CDU gibt zu, Kinderpornografie instrumentalisiert zu haben

Die gesam­te kul­tu­rel­le Men­ta­li­tät bei uns, reprä­sen­tiert durch Bush oder durch Jung oder durch Schäub­le, ist ein­ge­stellt auf eine gespal­te­ne Welt. Und wenn man sich den ers­ten Kreuz­zug mal anschaut, dann war das schon damals ganz genau­so.”

Horst Eber­hard Rich­ter im Inter­view mit der taz

Ich habe schon mal geschrie­ben, dass ich nicht den­ke, dass die CDU-Leute sel­ber den gan­zen Blöd­sinn glau­ben, den sie rund um das Inter­netsper­ren­ge­setz so faseln. Und jetzt gera­de denkt Wolf­gang Schäub­le, ist es pas­send, auch mal öffent­lich ein­zu­räu­men, dass man natür­lich sel­ber nicht all den Blöd­sinn glau­be, den man da wäh­rend des Wahl­kamp­fes vom Sta­pel gelas­sen hat.

Das macht Schäub­le natür­lich nicht ganz so direkt und nicht genau auf irgend­wel­che Aus­sa­gen bezo­gen, son­dern nur mit Blick auf die eige­ne Glaub­wür­dig­keits­ret­tung:

Der Minis­ter gab hand­werk­li­che Feh­ler beim soge­nann­ten Zugangs­er­schwe­rungs­ge­setz für Stopp­schil­der im Inter­net zu. Das Gesetz zum Schutz vor Kin­der­por­no­gra­fie sei im End­spurt des Wahl­kamp­fes auch des­halb ent­stan­den, um die CDU gegen­über ande­ren Par­tei­en abzu­set­zen.[1. (via) ]

Hand­werk­li­che Feh­ler” nennt man das heut­zu­ta­ge in der Poli­tik. Was für eine Per­ver­si­on.

Wis­sen Sie, wenn ich einen Tisch kau­fe und da sind nur drei Tisch­bei­ne dran, dann glau­be ich an einen hand­werk­li­chen Feh­ler. Aber wenn erfah­re­ne Poli­ti­ker ein sen­si­bles The­ma auf­grei­fen, im vol­len Bewusst­sein, dass sie damit die Opfer von Kin­des­miss­hand­lun­gen instru­men­ta­li­sie­ren, ohne dass die­se davon auch nur irgend­wie pro­fi­tie­ren, und nur um das Pro­fil der eige­nen Par­tei zu schär­fen, dann ist das nur eines: Berufs­zy­nis­mus.

Die CDU ist die Par­tei der Dop­pel­mo­ral. Was das C unter den drei Buch­sta­ben noch ver­lo­ren hat — ich habe kei­ne Ahnung.

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Bodo Hombach über das Internet-Manifest

Bodo Hom­bach hat sich zum Internet-Manifest geäu­ßert. Es ist aber schon mehr als das, es geht auch um die rund um die Zensursula-Geschichte rum­schwir­ren­de Fra­ge nach einer Regu­lie­rung des Inter­nets.

Nun ist Bodo Hom­bach sicher kein Schrift­stel­ler höchs­ter Qua­li­tät und im Jar­gon der Blogs schreibt er auch nicht. Aber das soll­te man mal kurz bei­sei­te las­sen. Dazu soll­te man bei Hom­bachs Text des­sen Anspie­lun­gen auf ande­re Din­ge bei­sei­te las­sen, ich habe nicht den Ein­druck gewon­nen, dass sie zur Kläung des Inhalts bei­tra­gen.

Wor­um geht es Hom­bach also? Es geht ihm dar­um, einen netz­werk­ar­ti­gen Fix­punkt dar zu stel­len zwi­schen Per­so­nen, die den “alten” Medi­en ver­schrie­ben sind, Per­so­nen, wie den Internet-Manifestern, die bei­des ken­nen, aber eher dem Inter­net anhän­gig sind, und letz­ten Endes auch Per­so­nen, die ganz dem Inter­net anhän­gen. Das ist inso­fern inter­es­sant, als dass Hom­bach poli­tisch und wirt­schaft­lich abso­lut kein Nobo­dy ist.

