Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

gekritzelte Buchempfehlungen

buchleserJa, sicherlich darf jeder, der etwas verkaufen will, das, was er verkaufen will, so anpreisen wie er mag. Und dennoch darf man ebenso als Angesprochener mal sagen, was man davon hält.

Es gibt ja Bücherketten, die mieten sich in diverse Großstädte ein, um die schon vor Ort handelnden Bücherläden KO zu machen. Die Strategie sieht so aus, dass man ein Geschäft in hervorragender Lage hat, zunächst keine schwarzen Zahlen mit diesem Geschäft einfährt, sondern lediglich Mitbewerber verdrängt. Kapitalismus pur. Es geht nicht um den Inhalt der Bücher, es geht nicht um Literatur.

Allein aus diesem Grunde lehne ich jedes Gespräch mit Angestellten dieser Ketten ab. Diese Leute sind schlicht nicht eingestellt, um meinen Literaturgeschmack zu erkennen und diesem entsprechend mir einen Lesetipp zu geben, der sich aus ihrem breiter gelagertem Literaturwissen speist. Nein, mir soll der Schinken empfholen werden, der verkauft werden soll.

Und das ist dann vorzugsweise der Krempel der an der Kasse liegt, oder auf irgendeinem Haufen mittig im Geschäft, meist mehrfach gestapelt. Oder es ist ein Buch, dass mit einer Meinung irgendeiner Verkäuferin bekritzelt ist. Und das ist auch schon der nächste Gipfel der Zumutung:

Lesen! Lesen! Lesen!

kritzelt da eine Verkäuferin auf ein Buch. Das Ausrufezeichen mit diesem breiten Dreieck statt einem Strich.

Einfach genial.

meint eine andere über den daneben liegenden Schinken, der wohl keine weitere Beschreibung nahe legt.

Man legt es nicht wieder weg.

steht auf einem 600-Seiten-Oschi, den man sicher wieder weglegt.

Passend zum Film.

ist auch eine überraschende Erkenntnis über die Literaturvorlage zu einem aktuellen Kindervampirfilm.

Spannend wie ein Hollywood-Thriller.

Lang leben die 80er!

Der beste Follet seit 2002.

Tja, wenn Literatur Wein wäre, dann steckte hier hinter eine Aussage.

Nichts für schwache Nerven, aber für den Sommer.

ist da noch mein Liebling unter den hirnverbrannten Kritzeleien. Das soll wohl lustig sein. Auf solche Kaufabreitze muss man aber auch erstmal kommen.

RTL, Günther Jauch und der DJ der guten Laune

Es hat sich eine Person gemeldet, die sich an dieser Stelle unrechtmäßig zitiert sieht. Ich solle die Aussagen entfernen, man erweckte bei mir den Eindruck, man habe auch „andere Mittel“ dagegen. Andererseits hätte ich auch bei einem „aufmerksamen Lesen der Bild“ wissen können, dass der DJ der guten Laune nicht in besagte Sendung kommen möchte. Ich komme dem hiermit nach, da ich niemanden an dieser Stelle ärgern wollte. Die Bild lese ich allerdings nicht.

Klingelt vorgestern morgen bei mir das Telefon:

XXX

Öh, ja. Aber auf Umfragen hab ich gerade keine Lust. Haben Sie eine Umfrage vor?“

XXX

Aso.

XXX

Aha. Soso.

Ich bin immer noch etwas irritiert, ob das ein Scherzanruf ist oder ob jemand mich mit meiner Nummer aus Jux als Beziehungsberater in den Gelben Seiten untergebracht hat, komme aber gerade eh nicht zu Wort, und da ertappt sie mich doch glatt irgendwie auf dem falschen Fuß:

XXX

Günther Jauch?

XXX

Äh, Nö.

XXX

Na, so schnell bin ich ja noch nie von einem Gegenteil überzeugt worden.

XXX

Ja, ich habe ein Interview mit ihm verlinkt, aber mehr auch nicht.

XXX

Nein.

XXX

Äh, nein.

XXX

Dann habe ich ihr den Tipp gegeben, über den Youtube-Account, unter dem das Video zu finden ist, einen Kontakt herzustellen. Aber so sieht Internetrecherche bei RTL wohl aus.

