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Die Halbwertszeit der New York Times

Irgend­wie hat es jeder schon gehört, dass es in die­sem Jahr zu deut­li­chen Ver­än­de­run­gen kommt, aber wie das genau ablau­fen soll, ist noch unklar. In Deutsch­land redet man bis­her öffent­lich nur von Kurz­ar­beit, heu­te kam die Mel­dung rein, bei SAP stün­den 600 Arbeits­plät­ze durch Nicht­wie­der­ein­stel­lung auf der Kip­pe. Die Arbeits­lo­sen­zah­len sind stär­ker gestie­gen als gedacht, was aber auch auf den Win­ter zurück­ge­führt wird. Klingt nicht gut, aber auch nicht so dra­ma­tisch wie die 25.000 Arbeits­plät­ze, die die Nie­der­lan­de in den ver­gan­ge­nen Mona­ten schon ver­lo­ren hat.

Wirt­schaft­lich krie­selt es auch bei den Zei­tun­gen. Außer­dem ist dies ein Bereich, der es mit grund­sätz­li­chen Ver­än­de­run­gen zu tun bekom­men wird. Vie­le Leu­te lesen im Inter­net, was sie nicht zusätz­lich auf Papier kau­fen wer­den. Vie­le schrei­ben im Inter­net, wodurch vie­len die Zeit fehlt, sich noch auf eine Zei­tung zu konzentrieren.

Beson­ders hart scheint es da der­zeit die New York Times zu treffen.Das Maga­zin The Atlan­tic befasst sich in sei­ner dies­mo­na­ti­gen Aus­ga­be mit den Fra­gen, wie lan­ge die­se Zei­tung noch durch­hält. 2007 hat­te das Blatt begon­nen, sei­ne Arti­kel voll­stän­dig online zu publi­zie­ren, um attrak­ti­ver für Wer­be­kun­den zu wer­den. Aber der Schuss scheint nach hin­ten gegan­gen zu sein.

Das Wall­street Jour­nal ver­mel­de­te in der ver­gan­ge­nen Woche, dass der mexi­ka­ni­sche Mil­li­ar­där Car­los Slimm Ret­ter der Zei­tung wür­de und 250 Mio. in die New York Times pumpt. Kurz danach wur­de aller­dings bekannt, dass die­ses Geld mit 14,5% ver­zinst ist. Der Zei­tung muss es also schon sehr dre­ckig gehen, wenn man einen der­ar­ti­gen Kre­dit anneh­men muss.

Atlantic-Autor Michar Hirsch­horn unkt, dass die New York Times bereits in Kür­ze durch Goog­le, CBS oder Micro­soft über­nom­men und aus­ge­schlach­tet wer­den k?nnte. Was ein Alb­traum für die Zeitungswirtschaft.

Wer von den deut­schen Zei­tun­gen dran glau­ben wird müs­sen, das scheint noch offen zu sein. Aus­schlie­ßen ist da aber nichts. Mich per­sön­lich wür­de wohl das Ende einer klei­ne­ren Zei­tung inhalt­lich wenig stö­ren. Sicher, soll­te die FAZ der­art aus­ge­schlach­tet wer­den, wäre das schon stark gewöh­nungs­be­dürf­tig. Aber deren neu­mo­der­ner Hang, die Pop­kul­tur zu hul­di­gen, ist auch schon gewöhnungsbedürftig.

9 Jah­re lang habe ich frü­her ger­ne die Wochen­zei­tung Die Woche gele­sen, bis sie ein­ge­stellt wur­de. Die Zei­tung soll­te lang­fris­tig Kon­kur­renz zu Die Zeit wer­den, was aber nicht geklappt hat. Wie Mar­cel Reich-Ranicki ihr damals beschei­nig­te, fehl­te ihr ein­fach die Leser­schaft, neben den eta­blier­ten Zei­tung brauch­te man kei­ne wei­te­re. So sehr ich Die Woche auch moch­te, das markt­re­gu­lie­ren­de Argu­ment des Lite­ra­tur­paps­tes muss­te ich gel­ten las­sen. Dabei war es die ers­te grö­ße­re Zei­tung, die bun­te Bil­der ver­öf­fent­licht hat. Am längs­ten wehr­te sich die FAZ dage­gen, aber mitt­ler­wei­le ist dies der Stan­dard. Auch dass man ein klei­ne­res For­mat ver­wen­de­te war neu. Aber all das war nicht geschäfts­tüch­tig: Die Woche mach­te jähr­lich 500.000€ minus.

Viel­leicht ist dies eh ein Erleb­nis, dass man künf­tig nicht mehr haben wird: Eine sich eta­blie­ren­de, neue Zeitung.

