Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Hessel, Stéphane – Empört euch!

buchleserEmpörung führt zur Verbesserung misslicher Lagen, das hat die Vergangenheit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empören, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Es kann nur besser werden. Die Botschaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch selber eben auch.

Während ich das Buch im Zug gelesen habe, saßen mir zwei Männer auf einem Vierer schräg gegenüber. Der eine hielt ausgebreitet eine Zeitung, der andere hatte den Ellenbogen kopfstützend auf dem rechten Oberschenkel gestellt und hielt mit der linken Hand ein dickeres Buch fest. Beide lasen.

Und dann – aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glaube, dass der Zugfahrer mit dem Buch Lehrer gewesen ist? Also, ich glaube, dass er Lehrer gewesen ist. Dann jedenfalls raschelte es und der Lehrer hob seinen Kopf und sagte seinem Gegenüber:

Also, das ist jetzt schon mindestens das fünfte Mal, dass Sie einen Teil der Zeitung fallen lassen. So liest man doch keine Zeitung. Können Sie nicht aufpassen? Sowas stört einen doch.

Und dann meinte der Gegenüber:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besitzer dieser Zeitung und kann doch wohl meine Zeitung im Zug fallen lassen, so oft und so lange ich will.

Und dann nahm er einen Teil der Zeitung und ließ ihn mit ausgestrecktem Arm den Lehrer im Blick demonstrativ fallen. Den Kopf etwas zurückziehend schaute der Lehrer sein Gegenüber Zähne zeigend mit streng geschürzten Lippen ob dieser Unkultiviertheit angewiedert an, strich über die Falz seines Buches und las kopfschüttelnd weiter. Aber nur kurz. Er blickte wieder rüber und sagte:

Aber dann nehmen Sie doch wenigstens die Werbung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden stehen, wenn man sie schon runterwirft.

Und dann nahm er ein Werbeprospekt seines Gegenübers und liess das demonstrativ fallen. Das Prospekt stand für 5 Sekunden und sank dann gänzlich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel besser.

Ich weiß nicht, wie die beiden Kontrahenten verblieben sind, weil ich an der nächsten Haltestelle den Zug verließ. Aber dass es so wünschenswert ist, sich immer und überall gleich zu empören, davon war ich bei Verlassen des Zuges weit weniger überzeugt.

Hansen, Eric T. – Nörgeln !

buchleserNörgeln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Hansen hat sich des Themas auf sehr humorvolle Weise angenommen. Gerade auf den ersten Seiten erweist er sich als Fachmann des Nörgelns und des wissenschaftlichen Nörgelns.

In der Nörgelgeschichte der Literatur steht Faust als literarisches Meisterwerk einsam da. Goethes wahres Genie im Erschaffen dieser Jahrtausendfigur wird erst recht deutlich, wenn man Faust mit anderen großen literarischen Jammerern der Weltliteratur vergleicht. Wie viel konsequenter und authentischer wäre es gewesen, wenn Shakespears Hamlet ohne Grund unzufrieden wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolgreich, wohlhabend,
erbe demnächst ein Königreich,
und bin leider auch gutaussehend,
die sexy Ophelia macht mir durchaus
Augen mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und finde alles genauso Scheiße wie zuvor.

Die Lektüre unterhält also ganz beschaulich und enttäuscht auch sprachlich nicht. Ich vermisse dabei allerdings eine Abgrenzung von Nörgeln zu gerechtfertigter Kritik. War dieser Satz jetzt in Hansens Augen nur nörgeln? Im zweiten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in dieser Hinsicht die Puste aus und es wird sehr weitläufig von Nörgeln gesprochen, was weder überzeugt, noch witzig ist. Dafür ist der Leser durch den ersten Teil schon hinreichend entschädigt. Eine unterm Strich sehr geistreiche Lektüre.

