Gute Nacht da draußen, wo immer ihr auch seid.

Bildschirmschau 2016

2016-01-04-11-25-18Vielle­icht wird es auch mal eine kleine Serie, jährlich auf seinem Smart­phone zu schauen, in welche Rich­tung es da ab geht. 2016 sieht es auf meinem Fire­fox-Tele­fon so aus:

20 Apps oder Ver­linkun­gen befind­en sich auf dem ersten Bild­schirm. Ziem­lich selb­stver­ständlich sind der Browser, das Pod­casthör­pro­gramm, das Twitter-/ADN-Program Macaw, der Fee­dread­er, der EPub­read­er, die FAZ-App, die Face­book-App, das Musikpro­gram, die ZDF-Mediathek, die Kick­er-App, die Taschen­lam­pe, die Kam­era samt Galerie, die Kam­era, das Tele­fon, E-Mail und Noti­zen.

Hin­ter sta­tus befind­et sich die Gnu Social-App für meine eigene Gnu Social-Instal­la­tion. Die Dial-Radio–App ist die schön­ste App meines Eracht­ens: Eine Radio-App mit Wählscheibe, über die favorisierte Radiosender und lokale angezeigt wer­den.

Die ZDF-Mediathek ist die einzige deutschsprachige Fernsehsender-App für Fire­fox­OS. Ich nutze sie sel­ten, aber es ist nett, bewegte Nachricht­en in Reich­weite zu haben. Open­Wapp ist der Whats-App-Klon des Sys­tems.

Auf den hin­teren Plätzen befind­en sich noch Wörter­buch-, Stadt­plan-, Foto-, Blog-, Audio- und Spiele-Apps, aber ich ver­wen­de an sich mein Smart­phone nur gele­gentlich, von daher spie­len die wirk­lich keine große Rolle.

Die Top10-Alben 2015

2015 war das Jahr, in dem gle­ich zwei Ibben­büren­er Musik­dar­bi­eter in die Top-5 der deutschen Album-Charts stießen, bei­de Alben haben aber in den Top-10 des Jahres nichts ver­loren und damit Büh­ne frei:

10. Death Cab For Cutie — Kintsugi
Das vor­erst let­zte Album mit Songschreiber Chris Wal­la kommt angenehm unaufgeregt daher:

9. Mum­ford & Sons — Wilder mind
Die Briten lassen mehr elek­tro­n­is­che Musikin­stru­mente zum Zuge kom­men, was vielle­icht nicht ganz die Vorgänger erre­icht, aber den­noch gut hör­bar ist:

8. Adele — 25
Man kommt nicht an ihr vor­bei, wenn auch das drit­te Album hin­ter den Erwartun­gen und dem Niveau der Vorgänger zurück bleibt:

7. Ellie Gould­ing — Delir­i­um
Flot­ter Pop, bei dem man von der Überkan­dide­lierung mal abse­hen soll­te:


6. Eric Church — Mr. Mis­un­der­stood

Der Amerikan­er überzeugt aber­mals mit seinem 8. Album und rock­igem Coun­try-Sound:

5. Blur — The mag­ic whip
Blur sind wieder da, klin­gen wie immer, und das ist auch gut so:

4. Mylène Farmer — Inter­stel­laires
Die grande dame der französichen Pop­musik überzeugt ein weit­eres Mal mit einem fast schon rou­tiniertem Album:

3. John Grant — Grey Tick­les Black Pres­sure
Wun­der­bar­er, wenn auch düster­er Elek­tro-Sound des mul­ti­lin­gualen Briten, den man unbe­d­ingt mal live gese­hen haben muss:

2. Chris­tian Steif­f­en — Ferien vom Rock’n’Roll
Platz 63 der deutschen Album Charts drückt etwas aus, wie unter­schätzt Chris­tian Steif­f­en noch ist. Denn hin­ter der Schlager­fas­sade ver­birgt sich nichts weniger als die Erweiterung der deutschen Musik um die gefeierte, befreien­de Besin­nung auf die eigene, aus­re­ichen­de Sub­jek­tiv­ität angesichts gesellschaftlicher und zwis­chen­men­schlicher Ansprüche, die das deutsche Spießer­tum aus­machen. Oder wie es eine Dame ver­ständlicher auf den Punkt gebracht hat: “Man würde es nicht so sagen, aber man denkt das­sel­be.” Jet­zt schon ein Klas­sik­er, dessen Aromen man sich langsam näh­ern muss wie denen eines guten Whiskeys.

