Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Bodo Hombach über das Internet-Manifest

Bodo Hombach hat sich zum Internet-Manifest geäußert. Es ist aber schon mehr als das, es geht auch um die rund um die Zensursula-Geschichte rumschwirrende Frage nach einer Regulierung des Internets.

Nun ist Bodo Hombach sicher kein Schriftsteller höchster Qualität und im Jargon der Blogs schreibt er auch nicht. Aber das sollte man mal kurz beiseite lassen. Dazu sollte man bei Hombachs Text dessen Anspielungen auf andere Dinge beiseite lassen, ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass sie zur Kläung des Inhalts beitragen.

Worum geht es Hombach also? Es geht ihm darum, einen netzwerkartigen Fixpunkt dar zu stellen zwischen Personen, die den „alten“ Medien verschrieben sind, Personen, wie den Internet-Manifestern, die beides kennen, aber eher dem Internet anhängig sind, und letzten Endes auch Personen, die ganz dem Internet anhängen. Das ist insofern interessant, als dass Hombach politisch und wirtschaftlich absolut kein Nobody ist.

Was sagt Hombach? Erstaunlich wenig für 6 ausgedruckte Seiten[1. Thomas Knüwer hat einzelne Sätze Hombachs aus dem Text genommen und daraus eine Brandrede verfasst. Das scheint mir nicht zu funktionieren, weil Hombach einfach nicht gut genug schreibt, als dass sich daraus konkret ablesen liesse, ob er gegen jemanden bestimmtes gerade etwas sagen möchte oder nur irgendwelche Argumente aus dem Weg räumt. ]: Das Internet braucht Regeln und die Menschen sollten dem Internet dadurch ihren Stempel aufdrücken, um so Chaos und Verbrechen Einhalt zu gebieten.

hombachim

Ich finde, dagegen spricht eigentlich auch nichts. Zumindest kann man dies als eine Position in einer Internetdebatte durchaus vertreten.

Das Ding ist nur, es gibt schon Regeln und neuerdings scheinen sich besonders Politiker und althergekommene Medienmacher auf die Fahnen geschrieben zu haben, gegen diese Regeln ihren auf Kontrolle und Profit gebürsteten Stempel mit aller Macht anwenden zu wollen. Und eben das wird nicht reibungslos funktionieren.

______________________
Fußnote:

Did God not create heaven and earth?

Bad news for creationists: The one who claims God created heaven and earth can’t relate that to Genesis. That’s what Ellen van Wolde is going to say tomorrow morning in her inaugural speech in Nijmegen, the Netherlands.

In Genesis there’s only written down that God parted heaven and sea, so there was something there before.

Doesn’t that mean God only used evolution?

genesis11

Als Gott mit der Schöpfung anfing, gab es schon Meeresleben

Die Schöpfungslehre kriegt nach langer Zeit wieder mal ein Update: Wer behauptet, dass Gott Himmel und Erde geschaffen hat, kann sich dafür nicht auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel beziehen. Das meint die Nimwegener Theologieprofessorin Ellen van Wolde in ihrer morgigen Antrittsvorlesung.

Denn dort ist nur die Rede davon, dass Gott Himmel und Erde voneinander trennte. Da war also schon was. Schlechte Zeiten für Kreationisten, wenn der oberste Boss schon auf die Evolution zurückgegriffen hat, oder?

genesis11

Die taz-Piraten oder: Wie man eine Verschwörungstheorie entert

tazpiraten

Wenn sich in letzter Zeit wirklich eine deutsche Zeitung um ein externes Watch-Blog bemüht, dann ist es die tageszeitung, kurz taz.

Als Ines Pohl im vergangenen Sommer die Leitung der taz von Bascha Mika übernahm, sagte sie:

Bascha Mika warnt davor, dass die „taz“ zurückfällt in eine Zeit der Grabenkämpfe und zurückkehrt in ideologische Ecken von vorgestern. Das wird der „taz“ auch mit mir in der Chefredaktion nicht passieren.


Links zu sein heißt für mich auch, kritisch und aufständisch sein, Attribute, die für die „taz“ ja passen.

Wirklich?

In den letzten Wochen fiel verstärkt auf, wie die taz die Piratenpartei ins Visier nahm.