Benedikt XVI. – Licht der Welt

buchleser

Peter Seewald interviewt Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und agiert dabei als Fan der Katholischen Kirche im Gewand eines seriösen Journalisten. Vielleicht mag das in dieser Form kirchenintern okay sein, aber einen kritischen Ansatz zu den Bemerkungen des Papstes, trotz aller kritischen Ansätze beim Fragen, vermisst man doch schmerzlich. Spätestens wenn Seewald ein „brasilianisches Model“ mit Allerweltsweisheiten anführt, knirscht der Leser mit den Zähnen. Und dann all diese albernen Tatsachenbehauptungen Seewalds, die glauben machen, es gehe in diesem Buch auch um die Ansichten Seewalds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. Warum schreibt Seewald nicht ein eigenes Buch, wenn er sich genötigt fühlt, die Position der Katholischen Kirche zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgendwie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf seine Weise Fundamentalist, zieht sich immer wieder auf selbsterfüllende Prophezeiungen zurück. Schwulsein ist halt unnatürlich – obwohl es doch dauernd in der Natur vorkommt – und soll nicht Anreiz zum Priesterwerden sein. Sexverzicht sei ebenso von Gott auferlegt, wasimmer das genau heißen soll. Letzten Endes wird immer auf irgendetwas Unbelegbares verwiesen, keine einzige derartige Ansicht ist belegbar. Immerhin verweist der Papst auf eine angebliche Immerverfügbarkeit von Kondomen und lässt im Raume stehen, ob dies eine akzeptable Möglichkeit sein soll.

Aber auch sonst ist es interessant, was der Papst da vom Stapel lässt:

Die monogame Ehe gehört zum Fundament, auf dem die Zivilisation des Westens beruht. Wenn sie zusammenbricht, bricht Wesentliches unserer Kultur zusammen.

In der Sicht der Katholischen Kirche bricht immer irgendwas zusammen, wenn man an ihren fundamentalistischen Sichtweisen rüttelt. Warum sollte überhaupt gleich etwas zusammenbrechen, wenn Monogamie nicht der Standard bleibt?

Ein Großteil der heutigen Philosophen besteht tatsächlich darauf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahrheitsfähig. Aber so gesehen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Laufenden, was in der Philosophie so abgeht. Das Problem an dieser Stelle ist nur: Diese Philosophen bezweifeln ja auch diesen Ethos. Und dagegen verrichtet man mit einem schlicht behaupteten Gegensatz nichts.

Es breitet sich eine neue Intoleranz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt eingespielte Maßstäbe des Denkens, die allen auferlegt werden sollen. Diese werden dann in der sogenannten negativen Toleranz verkündet. Also etwa, wenn man sagt, der negativen Toleranz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäuden geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhebung der Toleranz, denn das heißt ja, dass die Religion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sichtbar ausdrücken darf.

Natürlich darf er das, nur nicht vorgeschrieben wirkend in der Schule. Aber einem Fundamentalisten können sie auch kaum erklären, dass er Fundamentalist ist.

Eine bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen.

Droge, natürlich, da drunter wäre keine Metapher des Bösen zu finden. Dabei will ja niemand eine bloße Fixierung auf Kondome. Überhaupt sind Vorstellungen von Leuten, die nie Sex hatten, über Sex, dass dieser ausschließlich Ausdruck von Liebe sei, höchst skuril.

In Deutschland hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Wieso dann gar so wenig hängen bleibt, um es mal so auszudrücken, ist unbegreiflich. Hier müssen die Bischöfe in der Tat ernsthaft darüber nachdenken, wie der Katechese ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben werden kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Laufenden: Nicht jedes Kind hat neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Und die Ansicht, dass die Bischöfe der Basisarbeit in der Katholischen Kirche zu Popularität verhelfen können, finde ich eher belustigend.

Die Kirche hat „keinerlei Vollmacht“, Frauen zu weihen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, sondern: wir können nicht. Der Herr hat der Kirche eine Gestalt gegeben mit den Zwölfen – und in deren Nachfolge dann mit den Bischöfen und den Presbytern, den Priestern.

Schnöff, tä täääääää. Warum wirkt der Gott der Katholiken auf Katholiken nur immer so irrational? Sicher auch nur eine Prüfung für Katholiken, damit wäre die Sache dann wieder rund.

Enttäuscht werden sich von diesem Buch auch alle sehen, die sich in den Missbrauchsskandalen Aufklärung seitens der Katholischen Kirche wünschen: Nach dem Papst sieht der normale Prozess hier so aus: Erst den missbrauchten Schäfchen helfen, dann die Täter strafen und dann das Verbrechen aufklären. Nach Belieben der Katholischen Kirche wird hierüber die Öffentlichkeit informiert. Vom rechtzeitigen Einbezug rechtsstatlicher Organe keine Rede. Von der Kritik von Missbrauchsopfern, dass die Katholische Kirche Aufklärung mutwillig behindert – keine Rede. Nur Rede davon, dass gesamtgesellschaftlich gesehen verhältnismäßig wenig Missbrauch in der Katholischen Kirche stattfindet. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Marx, Reinhard – Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein bisschen mit Religion und Religionsphilosophie auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholischen Hirten anzusehen. Vorgenommen habe ich mir mal Das Kapital von Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising.

