Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Ich bin geistig krank

In Deutschland hat man das Recht, Teledienste anonym zu verwenden. Bei anonymen Publikationen weiß man allerdings nie mit letzter Sicherheit, ob jemand, der anonym etwas veröffentlicht, diese Veröffentlichungen erfunden hat oder nicht. Derzeit gibt es ein Aufsehen erregendes Blog eines angeblich Mitzwanzigers, der seine Jugend als Mitglied der Religionsgemeinschaft Zeugen Jehovas anonym beschreibt:

Das Fazit ist das gleiche wie immer. Jehova ist super, sagt Jehova, und wenn wir das, was in der Bibel steht, tun, kommen wir ins Paradies. Sagt Jehova. Viel mehr entnehme ich der Bibel nicht.

Der Name des Blogs, Geistig krank, resultiert aus der angeblichen Unterstellung der Religionsgemeinschaft, dass Abtrünnige von den Zeugen Jehovas als geistig krank bezeichnet werden. Beim Lesen des Blogs fällt die sprachliche Brillianz des Autors auf, die Texte lesen sich wie ein spannender Roman.

In manchen Versammlungen traf man auf eine Auswahl der kleinen Propheten samt aller Apostel. Und natürlich mindestens eine Sarah. Grob geschätzt hieß jedes dritte Mädchen Sarah. Auf großen Kongressen musste man glatt durchnummerieren. Einen Vorteil hatte diese Namenspraxis. Anhand der Vornamen konnte man ganz gut erkennen, wer “in der Wahrheit” aufgewachsen war und wer (oder wessen Eltern) Konvertit(en) war(en). Das mag zunächst unwichtig erscheinen. Aber als ZJ-Jugendlicher wurde man regelmäßig dazu ermuntert, bei einem potentiellen Ehepartner auf seinen Eifer zu achten. Ein biblischer Vorname war da schon mal gar nicht so schlecht – zumindest, wenn man die Angebetete den Eltern vorstellte.

Ob wahrheitsgetreu oder nicht, in jedem Fall eine Leseempfehlung: geistigkrank.wordpress.com.

Journalistische Ausbeutung oder: Die hässliche Seite des amerikanischen Traums

Es war zu erwarten, dass der deutsche Ableger der Huffington Post ebenso wie in anderen Ländern auch in Deutschland das Geschäftsmodell einsetzen möchte, Schreibern von Artikeln nichts für ihre Arbeit zu bezahlen. Das ist wohl auch genauso eingetreten, wie dieser Link klar macht. Dem kann man direkt nichts besser entgegensetzen als der letzte Kommentator dieses Artikels bei der Huffpo: Don’t write for free!

Es ist nichts anderes als die hässliche Seite des amerikanischen Traums: Das vage und ohne Verantwortung ausgesprochene Versprechen, dass man für die geleistete Arbeit möglicherweise in der Zukunft etwas gewinnt, während der Traumversprecher direkt seinen Gewinn daraus zieht. Und die Leute, die so etwas betreiben sind moralisch schon so verkümmert, dass sie keine Skrupel in diesen Dingen mehr kennen.

Macht doch jeder. Funktioniert doch prima in Amerika, dann kann es woanders nicht falsch sein. Kann es doch.

Konzert: Christian Steiffen, 9.8.2013, Damme

Es ist schon etwas her, dass ich in Damme gewesen bin. Es muss so Mitte-Ende der 90er gewesen sein. Damals fanden dort die schulischen Tage religiöser Orientierung, eine für viele eher alkoholisierte Selbstfindung, statt. Außerdem ist Damme ja für seine Karnevalsveranstaltung bekannt, aber deswegen bin ich dort nie hingefahren. Als ich hörte, dass Christian Steiffen dort auftritt, dann sah, dass der Eintritt bei 5€ liegt, war das Hinfahren eine ausgemachte Sache.