Im Artikel Die Untiefen der Freiheit konstatiert Albrecht von Lucke, man wird sich, sofern die Piratenpartei nicht ihren Freiheitsbegriff klärte,

nicht darüber wundern können, wenn sich auch in Zukunft hinter dem Piraten-Label alle möglichen zwielichtigen “Freiheitlichen” versammeln werden.

Julia Seeliger weiss aus dem Umstand, dass das Vorstandsmitglied der Piratenpartei Andreas Popp naiver Weise der rechtsgerichteten Zeitung Junge Freiheit ein Interview gegeben hat, den Schluss zu ziehen:

Abermals ist es der Piratenpartei passiert, unsensibel gegenüber rechtslastigen Argumentationen gewesen zu sein.

Rhetorik für Anfänger. Wenn sie jemandem nichts direkt vorwerfen können, versuchen sie es indirekt. Das Interview ging überhaupt nicht um rechte Themen, der Interviewer versuchte nicht, dem Interviewten Meinungen unterzuschieben[1.
__________________________

1. Diskutabel ist dabei natürlich der Satz des Interviewers Linke, soziale Parteien stehen klassisch für soziale Entmündigung zugunsten eines stark bemutternden Staates.
Aber Popp pariert diesen Satz
] oder zu befördern. Was also tun? Werfen sie ihm geschwurbeltes Zeugs vor, wie “unsensibel gegenüber rechtslastigen Argumentationen” zu sein. Rechtslastige Argumentationen sind nicht behandelt worden, aber gefühlt sind sie eben für die sensiblen tazler immer im Spiel. Da kann man argumentativ nichts mehr anrichten: Gefühle unterstehen der privaten Äußerungsberechtigung.

Felix Lee mutmaßt nach der Bundestagswahl, die Piratenpartei freue sich über

720.000 Euro, die demnächst in ihre Parteikassen fließen werden. An der Finanzsituation wird es also nicht liegen, falls der nun anstehende Parteiaufbau scheitern sollte.

Offenbar geht man bei der taz davon aus, dass ein anstehender Parteiaufbau scheitert. Lee und Seeliger kommen zu der erstaunlichen Einsicht, einiges spräche für den

Fortbestand der Internet-Partei auch nach der Bundestagswahl. […]

Zudem würde es

nicht verwundern, wenn bereits die nächste Bundesregierung speziell einen Staatssekretär für die Online-Welt abstempelt. – Dem Gedankengang der Autoren zufolge wohl das Aus für die Piratenpartei.

Der Erfolg der Piratenpartei in Schweden

gibt den Piraten Selbstbewusstsein – zu Unrecht. Denn sie sind bei weitem nicht die einzigen, die die Netzweltthemen behandeln.

Bei der taz weiss man wohl inzwischen auch, wann welche Partei zurecht selbstbewusst sein darf. Ist das nicht schon ein Partei-ergreifen?

Heute schreibt Paul Wrusch den Artikel Der Pirat, der einmal Nazi war. Nazis, Neo-Nazis und Rechtsextreme, das ist bei der taz offensichtlich einerlei. Der wesentlichste Punkt des Artikels über ein Piratenmitglied, das zuvor extrem rechts engagiert war, ist hierbei schon in der Überschrift festgehalten:

Unterwanderungstendenzen.

Wer die taz verfolgt hat, der weiss wie Wrusch über die Piratenpartei:

Die tut sich im Umgang mit derartigen Fällen und der Abgrenzung nach Rechts noch schwer.

Am Ende, als Höhepunkt des Artikels, kommt Wrusch zu seiner eigentlichen Message, die im Kern nichts anderes ist als eine Verschwörungstheorie:

Die Rechten unterdessen wissen, dass ihnen von den Piraten Konkurrenz um Wählerstimmen droht: Vor allem junge Männer könnten zu den Piraten überlaufen, fürchten sie. Auf dem Infoportal gesamtrechts.net fordert ein anonymer Kolumnist daher schon Anfang August offen: “Werdet rechte Piraten”. Ein direkter Aufruf zur Unterwanderung.

Als ob das noch nicht peinlich genug wäre, darf sich Wrusch seine Fehlinterpretation von den Rechten um die Ohren hauen lassen:

Wir haben den Parteistrategen des rechten Lagers angeraten, sich der Themen der Piratenpartei anzunehmen, um auf diese Weise so wenige Jung- und Erstwähler wie möglich an die Piratenpartei zu verlieren.