Das Buch ist ungefähr so wie Reinhard Marx: Sympathisch, geschwätzig, nicht überwissenschaftlich, anekdotenreich, einheitschaffend. Es beinhaltet aber interessanterweise in politischer oder philosophischer Hinsicht alles, was man heute an der Katholischen Kirche kritisieren mag.

Reinhard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich seine Überzeugung feststellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwischen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Reinhard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist andererseits einfach eine Form von Respektlosigkeit, anderen Menschen irgendwelche Behauptungen unterzujubeln, nur weil diese Menschen nun tot sind, und sich nicht mehr dagegen wehren können. Das hatte auch schon Walter Nigg in „Friedrich Nietzsche“ so getan, wo er behauptet, hätte Nietzsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evangele gewesen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Reinhard Marx einfach das, worunter er Karl Marx versteht, gegen die Katholische Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinandertreffen einer Lehre auf eine Philosophie. Das Problem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt werden muss, nicht überzeugend begründet wie eine Philosophie sein muss, um akzeptabel zu sein. Wobei in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass für Reinhard Marx das, wofür Karl Marx steht, einfach nur Skeptizismus ist: Das Angreifen von Dingen, die für Werte gehalten werden.

Diese Werte entstammen alle dem Christentum, meint Detlef Horster, auf den sich Reinhard Marx als Segnung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist überhaupt eine eigentümliche Belegmethode von Reinhard Marx: Das Heranziehen der Meinung eines großen Geistes als Ersatz für die Begründung einer eigenen Meinung. Fast schon gönnerhaft gesteht Reinhard Marx der Philosophie der Aufklärung zu, dass sie Begründungen für moralische Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offensichtlich ist es Reinhard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhandensein von Werten wichtiger ist als das Begründetsein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholischen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx ausgespielt, ebenso grundlegender ein katholischer Fundamentalismus gegen objektive Begründungen, worunter man Philosophie verstehen kann.

„Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren größten Gegner sie bezeugt ihm ihren Respekt.“ (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie großzügig. Die katholische Soziallehre kennzeichnet sich durch eine Weltanschauung, in der Individuen durch Solidarität und Subsidiarität miteinander verbunden sind (S. 95). Ein jedem seien politisch und wirtschaftlich alle Freiheiten gegeben, solange sie in einem moralischen Einklang und in Unverletzung der Rechte anderer möglich sind. Marx meint offensichtlich, dass dies schlichte Motiv einer ausgearbeiteten Philosophie gleichkommt, diese gar übertrifft. Eine irgendwie gestaltete Begründung gibt es in Reinhard Marx‘ buch für die katholische Soziallehre nämlich nicht: Sie ist einfach besser als alles andere.

Und weil man nach Reinhard Marx auch angeblich denkt, dass Religion nicht nur Privatsache sei, sondern dass Kirche eine gesellschaftspolitische Aufgabe habe (S. 63) gäbe es den Religionsunterricht in Deutschland in der vorliegenden Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Einbindung der evangelischen und der katholischen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthalten eines Staatslenkers.

Aber diese eigenwillige Ansicht Reinhard Marx‘ fügt sich gut in sein Weltbild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholische, ist die Institution der Moral (S.62): Ihr Richtplatz. Ohne Kirche ist Moral für Reinhard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt ausgeliefert. Reinhard Marx fühlt sich zudem in Übereinstimmung mit Immanuel Kant, was sein Menschenbild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird überhaupt gerne von Geistlichen als Gewährsmann vereinnahmt ohne auf seine Religionskritik einzugehen) und ebenso in Übereinstimmung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Familie als Geburtsort von Moral angeht: Für Marx sei die Familie wichtigster Ort der Wertevermittlung, daher sei Familienpolitik wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik.

Das kann man nun unhinterfragt so stehen lassen oder hinterfragen. Bei letzterem ist man sich selber aber Philosoph, und das für viele zwangsläufig. Denn beim Stichwort Familie muss man ja bei der katholischen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Familie sind. Eine Familie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholische Kirche die sexuellen Auswüchse neueren Datums mit zu verantworten. Die Soziallehre der katholischen Kirche lässt völlig unbeantwortet, warum man sich nicht einfach durch eine vertraute Bezugsperson eben so gut moralisch entwickeln kann, wie durch verheiratete Eltern. Und ob es gerade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf verständliche, begründete Vermittlung von moralischen Verhaltensweisen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begegnet in diesem Buch Reinhard Marx an den Stellen, die den Menschen an der katholischen Kirche so unheimliche Probleme bereiten. Man findet aber als Reaktionen darauf nur fundamentalistische Durchhalteparolen vor, die für sich genommen nicht überzeugen. Aber das sollen sie ja auch nicht.