Allerdings war die Hinfahrt schon einstimmend, denn die Wegbeschreibung der Rahmenveranstaltung „Kunst hält Hof“ ging etwa so: Bis zur Hufeisenstraße, dann noch einige hundert Meter und Kurven. Kein Orientierungspunkt, keine weitere Richtung, nüscht. Einige hundert Meter über Kurven hinweg inmitten von ununterscheidbaren Wiesen und Feldern. Man hätte auch Hannover so ausweisen können. Ich bog einfach am Ende der Straße links ab und fand auf gut Glück eine Reihe abgestellter Autos. Das konnte in Damme an einem Freitagsommerabend wohl nichts anderes sein.

Sicherheitshalber fragten wir am Eingang einer Scheune, ob hier die Musik spiele. Man lachte, stempelte unsere Handgelenke und wir manövrierten uns über den Bauernhof zu einer Menschenansammlung, ja, wie soll ich sagen –

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Kennen Sie so Tatorte oder alte TKKG-Folgen, bei denen eine Gartenparty kunstaffiner Bildungsbürger eingebaut wird, und man das Gefühl hat, für passend viele Komparsen war wohl kein Geld da? Ich dachte ja, solche Partys seien reine Erfindungen für’s Fernsehen. So eine Party war das. Das dies ein großartiger Abend werden würde, stand schon jetzt fest.

Vor mir stand ein junger Mann mit Kameraumgehänge. Das musste die Lokalpresse sein. Ich fragte ihn geraderaus, ob er von der NOZ mir erklären könnte, wieso hier nicht so viel Publikum sei. Das war schon mal ein Tiefschlag. Er kam gar nicht von der NOZ. Er kam von der OV, der Oldenburger Volkzeitung, der Zeitung für’s Oldenburger Münsterland. Und erklären durfte dann ich ihm, wer Christian Steiffen ist, dass er OB-Kandidat in Osnabrück sei, dass zwei Filme mit seiner Musik im Herbst starteten, dass hinter uns ein Regisseur stünde, der gleich für ein Musikvideo mitfilmte.

Viel weiter kamen wir gar nicht, denn der Gastgeber schwang sich auf die Bühne, meinte, reden könne er gar nicht, und stellte dann die einzelnen Künstler und ihre Kunstform vor, und wo man hier auf dem Bauernhof ihre ausgestellten Werke finden könne. Gegen die Situationskomik des Ländlichen hat man, wenn man zuhört, dann auch keine Chance mehr:

Ja, die X macht dies und das und sie hängt dort in der hinteren alten Scheune an der Wand mit den Schweinen.

Spätestens jetzt hätte es mich nicht mehr verwundert, wenn Inga Lürsen um die Ecke genörgelt wäre. Stattdessen kam derjenige, auf den die meisten gewartet hatten, mit Barcadi-Cola ausgestattet auf die Bühne

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und hatte sein Publikum, das sich um die Bühne versammelt hatte, und nach direkter Ansprache auch die sitzengebliebenen Provinzkunstinteressierten, voll im Griff:

Christian Steiffen ist ein Geschenk für Osnabrück.

Für’s Umland natürlich auch. Die Schlagerparodie mit maffayschen Anklängen ist einerseits die gewählte und inzwischen schon fast gelebte Ausdrucksform des Künstlers Hardy Schwetter. Hinzu kommt allerdings auch die Persönlichkeit Schwetters, der ungemein charmant und diszipliniert auftritt, d.h. nie aus seiner Rolle fällt, und trotz der zur Schau gestellten Selbstverliebtheit der Figur Christian Steiffen nie verbirgt, wie ausnahmslos respektvoll und höflich er seine Umgebung behandelt.

Was ich damit meine, sieht man am besten in einem Video, das während des Kirchentages aufgezeichnet wurde: Darin trollt Schwetter als Elvis-Parodie durch die belebte Osnabrücker Innenstadt. Als ein kleiner Junge ihn anhält und wissbegierig fragt, wer denn Elvis überhaupt sei, geht Schwetter gleich auf Augenhöhe zum Jungen in die Knie, nimmt die große, bunte Brille ab und versucht ohne den Akzent der eigentlich gespielten Figur in einfachen Worten die Frage passend zu beantworten. Ein richtig großer Moment.

