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Die Halbwertszeit der New York Times

Irgendwie hat es jeder schon gehört, dass es in diesem Jahr zu deutlichen Veränderungen kommt, aber wie das genau ablaufen soll, ist noch unklar. In Deutschland redet man bisher öffentlich nur von Kurzarbeit, heute kam die Meldung rein, bei SAP stünden 600 Arbeitsplätze durch Nichtwiedereinstellung auf der Kippe. Die Arbeitslosenzahlen sind stärker gestiegen als gedacht, was aber auch auf den Winter zurückgeführt wird. Klingt nicht gut, aber auch nicht so dramatisch wie die 25.000 Arbeitsplätze, die die Niederlande in den vergangenen Monaten schon verloren hat.

Wirtschaftlich krieselt es auch bei den Zeitungen. Außerdem ist dies ein Bereich, der es mit grundsätzlichen Veränderungen zu tun bekommen wird. Viele Leute lesen im Internet, was sie nicht zusätzlich auf Papier kaufen werden. Viele schreiben im Internet, wodurch vielen die Zeit fehlt, sich noch auf eine Zeitung zu konzentrieren.

Besonders hart scheint es da derzeit die New York Times zu treffen.Das Magazin The Atlantic befasst sich in seiner diesmonatigen Ausgabe mit den Fragen, wie lange diese Zeitung noch durchhält. 2007 hatte das Blatt begonnen, seine Artikel vollständig online zu publizieren, um attraktiver für Werbekunden zu werden. Aber der Schuss scheint nach hinten gegangen zu sein.

Das Wallstreet Journal vermeldete in der vergangenen Woche, dass der mexikanische Milliardär Carlos Slimm Retter der Zeitung würde und 250 Mio. in die New York Times pumpt. Kurz danach wurde allerdings bekannt, dass dieses Geld mit 14,5% verzinst ist. Der Zeitung muss es also schon sehr dreckig gehen, wenn man einen derartigen Kredit annehmen muss.

Atlantic-Autor Michar Hirschhorn unkt, dass die New York Times bereits in Kürze durch Google, CBS oder Microsoft übernommen und ausgeschlachtet werden k?nnte. Was ein Albtraum für die Zeitungswirtschaft.

Wer von den deutschen Zeitungen dran glauben wird müssen, das scheint noch offen zu sein. Ausschließen ist da aber nichts. Mich persönlich würde wohl das Ende einer kleineren Zeitung inhaltlich wenig stören. Sicher, sollte die FAZ derart ausgeschlachtet werden, wäre das schon stark gewöhnungsbedürftig. Aber deren neumoderner Hang, die Popkultur zu huldigen, ist auch schon gewöhnungsbedürftig.

9 Jahre lang habe ich früher gerne die Wochenzeitung Die Woche gelesen, bis sie eingestellt wurde. Die Zeitung sollte langfristig Konkurrenz zu Die Zeit werden, was aber nicht geklappt hat. Wie Marcel Reich-Ranicki ihr damals bescheinigte, fehlte ihr einfach die Leserschaft, neben den etablierten Zeitung brauchte man keine weitere. So sehr ich Die Woche auch mochte, das marktregulierende Argument des Literaturpapstes musste ich gelten lassen. Dabei war es die erste größere Zeitung, die bunte Bilder veröffentlicht hat. Am längsten wehrte sich die FAZ dagegen, aber mittlerweile ist dies der Standard. Auch dass man ein kleineres Format verwendete war neu. Aber all das war nicht geschäftstüchtig: Die Woche machte jährlich 500.000€ minus.

Vielleicht ist dies eh ein Erlebnis, dass man künftig nicht mehr haben wird: Eine sich etablierende, neue Zeitung.

Mediale Unabhängigkeit

Verena Friederike Hasel hat im Tagesspiegel einen Patchwork-Artikel über Blogs veröffentlicht. Interessanterweise wurde sich auf den Artikel in der Blogosphäre kaum bezogen. Nur Spreeblick und Coffee&TV rümpften etwas ihr pekiertes Näschen.