Duve, Karen – Anständig essen

buchleser

Dieses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wieso es gerade so oft in den Medien zu finden ist. Ich habe auch nicht verstanden, ob einer der Gründe, dass es dieses Buch ist, derjenige ist, dass eine Autorin ihrem Verlag mal wieder ein Buch verschaffen muss. Das Buch nervt schlicht wegen seines überbordenden Subtextes, durch den man irgendwann nicht mehr durchschaut und durchschauen will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexikon der berühmten Tiere meine Lieblingsklolektüre geschaffen. Dabei ist die Grundausgangslage von Anständig essen leicht erläutert:

Die Grausamkeiten, Gemeinheiten und Rücksichtslosigkeiten, die Menschen wie ich jden Tag begehen, sind die Folgen eines bilogischen Prinzips, das wir mit allen anderen Spiezies auf diesem Planeten teilen, dem Prinzip Eigennutz.

So gesehen ist das Essen von Tieren legitimiert. In Fragestellungen darüber, ob und auf welche Weise Tiere genutzt werden dürfen, wird oft auf Tierethik verwiesen. Nur gibt es schlicht keinen Grund, Ethik auf Tiere selbst auszuweiten. Daher verweist auch Duve auf Mitleid oder Mitgefühl, um Tiernutzung als ethische Angelegenheit auszugeben. Aber dies ist schlicht nur ein argumentativer Grundfehler. Als argumentative Herangehensweise taugt das Buch somit nicht. Vielleicht sensibilisiert es dennoch einige Leser, was ihr Essverhalten betrifft. Und auch als eine Art persönlicher Erzählung mag es seine Berechtigung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der ganze teils naiv-persönliche Subtext. Das verwässert nur das ganze Thema. Besser Thilo Bode lesen.

Rosenbach, Marcel & Holger Stark – Staatsfeind Wikileaks

buchleserDieses Buch wartet mit diversen Anekdoten rund um Wikileaks, Wikileaks-Gründer Julian Assange und Folgebetrachtungen der Veröffentlichungen von Wikileaks auf, ufert nach der Hälfte des Buches aber in Überlegungen über den rechten Journalismus aus, die nicht zuende gedacht wirken. Also ein klassisches SPIEGEL-Produkt. Tiefere Einblicke in die Funktionsweise von Wikileaks gibt es nicht und auch ansonsten bleibt der Blick meist außen vor.

Bode, Thilo – Die Essensfälscher

buchleser

Es gab vor ein paar Jahren ja ein Buch, dass „Endlich Nichtraucher“ oder so hieß. damals habe ich von vielen gehört, dass dies für sie ein Ende machte mit allen Selbsttäuschungen über ihr Rauchverhalten. Ähnlich könnte es Lesern bei der Lektüre von Die Essensfälscher. Was Lebensmittelkonzerne uns auf die Teller lügen von Thilo Bode, derzeit auch in der Sachbuchbestsellerliste zu finden, gehen.
Bode verdeutlicht, wie oftmals versteckt zuckerhaltig Vieles im Supermarkt ist, dass nicht Bewegung, sondern Ernährung das Problem des allgemein ansteigenden Übergewichts ist, und wie fadenscheinig Verbraucherpolitik und wie notwendig verständliche Produktinformation ist.

Das geht in diesem Buch vor allem auf die Kappe der CDU. Für Bode ist das Verbraucherschutzministerium von Ilse Aigner schlicht ein Lobbyministerium:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die Forderung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie solle sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, keine Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum sollte massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staatliche Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weniger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine entsprechende Selb­stverpflich­tung abgeben? Die Forderung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Beispiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die endlich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müssten.

Aber auch Julia Klöckner, die gerade versucht, in Rheinland-Pfalz Ministerpräsidentin zu werden, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staatssekretärin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernährung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »keine wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »keinen Nutzen« bringe. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tausenden von Wis­senschaftlern und Ärzten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist solche Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch dessen Wände nicht mehr dringt, was »draußen« passiert.

