Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Schierach, Ferdinand von – Verbrechen * Klolektüre (06)

Zunächst habe ich die ZDF-Fernsehserie zum Buch Verbrechen: Stories gesehen. Die entnommenen Geschichten aus dem Buch wirken wie 1:1-Versionen der Verfilmungen. Was mich an beiden stört, ist die moralische Neutralität, die allen beschriebenen Verhalten beiwohnt. Im Buch gibt es noch eine interessante Geschichte um einen Museumswächter, der langsam, aber sicher durchdreht, die mir ganz gut gefällt, ansonsten muss niemand zum Buch greifen, der die Serie geschaut hat.

Der Schmöker wegen der Kürze der interessanten, wenn auch haltungslos beschriebenen Geschichten und dem guten Schreibstil ist passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Fröhlich, Axel und Oliver Kuhn – Die große Brocklaus * Klolektüre (05)

Klolektüren als Weihnachtsgeschenke – eine schwierige Angelegenheit. Woanders als Buch des Tages gewürdigt, sprang bei mir bei … Die große Brocklaus: Das komplett erfundene Lexikon von Oliver Kuhn, Alexandra Reinwarth und Axel Fröhlich der Funke oder, wenn man so mag, die Laus nicht über. 6 oder 7 mal habe ich schmökernd irgendwas angelesen und wegen zu gewollter Lustigkeit umgehend weggelegt. Vielleicht fällt die Begeisterung für diesen Schmöker anders aus, wenn man sich viel Zeit oder das Hörbuch zur Hand nimmt .

Was aber die Präsenttauglichkeit angeht, stimme ich dem zu, der schreibt: “Zum Verschenken nicht geeignet.” Das Risiko, zu enttäuschen und den Geschmack des Beschenken zu verfehlen, ist da einfach zu groß.

Der Schmöker ist trotz großem Umfangs, ein paar guten Einfällen, aber oftmals bloß bräsigem Humor nur ein mäßig interessanter Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Wischmeyer, Dietmar und Oliver Welke – Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk * Klolektüre (04)

… Deutsche Helden privat , geschrieben teils von Oliver Welke, teils von Dietmar Wischmeyer, und daher teils langweilend uninspiriert und teils unterhaltsam bis höchstamüsant.

Wischmeyer hat diese Portraitform in der ARD mal vorgeführt, ungefähr so funktionieren die guten Portraits, wenn sich auch die Stilmittel ab und an wiederholen und somit dem Leser bekannt vorkommen.

Andererseits versteht es Wischmeyer, Prominente an ihrer Achillesverse, der Eitelkeit, zu treffen und sein Publikum mit einem einzigen Satz in schallendes Gelächter zu versetzen. Wie hier bei Gerhard Schröder:

Wenn Schröder morgens das Bad verlässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spiegel noch minutenlang verharrt, ehe es erlischt.

Den meisten Spaß mit dem Schmöker hat man, wenn man sich eingelesen hat und die Beiträge von Welke erkennen und überspringen kann. So ist das Buch wegen halbwegs witzigem Inhalt ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich bei einer Wertung des einen Autors mit zwei und des anderen Autors mit vier von fünf möglichen Klorollen:

Schröder, Atze – Und dann kam Ute * Klolektüre (03)

Atze Schröders erster Roman . Abgepackt in kurze Episoden erinnert der Schmöker etwas an Und dann kam Polly und hat gefühlt denselben Plot: Charismatische Sie bringt heldenhaften und vermögenden Ihn unter ihre Fittiche. Spannungsärmer wär’s wohl nicht gegangen. Manchmal taucht unser Emsdettener Komiker aus dieser selbstverliebten Labergeschichte auf und bringt Schmunzelbares wie

Als ich beim Pinkeln in den Spiegel schaute, sah ich so fertig aus wie Helmut Schmidt nach einer Elektrozigarette.

aber, das ist rar gesät, der Witz verbleibt im Metaphorischen und wird gerne mal wiederholt für alle, die es beim ersten Mal noch nicht verstanden haben. Oder sollen so Running Gags angeleiert werden?