Das ist aber bei den Öffis dann auch nicht großartig anders. Ich war mal vor Urzeiten der einzige Besitzer einer Schwarzwaldklinik-Fanseite. Da klingelte dann auch das ZDF mal an, ob ich nicht bei Kai Böckings Sendung Risiko mitmachen wollte („Nein, ich habe keine Lust, Schwarzwaldkliniksachen auswendig zu lernen.“) und ob ich nicht jemanden fürs Schwarzwaldklinik-Special kennen würde, der in die Sendung kommt und erzählt, dass er sein Medizin-Studium nur wegen der Schwarzwaldklinik aufgenommen habe („Nein, solche Menschen GIBT ES NICHT!“).

Man muss schon ordentlich verpeilt sein für’s Fernsehen, ordentlich!

Was ich noch sagen wollte zu… Christian Wulff, Deutschlands neuem Grüß-August

Also, ein wenig am Kopf kratzen wird man sich nach der gestrigen Bundespräsidentenwahl schon dürfen: Da lässt sich Christian Wulff mit eben der mangelhaften persönlichen Unterstützung aus den eigenen Reihen wählen, auf Grund derer Horst Köhler zurückgetreten ist. Der eine geht, weil er meint, da sei ein Gestank im Gebälk, der mittlerweile unerträglich sei, und der andere, ach egal, wenn man sich nur die Nase dauerhaft zuhält und nichts an sich rankommen lässt, dann geht’s. Sollte sich hier aber eine Tendenz zeigen, dann ist das ernüchternd: Hat Wulff nicht mal das wenige Rückrat, das Köhler besaß?

Dass er der persönlich schwächere Kandidat war gegenüber Joachim Gauck, ist soweit klar. Die Typoisierung, dass Gauck ein ganzes Leben habe, Wulff nur ein Parteibuch ist aber so nicht richtig. Dies gilt nur für den erbrachten Qualifikationsnachweis. Und da hat die CDU eben nur nach der Parteizugehörigkeit geschaut, was widerum nicht mal in halbwegs größeren CDU-Kreisen besprochen wurde, sondern nur im Allerengsten.

Auch wenn es nicht so schien, so ist Christian Wulff durchaus ein respektabler Kandidat für das Bundespräsidentenamt gewesen. Christian Wulff verfügt sehr wohl über Lebenserfahrung, er hat im Privaten eindrucksvoll und ehrenwert seinen Mann gestanden. Ich komme aus der Ecke, in der er groß geworden ist. Hier ist Steinkohle zuhause und Wulff war nie ein Freund der Kohlesubventionen. Wie nicht anders zu erwarten, hat man ihm das in meiner Heimatstadt, einer Kohlestadt, übel genommen. Man hat ihm damals Kohle direkt vor die Haustür gekippt. Und was machte Christian Wulff? Er ging zu den Kumpels und stellte sich. Und das saß. Die Kumpels haben sich natürlich nicht seiner Meinung angeschlossen, aber, dass er Schneid hat, das wurde anerkannt.

Was mich aber noch stört, ist seine Eingebundenheit in der Treue zum Christentum und zur Partei, die es schwer werden lässt, ein objektiver Präsident aller Deutschen zu werden. Vor kurzem hat er Aygül Özkan viel zu wenig in ihrer freien, kritischen Haltung unterstützt. Das mag machtpolitisch geschickt und um des lieben Friedens in Niedersachsen Willen richtig gewesen sein, aber der Sache nach war es eben falsch, anti-aufklärerisch und verlogen. Ein Bundespräsident sollte sich der Sache angemessen verhaltend urteilen, nicht sein Urteil nur unter der Bedingung einer Religion oder einer Partei fällen.

Es wäre gut, wenn Christian Wullf diesen Emanzipationsprozess in seiner Position als Bundespräsident vollzieht. Nur so kann das Stigmata, nur der B-Kandidat dieser Wahl gewesen zu sein, ablegen, kann er mehr sein als ein austauschbarer Grüß-August.

Sabine Rückert über den Fall Kachelmann

In Schuldig auf Verdacht kommentiert und berichtet Sabine Rückert über den Fall des ARD-Meteorologen Jörg Kachelmann. Der Artikel ist allerdings wesentlich mehr. Es werden nicht nur Ungereimtheiten, erlogene Wahrheiten und Anstandslosigkeiten thematisiert, Rückert entzieht den Fall der Klatschpresse und setzt Frauen auf die Anklagebank:

Wartete Aschenputtel früher auf den Märchenprinzen, so verzehrt es sich heute nach dem Mann vor der Kamera. So manche Kachelmann-Freundin, die sich jetzt als sein Opfer fühlt, wird mindestens ebenso Opfer ihrer eigenen Sucht geworden sein, von seinem Glanz zu profitieren. Wer schönen Schein wollte, hat ihn von Kachelmann bekommen. Viel mehr gab es nicht.

