David Baddiel — The secret purposes

David Bad­diel ist in Großbri­tan­nien bekan­nt als Come­di­an und Mitschreiber von “Football’s com­ing home”. In Deutsch­land lei­der etwas unbekan­nt ist die Tat­sache, dass Bad­diel drei ganz wun­der­volle Büch­er veröf­fentlich hat, die außer dem let­zten auch in deutsch­er Sprache erschienen sind. “The secret pur­pos­es” schildert biographisch ange­haucht das Schick­sal seines Groß­vaters, der im Drit­ten Reich mit sein­er Frau aus Deutsch­land nach Eng­land flieht und dort wegen kom­mu­nis­tis­ch­er Ansicht­en interniert wird. Das Buch ist ein­fach großar­tig. Bad­diel kann Geschicht­en erzählen und dabei kom­men in seinen Sätzen immer Knack­punk­te vor, die einen stutzen lassen. Im Gegen­satz zu den ersten bei­den Büch­ern Bad­diels kommt hier zwar Humor kaum vor, aber man ver­misst ihn auch nicht — dazu ist die Geschichte zu inter­es­sant. Der beste Bad­diel bis­lang, aber auch das sage ich nach jedem sein­er Büch­er.

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Januarlese

Kris­tine Bilkau — Eine Liebe in Gedanken Angenehm sen­ti­men­tale, uner­füllte Liebesgeschichte.
Jür­gen von der Lippe — Nudel im Wind Zotiger Erstling des Mod­er­a­tors. Dauernd wer­den Zoten, auch Rezepte einge­baut, die nicht durch die Geschichte erfordert wer­den. Der Schmök­er ist eher etwas für Fans.
Cas­tle Free­man — Auf die san­fte Tour San­ft­mütiger Sher­iff, der nicht aus dem Quark kommt, muss Ein­bruch in eine Vila von Russen aufk­lären. Atmo­sphärisch passend geschrieben.
Davide Morosinot­to — Die Mis­sis­sip­pi-Bande Span­nen­der Aben­teuer­ro­man für Jugendliche, der aber auch Erwach­sene mitreißen kann.
Davide Morosinot­to — Ver­loren in Eis und Schnee Zwill­inge wer­den wie bei ein­er Kinderver­schick­ung 1942 aus Leningrad gebracht, ver­lieren sich, und ver­suchen sich in Leningrad wieder zu tre­f­fen. Span­nende, phan­tasievolle Kriegs­geschichte, die Jugendlichen die Schreck­en des Krieges ein­dringlich darstellen kann.
Pinkus Tulim — Jo Raketen-Po Furzgeschichte für Kinder und Jugendliche. Dur­chaus lustig und kurzweilig.
Ulrich Alexan­der Boschwitz — Der Reisende Odysee eines jüdis­chen Kauf­manns in Deutsch­land im Jahre 1938. Span­nend, mitreißend und großar­tig erzählt.
B.J. Novak — Das Buch ohne Bilder Beson­deres, kurzes Vor­lese­buch für Kinder, das mich zum Lachen gebracht hat.

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Otto — Kleinhirn an alle

Mit Otto — Der Film und Otto — Der neue Film hat Otto Kind­heit­sklas­sik­er hin­gelegt. Als ich ihn später sah, merk­te ich allerd­ings, dass ihm der Witz, den ich an den Fil­men so mochte, stark flöten gegan­gen war. Die späteren Filme sah man noch mit Wohlwollen und ein wenig Kind­heitswehmut an frühere Zeit­en, aber die guten Witze waren weg. Ich mochte noch Otto — Die Serie, die aber beim Pub­likum durch­fiel, und hat­te irgend­wann das Gefühl, dass die wirk­lich guten Witze auf das Kon­to sein­er Mitau­toren anzurech­nen war. Die Liveauftritte und die Zwerge­filme schaute ich mir gar nicht mehr an, ohne zu unter­drück­en, dass Otto weit­er­hin der Spaßvo­gel war, der jede Stim­mung aufzuhellen ver­mochte.

Und so plätschert auch diese “Otto­bi­ogra­phie” dahin, mit kaum Witz, kaum Inter­esse des Autors an anderen Leuten, nie­mand wird in die Pfanne gehauen, nie­mand beson­ders her­vorge­hoben. Stattdessen rack­ert sich Otto an berühmten Kol­le­gen ab, mit denen er aber so gut wie nichts zu tun hat­te. Ottos Welt ist aus­ge­pol­stert mit Füll­ma­te­r­i­al und weichge­spült, was er auch ein­räumt, die Frage ist nur: Warum? Und so genau inter­essiert einen die Antwort dann auch nicht.

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Degen, Michael — Nicht alle waren Mörder

Der Schaus­piel­er Michael Degen hat vor Jahren seine Kind­heit­serin­nerun­gen in Berlin zu Papi­er gebracht. In meinem Büch­er­schrank warteten sie als 5-Euro-Taschen­buchaus­gabe von Ull­stein, gele­sen zu wer­den. Dem bin ich endlich ein­mal nachgekom­men. Degen schildert ein­prägsam, wie gefährlich seine Kind­heit war, wie trau­ma­tisch die Erleb­nisse, wie schnell sich Kinder an Kriegszeit­en anpassen kön­nen. Dabei ist seine Schilderung nicht ankla­gend und nicht deprim­ierend.