Der Schmöker ist wegen guter Lesbarkeit, flottem Tempo und den paar Witzchen ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Guillaume, André de – Wie man ein Genie wird * Klolektüre (02)

Eines dieser Exemplare ist der Schmöker Wie man ein Genie wird: Das Handbuch für angehende Überflieger
von André de Guillaume, übersetzt aus dem Englischen von Petra Trinkaus. Das Buch ergeht sich eigentlich nur in Eigenwilligkeiten und Anekdoten berühmter Männer. Das ist ganz nett zu lesen, kurzweilig, aber irgendwie nicht erhellend. Ein paar Schmunzler sind aber drin.

Er ist also durch seine Intention, die hübsche Machart und durch hin und wieder interessante Anekdoten ein passabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Duve, Karen – Lexikon der berühmten Tiere • Klolektüre (01)

Das Sofa ist wohl nicht das einzige Plätzchen in den eigenen vier Wänden, an dem man gerne zur Lektüre greift. Auch das stille Örtchen wird gerne für einen Blick in Gedrucktes genutzt. Das hat in unseren Wänden dazu geführt, dass Gäste unseres Lokusses sicher sein können, Lesenswertes zu entdecken.

Ein Klassiker unter den Klolektüren ist das Lexikon der berühmten Tiere. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und Ledas Schwan von Karen Duve und Thies Volker. In diesem Standardwerk [ hier eine Besprechung von Florian Felix Weyh ], bei uns in der Ausgabe von 1999 ausgelegt, wird von altertümlichen Gestalten wie den Eulen von Athen, Fabelwesen, Werbefiguren wie dem Erdalfrosch, Comicfiguren wie Fix und Foxi bis hin zu realen Tieren wie Fortunée, dem Mops der Kaiserin Josephine, so ziemlich alles abgegrast, was man bis dato selbst gerade noch in Erinnerung hat.

Es ist also durch seine Lustigkeit, durch die Erinnerungsmöglichkeit und die interessanten, neuen Geschichten der Ideale Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weihnachten steht vor der Tür und vielerorts werden nun die Buchläden durchstöbert, um interessante literarische Sachen ausfindig zu machen. Ich habe mir mal Netzgemüse von Tanja und Johnny Haeusler, der auch unter spreeblick.de bloggt, angeschaut. In diesem Fall ist es vielleicht hilfreich, die beiden erst selbst zu Wort kommen zu lassen:

Jetzt kann man zunächst einmal feststellen, dass es hier eine dicke Marktlücke gibt. Das Internet ist in vielen Facetten nicht leicht zu verstehen. Das macht besonders dann Probleme, wenn Eltern darüber nachdenken, wie sie ihre Kinder im Internet begleiten. Und das tut Not, denn im Internet lauern rechtliche und persönliche Gefahren. Andererseits bewegen sich Internetnutzer ziemlich frei und ungebunden durch das Netz. Worauf sollen sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Frage, der das Ehepaar Haeusler nachgeht. Sicherlich ist das Buch so geschrieben und wird so präsentiert, dass es sich irgendwie rentiert. Insofern ist dieser Eintrag auch schon wieder eine Form von Werbung. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass das Buch die Aufgabe, Eltern für ihre Aufgabe, Kinder im Umgang mit dem Internet verantwortungsvoll zu begleiten, gut erfüllt.

Jetzt könnte ich auch am Buch rummosern über manchen grammatisch nicht ganz so perfekten Satzbau, verkürzte und somit falsch wirkende Darstellungen oder den Begriff Netzgemüse, der mich das ganze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber darauf gerichtet ist, herauszufinden, ob dieses Buch Eltern eine Hilfe sein kann, schiebe ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erstmal beiseite geschoben ist fällt zunächst die große Bandbreite auf, die das Buch umfasst: Es handelt den Umgang mit Computerspielen, illegale Downloads, Internetdiensten, Blogs, Mobbing, Pseudonymen, sozialen Kompetenzen, Taschengeld, Smartphones und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefunden, was ich vermisse. Alle Themen werden zwar nur angerissen und Beispiele und Lösungsansätze von wirklich schwierigen Problemen kommen nicht vor. Das ist aber für ein Eisntiegsbuch in die Materie nicht weiter schlimm. Die Frage wäre eh, ob man ein solches Buch nicht überfrachtete, wenn man zu viele Lösungen anbieten wollte.