Die Akte Kachelmann ist deshalb auch ein Dokument weiblicher Selbsterniedrigung, in ihr stellen sich junge, attraktive Frauen unserer Zeit selbst dar wie die Mätressen eines Fürsten. Sie zeigt, dass 50 Jahre Feminismus zwar bewirkt haben, dass Männer sich heute bei Delikten gegen die weibliche Selbstbestimmung als wütende Strafverfolger betätigen, dass aber die Idee vom aufrechten Gang ganze Teile der Frauenwelt nicht erreicht hat.

Das ist so mit das Deutlichste und Heftigste, was ich überhaupt an Frauen-Kritik durch eine Frau gelesen habe [Wem für diese Bemerkung das Zitat nicht ausreichend genug ist, der lese den gesamten Artikel]. Ich schreibe das jetzt auf diese Art, weil ich wirklich nicht weiss, ob ein Mann dies in dieser präzisen Form so hätte schreiben können. Rückert darf man dankbar sein für diesen schonungslosen, treffsicheren Artikel. Und auch wenn ich über Einzelheiten dieses Falls nicht auf der Höhe bin, so haben doch die Gedanken Rückerts breite Beachtung und Überdenkung verdient.

Aktualisierung vom 07. August 2010
Inzwischen wird Rückerts Artikel aufgrund der Autorin kontrovers diskutiert: Rückert soll Kachelmanns Anwalt das Hinzuziehen eines weiteren Anwalts, die sie vorschlug, angeraten haben und habe dann wegen der Ablehnung dieses Vorschlags durch den Artikel brüsk reagiert.

Aktualisierung vom 30. November 2010
Inzwischen ist der bisherige Anwalt von Jörg Kachelmann, Reinhard Birkenstock, nicht mehr dessen Rechtsvertreter. Abgelöst wird er von Johann Schwenn – dem Juristen, den Rückert Kachelmann empfohlen hat.

Was ich noch sagen wollte zum… Unrechtsstaat DDR

Die Kandidatin für das Bundespräsidenten Amt der Linken, Luc Jochimsen, hat heute gemeint, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Dabei stützt sie sich darauf, dass es angeblich keinen juristischen oder wissenschaftlichen Begriff „Unrechtsstaat“ gebe.

Eine seltsam haarspalterische Position. Es gibt da also den Begriff des Rechtsstaats. Nach Kant ist das ein Staat, der den Menschen ihr Recht ermöglicht. Und alles was kein Rechtsstaat ist, könnte man auch Unrechtsstaat nennen. Problemlos hätte man so einen wissenschaftlichen Begriff „Unrechtsstaat“. So haarspalterisch, wie Frau Jochimsen an die Sache herangeht, könnte man einwenden, ein Unrechtsstaat müsste ein Staat sein, der Unrecht schafft, nicht lediglich einer, der kein Recht schafft.

Aber genau das hat die DDR ja getan, in dem dieser Staat für die Bevölkerung willkürlich Personen verfolgt und getötet hat. Da dies willkürlich geschah, hätte jeder Bürger davon ausgehen müssen, auch willkürlich Opfer dieser Staatsgewalt werden zu können. Insofern kann von einer Rechtssicherheit, die ein Rechtsstaat geben müsste, nicht ausgegangen werden und insofern war die DDR schlicht ein Unrechtsstaat.

Ziel der Abschaffung der GEZ

„Ziel der Länder ist es, die Finanzierung für den Rundfunk auf eine zeitgemäße Grundlage zu stellen, die Kontrollbedürftigkeit innerhalb des Systems deutlich zu reduzieren und vor allem auch die Privatsphäre der Rundfunkteilnehmer zu schonen“, sagten denn auch Beck und der Koordinator für die Medienpolitik der unionsgeführten Länder, Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU).

Jaha! Und Ziel des Bankräubers ist es, die Finanzierung für den Alltag auf eine zeitgemäße Grundlage zu stellen, die Kontrollbedürftigkeit seines Kontostands deutlich zu reduzieren und vor allem auch die Privatsphäre der Sparkassenangestellten zu schonen, indem er zügig vorgeht.

