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Hessel, Stéphane — Empört euch!

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Empö­rung führt zur Ver­bes­se­rung miss­li­cher Lagen, das hat die Ver­gan­gen­heit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empö­ren, wenn sich eine Gele­gen­heit bie­tet. Es kann nur bes­ser wer­den. Die Bot­schaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch sel­ber eben auch.

Wäh­rend ich das Buch im Zug gele­sen habe, saßen mir zwei Män­ner auf einem Vie­rer schräg gegen­über. Der eine hielt aus­ge­brei­tet eine Zei­tung, der ande­re hat­te den Ellen­bo­gen kopf­stüt­zend auf dem rech­ten Ober­schen­kel gestellt und hielt mit der lin­ken Hand ein dicke­res Buch fest. Bei­de lasen.

Und dann — aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glau­be, dass der Zug­fah­rer mit dem Buch Leh­rer gewe­sen ist? Also, ich glau­be, dass er Leh­rer gewe­sen ist. Dann jeden­falls raschel­te es und der Leh­rer hob sei­nen Kopf und sag­te sei­nem Gegenüber:

Also, das ist jetzt schon min­des­tens das fünf­te Mal, dass Sie einen Teil der Zei­tung fal­len las­sen. So liest man doch kei­ne Zei­tung. Kön­nen Sie nicht auf­pas­sen? Sowas stört einen doch.

Und dann mein­te der Gegenüber:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besit­zer die­ser Zei­tung und kann doch wohl mei­ne Zei­tung im Zug fal­len las­sen, so oft und so lan­ge ich will. 

Und dann nahm er einen Teil der Zei­tung und ließ ihn mit aus­ge­streck­tem Arm den Leh­rer im Blick demons­tra­tiv fal­len. Den Kopf etwas zurück­zie­hend schau­te der Leh­rer sein Gegen­über Zäh­ne zei­gend mit streng geschürz­ten Lip­pen ob die­ser Unkul­ti­viert­heit ange­wie­dert an, strich über die Falz sei­nes Buches und las kopf­schüt­telnd wei­ter. Aber nur kurz. Er blick­te wie­der rüber und sagte:

Aber dann neh­men Sie doch wenigs­tens die Wer­bung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden ste­hen, wenn man sie schon runterwirft.

Und dann nahm er ein Wer­be­pro­spekt sei­nes Gegen­übers und liess das demons­tra­tiv fal­len. Das Pro­spekt stand für 5 Sekun­den und sank dann gänz­lich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel besser.

Ich weiß nicht, wie die bei­den Kon­tra­hen­ten ver­blie­ben sind, weil ich an der nächs­ten Hal­te­stel­le den Zug ver­ließ. Aber dass es so wün­schens­wert ist, sich immer und über­all gleich zu empö­ren, davon war ich bei Ver­las­sen des Zuges weit weni­ger überzeugt.

Hansen, Eric T. — Nörgeln !

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Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nörgelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohlhabend,
erbe dem­nächst ein Königreich,
und bin lei­der auch gutaussehend,
die sexy Ophe­lia macht mir durchaus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lektüre.

Benedikt XVI. — Licht der Welt

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Peter See­wald inter­viewt Papst Bene­dikt XVI. ali­as Joseph Ratzin­ger und agiert dabei als Fan der Katho­li­schen Kir­che im Gewand eines seriö­sen Jour­na­lis­ten. Viel­leicht mag das in die­ser Form kir­chen­in­tern okay sein, aber einen kri­ti­schen Ansatz zu den Bemer­kun­gen des Paps­tes, trotz aller kri­ti­schen Ansät­ze beim Fra­gen, ver­misst man doch schmerz­lich. Spä­tes­tens wenn See­wald ein “bra­si­lia­ni­sches Model” mit Aller­welts­weis­hei­ten anführt, knirscht der Leser mit den Zäh­nen. Und dann all die­se alber­nen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen See­walds, die glau­ben machen, es gehe in die­sem Buch auch um die Ansich­ten See­walds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. War­um schreibt See­wald nicht ein eige­nes Buch, wenn er sich genö­tigt fühlt, die Posi­ti­on der Katho­li­schen Kir­che zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgend­wie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf sei­ne Wei­se Fun­da­men­ta­list, zieht sich immer wie­der auf selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen zurück. Schwul­sein ist halt unna­tür­lich — obwohl es doch dau­ernd in der Natur vor­kommt — und soll nicht Anreiz zum Pries­ter­wer­den sein. Sex­ver­zicht sei eben­so von Gott auf­er­legt, was­im­mer das genau hei­ßen soll. Letz­ten Endes wird immer auf irgend­et­was Unbe­leg­ba­res ver­wie­sen, kei­ne ein­zi­ge der­ar­ti­ge Ansicht ist beleg­bar. Immer­hin ver­weist der Papst auf eine angeb­li­che Immer­ver­füg­bar­keit von Kon­do­men und lässt im Rau­me ste­hen, ob dies eine akzep­ta­ble Mög­lich­keit sein soll.

