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Vegas, Rob – Ich, Harald Schmidt

buchleserSchlicht verhoben hat sich Rob Vegas mit dieser Pseudo-Biographie des ehemaligen Late-Night-Talkers Harald Schmidt. Dem inspirationslosen Anekdotenmix aus Interviews und eigenen Ideen fehlt genau der Esprit, die Giftigkeit, die Misanthropie, die Harald Schmidt einst ausmachten. Es hätte mehr Mut gebraucht, dem Altmeister nahe zu kommen. Stattdessen plaudert sich Vegas in banaler, dem Subjekt des Buches gar nicht entsprechender Sprache durchs Buch und lässt Schmidts Achillesverse, seine intellektuelle Eitelkeit, komplett aus. Es ist eine Comedy, die angelacht werden muss, und in Buchform gänzlich versagt.

Homering-Elsner, Jörg und Ralf Heimann – Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst: Perlen des Lokaljournalismus * Klolektüre (21)

Die Facebook-Seite Perlen des Lokaljournalismus hat mittlerweile über 190.000 Fans, jetzt gibt es den Schmöker zur Seite. Aber wer die Seite schon kennt, wird nicht sonderlich begeistert sein: Das Buch beinhaltet nur Altbekanntes und die Kommentare zu den Zeitungsschnipseln sind doch sehr kurz.

Dieser Schmöker ist wohl nur was für Leute ohne Internetanschluss, aber wegen der guten Ausgangsidee gibt es von fünf möglichen Klorollen:

Munroe, Randall – What if? * Klolektüre (20)

Dies ist die zweite Webcomic-Reihe von Randall Munroe nach xkcd in Buchform. Es werden diverse außergewöhnliche Fragen so ernst wie möglich behandelt. Jetzt weiß ich also, dass es wahrscheinlicher ist, irgendeine Telefonnummer anzurufen, „Gesundheit“ zu sagen und derjenige, der den Hörer abgenommen hat, hat gerade tatsächlich genießt, als einen 6er im Lotto zu kriegen. Und dass 2060 Facebook wahrscheinlich mehr Profile Toter als Lebendiger hat. Und dass ich durch Teeumrühren das Teewasser nicht zum Kochen bringen kann. Wie wundervoll!

Dieser Schmöker ist ein erhellender, nicht ganz anspruchsloser Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält, da er wohl für jeden etwas Interessantes birgt, von fünf möglichen Klorollen:

Gottwald, Caroline – Ist der Hahn tot, wenn man ihn zudreht? * Klolektüre (19)

Witziger als im Buchtitel wird dieser Schmöker nicht. Die Autorin greift irgendwann nach jedem Strohhalm, um Fragen stellen zu können. Das ist bemüht, aber eben völlig geistlos.

Dieser Schmöker ist zwar kein erhellender, schnell nervender Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Berlin, Katja und Peter Grünlich – Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt * Klolektüre (18)

Dies ist der Nachfolger von Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt und steht diesem in Sachen Humor in nichts nach. Die einzelnen Grafiken sind schnell erfassbar und das Buch als solches schnell durchblätterbar, ohne dass es die Schmunzelgefahr außer Kraft setzen würde.

Dieser Schmöker zwar kein erhellender, dafür ungemein unterhaltsamer Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Scherpe, Mary – An jedem einzelnen Tag

buchleserMary Scherpe ist eine bekannte Modebloggerin. Und sie hat einen Stalker. Der schickt ihr tagtäglich irgendwelche Dinge, mischt sich in ihre Privatleben ein, kontaktiert Freunde, verfolgt sie. In diesem Buch schreibt sie nieder, was passiert ist. Wie sie versucht hat, ihn zu bremsen, ihn zu verstehen, ihm zu helfen. Wie sie scheiterte und wie es ihr zusetzte.

Die Stärke des Buches ist, dass Scherpe nicht in feministische Klischees abwandert, ihre eigene Rolle nicht merklich schönschreibt und sprachlich sehr gut formuliert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles widerfährt, aber auch irritiert, weswegen sie ihn vor Freunden ernsthaft als Affäre kaschiert oder versucht, sich seines Problems anzunehmen.