Eine Stunde lang verzaubert Christian Steiffen an diesem Abend die überraschten Kunstinteressenten und versorgt gleichzeitig die Bloßkonzertteilnehmer teils mit Partyspaß und Partybalsam, denn es finden sich auch eingefleischte Schlagerliebhaber am Bühnenrand. Christian Steiffen ist eben einer für alle. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: Ich für Uns.

[ Christian Steiffen und das Original Haseland-Orchester, aktuelle Tour: „Ich komme!“, auf der Veranstaltung „Kunst hält Hof“, Damme, 9. August 2013, etwa 160 Zuschauer ]

How to: Einkaufen bei Saturn

Bislang habe ich ja noch jeden E-Book-Reader irgendwann verloren. Nun ist mir wieder mein zwei Jahre altes Schätzchen abhanden gekommen. Und da ich vor etwa zwei Wochen meiner Tante einen 39-Ocken-Reader geschenkt hatte, dachte ich, ich gehe mal wieder fix zu Saturn und schaue, ob das gute Ding da noch vorhanden ist.

Ich sehe also im Osnabrücker Saturn denselben Reader und gehe auf einen Mitarbeiter, der gelangweilt am Computer rumklickt, um zu fragen, ob das der Reader sei, der vor kurzem für 21€ weniger angeboten worden wäre. Der Reader damals sei ein Restposten gewesen, das Angebot sei vorbei, meinte der Preisansager, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. Ein Verkaufsgespräch wollte mir der zumindest nicht aufdrängen. Ich ging.

Daheim googlete ich mal nach den aktuellen Preisen. Billigster Preis: 39€, Saturn, plus Versandkosten. Aber auch vor Ort aushändigbar. Dann ohne Versandkosten.

Ich lasse mir den jetzt einfach mal in Osnabrück hinterlegen und frage den Preisansager von heute, ob er mir den aushändigen kann. So geht Einkaufen bei Saturn.

Was der Kernkritikpunkt an Norbert Lammerts Dissertation ist

Es war abzusehen, dass auch bei den Plagiatsvorwürfen gegen die Doktorarbeit von Bundestagspräsident Norbert Lammert irgendwann Nebelkerzen geworden werden. Es ist bezeichnend, dass sich der sich selbst Qualitätsjournalismus dafür hergibt.

Das Schwierige an der Verteidigung der Promotion gegen die Vorwürfe sind diese selbst. Wie lauten sie? Im Kern: Lammert gibt fremde Rezeptionsleistungen, d.h. die Wiedergaben gelesener Literatur, als eigene aus. Kann das nachgewiesen werden, sehe ich nicht, wie eine derartige Promition gehalten werden kann.

Nun hat Norbert Lammert gemäß den Vorwürfen keine wortwörtlichen Plagiate begangen [Korrektur, 14.00 Uhr: Auch das wird ihm vorgeworden, s. S. 100 der Dissertation]. Auch das Auftauchen nahezu identischer Verweise allein ist kein Plagiat. Die Vorwürfe konzentrieren sich aber spezieller darauf, dass an vielen Stellen mit anderen Arbeiten inhaltsgleiche Analysen angestellt werden, bei denen inhaltsgleiche und fehlergleiche Fußnoten nahelegen, dass die dortigen Angaben und Analysen ungeprüft und ohne wissenschaftliche Eigenleistung übernommen wurden.

Es geht nicht um in den 70er Jahren unterschiedliche Zitiergepflogenheiten oder unzureichende Einzelfußnotenkennzeichnungen, wie die ZEIT seinen Lesern weißmachen will.

Auch bei der FAZ klingt der Nebelkerzenartikel zu Lammert merkwürdig:

Wenig spricht dafür, dass es sich bei Lammerts Doktorarbeit um Plagiate handelt.