Das ist in der Tat so in der zitierten Textpassage nachzulesen. Dass diese Passage auch von NPD-Info.net falsch gelesen wurde, und vielleicht vom taz-Autor nur übernommen wurde, lindert den Schaden wenig.

Kommen wir also zum Ausgangspunkt zurück: Der Versuch der taz, ihre Autoren “kritisch” auf das vermeintlich ungefährliche Piratenpartei-Thema anzusetzen, scheint offensichtlich aus dem Ruder zu geraten. Denn immer wieder behandeln die Autoren eher ihre eigenen Positionen und Vorurteile als Fazit ihrer Texte, als dass sie Sachlagen möglichst objektiv analysieren. Ich weiss nicht, ob sich die Autoren damit in der ideologischen Schmuddel-Ecke befinden, von der Bascha Mika sprach, aber sauber ist das nicht.

Die neue Dörflichkeit oder: Hinterm Horizont geht’s weiter

Eine der modernen Zivilisationskrankheiten ist ja das, was ich mal mentale Provinzialität nennen möchte: Das persönliche Unbehagen damit, dass man in der Provinz wohnt, aber auch der Äußerungsdrang, dass man ja gerade nicht in einer Provinz wohnt, nicht Provinz ist. Für mich sind das zwei Seiten einer Medaille.

Bielefeld ist eine Stadt, auf die der Begriff der Provinz eigentlich schon immer gestimmt hat. In direkter Nähe sind die Hauptquartiere von Großfirmen wie Bertelsmann, Dr. Oetker, Miele, sowas ist aber offensichtlich kein Gegenindiz. Vor ein paar Jahren ging der Bielefelder Wissenschafts-Preis an Ronald Dworkin. Laudator war damals Jürgen Habermas. Der damalige Oberbürgermeister ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, um auch eine kleine Rede zu halten. Er sprach darüber, weswegen Bielefeld so interessant sei, was so schön sei, warum Bielefeld eben keine Provinz sei. Die Rede dauerte 15 Minuten. Einen besseren Beweis, dass Bielefeld Provinz ist, hätte der Oberbürgermeister nicht liefern können, als das er veranschaulichte, dass man mindestens eine Viertelstunde braucht, um das Gegenteil zu behaupten.

Nun gibt es aktuell eine gewisse Belebung in dieser Debatte mentaler Provinzialität. Und ich neige immer stärker dazu, dass man auch Großstättern mentale Provinzialität unterstellen kann. Man muss also nicht in tatsächlich eher ländlichen Gebieten leben, um unter den Folgen von Provinzialität zu leiden. In Bielefeld merkt man ja auch, dass viele gar nicht darunter leiden und insofern gar nicht provinziell sind, zumindest nicht mental.

Es hat einen Artikel von Matthias Kalle in der in Hamburg erscheinenen ZEIT gegeben, der sich damit beschäftigt, dass angeblich plötzlich ein München-Hype ausgebrochen sei. Provokant wird gefragt: „Wie konnte es dazu kommen?“ Das ist wohl die Stelle, die provinzielle Münchner gekränkt hat: Sollte München inzwischen gar nicht mehr würdig sein, „in“ zu sein? Der Text selbst kränkelt widerum daran, dass der Autor glaubt, Münchens Charakteristik nur anhand kleiner Party- und Modemomente, gespickt mit der neuen deutschen Dörflichkeit festmachen. Daraus kann keine gute München-Beschreibung entstehen.

derstenz

Daraus kann aber offensichtlich eine Kränkung von Münchnern entstehen, wie der Text Roxy Munich von Beate Wild hat Fieber eindrucksvoll unter Beweis stellt. Man ist etwas pikiert über die Einstellung, Münchens Subkultur erst 2009 für heraushebenswert zu erachten.  „Schön, dass der Rest Deutschlands endlich mal erfährt, dass München eine Subkultur hat.“ Versuchen Sie mal einen Satz zu formulieren, der noch provinzieller klingt. Ein kleiner, zusätzlicher Schönheitsfleck dieses Satzes ist: Von Münchens Subkultur hat der Rest Deutschlands bis heute nicht wirklich erfahren, denn deutsche Feuilletons sind nun mal nicht mehr massenwirksam. Und eine Subkultur ist eben nur in Verbindung mit der Kultur, von der sie Subkultur sein möchte, lesbar.