Mediale Unabhängigkeit

Vere­na Frie­de­ri­ke Hasel hat im Tages­spie­gel einen Patchwork-Artikel über Blogs ver­öf­fent­licht. Inter­es­san­ter­wei­se wur­de sich auf den Arti­kel in der Blo­go­sphä­re kaum bezo­gen. Nur Spree­blick und Coffee&TV rümpf­ten etwas ihr pekier­tes Näschen.

Dabei ist der Arti­kel, wie ich fin­de, schön geschrie­ben. Und man soll­te ihn auch als Patchwork-Artikel lesen. Sie ver­sucht zwar auch einen gene­rel­len Aus­blick über die Blogs und was sie noch ler­nen müs­sen zu geben, aber das klappt irgend­wie nicht. Kann man auch igno­rie­ren. Sie wirft einen sach­li­chen Blick auf Blogs, durch die Augen einer Lese­rin, die nun nicht über alle Maßen blo­gaf­fin ist. Dazu passt es nicht, die Posi­ti­on im Arti­kel zu wech­seln und irgend­wel­che Wer­tig­kei­ten ins Spiel zu brin­gen. Hät­te man auch nicht müs­sen. Aber egal.

Hasel kratzt aber an zwei Din­gen, die ich ganz inter­es­sant fin­de. Einer­seits, die von ihr abge­lehn­te “Büh­ne der Frei­heit”, die Blogs dar­stel­len — wer immer das auch behaup­ten mag. Ande­rer­seits die Fra­ge, wes­we­gen Blogs in Deutsch­land sich nicht so durch­ge­setzt haben.

Über Frei­heit hat­te ich es ja schon ein­mal. Hasel lässt ihren Gedan­ken aber ver­küm­mern. Blogs sei­en kei­ne “Büh­ne der Frei­heit”, weil der Blog von Pax erst durch den Guar­di­an gehypt wer­den muss­te. Und eine weit­rei­chen­de Ver­brei­tung von Blogs stün­de ent­ge­gen, dass sie zuviel Infor­ma­ti­on böten, als dass eine grö­ße­re Anzahl von Lesern die Muße hät­ten, sie zu durchstöbern.

Es ist völ­lig unklar, wes­we­gen Blogs nun kei­ne “Büh­ne der Frei­heit”, was immer damit gemeint sein soll, sind und ob bei­de nach­fol­gen­den Gedan­ken dage­gen sprä­chen. Damit meint man doch eine publi­zis­ti­sche Unab­hän­gig­keit. Gewährt im aller­grund­le­gens­ten Fall durch kos­ten­lo­se Blog­an­bie­ter. Zei­tun­gen dür­fen sich ja viel eher die Fra­ge stel­len, ob sie eher eine “Büh­ne der Frei­heit” sind, wenn es sich heut­zu­ta­ge kei­ne ein­zi­ge Tages­zei­tung leis­ten kann, nicht über das Dschun­gel­camp zu berich­ten. Blogs kön­nen das. Ohne Pro­ble­me. Und ohne zu befürch­ten, dass man des­we­gen out wer­den wür­de. Die Blogs leis­ten sich genau die jour­na­lis­ti­sche Frei­heit, mit denen Zei­tun­gen einst ange­fan­gen sind. Viel­leicht sind Zei­tungs­ma­cher weni­ger über Blogs, son­dern über den Ver­lust des eige­nen frü­he­ren Sta­tus’ so sauer.

Der zwei­te inter­es­san­te Gedan­ke Hasels dreht sich um die the­ma­ti­sche Bedeu­tungs­lo­sig­keit deut­scher Blogs. Die­se Dis­kus­si­on gibt es in ande­ren Län­dern eben so. Immer wird der Ver­gleich mit Ame­ri­ka ange­strebt, dort sei­en Blogs viel tie­fer ver­an­kert. Dort spie­len aber auch Radio­sen­dun­gen poli­tisch eine bedeut­sa­me­re Rol­le als in Deutsch­land. Nie­mand beschwert sich um die Bedeu­tungs­lo­sig­keit von WDR 4.

In der Tat sind die bekann­tes­ten deut­schen Blogs erschre­ckend seicht. Hasel unkt, dass kön­na damit zusam­men hän­gen, dass bis­her kein spek­ta­ku­lä­rer Coup gelan­det wor­den sei, was damit zusam­men­hän­gen könn­te, dass Deut­sche wenig blo­gaf­fin sei­en. Auch kein son­der­lich über­zeu­gen­der Schluss. Blöd für die Zei­tun­gen bleibt wei­ter­hin, dass in Blogs die Gefahr lau­ert, dass sie an Niveau deut­lich zulegen.