Das Buch ist nicht moralisierend, nicht objektiv, aber offen und schildert, wie Stalking heutzutage vonstattengeht. Und es ist ein Plädoyer dafür, sich zu wehren, wenn man angegangen wird.

Mary Scherpe, An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker, Bastei Lübbe, 14,99€ (gebundene Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

Kühn, Totte – Am Ende der Wels * Klolektüre (17)

Geburtstagsgeschenke in Buchform können auch Überraschungstreffer sein, deswegen rate ich eigentlich kaum jemand, außer den erfahrenen Fehlschenkern, von Buchgeschenken ab. Eigentlich kann man die Schinken ja auch dann noch irgendwie verwursten als Weitergeschenktes oder so.

Am Ende des Wels von Totte Kühn, der auch bei den Monsters of Liedermaching – hier mal eine Kostprobe – singt, ist so ein Schmöker.

Der Erstling enthält diverse Erzählungen aus dem Leben eines Musikers, realistisch oder ersponnen, da greift alles mal ineinander. Die Geschichten kommen aber so entspannd und nicht überambitioniert daher, dass das Lesen immer wieder Freude bereitet. Auch hebt sich das Sprachniveau und der Einfallsreichtum Kühns angenehm von denen vieler seiner aktuell deutsch singenden Kollegen ab.

Dieser Schmöker ein kurzweiliger, überraschend unterhaltsamer Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Birr, Tilman – Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern zu Besuch hinfahren * Klolektüre (16)

Der Schinken war ein Geburtstagsgeschenk. Man soll mir ja eher nicht so Bücher schenken. Sowas ist immer schwierig, wenn der Beschenker den Beschenkten nicht so kennt. Aber ab und zu passiert das dann doch. Und man liest das dann. War ja ein Geschenk. Und man verzweifelt.

Birr ist Slam Poet. Wobei: Heutzutage schimpft er sich Kabarettist, weil das wohl erwachsener klingt. Und er hat dieses Buch irgendwie geschrieben, was man nur lesen sollte, wenn man sich selbst innerlich einen aufgebrachten Slam Poeten aufleben lässt.

Nüchtern geht’s nicht. Das Buch will hip sein und kommt mit Städtebeschimpfungen an, die andere schon besser vorgemacht haben. Das Buch will lustig sein. Ist es nicht. Zum Verrecken nicht. Es ist ungefähr so, als würde Jan Hofer das Hörbuch zu Die Supernasen einsprechen. Das klingt dann so:

Was haben Stalin, Hitler und Jack the Ripper gemein? Sie alle waren mal Kinder. Das kann doch kein Zufall sein!

Grottig.

Dieser Schmöker ein öder Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Gsella, Thomas – Reiner Schönheit Glanz und Licht Ihre Stadt im Schmähgedicht * Klolektüre (15)

Thomas Gsella hat diverste Städte mit Schmähgedichten bedacht und – sage Bub – Ibbenbüren ist auch mit dabei. Besser gefällt mir ja Düsseldorf, aber das ist sicher auch Geschmackssache.

Das Ganze gibt es online, aber auch zwischen Buchdeckeln. Die Gedichte insgesamt sind mal mehr, mal weniger witzig, oftmals zeigt Gsella allerdings, dass er etwas vom raffinierten Gedichtschreiben versteht.

Somit ist dieser Schmöker ein kurzweiliger, aber respektabler Begleiter auf unserem Donnerbalken und erhält folglich von fünf möglichen Klorollen:

Pirinçci, Akif – Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibbenbürener mal wieder in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijoma Mangolds Verriss von Akif Pirinçcis Deutschland von Sinnen.