Aber auch sonst ist es inter­es­sant, was der Papst da vom Sta­pel lässt:

Die mono­ga­me Ehe gehört zum Fun­da­ment, auf dem die Zivi­li­sa­ti­on des Wes­tens beruht. Wenn sie zusam­men­bricht, bricht Wesent­li­ches unse­rer Kul­tur zusammen.

In der Sicht der Katho­li­schen Kir­che bricht immer irgend­was zusam­men, wenn man an ihren fun­da­men­ta­lis­ti­schen Sicht­wei­sen rüt­telt. War­um soll­te über­haupt gleich etwas zusam­men­bre­chen, wenn Mono­ga­mie nicht der Stan­dard bleibt?

Ein Groß­teil der heu­ti­gen Phi­lo­so­phen besteht tat­säch­lich dar­auf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahr­heits­fä­hig. Aber so gese­hen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Lau­fen­den, was in der Phi­lo­so­phie so abgeht. Das Pro­blem an die­ser Stel­le ist nur: Die­se Phi­lo­so­phen bezwei­feln ja auch die­sen Ethos. Und dage­gen ver­rich­tet man mit einem schlicht behaup­te­ten Gegen­satz nichts.

Es brei­tet sich eine neue Into­le­ranz aus, das ist ganz offen­kun­dig. Es gibt ein­ge­spiel­te Maß­stä­be des Den­kens, die allen auf­er­legt wer­den sol­len. Die­se wer­den dann in der soge­nann­ten nega­ti­ven Tole­ranz ver­kün­det. Also etwa, wenn man sagt, der nega­ti­ven Tole­ranz wegen darf es kein Kreuz in öffent­li­chen Gebäu­den geben. Im Grun­de erle­ben wir damit die Auf­he­bung der Tole­ranz, denn das heißt ja, dass die Reli­gi­on, dass der christ­li­che Glau­be sich nicht mehr sicht­bar aus­drü­cken darf.

Natür­lich darf er das, nur nicht vor­ge­schrie­ben wir­kend in der Schu­le. Aber einem Fun­da­men­ta­lis­ten kön­nen sie auch kaum erklä­ren, dass er Fun­da­men­ta­list ist.

Eine blo­ße Fixie­rung auf das Kon­dom bedeu­tet eine Bana­li­sie­rung der Sexua­li­tät, und die ist ja gera­de die gefähr­li­che Quel­le dafür, dass so vie­le Men­schen in der Sexua­li­tät nicht mehr den Aus­druck ihrer Lie­be fin­den, son­dern nur noch eine Art von Dro­ge, die sie sich selbst verabreichen.

Dro­ge, natür­lich, da drun­ter wäre kei­ne Meta­pher des Bösen zu fin­den. Dabei will ja nie­mand eine blo­ße Fixie­rung auf Kon­do­me. Über­haupt sind Vor­stel­lun­gen von Leu­ten, die nie Sex hat­ten, über Sex, dass die­ser aus­schließ­lich Aus­druck von Lie­be sei, höchst skuril.

In Deutsch­land hat jedes Kind neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Wie­so dann gar so wenig hän­gen bleibt, um es mal so aus­zu­drü­cken, ist unbe­greif­lich. Hier müs­sen die Bischö­fe in der Tat ernst­haft dar­über nach­den­ken, wie der Kate­che­se ein neu­es Herz, ein neu­es Gesicht gege­ben wer­den kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Lau­fen­den: Nicht jedes Kind hat neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Und die Ansicht, dass die Bischö­fe der Basis­ar­beit in der Katho­li­schen Kir­che zu Popu­la­ri­tät ver­hel­fen kön­nen, fin­de ich eher belustigend.

Die Kir­che hat “kei­ner­lei Voll­macht”, Frau­en zu wei­hen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, son­dern: wir kön­nen nicht. Der Herr hat der Kir­che eine Gestalt gege­ben mit den Zwöl­fen — und in deren Nach­fol­ge dann mit den Bischö­fen und den Pres­by­tern, den Priestern.

