Zürich im Herbst

Am Wochen­en­de waren wir zu Besuch in der Schweiz. Und wie der Zufall es so will, haben wir auch in der Woche vor die­sem Kurz­ur­laub Kul­tur­zeit ange­schaut. Ange­prie­sen wur­de die Karl der Gro­ße und die Schweiz-Aus­stel­lung. Da wir zei­tig anka­men, noch ein paar Minu­ten übrig hat­ten und der Ein­tritt eh in unse­rer Fahr­kar­te mit drin war, wid­me­ten wir uns die­ser Zusam­men­stel­lung im Schwei­ze­ri­schen Lan­des­mu­se­um:

_MG_9583


_MG_9584

Einen Blick auf die Aus­stel­lung darf man schon ver­schwen­den, aber oft­mals wur­de der Zusam­men­hang zwi­schen Karl dem Gro­ßen, den Aus­stel­lugns­stü­cken und der Schweiz nicht deut­lich. Irgend­was schien grö­ßer gemacht wer­den zu wol­len. Wie auch immer, wir ver­schwan­den wie­der und pro­me­nier­ten durch die Innen­stadt:

_MG_9597

Man muss sich schon expli­zit ein­groo­ven auf Zürich. Wenn man sich so wie wir blind­links ins gemen­ge stürzt sieht man nur teue­re Ein­kaufs­lä­den und Prei­se. Und irgend­wie denkt man die gan­ze Zeit, das alles gäbe es daheim eh bil­li­ger, wie­so also den Blick ver­wei­len las­sen, wenn die beson­de­ren Hin­gu­cker in den Schau­fens­tern aus­blei­ben?

_MG_9603

Aber farb­lich ist Zürich recht hübsch in die­sem Herbst und die sich durch Zürich zie­hen­de Lim­mat har­mo­niert dazu ganz vor­treff­lich:

_MG_9588

Wir waren dann dann auch noch bereit, der Munk-Ausstellung eine Chan­ce zu geben.

_MG_9590

Aller­dings waren da wie­der die­se Ein­tritts­prei­se auf Züri­cher Niveau. Wir ver­scho­ben den Besuch einer Munk-Ausstellung für’s Ers­te.

Tags dar­auf ver­such­ten wir es noch ein­mal mit der Kunst. Die­ses Mal mit dem Muse­um Riet­berg. Aus­ge­stellt wur­den die teu­ers­ten, zeit­ge­nös­si­schen asia­ti­schen Künst­ler, die wir all­ersamt nicht kann­ten. Daher wird­me­ten wir uns zunächst der blei­ben­den Aus­stel­lung. Und dort zeig­te sich, dass man in der Schweiz wohl doch über so etwas wie Humor ver­fü­gen.

Wie bei die­ser Zusam­men­stel­lung zum Bei­spiel:

_MG_9673

Unter die­sem Schau­kas­ten steht geschrie­ben, was wir hier sehen. Ganz rechts sehen sie die Mas­ke eines Dämons. In der Mit­te, wenn Sie ihren Blick mal dort hin rich­ten, sehen sie die Mas­ke eines Dämons. Das links da ist ein alter Mann.

Stand da so. Muss man glau­ben. Auch bei die­sen eck­bu­si­gen Tiere-auf-dem-Kopf-Trägerinnen hat­ten die Deko­ra­teu­re sohl ihren Spaß, den­ke ich.

_MG_9675

Wie­so zielt sonst die link­te auf die rech­te und die rech­te sinkt getrof­fen in sich?

Ver­wirrt und belus­tigt zogen wir wie­der von Dan­nen und namen einen preis­lich akzep­ta­blen durch Mikro­wel­le auf­ge­wärm­ten Snack in der Metzger- und Wurs­te­rei Zgrag­gen zu uns:

_MG_9694

Der gemei­ne Züri­cher schau­te sich der­weil das Auf­ein­an­der­tref­fen von Ruder­mann­schaf­ten der Uni und der Tech­ni­schen Hoch­schu­le an.

_MG_9688

Oder man ver­speist mit­ge­brach­te Brot­zei­ten am Züri­see. Auch ne Mög­lich­keit.

_MG_9683

Weiterlesen

Ich bin geistig krank

In Deutsch­land hat man das Recht, Tele­diens­te anonym zu ver­wen­den. Bei anony­men Publi­ka­tio­nen weiß man aller­dings nie mit letz­ter Sicher­heit, ob jemand, der anonym etwas ver­öf­fent­licht, die­se Ver­öf­fent­li­chun­gen erfun­den hat oder nicht. Der­zeit gibt es ein Auf­se­hen erre­gen­des Blog eines angeb­lich Mitz­wan­zi­gers, der sei­ne Jugend als Mit­glied der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft Zeu­gen Jeho­vas anonym beschreibt:

Das Fazit ist das glei­che wie immer. Jeho­va ist super, sagt Jeho­va, und wenn wir das, was in der Bibel steht, tun, kom­men wir ins Para­dies. Sagt Jeho­va. Viel mehr ent­neh­me ich der Bibel nicht.

Der Name des Blogs, Geis­tig krank, resul­tiert aus der angeb­li­chen Unter­stel­lung der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, dass Abtrün­ni­ge von den Zeu­gen Jeho­vas als geis­tig krank bezeich­net wer­den. Beim Lesen des Blogs fällt die sprach­li­che Bril­li­anz des Autors auf, die Tex­te lesen sich wie ein span­nen­der Roman.