Das heisst, es geht um München: Die einzige Metropole Bayerns, wo sich das, was sich Subkultur nennt, dem übriggebliebenen Schickimicki entgegen stemmt. Ein Kampf gegen die Giulia Siegels dieser Welt. Ein München, das heute im Schatten Berlins als Deutschlands einziger Weltstadt steht. Wobei, wenn man in Berlin wohnt, man ja meist eh in irgendeinem kleinen Berliner Viertel beheimatet ist, das für sich so gar nichts hat. Aber Berlin ist eben eine Stadt für Künstler und für die, die sich für Künstler halten, ein Kulturepizentrum, dessen Auswüchse allerdings außerhalb Berlins schon kaum noch jemanden interessieren. Dennoch ist der 30€-Flug München-Berlin stark nachgefragt, für manchen ist dies der Ausweg aus der eigenen mentalen Provinzialität. Vielleicht fällt die auch in Berlin einfach nicht so auf, weil man auf Brüder und Schwestern im Geiste trifft.

Wenn sie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufschlagen, können sie genau das in den Berliner Artikeln rauslesen: Dem Schreiber ist es wichtiger über irgendetwas zu schreiben, weil es in Berlin stattfindet, als auf den Punkt zu kommen, der der Sache nach interessant sein soll. Schlimmer ist das nur noch in den Ausgaben von der Freitag. Das macht widerum die in München herausgegebene Süddeutsche Zeitung so interessant: Die Abwesenheit eines alltäglichen Drangs von Lokalpatriotismus, der gerade in letzter Zeit zum Ausgraben wirklich guter Themen geführt hat, die in handwerklich hervorragenden Texten unterkommen.

Heutzutage ist so ein bisschen Provinzialität vielleicht gar nicht so verkehrt.

Suche Enttäuschung fürs Leben

Heute ist ein schöner Tag und allerhöchste Zeit, sich mal wieder die Kleinanzeigen vorzunehmen. Ein altbekanntes Spiel, aber immer wieder lustig.

Du bist schw. und allein?

Schw.? Schwanger? Schwerhörig? Ich dachte erst schwul, aber das passt nicht so:

Er, 42 J., su. Sie für gel. erot Treffen.

Tja, also, wenn gerade eine Dame akut schw. ist, verrate Sie mir doch, was das heisst. Man muss ja auf dem Laufenden bleiben.  Verständlicher ist da schon dieses:

Hallo Unbekannte. Du, dkl. haarig, mit Jeans. Ich habe Dich am Samstag, 5. Sept., ca. 12.30-13.00 Uhr bei Deichmann/Real Kauf gesehen. Ich war auf der Suche nach der Weißen Sohle.

INDIANER !!!!

3 Zicken suchen einen Bock, der nicht nur seine Hörner zeigt.

Ich sag’s immer wieder: So Metaphern werden überbewertet.

Ruhiger Mann, 62. J., suche nach schwerer Enttäuschung für den Rest meines Lebens

Harmonie wird auch überbewertet, sicher, sicher. Aber gleich so negativ die Sachen angehen? Und so endgültig? Ach so, geht weiter:

eine liebe, nette Partnerin zum Verlieben.

Ich dacht schon.

Kosten für Musik in niederländischen Blogs

BUMA/STEMRA hat gerade ein PDF vorgelegt, in dem dargelegt wird, was das Einbinden von Musik in niederländischen Blogs so kosten soll ab kommendem Jahr. Und da ist man nicht zimperlich: 6 eingebettete Lieder kosten 130€. Das verspricht spaßige erste Prozesse.

stemra

Soweit ich weiss ist das Pfeifen von Melodien auf öffentlichen Straßen in den Niederlanden noch erlaubt, auch wenn ich finde, dass das auch irgendwie embedded ist.

Wenn linke Systeme untergehen

drohsel

Der derzeitige Untergang der SPD als Großpartei erinnert mich schon etwas an den Untergang der DDR in seinen letzten Zügen. Da finden sich in den übrig gebliebenen Organisationsformen noch Leute, die das Schiff noch nicht verlassen haben, die aber auch nicht bemerkt haben, dass der Zug schon lange abgefahren ist, dass das Volk von Ihnen gerade nichts erwartet, dass die Musik woanders gespielt wird.