1. Elle King — Love Stuff
Platz 1 belegt eine New­com­er­in, die ein abwechlsungsre­ich­es, nie lang­weiliges Album vor­legt, dessen erste Sin­gle auch in späteren Jahren noch ange­spielt wer­den kann:

Guten Morgen

Morgenkaffee

Eine lange Zeit waren diese mor­gendlichen Ein­träge ja Rou­tine bei mir und sind oft auch viel zu rou­tiniert run­terg­er­at­tert wor­den. Ein wenig mehr Konzen­tra­tion bei der Sache ist da sicher­lich mal ne Maß­nah­me — nicht mehr Artikel ver­linken, die man nicht gele­sen hat. Also ab dafür.

Wolf­gang Bauer beschreibt jeman­den, der für 6 Jahre in den Bau geht.

In Griechen­land wird ein Ruck­sack am Strand ange­spült. Mal­te Henk geht sein­er Geschichte nach.

Pankaj Ishra beschreibt, dass Reli­gion beim IS nur Ide­olo­gie ist.

Und während ich mir die Frage stelle: Driftet man im Netz zu schnell ab? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

NRW-SPD bei “menschlicher” Abschiebung umgefallen

Innenminister Jäger so:

Was wir in Nordrhein-Westfalen nicht tun werden, ist in den frühen Morgenstunden plötzlich bei irgendeiner Familie aufzutauchen, die Kinder aus dem Bett zu zerren und dann eine Abschiebung durchzuführen

Realität so: Ding dong

Es geht doch

Schopenhauer über too much information

Ich nehme selbstverständlich gleich zurück, dass sich Arthur Schopenhauer über too much information geäußert hat. Er forderte allerdings, dass sich ein denkender Geist mit guten, nicht mit bloß populären Büchern beschäftigen solle. Alles andere verderbe den Geist. Keine allzu leichte Position: Auch unterhaltende Literatur kann für den Geist erquickend und - wie man so schön sagt - geistreich sein, auch wenn die Lehrsamkeit hinten ansteht.

Ich habe too much information in diesem Blog immer so aufgefasst, als dass dem Internetsurfer online und über andere Medien immer wieder Informationen zugetragen werden, die streng genommen nicht sonderlich lehrreich sind, schlimmstenfalls böswillig irreführend. Und schon bin ich nahe am Schopenhauerschen Gedanken: Muss ich nicht flux den Blick abwenden, wenn ich auf schlechte Informationsquellen stoße? Habe ich nicht zu Filtern beim großen Informationsangebot, dass das Internet beinhaltet? Worauf ist zu achten? Lassen wir einmal den Philosophen selbst sprechen:

Daher ist, in Hinsicht auf unsere Lektüre, die Kunst, nicht zu lesen, höchst wichtig. Sie besteht darin, dass man Das, was zu jeder Zeit so eben das größere Publikum beschäftigt, nicht deshalb auch in die Hand nehme, wie etwa politische oder kirchliche Pamphlete, Romane, Poesien u. dgl. m., die gerade eben Lärm machen, wohl gar zu mehreren Auflagen in ihrem ersten und letzten Lebensjahre anfangen: vielmehr denke man alsdann, daß wer für Narren schreibt allezeit ein großes Publikum findet, und wende die stets knapp gemessene, dem Lesen bestimmte Zeit ausschließlich den Werken der großen, die übrige Menschheit überragenden Geister aller Zeiten und Völker zu, welche die Stimme des Ruhmes als solche bezeichnet. Nur diese bilden und belehren wirklich.

Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen: schlechte Bücher sind intellektuelles Gift, sie verderben den Geist. – Weil die Leute, statt des Besten aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die Schriftsteller im engen Kreise der cirkulirenden Ideen und das Zeitalter verschlammt immer tiefer in seinem eigenen Dreck.

Es ist ganz interessant, dass in englischen Übersetzungen frei weitergesponnen wird:

In order to read what is good one must make it a condition never to read what is bad; for life is short, and both time and strength limited.

Oder diese Übersetzung:

schopenhauergoodbooks

Ludwig Marcuse hat vor mehr als 50 Jahren aufgefordert, sich einmal mit diesen Gedanken in aktualisierter Form auseinander zu setzen. Die englischen Zitate sind dann auch eher als eine Interpretation des eigentlichen Gedankens zu sehen.

