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Alternative zu Fakten

Das Lokalblättchen mein­er Heimat­stadt hat eine son­der­bare Kam­pag­ne ges­tartet, deren Inhalt es ist, dass die Jour­nal­is­ten ihrer Zeitung ange­blich keine Fake-News ver­bre­it­en. Einen dazu gehöri­gen Ausspruch, den man bei der Zeitung offen­bar für richtig hält, habe ich etwas genauer unter die Lupe genom­men:

Zu Fak­ten gibt es keine Alter­na­tive.

Das ist schlicht falsch. Die Alter­na­tiven zu Fak­ten sind Mei­n­un­gen. Und wenn man ger­ade nichts anderes zur Ver­fü­gung hat, sind der­ar­tige Mei­n­un­gen lebenswichtig. Das ist doch ger­ade der Witz in Spielfil­men, bei denen eine Bombe entschärft wer­den soll, der Held kein Fak­ten­wis­sen hat und über eine gescheite Mei­n­ung ver­suchen muss, das Prob­lem zu lösen.

Was man bei der Zeitung wohl eigentlich mein­te — und das ist auch nur eine Ver­mu­tung — ist, dass es keine alter­na­tiven Fak­ten gibt. Das bedeutet, dass es zu darstell­baren Tat­sachen keine alter­na­tiven Erk­lärun­gen gibt, die vom sel­ben Gegen­stand han­deln, und etwas bezo­gen auf eine Tat­sache gegen­sät­zlich­es in richtiger Weise darstel­len. Es ist entwed­er die eine oder die andere Erk­lärung richtig. Bei Ver­schieden­heits­be­haup­tun­gen kommt es oft vor, dass schlicht nicht vom sel­ben Gegen­stand in gle­icher­weise die Rede ist.

An dieser Stelle beste­ht eine Schwierigkeit, mit der Per­so­n­en, die poli­tis­chen Wil­len trotz Fak­ten­lage durch­set­zen wol­len, nutzen kön­nen: Es ist erk­lärungs­bedürftig, wieso eine Tat­sachen­dar­legung nur als Sin­gu­lar­ität gültig sein kann. Ohne eine lange philosophis­che Dar­legung hier zu erörtern: Es hat mit der geisti­gen Ver­an­la­gung des Men­schen zu tun. Es fol­gt die näch­ste Schwierigkeit: Erk­lärun­gen dauern mitun­ter etwas länger. Da schal­ten viele ab, meinen, was nicht ein­fach erk­lär­bar sei, wäre deswe­gen schon falsch. Wenn Sie schon bish­er gele­sen haben, wis­sen sie um den Aufwand, den so ein Lesen mit sich bringt — und wie viele gehen da schon nicht mit.

Wer nun unter­stellt, es gäbe diese Beschaf­fen­heit von Tat­sachen nicht, der erk­lärt alle Tat­sachen zu Mei­n­un­gen. Insofern ist auch gerne von der herrschen­den Mei­n­ung die Rede. Hier kommt hinzu, dass es inzwis­chen unter den Men­schen so viele Fachge­bi­ete gibt, dass nie­mand mehr wie früher in allen Fachge­bi­eten kom­pe­tent ist. Das bedeutet auch Experten haben sich in für sie fach­frem­den Gebi­eten mit Mei­n­un­gen zu behelfen.

Und nach so viel Vor­lauf sind wir beim eigentlichen gesellschaftlichen Prob­lem: Es gibt wirk­lich viele Men­schen, die denken, es gäbe nur Mei­n­un­gen und dementsprechend herrschen­de Mei­n­un­gen.

Ein­er­seits ist es per­sön­lich eine sehr unan­genehme Posi­tion, so etwas wirk­lich zu denken, denn das Erk­lären der Welt anhand von Tat­sachen hat doch noch etwas stark Befriedi­gen­des. Wenn Kinder in der Schule eine Math­eauf­gabe richtig lösen und sie das erken­nen, kriegen sie eben einen Kick, aber lös­brül­len wer­den die Wenig­sten. Dem kommt ein bloß mei­n­ungs­basieren­des Rechthabege­fühl schon nahe, aber während ersteres meist geräuschlos abge­ht, muss z.B. bei den pop­ulis­tis­chen Parteien immer unheim­lich gebrüllt wer­den. Es muss mit Emo­tion aufge­laden wer­den, weil ein Restzweifel, ein skep­tis­ches Unsicher­heits­ge­fühl bleibt: Was ist, wenn meine Mei­n­ung falsch ist? Werde ich dann als Idiot ver­pot­tet? Vor solchen Zweifeln wird auch schnell weg ger­an­nt, indem man schle­u­nigst das The­ma wech­selt — dann kostet es Kri­tik­er ja wieder etwas Zeit, um das neuer­liche The­ma sach­lich richtig auseinan­der zu nehmen. Wer gegen so eine Posi­tion hält, muss eben­so damit rech­nen, angepö­belt zu wer­den.