Schnöff, tä tää­ä­ä­ä­ää. War­um wirkt der Gott der Katho­li­ken auf Katho­li­ken nur immer so irra­tio­nal? Sicher auch nur eine Prü­fung für Katho­li­ken, damit wäre die Sache dann wie­der rund.

Ent­täuscht wer­den sich von die­sem Buch auch alle sehen, die sich in den Miss­brauchs­skan­da­len Auf­klä­rung sei­tens der Katho­li­schen Kir­che wün­schen: Nach dem Papst sieht der nor­ma­le Pro­zess hier so aus: Erst den miss­brauch­ten Schäf­chen hel­fen, dann die Täter stra­fen und dann das Ver­bre­chen auf­klä­ren. Nach Belie­ben der Katho­li­schen Kir­che wird hier­über die Öffent­lich­keit infor­miert. Vom recht­zei­ti­gen Ein­be­zug rechts­stat­li­cher Orga­ne kei­ne Rede. Von der Kri­tik von Miss­brauchs­op­fern, dass die Katho­li­sche Kir­che Auf­klä­rung mut­wil­lig behin­dert — kei­ne Rede. Nur Rede davon, dass gesamt­ge­sell­schaft­lich gese­hen ver­hält­nis­mä­ßig wenig Miss­brauch in der Katho­li­schen Kir­che statt­fin­det. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Marx, Reinhard — Das Kapital

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Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gi­on und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­setzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktu­el­len Schin­ken der katho­li­schen Hir­ten anzu­se­hen. Vor­ge­nom­men habe ich mir mal Das Kapi­tal von Rein­hard Marx, dem Erz­bi­schof von Mün­chen und Freising.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwät­zig, nicht über­wis­sen­schaft­lich, anek­do­ten­reich, ein­heits­chaf­fend. Es beinhal­tet aber inter­es­san­ter­wei­se in poli­ti­scher oder phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht alles, was man heu­te an der Katho­li­schen Kir­che kri­ti­sie­ren mag.

Rein­hard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich sei­ne Über­zeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach sei­nem Tode wohl inzwi­schen davon über­zeugt sein müs­se, dass Gott exis­tie­re. Rein­hard Marx macht es so sei­nen Lesern von Beginn an schwie­rig, ihn für voll zu neh­men. Es ist ande­rer­seits ein­fach eine Form von Respekt­lo­sig­keit, ande­ren Men­schen irgend­wel­che Behaup­tun­gen unter­zu­ju­beln, nur weil die­se Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen weh­ren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Fried­rich Nietz­sche” so getan, wo er behaup­tet, hät­te Nietz­sche nur etwas unauf­ge­reg­ter nach­ge­dacht, wäre er über­zeug­ter Evan­ge­le gewe­sen. Ich glau­be dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, wor­un­ter er Karl Marx ver­steht, gegen die Katho­li­sche Sozi­al­leh­re aus. Es ist ein Auf­ein­an­der­tref­fen einer Leh­re auf eine Phi­lo­so­phie. Das Pro­blem ist nur, dass die Leh­re ledig­lich geglaubt wer­den muss, nicht über­zeu­gend begrün­det wie eine Phi­lo­so­phie sein muss, um akzep­ta­bel zu sein. Wobei in die­sem Zusam­men­hang zu beach­ten ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx steht, ein­fach nur Skep­ti­zis­mus ist: Das Angrei­fen von Din­gen, die für Wer­te gehal­ten werden.

Die­se Wer­te ent­stam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Det­lef Hors­ter, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Phi­lo­so­phen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­li­che Beleg­me­tho­de von Rein­hard Marx: Das Her­an­zie­hen der Mei­nung eines gro­ßen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung einer eige­nen Mei­nung. Fast schon gön­ner­haft gesteht Rein­hard Marx der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung zu, dass sie Begrün­dun­gen für mora­li­sche Wer­te gelie­fert habe, dass aber die­se Wer­te eben schon vor­her bestan­den haben. Offen­sicht­lich ist es Rein­hard Marx ein Anlie­gen zu zei­gen, dass das Vor­han­den­sein von Wer­ten wich­ti­ger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che wird somit in die­sem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grund­le­gen­der ein katho­li­scher Fun­da­men­ta­lis­mus gegen objek­ti­ve Begrün­dun­gen, wor­un­ter man Phi­lo­so­phie ver­ste­hen kann.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sieht in Marx ihren größ­ten Geg­ner sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie groß­zü­gig. Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re kenn­zeich­net sich durch eine Welt­an­schau­ung, in der Indi­vi­du­en durch Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem sei­en poli­tisch und wirt­schaft­lich alle Frei­hei­ten gege­ben, solan­ge sie in einem mora­li­schen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rech­te ande­rer mög­lich sind. Marx meint offen­sicht­lich, dass dies schlich­te Motiv einer aus­ge­ar­bei­te­ten Phi­lo­so­phie gleich­kommt, die­se gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­te­te Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katho­li­sche Sozi­al­leh­re näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bes­ser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch angeb­lich denkt, dass Reli­gi­on nicht nur Pri­vat­sa­che sei, son­dern dass Kir­che eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Auf­ga­be habe (S. 63) gäbe es den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land in der vor­lie­gen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bin­dung der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in den Staat geht auf einen Pakt mit Hit­ler zurück, nicht auf ein Für­gut­hal­ten eines Staatslenkers.