Schon am Anfang habe ich gegen Schopenhauer eingewendet, dass unterhaltsame, nicht lehrreiche Literatur für den Geist sinnvoll sein kann, ohne ihn zu verderben. Das widerspricht seinem Gedanken nicht vollkommen: Ich habe beispielsweise für ein Lokalblog im Münsterland einmal angefangen, Münsterlandkrimis zu lesen. Anfangs mit einem gewissen Ansporn, irgendwann mit starker Ablehnung. Und das aus ungefähr dem, was Schopenhauer gegen schlechte Literatur anführt: Nicht die Qualität des Textes steht bei der Veröffentlichung eines Buches im Vordergrund, sondern die Geldmacherei oder das Ego des Schreibers. Das ist Schriftstellern nicht grundsätzlich anzukreiden, nur für gebildete Leser eben ein Hindernis für eine weitere Lektüre.

Und dieses Hindernis wiederum besteht darin, dass die Lektüre für den Leser nicht geistreich ist, sie versetzt einem, psychologisch gesprochen, keine Kicks. Da Lesen oftmals sowieso keine leichte Angelegenheit ist, wird eine Lektüre so schnell zur Belastung.

Um nun aber bei Literatur zwischen guter und schlechter zu unterscheiden, braucht es Lektüre und eben auch Lektüre schlechter Bücher, um gute erkennen zu können. Nur die bodenlos schlechte, die man an Verkaufsform des Mediums, Titel, Thema, spätestens beim ersten Leseeindruck erkennt, fällt meines Erachtens genau in Schopenhauers zu ignorierende Literatur.

Wobei heutzutage das Paradoxon zu Tage tritt, dass es wohl kaum jemals mehr zu lesen gab und es doch so schwierig erscheint, an gute Literatur zu bekommen. Oder kennen noch jemand eine vertrauenswürdige Buchhandlung, die von einer bestimmten Lektüre abriete, wo man doch ein Geschäft machen könnte?

Botho Strauß’ Deutschlandsorge

Wer hat Botho Strauß nur so ins Hirn geschissen?

Die Sorge ist, dass die Flu­tung des Lan­des mit Frem­den eine Mehrzahl solcher bringt, die ihr Fremd­sein auf Dauer bewahren und beschützen. [..] Dank der Ein­wan­derung der Entwurzel­ten wird endlich Schluss sein mit der Nation und ein­schließlich ein­er Nation­al­lit­er­atur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird fol­glich seine Hoff­nung allein auf ein wieder­erstark­tes, neu entste­hen­des „Geheimes Deutsch­land“ richt­en.”
                     Botho Strauß: Der let­zte Deutsche

Da fällt mir immer das ein:

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deutschen Zeitung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­tion beschäftigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Tochter ihr eine Frage gestellt hat, bei der Antwort aber gar nicht lange zuge­hört hat, weil — auf Nach­frage — die Antwort ihr nicht hil­fre­ich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht moralis­ch geboten sei, als Fra­gen­der unab­hängig vom eige­nen Gedanken, ob die Antwort hil­fre­ich ist, der Antwort zuzuhören.

Erlinger meint, dass es bei diesem Fall u.a. um die Frage gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhören muss, find­et. Offen­bar ist das eine philosophis­ch zu klären­de Frage für Her­rn Erlinger. Da hät­te ich gerne mal gewusst, wieso das denn der Fall ist.

Erlinger behan­delt den Fall des Auskun­ft­suchen­den:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung dieser Infor­ma­tion. Aber der­jenige bleibt eigen­ständig sowohl in der Entschei­dung, ob er oder sie antwortet, als auch dar­in, was und wie umfan­gre­ich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er antwortet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an ein­er bes­timmten Infor­ma­tion inter­essiert ist, nicht aber an dem, was der andere zu diesem The­ma sagen will. Man reduziert ihn tat­säch­lich auf ein Auskun­ftsmit­tel.

Erlinger sieht nur an ein­er Stelle eine Berech­ti­gung, den Auskun­ft­geben­den zu unter­brechen:

wenn die Antwort nicht mehr für den Fra­gen­den erfol­gt, son­dern umgekehrt der Antwor­tende den Fragesteller als bloßes Mit­tel für seine Selb­st­darstel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlinger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus ein­er For­mulierung von Kant einen kat­e­gorischen Imper­a­tiv für alle Men­schen zu zaubern. Dem ist nicht so. Zunäch­st ein­mal han­delt es sich im vor­liegen­den Fall um eine pri­vate Kom­mu­nika­tion, bei der nicht zwin­gend kat­e­gorische Imper­a­tive eine Rolle spie­len.