Es reicht ja, wenn irgendetwas stichhaltig dafür spricht. Aber es wird noch skuriler:

Wenn es nach dem derzeitigen Kenntnisstand einen kritischen Einwand gegen diese Dissertation vorzubringen gäbe, dann wäre es die Fallstudie am eigenen CDU-Kreisverband, über dessen Entscheidungsprozesse der Autor nicht nur mehr wusste als andere, sondern an dessen Entscheidungen er auch selbst beteiligt war.

Und was ist mit dem Kernvorwurf, den die Autorin des Artikels nicht einmal thematisiert? Ist der überhaupt zur Kenntnis genommen worden?

Den Vogel schießt allerdings Dagobert Ernst bei der WAZ ab, der den Lammert-Kritiker einfach mal mit dem NSA-Skandal gleichsetzt, und so einen Tätertausch herbeizaubert:

Auch Plagiate-Jagd kann zu einer Form der Bespitzelung werden. Nur dass „Big Brother“ hier in jedem steckt, der dabei mitmischt.

Bedenkenswert, auch wenn der Zusammenhang zur Diskussion um Norbert Lammerts Dissertation nicht klar ist, ist, was Joachim Huber schreibt:

irgendwann hat es der Doktorenstand geschafft, den Nicht- Doktoren einzureden, dass der Herr Doktor und die Frau Doktorin etwas Besseres sind. Feingeister, Feinzüngler, feine Menschen halt. Politiker und Doktor, diese Kombination galt bald als unschlagbar. Deswegen diese tiefe Sehnsucht in den Reihen der Konservativen und der Liberalen nach dem „Dr.“ auf dem Wahlplakat.

Wie Jörges Kubicki entzauberte

Die gestrige Folge von Markus Lanz war überraschend gut. Und nein, das hatte nichts mit dem Moderator zu tun, der hat das warscheinlich gar nicht gemerkt. Wenn die Sendung passend nach dem Moderator bennant worden wäre, würde sie auch Voll daneben heißen oder sowas. In der Sendung traten der Journalist Hans-Ulrich Jörges und der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki auf und Lanz stand immerhin nicht im Weg – vermochte es aber auch nicht, den Knackpunkt der Sendung zu erkennen und in den Fokus zu stellen. Für den Zuschauer ist die Ausgangslage einer so besetzten Sendung schon mal schwierig: Das sich immer wiederholende Fernsehen wartet mit wiederholt auftretenden Gästen auf, Jörges und Kubicki sind da Paradebeispiele. Dennoch war es dieses Mal anders.

Hans-Ulrich Jörges ist nicht grundsympathsisch. Dafür ist er zu hektisch, dafür ist er von sich selbst zu begeistert, dafür trifft er manchmal nicht den Punkt genau genug, dafür ist seine Art zu kauzig.

Der #Jörges ist aber auch schwer zu ertragen #Lanz

— Sven Hennig ✈ (@svhennig) Januar 22, 2013

Das muss aber nicht bedeuten, dass er immer unbedingt falsch liegt. Manchmal ist auch er auf der richtigen Spur. Gestern nagelte er ohne Hilfe des Moderators oder anderen Anwesenden Wolfgang Kubicki fest und wirkte dabei unsympathisch wie eh und je. Wer nimmt schon den lustigen Wolfgang Kubicki in den Schwitzkasten? Ja, wer eigentlich – außer Hans-Ulrich Jörges?

Die Argumentationslage zwischen Jörges und Kubicki war geradezu klassisch: Drängen Sie jemanden in die Ecke und versuchen Sie ihm das Standbein wegzuhauen. Wenn das klappt, haben Sie die Argumentation gewonnen. Wolfgang Kubicki stellte sich gestern auf sein symptaschies, qua humorvolles Rhetorik-Standbein, mit dem er sympatischer rüberkommt als Jörges. Aber genau das entlarvt ihn.