Was sagt Hom­bach? Erstaun­lich wenig für 6 aus­ge­druck­te Seiten[1. Tho­mas Knüwer hat ein­zel­ne Sät­ze Hom­bachs aus dem Text genom­men und dar­aus eine Brand­re­de ver­fasst. Das scheint mir nicht zu funk­tio­nie­ren, weil Hom­bach ein­fach nicht gut genug schreibt, als dass sich dar­aus kon­kret able­sen lies­se, ob er gegen jeman­den bestimm­tes gera­de etwas sagen möch­te oder nur irgend­wel­che Argu­men­te aus dem Weg räumt. ]: Das Inter­net braucht Regeln und die Men­schen soll­ten dem Inter­net dadurch ihren Stem­pel auf­drü­cken, um so Cha­os und Ver­bre­chen Ein­halt zu gebie­ten.

hombachim

Ich fin­de, dage­gen spricht eigent­lich auch nichts. Zumin­dest kann man dies als eine Posi­ti­on in einer Inter­net­de­bat­te durch­aus ver­tre­ten.

Das Ding ist nur, es gibt schon Regeln und neu­er­dings schei­nen sich beson­ders Poli­ti­ker und alt­her­ge­kom­me­ne Medi­en­ma­cher auf die Fah­nen geschrie­ben zu haben, gegen die­se Regeln ihren auf Kon­trol­le und Pro­fit gebürs­te­ten Stem­pel mit aller Macht anwen­den zu wol­len. Und eben das wird nicht rei­bungs­los funk­tio­nie­ren.

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Fuß­no­te:

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Did God not create heaven and earth?

Bad news for crea­tio­nists: The one who claims God crea­ted hea­ven and earth can’t rela­te that to Gene­sis. That’s what Ellen van Wol­de is going to say tomor­row morning in her inau­gu­ral speech in Nij­me­gen, the Nether­lands.

In Gene­sis there’s only writ­ten down that God par­ted hea­ven and sea, so the­re was some­thing the­re befo­re.

Doesn’t that mean God only used evo­lu­ti­on?

genesis11

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Als Gott mit der Schöpfung anfing, gab es schon Meeresleben

Die Schöp­fungs­leh­re kriegt nach lan­ger Zeit wie­der mal ein Update: Wer behaup­tet, dass Gott Him­mel und Erde geschaf­fen hat, kann sich dafür nicht auf die Schöp­fungs­ge­schich­te der Bibel bezie­hen. Das meint die Nim­we­ge­ner Theo­lo­gie­pro­fes­so­rin Ellen van Wol­de in ihrer mor­gi­gen Antritts­vor­le­sung.

Denn dort ist nur die Rede davon, dass Gott Him­mel und Erde von­ein­an­der trenn­te. Da war also schon was. Schlech­te Zei­ten für Krea­tio­nis­ten, wenn der obers­te Boss schon auf die Evo­lu­ti­on zurück­ge­grif­fen hat, oder?

genesis11

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Die taz-Piraten oder: Wie man eine Verschwörungstheorie entert

tazpiraten

Wenn sich in letz­ter Zeit wirk­lich eine deut­sche Zei­tung um ein exter­nes Watch-Blog bemüht, dann ist es die tages­zei­tung, kurz taz.

Als Ines Pohl im ver­gan­ge­nen Som­mer die Lei­tung der taz von Bascha Mika über­nahm, sag­te sie:

Bascha Mika warnt davor, dass die „taz“ zurück­fällt in eine Zeit der Gra­ben­kämp­fe und zurück­kehrt in ideo­lo­gi­sche Ecken von vor­ges­tern. Das wird der „taz“ auch mit mir in der Chef­re­dak­ti­on nicht pas­sie­ren.