Wenn ich jeman­den um Rat frage, dann impliziert das nach Kant möglicher­weise einen kat­e­gorischen Imper­a­tiv. Nahe­liegend wäre, dass er bein­hal­tet, dass jemand bei ein­er Frage best­möglich antwortet, so wie man selb­st es wün­scht, dass ein jed­er bei ein­er solchen Frage best­möglich antwortet. Ein Bruch dieses Abkom­mens wäre es, bei ein­er Gegen­frage für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, ger­ade wenn ich über eine hil­fre­iche Antwort ver­füge. Im Beispiel, dass Erlinger bear­beit­et, ist aber genau das der Fall: Die Tochter antwortet der Mut­ter auf deren Gegen­frage. Die Tochter betra­chtet die Mut­ter dem­nach ger­ade nicht lediglich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschilderten Imper­a­tiv gefordert wird.

Erlinger müsste erk­lären, weswe­gen ein solcher kat­e­gorischer Imper­a­tiv über­haupt bein­hal­ten soll­te, dass man geduldig ein­er Antwort lauscht, wenn schon abzuse­hen ist, dass die Antwort dem Fra­gen­den nicht weit­er­hil­ft, so wie es schein­bar im Beispiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhöre oder nicht. Selb­st Gesten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahele­gen, dass ich zuhöre. Hat mein Gegenüber ein Recht darauf, dass ich zuhöre und das Gehörte ver­ar­beite und hat er ein Recht darauf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine solche Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­meiner­bar, denn sie würde Men­schen nöti­gen, andere (nach Erlinger zumin­dest bei nicht selb­st ver­her­rlichen­den Antworten) generell ausre­den zu lassen, rel­a­tiv unab­hängig von der Hil­fe, die die Antwort darstellt, und von der Länge der Antwort, so the­ma­tis­ch passend sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schiedlich­sten Momente, in denen man andere in ihrer Rede unter­bricht, und diese sind unter­schiedlich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führte Gedanke bekan­nt ist, und es für den Angere­de­ten uner­he­blich ist, den bloßen Gedanken gän­zlich auszuführen. Mitun­ter ist das The­menge­bi­et auch so klar, dass Anek­doten das eigentliche The­ma nicht bere­ich­ern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den anderen zu erziehen oder ihm durch Zuhören Wohl zu tun, muss ich seine Antwort nicht abwarten. Es ist mir allerd­ings unbenom­men, mir selb­st eben einen solchen kat­e­gorischen Imper­a­tiv aufzuer­legen.

Immanuel Kant bein­hal­tet diesen ganzen Bere­ich in einem Textstück, das Erlinger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugendpflicht­en gegen Andere in Die Meta­physik der Sit­ten. Eine nahezu unbe­d­ingte Zuhörpflicht find­et sich dort nicht.

Und zur Antwort über die Aus­nah­me zu Erlingers Zuhörpflicht sei gesagt: Dass ein Antwor­tender den Fragesteller als bloßes Mit­tel für seine Selb­st­darstel­lung gebraucht, muss nicht bedeuten, dass die Antwort für den Zuhören­den keine inhaltliche Bere­icherung darstellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­n­ung, man solle bei jed­er Gele­gen­heit Zuhören­den seine Gedanken ausle­gen, um sie so verbessern zu kön­nen. Es ist unklar, wieso das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­lichen kat­e­gorischen Imper­a­tivs sein soll.

Flüchtlingsopfer

Jörg Baberowski darf sich heute in der NZZ am Son­ntag auskotzen:

Wer die Migra­tionspoli­tik von Ange­la Merkel zu kri­tisieren wagt, wird […] von der Debat­te aus­geschlossen. […] Deutsch­land ist ein Land ohne Oppo­si­tion, dessen Regierung wün­scht, dass in ihm nur noch eine Sprache gesprochen und nur noch eine Auf­fas­sung vertreten werde. […] Deutsch­land wird sich bis zur Unken­ntlichkeit verän­dern. Der soziale Friede und der Zusam­men­halt ste­hen auf dem Spiel. Man kann nur hof­fen, dass Deutsch­land an der Auf­gabe, die unkon­trol­lierte Massenein­wan­derung zu bewälti­gen, nicht zer­bricht.