Was ich sehr überzeugend finde, ist, dass die Autoren heikle Themen wie Pornografie im Internet, die von Jugendlichen konsumiert werden kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Seiten um richtig in Schwung zu kommen, trifft aber dann den richtigen Ton. Wer also Eltern kennt oder selber erzehungsberechtigt ist, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herz.

Wel­ding, Malte – Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Malte Welding, Versiebt, verkackt, verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End, 204 Seiten, Piper Taschenbuch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flieger startet morgen früh nach Berlin. Wir kommen zum Frühstück an, das ist wichtig. Dann arbeitet der gemeine Berliner und die Touristen sind noch nicht ausgeschwärmt. Aber es ist echt früh, der Flieger geht um Sechsuhrirgendwas. Ich beende den Tag vorm Laptop am Schreibtisch, da kommt mir Malte Weldings neues Buch zu. Das letzte war nicht ganz mein Fall. Aber vielleicht das. Vielleicht sollte man es in Berlin lesen. Vielleicht hilft das. Abgemacht. Weldinglesen in Berlin. Der Authentizität wegen. (Vielleicht meint nun der andere oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eigenes Empfinden und das Besprechen eines Buches zu vermischen. Wer das auseinanderhalten möchte, lese im Folgenden einfach nur den eingerückten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor verlieren: Malte Welding ist Kolumnist der Berliner Zeitung und in Internetkreisen als Blogger bekannt geworden. Er hat schöne Artikel zu Spreeblick beigetragen, solche die man jetzt dem Blog wieder wünscht. Daneben hat er für die Blogs Fooligan, Neue Bodenständigkeit und Deus ex machina geschrieben. 2010 erschien sein erstes Buch Frauen und Männer passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte.

Der Flieger erhebt sich am folgenden Tag pünktlich um 6.40 Uhr in die Lüfte. Die Stewardessen setzen zu ihrer Morgengymnastik an und ich schlage die ersten Seiten auf.

Das Buch handelt von den drei Brüdern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekanntschaft Welding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Berlin verzieht. Allesamt stecken sie in Beziehungen, die ins Stocken geraten. Welding scheint sie privat zu kennen. Wird das jetzt eine Freundesanalyse? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fiktiv? Alles bleibt etwas dunkel für den Leser, der ins kalte Wasser geworfen wird. Warum sind die Geschichten der vier so interessant? Ich fühle mich an Marcel Reich-Ranicki erinnert, der mal meinte, er wolle nur noch Problemschilderungen von Intellektuellen lesen. Ich kann das gut verstehen, auch wenn ich selber einfache Literatur zu schätzen weiß. Es muss nicht immer Kaviar sein. Aber weil ich eben Liebesproblematisierungen in der Popkultur von David Baddiel bis Verrückt nach dir inhaltlich durchwaten habe, fragt sich doch: Was bietet dieses Buch neues? Außer dass es ein Friends aus Berlin zu sein scheint? Der Blick in Beziehungen „nach dem Happy End“? Vielleicht ist das Buch eher für Leute, die nur Liebesfilme kennen.

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, bemerke ich, dass in Berlin ja noch Winter ist. Mindestens 7 Grad weniger als in Düsseldorf. Es herrscht interkontinentales Klima, wie ich mich aus dem Sachunterricht zu erinnern glaube. Der war aber auch vor der Wende. Ich habe Durst und ziehe mir was am Automaten. Meine Freundin fängt lauthals an zu lachen, als sie die Büchse sieht und berlinert:

Ditt kennwa im Westen ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn verspätet sich, ich krame meine Lektüre raus:

Welding stellt jedem Kapitel Zitate voran. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zitate sind nicht sonderlich vomhockerhauend, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich überlese sie konsequent. Die drei Brüder stecken in Beziehungen: Roman hat Mia geheiratet, Mia trennt sich gerade von Paul und Ben ist mit Juila Mia zusammen. Was sind das nun also für Leute?