Aber die­se eigen­wil­li­ge Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kir­che, und das heißt bei ihm eben die katho­li­sche, ist die Insti­tu­ti­on der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kir­che ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­ge­lie­fert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Über­ein­stim­mung mit Imma­nu­el Kant, was sein Men­schen­bild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt ger­ne von Geist­li­chen als Gewährs­mann ver­ein­nahmt ohne auf sei­ne Reli­gi­ons­kri­tik ein­zu­ge­hen) und eben­so in Über­ein­stim­mung mit Karl Marx, was des­sen Bild von der Fami­lie als Geburts­ort von Moral angeht: Für Marx sei die Fami­lie wich­tigs­ter Ort der Wer­te­ver­mitt­lung, daher sei Fami­li­en­po­li­tik wie Bil­dungs­po­li­tik vor­aus­schau­en­de Sozialpolitik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen las­sen oder hin­ter­fra­gen. Bei letz­te­rem ist man sich sel­ber aber Phi­lo­soph, und das für vie­le zwangs­läu­fig. Denn beim Stich­wort Fami­lie muss man ja bei der katho­li­schen Kir­che immer sehen, dass Schwu­le kei­ne Fami­lie sind. Eine Fami­lie ist Mama & Papa, nicht die wil­de WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katho­li­sche Kir­che die sexu­el­len Aus­wüch­se neue­ren Datums mit zu ver­ant­wor­ten. Die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che lässt völ­lig unbe­ant­wor­tet, war­um man sich nicht ein­fach durch eine ver­trau­te Bezugs­per­son eben so gut mora­lisch ent­wi­ckeln kann, wie durch ver­hei­ra­te­te Eltern. Und ob es gera­de an die­ser Stel­le nicht eben doch viel mehr auf ver­ständ­li­che, begrün­de­te Ver­mitt­lung von mora­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begeg­net in die­sem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katho­li­schen Kir­che so unheim­li­che Pro­ble­me berei­ten. Man fin­det aber als Reak­tio­nen dar­auf nur fun­da­men­ta­lis­ti­sche Durch­hal­te­pa­ro­len vor, die für sich genom­men nicht über­zeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.

Duve, Karen — Anständig essen

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Die­ses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wie­so es gera­de so oft in den Medi­en zu fin­den ist. Ich habe auch nicht ver­stan­den, ob einer der Grün­de, dass es die­ses Buch ist, der­je­ni­ge ist, dass eine Auto­rin ihrem Ver­lag mal wie­der ein Buch ver­schaf­fen muss. Das Buch nervt schlicht wegen sei­nes über­bor­den­den Sub­tex­tes, durch den man irgend­wann nicht mehr durch­schaut und durch­schau­en will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexi­kon der berühm­ten Tie­re mei­ne Lieb­lings­klo­lek­tü­re geschaf­fen. Dabei ist die Grund­aus­gangs­la­ge von Anstän­dig essen leicht erläutert:

Die Grau­sam­kei­ten, Gemein­hei­ten und Rück­sichts­lo­sig­kei­ten, die Men­schen wie ich jden Tag bege­hen, sind die Fol­gen eines bilo­gi­schen Prin­zips, das wir mit allen ande­ren Spie­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten tei­len, dem Prin­zip Eigennutz.