Aber worum ging es überhaupt? Die Diskussion rankte um den Zustand der FDP rund um die Neidersachsen-Wahl. Kubicki stellte es so dar, als gäbe es keine Überraschungen, als wäre die Rösler-Brüderle-Charade seit Wochen abgesprochen und geplant. Die FDP als überlegene Wise-Men-Fraktion. Was für ein schönes Bild. Jörges hob als einziger in die Kerbe, dass diese Darstellung nicht überzeugend sei, genauer: Das diese Darstellung nicht wahrheitsgemäß sei.

Wie auch? Bei der Niedersachsenwahl ging es medial darum, ob Philip Rösler gestürzt werde. Den Eindruck, dass dieser wackele, erweckten Politiker wie Rainer Brüderle und Dirk Niebel. Das war keine mediale Erfindung. Dass es Querelen um die personelle Aufstellung gab, bezeugen FDP-Politiker. Dass Philipp Rösler im Zuge der Aufstellung Brüderles zum Spitzenkandidat – eine Position, die es für Zippert in der FDP gar nicht gibt – seinen Parteivorsitz zur Verfügung stellte, bezeugen angebliche innere Kreise der FDP. Solche unbenannten Personen sind natürlich leichte Angriffsziele.

Und genau auf diese Informationsquelle schoss sich Kubicki ein. Man solle doch eher ihm glauben als Informationsquellen, die genausogut erfunden sein könnten und nicht alle Darstellungen von FDP-Politikern seien konform. Deswegen solle man ihm, den wahrhaftig dort Sitzenden, glauben. Dass es ihm allerdings näher stehen dürfte, seine Partei in schönem Licht darzustellen, als kritisch zu beleuchten, kann sich jeder ausrechnen.

Kubickis Darstellung des innernen Kreises der FDP als mediale Spin doctors ist so reizend wie unglaubwürdig. Niemand Prominentes außer ihm in der FDP hat der Darstellung widersprochen, Rösler habe nicht seinen Führungsposten zur Verfügung gestellt. Jörges haute genau in diese Kerbe: Wenn die Charade ausgemacht gewesen wäre, hätte Rösler nicht sein Amt zur Verfügung stellen müssen. Treffer, versenkt.

Kubicki versuchte noch ad auditores, Jörges als spekulierenden Kaffeesatzleser darzustellen, der ohne dabei gewesen zu sein besser Bescheid zu wissen glaubte, als Personen, die dabei waren. Das machte Jörges zwar noch handknetend nervös, überzeugte allerdings höchstens noch Markus Lanz. Sachlich hatte Kubicki da schon längst verloren.

Der Auftritt der FDP in letzter Zeit, der mit seinen Querelen und Führungsdebatten ungeschlossen wirkte, zeugte eher von Ungeschlossenheit als von medialem Spindoktorentum. Bliebe die Frage, ob es schwerer wiegt, wenn die FDP sich selbst täuscht oder das Publikum. Überlassen wir das doch einfach mal den spinnenden Doktoren der FDP.

Autorengenörgel

Vea Kaiser, Autorin des Romans Blasmusikpop, hat ihrem Ärger darüber, dass ihr Buch auf einer Internetseite, auf der Links zu illegal online stehenden Buchern, vorkommt, Luft gemacht. Malte Welding stellte den Text zur Diskussion auf seine Seite, worauf ich kritisierte, dass es wohl nicht funktioniert, den sich selbst so nennenden Buchbefreiern ins Gewissen zu reden:

Niemand kauft ein Buch, um die Leistung des Autors zu belohnen oder um fair zu sein. Der Schaden bzgl. dieses Buches kann so groß nicht sein, gemessen daran, dass er in keiner mir bekannten Angebotsseite auftaucht. Aber immerhin habe ich von diesem Buch jetzt überhaupt einmal gehört – und das ist wessen Verdienst? Irgendwo in diesem Gestrüpp wird sich eine Lösung entwickeln.