Zwar ist Bode manchmal etwas schwatzend und wiederholt sich des öfteren. Aber dieses Buch muss man derzeit einfach gelesen haben.

Naturernte – Samenbasierte Rezepte

buchleserWir hatten ja schon lange nichts Ekliges mehr hier, also so richtig Ekliges. Dem kommen wir mal gerade etwas entgegen. Fotie Pfotenhauer, ja genau, deeer Fotie Pfotenhauer hat ein neues Kochbuch rausgegeben. Angepriesen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Leidenschaft sind und keine Angst haben vor neuen Zutaten, werden Sie dieses Buch lieben!

Da fühlt man sich ja geradezu herausgefordert, zu dieser exquisiten Gruppe von Köchen zu gehören? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfotenhauers neues Buch empfohlen: Kochen mit Sperma.

Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miriam Meckel das erste Mal aufgefallen, als sie damals in den Schlagzeilen stand, jüngste deutsche Professorin in Münster geworden zu sein. Und auch da schon war irgendetwas, was mich intuitiv an ihr störte. Dabei ist Miriam Meckel grundsympathisch, soweit ich sie kenne, überdurchschnittlich intelligent, gutaussehend, offen, sie hat diese geistige Uneitelkeit, die ich sehr an Menschen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eigener Aussage einen Burnout hatte, ein Buch darüber geschrieben hat, dass allerdings einige Leser den Inhalt für nicht so lebensnah hielten. Ich dachte, dass da eben das zum Tragen kam, was mich auch irgendwie störte. Aber ausformuliert hatte ich das bisher nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unregelmäßig, kommentierte nichts, kaufte nicht ihre Bücher.

Heute sprang mir beim Durchblättern der Süddeutschen Zeitung ins Auge, dass es eine ganzseitige Besprechung ihres Buches oder dessen Themas gab. Ich fühlte diesen intuitiven Störfaktor, der mir sagte, dass dies nach erster Einschätzung nur eine unkritische Buchbeschreibung sein könne, las dann aber Jens Bisky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemäßigtem Interesse bis zu der Stelle, die mich die Zeitung begeistert weglegen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapitalismuskritischen Stellen wohl, um den Punkt richtig zu setzen. Der abschließende Brief – „Liebes Leben“ – formuliert in Floskeln therapierter Innerlichkeit einen Anspruch, den in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Marx erhob, die Formeln der Hegelschen Philosophie benutzend.

Der saß.

Nicht die Biskysche Erinnerung an Marx. Die Floskeln therapierter Innerlichkeit. Es ist einerseits das Tolle der deutschen Sprache, das hier zum Ausdruck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie andere, aber mitunter kriegen sie Begriffszusammenstellungen vorgesetzt, die sie selbst entfalten müssen, um zu erkennen, was sich der Redner wie zusammengereimt hat. Andererseits trifft es auch die Störung, die ich bei Miriam Meckel so denke. Die Rede von den Floskeln therapierten Innerlichkeit lässt doch bei Meckel die Frage stellen: Warum übernimmt sie Floskeln, die in einer Therapie auftauchen bei einem so persönlichen Projekt wie der eigenen Innerlichkeit?

Irgendwie ist es das, was mich an Meckel störte, ohne sie deswegen unsympathisch zu finden: Das Stehenbleiben an einem gewissen Punkt, das geistige Sich-Abfinden mit einer erreichten Höhe. Eigentlich ist ein solches Rummäkeln ungehörig, es ist nur deswegen zulässig, weil Meckel eben durchaus was drauf hat.

Bisky setzt diesen Treffer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stampfen, sondern er findet folgenden Schluss

Meckels Brief ans eigene Leben fordert die individuelle Unverfügbarkeit von den Übungsleitern, Systemoptimierern und Geschäftsführern zurück, fordert sie auch gegen das eigene, notwendig in der Kultur der Grenzenloskigkeit befangene Ich. Man muss Reserven in sich selbst bereithalten. Reservate im Innern sorgsam bewachen. Das ist keine große, erst recht keine radikale Lösung, aber eine lebenskluge.

Dieser Text aber ist ein großer, so einen kriegen nur wenige geschrieben.

____________________

Jens Bisky – Ein erzwungenes, willkommenes Ende der Verlässlichkeit, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2010

[P.S. Dagegen hätte sich die Süddeutsche Zeitung die Veröffentlichung dieses voreingenommen altklugen Artikels von Sarina Plauth lieber gespart.]

August 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Jul    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren
    • none
Seite 5 von 512345