Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Schierach, Ferdinand von — Verbrechen * Klolektüre (06)

Zunächst habe ich die ZDF-Fernsehserie zum Buch Ver­bre­chen: Stories

gese­hen. Die ent­nom­me­nen Geschich­ten aus dem Buch wir­ken wie 1:1-Versionen der Ver­fil­mun­gen. Was mich an bei­den stört, ist die mora­li­sche Neu­tra­li­tät, die allen beschrie­be­nen Ver­hal­ten bei­wohnt. Im Buch gibt es noch eine inter­es­san­te Geschich­te um einen Muse­ums­wäch­ter, der lang­sam, aber sicher durch­dreht, die mir ganz gut gefällt, ansons­ten muss nie­mand zum Buch grei­fen, der die Serie geschaut hat.

Der Schmö­ker wegen der Kür­ze der inter­es­san­ten, wenn auch hal­tungs­los beschrie­be­nen Geschich­ten und dem guten Schreib­stil ist pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Fröhlich, Axel und Oliver Kuhn — Die große Brocklaus * Klolektüre (05)

Klo­lek­tü­ren als Weih­nachts­ge­schen­ke — eine schwie­ri­ge Ange­le­gen­heit. Woan­ders als Buch des Tages gewür­digt, sprang bei mir bei … Die gro­ße Brock­laus: Das kom­plett erfun­de­ne Lexikon

von Oli­ver Kuhn, Alex­an­dra Rein­warth und Axel Fröh­lich der Fun­ke oder, wenn man so mag, die Laus nicht über. 6 oder 7 mal habe ich schmö­kernd irgend­was ange­le­sen und wegen zu gewoll­ter Lus­tig­keit umge­hend weg­ge­legt. Viel­leicht fällt die Begeis­te­rung für die­sen Schmö­ker anders aus, wenn man sich viel Zeit oder das Hör­buch zur Hand nimmt .

Was aber die Prä­sent­taug­lich­keit angeht, stim­me ich dem zu, der schreibt: “Zum Ver­schen­ken nicht geeig­net.” Das Risi­ko, zu ent­täu­schen und den Geschmack des Beschen­ken zu ver­feh­len, ist da ein­fach zu groß.

Der Schmö­ker ist trotz gro­ßem Umfangs, ein paar guten Ein­fäl­len, aber oft­mals bloß brä­si­gem Humor nur ein mäßig inter­es­san­ter Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Wischmeyer, Dietmar und Oliver Welke — Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk * Klolektüre (04)

… Deut­sche Hel­den privat

, geschrie­ben teils von Oli­ver Wel­ke, teils von Diet­mar Wischmey­er, und daher teils lang­wei­lend unin­spi­riert und teils unter­halt­sam bis höchstamüsant. 

Wischmey­er hat die­se Por­traitform in der ARD mal vor­ge­führt, unge­fähr so funk­tio­nie­ren die guten Por­traits, wenn sich auch die Stil­mit­tel ab und an wie­der­ho­len und somit dem Leser bekannt vorkommen. 

Ande­rer­seits ver­steht es Wischmey­er, Pro­mi­nen­te an ihrer Achil­les­ver­se, der Eitel­keit, zu tref­fen und sein Publi­kum mit einem ein­zi­gen Satz in schal­len­des Geläch­ter zu ver­set­zen. Wie hier bei Ger­hard Schröder:

Wenn Schrö­der mor­gens das Bad ver­lässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spie­gel noch minu­ten­lang ver­harrt, ehe es erlischt.