Pirinçci hat 1989 mit Felidae einen lesenswerten Katzenkrimi geschrieben, der ein Bestseller wurde. Danach versuchte er diese Romantierform am Köcheln zu halten, was leidlich gelang. Lesenswert ist das alles nicht. Nun hat er seine Homophobie oder sein homophobes Geschwätz, denn als homophob sieht er sich nicht, zusammen mit seiner Islamophobie zwischen Buchdeckel gepresst. Es ist das argumentatives Armutszeugnis eines Hauptschulabsolventen, dem weitere Bildung nie ein Bedürfnis war, so dass er zu einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des Rechtstaats nie gelangt ist. Seine Argumentationsform begrenzt sich auf das Diffamieren der als fundamentalistisch gekennzeichneten Gegenposition, was seine eigene, ebenso bloß daherbehaupteten Positionen als rechtens erweisen soll. Tut es aber nicht. Ein Pamphlet für die Deine-Mudda-Generation und für den Rest ein Fall fürs Altpapier:

Es ist ohnehin ein Skandal und eine bodenlose Frechheit, die indigene Bevölkerung als einen Haufen von reaktionären, Nazis, ja, verhinderten Mördern zu verunglimpfen, sobald sie mitbestimmen möchte, mit welcher Sorte von Menschen sie in ihrem eigenen Land zusammenleben wünscht und mit welcher nicht. (Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirninfarkt schreiben, wenn man nicht verstanden hat, was ein Rechtsstaat im Kern ist.

Mangold lässt sich leider von diesem aufgewiegelten Geschwätz anheizen und vergleicht das Machwerk allen Ernstes, unnötiger Weise und völlig unüberzeugend mit Hitlers Mein Kampf:

Dieses Buch ist das Produkt eines wild gewordenen Autodidakten. Im Bramarbasieren über alles und jedes, in der scheinbar widerstandslosen Herstellung von Evidenz und Zusammenhang, in der triumphalistischen Geste der Entlarvung von medialen Lügengespinsten, in seiner Mischung aus Brutalität und Heulerei erinnert das Buch – ich schwöre, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezogen in meinem Berufsleben – an Adolf Hitlers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hitler hatte eine Agenda, setzte entsprechend um, was er in seinem Buch anspinnte, so hölzern geschrieben es auch ist. Pirinçci schreibt nicht hölzern, sondern er argumentiert brechstangenartig. Mangold heizt so den Shitstorm, den das eigentlich in Rede stehende Buch verkörpert, nur weiter an.

Stefan Willeke reagiert auf die Empörungen zu Mangolds Kritik, indem er Aufmüpfige kontaktiert. Darunter Herrn H. aus Ibbenbüren, der Mangolds Text wohl als „geistigen Dünnpfiff“ charakterisiert hat. In die Fäkalsprache hatte allerdings auch Mangold schon eingestimmt. Der angerufene Herr H. legt zunächst einfach auf, wird aber ein zweites Mal angerufen:

Diesmal sagt er, bevor er auflegt: „Mich interessiert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.“

Schöne Replik, allerdings nicht ganz so überzeugend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redaktion schreibt.

Willeke selbst verfängt sich im Shitstorm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Journalisten der großen Zeitungen, unehrlich? Man muss über uns keine Studien anfertigen, um zu erkennen, dass wir stärker zum rot-grünen Milieu tendieren als die meisten Wähler. Natürlich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natürlich leben wir viel zu oft in denselben bürgerlichen Stadtteilen derselben Großstädte, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Altbau, hohe Decken, Fischgrätparkett. Natürlich leidet unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homogenitätsfalle der urbanen Mittelschicht stecken, wird nicht der Umkehrschluss zulässig, Pirinçci leiste aufrichtige Basisarbeit. Viel unheilvoller ist es, wenn der Demagoge Pirinçci von seiner Bonner Villa aus die Geräusche der Straße imitiert, um damit reich zu werden.

Ach Gottchen. Wer Pirinçci Argumentationsmuster nicht passend analysieren kann, ohne ihm derart Dinge zu unterstellen, der argumentiert für Leser nicht grundlegend anders als Pirinçci selbst. Und wer bitteschön hat nach dieser selbstverliebten Journalistenflanke gefragt?

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