Ich den­ke eher, dass deut­sche Zei­tun­gen doch ziem­lich gut sind. Was wirk­lich poli­tisch rele­vant ist, wird von denen auf­ge­grif­fen und durch klu­ge Köp­fe wie­der­ge­ge­ben. Die gegen­sei­ti­ge Kon­kur­renz spornt da auch an. Das ist doch gut. Deutsch­land­in­ter­ne The­men sind also qua­si ver­ge­ben an Zei­tun­gen, wenn die schon nicht ein­mal mehr ihre Pfo­ten von Pop­kul­tur­scheiss wie dem Dschun­gel­camp las­sen können.

Der­zeit wären deutsch­land­ex­ter­ne aber deutsch­land­re­le­van­te The­men ein Frei­platz. Es gibt vie­le Kri­sen­ge­bie­te, die in deut­schen Zei­tun­gen nicht unter­kom­men, weil die zustän­di­gen Redak­teue­re mei­nen, sie hät­ten kei­nen Platz dafür.

Es ist schon son­der­bar, dass deut­sche Zei­tungs­le­ser der­zeit bes­ser über die Lage im Dschun­gel­camp infor­miert sind als über die Lage der Hutus und Tut­sis. Und kom­me mir nun nie­mand mit, das eine sei doch nun Feuil­le­ton und das ande­re der Poli­tik­teil. Wie zynisch möch­ten Sie wer­den? Statt Leu­ten bei der Zivi­li­sa­ti­on zu hel­fen, ent­zi­vi­li­siert man lie­ber zur Unter­hal­tung abge­half­ter­te Ex-Stars. Und die Zei­tun­gen müs­sen dar­über schrei­ben. Sie müs­sen es. Ver­ste­hen Sie? Sie müs­sen es:

TAZ, FAZ, Süd­deut­sche, Tages­spie­gel, Welt, NOZ, Die ZEIT, Frank­fur­ter Rund­schau, Ber­li­ner Mor­gen­post, Rhei­ni­sche Post, Ham­bur­ger Abend­blatt, Gene­ral Anzei­ger Bonn, Neuß-Grevenbroicher Zei­tung, Ber­li­ner Zei­tung, Augs­bur­ger All­ge­mei­ne, Wet­ter­au­er Zei­tung, tz, Mit­tel­deut­sche Zei­tung, Köl­ner Express und und und.

Dies scheint aber nur ein Virus zu sein, das deut­sche Zei­tun­gen anheim­fällt. Die Neue Züri­cher Zei­tung kann auch seit 3 Jah­ren ganz gut ohne.

Damit fällt aber auch das Argu­ment der Unüber­sicht­lich­keit von diver­sen Blogs, aus denen der User mühe­voll sei­ne Infor­ma­tio­nen her­aus­su­chen muss. In Zei­tun­gen muss er mitt­ler­wei­le genau­so fil­tern, um neben Dschungelcamp-artigen Berich­ten und Wer­bung das Inter­es­san­te zu finden.

Stan Angeloff: Can we have too much information?

Stan Angel­off aka @insaned wro­te a text on the topic Can we have too much infor­ma­ti­on?, which is for sure worth rea­ding. I’m not with him in any detail, but it’s a well writ­ten text.

Die Grashalmgrapscher

guembel

Jetzt ist also mit Thors­ten Schäfter-Gümbel schon der nächs­te SPD-Politiker da, der über Twit­ter irgend­wie ver­sucht, Publi­zi­tät zu bekom­men. Und nach Huber­tus Heil will erneut Sascha Lobo, eif­rig Par­tei­sol­dat, die­ses beflü­geln. Letz­te­rer hat­te schon im Dezem­ber über den Twitter-Auftritt von Heil in der Süd­deut­schen behaup­tet, es sei ein gro­ßer Erfolg gewe­sen. Im Gegen­zug wur­de Lobo von der Süd­deut­schen ein Vor­rei­ter in Sachen Twit­ter genannt. Schön zu lesen, mit wel­cher Leich­tig­keit hier irgend­wel­che Begrif­fe in Tex­te geschmis­sen wer­den, deren Aus­sa­ge­kraft an nichts ver­ständ­lich gemacht wird. Um einen Vor­rei­ter im Sine von “Pio­nier” wird es sich wohl kaum han­deln. Viel­leicht um einen Vor­rei­ter der Apo­ka­lyp­se, wenn man sich die Apo­ka­lyp­se etwas wegdenkt.

