Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

gekritzelte Buchempfehlungen

buchleser

Ja, sicher­lich darf jeder, der etwas ver­kau­fen will, das, was er ver­kau­fen will, so anprei­sen wie er mag. Und den­noch darf man eben­so als Ange­spro­che­ner mal sagen, was man davon hält.

Es gibt ja Büch­er­ket­ten, die mie­ten sich in diver­se Groß­städ­te ein, um die schon vor Ort han­deln­den Bücher­lä­den KO zu machen. Die Stra­te­gie sieht so aus, dass man ein Geschäft in her­vor­ra­gen­der Lage hat, zunächst kei­ne schwar­zen Zah­len mit die­sem Geschäft ein­fährt, son­dern ledig­lich Mit­be­wer­ber ver­drängt. Kapi­ta­lis­mus pur. Es geht nicht um den Inhalt der Bücher, es geht nicht um Literatur.

Allein aus die­sem Grun­de leh­ne ich jedes Gespräch mit Ange­stell­ten die­ser Ket­ten ab. Die­se Leu­te sind schlicht nicht ein­ge­stellt, um mei­nen Lite­ra­tur­ge­schmack zu erken­nen und die­sem ent­spre­chend mir einen Lese­tipp zu geben, der sich aus ihrem brei­ter gela­ger­tem Lite­ra­tur­wis­sen speist. Nein, mir soll der Schin­ken empfho­len wer­den, der ver­kauft wer­den soll.

Und das ist dann vor­zugs­wei­se der Krem­pel der an der Kas­se liegt, oder auf irgend­ei­nem Hau­fen mit­tig im Geschäft, meist mehr­fach gesta­pelt. Oder es ist ein Buch, dass mit einer Mei­nung irgend­ei­ner Ver­käu­fe­rin bekrit­zelt ist. Und das ist auch schon der nächs­te Gip­fel der Zumutung:

Lesen! Lesen! Lesen!

krit­zelt da eine Ver­käu­fe­rin auf ein Buch. Das Aus­ru­fe­zei­chen mit die­sem brei­ten Drei­eck statt einem Strich.

Ein­fach genial.

meint eine ande­re über den dane­ben lie­gen­den Schin­ken, der wohl kei­ne wei­te­re Beschrei­bung nahe legt.

Man legt es nicht wie­der weg.

steht auf einem 600-Seiten-Oschi, den man sicher wie­der weglegt.

Pas­send zum Film.

ist auch eine über­ra­schen­de Erkennt­nis über die Lite­ra­tur­vor­la­ge zu einem aktu­el­len Kindervampirfilm.

Span­nend wie ein Hollywood-Thriller.

Lang leben die 80er!

Der bes­te Fol­let seit 2002.

Tja, wenn Lite­ra­tur Wein wäre, dann steck­te hier hin­ter eine Aussage.

Nichts für schwa­che Ner­ven, aber für den Sommer.

ist da noch mein Lieb­ling unter den hirn­ver­brann­ten Krit­ze­lei­en. Das soll wohl lus­tig sein. Auf sol­che Kau­fabreit­ze muss man aber auch erst­mal kommen.

RTL, Günther Jauch und der DJ der guten Laune

Es hat sich eine Per­son gemel­det, die sich an die­ser Stel­le unrecht­mä­ßig zitiert sieht. Ich sol­le die Aus­sa­gen ent­fer­nen, man erweck­te bei mir den Ein­druck, man habe auch “ande­re Mit­tel” dage­gen. Ande­rer­seits hät­te ich auch bei einem “auf­merk­sa­men Lesen der Bild” wis­sen kön­nen, dass der DJ der guten Lau­ne nicht in besag­te Sen­dung kom­men möch­te. Ich kom­me dem hier­mit nach, da ich nie­man­den an die­ser Stel­le ärgern woll­te. Die Bild lese ich aller­dings nicht.

Klin­gelt vor­ges­tern mor­gen bei mir das Telefon:

XXX

Öh, ja. Aber auf Umfra­gen hab ich gera­de kei­ne Lust. Haben Sie eine Umfra­ge vor?”

XXX

Aso.

XXX

Aha. Soso.