In man­chen Ver­samm­lun­gen traf man auf eine Aus­wahl der klei­nen Pro­phe­ten samt aller Apos­tel. Und natür­lich min­des­tens eine Sarah. Grob geschätzt hieß jedes drit­te Mäd­chen Sarah. Auf gro­ßen Kon­gres­sen muss­te man glatt durch­num­me­rie­ren. Einen Vor­teil hat­te die­se Namens­pra­xis. Anhand der Vor­na­men konn­te man ganz gut erken­nen, wer “in der Wahr­heit” auf­ge­wach­sen war und wer (oder wes­sen Eltern) Konvertit(en) war(en). Das mag zunächst unwich­tig erschei­nen. Aber als ZJ-Jugendlicher wur­de man regel­mä­ßig dazu ermun­tert, bei einem poten­ti­el­len Ehe­part­ner auf sei­nen Eifer zu ach­ten. Ein bibli­scher Vor­na­me war da schon mal gar nicht so schlecht – zumin­dest, wenn man die Ange­be­te­te den Eltern vor­stell­te.

Ob wahr­heits­ge­treu oder nicht, in jedem Fall eine Lese­emp­feh­lung: geistigkrank.wordpress.com.

Weiterlesen

Journalistische Ausbeutung oder: Die hässliche Seite des amerikanischen Traums

Es war zu erwar­ten, dass der deut­sche Able­ger der Huf­fing­ton Post eben­so wie in ande­ren Län­dern auch in Deutsch­land das Geschäfts­mo­dell ein­set­zen möch­te, Schrei­bern von Arti­keln nichts für ihre Arbeit zu bezah­len. Das ist wohl auch genau­so ein­ge­tre­ten, wie die­ser Link klar macht. Dem kann man direkt nichts bes­ser ent­ge­gen­set­zen als der letz­te Kom­men­ta­tor die­ses Arti­kels bei der Huff­po: Don’t wri­te for free!

Es ist nichts ande­res als die häss­li­che Sei­te des ame­ri­ka­ni­schen Traums: Das vage und ohne Ver­ant­wor­tung aus­ge­spro­che­ne Ver­spre­chen, dass man für die geleis­te­te Arbeit mög­li­cher­wei­se in der Zukunft etwas gewinnt, wäh­rend der Traum­ver­spre­cher direkt sei­nen Gewinn dar­aus zieht. Und die Leu­te, die so etwas betrei­ben sind mora­lisch schon so ver­küm­mert, dass sie kei­ne Skru­pel in die­sen Din­gen mehr ken­nen.

Macht doch jeder. Funk­tio­niert doch pri­ma in Ame­ri­ka, dann kann es woan­ders nicht falsch sein. Kann es doch.

Weiterlesen

Konzert: Christian Steiffen, 9.8.2013, Damme

Es ist schon etwas her, dass ich in Dam­me gewe­sen bin. Es muss so Mitte-Ende der 90er gewe­sen sein. Damals fan­den dort die schu­li­schen Tage reli­giö­ser Ori­en­tie­rung, eine für vie­le eher alko­ho­li­sier­te Selbst­fin­dung, statt. Außer­dem ist Dam­me ja für sei­ne Kar­ne­vals­ver­an­stal­tung bekannt, aber des­we­gen bin ich dort nie hin­ge­fah­ren. Als ich hör­te, dass Chris­ti­an Steif­fen dort auf­tritt, dann sah, dass der Ein­tritt bei 5€ liegt, war das Hin­fah­ren eine aus­ge­mach­te Sache.

Aller­dings war die Hin­fahrt schon ein­stim­mend, denn die Weg­be­schrei­bung der Rah­men­ver­an­stal­tung “Kunst hält Hof” ging etwa so: Bis zur Huf­ei­sen­stra­ße, dann noch eini­ge hun­dert Meter und Kur­ven. Kein Ori­en­tie­rungs­punkt, kei­ne wei­te­re Rich­tung, nüscht. Eini­ge hun­dert Meter über Kur­ven hin­weg inmit­ten von unun­ter­scheid­ba­ren Wie­sen und Fel­dern. Man hät­te auch Han­no­ver so aus­wei­sen kön­nen. Ich bog ein­fach am Ende der Stra­ße links ab und fand auf gut Glück eine Rei­he abge­stell­ter Autos. Das konn­te in Dam­me an einem Frei­tagsom­mer­abend wohl nichts ande­res sein.

Sicher­heits­hal­ber frag­ten wir am Ein­gang einer Scheu­ne, ob hier die Musik spie­le. Man lach­te, stem­pel­te unse­re Hand­ge­len­ke und wir manö­vrier­ten uns über den Bau­ern­hof zu einer Men­schen­an­samm­lung, ja, wie soll ich sagen —

DSCF0010

Ken­nen Sie so Tat­or­te oder alte TKKG-Folgen, bei denen eine Gar­ten­par­ty kunst­af­fi­ner Bil­dungs­bür­ger ein­ge­baut wird, und man das Gefühl hat, für pas­send vie­le Kom­par­sen war wohl kein Geld da? Ich dach­te ja, sol­che Par­tys sei­en rei­ne Erfin­dun­gen für’s Fern­se­hen. So eine Par­ty war das. Das dies ein groß­ar­ti­ger Abend wer­den wür­de, stand schon jetzt fest.