Wie auch immer. Die­ses Vor­ge­hen scheint sowie­so ein Trend bei SPD und ande­ren zu sein. In kei­ner ande­ren Par­tei wer­den ja gera­de sovie­le Leu­te ver­heizt. Ypsi­lan­ti, Heil, Schäfer-Gümbel. Alles Per­so­nen, die irgend­wann irgend­wie ohne auf ihrer Per­sön­lich­keit gegrün­de­tes Inter­es­se im Schein­wer­fer­licht ste­hen und die Zeit der Anleuch­tung nicht zu nut­zen wis­sen, um Inhal­te rüber zu brin­gen. Und wenn das Licht dann wie­der gedimmt wird, sit­zen sie wie­der im Dun­keln. Da kann man noch so lan­ge ver­su­chen, irgend­wel­che Trends auf­zu­spü­ren und zu den­ken, man müs­se doch nur Teil einer Trend­be­we­gung sein, um Erfolg zu haben, genau die­ser wird sich nicht ein­stel­len. Es erin­nert mich fast an die 80er, in denen scham­los irgend­wel­che Pop­songs aus dem Eng­li­schen hah­ne­bü­chend ins Deut­sche über­setzt wur­den (“Moon­light Shadow”). Das funk­tio­nier­te so lan­ge eini­ger­ma­ßen gut, bis die Ange­spro­che­nen das Prin­zip ver­stan­den hat­ten, bis sie eben­so auf die Ori­gi­na­le zugrei­fen konn­ten und auf die Raub­ko­pie verzichteten.

Um die­se Akti­on noch etwas zu beweih­räu­chern, wur­de Schäfer-Gümbel über Twit­ter von Robert Basic inter­viewt. Wenn Sie jetzt fra­gen: Ja, was qua­li­fi­ziert denn Robert Basic eigent­lich dazu, Schäfer-Gümbel zu inter­view­en, ist das ganz ein­fach zu beant­wor­ten: Unge­fähr das, was Schäfer-Gümbel qua­li­fi­ziert, Minis­ter­prä­si­dent von Hes­sen zu wer­den oder das, was den Ex-Blogger Lobo qua­li­fi­ziert, über ande­re Blogs zu rich­ten: Der Glau­be an deren Qua­li­fi­ka­ti­on. Unter Beweis gestellt wird das nicht. Das ist auch gar nicht vor­ge­se­hen. Fans in den eige­nen Rei­hen gibt es schließ­lich genug:

spdadmin

Aber es dau­ert wohl noch eini­ge Zeit, bis die ehe­ma­li­ge Volks­par­tei SPD lernt. Bis sie lernt, dass das Kon­zept, jeman­den ein­fach zu bestim­men, im Schein­wer­fer­licht zu ste­hen, und ihm danach irgend­wel­che Trends auf den Hals zu drü­cken, nicht auss­reicht, um Poli­tik zu betreiben.

Barack Oba­ma hat um Glaub­wür­dig­keit gekämpft, nicht um Trends. Trends stell­ten sich zwar sicher­lich ein, aber erst nach­dem Glaub­wür­dig­keit in gewis­sem Maße her­ge­stellt war und wei­ter­hin ange­strebt wur­de. Er hat sich eben nicht, wie die SPD, durch plat­te For­mu­lie­run­gen und Auf­merk­sam­keits­ge­hei­sche um die Glaub­wür­dig­keit gebracht. Das ist der gro­ße Unter­schied zwi­schen erfolg­rei­chen Ori­gi­na­len und ihren Coverversionen.

P.S.
Ganz put­zig ist aber die Tita­nic, die, kaum hat Schäfer-Gümbel ange­kün­digt in Saal­burg zu sein, sei­nen Dop­pel­gän­ger sagen lässt, er gebe jetzt dort eine Lokal­run­de.

Tool time

Zwi­schen pene­trant gut­ge­laun­ten Hol­län­dern, den char­me­zer­flie­ßen­den Fran­zo­sen, den ras­si­gen Ita­lie­nern, den nor­disch coo­len Schwe­den und den braun­ge­brann­ten Spa­ni­ern machen wir männ­li­chen Deut­sche kei­ne all­zu gute Figur in Europa.
Wir sind die Pünkt­li­chen. Die Genau­en. Die Adret­ten. Na, super. Da sehe ich schon, wie die für Euro­pa zustän­di­ge Män­ner­be­gut­ach­tungs­be­am­tin den Deut­schen mit­lei­dig ansieht und fragt: “Haben sie denn nicht noch irgend­et­was, das man inter­es­sant aus­drü­cken könn­te?” Das wird schwie­rig, nach­dem man der Klatt(sch)-Presse in den letz­ten Wochen ent­neh­men durf­te: Selbst die Schwei­zer sind gei­ler als wir.