Soviel mal zur offiziellen Begründung. Die inoffizielle lautet:

Die technische Entwicklung hat dazu geführt, dass die Erhebung der Rundfunkgebühr nicht mehr plausibel und womöglich sogar verfassungswidrig ist.

Privatsphäre für nur 17 Euro monatlich ist natürlich ziemlich günstig, Ich nehme daher zwei.

Was ich noch sagen wollte zum… Rückgrat von Kristina Schröder

Ach ja, irgendwann gewöhnt man sich auch an die Bloggeraufregungen im Internet. Auf starke Mediensympathie einer Person wird immer mit Verschwörungstheorien geantwortet und auf angebliche politische Ungerechtigkeiten immer mit kritikunantastbarer Empörung. Solange sich nur ein Zustimmungsmob findet, geht das alles klar.

Kristina Köhler hat sich den Zorn einiger Blogger und Twitterer dadurch herbeigeholt, dass sie die Kürzungen für Hartz-4-Familien durch den Begriff der Gerechtigkeit gerechtfertigt hat. Dazu nahm sie das Extrembeispiel einer Familie, die 1885€ über Hartz-IV und wahrscheinlich diverse Extrazuschläge bekommt.

Das ist eine andere Rechtfertigung als die, die sie der Süddeutschen Zeitung gegeben hat. Dort meint sie, das bisher gezahlte Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger sei systemwidrig. Von dieser Darlegung war sie im Video so begeistert wie jemand ist, der eine Logik verstanden hat, die ein anderer ihm gesteckt hat. Es klingt wirklich nicht wie ein eigenständiger Gedanke, den man sachlich darlegt.

Dieser Gedanke ist auch in der Tat logisch korrekt. Elterngeld wird für Leute gezahlt, die eigentlich arbeiten, aber zu Gunsten ihrer Kinder auf das Arbeiten verzichten. Rein logisch verzichten Hartz-IV-Empfänger gar nicht auf Arbeit. Eine Art Entschädigungszahlung für einen Fall, in dem es keinen Schaden gibt, ist somit in der Tat unsinnig, oder eben salopp gesagt systemwidrig.

Andererseits ist diese Frage fast untrennbar mit der Gesetzeswidrigkeit der Hartz-IV-Sätze an sich verbunden. Man hätte also zunächst für eine akzeptable Hartz-IV-Regelsatzberechnung sorgen sollen, bevor man Hartz-IV-Empfängern anderswo stark was wegkürzt. Genau das wäre gerecht gewesen.

Und genau dafür hätte sich eine Familienministerin stark machen müssen. Das hat Kristina Schröder nicht getan. Aber wer immer in Kristina Schröder ein Püppchen der CDU gesehen hat, das keinen Widerstand zu den Entschlüssen der führenden Köpfe leisten wird, der kann nun auch nicht überrascht oder verärgert tun: Sie hat eben das Rückrat nicht, das ihr nie unterstellt wurde.

Der Präsident der Herzen

Immer wenn sich was tut in Deutschland, bin ich selber geneigt, mal kurz einen Schritt zurück zu treten, und zu versuchen, das, was da passiert in einfachere Worte zu fassen. Ich habe einige Freunde in den Niederlanden, in den Staaten und anderen europäischen Ländern und da wird man eben gerne gefragt: Was passiert denn da gerade und was hälst du davon?

Ich habe mich, was die Präsidentenwahl 2010 in Deutschland betrifft, bisher eher zurückgehalten. Wie viele habe ich sie zunächst für eine ausgemachte Sache gehalten: Die Regierungsparteien CDU/CSU und FDP könnten in der Bundesversammlung sicherlich ihren Kandidaten, Christian Wulff, durchboxen. Aus meiner lokalen Ecke habe ich schon hier und da vernommen, dass man sich schon irgendwie freute, dass mit Wulff ein Osnabrücker auf Kandidatenplatz 1 stand.

Und dann kam Gauck.

Und wie er kam. Er verwendete seine Vorstellung als Kandidat für das Bundespräsidentenamt, salopp gesagt, als Erzählstunde, wie er sich als Bundesbürger identifizierte. Und er tat dies in einer verständlichen, angenehmen, zum Schmunzeln anregenden Weise, wie man es sich von Pfarrern und Großvätern wünscht:

Für sich genommen war das schon beeindruckend – wie dröge war dagegen die Vorstellung Christian Wulffs – aber das alleine und der gewisse Bekanntheitsgrad, über den er verfügt, mag derzeit die Euphorie für Joachim Gauck nicht erklären.