Vor mir stand ein jun­ger Mann mit Kame­ra­um­ge­hän­ge. Das muss­te die Lokal­pres­se sein. Ich frag­te ihn gera­de­r­aus, ob er von der NOZ mir erklä­ren könn­te, wie­so hier nicht so viel Publi­kum sei. Das war schon mal ein Tief­schlag. Er kam gar nicht von der NOZ. Er kam von der OV, der Olden­bur­ger Volk­zei­tung, der Zei­tung für’s Olden­bur­ger Müns­ter­land. Und erklä­ren durf­te dann ich ihm, wer Chris­ti­an Steif­fen ist, dass er OB-Kandidat in Osna­brück sei, dass zwei Fil­me mit sei­ner Musik im Herbst star­te­ten, dass hin­ter uns ein Regis­seur stün­de, der gleich für ein Musik­vi­deo mit­film­te.

Viel wei­ter kamen wir gar nicht, denn der Gast­ge­ber schwang sich auf die Büh­ne, mein­te, reden kön­ne er gar nicht, und stell­te dann die ein­zel­nen Künst­ler und ihre Kunst­form vor, und wo man hier auf dem Bau­ern­hof ihre aus­ge­stell­ten Wer­ke fin­den kön­ne. Gegen die Situa­ti­ons­ko­mik des Länd­li­chen hat man, wenn man zuhört, dann auch kei­ne Chan­ce mehr:

Ja, die X macht dies und das und sie hängt dort in der hin­te­ren alten Scheu­ne an der Wand mit den Schwei­nen.

Spä­tes­tens jetzt hät­te es mich nicht mehr ver­wun­dert, wenn Inga Lür­sen um die Ecke genör­gelt wäre. Statt­des­sen kam der­je­ni­ge, auf den die meis­ten gewar­tet hat­ten, mit Barcadi-Cola aus­ge­stat­tet auf die Büh­ne

DSCF0015

und hat­te sein Publi­kum, das sich um die Büh­ne ver­sam­melt hat­te, und nach direk­ter Anspra­che auch die sit­zen­ge­blie­be­nen Pro­vinz­kunst­in­ter­es­sier­ten, voll im Griff:

Chris­ti­an Steif­fen ist ein Geschenk für Osna­brück.

Für’s Umland natür­lich auch. Die Schla­ger­par­odie mit maffay­schen Anklän­gen ist einer­seits die gewähl­te und inzwi­schen schon fast geleb­te Aus­drucks­form des Künst­lers Har­dy Schwet­ter. Hin­zu kommt aller­dings auch die Per­sön­lich­keit Schwet­ters, der unge­mein char­mant und dis­zi­pli­niert auf­tritt, d.h. nie aus sei­ner Rol­le fällt, und trotz der zur Schau gestell­ten Selbst­ver­liebt­heit der Figur Chris­ti­an Steif­fen nie ver­birgt, wie aus­nahms­los respekt­voll und höf­lich er sei­ne Umge­bung behan­delt.

Was ich damit mei­ne, sieht man am bes­ten in einem Video, das wäh­rend des Kir­chen­ta­ges auf­ge­zeich­net wur­de: Dar­in trollt Schwet­ter als Elvis-Parodie durch die beleb­te Osna­brü­cker Innen­stadt. Als ein klei­ner Jun­ge ihn anhält und wiss­be­gie­rig fragt, wer denn Elvis über­haupt sei, geht Schwet­ter gleich auf Augen­hö­he zum Jun­gen in die Knie, nimmt die gro­ße, bun­te Bril­le ab und ver­sucht ohne den Akzent der eigent­lich gespiel­ten Figur in ein­fa­chen Wor­ten die Fra­ge pas­send zu beant­wor­ten. Ein rich­tig gro­ßer Moment.

Eine Stun­de lang ver­zau­bert Chris­ti­an Steif­fen an die­sem Abend die über­rasch­ten Kunst­in­ter­es­sen­ten und ver­sorgt gleich­zei­tig die Bloß­kon­zert­teil­neh­mer teils mit Par­ty­spaß und Par­ty­bal­sam, denn es fin­den sich auch ein­ge­fleisch­te Schla­ger­lieb­ha­ber am Büh­nen­rand. Chris­ti­an Steif­fen ist eben einer für alle. Oder um es mit sei­nen Wor­ten zu sagen: Ich für Uns.

[ Chris­ti­an Steif­fen und das Ori­gi­nal Haseland-Orchester, aktu­el­le Tour: “Ich kom­me!”, auf der Ver­an­stal­tung “Kunst hält Hof”, Dam­me, 9. August 2013, etwa 160 Zuschau­er ]

Weiterlesen

How to: Einkaufen bei Saturn

Bis­lang habe ich ja noch jeden E-Book-Reader irgend­wann ver­lo­ren. Nun ist mir wie­der mein zwei Jah­re altes Schätz­chen abhan­den gekom­men. Und da ich vor etwa zwei Wochen mei­ner Tan­te einen 39-Ocken-Reader geschenkt hat­te, dach­te ich, ich gehe mal wie­der fix zu Saturn und schaue, ob das gute Ding da noch vor­han­den ist.