Dabei ist der Artikel, wie ich finde, schön geschrieben. Und man sollte ihn auch als Patchwork-Artikel lesen. Sie versucht zwar auch einen generellen Ausblick über die Blogs und was sie noch lernen müssen zu geben, aber das klappt irgendwie nicht. Kann man auch ignorieren. Sie wirft einen sachlichen Blick auf Blogs, durch die Augen einer Leserin, die nun nicht über alle Maßen blogaffin ist. Dazu passt es nicht, die Position im Artikel zu wechseln und irgendwelche Wertigkeiten ins Spiel zu bringen. Hätte man auch nicht müssen. Aber egal.

Hasel kratzt aber an zwei Dingen, die ich ganz interessant finde. Einerseits, die von ihr abgelehnte „Bühne der Freiheit“, die Blogs darstellen – wer immer das auch behaupten mag. Andererseits die Frage, weswegen Blogs in Deutschland sich nicht so durchgesetzt haben.

Über Freiheit hatte ich es ja schon einmal. Hasel lässt ihren Gedanken aber verkümmern. Blogs seien keine „Bühne der Freiheit“, weil der Blog von Pax erst durch den Guardian gehypt werden musste. Und eine weitreichende Verbreitung von Blogs stünde entgegen, dass sie zuviel Information böten, als dass eine größere Anzahl von Lesern die Muße hätten, sie zu durchstöbern.

Es ist völlig unklar, weswegen Blogs nun keine „Bühne der Freiheit“, was immer damit gemeint sein soll, sind und ob beide nachfolgenden Gedanken dagegen sprächen. Damit meint man doch eine publizistische Unabhängigkeit. Gewährt im allergrundlegensten Fall durch kostenlose Bloganbieter. Zeitungen dürfen sich ja viel eher die Frage stellen, ob sie eher eine „Bühne der Freiheit“ sind, wenn es sich heutzutage keine einzige Tageszeitung leisten kann, nicht über das Dschungelcamp zu berichten. Blogs können das. Ohne Probleme. Und ohne zu befürchten, dass man deswegen out werden würde. Die Blogs leisten sich genau die journalistische Freiheit, mit denen Zeitungen einst angefangen sind. Vielleicht sind Zeitungsmacher weniger über Blogs, sondern über den Verlust des eigenen früheren Status‘ so sauer.

Der zweite interessante Gedanke Hasels dreht sich um die thematische Bedeutungslosigkeit deutscher Blogs. Diese Diskussion gibt es in anderen Ländern eben so. Immer wird der Vergleich mit Amerika angestrebt, dort seien Blogs viel tiefer verankert. Dort spielen aber auch Radiosendungen politisch eine bedeutsamere Rolle als in Deutschland. Niemand beschwert sich um die Bedeutungslosigkeit von WDR 4.

In der Tat sind die bekanntesten deutschen Blogs erschreckend seicht. Hasel unkt, dass könna damit zusammen hängen, dass bisher kein spektakulärer Coup gelandet worden sei, was damit zusammenhängen könnte, dass Deutsche wenig blogaffin seien. Auch kein sonderlich überzeugender Schluss. Blöd für die Zeitungen bleibt weiterhin, dass in Blogs die Gefahr lauert, dass sie an Niveau deutlich zulegen.

Ich denke eher, dass deutsche Zeitungen doch ziemlich gut sind. Was wirklich politisch relevant ist, wird von denen aufgegriffen und durch kluge Köpfe wiedergegeben. Die gegenseitige Konkurrenz spornt da auch an. Das ist doch gut. Deutschlandinterne Themen sind also quasi vergeben an Zeitungen, wenn die schon nicht einmal mehr ihre Pfoten von Popkulturscheiss wie dem Dschungelcamp lassen können.

Derzeit wären deutschlandexterne aber deutschlandrelevante Themen ein Freiplatz. Es gibt viele Krisengebiete, die in deutschen Zeitungen nicht unterkommen, weil die zuständigen Redakteuere meinen, sie hätten keinen Platz dafür.