Gehört habe ich davon, aber eben auch gelesen, dass es seicht und naiv sei oder wie Sigrid Löffler schreibt

Nur durch ihre alles überrumpelnde Erzählfreude kann Vea Kaiser die fundamentale Unglaubwürdigkeit ihrer Dorfgeschichte in Schach halten. Wer sich nicht willig auf ihren treuherzigen Erzählton einstimmen mag oder kann, dem wird so viel ostentative Naivität bald auf die Nerven gehen.

Ja, ich glaube, da ist genau getroffen worden, was mich am Lesen solcher Literatur hindert. Aber gut, darum geht’s gar nicht.

Nein, nörgeln wird nichts nutzen, und so lange das Werk nur auf einer kleineren Seite auftaucht, denke ich nicht, dass sonderlich viele Internetnutzer auf einen Kauf des Buches verzichten, nur weil ein E-Book dort kostenlos rumschwirrt. Knapp 500 Seiten am E-Book-Reader durchzuklicken ist auch nicht gerade ein Vergnügen, aber das mag nur meine Erfahrung sein.

Währenddessen unkt man in der Szene, 2013 werde das Jahr, in dem die Bücher in die großen Anbieterportale illegal zur Verfügung gestellter Musik und Filme auftauchen, sprich: zu diesem Mainstream aufschließen. Das würde mich wundern, denn einerseits dauert der Konsum von Literatur länger als d

Die vorzeitige Adelung von Jakob Augstein

Jakob Augstein scheint seit Jahren das Ziel zu verfolgen, bedeutsame journalistische Stimme in Deutschland zu werden. Und dafür bringt er gute Vorraussetzungen mit: Elegantes Auftreten, einen kühlen Kopf, eine gute verständliche Ausdrucksweise, eine schnelle Auffassungsgabe, ein passendes Selbstbewußtsein, ein großer Nachname. Er kann sich schnell assimilieren, scheut sich aber auch nicht, sich sofort auszugrenzen, wenn er sich seinem Rückrat verpflichtet sieht. Ein Mann mit Format, keine Frage. Er hat nur eine Archillesferse: Er schreibt keine großen Texte.

Den letzten Satz muss man gleich aufnehmen: 1. Bisher waren die Texte nicht groß, vielleicht ändert sich das. 2. Was heißt überhaupt, er schriebe keine großen Texte? Nun, Augstein nimmt immer staatstragende Texte ins Visier, ohne einen eigenen, tieferen Gedanken, der so woanders nicht vorkommt und sachlich überzeugt, in seinen Texten installieren zu können. Einen Satz wie diesen könnte Augstein ärgern, wie es jeden Journalisten mit Anspruch ärgert. Schlimm ist er allerdings nicht, denn Augstein spielt mit seinen Texten immer noch in einer hohen Liga, weit entfernt von anderen.

Jakob Augstein – ein Antisemit ?

Ich würde zunächst einmal Salomon Korn zustimmen: Ich habe in Augsteins Texten auch nichts antisemitisches gelesen und ich würde auch bei Henryk M. Broders Analysen vorsichtig sein. Um hier bei der Stange zu bleiben: Broder hat recht, wenn er hier ein Zitat Augsteins hervorhebt und kritisiert. Argumentativ ist die Qui-bono-Variation, die Augstein anschlägt, nicht überzeugend, weil aus einem Qui-bono-Gedanken, wie ihn Augstein anstellt, allenfalls eine Wahrscheinlichkeitsannahme, aber eben keine kausalitäre herauskommt. In seinem Text – so finde ich – erweckt Augstein aber genau diesen Eindruck einer Kausalität. Broders Schluss aus diesem Zitat ist, dass, wer so argumentiert wie ein Antisemit, selbst ein Antisemit ist. Diese Schlussfolgerung ist allerdings genauso pauschal wie die kritisierte Argumentation Augsteins. Ob Augstein Antisemit ist oder nicht, lässt sich daraus nicht schließen. Weil das Simon-Wiesenthal-Zentrum ohne eine adequate Analyse der Texte Augsteins verfährt, ist eben auch die Aufnahme Augsteins in eine Top-10 von antisemitischen Verunglimpfern eine Dummheit. Rabbi Abraham Cooper verweist auf diesen Text Augsteins, aber seine Kritik ist pauschalisierend und lässt sich so im Text Augsteins, der für sich genommen kein Glanzlicht an argumentativer Klarheit ist, nicht wiederfinden. Er rechtfertigt zudem nicht, was der Name Augstein in dieser Liste zu suchen hat.