Ich sehe also im Osna­brü­cker Saturn den­sel­ben Reader und gehe auf einen Mit­ar­bei­ter, der gelang­weilt am Com­pu­ter rumklickt, um zu fra­gen, ob das der Reader sei, der vor kur­zem für 21€ weni­ger ange­bo­ten wor­den wäre. Der Reader damals sei ein Rest­pos­ten gewe­sen, das Ange­bot sei vor­bei, mein­te der Preis­an­sa­ger, ohne den Blick vom Moni­tor abzu­wen­den. Ein Ver­kaufs­ge­spräch woll­te mir der zumin­dest nicht auf­drän­gen. Ich ging.

Daheim goog­le­te ich mal nach den aktu­el­len Prei­sen. Bil­ligs­ter Preis: 39€, Saturn, plus Ver­sand­kos­ten. Aber auch vor Ort aus­hän­dig­bar. Dann ohne Ver­sand­kos­ten.

Ich las­se mir den jetzt ein­fach mal in Osna­brück hin­ter­le­gen und fra­ge den Preis­an­sa­ger von heu­te, ob er mir den aus­hän­di­gen kann. So geht Ein­kau­fen bei Saturn.

Weiterlesen

Was der Kernkritikpunkt an Norbert Lammerts Dissertation ist

Es war abzu­se­hen, dass auch bei den Pla­gi­ats­vor­wür­fen gegen die Dok­tor­ar­beit von Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert irgend­wann Nebel­ker­zen gewor­den wer­den. Es ist bezeich­nend, dass sich der sich selbst Qua­li­täts­jour­na­lis­mus dafür her­gibt.

Das Schwie­ri­ge an der Ver­tei­di­gung der Pro­mo­ti­on gegen die Vor­wür­fe sind die­se selbst. Wie lau­ten sie? Im Kern: Lam­mert gibt frem­de Rezep­ti­ons­leis­tun­gen, d.h. die Wie­der­ga­ben gele­se­ner Lite­ra­tur, als eige­ne aus. Kann das nach­ge­wie­sen wer­den, sehe ich nicht, wie eine der­ar­ti­ge Pro­mi­ti­on gehal­ten wer­den kann.

Nun hat Nor­bert Lam­mert gemäß den Vor­wür­fen kei­ne wort­wört­li­chen Pla­gia­te began­gen [Kor­rek­tur, 14.00 Uhr: Auch das wird ihm vor­ge­wor­den, s. S. 100 der Dis­ser­ta­ti­on]. Auch das Auf­tau­chen nahe­zu iden­ti­scher Ver­wei­se allein ist kein Pla­gi­at. Die Vor­wür­fe kon­zen­trie­ren sich aber spe­zi­el­ler dar­auf, dass an vie­len Stel­len mit ande­ren Arbei­ten inhalts­glei­che Ana­ly­sen ange­stellt wer­den, bei denen inhalts­glei­che und feh­ler­glei­che Fuß­no­ten nahe­le­gen, dass die dor­ti­gen Anga­ben und Ana­ly­sen unge­prüft und ohne wis­sen­schaft­li­che Eigen­leis­tung über­nom­men wur­den.

Es geht nicht um in den 70er Jah­ren unter­schied­li­che Zitier­ge­pflo­gen­hei­ten oder unzu­rei­chen­de Ein­zel­fuß­no­ten­kenn­zeich­nun­gen, wie die ZEIT sei­nen Lesern weiß­ma­chen will.

Auch bei der FAZ klingt der Nebel­ker­zen­ar­ti­kel zu Lam­mert merk­wür­dig:

Wenig spricht dafür, dass es sich bei Lam­merts Dok­tor­ar­beit um Pla­gia­te han­delt.

Es reicht ja, wenn irgend­et­was stich­hal­tig dafür spricht. Aber es wird noch sku­ri­ler:

Wenn es nach dem der­zei­ti­gen Kennt­nis­stand einen kri­ti­schen Ein­wand gegen die­se Dis­ser­ta­ti­on vor­zu­brin­gen gäbe, dann wäre es die Fall­stu­die am eige­nen CDU-Kreisverband, über des­sen Ent­schei­dungs­pro­zes­se der Autor nicht nur mehr wuss­te als ande­re, son­dern an des­sen Ent­schei­dun­gen er auch selbst betei­ligt war.

Und was ist mit dem Kern­vor­wurf, den die Auto­rin des Arti­kels nicht ein­mal the­ma­ti­siert? Ist der über­haupt zur Kennt­nis genom­men wor­den?

Den Vogel schießt aller­dings Dago­bert Ernst bei der WAZ ab, der den Lammert-Kritiker ein­fach mal mit dem NSA-Skandal gleich­setzt, und so einen Täter­tausch her­bei­zau­bert:

Auch Plagiate-Jagd kann zu einer Form der Bespit­ze­lung wer­den. Nur dass “Big Bro­ther” hier in jedem steckt, der dabei mit­mischt.

Beden­kens­wert, auch wenn der Zusam­men­hang zur Dis­kus­si­on um Nor­bert Lam­merts Dis­ser­ta­ti­on nicht klar ist, ist, was Joa­chim Huber schreibt:

irgend­wann hat es der Dok­to­ren­stand geschafft, den Nicht- Dok­to­ren ein­zu­re­den, dass der Herr Dok­tor und die Frau Dok­to­rin etwas Bes­se­res sind. Fein­geis­ter, Fein­züng­ler, fei­ne Men­schen halt. Poli­ti­ker und Dok­tor, die­se Kom­bi­na­ti­on galt bald als unschlag­bar. Des­we­gen die­se tie­fe Sehn­sucht in den Rei­hen der Kon­ser­va­ti­ven und der Libe­ra­len nach dem „Dr.“ auf dem Wahl­pla­kat.