Ich bin immer noch etwas irri­tiert, ob das ein Scherz­an­ruf ist oder ob jemand mich mit mei­ner Num­mer aus Jux als Bezie­hungs­be­ra­ter in den Gel­ben Sei­ten unter­ge­bracht hat, kom­me aber gera­de eh nicht zu Wort, und da ertappt sie mich doch glatt irgend­wie auf dem fal­schen Fuß:

XXX

Gün­ther Jauch?

XXX

Äh, Nö.

XXX

Na, so schnell bin ich ja noch nie von einem Gegen­teil über­zeugt worden.

XXX

Ja, ich habe ein Inter­view mit ihm ver­linkt, aber mehr auch nicht.

XXX

Nein.

XXX

Äh, nein.

XXX

Dann habe ich ihr den Tipp gege­ben, über den Youtube-Account, unter dem das Video zu fin­den ist, einen Kon­takt her­zu­stel­len. Aber so sieht Inter­net­re­cher­che bei RTL wohl aus.

Das ist aber bei den Öffis dann auch nicht groß­ar­tig anders. Ich war mal vor Urzei­ten der ein­zi­ge Besit­zer einer Schwarzwaldklinik-Fanseite. Da klin­gel­te dann auch das ZDF mal an, ob ich nicht bei Kai Böckings Sen­dung Risi­ko mit­ma­chen woll­te (“Nein, ich habe kei­ne Lust, Schwarz­wald­kli­nik­sa­chen aus­wen­dig zu ler­nen.”) und ob ich nicht jeman­den fürs Schwarzwaldklinik-Special ken­nen wür­de, der in die Sen­dung kommt und erzählt, dass er sein Medizin-Studium nur wegen der Schwarz­wald­kli­nik auf­ge­nom­men habe (“Nein, sol­che Men­schen GIBT ES NICHT!”).

Man muss schon ordent­lich ver­peilt sein für’s Fern­se­hen, ordentlich!

Was ich noch sagen wollte zu… Christian Wulff, Deutschlands neuem Grüß-August

Also, ein wenig am Kopf krat­zen wird man sich nach der gest­ri­gen Bun­des­prä­si­den­ten­wahl schon dür­fen: Da lässt sich Chris­ti­an Wulff mit eben der man­gel­haf­ten per­sön­li­chen Unter­stüt­zung aus den eige­nen Rei­hen wäh­len, auf Grund derer Horst Köh­ler zurück­ge­tre­ten ist. Der eine geht, weil er meint, da sei ein Gestank im Gebälk, der mitt­ler­wei­le uner­träg­lich sei, und der ande­re, ach egal, wenn man sich nur die Nase dau­er­haft zuhält und nichts an sich ran­kom­men lässt, dann geht’s. Soll­te sich hier aber eine Ten­denz zei­gen, dann ist das ernüch­ternd: Hat Wulff nicht mal das weni­ge Rück­rat, das Köh­ler besaß?

Dass er der per­sön­lich schwä­che­re Kan­di­dat war gegen­über Joa­chim Gauck, ist soweit klar. Die Typo­i­sie­rung, dass Gauck ein gan­zes Leben habe, Wulff nur ein Par­tei­buch ist aber so nicht rich­tig. Dies gilt nur für den erbrach­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­nach­weis. Und da hat die CDU eben nur nach der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit geschaut, was wider­um nicht mal in halb­wegs grö­ße­ren CDU-Kreisen bespro­chen wur­de, son­dern nur im Allerengsten.

Auch wenn es nicht so schien, so ist Chris­ti­an Wulff durch­aus ein respek­ta­bler Kan­di­dat für das Bun­des­prä­si­den­ten­amt gewe­sen. Chris­ti­an Wulff ver­fügt sehr wohl über Lebens­er­fah­rung, er hat im Pri­va­ten ein­drucks­voll und ehren­wert sei­nen Mann gestan­den. Ich kom­me aus der Ecke, in der er groß gewor­den ist. Hier ist Stein­koh­le zuhau­se und Wulff war nie ein Freund der Koh­le­sub­ven­tio­nen. Wie nicht anders zu erwar­ten, hat man ihm das in mei­ner Hei­mat­stadt, einer Koh­le­stadt, übel genom­men. Man hat ihm damals Koh­le direkt vor die Haus­tür gekippt. Und was mach­te Chris­ti­an Wulff? Er ging zu den Kum­pels und stell­te sich. Und das saß. Die Kum­pels haben sich natür­lich nicht sei­ner Mei­nung ange­schlos­sen, aber, dass er Schneid hat, das wur­de anerkannt. 