Es ist schon sonderbar, dass deutsche Zeitungsleser derzeit besser über die Lage im Dschungelcamp informiert sind als über die Lage der Hutus und Tutsis. Und komme mir nun niemand mit, das eine sei doch nun Feuilleton und das andere der Politikteil. Wie zynisch möchten Sie werden? Statt Leuten bei der Zivilisation zu helfen, entzivilisiert man lieber zur Unterhaltung abgehalfterte Ex-Stars. Und die Zeitungen müssen darüber schreiben. Sie müssen es. Verstehen Sie? Sie müssen es:

TAZ, FAZ, Süddeutsche, Tagesspiegel, Welt, NOZ, Die ZEIT, Frankfurter Rundschau, Berliner Morgenpost, Rheinische Post, Hamburger Abendblatt, General Anzeiger Bonn, Neuß-Grevenbroicher Zeitung, Berliner Zeitung, Augsburger Allgemeine, Wetterauer Zeitung, tz, Mitteldeutsche Zeitung, Kölner Express und und und.

Dies scheint aber nur ein Virus zu sein, das deutsche Zeitungen anheimfällt. Die Neue Züricher Zeitung kann auch seit 3 Jahren ganz gut ohne.

Damit fällt aber auch das Argument der Unübersichtlichkeit von diversen Blogs, aus denen der User mühevoll seine Informationen heraussuchen muss. In Zeitungen muss er mittlerweile genauso filtern, um neben Dschungelcamp-artigen Berichten und Werbung das Interessante zu finden.

Stan Angeloff: Can we have too much information?

Stan Angeloff aka @insaned wrote a text on the topic Can we have too much information?, which is for sure worth reading. I’m not with him in any detail, but it’s a well written text.

Die Grashalmgrapscher

guembel

Jetzt ist also mit Thorsten Schäfter-Gümbel schon der nächste SPD-Politiker da, der über Twitter irgendwie versucht, Publizität zu bekommen. Und nach Hubertus Heil will erneut Sascha Lobo, eifrig Parteisoldat, dieses beflügeln. Letzterer hatte schon im Dezember über den Twitter-Auftritt von Heil in der Süddeutschen behauptet, es sei ein großer Erfolg gewesen. Im Gegenzug wurde Lobo von der Süddeutschen ein Vorreiter in Sachen Twitter genannt. Schön zu lesen, mit welcher Leichtigkeit hier irgendwelche Begriffe in Texte geschmissen werden, deren Aussagekraft an nichts verständlich gemacht wird. Um einen Vorreiter im Sine von „Pionier“ wird es sich wohl kaum handeln. Vielleicht um einen Vorreiter der Apokalypse, wenn man sich die Apokalypse etwas wegdenkt.

Wie auch immer. Dieses Vorgehen scheint sowieso ein Trend bei SPD und anderen zu sein. In keiner anderen Partei werden ja gerade soviele Leute verheizt. Ypsilanti, Heil, Schäfer-Gümbel. Alles Personen, die irgendwann irgendwie ohne auf ihrer Persönlichkeit gegründetes Interesse im Scheinwerferlicht stehen und die Zeit der Anleuchtung nicht zu nutzen wissen, um Inhalte rüber zu bringen. Und wenn das Licht dann wieder gedimmt wird, sitzen sie wieder im Dunkeln. Da kann man noch so lange versuchen, irgendwelche Trends aufzuspüren und zu denken, man müsse doch nur Teil einer Trendbewegung sein, um Erfolg zu haben, genau dieser wird sich nicht einstellen. Es erinnert mich fast an die 80er, in denen schamlos irgendwelche Popsongs aus dem Englischen hahnebüchend ins Deutsche übersetzt wurden („Moonlight Shadow“). Das funktionierte so lange einigermaßen gut, bis die Angesprochenen das Prinzip verstanden hatten, bis sie ebenso auf die Originale zugreifen konnten und auf die Raubkopie verzichteten.

Um diese Aktion noch etwas zu beweihräuchern, wurde Schäfer-Gümbel über Twitter von Robert Basic interviewt. Wenn Sie jetzt fragen: Ja, was qualifiziert denn Robert Basic eigentlich dazu, Schäfer-Gümbel zu interviewen, ist das ganz einfach zu beantworten: Ungefähr das, was Schäfer-Gümbel qualifiziert, Ministerpräsident von Hessen zu werden oder das, was den Ex-Blogger Lobo qualifiziert, über andere Blogs zu richten: Der Glaube an deren Qualifikation. Unter Beweis gestellt wird das nicht. Das ist auch gar nicht vorgesehen. Fans in den eigenen Reihen gibt es schließlich genug:

spdadmin

Aber es dauert wohl noch einige Zeit, bis die ehemalige Volkspartei SPD lernt. Bis sie lernt, dass das Konzept, jemanden einfach zu bestimmen, im Scheinwerferlicht zu stehen, und ihm danach irgendwelche Trends auf den Hals zu drücken, nicht aussreicht, um Politik zu betreiben.