Weiterlesen

Wie Jörges Kubicki entzauberte

Die gest­ri­ge Fol­ge von Mar­kus Lanz war über­ra­schend gut. Und nein, das hat­te nichts mit dem Mode­ra­tor zu tun, der hat das war­schein­lich gar nicht gemerkt. Wenn die Sen­dung pas­send nach dem Mode­ra­tor ben­nant wor­den wäre, wür­de sie auch Voll dane­ben hei­ßen oder sowas. In der Sen­dung tra­ten der Jour­na­list Hans-Ulrich Jör­ges und der FDP-Politiker Wolf­gang Kubicki auf und Lanz stand immer­hin nicht im Weg – ver­moch­te es aber auch nicht, den Knack­punkt der Sen­dung zu erken­nen und in den Fokus zu stel­len. Für den Zuschau­er ist die Aus­gangs­la­ge einer so besetz­ten Sen­dung schon mal schwie­rig: Das sich immer wie­der­ho­len­de Fern­se­hen war­tet mit wie­der­holt auf­tre­ten­den Gäs­ten auf, Jör­ges und Kubicki sind da Para­de­bei­spie­le. Den­noch war es die­ses Mal anders.

Hans-Ulrich Jör­ges ist nicht grund­sym­path­sisch. Dafür ist er zu hek­tisch, dafür ist er von sich selbst zu begeis­tert, dafür trifft er manch­mal nicht den Punkt genau genug, dafür ist sei­ne Art zu kau­zig.

Der #Jör­ges ist aber auch schwer zu ertra­gen #Lanz

— Sven Hen­nig ✈ (@svhennig) Janu­ar 22, 2013

Das muss aber nicht bedeu­ten, dass er immer unbe­dingt falsch liegt. Manch­mal ist auch er auf der rich­ti­gen Spur. Ges­tern nagel­te er ohne Hil­fe des Mode­ra­tors oder ande­ren Anwe­sen­den Wolf­gang Kubicki fest und wirk­te dabei unsym­pa­thisch wie eh und je. Wer nimmt schon den lus­ti­gen Wolf­gang Kubicki in den Schwitz­kas­ten? Ja, wer eigent­lich – außer Hans-Ulrich Jör­ges?

Die Argu­men­ta­ti­ons­la­ge zwi­schen Jör­ges und Kubicki war gera­de­zu klas­sisch: Drän­gen Sie jeman­den in die Ecke und ver­su­chen Sie ihm das Stand­bein weg­zu­hau­en. Wenn das klappt, haben Sie die Argu­men­ta­ti­on gewon­nen. Wolf­gang Kubicki stell­te sich ges­tern auf sein sym­pt­a­schies, qua humor­vol­les Rhetorik-Standbein, mit dem er sym­pa­ti­scher rüber­kommt als Jör­ges. Aber genau das ent­larvt ihn.

Aber wor­um ging es über­haupt? Die Dis­kus­si­on rank­te um den Zustand der FDP rund um die Neidersachsen-Wahl. Kubicki stell­te es so dar, als gäbe es kei­ne Über­ra­schun­gen, als wäre die Rösler-Brüderle-Charade seit Wochen abge­spro­chen und geplant. Die FDP als über­le­ge­ne Wise-Men-Fraktion. Was für ein schö­nes Bild. Jör­ges hob als ein­zi­ger in die Ker­be, dass die­se Dar­stel­lung nicht über­zeu­gend sei, genau­er: Das die­se Dar­stel­lung nicht wahr­heits­ge­mäß sei.

Wie auch? Bei der Nie­der­sach­sen­wahl ging es medi­al dar­um, ob Phi­lip Rös­ler gestürzt wer­de. Den Ein­druck, dass die­ser wacke­le, erweck­ten Poli­ti­ker wie Rai­ner Brü­der­le und Dirk Nie­bel. Das war kei­ne media­le Erfin­dung. Dass es Que­re­len um die per­so­nel­le Auf­stel­lung gab, bezeu­gen FDP-Politiker. Dass Phil­ipp Rös­ler im Zuge der Auf­stel­lung Brü­der­les zum Spit­zen­kan­di­dat – eine Posi­ti­on, die es für Zip­pert in der FDP gar nicht gibt – sei­nen Par­tei­vor­sitz zur Ver­fü­gung stell­te, bezeu­gen angeb­li­che inne­re Krei­se der FDP. Sol­che unbe­nann­ten Per­so­nen sind natür­lich leich­te Angriffs­zie­le.

Und genau auf die­se Infor­ma­ti­ons­quel­le schoss sich Kubicki ein. Man sol­le doch eher ihm glau­ben als Infor­ma­ti­ons­quel­len, die genau­so­gut erfun­den sein könn­ten und nicht alle Dar­stel­lun­gen von FDP-Politikern sei­en kon­form. Des­we­gen sol­le man ihm, den wahr­haf­tig dort Sit­zen­den, glau­ben. Dass es ihm aller­dings näher ste­hen dürf­te, sei­ne Par­tei in schö­nem Licht dar­zu­stel­len, als kri­tisch zu beleuch­ten, kann sich jeder aus­rech­nen.