Links zu sein heißt für mich auch, kri­tisch und auf­stän­disch sein, Attri­bu­te, die für die „taz“ ja pas­sen.

Wirk­lich?

In den letz­ten Wochen fiel ver­stärkt auf, wie die taz die Pira­ten­par­tei ins Visier nahm.

Im Arti­kel Die Untie­fen der Frei­heit kon­sta­tiert Albrecht von Lucke, man wird sich, sofern die Pira­ten­par­tei nicht ihren Frei­heits­be­griff klär­te,

nicht dar­über wun­dern kön­nen, wenn sich auch in Zukunft hin­ter dem Piraten-Label alle mög­li­chen zwie­lich­ti­gen “Frei­heit­li­chen” ver­sam­meln wer­den.

Julia See­li­ger weiss aus dem Umstand, dass das Vor­stands­mit­glied der Pira­ten­par­tei Andre­as Popp nai­ver Wei­se der rechts­ge­rich­te­ten Zei­tung Jun­ge Frei­heit ein Inter­view gege­ben hat, den Schluss zu zie­hen:

Aber­mals ist es der Pira­ten­par­tei pas­siert, unsen­si­bel gegen­über rechts­las­ti­gen Argu­men­ta­tio­nen gewe­sen zu sein.

Rhe­to­rik für Anfän­ger. Wenn sie jeman­dem nichts direkt vor­wer­fen kön­nen, ver­su­chen sie es indi­rekt. Das Inter­view ging über­haupt nicht um rech­te The­men, der Inter­view­er ver­such­te nicht, dem Inter­view­ten Mei­nun­gen unterzuschieben[1.
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1. Dis­ku­ta­bel ist dabei natür­lich der Satz des Inter­view­ers Lin­ke, sozia­le Par­tei­en ste­hen klas­sisch für sozia­le Ent­mün­di­gung zuguns­ten eines stark bemut­tern­den Staa­tes.
Aber Popp pariert die­sen Satz
] oder zu beför­dern. Was also tun? Wer­fen sie ihm geschwur­bel­tes Zeugs vor, wie “unsen­si­bel gegen­über rechts­las­ti­gen Argu­men­ta­tio­nen” zu sein. Rechts­las­ti­ge Argu­men­ta­tio­nen sind nicht behan­delt wor­den, aber gefühlt sind sie eben für die sen­si­blen tazler immer im Spiel. Da kann man argu­men­ta­tiv nichts mehr anrich­ten: Gefüh­le unter­ste­hen der pri­va­ten Äuße­rungs­be­rech­ti­gung.

Felix Lee mut­maßt nach der Bun­des­tags­wahl, die Pira­ten­par­tei freue sich über

720.000 Euro, die dem­nächst in ihre Par­tei­kas­sen flie­ßen wer­den. An der Finanz­si­tua­ti­on wird es also nicht lie­gen, falls der nun anste­hen­de Par­tei­auf­bau schei­tern soll­te.

Offen­bar geht man bei der taz davon aus, dass ein anste­hen­der Par­tei­auf­bau schei­tert. Lee und See­li­ger kom­men zu der erstaun­li­chen Ein­sicht, eini­ges sprä­che für den

Fort­be­stand der Internet-Partei auch nach der Bun­des­tags­wahl. […]

Zudem wür­de es

nicht ver­wun­dern, wenn bereits die nächs­te Bun­des­re­gie­rung spe­zi­ell einen Staats­se­kre­tär für die Online-Welt abstem­pelt. — Dem Gedan­ken­gang der Auto­ren zufol­ge wohl das Aus für die Pira­ten­par­tei.

Der Erfolg der Pira­ten­par­tei in Schwe­den

gibt den Pira­ten Selbst­be­wusst­sein – zu Unrecht. Denn sie sind bei wei­tem nicht die ein­zi­gen, die die Netz­welt­the­men behan­deln.

Bei der taz weiss man wohl inzwi­schen auch, wann wel­che Par­tei zurecht selbst­be­wusst sein darf. Ist das nicht schon ein Partei-ergreifen?