Ja, liebe NZZ, so hört sich das an, wenn man die Kom­men­tarspal­te Pro­fes­soren, die wie Pegi­da-Anhänger klin­gen, zur Ver­fü­gung stellt. Ich gehöre ja zu den Deutschen, die so ein nervös­es Augen­lidzuck­en bekom­men, wenn in einem Text ohne große Not mehr als fünf Mal das Wort “Deutsch­land” vorkommt. Das ist immer so ein Zaunpfahlwink.

In Deutsch­land wer­den soziale Ein­heit­en nicht durch Immi­granten gefährdet. Der soziale Friede vielle­icht schon, wenn das bedeutet, dass rechte Intel­li­gen­zver­sager Gewalt ausüben. Aber von sozialem Frieden zu sprechen, nur weil die Recht­en keine gün­stige Gele­gen­heit sehen, zu Gewalt aufzu­rufen und sie auszuführen, das ist schon etwas zynis­ch.

Lesen, um zu ärgern

Ingrid Noll hat anfang des Monats der Süd­deutschen Zeitung ein Inter­view gegeben, in dem sie sagte:

bis heute finde ich Schreiben pein­lich. Jed­er kann lesen, was man so denkt. Schreck­lich!

Ich will mal nicht umkrem­peln, was sie gesagt oder gemeint hat. Jeden­falls finde ich für meine Wenigkeit das Gele­sen­wer­den an sich nicht schlimm. Im Gegen­teil. Je mehr das lesen, desto besser. Man liest eh immer alleine. Wann find­en sich schon mal Grup­pen zusam­men und wet­tern als Gemein­we­sen gegen einen Text, den sie alle­samt gele­sen haben? Vor der bloßen Quan­tität an Lesern schrecke ich mich nicht, aber da bin ich ger­ade sowieso auf der sicheren Seite.

Was ich im Inter­net schwieriger finde, ist die Erwartung der Attacke auf Geschriebe­nes. Dass Leute sich belei­digt auf­führen und mit Belei­di­gun­gen und Trotzreak­tio­nen meinen, zu ihrem Recht zu kom­men. Leute, die sich als Leser eine Unfair­ness ges­tat­ten, die sie einem Schreiber im höch­sten Maße moralis­ch ankrei­den. Im kleinen Kreise darf man reden, aber auf ein­er Inter­net­seite schreiben, das gehört sich nicht. Ich ver­stän­de es ganz gut, wenn Ingrid Noll solche Leute bei ihrer Bemerkung auf dem Schirm hat­te.

Solche Leute kön­nen ganz schön ner­ven. Weniger dadurch, dass sie recht haben, denn auf intel­li­gen­te Weise wider­legt zu wer­den ist eher bere­ich­ernd als ver­störend. Mehr dadurch, dass man es mit Unbelehrbaren zu tun hat, die nur ihrer Verärgerung Aus­druck ver­lei­hen wol­len. Das gipfel­te mir gegenüber mal in der Äußerung, ich kön­ne ja sehr gut argu­men­tieren, aber son­st… Ich hät­te das böse gemein­te Kom­pli­ment gerne zurück­gegeben, aber nach dem son­st kam nichts mehr.

Ich habe Blogs immer gemocht, weil man Kom­men­ta­toren her­aus­fordern oder eben abschreck­en kon­nte. Wenige Kom­mentare zu einem Beitrag sind da nicht Ausweis eines schlecht­en Tex­tes. Manch­mal ist dar­in Zus­tim­mung zu sehen, aber natür­lich nicht immer.

Und den­noch nagt es im eige­nen Hin­ter­stübchen, so dass man unkt, man solle den einen Gedanken, den man ger­ade hat, vielle­icht doch nicht veröf­fentlichen, weil es einige ärg­ert. Was ein dum­mer Gedanke: Diejeni­gen zu scho­nen, die Bös­es auf der Agen­da haben. Daher zögerte ich auch lange, Blog­beiträge kom­plett direkt auf Face­book zu stel­len. Soll­ten doch nur diejeni­gen die Sachen lesen, die in der Lage waren, sich durchzuk­lick­en.

Gestern stell­te ich die hierzuge­hörige Face­book-Seite um, so dass hier geschriebe­nes Wort für Wort auf die Face­book-Seite gelangt. Warum soll man dem geneigten Leser unnötig Stöck­er in den Weg leg­en? Gle­ich auf den erste neue Beitrag wur­de viel öfter reagiert. Sol­len die, die sich unbe­d­ingt ärg­ern wol­len, doch ärg­ern.

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