgen sich reingepfiffen getan. Jetzt wollen die das hier einführen. So nen Bundesindianer. Der liegt dann anne Geräte und horcht ab, was da so abgeht. Nur weil der diese Telefonierabhörtechnik vor Jahrhunderten schon im Blut hatte. Die hamse dann über die Büffelsuppe weitervererbt. So wird das wohl gewesen sein. Dass das doch eigentlich kriminell ist, das stört die in Berlin gar nicht. Könnte man doch legal werden lassen, sagen se.

Na, hoch die Tassen. Irgendwann sind wir soweit, da werden sie uns Büffelsuppe intravenieren. Aber lustig wird das nicht.

Verständnis

Nachdem Sie sich ver­ab­schiedet hat, und sich der Board­ing-Schlange zum Flieger angeschlossen hat, ste­he ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düs­sel­dor­fer Flughafens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebür­tig von der Krim, hat spät noch die deutsche Sprache gel­ernt und spricht daher etwas rade­brechend Deutsch mit jid­dis­chem Ein­schlag. Tagsüber marschiert sie stun­den­lang durch Düs­sel­dorf, abends schal­tet sie die Flim­merk­iste ein:

Chabe ich rus­sis­che Fernse­hen abbestellt. Chabe ich Enkel gesagt, mach­st du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Gle­iche, immer jam­mern sie, immer neg­a­tiv. Russen immer das­sel­be. Schaue ich jet­zt Car­men Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheis­st? Son­ntags, abends, Diri­gent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hän­de an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Gün­ter Jauch.

Ist nicht leicht zu ver­ste­hen. Nicht leicht. Redet mon­tags Palas­berg, auch schw­er, kann ich nicht gut ver­ste­hen. Kom­met dann Mais­chber­ga, kann ich sehr gut ver­ste­hen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut ver­ste­hen. Sehr gutt. Beek­mann, schw­er. Redet schnell, so schnell. Ver­ste­he nicht gutt. Aber Anne Will ver­ste­he ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deut­lich, stim­me ich bei.

Nur ver­ste­he ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deutsche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Kauderwelsch

In jeder Familie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merkwürdig ist. Der bei Kaffee und Kuchen stört, wo man doch gerade so einhellig beisammen sitzt. Der peinliche Sachen vom Stapel lässt, wo aller immer so verschämt ins Off versuchen zu gucken. Dessen Thema man schleunigst überlabern möchte.

Bei den Nachbarn meiner Oma war das früher deren alter Opa. Der stand immer im Vorgarten und hat von dort aus das Weltgeschehen kritisiert, immer in der Hoffnung, aber auch etwas wehmütig, auf eine bessere Zeit: "Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben." Sowas wie junge Mädchen in Jeans, laut fußballtretende Knirbse, nichtgrüßende Spatziergänger, knatternde Mofas, schreiende Schulkinder auf dem Weg zum Bus, Männer, die vollbepackt ihren nichtstragenden Frauen hinterherlaufen, Türken. So ziemlich alles, was an Menschlichem die Straße rauf und runter kam.

Dabei war Adolf nur das Synonym für Konservativität. Das Sosein der Alten, das Unflexible, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Verteidigung der eigenen Entwicklung, unkritisierbar eingelullt in den Gedanken, der Adolf hätte lediglich für all das gestanden. Wenn's regnete wurde der Opa reingeholt, so wie man den Sonnenschirm reinholt. Er wurde aber auch reingeholt, wenn er für zu viel Aufsehen unter den Nachbarn sorgte. Man möchte eben nicht zu sehr Dorftratschthema sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Siegfried Kauder. Natürlich darf ein jeder auch dort seine eigene Meinung haben. Inwieweit er sie breittreten darf, wird aber schon noch kontrolliert. Kontrolliert, nicht gemobbt, das ist der CDU wichtig. So eine Meinung kann ja durchaus nützlich sein, schließlich gibt es diverse Meinungen in der CDU. Irgendwen wird man da schon bedienen.

Nun muss der Siggi wohl im Vorgarten gestanden haben und junge Menschen kamen vorbei. Die hatten sowas gemacht, wie ihre Mofas frisieren. Und, oh, wie ist der Siggi da energisch geworden. Welch Frefeltat. Welch Ungezogenheit. Das muss verboten werden, strengstens. Da muss man mit Härte rangehen. Damit die das mal lernen. Härte und Strenge, nicht die neumoderne Tätschelverweichlichung. Das war schon früher gut so. Aus uns ist ja schließlich auch was geworden. Sowas brüllte der da im Vorgarten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa reingeholt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Einzelmeinung, die hat weder ne Mehrheit in unserem Haus, noch wird das ernsthaft mitgetragen, was der da im Vorgarten so rausposaunt hat. Alles wieder gut, wir sind noch zurechnungsfähig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst nehmen würde.

Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hätte früher unheimlich gerne in etwas abgehalfterten Bielefelder Kneipen abgehangen. Irgendwann wäre man dann dort bekannt, "das ist der Sacha da", und, wenn man aushält, würde man auf Typen treffen, die einem die merkwürdigsten Geschichten erzählen.
Sowas in der Art war das beim letzten Bielefelder Internetgemeindetreff, kurz Biblostati, der Fall: Nachdem der erste Bulk an Leuten die Heimreise angetreten hatte, und noch der harte Kern im düsteren Hinterstübchen übrig blieb, kam ein erschütterter Womke vom stillen Örtchen zurück an den Stammtisch:

Also, das glaubste ja nicht. Da steht unsereins pullernd am Pissior, lehnt sich einer in meinen Bereich rüber und meint: "Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, morgen Geburtstag. Kommsse vorbei, weiße schon mal bescheid. Bringste Wodka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann." und lehnt sich wieder weg.

Wir schütteln alle verwundert die Köpfe, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser, da geht ne gute Stunde später die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut's? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach morgen ne Party, seid ihr alle dabei, Ernst-Wiemann-Straße, gegenüber vom Krankenhaus-Mitte, bringt ihr Wodka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahrrad draußen stehen, super Angebot, kostet auffer Liste 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahrrad? Hab ich beim Poker gewonnen, lag ein Tausender aufm Tisch. Spitzenteil, kostet eigentlich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damenfahrrad zuhause, Kettler, könnt ihr angucken, kommt ihr mit, ich muss nochmal nach vorne, bis dann.

Ist ja super, denke ich. Eine Stunde später und er hat immer noch denselben Getränkewunsch. Und wieso hat er nicht den Tausender genommen, wenn er gewonnen hat? Naja, wir lachen etwas, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser und tendieren dann ab zur Theke. Am Ende der Theke höre ich schon Uwe, der eine halbvolle Becksflasche schief haltend seinem Nebenmann hinhält:

... is noch frisch. Verkauf ich dir für 1,50.

Ich begleiche meinen Deckel und dann sehe ich, dass Uwe tatsächlich ein Fahrrad neben sich in der Kneipe stehen hat und er haut seinen Nebenmann noch mal kurz an:

... kostet auf der Liste 500, für dich 250!

bis der aus der Kneipe flüchtet. So schnell steigen die Fahrradpreise in der Tangente.

April 2017
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