Was mich aber noch stört, ist sei­ne Ein­ge­bun­den­heit in der Treue zum Chris­ten­tum und zur Par­tei, die es schwer wer­den lässt, ein objek­ti­ver Prä­si­dent aller Deut­schen zu wer­den. Vor kur­zem hat er Aygül Özkan viel zu wenig in ihrer frei­en, kri­ti­schen Hal­tung unter­stützt. Das mag macht­po­li­tisch geschickt und um des lie­ben Frie­dens in Nie­der­sach­sen Wil­len rich­tig gewe­sen sein, aber der Sache nach war es eben falsch, anti-aufklärerisch und ver­lo­gen. Ein Bun­des­prä­si­dent soll­te sich der Sache ange­mes­sen ver­hal­tend urtei­len, nicht sein Urteil nur unter der Bedin­gung einer Reli­gi­on oder einer Par­tei fällen.

Es wäre gut, wenn Chris­ti­an Wullf die­sen Eman­zi­pa­ti­ons­pro­zess in sei­ner Posi­ti­on als Bun­des­prä­si­dent voll­zieht. Nur so kann das Stig­ma­ta, nur der B-Kandidat die­ser Wahl gewe­sen zu sein, able­gen, kann er mehr sein als ein aus­tausch­ba­rer Grüß-August.

Sabine Rückert über den Fall Kachelmann

In Schul­dig auf Ver­dacht kom­men­tiert und berich­tet Sabi­ne Rück­ert über den Fall des ARD-Meteorologen Jörg Kachel­mann. Der Arti­kel ist aller­dings wesent­lich mehr. Es wer­den nicht nur Unge­reimt­hei­ten, erlo­ge­ne Wahr­hei­ten und Anstands­lo­sig­kei­ten the­ma­ti­siert, Rück­ert ent­zieht den Fall der Klatsch­pres­se und setzt Frau­en auf die Anklagebank:

War­te­te Aschen­put­tel frü­her auf den Mär­chen­prin­zen, so ver­zehrt es sich heu­te nach dem Mann vor der Kame­ra. So man­che Kachelmann-Freundin, die sich jetzt als sein Opfer fühlt, wird min­des­tens eben­so Opfer ihrer eige­nen Sucht gewor­den sein, von sei­nem Glanz zu pro­fi­tie­ren. Wer schö­nen Schein woll­te, hat ihn von Kachel­mann bekom­men. Viel mehr gab es nicht.

Die Akte Kachel­mann ist des­halb auch ein Doku­ment weib­li­cher Selbst­er­nied­ri­gung, in ihr stel­len sich jun­ge, attrak­ti­ve Frau­en unse­rer Zeit selbst dar wie die Mätres­sen eines Fürs­ten. Sie zeigt, dass 50 Jah­re Femi­nis­mus zwar bewirkt haben, dass Män­ner sich heu­te bei Delik­ten gegen die weib­li­che Selbst­be­stim­mung als wüten­de Straf­ver­fol­ger betä­ti­gen, dass aber die Idee vom auf­rech­ten Gang gan­ze Tei­le der Frau­en­welt nicht erreicht hat.

Das ist so mit das Deut­lichs­te und Hef­tigs­te, was ich über­haupt an Frauen-Kritik durch eine Frau gele­sen habe [Wem für die­se Bemer­kung das Zitat nicht aus­rei­chend genug ist, der lese den gesam­ten Arti­kel]. Ich schrei­be das jetzt auf die­se Art, weil ich wirk­lich nicht weiss, ob ein Mann dies in die­ser prä­zi­sen Form so hät­te schrei­ben kön­nen. Rück­ert darf man dank­bar sein für die­sen scho­nungs­lo­sen, treff­si­che­ren Arti­kel. Und auch wenn ich über Ein­zel­hei­ten die­ses Falls nicht auf der Höhe bin, so haben doch die Gedan­ken Rück­erts brei­te Beach­tung und Über­den­kung verdient.