Barack Obama hat um Glaubwürdigkeit gekämpft, nicht um Trends. Trends stellten sich zwar sicherlich ein, aber erst nachdem Glaubwürdigkeit in gewissem Maße hergestellt war und weiterhin angestrebt wurde. Er hat sich eben nicht, wie die SPD, durch platte Formulierungen und Aufmerksamkeitsgeheische um die Glaubwürdigkeit gebracht. Das ist der große Unterschied zwischen erfolgreichen Originalen und ihren Coverversionen.

P.S.
Ganz putzig ist aber die Titanic, die, kaum hat Schäfer-Gümbel angekündigt in Saalburg zu sein, seinen Doppelgänger sagen lässt, er gebe jetzt dort eine Lokalrunde.

Tool time

Zwischen penetrant gutgelaunten Holländern, den charmezerfließenden Franzosen, den rassigen Italienern, den nordisch coolen Schweden und den braungebrannten Spaniern machen wir männlichen Deutsche keine allzu gute Figur in Europa.
Wir sind die Pünktlichen. Die Genauen. Die Adretten. Na, super. Da sehe ich schon, wie die für Europa zuständige Männerbegutachtungsbeamtin den Deutschen mitleidig ansieht und fragt: „Haben sie denn nicht noch irgendetwas, das man interessant ausdrücken könnte?“ Das wird schwierig, nachdem man der Klatt(sch)-Presse in den letzten Wochen entnehmen durfte: Selbst die Schweizer sind geiler als wir.

Vielleicht sollten sich die deutschen Männer in diese Rolle fügen. Alle? Nein, nicht alle. Manche Männer entfliehen spontan dem Alltagsallerlei, brechen aus, lassen es zu, den Erst des Lebens Ernst sein zu lassen und twittern:

werkzeugkasten2

Bei Ereignissen wie der Sonnenfinsternis oder vorbeifliegenden Kometen trifft man manchmal auf das Vergnügen einer natürlichen Volksbelustigung. Man weiß, es schauen noch dutzende andere Menschen gerade nach draußen. Dutzend andere, die – ihrer Mickrigkeit bewußt – staunend den Blick an den Nachthimmel richten.
PatPossible erinnert an dieses wundersame Beisammensein. Und das Schöne dabei ist, seine Ankündigung könnte durchaus wahr sein.

Denn weil wir alle wissen, dass Werkzeugkästen nicht selbstleuchtend sind und auch immer so niedrig fliegen, dass sie durch keinen anderen Stern oder die Sonne angestrahlt werden, ist es sowieso schwer, sie zu sehen, wenn sie da draußen fliegen. PatPossible weiß ja auch nur, dass das Schauspiel 4 Minuten dauert, irgendwann zwischen 18 und 20 Uhr.

Ja, das klingt abgefahren, aber wenn es in ein paar Jahren nach Helloween und Martinsumzug einen neuen Feiertag gibt, an dem begeisterte Kinder bunte, kleine Werkzeugkisten durch die Luft werfen, um an jenen Abend zu erinnern, dann wundert sich keiner mehr.

Ich jedenfalls habe rausgeschaut an diesem Abend. Man weiß ja nie.

Der Prognostiker

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Am vergangenen Sonntag hat sich STERN-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges bei Alexander Kluge hingesetzt und gemeint, man hätte die Finanzkrise kommen sehen können. Er habe dies schon in einem kritischen Artikel im September 2007 getan. Angela Merkel sei seitens der Amerikaner in Kenntnis gesetzt worden, dass 3 Billionen Dollar auf der Kippe stehen, „vernichtet“ zu werden. Merkel und Steinbrück, die seiner Ansicht nach alles alleine auskungeln, hätten einschreiten können. Hätten einschreiten müssen. Hätten das Finanzgebaren intensiver kontrolieren und regulieren müssen. Stattdessen habe man die Hände in den Schoß gelegt und nichts getan. Ein Jahr lang nichts.