Joachim Gauck ist in seiner Rolle als überparteilicher Kandidat eben auch ein Gegenmodell zum herrschendem Politikstil der Sachzwänge: Wir machen das so und so, weil es keine Alternativen gibt. Dabei gibt es immer Alternativen.

Christian Wulff selbst ist Repräsentant dieses Stils, wenn er meint, dass die Geschlossenheit von CDU/CSU und FDP ihn zur Bundespräsidentschaft führe. Er zieht schon vor der Nominierung Gaucks gar nicht die Alternative in Erwägung, durch Sachlichkeit zu überzeugen. Es ging immer nur um die schon bestehenden Mehrheitsverhältnisse.

Wulff versteckt sich hinter bereits bestehenden Machtverhältnissen und scheut eine offene, sachliche Auseinandersetzung sowie eine lagerunabhängige Abstimmung bei der Bundesversammlung. Wer so agiert, handelt anti-aufklärerisch.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass so ein verlogenes Getue direkt vor den Kameras zustande kommt:

Joachim Gauck dagegen ist ein Inbegriff für Aufklärung in Deutschland, der diesen Gedanken auch lebt. Und sowas erkennt man in Deutschland eben zwischen den Zeilen und weiss es zu würdigen. Das genau scheint mir die Welle der Sympathie zu erklären, die ihn gerade trägt.

Was ich noch sagen wollte zum… Sieg von Lena Meyer-Landrut beim European Song Contest

Das Lied Satellite war schon seit Wochen eines der erfolgreichsten YouTube-Videos deutscher Herkunft. Aber das alleine, resp. der Einsatz von Medien, wird den Sieg von Lena beim European Song Contest nicht erklären können. Schließlich haben 120 Millionen Zuschauer zugesehen und einige Millionen werden schon angerufen haben, da werden 10 Millionen nicht unbedingt reichen, denke ich.

Nun wird die Interpretationsmaschinerie anspringen, um dem Thema so lange wie möglich irgendetwas abzugewinnen. Das Lied selbst, das mich eigentlich schon seit Wochen eher nervt als begeistert, wird dafür nicht aussreichen: Es ist schlicht zu schnell abgenudelt.

Was die Macher hinter dem Lied, damit seine mal Raab, Meyer-Landrut und wer sich sonst eingeschaltet hat gemeint, allerdings erreicht haben, ist, dass mit Kreativität diesem Lied und dieser Sängerin eine allgemein akzeptierte Bühnenpräsenz verliehen wurde. Dazu wurde am Auftritt gefeilt, das kurze Schwarze wurde nie eingemottet, Backgroundsängerinnen wurden hinzugenommen und dies und das andere mehr noch. Zum Erfolg war dann sicher auch zureichend, dass die Konkurrenz keine derartige künstlerische Akzeptanz über ihre Lieder erreicht hat. Knapp war der Erfolg jedenfalls nicht.

Damit möchte ich aber mal auf das abzielen, was diese Veranstaltung für Medien-Deutschland sein kann: Ein Appel für die Kreativität von Künstlern. Dieser Erfolg war ohne Bild und RTL möglich, ohne Superstar, ohne altbewährte Songschreiber, die Hits am Bande liefern. Ausschlaggebend waren Kreative, die auf ihren persönlichen Input gebaut haben.

Solchen Leuten wieder eine Bühne zu geben, sollte die Aufforderung an alle Medienmacher in Deutschland sein, die ihr Publikum mit Superstars, Hirntotmodels, Big Pornobrother, Hartz-4-Doku-Soaps, aber auch Soko Dingenskirchen, Forsthaus Groschenroman, IrgendeinVorname sucht den Weg zum Glück fortwährend beleidigen und wirklich kreativen Beiträgen, die auf der Höhe der Zeit sind, das Wasser abgraben. Kreativität lässt sich nicht in Wirtschaftlichkeit umrechnen. Und aus Wirtschaftlichkeit entsteht keine Kreativität, sondern nur die Retorte davon.

Edo Reents: Peter Kruse – Der Vollweise

Die FAZ hat inzwischen Edo Reents‚ Schmähartikel auf Peter Kruse frei zugänglich gemacht. Und so kann nun jeder kostenlos nachvollziehen, wie Reents aus der nicht unberechtigten Analyse, dass Kruse populärwissenschaftlich daherkommt, die Grundstimmung zu erzeugen versucht, Kruse sei ein intellektueller Hochstapler.