Heu­te schreibt Paul Wrusch den Arti­kel Der Pirat, der ein­mal Nazi war. Nazis, Neo-Nazis und Rechts­ex­tre­me, das ist bei der taz offen­sicht­lich einer­lei. Der wesent­lichs­te Punkt des Arti­kels über ein Pira­ten­mit­glied, das zuvor extrem rechts enga­giert war, ist hier­bei schon in der Über­schrift fest­ge­hal­ten:

Unter­wan­de­rungs­ten­den­zen.

Wer die taz ver­folgt hat, der weiss wie Wrusch über die Pira­ten­par­tei:

Die tut sich im Umgang mit der­ar­ti­gen Fäl­len und der Abgren­zung nach Rechts noch schwer.

Am Ende, als Höhe­punkt des Arti­kels, kommt Wrusch zu sei­ner eigent­li­chen Messa­ge, die im Kern nichts ande­res ist als eine Ver­schwö­rungs­theo­rie:

Die Rech­ten unter­des­sen wis­sen, dass ihnen von den Pira­ten Kon­kur­renz um Wäh­ler­stim­men droht: Vor allem jun­ge Män­ner könn­ten zu den Pira­ten über­lau­fen, fürch­ten sie. Auf dem Info­por­tal gesamtrechts.net for­dert ein anony­mer Kolum­nist daher schon Anfang August offen: “Wer­det rech­te Pira­ten”. Ein direk­ter Auf­ruf zur Unter­wan­de­rung.

Als ob das noch nicht pein­lich genug wäre, darf sich Wrusch sei­ne Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on von den Rech­ten um die Ohren hau­en las­sen:

Wir haben den Par­tei­stra­te­gen des rech­ten Lagers ange­ra­ten, sich der The­men der Pira­ten­par­tei anzu­neh­men, um auf die­se Wei­se so weni­ge Jung- und Erst­wäh­ler wie mög­lich an die Pira­ten­par­tei zu ver­lie­ren.

Das ist in der Tat so in der zitier­ten Text­pas­sa­ge nach­zu­le­sen. Dass die­se Pas­sa­ge auch von NPD-Info.net falsch gele­sen wur­de, und viel­leicht vom taz-Autor nur über­nom­men wur­de, lin­dert den Scha­den wenig.

Kom­men wir also zum Aus­gangs­punkt zurück: Der Ver­such der taz, ihre Auto­ren “kri­tisch” auf das ver­meint­lich unge­fähr­li­che Piratenpartei-Thema anzu­set­zen, scheint offen­sicht­lich aus dem Ruder zu gera­ten. Denn immer wie­der behan­deln die Auto­ren eher ihre eige­nen Posi­tio­nen und Vor­ur­tei­le als Fazit ihrer Tex­te, als dass sie Sach­la­gen mög­lichst objek­tiv ana­ly­sie­ren. Ich weiss nicht, ob sich die Auto­ren damit in der ideo­lo­gi­schen Schmuddel-Ecke befin­den, von der Bascha Mika sprach, aber sau­ber ist das nicht.

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Die neue Dörflichkeit oder: Hinterm Horizont geht’s weiter

Eine der moder­nen Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten ist ja das, was ich mal men­ta­le Pro­vin­zia­li­tät nen­nen möch­te: Das per­sön­li­che Unbe­ha­gen damit, dass man in der Pro­vinz wohnt, aber auch der Äuße­rungs­drang, dass man ja gera­de nicht in einer Pro­vinz wohnt, nicht Pro­vinz ist. Für mich sind das zwei Sei­ten einer Medail­le.