Kubi­ckis Dar­stel­lung des inner­nen Krei­ses der FDP als media­le Spin doc­tors ist so rei­zend wie unglaub­wür­dig. Nie­mand Pro­mi­nen­tes außer ihm in der FDP hat der Dar­stel­lung wider­spro­chen, Rös­ler habe nicht sei­nen Füh­rungs­pos­ten zur Ver­fü­gung gestellt. Jör­ges hau­te genau in die­se Ker­be: Wenn die Cha­ra­de aus­ge­macht gewe­sen wäre, hät­te Rös­ler nicht sein Amt zur Ver­fü­gung stel­len müs­sen. Tref­fer, ver­senkt.

Kubicki ver­such­te noch ad audi­to­res, Jör­ges als spe­ku­lie­ren­den Kaf­fee­satz­le­ser dar­zu­stel­len, der ohne dabei gewe­sen zu sein bes­ser Bescheid zu wis­sen glaub­te, als Per­so­nen, die dabei waren. Das mach­te Jör­ges zwar noch hand­kne­tend ner­vös, über­zeug­te aller­dings höchs­tens noch Mar­kus Lanz. Sach­lich hat­te Kubicki da schon längst ver­lo­ren.

Der Auf­tritt der FDP in letz­ter Zeit, der mit sei­nen Que­re­len und Füh­rungs­de­bat­ten unge­schlos­sen wirk­te, zeug­te eher von Unge­schlos­sen­heit als von media­lem Spin­dok­to­ren­tum. Blie­be die Fra­ge, ob es schwe­rer wiegt, wenn die FDP sich selbst täuscht oder das Publi­kum. Über­las­sen wir das doch ein­fach mal den spin­nen­den Dok­to­ren der FDP.

Weiterlesen

Autorengenörgel

Vea Kai­ser, Auto­rin des Romans Blas­mu­sik­pop, hat ihrem Ärger dar­über, dass ihr Buch auf einer Inter­net­sei­te, auf der Links zu ille­gal online ste­hen­den Buchern, vor­kommt, Luft gemacht. Mal­te Wel­ding stell­te den Text zur Dis­kus­si­on auf sei­ne Sei­te, wor­auf ich kri­ti­sier­te, dass es wohl nicht funk­tio­niert, den sich selbst so nen­nen­den Buch­be­frei­ern ins Gewis­sen zu reden:

Nie­mand kauft ein Buch, um die Leis­tung des Autors zu beloh­nen oder um fair zu sein. Der Scha­den bzgl. die­ses Buches kann so groß nicht sein, gemes­sen dar­an, dass er in kei­ner mir bekann­ten Ange­bots­sei­te auf­taucht. Aber immer­hin habe ich von die­sem Buch jetzt über­haupt ein­mal gehört – und das ist wes­sen Ver­dienst? Irgend­wo in die­sem Gestrüpp wird sich eine Lösung ent­wi­ckeln.

Gehört habe ich davon, aber eben auch gele­sen, dass es seicht und naiv sei oder wie Sig­rid Löff­ler schreibt

Nur durch ihre alles über­rum­peln­de Erzähl­freu­de kann Vea Kai­ser die fun­da­men­ta­le Unglaub­wür­dig­keit ihrer Dorf­ge­schich­te in Schach hal­ten. Wer sich nicht wil­lig auf ihren treu­her­zi­gen Erzähl­ton ein­stim­men mag oder kann, dem wird so viel osten­ta­ti­ve Nai­vi­tät bald auf die Ner­ven gehen.

Ja, ich glau­be, da ist genau getrof­fen wor­den, was mich am Lesen sol­cher Lite­ra­tur hin­dert. Aber gut, dar­um geht’s gar nicht.

Nein, nör­geln wird nichts nut­zen, und so lan­ge das Werk nur auf einer klei­ne­ren Sei­te auf­taucht, den­ke ich nicht, dass son­der­lich vie­le Inter­net­nut­zer auf einen Kauf des Buches ver­zich­ten, nur weil ein E-Book dort kos­ten­los rum­schwirrt. Knapp 500 Sei­ten am E-Book-Reader durch­zu­kli­cken ist auch nicht gera­de ein Ver­gnü­gen, aber das mag nur mei­ne Erfah­rung sein.

Wäh­rend­des­sen unkt man in der Sze­ne, 2013 wer­de das Jahr, in dem die Bücher in die gro­ßen Anbie­ter­por­ta­le ille­gal zur Ver­fü­gung gestell­ter Musik und Fil­me auf­tau­chen, sprich: zu die­sem Main­stream auf­schlie­ßen. Das wür­de mich wun­dern, denn einer­seits dau­ert der Kon­sum von Lite­ra­tur län­ger als d

Weiterlesen

Die vorzeitige Adelung von Jakob Augstein

Jakob Aug­stein scheint seit Jah­ren das Ziel zu ver­fol­gen, bedeut­sa­me jour­na­lis­ti­sche Stim­me in Deutsch­land zu wer­den. Und dafür bringt er gute Vorraus­set­zun­gen mit: Ele­gan­tes Auf­tre­ten, einen küh­len Kopf, eine gute ver­ständ­li­che Aus­drucks­wei­se, eine schnel­le Auf­fas­sungs­ga­be, ein pas­sen­des Selbst­be­wußt­sein, ein gro­ßer Nach­na­me. Er kann sich schnell assi­mi­lie­ren, scheut sich aber auch nicht, sich sofort aus­zu­gren­zen, wenn er sich sei­nem Rück­rat ver­pflich­tet sieht. Ein Mann mit For­mat, kei­ne Fra­ge. Er hat nur eine Archil­les­fer­se: Er schreibt kei­ne gro­ßen Tex­te.