Jetzt klingt das irgendwie so, als ob Merkel nur ihr Superman-Kostüm aus dem Schrank rausholen hätte müssen und schon wäre die Krise innerhalb eines Jahres für Deutschland wesentlich abgefederter angekommen. Dabei ist Jörges‘ Kommentar bei weitem nicht so alarmierend, wie er ihn zu lesen scheint. Er klingt darin eher wie der Ausplauderer von Schlechtwetterhalbwahrheiten, die kein Leser genau einzuschätzen vermag. Ein Appell an die Regierung lese ich schon gar nicht daraus.

Aber okay, so gut kenne ich mich mit den politischen Chancen vergangener Tage nicht aus. Aber Jörges nahm, wie ansatzweise auch schon in seinem Artikel, noch die Gelegenheit wahr, das Finanzgebaren als Kulturzeitenwende zu deuten. Es werde entweder so sein, dass solche Bohlensendungen im Fernsehen noch schlimmer werden würden oder es gäbe eine vollkommene Abkehr von derartigen Sendungen. Die Überbewertung von Geld führt nach Jörges also zu einer Unterbewertung von Kultur. Das Übermaß des Einen erniedrigt das andere. Ying und Yang.

So sieht es der Chefredakteur des STERN, einem Lifestyle-Magazin, das sich nun wirklich wie kein anderes Blatt aktiv gegen die Bohlens dieser Welt engagiert.

Lycos Europe: Das Bertelsmann-Debakel

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Es wurde immerhin heute mehr über Lycos geredet als in den vergangenen Jahren. Lycos Europe wird in die Internetgeschichte eingehen als ein Witz der Dot-Com-Boom-Phase. Und um es gleich zu sagen, es ist heute sehr schlimm für die Mitarbeiter. Von denen habe ich gehört, dass man intensiv am und im Unternehmen arbeite und es wurde wieder und wieder das gute Klima im Unternehmen gelobt. Es gibt gute Gründe, den Untergang von Lycos als schade zu bezeichnen. Auf Christoph Mohn möchte ich nicht rumhauen, das werden andere zur Genüge tun.
Was aber zum Ende von Lycos Europe auch festgehalten werden kann, ist, und dafür ist Mohn sicher irgendwie verantwortlich, wenn auch nicht allein, dass die althergebrachte Bertelsmann-Strategie gefloppt ist: Der Gedanke, Kunden vorzusetzen, was die kaufen sollen (was in den 90ern im Internet noch klappte), anstelle den Kunden aufs Maul zu schauen, und deren Interessen mit adequaten (Internet-)Diensten zu unterstützen. Sowas mag im Buchclub funktionieren, im Internet eben nicht. Bertelsmann hat im Internet, soweit ich weiß, nie Erfolg gehabt. Lycos ist da wohl nur derzeit die Spitze des Eisbergs. Mag ich mit der Einschätzung auch voll daneben liegen, wir haben es hier mit einem derben Imageschaden für Bertelsmann und die Marke Lycos zu tun.

Dabei hatten sie durchaus Chancen. Der Lycos-Chat hat vor einigen Jahren genau die Nutzer angespült, die so heiß umkämpft gewesen sind: Junge, dynamische Leute, die miteinander in Kontakt treten wollten, auf durchaus anspruchsvolle Weise. Der Lycos-Chat unterschied sich von allen anderen durch Dinge, die Dienste wie Twitter auch verwenden, und die damals neu waren: Ein direktes Mitteilungssystem, eine eigene Darstellungsseite, Statistiken über Benutzer, die die eigene Seite anschauten. All das, was für viele StudiVZ-Nutzer Neuland bedeutete.