Bie­le­feld ist eine Stadt, auf die der Begriff der Pro­vinz eigent­lich schon immer gestimmt hat. In direk­ter Nähe sind die Haupt­quar­tie­re von Groß­fir­men wie Ber­tels­mann, Dr. Oet­ker, Mie­le, sowas ist aber offen­sicht­lich kein Gegen­in­diz. Vor ein paar Jah­ren ging der Bie­le­fel­der Wissenschafts-Preis an Ronald Dwor­kin. Lau­da­tor war damals Jür­gen Haber­mas. Der dama­li­ge Ober­bür­ger­meis­ter ließ sich die Gele­gen­heit nicht neh­men, um auch eine klei­ne Rede zu hal­ten. Er sprach dar­über, wes­we­gen Bie­le­feld so inter­es­sant sei, was so schön sei, war­um Bie­le­feld eben kei­ne Pro­vinz sei. Die Rede dau­er­te 15 Minu­ten. Einen bes­se­ren Beweis, dass Bie­le­feld Pro­vinz ist, hät­te der Ober­bür­ger­meis­ter nicht lie­fern kön­nen, als das er ver­an­schau­lich­te, dass man min­des­tens eine Vier­tel­stun­de braucht, um das Gegen­teil zu behaup­ten.

Nun gibt es aktu­ell eine gewis­se Bele­bung in die­ser Debat­te men­ta­ler Pro­vin­zia­li­tät. Und ich nei­ge immer stär­ker dazu, dass man auch Groß­stät­tern men­ta­le Pro­vin­zia­li­tät unter­stel­len kann. Man muss also nicht in tat­säch­lich eher länd­li­chen Gebie­ten leben, um unter den Fol­gen von Pro­vin­zia­li­tät zu lei­den. In Bie­le­feld merkt man ja auch, dass vie­le gar nicht dar­un­ter lei­den und inso­fern gar nicht pro­vin­zi­ell sind, zumin­dest nicht men­tal.

Es hat einen Arti­kel von Mat­thi­as Kal­le in der in Ham­burg erscheine­nen ZEIT gege­ben, der sich damit beschäf­tigt, dass angeb­lich plötz­lich ein München-Hype aus­ge­bro­chen sei. Pro­vo­kant wird gefragt: „Wie konn­te es dazu kom­men?“ Das ist wohl die Stel­le, die pro­vin­zi­el­le Münch­ner gekränkt hat: Soll­te Mün­chen inzwi­schen gar nicht mehr wür­dig sein, „in“ zu sein? Der Text selbst krän­kelt wider­um dar­an, dass der Autor glaubt, Mün­chens Cha­rak­te­ris­tik nur anhand klei­ner Party- und Mode­mo­men­te, gespickt mit der neu­en deut­schen Dörf­lich­keit fest­ma­chen. Dar­aus kann kei­ne gute München-Beschreibung ent­ste­hen.

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Dar­aus kann aber offen­sicht­lich eine Krän­kung von Münch­nern ent­ste­hen, wie der Text Roxy Munich von Bea­te Wild hat Fie­ber ein­drucks­voll unter Beweis stellt. Man ist etwas pikiert über die Ein­stel­lung, Mün­chens Sub­kul­tur erst 2009 für her­aus­he­bens­wert zu erach­ten.  „Schön, dass der Rest Deutsch­lands end­lich mal erfährt, dass Mün­chen eine Sub­kul­tur hat.“ Ver­su­chen Sie mal einen Satz zu for­mu­lie­ren, der noch pro­vin­zi­el­ler klingt. Ein klei­ner, zusätz­li­cher Schön­heits­fleck die­ses Sat­zes ist: Von Mün­chens Sub­kul­tur hat der Rest Deutsch­lands bis heu­te nicht wirk­lich erfah­ren, denn deut­sche Feuil­le­tons sind nun mal nicht mehr mas­sen­wirk­sam. Und eine Sub­kul­tur ist eben nur in Ver­bin­dung mit der Kul­tur, von der sie Sub­kul­tur sein möch­te, les­bar.