Den letz­ten Satz muss man gleich auf­neh­men: 1. Bis­her waren die Tex­te nicht groß, viel­leicht ändert sich das. 2. Was heißt über­haupt, er schrie­be kei­ne gro­ßen Tex­te? Nun, Aug­stein nimmt immer staats­tra­gen­de Tex­te ins Visier, ohne einen eige­nen, tie­fe­ren Gedan­ken, der so woan­ders nicht vor­kommt und sach­lich über­zeugt, in sei­nen Tex­ten instal­lie­ren zu kön­nen. Einen Satz wie die­sen könn­te Aug­stein ärgern, wie es jeden Jour­na­lis­ten mit Anspruch ärgert. Schlimm ist er aller­dings nicht, denn Aug­stein spielt mit sei­nen Tex­ten immer noch in einer hohen Liga, weit ent­fernt von ande­ren.

Jakob Aug­stein – ein Anti­se­mit ?

Ich wür­de zunächst ein­mal Salo­mon Korn zustim­men: Ich habe in Aug­steins Tex­ten auch nichts anti­se­mi­ti­sches gele­sen und ich wür­de auch bei Hen­ryk M. Bro­ders Ana­ly­sen vor­sich­tig sein. Um hier bei der Stan­ge zu blei­ben: Bro­der hat recht, wenn er hier ein Zitat Aug­steins her­vor­hebt und kri­ti­siert. Argu­men­ta­tiv ist die Qui-bono-Variation, die Aug­stein anschlägt, nicht über­zeu­gend, weil aus einem Qui-bono-Gedanken, wie ihn Aug­stein anstellt, allen­falls eine Wahr­schein­lich­keits­an­nah­me, aber eben kei­ne kau­sa­li­tä­re her­aus­kommt. In sei­nem Text – so fin­de ich – erweckt Aug­stein aber genau die­sen Ein­druck einer Kau­sa­li­tät. Bro­ders Schluss aus die­sem Zitat ist, dass, wer so argu­men­tiert wie ein Anti­se­mit, selbst ein Anti­se­mit ist. Die­se Schluss­fol­ge­rung ist aller­dings genau­so pau­schal wie die kri­ti­sier­te Argu­men­ta­ti­on Aug­steins. Ob Aug­stein Anti­se­mit ist oder nicht, lässt sich dar­aus nicht schlie­ßen. Weil das Simon-Wiesenthal-Zentrum ohne eine ade­qua­te Ana­ly­se der Tex­te Aug­steins ver­fährt, ist eben auch die Auf­nah­me Aug­steins in eine Top-10 von anti­se­mi­ti­schen Ver­un­glimp­fern eine Dumm­heit. Rab­bi Abra­ham Cooper ver­weist auf die­sen Text Aug­steins, aber sei­ne Kri­tik ist pau­scha­li­sie­rend und lässt sich so im Text Aug­steins, der für sich genom­men kein Glanz­licht an argu­men­ta­ti­ver Klar­heit ist, nicht wie­der­fin­den. Er recht­fer­tigt zudem nicht, was der Name Aug­stein in die­ser Lis­te zu suchen hat.

Das Abschüt­teln eines Schat­tens

Was aber in die­ser Ange­le­gen­heit pas­siert ist fol­gen­des: Jakob Aug­stein ist dank des media­len Inter­es­ses und der Ver­tei­di­gung Aug­steins durch Bun­des­po­li­ti­ker zu einer bun­des­weit beacht­sa­men jour­na­lis­ti­schen Stim­me auf­ge­stie­gen. Das Auf­tau­chen in die­ser Lis­te scha­det Aug­stein nicht im min­des­ten. Was immer die­se Lis­te bezwe­cken soll­te, der Zweck wur­de ver­fehlt. Aug­stein selbst hat eine solch her­aus­ge­ho­be­ne Posi­ti­on noch nicht ganz ver­dient. Er hät­te in der Ange­le­gen­heit bes­ser auf sei­ne eige­nen, kri­ti­sier­ten Tex­te ein­ge­hen sol­len, – die er aber nur als all­ge­mei­nes Tages­ge­schäft umreißt – und nicht auf Kon­tro­ver­sen um Judith But­ler, wor­aus her­vor­ge­hen soll, dass Israel­kri­ti­kern all­ge­mein Unrecht wider­fährt – so auch ihm. Er liegt auch falsch dar­in, dass es in die­ser Ange­le­gen­heit dar­um gin­ge, Israel­kri­ti­ker mund­tot zu machen. Sei­ne Kri­ti­ker ver­wei­sen schon auf Pas­sa­gen in sei­nen Tex­ten, die argu­men­ta­tiv schlecht aus­ge­ar­bei­tet sind, wor­aus sie aller­dings dann einen Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf ablei­gen.