Viel­leicht soll­ten sich die deut­schen Män­ner in die­se Rol­le fügen. Alle? Nein, nicht alle. Man­che Män­ner ent­flie­hen spon­tan dem All­tags­al­ler­lei, bre­chen aus, las­sen es zu, den Erst des Lebens Ernst sein zu las­sen und twittern:

werkzeugkasten2

Bei Ereig­nis­sen wie der Son­nen­fins­ter­nis oder vor­bei­flie­gen­den Kome­ten trifft man manch­mal auf das Ver­gnü­gen einer natür­li­chen Volks­be­lus­ti­gung. Man weiß, es schau­en noch dut­zen­de ande­re Men­schen gera­de nach drau­ßen. Dut­zend ande­re, die — ihrer Mick­rig­keit bewußt — stau­nend den Blick an den Nacht­him­mel richten.
Pat­Pos­si­ble erin­nert an die­ses wun­der­sa­me Bei­sam­men­sein. Und das Schö­ne dabei ist, sei­ne Ankün­di­gung könn­te durch­aus wahr sein.

Denn weil wir alle wis­sen, dass Werk­zeug­käs­ten nicht selbst­leuch­tend sind und auch immer so nied­rig flie­gen, dass sie durch kei­nen ande­ren Stern oder die Son­ne ange­strahlt wer­den, ist es sowie­so schwer, sie zu sehen, wenn sie da drau­ßen flie­gen. Pat­Pos­si­ble weiß ja auch nur, dass das Schau­spiel 4 Minu­ten dau­ert, irgend­wann zwi­schen 18 und 20 Uhr.

Ja, das klingt abge­fah­ren, aber wenn es in ein paar Jah­ren nach Hel­lo­ween und Mar­tins­um­zug einen neu­en Fei­er­tag gibt, an dem begeis­ter­te Kin­der bun­te, klei­ne Werk­zeug­kis­ten durch die Luft wer­fen, um an jenen Abend zu erin­nern, dann wun­dert sich kei­ner mehr.

Ich jeden­falls habe raus­ge­schaut an die­sem Abend. Man weiß ja nie.

Der Prognostiker

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Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag hat sich STERN-Chefredakteur Hans-Ulrich Jör­ges bei Alex­an­der Klu­ge hin­ge­setzt und gemeint, man hät­te die Finanz­kri­se kom­men sehen kön­nen. Er habe dies schon in einem kri­ti­schen Arti­kel im Sep­tem­ber 2007 getan. Ange­la Mer­kel sei sei­tens der Ame­ri­ka­ner in Kennt­nis gesetzt wor­den, dass 3 Bil­lio­nen Dol­lar auf der Kip­pe ste­hen, “ver­nich­tet” zu wer­den. Mer­kel und Stein­brück, die sei­ner Ansicht nach alles allei­ne aus­kun­geln, hät­ten ein­schrei­ten kön­nen. Hät­ten ein­schrei­ten müs­sen. Hät­ten das Finanz­ge­ba­ren inten­si­ver kon­tro­lie­ren und regu­lie­ren müs­sen. Statt­des­sen habe man die Hän­de in den Schoß gelegt und nichts getan. Ein Jahr lang nichts.

Jetzt klingt das irgend­wie so, als ob Mer­kel nur ihr Superman-Kostüm aus dem Schrank raus­ho­len hät­te müs­sen und schon wäre die Kri­se inner­halb eines Jah­res für Deutsch­land wesent­lich abge­fe­der­ter ange­kom­men. Dabei ist Jör­ges’ Kom­men­tar bei wei­tem nicht so alar­mie­rend, wie er ihn zu lesen scheint. Er klingt dar­in eher wie der Aus­plau­de­rer von Schlecht­wet­ter­halb­wahr­hei­ten, die kein Leser genau ein­zu­schät­zen ver­mag. Ein Appell an die Regie­rung lese ich schon gar nicht daraus.

Aber okay, so gut ken­ne ich mich mit den poli­ti­schen Chan­cen ver­gan­ge­ner Tage nicht aus. Aber Jör­ges nahm, wie ansatz­wei­se auch schon in sei­nem Arti­kel, noch die Gele­gen­heit wahr, das Finanz­ge­ba­ren als Kul­tur­zei­ten­wen­de zu deu­ten. Es wer­de ent­we­der so sein, dass sol­che Boh­len­sen­dun­gen im Fern­se­hen noch schlim­mer wer­den wür­den oder es gäbe eine voll­kom­me­ne Abkehr von der­ar­ti­gen Sen­dun­gen. Die Über­be­wer­tung von Geld führt nach Jör­ges also zu einer Unter­be­wer­tung von Kul­tur. Das Über­maß des Einen ernied­rigt das ande­re. Ying und Yang.