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Simsek, Semiya und Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

So langsam komme ich mal mein­er Able­seliste hin­ter­her: Dieses Buch bein­hal­tet Semi­ya Şimşeks Beschrei­bung des Lebens und der Ermor­dung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Fol­gen für ihre Fam­i­lie und erbärm­liche Rolle, die der deutsche Staat bei der Aufar­beitung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schreiben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jahre zurück, und der Prozess gegen das let­zte Mit­glied der für die dazuge­hörende Mord­serie ver­ant­wortliche Gruppe, geht dem Ende ent­ge­gen. Und den­noch ist es erschreck­end, wie viele wichtige Fra­gen hierzu offen sind und vielle­icht bleiben.

Dieses Buch ver­schafft einen Ein­blick in die Sit­u­a­tion, wie sie sich für beteiligte Fam­i­lien­ange­hörige, darstellt. Es ver­liert sich nicht in kitschi­gen oder anders sach­frem­den Beschrei­bun­gen, son­dern fokussiert sich auf die Tat und ihre Nach­wirkun­gen. Abgeschlossen wird es von ein­er juris­tis­chen Ein­schätzung der Angele­gen­heit durch die Anwälte von Semi­ya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen poli­tis­chen Skan­dal es hier eigentlich geht. Das es bei der ganzen Sache noch keinen einzi­gen Rück­tritt eines zuständi­gen Beamten gegeben hat, ist nicht min­der ver­wun­der­lich, eher aus­sagekräftig.

Ein Plä­doy­er für Gerechtigkeit und dafür, in der Katas­tro­phe Stärke zeigen zu kön­nen.

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Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dachte erst, man müsste die Autorin eventuell gegen ihre Kri­tik­er in Schutz nehmen, aber allzu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktuellen Buch mit den aufkeimenden und gediehenen nation­al­is­tis­chen Posi­tio­nen in Deutsch­land und darüber hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möchte für die Vertei­di­gung von Min­der­heit­en im Lichte des Pop­ulis­mus dieser Zeit. Sie bril­liert an den Stellen, an denen sie Posi­tio­nen als diskri­m­inierend und polemisierend demask­iert, indem sie die Posi­tion unaufgeregt entschlüs­selt. Weniger überzeu­gend ist Emcke allerd­ings in ihrer Einord­nung von Posi­tio­nen in einen his­torischen oder wis­senschaftlichen Kon­text. So bes­timmt sie die “Parteilichkeit der Ver­standeswaage” aus ein­er Textstelle aus Kants “Träume eines Geis­terse­hers”, d.i. ein Text vor dessen so genan­nter kri­tis­chen Phase, als “Vor­ein­genom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betr­e­f­fend­en Stelle im Kan­tis­chen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gion­sphiloso­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig überzeu­gend wie beein­druck­end. Und auch wenn andere Stellen in ihrer gewoll­ten Belehrung eher ner­ven als ein­nehmen, ist das Buch wegen der Analy­se­fährigkeit der Autorin empfehlenswert.

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Venske, Henning — Es war mir ein Vergnügen

Hen­ning Venske hat seine Auto­bi­ogra­phie niedergeschrieben, was vielle­icht weniger eine genaue Biogra­phie ist als vielmehr ein Begleit­en der poli­tis­chen Verän­derun­gen in der Bun­desre­pub­lik und des vere­in­ten Deutsch­lands seit dem Krieg.

Es ist beein­druck­end zu erfahren, wie er als Junge sich aus Stet­tin zu Fuß mit Mut­ter, Tante und Brud­er nach Ham­burg durch­schlägt und den­noch eine so muntere Kind­heit und Jugend erfährt. An vie­len Stellen kommt die Bis­sigkeit des Kabaret­tis­ten Venske durch, sein Auss­chei­den bei der Sesam­staße — woher ich ihn neben Als die Autos rück­wärts fuhren als Kind kan­nte — hat­te wohl auch poli­tis­che Gründe.

Die Geschicht­en aus den späteren Jahren als Kabaret­tist, den ich aus dem Fernse­hen kan­nte, lieferte mir nettes Hin­ter­grund­wis­sen zur Münch­n­er Lach- und Schießge­sellschaft. Ein nettes Lesev­ergnü­gen zu einem der Stars mein­er Kind­heit.

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Biller, Maxim — Der gebrauchte Jude

Max­im Biller ist ein begabter Schrift­steller, dem seine Eit­elkeit etwas im Weg ste­ht, aber das ist eben auch sein Weg. Dieser biographis­che Schmök­er bietet einen inter­es­san­ten Ein­blick in das Leben eines jüdis­chen Schrift­stellers in Deutsch­land, das zwangsläu­fig aneckt und weit­er in Bewe­gung bleibt. An den Stellen, an denen der Autor intellek­tuell wirken will, ist es allerd­ings eher platt.

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Hoes, Isa — Toen ik je zag

Ich war sehr ernüchtert, als ich vor kurzem erst mit­bekam, dass Antonie Kamer­ling gestor­ben ist. Seine Ehe­frau schrieb dieses Buch über ihr Zusam­men­leben mit Kamer­ling, die Anfänge der Kar­ri­eren der bei­den, das Grün­den der Fam­i­lie und die bipo­lare Störung, unter der Kamer­ling litt und nicht über­winden kon­nte. Der Titel ist der seines größten Hits. Das Buch ist so ehrlich wie bit­ter, weil mehr Fra­gen und Zweifel bleiben, als aus­geräumt wer­den kön­nen. Es ist ein Pro­tokoll des Mitlei­dens und Scheit­erns, des Sich-Übergebens an den Tod und des Stand­hal­tens. Es ist eines der besten Büch­er in der nieder­ländis­chen Lit­er­atur der let­zten Jahre.

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