Das Abschütteln eines Schattens

Was aber in dieser Angelegenheit passiert ist folgendes: Jakob Augstein ist dank des medialen Interesses und der Verteidigung Augsteins durch Bundespolitiker zu einer bundesweit beachtsamen journalistischen Stimme aufgestiegen. Das Auftauchen in dieser Liste schadet Augstein nicht im mindesten. Was immer diese Liste bezwecken sollte, der Zweck wurde verfehlt. Augstein selbst hat eine solch herausgehobene Position noch nicht ganz verdient. Er hätte in der Angelegenheit besser auf seine eigenen, kritisierten Texte eingehen sollen, – die er aber nur als allgemeines Tagesgeschäft umreißt – und nicht auf Kontroversen um Judith Butler, woraus hervorgehen soll, dass Israelkritikern allgemein Unrecht widerfährt – so auch ihm. Er liegt auch falsch darin, dass es in dieser Angelegenheit darum ginge, Israelkritiker mundtot zu machen. Seine Kritiker verweisen schon auf Passagen in seinen Texten, die argumentativ schlecht ausgearbeitet sind, woraus sie allerdings dann einen Antisemitismusvorwurf ableigen.

Ich bin optimistisch, dass Augstein der hervorgehobenen Stellung, die ihm so widerfährt, gerecht werden kann, wenn er seine Argumentationen klarer darlegt. Das täte allen Seiten gut.

mehr

ZEIT.de: Rabbi Abraham Cooper: “Augstein sollte sich bei den Lesern und dem jüdischen Volk entschuldigen” (auch hier beschränkt sich der Rabbi auf ein einziges Zitat, dass nur unter seiner Interpretation als antisemitisch gedeutet wird. Das ist zu wenig in einer aufgeklärten Gesellschaft.)
Salomon Korn: Das Wiesenthal-Zentrum kennt die deutschen Verhältnisse nicht
– Salonom Korn bezieht sich auf diesen Artikel von Christian Bommarius.

Auf zum neuen Antiislamismus!

Christian Wulffs Rede davon, dass der Islam zu Deutschland gehöre, hatte vor allem ein Ziel: Die Entgegnung eines Antiislamismus, wie er durch die Gewalttaten, die Menschen im Namen des Islam, aber ohne wirklich im Koran verifizierbaren Hintergrund, getätigt haben, befördert wurde. Grundsätzlich gehört der Islam zu Deutschland wie das Christentum oder das Judentum. Ich sehe nichts, was eine der Glaubensrichtungen an sich hervorheben würde. Wulffs Äußerung war eine Einladung an diejenigen, die sich in Deutschland heimisch fühlen, und eine Absage an die, die Gewalt säen wollen.

Genau dagegen schießt sein Nachfolger Gauck, wenn er sagt

Jeder, der hierhergekommen ist und nicht nur Steuern bezahlt, sondern auch hier gerne ist, auch weil er hier Rechte und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der gehört zu uns, solange er diese Grundlage nicht negiert. Deshalb sind Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit immer problematisch, erst recht, wenn es um so heikle Dinge geht wie Religion. Da kann ich diejenigen eben auch verstehen, die fragen: Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation? Dafür habe ich Verständnis, solange das keinen rassistischen Unterton hat.

Wie ich das liebe, wenn Leute in dritter Person sprechen, um selbst nicht angreifbar zu sein.

Der Moslem Gaucks ist der Hierhergekommene, der Fremde, nicht der Hierschongeborene. Ob der Islam die Aufklärung erlebt hat? Zumindest hat die Aufklärung den Islam behandelt. Und wenn ich mir die Katholische Kirche als eine der Repräsentanten des Christentums anschaue: Grundannahmen wie die Nichtgleichstellung der Frau, die Charakterisierung von Homosexualität als “Zerstörung des Werk Gottes”, diverse Aberglauben wie Wandlung oder Wiederauferstehung – das Alles hält der Aufklärung doch gar nicht stand.