So sieht es der Chef­re­dak­teur des STERN, einem Lifestyle-Magazin, das sich nun wirk­lich wie kein ande­res Blatt aktiv gegen die Boh­lens die­ser Welt enga­giert.

Lycos Europe: Das Bertelsmann-Debakel

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Es wur­de immer­hin heu­te mehr über Lycos gere­det als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Lycos Euro­pe wird in die Inter­net­ge­schich­te ein­ge­hen als ein Witz der Dot-Com-Boom-Phase. Und um es gleich zu sagen, es ist heu­te sehr schlimm für die Mit­ar­bei­ter. Von denen habe ich gehört, dass man inten­siv am und im Unter­neh­men arbei­te und es wur­de wie­der und wie­der das gute Kli­ma im Unter­neh­men gelobt. Es gibt gute Grün­de, den Unter­gang von Lycos als scha­de zu bezeich­nen. Auf Chris­toph Mohn möch­te ich nicht rum­hau­en, das wer­den ande­re zur Genü­ge tun.
Was aber zum Ende von Lycos Euro­pe auch fest­ge­hal­ten wer­den kann, ist, und dafür ist Mohn sicher irgend­wie ver­ant­wort­lich, wenn auch nicht allein, dass die alt­her­ge­brach­te Bertelsmann-Strategie gefloppt ist: Der Gedan­ke, Kun­den vor­zu­set­zen, was die kau­fen sol­len (was in den 90ern im Inter­net noch klapp­te), anstel­le den Kun­den aufs Maul zu schau­en, und deren Inter­es­sen mit ade­qua­ten (Internet-)Diensten zu unter­stüt­zen. Sowas mag im Buch­club funk­tio­nie­ren, im Inter­net eben nicht. Ber­tels­mann hat im Inter­net, soweit ich weiß, nie Erfolg gehabt. Lycos ist da wohl nur der­zeit die Spit­ze des Eis­bergs. Mag ich mit der Ein­schät­zung auch voll dane­ben lie­gen, wir haben es hier mit einem der­ben Image­scha­den für Ber­tels­mann und die Mar­ke Lycos zu tun.

Dabei hat­ten sie durch­aus Chan­cen. Der Lycos-Chat hat vor eini­gen Jah­ren genau die Nut­zer ange­spült, die so heiß umkämpft gewe­sen sind: Jun­ge, dyna­mi­sche Leu­te, die mit­ein­an­der in Kon­takt tre­ten woll­ten, auf durch­aus anspruchs­vol­le Wei­se. Der Lycos-Chat unter­schied sich von allen ande­ren durch Din­ge, die Diens­te wie Twit­ter auch ver­wen­den, und die damals neu waren: Ein direk­tes Mit­tei­lungs­sys­tem, eine eige­ne Dar­stel­lungs­sei­te, Sta­tis­ti­ken über Benut­zer, die die eige­ne Sei­te anschau­ten. All das, was für vie­le StudiVZ-Nutzer Neu­land bedeutete.

Und was mach­te Lycos? Man ver­such­te den Chat zu mone­ta­ri­sie­ren. Nut­zer soll­ten Geld bezah­len für die Sta­tis­ti­ken und ande­re Eigen­schaf­ten des Sys­tems. Und was mach­ten die Nut­zer? Sie sag­ten in Scha­ren Lycos Lebe­wohl. Sie lie­ßen sich nicht das andre­hen, was schein­bar auch kos­ten­los zu krie­gen sein kann. Lycos hat eine erfolg­ver­spre­chen­de Idee leicht­fer­tig zum Ver­such des Mone­ta­ri­sie­rens aus der Hand gege­ben. Ein Ver­such, der schon zuvor oft genug geschei­tert war. Das müss­te das sein, was Mohn ver­ste­hen müss­te, wenn er sagt Lycos habe es nicht geschafft, sei­ne Diens­te zu mone­ta­ri­sie­ren. Weil nie­mand dar­auf geschaut hat, wer die Groß­zahl poten­ti­el­ler Kun­den ist und was die wohl inter­es­siert, wenn klar ist, dass man denen nicht irgend­was zum Bezah­len aufs Auge drü­cken kann. Mohn hat im letz­ten Jahr aus­ge­ru­fen, man wol­le nun auf web2.0-Strategien bau­en. Davon ist nichts geblie­ben. Statt­des­sen trat zeit­gleich Twit­ter sei­nen Sie­ges­zug an — mit Stra­te­gi­en, die bei Lycos nach 12 Jah­ren im Inter­net­ge­schäft längst bekannt sein hät­ten müssen.