Das Prinzip „Bauer sucht Frau“

Die SPD hat den Unfall, den sie erlitten hat, nicht wahrgenommen, und wer zu den Leuten gehört, die ihn nicht wahr genommen haben, der soll jetzt die Reperatur veranlassen? Der Schaden ist noch nicht einmal identifiziert, nicht personifiziert. Aber schon sind die ersten linken Opportunisten da, die genau wissen, in welche Richtung die Segel der Partei gepustet werden müssen.

Dabei hat die SPD ja nicht nur extern Leute vergrault, sondern auch intern. Es hat sich eine soziale Klitsche gebildet, die intern nach den eigenen Gesetzen funktioniert. Die aber gar nicht auf dem Schirm hat, welcher Wind ausserhalb weht. Und es ist nun einmal heute so, dass wer das nicht mitbekommt, nach außen kaum vermittelbar ist. Das ist der Spannungsbogen von Bauer sucht Frau.

Ein Dampfschiff ohne Maschine

Diejenigen, die von Nöten wären, das Schiff wieder auf den alten sozialdemokratischen Kurs zu bringen, wurden wegen dieser sozialen Klitsche fern gehalten oder durch sie vergrault. Genau diese Leute sind nun eben nicht in der Partei, damit die SPD wieder auf breiter Basis Akzeptanz finden kann.

Es bedarf einer intellektuellen Glanzleistung, um ein strategisches Werk, egal ob in Wort oder Schrift, einzubringen, das Orientierungspunkt für die derzeitigen SPDler werden kann und das werbend diejenigen für die SPD wieder begeistern kann, die die SPD auf ihrem Weg in den letzten 15 Jahren ganz verloren hat.

Die Chancen für so einen Fixpunkt sind aber mehr als gering. Die Intellektuellen hat man schon vergrault, ein paar Künstler bekennen sich noch zur SPD, aber von denen kennt der Durchschnittsbürger auch schon zwei Drittel nicht. Steinmeier verweist auf den geschichtsträchtigen Begriff der Sozialdemokratie, Deutschland brauche eine starke Sozialdemokratie, aber ihm entgeht, dass die Wenigsten heute noch die Begriffe Sozialdemokratie und SPD für deckungsgleich halten.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Und jetzt kittet man eben mehr schlecht als recht, was kittbar erscheint.  Das Neubesetzen von Positionen, das Hochpurzeln in der SPD-Hierarchie und der kommende Richtungsstreit übertünchen das nötige Selbstbekenntnis der Partei als einer 20%-Partei. Ein Blick zu den sozialdemokratischen 20%-Kollegen in den Niederlanden könnte heilsam sein.

Hoffnung setzen einige in ein Rot-Rot-Grün-Bündnis in NRW, das eine Blaupause für künftige Koalitionen werden soll. Aber in NRW herrscht noch Schwarz-Gelb, von Wechselstimmung kann keine Rede sein, und das Schreckgespenst, dass Sahra Wagenknecht in NRW zur Ministerin erkoren wird, sollte man nicht unterschätzen.

Den Sozen sollte daher eines klar sein: Die Talsohle ist noch nicht verlassen und vielleicht noch nicht einmal erreicht.
____________________________

Lesetipp:  Süddeutsche Zeitung – Wie man einen Mann versenkt

Die Kerner-Redundanz

In der ZDF-Sendung „Kerner“ versuchte der gleichnamige TV-Moderator „Twitter“ anhand eines sogenannten, inzwischen gelöschten Fake-Accounts namens „KernerJohannes“ zu erklären. Das ging dann so:

Und sofort stellt sich die Frage: Kann denn etwas noch redundanter sein, als dass Johannes B. Kerner, der früher anspielungsreich als „JBK“ angeführt wurde, irgendetwas für redundant erklärt?

Dass Kerner diesen Netzwerkdienst nicht versteht, verstehe ich sofort. Dass er ihn nicht erklären kann, sondern laienhaft durch einen Fake-Account probiert als unbrauchbare Zeitverschwendung dar zu stellen – nur jemand, der Kerner nicht kennt, hätte etwas anderes erwartet. Kerner behandelt jedes Thema mit dieser eigenen Art von journalistischen Strenge – man ist ja im Fernsehen, da kann man nur begrenzt intensiv auf Dinge eingehen. Da braucht man dann auch nicht notwendigerweise Leute, die über diese Begrenzung hinaus denken können.