Wir checken bei meinem Freund am Ostkreuz ein und lernen Maren kennen, die auch dort wohnt. Sie hat Medizin studiert, aber nicht zu ende, ist Mitte 30 und sattelt nun zur Immobilienmaklerin um. Die letzte Prüfung hat sie in Berlin verpasst, kann sie aber, was sie heute erfahren hat, in Rostock ablegen. Und hinterher vielleicht noch etwas studieren – was man in Berlin eben so macht. Über die Brücke am Ostkreuz verschlägt es uns in das Datscha. Es gibt schweres russisches Frühstück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst lernen wir Roman und Paul kennen, nachdem Greta Paul, der sich gerade auf einem LSD-Trip befindet, den Laufpass gegeben hat. Von Roman und Greta erfahren wir, dass beide ein Kind bekommen wollen, aber etwas kontraproduktiverweise das mit dem Sex gerade so gar nicht läuft. Von Ben wissen wir, dass er Architektur studiert oder studiert hat und Paul ist ehrgeizloser Rechtsanwalt. Die Berufe spielen aber im Folgenden keine sonderliche Rolle. Mia hängt an Roman, vielleicht etwas leidenschaftlicher als umgekehrt, Greta scheint eine gutaussehende, willensstarke Frau zu sein. Generell bleibt es aber bei Typisierungen der Charaktere, ein eigenes Bild will sich kaum einstellen. Die Kerle kommen mir vor wie phantasielose, unlustige Tunichtguts. Wenig inspirierend – weder zum Interesse an den Charakteren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nachmittags so durch den Osten schlendern, fallen mir die traditionellen Berlinerisms auf. In der Straßenbahn hat gefühlt jeder Zweite eine Bierflasche dabei, im Osten flanieren Hundeköttel die Gehwege, es herrscht distanzierte Humorlosigkeit, hektisches Gehen, Gedrängel, und man sieht, was Frauen in Berlin für Mode halten: Knallenge Leggins zu dunkelwattierten Rettungswesten. Oder wie meine Freundin sich ausdrückt:

Hier laufen selbst die ganz hübschen Mädchen auf hässlich getrimmt rum.

Als irgendwo waschechte Düsseldorferin zieht es sie in eine der 111 Sehenswürdigkeiten des Sehenswürdigkeitenbuches, das in Berlin die Touristen erkennbar macht: Das ganzjährige Verkleidungsgeschäft.

Während sie den Laden auseinandernimmt und sich schließlich für eine überdimensionierte Geburtstagsbrille, sowie 30er Absperrband und Warnschilder für ihren Geburtstag entscheidet, lese ich…

… einen Witz. Tatsächlich. Ich lache auf Seite 130. So, dass einige mich schon komisch anschauen. Öffentliches, spontanes Lachen in Berlin ist so eine Sache. Ich werde aber quasi mit dieser Stelle etwas wärmer mit dem Buch. Ich denke nicht mehr ans Weglegen. Immerhin so gut muss die Lektüre sein. Man kann sie weiterlesen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man sich, vielleicht wie in einem Roman, mit irgendeiner Figur derart anfreundet, dass man mitfiebert. Pustekuchen. Dafür gibt es Namedropping: Dawkins, Pinker und die Internetaussteckanekdote von Franzen. Jaja.