Müs­sen. Aber auf die­se und diver­se ande­re Manage­ment­feh­ler ist wohl zurück zufüh­ren, dass von den 672 Mil­lio­nen Euro aus der Dot-Com-Boom-Phase noch etwa 140 übrig geblie­ben sind. Das ist ein Minus von 500 Mil­lio­nen €. Und auch wenn es aus Grün­den der Umrech­nung nicht mehr nötig ist, so las­sen sie sich die Zahl doch noch ein­mal auf der Zun­ge zer­ge­hen: Eine Mil­li­ar­de DM.

Und damit Schluss für’s Ers­te. Auf zu neu­en Ufern, lie­be Lyco­sia­ner. Jedem neu­en Anfang wohnt ein Zau­ber inne.

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edit: Mohn sagt in einem ers­ten State­ment, man habe nicht mit Goog­le mit­hal­ten kön­nen. Das stimmt sicher­lich, aber war das denn der Geg­ner? Oder war man nicht viel­mehr selbst sein größ­ter Gegner?

Und wo ich “rum­ha­cken” schrei­be, für sowas fin­det sich immer jemand.

Man müsste was unternehmen

Immer wenn ich nach Bie­le­feld fah­re, blei­ben mir etwa 20 Minu­ten am Bahn­hof, bevor es für mich wei­ter­geht. Und als ob Bie­le­feld bei nas­sem, düs­te­rem Wet­ter nicht schon ernüch­ternd genug wäre, ist am Haupt­bahn­hof ziem­lich wenig los. Wenn es kalt ist, zieht es mich ent­we­der in die Thalia-Buchhandlung dort oder in den McDonald’s. Bei­des kei­ne Wahl par excel­lence, aber da drin ist es halt warm.

Heu­te nun stie­fel­te ich wie­der die Bahn­hof­s­trep­pe hoch, durf­te mich auf der Anzei­ge­ta­fel am Ein­gang davon infor­mie­ren las­sen, dass mei­ne Anschluß­stadt­bahn geraaa­de weg­ge­fah­ren ist und schlug schlur­fend den Weg zu McDonald’s ein. Und wie ich so schlurf­te über­hol­te mich links eilig ein etwa 10cm grö­ße­rer Mann im dunk­len Man­tel, wehen­den Schals das ame­ri­ka­ni­sche Bil­lig­es­sen­pa­ra­dies erobern wol­lend. Er erreich­te gut 20 Meter vor mir die Ein­gangs­tü­ren des Bur­ger­ver­ti­ckers, drück­te sich — den Schwung mit­neh­mend — auf­bäu­mend gegen die eiser­nen Tür­schlau­fen und hops­te abge­wie­sen wie­der zu Boden. Er drück­te ungläu­big noch­mal, aber die Tür gab wie­der nicht nach. Er stell­te sei­nen Akten­kof­fer ab und schob sei­nen Stoff­hut mit Rips­band etwas nach oben. Er drück­te — nichts. Die Tür blieb zu. Ungläu­big schau­te er zu den grob­mo­to­ri­schen Tablett­trä­gern im Innern des Restau­rants, dann wie­der auf die Tür, drück­te die lin­ke Tür eben­so erfolg­los, ver­setz­te dann dem Tür­griff einen Schlag mit der Hand und brüll­te lauthals:
“So eine Scheiße!”

In die abrup­te auf­ge­kom­me­ne Stil­le rund um den Ein­gang war jetzt die Fra­ge getre­ten, ob man eine schnel­le Kehrt­wen­de voll­zieht und ein­fach den ande­ren Ein­gang an der Stra­ße nimmt oder ob man der Din­ge harrt, die da kom­men wer­den. Aber bevor ich mir über­haupt eine Mei­nung bil­den konn­te, hat­te sich der Tür­schub­ser auch schon umge­dreht und schau­te mich wut­schnau­bend an: “Alles läuft hier falsch! Es ist zum Kot­zen! Nichts funk­tio­niert in Deutsch­land! Es ist alles kaputt! Und dann kommt die Mer­kel und wirft Geld aus dem Fens­ter! Jaaa, daaaaa­für ham­se Geld. Aber unser­eins muss sehen, wo er bleibt. Aber es sagt ja nie­mand was. Sie sagen ja auch nichts.”

Ich nick­te im Geiste.

Und die, die es könn­ten, die machen nichts. Und dann die Lin­ken! Es ist doch alles lächer­lich. Lächer­lich ist das! Man darf gar nicht drü­ber nach­den­ken. Man regt sich nur auf! Das könn­te denen so pas­sen, ja das könn­te denen so pas­sen. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir! Da muss man doch was unter­neh­men! Eine ganz gro­ße Schei­ße ist da am Laufen!”