Dabei outet Reents sich allerdings deutlich selbst als vorurteilsbehafteter Laie:

Es ist Kruse, der die beiden Lager aufeinander loslässt, und zwar auf zweifelhafter Grundlage: Nur 191 Personen wurden dazu befragt. Fachkreise begegnen den daraus abgeleiteten Thesen skeptisch. Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur des IT-Magazins „c’t“, hält das für „eine statistisch wenig aussagekräftige Grundlage und wissenschaftlich nicht haltbar“.

Herr Reents, die c’t ist doch kein Fachkreis für wissenschaftliche Studien.

Auch andere Analysen Reents sind kaum verständlich:

Doch die Güte und die Geduld des Weltweisen [Kruse] können schnell umschlagen in belehrenden Zorn über den Unverstand derer, die auch mitreden wollen. Das war am Rande der Re:publica während eines Interviews zu erleben, das Alexander Kluges Sender dctp mit ihm führte. Schon die Einstiegsfrage nach den Netzwerken, die er benutze, war ihm nicht gut genug: „Jetzt müssen wir gleich schon anfangen, theoretisch zu werden“, sagte er kopfschüttelnd: „Welche Netzwerke meinen Sie?“ Damit hatte er den Moderator so weit, die herablassende Lektion schließlich mit Demut zu quittieren: „Immer wieder inspirierend, mit Ihnen zu reden!“

Das verstehe ich nun überhaupt nicht: Wie kann denn die Einzelfrage, welches Netzwerk von mehreren, in einer bestimmten Frage in Frage kommen, einem Fragesteller gegenüber demütigend sein?

Reents sieht sich unbeirrt selbst als Aufklärer, als Entlarver des Flötenspieler von Hameln, was er dann aber doch lieber andere sagen lässt:

Einige durchschauen ihn aber auch. „Da steht er nun und generiert Mehrheiten der schlichten Art“, sagte Dietmar Moews von der Piratenpartei. Blogger und Internetkommentatoren äußern sich unverblümt: „Kruse ist der Hyper-Schwobler des Internets, vergleichbar nur mit Franz Beckenbauer im Fußball oder mit Peter Sloterdijk im Literaturbetrieb. Mit seiner Brachialrhetorik, seiner enorm schnellen Sprechgeschwindigkeit, welche dem Zuhörer keine Chance zu einem klaren Gedanken lässt, vermittelt er die Illusion, er hätte unglaublich Bedeutendes und Wegweisendes mitzuteilen.“

Wer Aufklärung aber derart polemisch in Angriff nimmt, der droht zu scheitern. Und eben dies passiert dem Germanisten Reents nach all diesem unqualifizierten Rumspsychologisieren über die Person Kruses am Ende des Textes noch einmal:

In der Regel werden von Nextpractice weniger als zweihundert Personen befragt; dafür wird das mit dem Attribut „qualitatives Interview“ versehen – als hätten alle anderen Interviews keine Qualität. Auf den Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität, darauf, etwas Relevantes über unsere Gesellschaft auszusagen und sie über Beratung auch zu beeinflussen, reagiert man in Fachkreisen mit Gelächter. Ursula Dehm, die beim ZDF seit vielen Jahren Medienforschung betreibt, kriegt sich gar nicht wieder ein: „Da dreht sich einem das Empiriker-Herz um. Das ist quirliger Nonsens.“

Was in Fachkreisen ein qualitatives Interview genannt wird, und wieviele Versuchspersonen für eine wissenschaftliche akzeptierte Analyse benötigt werden, das ist Reents völlig unbekannt. Auch dass Reents bei Fachkreisen für wissenschaftliche Studien nur die c’t und das ZDF einfallen, erzeugt eine gewisse Irritation. Aber er ist anfällig für Leute, die lachen, soviel versteht der Leser.

Nun mag Kruse populärwissenschaftlich und für einige platt daherkommen, das ändert nichts daran, dass eine wissenschaftliche Analyse nicht dadurch falsch wird, dass ein Laie wie Reents sie nicht versteht. Wäre Reents der Aufklärer des Phänomens Kruse, er hätte wissenschaftlich auf der Höhe sein müssen, dies sachlich verständlich begründen zu können. So aber ist er genau der unwissenschaftliche, vorurteilsverhaftete Windmühlenanalyst, den er in Kruse zu erkennen glaubt.

Mehr
Bei Gunnarsohn sind Reaktionen auf den Text versammelt.

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