Am nächsten Morgen hole ich Brötchen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt „ENDLICH! Sauf Verbot in der BVG“. Kritik wird hier ja schnell umgesetzt, denke ich. Ubringens: Die schmierigen Graffiti sind auch scheiße! Ich gelange zur Brötchentheke, an der ich mich nicht entsinnen kann, wie Berliner noch mal in Berlin heißen, lerne dagegen: „Good Cookies go to heaven, bad cookies go to…“

Als ich mit den Frühstückssachen wieder in die Wohnung komme, erzählt Maren, dass sie nun eine Wohnung in Rostock hat. Dafür die Prüfung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Einbahnstraße. Zum Mittagessen zieht es meine Freundin und mich wieder in den Osten. Hinter den Hackeschen Höfen ist Sushi angesagt. Das Sushi kann es mit den Düsseldorfern aufnehmen. Da ich weniger Teller verputze als meine Begleitung…

… und mir die dortigen Kleidungsfachgeschäfte nicht so zusagen wie meiner Freundin, blättere ich etwas.

Die handelnden Personen im Buch lassen sich offenbar immer von irgendwelchen Gefühlen treiben. Man erfährt eigentlich zu wenig über wirkliche Gründe. Alles bleibt Spekulation, alle Veränderung wirkt wie Einbahnstraße. Das Buch verleitet, selbst über Pärchen nachzudenken. Ich habe nach meiner Abizeit selbst gerne Pärchen analysiert, nach Zielen gefragt, über das Wohlbefinden der einzelnen Partner nachgedacht. Einmal habe ich das einem Bekannten vorgelegt, worauf dieser meinte: „Japp, das klingt alles schlüssig. Und ich glaube auch nicht, dass Beziehungen immer sonderlich glücklich sind unterm Strich. Aber vielleicht sind die damit zufrieden.“ Da habe ich mich angefangen, mich in Zurückhaltung zu üben, was andere Pärchen angeht.

Als wir den Rückweg antreten – Rotfront tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form dreier Personen Mia. entgegen. Sagt zumindest meine Freundin. Ich habe nur Augen für die schulterbepolsterten Lilaanzüge, die mir einen Tick zu metrosexuell vorkommen. Die blonde Begleitung ist zu klein, um mir aufzufallen. Kann sein, dass das Mietze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rückweg kommen wir am St. Oberholz vorbei, uns verschlägt es aber in Unser Haus am Meer. Meine Freundin klagt seit 2 Tagen über Seitenstechen. Blinddarm, eventuell. Kann sein, meinte Maren. Ich lasse mir das Wlan-Passwort geben und google die 5 typischen Kennzeichen einer Blinddarmentzündung. Ihre Wehwehchen qualifizieren nicht für was mit Blinddarm.

„Wanderschmerz“, lese ich vor. „Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!“ – „Nee, das soll heißen, der Schmerz wandert zum Blinddarm hin, nicht quer durch den Körper.“ – „Ach, so.“

Ihr geht es schlagartig besser. Und während sie herauszufinden versucht, wer die überbotoxte Frau im roten Kleid auf der anderen Seite ist, und ob sie ihren Begleiter aus dem Fernsehen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gelesen und verhandelt. Das Ende wird nicht verraten. Wir erfahren mehr über Bens Dreiererfahrung, Jimos Familienplanung und die Eltern der drei Brüder. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem potentiellen Leser? Vielleicht das, was man einem zu Berlin auch empfehlen würde: Man sollte es selbst erkunden. Ich halte mich nicht für sonderlich repräsentativ, um dieses Buch geschmacklich genau einzuordnen. Dazu hat man, gerade was Liebe als Thema angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob dieses Buch was für Sie ist, mein geneigter Leser, müssen sie selbst herauskriegen. Vielleicht haben Sie durch die vorangegangen Zeilen etwas Appetit bekommen.

Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansinnen des Buches schon verkorkst im Titel vor: Klares Denken ist keine Kunst. Es ist eine Methode, nichts um andere vorrangig zu beeindrucken. Allerdings eine, auf die sich der Autor zumindest in diesem Buch gar nicht versteht.