Den meis­ten Spaß mit dem Schmö­ker hat man, wenn man sich ein­ge­le­sen hat und die Bei­trä­ge von Wel­ke erken­nen und über­sprin­gen kann. So ist das Buch wegen halb­wegs wit­zi­gem Inhalt ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich bei einer Wer­tung des einen Autors mit zwei und des ande­ren Autors mit vier von fünf mög­li­chen Klorollen:

Schröder, Atze — Und dann kam Ute * Klolektüre (03)

Atze Schrö­ders ers­ter Roman

. Abge­packt in kur­ze Epi­so­den erin­nert der Schmö­ker etwas an Und dann kam Pol­ly und hat gefühlt den­sel­ben Plot: Cha­ris­ma­ti­sche Sie bringt hel­den­haf­ten und ver­mö­gen­den Ihn unter ihre Fit­ti­che. Span­nungs­är­mer wär’s wohl nicht gegan­gen. Manch­mal taucht unser Ems­det­tener Komi­ker aus die­ser selbst­ver­lieb­ten Laber­ge­schich­te auf und bringt Schmun­zel­ba­res wie

Als ich beim Pin­keln in den Spie­gel schau­te, sah ich so fer­tig aus wie Hel­mut Schmidt nach einer Elektrozigarette.

aber, das ist rar gesät, der Witz ver­bleibt im Meta­pho­ri­schen und wird ger­ne mal wie­der­holt für alle, die es beim ers­ten Mal noch nicht ver­stan­den haben. Oder sol­len so Run­ning Gags ange­lei­ert werden?

Der Schmö­ker ist wegen guter Les­bar­keit, flot­tem Tem­po und den paar Witz­chen ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Guillaume, André de — Wie man ein Genie wird * Klolektüre (02)

Eines die­ser Exem­pla­re ist der Schmö­ker Wie man ein Genie wird: Das Hand­buch für ange­hen­de Überflieger


von André de Guil­lau­me, über­setzt aus dem Eng­li­schen von Petra Trin­kaus. Das Buch ergeht sich eigent­lich nur in Eigen­wil­lig­kei­ten und Anek­do­ten berühm­ter Män­ner. Das ist ganz nett zu lesen, kurz­wei­lig, aber irgend­wie nicht erhel­lend. Ein paar Schmunz­ler sind aber drin.

Er ist also durch sei­ne Inten­ti­on, die hüb­sche Mach­art und durch hin und wie­der inter­es­san­te Anek­do­ten ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Duve, Karen — Lexikon der berühmten Tiere • Klolektüre (01)

Das Sofa ist wohl nicht das ein­zi­ge Plätz­chen in den eige­nen vier Wän­den, an dem man ger­ne zur Lek­tü­re greift. Auch das stil­le Ört­chen wird ger­ne für einen Blick in Gedruck­tes genutzt. Das hat in unse­ren Wän­den dazu geführt, dass Gäs­te unse­res Lokus­ses sicher sein kön­nen, Lesens­wer­tes zu entdecken.

Ein Klas­si­ker unter den Klo­lek­tü­ren ist das Lexi­kon der berühm­ten Tie­re. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und Ledas Schwan

von Karen Duve und Thies Vol­ker. In die­sem Stan­dard­werk [ hier eine Bespre­chung von Flo­ri­an Felix Weyh ], bei uns in der Aus­ga­be von 1999 aus­ge­legt, wird von alter­tüm­li­chen Gestal­ten wie den Eulen von Athen, Fabel­we­sen, Wer­be­fi­gu­ren wie dem Erd­al­frosch, Comic­fi­gu­ren wie Fix und Foxi bis hin zu rea­len Tie­ren wie For­tu­n­ée, dem Mops der Kai­se­rin Jose­phi­ne, so ziem­lich alles abge­grast, was man bis dato selbst gera­de noch in Erin­ne­rung hat.

Es ist also durch sei­ne Lus­tig­keit, durch die Erin­ne­rungs­mög­lich­keit und die inter­es­san­ten, neu­en Geschich­ten der Idea­le Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weih­nach­ten steht vor der Tür und vie­ler­orts wer­den nun die Buch­lä­den durch­stö­bert, um inter­es­san­te lite­ra­ri­sche Sachen aus­fin­dig zu machen. Ich habe mir mal Netz­ge­mü­se von Tan­ja und John­ny Haeus­ler, der auch unter spreeblick.de bloggt, ange­schaut. In die­sem Fall ist es viel­leicht hilf­reich, die bei­den erst selbst zu Wort kom­men zu lassen:

Jetzt kann man zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es hier eine dicke Markt­lü­cke gibt. Das Inter­net ist in vie­len Facet­ten nicht leicht zu ver­ste­hen. Das macht beson­ders dann Pro­ble­me, wenn Eltern dar­über nach­den­ken, wie sie ihre Kin­der im Inter­net beglei­ten. Und das tut Not, denn im Inter­net lau­ern recht­li­che und per­sön­li­che Gefah­ren. Ande­rer­seits bewe­gen sich Inter­net­nut­zer ziem­lich frei und unge­bun­den durch das Netz. Wor­auf sol­len sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Fra­ge, der das Ehe­paar Haeus­ler nach­geht. Sicher­lich ist das Buch so geschrie­ben und wird so prä­sen­tiert, dass es sich irgend­wie ren­tiert. Inso­fern ist die­ser Ein­trag auch schon wie­der eine Form von Wer­bung. Aber ande­rer­seits bin ich davon über­zeugt, dass das Buch die Auf­ga­be, Eltern für ihre Auf­ga­be, Kin­der im Umgang mit dem Inter­net ver­ant­wor­tungs­voll zu beglei­ten, gut erfüllt.

Jetzt könn­te ich auch am Buch rum­mo­sern über man­chen gram­ma­tisch nicht ganz so per­fek­ten Satz­bau, ver­kürz­te und somit falsch wir­ken­de Dar­stel­lun­gen oder den Begriff Netz­ge­mü­se, der mich das gan­ze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber dar­auf gerich­tet ist, her­aus­zu­fin­den, ob die­ses Buch Eltern eine Hil­fe sein kann, schie­be ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erst­mal bei­sei­te gescho­ben ist fällt zunächst die gro­ße Band­brei­te auf, die das Buch umfasst: Es han­delt den Umgang mit Com­pu­ter­spie­len, ille­ga­le Down­loads, Inter­net­diens­ten, Blogs, Mob­bing, Pseud­ony­men, sozia­len Kom­pe­ten­zen, Taschen­geld, Smart­pho­nes und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefun­den, was ich ver­mis­se. Alle The­men wer­den zwar nur ange­ris­sen und Bei­spie­le und Lösungs­an­sät­ze von wirk­lich schwie­ri­gen Pro­ble­men kom­men nicht vor. Das ist aber für ein Eisn­tiegs­buch in die Mate­rie nicht wei­ter schlimm. Die Fra­ge wäre eh, ob man ein sol­ches Buch nicht über­frach­te­te, wenn man zu vie­le Lösun­gen anbie­ten wollte.

Was ich sehr über­zeu­gend fin­de, ist, dass die Auto­ren heik­le The­men wie Por­no­gra­fie im Inter­net, die von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Sei­ten um rich­tig in Schwung zu kom­men, trifft aber dann den rich­ti­gen Ton. Wer also Eltern kennt oder sel­ber erze­hungs­be­rech­tigt ist, dem lege ich die­ses Buch wärms­tens ans Herz.

Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me kennen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und berlinert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leute?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Frühstück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich ausdrückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Verkleidungsgeschäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Begleitung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blinddarm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekommen.

Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buches schon ver­korkst im Titel vor: Kla­res Den­ken ist kei­ne Kunst. Es ist eine Metho­de, nichts um ande­re vor­ran­gig zu beein­dru­cken. Aller­dings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in die­sem Buch gar nicht versteht.

Das Buch ent­hält Feuilleton-Artikel, in denen Anek­do­ten ver­bra­ten wer­den, in denen eine auf Vor­ur­tei­len basie­ren­de Pro­blem­lö­sung dar­ge­stellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hier­ge­gen. Das Buch soll nicht auf­klä­ren, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit kla­rem Den­ken schon wie­der nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahr­schein­li­che Ereig­nis­se” inter­pre­tiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigent­lich klas­sisch betrach­tet eine Wir­kung in der Welt ohne kau­sa­le Ursa­che. Eine Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hän­gig vom Ver­käu­fer abwi­ckeln. Wenn Sie jetzt nach­fra­gen: Wie­so immer? — das Buch gibt auf sol­che auf der Hand lie­gen­den Fra­gen kei­ne Ant­wort. Der Autor behaup­tet ein­fach nur rum. Kla­res Den­ken sieht anders aus.