Und was machte Lycos? Man versuchte den Chat zu monetarisieren. Nutzer sollten Geld bezahlen für die Statistiken und andere Eigenschaften des Systems. Und was machten die Nutzer? Sie sagten in Scharen Lycos Lebewohl. Sie ließen sich nicht das andrehen, was scheinbar auch kostenlos zu kriegen sein kann. Lycos hat eine erfolgversprechende Idee leichtfertig zum Versuch des Monetarisierens aus der Hand gegeben. Ein Versuch, der schon zuvor oft genug gescheitert war. Das müsste das sein, was Mohn verstehen müsste, wenn er sagt Lycos habe es nicht geschafft, seine Dienste zu monetarisieren. Weil niemand darauf geschaut hat, wer die Großzahl potentieller Kunden ist und was die wohl interessiert, wenn klar ist, dass man denen nicht irgendwas zum Bezahlen aufs Auge drücken kann. Mohn hat im letzten Jahr ausgerufen, man wolle nun auf web2.0-Strategien bauen. Davon ist nichts geblieben. Stattdessen trat zeitgleich Twitter seinen Siegeszug an – mit Strategien, die bei Lycos nach 12 Jahren im Internetgeschäft längst bekannt sein hätten müssen.

Müssen. Aber auf diese und diverse andere Managementfehler ist wohl zurück zuführen, dass von den 672 Millionen Euro aus der Dot-Com-Boom-Phase noch etwa 140 übrig geblieben sind. Das ist ein Minus von 500 Millionen €. Und auch wenn es aus Gründen der Umrechnung nicht mehr nötig ist, so lassen sie sich die Zahl doch noch einmal auf der Zunge zergehen: Eine Milliarde DM.

Und damit Schluss für’s Erste. Auf zu neuen Ufern, liebe Lycosianer. Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne.

lycos2

edit: Mohn sagt in einem ersten Statement, man habe nicht mit Google mithalten können. Das stimmt sicherlich, aber war das denn der Gegner? Oder war man nicht vielmehr selbst sein größter Gegner?

Und wo ich „rumhacken“ schreibe, für sowas findet sich immer jemand.

Man müsste was unternehmen

Immer wenn ich nach Bielefeld fahre, bleiben mir etwa 20 Minuten am Bahnhof, bevor es für mich weitergeht. Und als ob Bielefeld bei nassem, düsterem Wetter nicht schon ernüchternd genug wäre, ist am Hauptbahnhof ziemlich wenig los. Wenn es kalt ist, zieht es mich entweder in die Thalia-Buchhandlung dort oder in den McDonald’s. Beides keine Wahl par excellence, aber da drin ist es halt warm.

Heute nun stiefelte ich wieder die Bahnhofstreppe hoch, durfte mich auf der Anzeigetafel am Eingang davon informieren lassen, dass meine Anschlußstadtbahn geraaade weggefahren ist und schlug schlurfend den Weg zu McDonald’s ein. Und wie ich so schlurfte überholte mich links eilig ein etwa 10cm größerer Mann im dunklen Mantel, wehenden Schals das amerikanische Billigessenparadies erobern wollend. Er erreichte gut 20 Meter vor mir die Eingangstüren des Burgervertickers, drückte sich – den Schwung mitnehmend – aufbäumend gegen die eisernen Türschlaufen und hopste abgewiesen wieder zu Boden. Er drückte ungläubig nochmal, aber die Tür gab wieder nicht nach. Er stellte seinen Aktenkoffer ab und schob seinen Stoffhut mit Ripsband etwas nach oben. Er drückte – nichts. Die Tür blieb zu. Ungläubig schaute er zu den grobmotorischen Tablettträgern im Innern des Restaurants, dann wieder auf die Tür, drückte die linke Tür ebenso erfolglos, versetzte dann dem Türgriff einen Schlag mit der Hand und brüllte lauthals:
„So eine Scheiße!“

In die abrupte aufgekommene Stille rund um den Eingang war jetzt die Frage getreten, ob man eine schnelle Kehrtwende vollzieht und einfach den anderen Eingang an der Straße nimmt oder ob man der Dinge harrt, die da kommen werden. Aber bevor ich mir überhaupt eine Meinung bilden konnte, hatte sich der Türschubser auch schon umgedreht und schaute mich wutschnaubend an: „Alles läuft hier falsch! Es ist zum Kotzen! Nichts funktioniert in Deutschland! Es ist alles kaputt! Und dann kommt die Merkel und wirft Geld aus dem Fenster! Jaaa, daaaaafür hamse Geld. Aber unsereins muss sehen, wo er bleibt. Aber es sagt ja niemand was. Sie sagen ja auch nichts.“

Ich nickte im Geiste.