Aktua­li­sie­rung vom 07. August 2010
Inzwi­schen wird Rück­erts Arti­kel auf­grund der Auto­rin kon­tro­vers dis­ku­tiert: Rück­ert soll Kachel­manns Anwalt das Hin­zu­zie­hen eines wei­te­ren Anwalts, die sie vor­schlug, ange­ra­ten haben und habe dann wegen der Ableh­nung die­ses Vor­schlags durch den Arti­kel brüsk reagiert.

Aktua­li­sie­rung vom 30. Novem­ber 2010
Inzwi­schen ist der bis­he­ri­ge Anwalt von Jörg Kachel­mann, Rein­hard Bir­ken­stock, nicht mehr des­sen Rechts­ver­tre­ter. Abge­löst wird er von Johann Schwenn — dem Juris­ten, den Rück­ert Kachel­mann emp­foh­len hat.

Was ich noch sagen wollte zum… Unrechtsstaat DDR

Die Kan­di­da­tin für das Bun­des­prä­si­den­ten Amt der Lin­ken, Luc Jochim­sen, hat heu­te gemeint, die DDR sei kein Unrechts­staat gewe­sen. Dabei stützt sie sich dar­auf, dass es angeb­lich kei­nen juris­ti­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Begriff “Unrechts­staat” gebe.

Eine selt­sam haar­spal­te­ri­sche Posi­ti­on. Es gibt da also den Begriff des Rechts­staats. Nach Kant ist das ein Staat, der den Men­schen ihr Recht ermög­licht. Und alles was kein Rechts­staat ist, könn­te man auch Unrechts­staat nen­nen. Pro­blem­los hät­te man so einen wis­sen­schaft­li­chen Begriff “Unrechts­staat”. So haar­spal­te­risch, wie Frau Jochim­sen an die Sache her­an­geht, könn­te man ein­wen­den, ein Unrechts­staat müss­te ein Staat sein, der Unrecht schafft, nicht ledig­lich einer, der kein Recht schafft.

Aber genau das hat die DDR ja getan, in dem die­ser Staat für die Bevöl­ke­rung will­kür­lich Per­so­nen ver­folgt und getö­tet hat. Da dies will­kür­lich geschah, hät­te jeder Bür­ger davon aus­ge­hen müs­sen, auch will­kür­lich Opfer die­ser Staats­ge­walt wer­den zu kön­nen. Inso­fern kann von einer Rechts­si­cher­heit, die ein Rechts­staat geben müss­te, nicht aus­ge­gan­gen wer­den und inso­fern war die DDR schlicht ein Unrechtsstaat.

Ziel der Abschaffung der GEZ

Ziel der Län­der ist es, die Finan­zie­rung für den Rund­funk auf eine zeit­ge­mä­ße Grund­la­ge zu stel­len, die Kon­troll­be­dürf­tig­keit inner­halb des Sys­tems deut­lich zu redu­zie­ren und vor allem auch die Pri­vat­sphä­re der Rund­funk­teil­neh­mer zu scho­nen”, sag­ten denn auch Beck und der Koor­di­na­tor für die Medi­en­po­li­tik der uni­ons­ge­führ­ten Län­der, Baden-Württembergs Minis­ter­prä­si­dent Ste­fan Map­pus (CDU).

Jaha! Und Ziel des Bank­räu­bers ist es, die Finan­zie­rung für den All­tag auf eine zeit­ge­mä­ße Grund­la­ge zu stel­len, die Kon­troll­be­dürf­tig­keit sei­nes Kon­to­st­ands deut­lich zu redu­zie­ren und vor allem auch die Pri­vat­sphä­re der Spar­kas­sen­an­ge­stell­ten zu scho­nen, indem er zügig vorgeht.

Soviel mal zur offi­zi­el­len Begrün­dung. Die inof­fi­zi­el­le lautet:

Die tech­ni­sche Ent­wick­lung hat dazu geführt, dass die Erhe­bung der Rund­funk­ge­bühr nicht mehr plau­si­bel und womög­lich sogar ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Pri­vat­sphä­re für nur 17 Euro monat­lich ist natür­lich ziem­lich güns­tig, Ich neh­me daher zwei.