Ich bin opti­mis­tisch, dass Aug­stein der her­vor­ge­ho­be­nen Stel­lung, die ihm so wider­fährt, gerecht wer­den kann, wenn er sei­ne Argu­men­ta­tio­nen kla­rer dar­legt. Das täte allen Sei­ten gut.

mehr

ZEIT.de: Rab­bi Abra­ham Cooper: “Aug­stein soll­te sich bei den Lesern und dem jüdi­schen Volk ent­schul­di­gen” (auch hier beschränkt sich der Rab­bi auf ein ein­zi­ges Zitat, dass nur unter sei­ner Inter­pre­ta­ti­on als anti­se­mi­tisch gedeu­tet wird. Das ist zu wenig in einer auf­ge­klär­ten Gesell­schaft.)
Salo­mon Korn: Das Wiesenthal-Zentrum kennt die deut­schen Ver­hält­nis­se nicht
— Salonom Korn bezieht sich auf die­sen Arti­kel von Chris­ti­an Bom­ma­ri­us.

Weiterlesen

Auf zum neuen Antiislamismus!

Chris­ti­an Wulffs Rede davon, dass der Islam zu Deutsch­land gehö­re, hat­te vor allem ein Ziel: Die Ent­geg­nung eines Anti­is­la­mis­mus, wie er durch die Gewalt­ta­ten, die Men­schen im Namen des Islam, aber ohne wirk­lich im Koran veri­fi­zier­ba­ren Hin­ter­grund, getä­tigt haben, beför­dert wur­de. Grund­sätz­lich gehört der Islam zu Deutsch­land wie das Chris­ten­tum oder das Juden­tum. Ich sehe nichts, was eine der Glau­bens­rich­tun­gen an sich her­vor­he­ben wür­de. Wulffs Äuße­rung war eine Ein­la­dung an die­je­ni­gen, die sich in Deutsch­land hei­misch füh­len, und eine Absa­ge an die, die Gewalt säen wol­len.

Genau dage­gen schießt sein Nach­fol­ger Gauck, wenn er sagt

Jeder, der hier­her­ge­kom­men ist und nicht nur Steu­ern bezahlt, son­dern auch hier ger­ne ist, auch weil er hier Rech­te und Frei­hei­ten hat, die er dort, wo er her­kommt, nicht hat, der gehört zu uns, solan­ge er die­se Grund­la­ge nicht negiert. Des­halb sind Ein-Satz-Formulierungen über Zuge­hö­rig­keit immer pro­ble­ma­tisch, erst recht, wenn es um so heik­le Din­ge geht wie Reli­gi­on. Da kann ich die­je­ni­gen eben auch ver­ste­hen, die fra­gen: Wo hat denn der Islam die­ses Euro­pa geprägt, hat er die Auf­klä­rung erlebt, gar eine Refor­ma­ti­on? Dafür habe ich Ver­ständ­nis, solan­ge das kei­nen ras­sis­ti­schen Unter­ton hat.

Wie ich das lie­be, wenn Leu­te in drit­ter Per­son spre­chen, um selbst nicht angreif­bar zu sein.

Der Mos­lem Gaucks ist der Hier­her­ge­kom­me­ne, der Frem­de, nicht der Hier­schon­ge­bo­re­ne. Ob der Islam die Auf­klä­rung erlebt hat? Zumin­dest hat die Auf­klä­rung den Islam behan­delt. Und wenn ich mir die Katho­li­sche Kir­che als eine der Reprä­sen­tan­ten des Chris­ten­tums anschaue: Grund­an­nah­men wie die Nicht­gleich­stel­lung der Frau, die Cha­rak­te­ri­sie­rung von Homo­se­xua­li­tät als “Zer­stö­rung des Werk Got­tes”, diver­se Aber­glau­ben wie Wand­lung oder Wie­der­auf­er­ste­hung – das Alles hält der Auf­klä­rung doch gar nicht stand.

Ob der Islam eine Refor­ma­ti­on erlebt hat? Als was wür­den Gauck denn das bezeich­nen, was sich gera­de in diver­sen auto­kra­ti­schen Staa­ten ver­än­dert?

Die Vor­la­ge Gaucks nimmt dann Ulrich Reitz in der WAZ auf:

Natür­lich gehö­ren die vie­len Mus­li­me, die hier leben, zu Deutsch­land. Ob man das aber von der isla­mi­schen Reli­gi­on sagen kann, die, anders als das Chris­ten­tum, einen schmerz­li­chen Pro­zess der Auf­klä­rung erst noch vor sich hat, ist durch­aus zwei­fel­haft.

Aja. Das Chris­ten­tum ist also durch die Wasch­an­la­ge der Auf­klä­rung gefah­ren und gerei­nigt hat es die­se über­stan­den. Wann soll denn das pas­siert sein?

Das Rück­grat der Bun­des­re­pu­blik, das was Rechts­si­cher­heit und Frei­hei­ten bewahrt, ist der Rechts­staat. Und die­ser ist ein Erfolg der Auf­klä­rung – nicht des Chris­ten­tums. Der Islam wird in Gaucks und Reitz’ Wor­ten her­un­ter­ge­re­det, so als bestün­de das Chris­ten­tum nur aus den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ansich­ten des Paps­tes. Es dient der Ver­si­che­rung des eige­nen Stand­punk­tes und sei­ner Abgren­zung zum Islam und ist einer Inte­gra­ti­on ver­schie­de­ner Reli­gio­nen inner­halb eines Rechts­staats ent­ge­gen gesetzt.

Weiterlesen