Das Buch enthält Feuilleton-Artikel, in denen Anekdoten verbraten werden, in denen eine auf Vorurteilen basierende Problemlösung dargestellt wird. Danach folgen Einwände gegen hiergegen. Das Buch soll nicht aufklären, sondern unterhalten und indem es zu unterhalten versucht, hat es mit klarem Denken schon wieder nichts am Hut.

Da werden z.B. Wunder als „unwahrscheinliche Ereignisse“ interpretiert. Ein Wunder ist dabei aber eigentlich klassisch betrachtet eine Wirkung in der Welt ohne kausale Ursache. Eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung hat damit streng genommen gar nichts zu tun. Dobelli redet konsequent am Thema vorbei. So soll man einen Deal immer unabhängig vom Verkäufer abwickeln. Wenn Sie jetzt nachfragen: Wieso immer? – das Buch gibt auf solche auf der Hand liegenden Fragen keine Antwort. Der Autor behauptet einfach nur rum. Klares Denken sieht anders aus.

Ironie der Geschichte: Einem Bekannten von mir wurde das Buch geschenkt mit der begründend wirkenden Widmung, das Buch sei auf Grund seiner Erstplatzierung in der Spiegel-Bestseller-Liste ausgewählt worden. Vielleicht hätte man sich doch erst mit der Thematik auseinandersetzen sollen.

Gröner, Anke – Nudeldicke Deern

buchleserAnke Gröner hat sich als Bloggerin sicherlich verdient gemacht: So sympathisch wie sie schreibt, steht sie ein für klare, unaufgeregte Sprache, Offenheit für die Genussseite des Lebens, für Lesen, für Beständigkeit. Sie zählt auch zu den wenigen deutschen Bloggerinnen, denen große Achtung innerhalb der Bloggosphäre zukommt.

Nur: Warum hat niemand versucht zu verhindern, dass sie so ein Buch schreibt?

Das Buch ist ein Ich-bin-okay-du-bist-okay-Durchhalteparolen-Lebensratgeber (Und das mit dem Ich bin okay, du bist okay kommt im Buch tatsächlich vor). Es ist nicht so verlogen wie die fröhliche Moppelliteratur, denn da ist die präsentierende Autorin ja immer um einiges moppeliger als auf dem Buchumschlag, aber es ist leider auch verlogen: Es geht im Buch um die Aufgabe von Abnehmvorhaben zur vermeintlichen Rettung der eigene Psyche, nicht um’s Abnehmen oder Dicksein. Ich halte es für problematisch, sich für diese Aufgabe Applaus zu holen.

Natürlich darf und sollte jeder seinen eigenen psychologischen Haushalt so arrangieren, dass man gefeit ist gegen Angriffe von außen. Das zählt für Dicke so wie für Dünne. Ich weiß auch nicht, wer das angezweifelt haben sollte. Wer aber zu viel wiegt und wem das Zuviel auf die Psyche schlägt, der sollte abnehmen, wenn er das Problem lösen will. Das bedeutet auch, dass man gegen den eigenen inneren Schweinehund ankämpft. Wer nun meint, dieser Kampf sei schon gewonnen, weil man nach einer Diät weniger wiegt, täuscht sich einfach.

Anke Gröner schreibt nun in ihrem Buch, man könne diesen Kampf aufgeben, solange nur die eigene Psyche okay ist. Mit anderen Worten: Verdrängung. Kann man. Muss man aber nicht. Gerade wenn die Körperfülle am eigenen Selbstbewusstsein nagt, ist ein gelungener Abnehmversuch ja ein Erfolg. Der Schlüssel lautet nicht, wie das Buch weis machen will: Free your mind, and your fat ass will follow im Sinne von: Entlaste deine Psyche, sondern Free your mind, and the rest will follow im Sinne von: Regel dein Verhalten nach nicht bloß momentanen Gesichtspunkten (worunter auch eine Kantische Interpretation des Wortes frei fallen könnte).

Wer verdrängt, verdrängt mit dem Problem eben auch die Problemlösung. Das ist die unangenehme Wahrheit, die man im Buch nicht zu lesen bekommt.

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