So gese­hen ist das Essen von Tie­ren legi­ti­miert. In Fra­ge­stel­lun­gen dar­über, ob und auf wel­che Wei­se Tie­re genutzt wer­den dür­fen, wird oft auf Tier­ethik ver­wie­sen. Nur gibt es schlicht kei­nen Grund, Ethik auf Tie­re selbst aus­zu­wei­ten. Daher ver­weist auch Duve auf Mit­leid oder Mit­ge­fühl, um Tier­nut­zung als ethi­sche Ange­le­gen­heit aus­zu­ge­ben. Aber dies ist schlicht nur ein argu­men­ta­ti­ver Grund­feh­ler. Als argu­men­ta­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se taugt das Buch somit nicht. Viel­leicht sen­si­bi­li­siert es den­noch eini­ge Leser, was ihr Ess­ver­hal­ten betrifft. Und auch als eine Art per­sön­li­cher Erzäh­lung mag es sei­ne Berech­ti­gung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der gan­ze teils naiv-persönliche Sub­text. Das ver­wäs­sert nur das gan­ze The­ma. Bes­ser Thi­lo Bode lesen.

Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

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Die­ses Buch war­tet mit diver­sen Anek­do­ten rund um Wiki­leaks, Wikileaks-Gründer Juli­an Assan­ge und Fol­ge­be­trach­tun­gen der Ver­öf­fent­li­chun­gen von Wiki­leaks auf, ufert nach der Hälf­te des Buches aber in Über­le­gun­gen über den rech­ten Jour­na­lis­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wir­ken. Also ein klas­si­sches SPIEGEL-Produkt. Tie­fe­re Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­se von Wiki­leaks gibt es nicht und auch ansons­ten bleibt der Blick meist außen vor.

Bode, Thilo — Die Essensfälscher

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Es gab vor ein paar Jah­ren ja ein Buch, dass “End­lich Nicht­rau­cher” oder so hieß. damals habe ich von vie­len gehört, dass dies für sie ein Ende mach­te mit allen Selbst­täu­schun­gen über ihr Rauch­ver­hal­ten. Ähn­lich könn­te es Lesern bei der Lek­tü­re von Die Essens­fäl­scher. Was Lebens­mit­tel­kon­zer­ne uns auf die Tel­ler lügen von Thi­lo Bode, der­zeit auch in der Sach­buch­best­sel­ler­lis­te zu fin­den, gehen.
Bode ver­deut­licht, wie oft­mals ver­steckt zucker­hal­tig Vie­les im Super­markt ist, dass nicht Bewe­gung, son­dern Ernäh­rung das Pro­blem des all­ge­mein anstei­gen­den Über­ge­wichts ist, und wie faden­schei­nig Ver­brau­cher­po­li­tik und wie not­wen­dig ver­ständ­li­che Pro­dukt­in­for­ma­ti­on ist.

Das geht in die­sem Buch vor allem auf die Kap­pe der CDU. Für Bode ist das Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­ri­um von Ilse Aigner schlicht ein Lobbyministerium:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die For­de­rung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie sol­le sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, kei­ne Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum soll­te massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staat­li­che Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weni­ger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine ent­spre­chen­de Selb­stverpflich­tung abge­ben? Die For­de­rung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Bei­spiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die end­lich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müssten.

Aber auch Julia Klöck­ner, die gera­de ver­sucht, in Rheinland-Pfalz Minis­ter­prä­si­den­tin zu wer­den, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staats­se­kre­tä­rin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernäh­rung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »kei­ne wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »kei­nen Nut­zen« brin­ge. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tau­sen­den von Wis­senschaftlern und Ärz­ten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist sol­che Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch des­sen Wän­de nicht mehr dringt, was »drau­ßen« passiert.

Zwar ist Bode manch­mal etwas schwat­zend und wie­der­holt sich des öfte­ren. Aber die­ses Buch muss man der­zeit ein­fach gele­sen haben.

Naturernte — Samenbasierte Rezepte

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Wir hat­ten ja schon lan­ge nichts Ekli­ges mehr hier, also so rich­tig Ekli­ges. Dem kom­men wir mal gera­de etwas ent­ge­gen. Fotie Pfo­ten­hau­er, ja genau, deeer Fotie Pfo­ten­hau­er hat ein neu­es Koch­buch raus­ge­ge­ben. Ange­prie­sen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Lei­den­schaft sind und kei­ne Angst haben vor neu­en Zuta­ten, wer­den Sie die­ses Buch lieben! 

Da fühlt man sich ja gera­de­zu her­aus­ge­for­dert, zu die­ser exqui­si­ten Grup­pe von Köchen zu gehö­ren? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfo­ten­hau­ers neu­es Buch emp­foh­len: Kochen mit Sperma.

Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

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Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benutzend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Innerlichkeit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebenskluge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrieben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

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