Das heisst, es geht um Mün­chen: Die ein­zi­ge Metro­po­le Bay­erns, wo sich das, was sich Sub­kul­tur nennt, dem übrig­ge­blie­be­nen Schi­cki­mi­cki ent­ge­gen stemmt. Ein Kampf gegen die Giulia Sie­gels die­ser Welt. Ein Mün­chen, das heu­te im Schat­ten Ber­lins als Deutsch­lands ein­zi­ger Welt­stadt steht. Wobei, wenn man in Ber­lin wohnt, man ja meist eh in irgend­ei­nem klei­nen Ber­li­ner Vier­tel behei­ma­tet ist, das für sich so gar nichts hat. Aber Ber­lin ist eben eine Stadt für Künst­ler und für die, die sich für Künst­ler hal­ten, ein Kul­tur­e­pi­zen­trum, des­sen Aus­wüch­se aller­dings außer­halb Ber­lins schon kaum noch jeman­den inter­es­sie­ren. Den­noch ist der 30€-Flug München-Berlin stark nach­ge­fragt, für man­chen ist dies der Aus­weg aus der eige­nen men­ta­len Pro­vin­zia­li­tät. Viel­leicht fällt die auch in Ber­lin ein­fach nicht so auf, weil man auf Brü­der und Schwes­tern im Geis­te trifft.

Wenn sie das Feuil­le­ton der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung auf­schla­gen, kön­nen sie genau das in den Ber­li­ner Arti­keln raus­le­sen: Dem Schrei­ber ist es wich­ti­ger über irgend­et­was zu schrei­ben, weil es in Ber­lin statt­fin­det, als auf den Punkt zu kom­men, der der Sache nach inter­es­sant sein soll. Schlim­mer ist das nur noch in den Aus­ga­ben von der Frei­tag. Das macht wider­um die in Mün­chen her­aus­ge­ge­be­ne Süd­deut­sche Zei­tung so inter­es­sant: Die Abwe­sen­heit eines all­täg­li­chen Drangs von Lokal­pa­trio­tis­mus, der gera­de in letz­ter Zeit zum Aus­gra­ben wirk­lich guter The­men geführt hat, die in hand­werk­lich her­vor­ra­gen­den Tex­ten unter­kom­men.

Heut­zu­ta­ge ist so ein biss­chen Pro­vin­zia­li­tät viel­leicht gar nicht so ver­kehrt.

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Suche Enttäuschung fürs Leben

Heu­te ist ein schö­ner Tag und aller­höchs­te Zeit, sich mal wie­der die Klein­an­zei­gen vor­zu­neh­men. Ein alt­be­kann­tes Spiel, aber immer wie­der lus­tig.

Du bist schw. und allein?

Schw.? Schwan­ger? Schwer­hö­rig? Ich dach­te erst schwul, aber das passt nicht so:

Er, 42 J., su. Sie für gel. erot Tref­fen.

Tja, also, wenn gera­de eine Dame akut schw. ist, ver­ra­te Sie mir doch, was das heisst. Man muss ja auf dem Lau­fen­den blei­ben.  Ver­ständ­li­cher ist da schon die­ses:

Hal­lo Unbe­kann­te. Du, dkl. haa­rig, mit Jeans. Ich habe Dich am Sams­tag, 5. Sept., ca. 12.30–13.00 Uhr bei Deichmann/Real Kauf gese­hen. Ich war auf der Suche nach der Wei­ßen Soh­le.

INDIANER !!!!

3 Zicken suchen einen Bock, der nicht nur sei­ne Hör­ner zeigt.

Ich sag’s immer wie­der: So Meta­phern wer­den über­be­wer­tet.

Ruhi­ger Mann, 62. J., suche nach schwe­rer Ent­täu­schung für den Rest mei­nes Lebens

Har­mo­nie wird auch über­be­wer­tet, sicher, sicher. Aber gleich so nega­tiv die Sachen ange­hen? Und so end­gül­tig? Ach so, geht wei­ter:

eine lie­be, net­te Part­ne­rin zum Ver­lie­ben.

Ich dacht schon.