Was ich noch sagen wollte zum… Rückgrat von Kristina Schröder

Ach ja, irgend­wann gewöhnt man sich auch an die Blog­ger­auf­re­gun­gen im Inter­net. Auf star­ke Medi­en­sym­pa­thie einer Per­son wird immer mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en geant­wor­tet und auf angeb­li­che poli­ti­sche Unge­rech­tig­kei­ten immer mit kri­ti­ku­n­an­tast­ba­rer Empö­rung. Solan­ge sich nur ein Zustim­mungs­mob fin­det, geht das alles klar.

Kris­ti­na Köh­ler hat sich den Zorn eini­ger Blog­ger und Twit­te­rer dadurch her­bei­ge­holt, dass sie die Kür­zun­gen für Hartz-4-Familien durch den Begriff der Gerech­tig­keit gerecht­fer­tigt hat. Dazu nahm sie das Extrem­bei­spiel einer Fami­lie, die 1885€ über Hartz-IV und wahr­schein­lich diver­se Extra­zu­schlä­ge bekommt.

Das ist eine ande­re Recht­fer­ti­gung als die, die sie der Süd­deut­schen Zei­tung gege­ben hat. Dort meint sie, das bis­her gezahl­te Eltern­geld für Hartz-IV-Empfänger sei sys­tem­wid­rig. Von die­ser Dar­le­gung war sie im Video so begeis­tert wie jemand ist, der eine Logik ver­stan­den hat, die ein ande­rer ihm gesteckt hat. Es klingt wirk­lich nicht wie ein eigen­stän­di­ger Gedan­ke, den man sach­lich darlegt.

Die­ser Gedan­ke ist auch in der Tat logisch kor­rekt. Eltern­geld wird für Leu­te gezahlt, die eigent­lich arbei­ten, aber zu Guns­ten ihrer Kin­der auf das Arbei­ten ver­zich­ten. Rein logisch ver­zich­ten Hartz-IV-Empfänger gar nicht auf Arbeit. Eine Art Ent­schä­di­gungs­zah­lung für einen Fall, in dem es kei­nen Scha­den gibt, ist somit in der Tat unsin­nig, oder eben salopp gesagt sys­tem­wid­rig.

Ande­rer­seits ist die­se Fra­ge fast untrenn­bar mit der Geset­zes­wid­rig­keit der Hartz-IV-Sätze an sich ver­bun­den. Man hät­te also zunächst für eine akzep­ta­ble Hartz-IV-Regelsatzberechnung sor­gen sol­len, bevor man Hartz-IV-Empfängern anders­wo stark was weg­kürzt. Genau das wäre gerecht gewesen.

Und genau dafür hät­te sich eine Fami­li­en­mi­nis­te­rin stark machen müs­sen. Das hat Kris­ti­na Schrö­der nicht getan. Aber wer immer in Kris­ti­na Schrö­der ein Püpp­chen der CDU gese­hen hat, das kei­nen Wider­stand zu den Ent­schlüs­sen der füh­ren­den Köp­fe leis­ten wird, der kann nun auch nicht über­rascht oder ver­är­gert tun: Sie hat eben das Rück­rat nicht, das ihr nie unter­stellt wurde.

Der Präsident der Herzen

Immer wenn sich was tut in Deutsch­land, bin ich sel­ber geneigt, mal kurz einen Schritt zurück zu tre­ten, und zu ver­su­chen, das, was da pas­siert in ein­fa­che­re Wor­te zu fas­sen. Ich habe eini­ge Freun­de in den Nie­der­lan­den, in den Staa­ten und ande­ren euro­päi­schen Län­dern und da wird man eben ger­ne gefragt: Was pas­siert denn da gera­de und was hälst du davon?

Ich habe mich, was die Prä­si­den­ten­wahl 2010 in Deutsch­land betrifft, bis­her eher zurück­ge­hal­ten. Wie vie­le habe ich sie zunächst für eine aus­ge­mach­te Sache gehal­ten: Die Regie­rungs­par­tei­en CDU/CSU und FDP könn­ten in der Bun­des­ver­samm­lung sicher­lich ihren Kan­di­da­ten, Chris­ti­an Wulff, durch­bo­xen. Aus mei­ner loka­len Ecke habe ich schon hier und da ver­nom­men, dass man sich schon irgend­wie freu­te, dass mit Wulff ein Osna­brü­cker auf Kan­di­da­ten­platz 1 stand.