Ander­er­seits sind Tat­sachen darstell­bar, eben­so die Meth­o­d­en und Grun­dan­nah­men, auf denen sie beruhen. Nicht alles, was als Tat­sache dargestellt wird, ist eine, das ändert nichts daran, dass es Tat­sachen und richtige Tat­sachen­darstel­lun­gen gibt. Um das Mei­n­un­gen von Tat­sachen tren­nen zu kön­nen braucht man Ruhe und eine grundle­gen­de Bil­dung.

Ich hal­te die durchgängige Ein­stel­lung, es gäbe nur Mei­n­un­gen und keine Tat­sachen, für kaum annehm­bar, wenn wir es nicht mit psy­chis­ch stark beein­trächtigten Per­so­n­en zu tun haben. Der Men­sch kann ein­fach seine geistige Beschaf­fen­heit nicht abschüt­teln. So wenig, wie er sich denken kann, er sein nicht Ini­tia­tor von Hand­lun­gen seines Kör­pers. Das ist auch nicht das eigentliche Prob­lem.

Das Prob­lem ist eine Macht­poli­tik, die mit Hil­fe von Pop­ulis­mus Entschei­dun­gen trotz Tat­sachen, aus denen Hand­lungs­maxi­men erwach­sen, die gegen eben diese Entschei­dun­gen sprechen, durch­set­zen will.

Veiel, Andres — Black Box BRD

Dieses Buch ist auch schon wieder alt, aber nicht mal anges­taubt, wie mir scheint. In bezug auf die Ermor­dung Alfred Her­rhausens ist man in den let­zten Jahren kein Stück weit­er gekom­men. In diesem Buch wird erzäh­lerisch das Leben Her­rhausens und das von Wolf­gang Grams, die bei­de im Strudel R.A.F.-Terrors ihr Leben ver­loren. Das Buch ver­glichen mit dem Film ist span­nen­der, dichter, der Film dage­gen mit den Stim­men der Beteiligten und Betrof­fe­nen anschaulicher.

Simsek Semiya, Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

buchleser So langsam kom­me ich mal mein­er Able­selis­te hin­ter­her: Dieses Buch bein­hal­tet Semi­ya Şimşeks Beschrei­bung des Lebens und der Ermor­dung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Fol­gen für ihre Fam­i­lie und erbärm­liche Rolle, die der deutsche Staat bei der Aufar­beitung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schreiben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jahre zurück, und der Prozess gegen das let­zte Mit­glied der für die dazuge­hören­de Mord­serie ver­ant­wortliche Grup­pe, geht dem Ende ent­ge­gen. Und den­noch ist es erschreck­end, wie viele wichtige Fra­gen hierzu offen sind und vielle­icht bleiben.

Dieses Buch ver­schafft einen Ein­blick in die Sit­u­a­tion, wie sie sich für beteiligte Fam­i­lien­ange­hörige, darstellt. Es ver­liert sich nicht in kitschi­gen oder anders sach­frem­den Beschrei­bun­gen, son­dern fokussiert sich auf die Tat und ihre Nach­wirkun­gen. Abgeschlossen wird es von ein­er juris­tis­chen Ein­schätzung der Angele­gen­heit durch die Anwäl­te von Semi­ya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen poli­tis­chen Skan­dal es hier eigentlich geht. Das es bei der ganzen Sache noch keinen einzi­gen Rück­tritt eines zuständi­gen Beamten gegeben hat, ist nicht min­der ver­wun­der­lich, eher aus­sagekräftig.

Ein Plä­doy­er für Gerechtigkeit und dafür, in der Katas­tro­phe Stärke zeigen zu kön­nen.

Konzert: LP, Köln, 30.11.2016

Eines ihrer bei­den Konz­erte in diesem Jahr bestritt Lau­ra Per­golizzi, kurz LP, im Köl­ner Stadt­garten. Stimm­lich wie auf Plat­te hat­te sie ihr Pub­likum im Griff, bevor der erste Ton gesun­gen war. Der Sound war … also so hörte sich das in Madrid an vor schein­bar ver­gle­ich­barem Pub­likum an, in Köln klang das nicht so. Das lang nicht an der Musik, was aber das Konz­ert etwas schwächer erschienen ließ. Ein Erleb­nis war es alle­mal.