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Kosten für Musik in niederländischen Blogs

BUMA/STEMRA hat gera­de ein PDF vor­ge­legt, in dem dar­ge­legt wird, was das Ein­bin­den von Musik in nie­der­län­di­schen Blogs so kos­ten soll ab kom­men­dem Jahr. Und da ist man nicht zim­per­lich: 6 ein­ge­bet­te­te Lie­der kos­ten 130€. Das ver­spricht spa­ßi­ge ers­te Pro­zes­se.

stemra

Soweit ich weiss ist das Pfei­fen von Melo­di­en auf öffent­li­chen Stra­ßen in den Nie­der­lan­den noch erlaubt, auch wenn ich fin­de, dass das auch irgend­wie embed­ded ist.

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Wenn linke Systeme untergehen

drohsel

Der der­zei­ti­ge Unter­gang der SPD als Groß­par­tei erin­nert mich schon etwas an den Unter­gang der DDR in sei­nen letz­ten Zügen. Da fin­den sich in den übrig geblie­be­nen Orga­ni­sa­ti­ons­for­men noch Leu­te, die das Schiff noch nicht ver­las­sen haben, die aber auch nicht bemerkt haben, dass der Zug schon lan­ge abge­fah­ren ist, dass das Volk von Ihnen gera­de nichts erwar­tet, dass die Musik woan­ders gespielt wird.

Das Prin­zip “Bau­er sucht Frau”

Die SPD hat den Unfall, den sie erlit­ten hat, nicht wahr­ge­nom­men, und wer zu den Leu­ten gehört, die ihn nicht wahr genom­men haben, der soll jetzt die Repe­ra­tur ver­an­las­sen? Der Scha­den ist noch nicht ein­mal iden­ti­fi­ziert, nicht per­so­ni­fi­ziert. Aber schon sind die ers­ten lin­ken Oppor­tu­nis­ten da, die genau wis­sen, in wel­che Rich­tung die Segel der Par­tei gepus­tet wer­den müs­sen.

Dabei hat die SPD ja nicht nur extern Leu­te ver­grault, son­dern auch intern. Es hat sich eine sozia­le Klit­sche gebil­det, die intern nach den eige­nen Geset­zen funk­tio­niert. Die aber gar nicht auf dem Schirm hat, wel­cher Wind aus­ser­halb weht. Und es ist nun ein­mal heu­te so, dass wer das nicht mit­be­kommt, nach außen kaum ver­mit­tel­bar ist. Das ist der Span­nungs­bo­gen von Bau­er sucht Frau.

Ein Dampf­schiff ohne Maschi­ne

Die­je­ni­gen, die von Nöten wären, das Schiff wie­der auf den alten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kurs zu brin­gen, wur­den wegen die­ser sozia­len Klit­sche fern gehal­ten oder durch sie ver­grault. Genau die­se Leu­te sind nun eben nicht in der Par­tei, damit die SPD wie­der auf brei­ter Basis Akzep­tanz fin­den kann.

Es bedarf einer intel­lek­tu­el­len Glanz­leis­tung, um ein stra­te­gi­sches Werk, egal ob in Wort oder Schrift, ein­zu­brin­gen, das Ori­en­tie­rungs­punkt für die der­zei­ti­gen SPD­ler wer­den kann und das wer­bend die­je­ni­gen für die SPD wie­der begeis­tern kann, die die SPD auf ihrem Weg in den letz­ten 15 Jah­ren ganz ver­lo­ren hat.

Die Chan­cen für so einen Fix­punkt sind aber mehr als gering. Die Intel­lek­tu­el­len hat man schon ver­grault, ein paar Künst­ler beken­nen sich noch zur SPD, aber von denen kennt der Durch­schnitts­bür­ger auch schon zwei Drit­tel nicht. Stein­mei­er ver­weist auf den geschichts­träch­ti­gen Begriff der Sozi­al­de­mo­kra­tie, Deutsch­land brau­che eine star­ke Sozi­al­de­mo­kra­tie, aber ihm ent­geht, dass die Wenigs­ten heu­te noch die Begrif­fe Sozi­al­de­mo­kra­tie und SPD für deckungs­gleich hal­ten.