Ich harr­te ihn an.

Achhrrr” sag­te der Wut­mensch, zog sei­nen Hut etwas mehr ins Gesicht, warf mir eine weg­wi­schen­de Hand­be­we­gung zu, schnapp­te sich sei­nen Akten­kof­fer und schritt von dan­nen. Und damit ermög­lich­te er mir die freie Sicht auf die zwei klei­nen Schil­der, die an bei­den Türen mit­tig ange­bracht waren: “Zie­hen.”

Straßenfeger

Bie­le­feld wird ger­ne als Inbe­griff von Pro­vinz ver­wen­det. Selbst in Orten, die noch pro­vin­zi­el­ler daher­kom­men als Bie­le­feld. Das ist einer­seits der Inhalt der Bielefeld-Verschwörung, der ande­re ist der Nerv-Faktor, den die­ser ‘Witz’ Bie­le­fel­dern berei­tet, wenn dar­auf Anspie­len­de mei­nen, sie erzähl­ten einen guten, gera­de­zu neu­en Witz.
Bei der Luhmann-Preisverleihung an Dwor­kin durch Haber­mas ver­wen­de­te der Ober­bür­ger­meis­ter Bie­le­felds in Anwe­sen­heit die­ser Per­so­nen der Zeit­ge­schich­te eine geschla­ge­ne Vier­tel­stun­de auf den Nach­weis, Bie­le­feld sei eben kei­ne Pro­vinz. Es gibt wohl kei­nen bes­se­ren Beweis dafür, dass Bie­le­feld Pro­vinz ist, als dass man für die Aus­brei­tung der Gegen­the­se län­ger als eine Vier­tel­stun­de braucht.
Das Pro­vin­zi­el­le wird aber kaum ein Bie­le­fel­der bestrei­ten. Dabei ist die Mög­lich­keit der Mobi­li­tät, den­ke ich, wesent­lich bedeut­sa­mer für die Dar­stel­lung des eige­nen qua­li­ta­ti­ven Lebens­stils als der momen­ta­ne Aufenthaltsort.
Aber es gibt Klei­nig­kei­ten, da spielt sich das Pro­vin­zi­el­le eben aus. Jeder Bie­le­fel­der, zum Bei­spiel, kennt die “Begleit­mu­sik” der Stadt­bahn. Steigt man an der End­hal­te­stel­le aus, knarzt eine Frau­en­stim­me beharr­lich “Mobil sagt tschüss, bis zum nächs­ten Mal.”. Und ich glau­be, genau­so beharr­lich, lässt sich der gemei­ne Stadt­bahn­fah­rer nicht ernst­haft von einer Ton­band­stim­me grüßen.
Zum ande­ren wird an der Hal­te­stel­le “Haupt­bahn­hof” eine Klin­gel­ton­ver­si­on Beet­ho­vens Für Eli­se zur Ver­trei­bung der orts­an­säs­si­gen Pen­ner ver­wen­det. Der Erfolg die­ser Akti­on ist, dass man die Pen­ner sage und schrei­be 5 Meter links und rechts in die Flucht geschla­gen hat. Wenn über­haupt. Wäre ich Initia­tor ihrer, wür­de ich sagen, die Akti­on ist sub­op­ti­mal gelau­fen, das Ziel eigent­lich ver­fehlt. Müss­te das der Ver­ant­wort­li­che nicht auch den­ken? Nur dann nicht, wenn es gar kein Ziel gege­ben hat oder das Ziel oder die Akti­on ver­ges­sen wur­de. Sowas ist in der Pro­vinz aber eben okay. Ein Auf­mu­cken wird es da so wenig geben wie Dank­sa­gun­gen irgend­wel­cher Bür­ger: “Lie­be Stadt Bie­le­feld, vie­len Dank für die­sen Beethoven-Klingelton, der die Pen­ner nervt. Er nervt uns zwar noch mehr, da er uns das elen­di­ge Rum­ste­hen an der düs­te­ren Hal­te­stel­le früh­zei­tig ankün­digt. Aber die­se akus­ti­sche Beläs­ti­gung ist eigent­lich nichts gegen die vor­mals visuelle.”
Anhand der­ar­ti­ger Aktio­nen mani­fes­tiert sich Pro­vin­zia­li­tät, gese­hen als Rück­stän­dig­keit, wesent­lich inten­si­ver als an geo­gra­phi­scher Lage.
Dass man die Stra­ßen Bie­le­felds auch anders leer­ge­fegt bekommt, durf­te little_james beim EM-Spiel Por­tu­gal gegen Deutsch­land feststellen:

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