Und dann kam Gauck.

Und wie er kam. Er ver­wen­de­te sei­ne Vor­stel­lung als Kan­di­dat für das Bun­des­prä­si­den­ten­amt, salopp gesagt, als Erzähl­stun­de, wie er sich als Bun­des­bür­ger iden­ti­fi­zier­te. Und er tat dies in einer ver­ständ­li­chen, ange­neh­men, zum Schmun­zeln anre­gen­den Wei­se, wie man es sich von Pfar­rern und Groß­vä­tern wünscht:

Für sich genom­men war das schon beein­dru­ckend — wie drö­ge war dage­gen die Vor­stel­lung Chris­ti­an Wulffs — aber das allei­ne und der gewis­se Bekannt­heits­grad, über den er ver­fügt, mag der­zeit die Eupho­rie für Joa­chim Gauck nicht erklären.

Joa­chim Gauck ist in sei­ner Rol­le als über­par­tei­li­cher Kan­di­dat eben auch ein Gegen­mo­dell zum herr­schen­dem Poli­tik­stil der Sach­zwän­ge: Wir machen das so und so, weil es kei­ne Alter­na­ti­ven gibt. Dabei gibt es immer Alternativen.

Chris­ti­an Wulff selbst ist Reprä­sen­tant die­ses Stils, wenn er meint, dass die Geschlos­sen­heit von CDU/CSU und FDP ihn zur Bun­des­prä­si­dent­schaft füh­re. Er zieht schon vor der Nomi­nie­rung Gaucks gar nicht die Alter­na­ti­ve in Erwä­gung, durch Sach­lich­keit zu über­zeu­gen. Es ging immer nur um die schon bestehen­den Mehrheitsverhältnisse.

Wulff ver­steckt sich hin­ter bereits bestehen­den Macht­ver­hält­nis­sen und scheut eine offe­ne, sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung sowie eine lage­run­ab­hän­gi­ge Abstim­mung bei der Bun­des­ver­samm­lung. Wer so agiert, han­delt anti-aufklärerisch.

Da ist es nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass so ein ver­lo­ge­nes Getue direkt vor den Kame­ras zustan­de kommt:

Joa­chim Gauck dage­gen ist ein Inbe­griff für Auf­klä­rung in Deutsch­land, der die­sen Gedan­ken auch lebt. Und sowas erkennt man in Deutsch­land eben zwi­schen den Zei­len und weiss es zu wür­di­gen. Das genau scheint mir die Wel­le der Sym­pa­thie zu erklä­ren, die ihn gera­de trägt.

Was ich noch sagen wollte zum… Sieg von Lena Meyer-Landrut beim European Song Contest

Das Lied Satel­li­te war schon seit Wochen eines der erfolg­reichs­ten YouTube-Videos deut­scher Her­kunft. Aber das allei­ne, resp. der Ein­satz von Medi­en, wird den Sieg von Lena beim Euro­pean Song Con­test nicht erklä­ren kön­nen. Schließ­lich haben 120 Mil­lio­nen Zuschau­er zuge­se­hen und eini­ge Mil­lio­nen wer­den schon ange­ru­fen haben, da wer­den 10 Mil­lio­nen nicht unbe­dingt rei­chen, den­ke ich.

Nun wird die Inter­pre­ta­ti­ons­ma­schi­ne­rie ansprin­gen, um dem The­ma so lan­ge wie mög­lich irgend­et­was abzu­ge­win­nen. Das Lied selbst, das mich eigent­lich schon seit Wochen eher nervt als begeis­tert, wird dafür nicht auss­rei­chen: Es ist schlicht zu schnell abgenudelt.