Wer hat Angst vorm Schwar­zen Mann?

Und jetzt kit­tet man eben mehr schlecht als recht, was kitt­bar erscheint.  Das Neu­be­set­zen von Posi­tio­nen, das Hoch­pur­zeln in der SPD-Hierarchie und der kom­men­de Rich­tungs­streit über­tün­chen das nöti­ge Selbst­be­kennt­nis der Par­tei als einer 20%-Partei. Ein Blick zu den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen 20%-Kollegen in den Nie­der­lan­den könn­te heil­sam sein.

Hoff­nung set­zen eini­ge in ein Rot-Rot-Grün-Bündnis in NRW, das eine Blau­pau­se für künf­ti­ge Koali­tio­nen wer­den soll. Aber in NRW herrscht noch Schwarz-Gelb, von Wech­sel­stim­mung kann kei­ne Rede sein, und das Schreck­ge­spenst, dass Sah­ra Wagen­knecht in NRW zur Minis­te­rin erko­ren wird, soll­te man nicht unter­schät­zen.

Den Sozen soll­te daher eines klar sein: Die Tal­soh­le ist noch nicht ver­las­sen und viel­leicht noch nicht ein­mal erreicht.
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Lese­tipp:  Süd­deut­sche Zei­tung — Wie man einen Mann ver­senkt

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Die Kerner-Redundanz

In der ZDF-Sendung “Ker­ner” ver­such­te der gleich­na­mi­ge TV-Moderator “Twit­ter” anhand eines soge­nann­ten, inzwi­schen gelösch­ten Fake-Accounts namens “Ker­ner­Jo­han­nes” zu erklä­ren. Das ging dann so:

Und sofort stellt sich die Fra­ge: Kann denn etwas noch red­un­dan­ter sein, als dass Johan­nes B. Ker­ner, der frü­her anspie­lungs­reich als “JBK” ange­führt wur­de, irgend­et­was für red­un­dant erklärt?

Dass Ker­ner die­sen Netz­werk­dienst nicht ver­steht, ver­ste­he ich sofort. Dass er ihn nicht erklä­ren kann, son­dern lai­en­haft durch einen Fake-Account pro­biert als unbrauch­ba­re Zeit­ver­schwen­dung dar zu stel­len — nur jemand, der Ker­ner nicht kennt, hät­te etwas ande­res erwar­tet. Ker­ner behan­delt jedes The­ma mit die­ser eige­nen Art von jour­na­lis­ti­schen Stren­ge — man ist ja im Fern­se­hen, da kann man nur begrenzt inten­siv auf Din­ge ein­ge­hen. Da braucht man dann auch nicht not­wen­di­ger­wei­se Leu­te, die über die­se Begren­zung hin­aus den­ken kön­nen.

Stef­fen Sei­bert erklärt in den Ton Ker­ners ein­fal­lend: “Ich wüss­te nicht, was ich damit soll­te.” Ja, Stef­fen, ICH wüss­te auch nicht, was du damit sollst. Jemand, der immer nur die Nach­rich­ten ande­rer neu auf­ar­bei­tet und im Fern­se­hen vor­liest, der wird mit Twit­ter nichts anfan­gen kön­nen.

Ein­zig heute-journal-Urgestein Wolf von Lojew­ski bewahrt dem The­ma an die­sem Ort die nöti­ge Sach­lich­keit eines guten Jour­na­lis­ten, der eben im Gegen­satz zu Ker­ner und Sei­bert nicht sofort eine Sache ver­ur­teilt, ohne sie ver­stan­den zu haben. Der aber, und das ist das eigent­lich Tol­le die­ses Aus­schnit­tes, sofort erkennt, dass sein Unwis­sen über den Dienst Twit­ter der Sache nach rele­van­ter ist, um über Twit­ter zu urtei­len, als das auf­ge­bläh­te Wich­tig­tu­er­tum von Ker­ner und Sei­bert. Das ZDF wird es schwer haben ohne Leu­te des Kali­bers von von Lojew­ski.

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