Iro­nie der Geschich­te: Einem Bekann­ten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wir­ken­den Wid­mung, das Buch sei auf Grund sei­ner Erst­plat­zie­rung in der Spiegel-Bestseller-Liste aus­ge­wählt wor­den. Viel­leicht hät­te man sich doch erst mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sollen.

Gröner, Anke — Nudeldicke Deern

buchleserAnke Grö­ner hat sich als Blog­ge­rin sicher­lich ver­dient gemacht: So sym­pa­thisch wie sie schreibt, steht sie ein für kla­re, unauf­ge­reg­te Spra­che, Offen­heit für die Genuss­sei­te des Lebens, für Lesen, für Bestän­dig­keit. Sie zählt auch zu den weni­gen deut­schen Blog­ge­rin­nen, denen gro­ße Ach­tung inner­halb der Blog­go­sphä­re zukommt.

Nur: War­um hat nie­mand ver­sucht zu ver­hin­dern, dass sie so ein Buch schreibt?

Das Buch ist ein Ich-bin-okay-du-bist-okay-Durchhalteparolen-Lebensratgeber (Und das mit dem Ich bin okay, du bist okay kommt im Buch tat­säch­lich vor). Es ist nicht so ver­lo­gen wie die fröh­li­che Mop­pel­li­te­ra­tur, denn da ist die prä­sen­tie­ren­de Auto­rin ja immer um eini­ges mop­pe­li­ger als auf dem Buch­um­schlag, aber es ist lei­der auch ver­lo­gen: Es geht im Buch um die Auf­ga­be von Abnehm­vor­ha­ben zur ver­meint­li­chen Ret­tung der eige­ne Psy­che, nicht um’s Abneh­men oder Dick­sein. Ich hal­te es für pro­ble­ma­tisch, sich für die­se Auf­ga­be Applaus zu holen.

Natür­lich darf und soll­te jeder sei­nen eige­nen psy­cho­lo­gi­schen Haus­halt so arran­gie­ren, dass man gefeit ist gegen Angrif­fe von außen. Das zählt für Dicke so wie für Dün­ne. Ich weiß auch nicht, wer das ange­zwei­felt haben soll­te. Wer aber zu viel wiegt und wem das Zuviel auf die Psy­che schlägt, der soll­te abneh­men, wenn er das Pro­blem lösen will. Das bedeu­tet auch, dass man gegen den eige­nen inne­ren Schwei­ne­hund ankämpft. Wer nun meint, die­ser Kampf sei schon gewon­nen, weil man nach einer Diät weni­ger wiegt, täuscht sich einfach.

Anke Grö­ner schreibt nun in ihrem Buch, man kön­ne die­sen Kampf auf­ge­ben, solan­ge nur die eige­ne Psy­che okay ist. Mit ande­ren Wor­ten: Ver­drän­gung. Kann man. Muss man aber nicht. Gera­de wenn die Kör­per­fül­le am eige­nen Selbst­be­wusst­sein nagt, ist ein gelun­ge­ner Abnehm­ver­such ja ein Erfolg. Der Schlüs­sel lau­tet nicht, wie das Buch weis machen will: Free your mind, and your fat ass will fol­low im Sin­ne von: Ent­las­te dei­ne Psy­che, son­dern Free your mind, and the rest will fol­low im Sin­ne von: Regel dein Ver­hal­ten nach nicht bloß momen­ta­nen Gesichts­punk­ten (wor­un­ter auch eine Kan­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Wor­tes frei fal­len könnte).

Wer ver­drängt, ver­drängt mit dem Pro­blem eben auch die Pro­blem­lö­sung. Das ist die unan­ge­neh­me Wahr­heit, die man im Buch nicht zu lesen bekommt.

Oktober 2017
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