Steffen Seibert erklärt in den Ton Kerners einfallend: „Ich wüsste nicht, was ich damit sollte.“ Ja, Steffen, ICH wüsste auch nicht, was du damit sollst. Jemand, der immer nur die Nachrichten anderer neu aufarbeitet und im Fernsehen vorliest, der wird mit Twitter nichts anfangen können.

Einzig heute-journal-Urgestein Wolf von Lojewski bewahrt dem Thema an diesem Ort die nötige Sachlichkeit eines guten Journalisten, der eben im Gegensatz zu Kerner und Seibert nicht sofort eine Sache verurteilt, ohne sie verstanden zu haben. Der aber, und das ist das eigentlich Tolle dieses Ausschnittes, sofort erkennt, dass sein Unwissen über den Dienst Twitter der Sache nach relevanter ist, um über Twitter zu urteilen, als das aufgeblähte Wichtigtuertum von Kerner und Seibert. Das ZDF wird es schwer haben ohne Leute des Kalibers von von Lojewski.

Das Ende der Großparteien

Mit dem 27. September 2009 endete in Deutschland die Geschichte der Großparteien. Wären die Nichtwähler eine Partei, sie hätten 5% mehr als die SPD und läge mit der CDU gleichauf oder vor ihr.

Die Wahl gewonnen haben CDU/CSU und FDP, die zusammen gerade einmal ein Drittel der Wahlberechtigten in Deutschland für sich gewinnen konnten. Ob selbst dieses Drittel für Inhalte gewonnen wurde, ist höchst fraglich, schliesslich will eine Mehrheit in Deutschland den Mindestlohn und genau den wollen CDU/CSU und FDP nicht.

Der SPD ist so deutlich wie nie zuvor gezeigt worden, dass sie auf Bundesebene weder Volks- noch Großpartei ist. Immer wieder wurde in den letzten Wochen darauf verwiesen, dass Deutschland eine starke Sozialdemokratie brauche. Nur geht das eben auch ohne die SPD, was widerum ein Gedanke ist, den die Genossen erst noch verinnerlichen müssen. Und je länger das dauert, desto länger die Genesung. Sonderlich hoffnungsvoll kann man nicht sein, wenn Steinmeier gleich am Wahlabend die alte Leier anstimmt, die SPD habe eine historische Aufgabe. Mit Geschichtsfuselei werden aktuelle Probleme nicht behoben, kommende Wahlen nicht gewonnen.

Die CSU fällt und fällt und holt in Bayern nur noch 41%. Die lange Zeit drittstärkste Partei kommt mit 6,5% derzeit nur noch auf den 6. Rang und darf sich künftig nicht wundern, wenn sie den Atem der Piratenpartei (2%) im Nacken spürt. Da erscheint es seltsam weltentrückt, wenn CSU-Barde Peter Ramsauer von Leihstimmen spricht, die die FDP von CDU/CSU ergattert habe. Das ist das Denken in alten Strukturen.

Die FDP, und das muss man ihr zugestehen, hat es immerhin verstanden, die aktuellen Probleme in ihre eigene Jargon einzubinden, so dass es einen weltanschaulichen Standpunkt ergab, den Westerwelle sehr gut ausfüllen konnte. Auch wenn der FDP genaue Inhalte abgehen wie eh und je. Es ist den Opportunisten aber nun einmal nicht anzulasten, wenn ihre Gegner sich nicht auf Wahlkampf verstehen.

Diese Wahl hat dem Hinterbänklertum den Kampf angesagt und das ist gut so. Gewonnen werden Wahlen künftig mit Inhalten, deren Darstellung man mächtig ist. Das ist auch gut. Die CDU hat vor wenigen Monaten den größten Online-Widerstand der Bundesrepublik heraufbeschworen und ich wähne, dass Ähnliches sich wiederholen könnte. Das bedeutet aber nur, dass jüngere Menschen für politische Zwecke kämpfen. Und auch das ist gut so.

August 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Jul    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren
    • none
Seite 30 von 32« Erste...1020...2829303132