Ob der Islam eine Reformation erlebt hat? Als was würden Gauck denn das bezeichnen, was sich gerade in diversen autokratischen Staaten verändert?

Die Vorlage Gaucks nimmt dann Ulrich Reitz in der WAZ auf:

Natürlich gehören die vielen Muslime, die hier leben, zu Deutschland. Ob man das aber von der islamischen Religion sagen kann, die, anders als das Christentum, einen schmerzlichen Prozess der Aufklärung erst noch vor sich hat, ist durchaus zweifelhaft.

Aja. Das Christentum ist also durch die Waschanlage der Aufklärung gefahren und gereinigt hat es diese überstanden. Wann soll denn das passiert sein?

Das Rückgrat der Bundesrepublik, das was Rechtssicherheit und Freiheiten bewahrt, ist der Rechtsstaat. Und dieser ist ein Erfolg der Aufklärung – nicht des Christentums. Der Islam wird in Gaucks und Reitz’ Worten heruntergeredet, so als bestünde das Christentum nur aus den fundamentalistischen Ansichten des Papstes. Es dient der Versicherung des eigenen Standpunktes und seiner Abgrenzung zum Islam und ist einer Integration verschiedener Religionen innerhalb eines Rechtsstaats entgegen gesetzt.

Warum es höchste Zeit war, Harald Schmidt abzusetzen

Weil er scheißenlangweilig war.

Das muss jetzt mal raus: Die Sendung von Harald Schmidt ist seit Jahren auf dem bräsigen Niveau, dass man gemeinhin 3sat nachsagt. Erst kommt eine 5-minütige Stand-up-Nummer, deren Witzart sich seit 15 Jahren nicht verändert hat. Immer diese Ödnisse der Form „Hasse nicht gesehen ist das-und-das-und-das. Man nennt ihn jetzt schon Rums-di-bums.“ Und dann kommen Gesinnungslacher. Auch die Interviews sind zu 90% öde Zeittotschlagerei, dürftiges Satzpingpong mit Leuten, die Harald Schmidt nicht die Bohne interessiert, die aber ob ihres aktuellen Bekanntheitsgrades oder angeblichen Zuschauergemoches auf dem Hartstuhl platz nehmen dürfen.

Ein geistreicher Zuschauer hoffe also auf die Lücke zwischen Stand-up und Gästebegrüßung und da war seit Jahren auch nur ein uninspiriertes Weißhaupt zu sehen, das einen entfernt an einen spitzzüngigen Moderator der 90er erinnert hat. Was ist aus dem eigentlich geworden?

Die Harald-Schmidt-Show, ob bei ARD oder Sat1, war immer nur ein nicht eingehaltenes Versprechen.

Es ist schon irritierend, wie so eine schlechte Sendung, der immer wieder Geistreichheit unterstellt wird, nur weil es daran den Hauptsendern ermangelt, zum Zeichen des Todes der Ironie hochgejubelt wird. Ihre Verblendung wird der Autorin gar nicht mehr bewußt. Da wird jeder Wortwitz gleich zur Ironie umgedeutet. Wie fürchterlich. Andererseits diskreditiert man dadurch ironiereiche, aber nicht so maßlos übertrieben hochgehypte Programme wie quer.

Sicherlich ist das Restprogramm von Sat1, das Schmidt hinterlässt, noch unterirdischer – aber zum großen Teil auch billiger. Und wer unbedingt einmal die Woche Ironie im Fernsehen möchte, der schaue quer. Oder die Mitternachtsspitzen. Oder die Kabarettprogramme auf 3sat.

So wenig wie Schmidt hinterläßt Gottschalk mit seiner Vorabendsendung eine Lücke. Sie hinterlassen Platz.

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