Was die Macher hin­ter dem Lied, damit sei­ne mal Raab, Meyer-Landrut und wer sich sonst ein­ge­schal­tet hat gemeint, aller­dings erreicht haben, ist, dass mit Krea­ti­vi­tät die­sem Lied und die­ser Sän­ge­rin eine all­ge­mein akzep­tier­te Büh­nen­prä­senz ver­lie­hen wur­de. Dazu wur­de am Auf­tritt gefeilt, das kur­ze Schwar­ze wur­de nie ein­ge­mot­tet, Back­ground­sän­ge­rin­nen wur­den hin­zu­ge­nom­men und dies und das ande­re mehr noch. Zum Erfolg war dann sicher auch zurei­chend, dass die Kon­kur­renz kei­ne der­ar­ti­ge künst­le­ri­sche Akzep­tanz über ihre Lie­der erreicht hat. Knapp war der Erfolg jeden­falls nicht.

Damit möch­te ich aber mal auf das abzie­len, was die­se Ver­an­stal­tung für Medien-Deutschland sein kann: Ein Appel für die Krea­ti­vi­tät von Künst­lern. Die­ser Erfolg war ohne Bild und RTL mög­lich, ohne Super­star, ohne alt­be­währ­te Song­schrei­ber, die Hits am Ban­de lie­fern. Aus­schlag­ge­bend waren Krea­ti­ve, die auf ihren per­sön­li­chen Input gebaut haben.

Sol­chen Leu­ten wie­der eine Büh­ne zu geben, soll­te die Auf­for­de­rung an alle Medi­en­ma­cher in Deutsch­land sein, die ihr Publi­kum mit Super­stars, Hirn­tot­mo­dels, Big Por­no­bro­ther, Hartz-4-Doku-Soaps, aber auch Soko Din­gens­kir­chen, Forst­haus Gro­schen­ro­man, Irgend­ein­Vor­na­me sucht den Weg zum Glück fort­wäh­rend belei­di­gen und wirk­lich krea­ti­ven Bei­trä­gen, die auf der Höhe der Zeit sind, das Was­ser abgra­ben. Krea­ti­vi­tät lässt sich nicht in Wirt­schaft­lich­keit umrech­nen. Und aus Wirt­schaft­lich­keit ent­steht kei­ne Krea­ti­vi­tät, son­dern nur die Retor­te davon.

Edo Reents: Peter Kruse – Der Vollweise

Die FAZ hat inzwi­schen Edo Reents’ Schmäh­ar­ti­kel auf Peter Kru­se frei zugäng­lich gemacht. Und so kann nun jeder kos­ten­los nach­voll­zie­hen, wie Reents aus der nicht unbe­rech­tig­ten Ana­ly­se, dass Kru­se popu­lär­wis­sen­schaft­lich daher­kommt, die Grund­stim­mung zu erzeu­gen ver­sucht, Kru­se sei ein intel­lek­tu­el­ler Hochstapler.

Dabei outet Reents sich aller­dings deut­lich selbst als vor­ur­teils­be­haf­te­ter Laie:

Es ist Kru­se, der die bei­den Lager auf­ein­an­der los­lässt, und zwar auf zwei­fel­haf­ter Grund­la­ge: Nur 191 Per­so­nen wur­den dazu befragt. Fach­krei­se begeg­nen den dar­aus abge­lei­te­ten The­sen skep­tisch. Jür­gen Kuri, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur des IT-Magazins „c’t“, hält das für „eine sta­tis­tisch wenig aus­sa­ge­kräf­ti­ge Grund­la­ge und wis­sen­schaft­lich nicht haltbar“.

Herr Reents, die c’t ist doch kein Fach­kreis für wis­sen­schaft­li­che Studien.

Auch ande­re Ana­ly­sen Reents sind kaum verständlich:

Doch die Güte und die Geduld des Welt­wei­sen [Kru­se] kön­nen schnell umschla­gen in beleh­ren­den Zorn über den Unver­stand derer, die auch mit­re­den wol­len. Das war am Ran­de der Re:publica wäh­rend eines Inter­views zu erle­ben, das Alex­an­der Klu­ges Sen­der dctp mit ihm führ­te. Schon die Ein­stiegs­fra­ge nach den Netz­wer­ken, die er benut­ze, war ihm nicht gut genug: „Jetzt müs­sen wir gleich schon anfan­gen, theo­re­tisch zu wer­den“, sag­te er kopf­schüt­telnd: „Wel­che Netz­wer­ke mei­nen Sie?“ Damit hat­te er den Mode­ra­tor so weit, die her­ab­las­sen­de Lek­ti­on schließ­lich mit Demut zu quit­tie­ren: „Immer wie­der inspi­rie­rend, mit Ihnen zu reden!“

Das ver­ste­he ich nun über­haupt nicht: Wie kann denn die Ein­zel­fra­ge, wel­ches Netz­werk von meh­re­ren, in einer bestimm­ten Fra­ge in Fra­ge kom­men, einem Fra­ge­stel­ler gegen­über demü­ti­gend sein?