[ LP, Stadt­garten, Köln, 300 Gäste. ] 

Schill, Nadine — Hochzeitsplanung für Dummies

Einen ganz guten Überblick über diverse The­men ein­er Hochzeit, so wie man sie heutzu­tage ange­hen soll­te, bietet dieser Schmök­er der Dum­mies-Rei­he. Wobei die Ratschlagge­berei im Detail lei­der schon wieder etwas schwach aus­fällt:

Eine Band kostet in etwa das Drei- bis Vier­fache eines DJs. (…) Eine gute Band hat ein­fach ihren Preis. Hier muss man schon ein wenig den Namen mit­bezahlen. Aus ver­schiede­nen Grün­den ist ein DJ aber ohne­hin fast immer die bessere Wahl: Bands ver­fü­gen oft über kein so großes Reper­toire. Der DJ kann hinge­gen die Charts der let­zten 30 Jahre aus seinem Kof­fer zaubern. Zudem benötigt eine Band viel Platz und sie pro­duziert eine gewis­se Grund­laut­stärke.

Also da haben wir ger­ade eine gegen­teilige Erfahrung gemacht: DJs unter 1000€ – sofern man sie nicht schon ken­nt – sind kaum zu bekom­men, wenn man sicher gehen möchte, dass der- oder diejenige in der Lage ist, Hochzeit­en musikalis­ch im Griff zu haben. Eine Band liegt da nicht weit von ent­fer­nt, man muss auch ger­ade nicht den Namen mit­bezahlen, mein­er Mei­n­ung nach sind passende Bands mitun­ter preiswert.

Und was den Hochzeits­fo­tografen ange­ht:

Der Ama­teur (…) ist unschlag­bar gün­stig. Das wer­den Sie seinen Bildern jedoch auch stets anse­hen. (…) Schlechte Bilder jedoch wer­den Sie ein Leben lang begleit­en!

Das ist der Posten, den wir ger­ade auf Null geschraubt haben, eben weil wir pro­fes­sionelle Fotografen, die wir bis­lang erlebt haben, so gar nicht gut fan­den. Wir set­zen auf den Ama­teur, der Spaß daran hat, sicher nicht nur Fotos machen wird, aber auch, und der sehr wohl pro­fes­sionelle Fotos hin­bekommt.

Kurzum: Die Band­bre­ite der The­men lässt nichts fast nichts zu wün­schen übrig, allerd­ings hät­ten Tipps, wie man ohne Qual­itätsver­lust Einsparun­gen machen kann, dem Buch – das für sich abso­lut preiswert ist — gut getan. Das Buch ist im Umfang der aufgestell­ten Fra­gen und mit diversen unter­schiedlichen Mei­n­un­gen sehr empfehlenswert. Die Antworten – abge­se­hen vom rechtlichen Bere­ich — gibt man sich dann aber besser ein­fach selb­st.

Lichter, Horst — Keine Zeit für Arschlöcher

Nach der Lek­türe dieses Buch­es würde ich sagen: Horst Lichter ist ein herzensguter Rhein­län­der, der im Fernse­hen ein­er der let­zten sym­pa­this­chen Fernseh-Mod­er­a­toren der leicht­en Unter­hal­tung darstellt und der über­flüs­sige Bücher schreibt. Dieser Biogra­phie geht lei­der kom­plett das Ana­lytis­che ab, sie ist zwar aufrichtig, aber kratzt nur an Ober­flächen. Es wird gelit­ten, es wird geweint, es wird gefeiert, es wird was erre­icht. Aber wie man aus Tälern her­auskommt, wie man Erfolg verkraftet, einord­net, wie man zuhört, wie man Arschlöcher erken­nt und umge­ht, wie es der Titel doch irgend­wie anvisiert wird — das alles fehlt in diesem Buch. Alles schwimmt im Unge­fähren. Für Fans eine ein­fühlsame Unter­hal­tung, das war’s aber auch.

Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dachte erst, man müsste die Autor­in eventuell gegen ihre Kri­tik­er in Schutz nehmen, aber allzu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktuel­len Buch mit den aufkeimenden und gediehenen nation­al­is­tis­chen Posi­tio­nen in Deutsch­land und darüber hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möchte für die Vertei­di­gung von Min­der­heit­en im Lichte des Pop­ulis­mus dieser Zeit. Sie bril­liert an den Stel­len, an denen sie Posi­tio­nen als diskri­m­inierend und polemisierend demask­iert, indem sie die Posi­tion unaufgeregt entschlüs­selt. Weniger überzeu­gend ist Emcke allerd­ings in ihrer Einord­nung von Posi­tio­nen in einen his­torischen oder wis­senschaftlichen Kon­text. So bes­timmt sie die “Parteilichkeit der Ver­standeswaage” aus ein­er Textstelle aus Kants “Träume eines Geis­terse­hers”, d.i. ein Text vor dessen so genan­nter kri­tis­chen Phase, als “Vor­ein­genom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betr­e­f­fend­en Stelle im Kan­tis­chen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gion­sphiloso­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig überzeu­gend wie beein­druck­end. Und auch wenn andere Stel­len in ihrer gewoll­ten Belehrung eher ner­ven als ein­nehmen, ist das Buch wegen der Analy­se­fährigkeit der Autor­in empfehlenswert.

Nörgelmöller: Karriereknick

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