„Und die, die es könnten, die machen nichts. Und dann die Linken! Es ist doch alles lächerlich. Lächerlich ist das! Man darf gar nicht drüber nachdenken. Man regt sich nur auf! Das könnte denen so passen, ja das könnte denen so passen. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir! Da muss man doch was unternehmen! Eine ganz große Scheiße ist da am Laufen!“

Ich harrte ihn an.

„Achhrrr“ sagte der Wutmensch, zog seinen Hut etwas mehr ins Gesicht, warf mir eine wegwischende Handbewegung zu, schnappte sich seinen Aktenkoffer und schritt von dannen. Und damit ermöglichte er mir die freie Sicht auf die zwei kleinen Schilder, die an beiden Türen mittig angebracht waren: „Ziehen.“

Straßenfeger

Bielefeld wird gerne als Inbegriff von Provinz verwendet. Selbst in Orten, die noch provinzieller daherkommen als Bielefeld. Das ist einerseits der Inhalt der Bielefeld-Verschwörung, der andere ist der Nerv-Faktor, den dieser ‚Witz‘ Bielefeldern bereitet, wenn darauf Anspielende meinen, sie erzählten einen guten, geradezu neuen Witz.
Bei der Luhmann-Preisverleihung an Dworkin durch Habermas verwendete der Oberbürgermeister Bielefelds in Anwesenheit dieser Personen der Zeitgeschichte eine geschlagene Viertelstunde auf den Nachweis, Bielefeld sei eben keine Provinz. Es gibt wohl keinen besseren Beweis dafür, dass Bielefeld Provinz ist, als dass man für die Ausbreitung der Gegenthese länger als eine Viertelstunde braucht.
Das Provinzielle wird aber kaum ein Bielefelder bestreiten. Dabei ist die Möglichkeit der Mobilität, denke ich, wesentlich bedeutsamer für die Darstellung des eigenen qualitativen Lebensstils als der momentane Aufenthaltsort.
Aber es gibt Kleinigkeiten, da spielt sich das Provinzielle eben aus. Jeder Bielefelder, zum Beispiel, kennt die „Begleitmusik“ der Stadtbahn. Steigt man an der Endhaltestelle aus, knarzt eine Frauenstimme beharrlich „Mobil sagt tschüss, bis zum nächsten Mal.“. Und ich glaube, genauso beharrlich, lässt sich der gemeine Stadtbahnfahrer nicht ernsthaft von einer Tonbandstimme grüßen.
Zum anderen wird an der Haltestelle „Hauptbahnhof“ eine Klingeltonversion Beethovens Für Elise zur Vertreibung der ortsansässigen Penner verwendet. Der Erfolg dieser Aktion ist, dass man die Penner sage und schreibe 5 Meter links und rechts in die Flucht geschlagen hat. Wenn überhaupt. Wäre ich Initiator ihrer, würde ich sagen, die Aktion ist suboptimal gelaufen, das Ziel eigentlich verfehlt. Müsste das der Verantwortliche nicht auch denken? Nur dann nicht, wenn es gar kein Ziel gegeben hat oder das Ziel oder die Aktion vergessen wurde. Sowas ist in der Provinz aber eben okay. Ein Aufmucken wird es da so wenig geben wie Danksagungen irgendwelcher Bürger: „Liebe Stadt Bielefeld, vielen Dank für diesen Beethoven-Klingelton, der die Penner nervt. Er nervt uns zwar noch mehr, da er uns das elendige Rumstehen an der düsteren Haltestelle frühzeitig ankündigt. Aber diese akustische Belästigung ist eigentlich nichts gegen die vormals visuelle.“
Anhand derartiger Aktionen manifestiert sich Provinzialität, gesehen als Rückständigkeit, wesentlich intensiver als an geographischer Lage.
Dass man die Straßen Bielefelds auch anders leergefegt bekommt, durfte little_james beim EM-Spiel Portugal gegen Deutschland feststellen:

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