Reents sieht sich unbe­irrt selbst als Auf­klä­rer, als Ent­lar­ver des Flö­ten­spie­ler von Hameln, was er dann aber doch lie­ber ande­re sagen lässt:

Eini­ge durch­schau­en ihn aber auch. „Da steht er nun und gene­riert Mehr­hei­ten der schlich­ten Art“, sag­te Diet­mar Moews von der Pira­ten­par­tei. Blog­ger und Inter­net­kom­men­ta­to­ren äußern sich unver­blümt: „Kru­se ist der Hyper-Schwobler des Inter­nets, ver­gleich­bar nur mit Franz Becken­bau­er im Fuß­ball oder mit Peter Slo­ter­di­jk im Lite­ra­tur­be­trieb. Mit sei­ner Bra­chi­al­rhe­to­rik, sei­ner enorm schnel­len Sprech­ge­schwin­dig­keit, wel­che dem Zuhö­rer kei­ne Chan­ce zu einem kla­ren Gedan­ken lässt, ver­mit­telt er die Illu­si­on, er hät­te unglaub­lich Bedeu­ten­des und Weg­wei­sen­des mitzuteilen.“

Wer Auf­klä­rung aber der­art pole­misch in Angriff nimmt, der droht zu schei­tern. Und eben dies pas­siert dem Ger­ma­nis­ten Reents nach all die­sem unqua­li­fi­zier­ten Rums­psy­cho­lo­gi­sie­ren über die Per­son Kru­ses am Ende des Tex­tes noch einmal:

In der Regel wer­den von Next­prac­tice weni­ger als zwei­hun­dert Per­so­nen befragt; dafür wird das mit dem Attri­but „qua­li­ta­ti­ves Inter­view“ ver­se­hen — als hät­ten alle ande­ren Inter­views kei­ne Qua­li­tät. Auf den Anspruch auf wis­sen­schaft­li­che Serio­si­tät, dar­auf, etwas Rele­van­tes über unse­re Gesell­schaft aus­zu­sa­gen und sie über Bera­tung auch zu beein­flus­sen, reagiert man in Fach­krei­sen mit Geläch­ter. Ursu­la Dehm, die beim ZDF seit vie­len Jah­ren Medi­en­for­schung betreibt, kriegt sich gar nicht wie­der ein: „Da dreht sich einem das Empiriker-Herz um. Das ist quir­li­ger Nonsens.“

Was in Fach­krei­sen ein qua­li­ta­ti­ves Inter­view genannt wird, und wie­vie­le Ver­suchs­per­so­nen für eine wis­sen­schaft­li­che akzep­tier­te Ana­ly­se benö­tigt wer­den, das ist Reents völ­lig unbe­kannt. Auch dass Reents bei Fach­krei­sen für wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en nur die c’t und das ZDF ein­fal­len, erzeugt eine gewis­se Irri­ta­ti­on. Aber er ist anfäl­lig für Leu­te, die lachen, soviel ver­steht der Leser.

Nun mag Kru­se popu­lär­wis­sen­schaft­lich und für eini­ge platt daher­kom­men, das ändert nichts dar­an, dass eine wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se nicht dadurch falsch wird, dass ein Laie wie Reents sie nicht ver­steht. Wäre Reents der Auf­klä­rer des Phä­no­mens Kru­se, er hät­te wis­sen­schaft­lich auf der Höhe sein müs­sen, dies sach­lich ver­ständ­lich begrün­den zu kön­nen. So aber ist er genau der unwis­sen­schaft­li­che, vor­ur­teils­ver­haf­te­te Wind­müh­len­ana­lyst, den er in Kru­se zu erken­nen glaubt.

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