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Archiv für den 30. September 2015

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süddeutschen Zeitung hat sich mit dem Begriff too much information beschäftigt. Eine Mutter schreibt ihm, dass ihre Tochter ihr eine Frage gestellt hat, bei der Antwort aber gar nicht lange zugehört hat, weil – auf Nachfrage – die Antwort ihr nicht hilfreich erschien. Die Mutter fragt, ob es nicht moralisch geboten sei, als Fragender unabhängig vom eigenen Gedanken, ob die Antwort hilfreich ist, der Antwort zuzuhören.

Erlinger meint, dass es bei diesem Fall u.a. um die Frage ginge, wo man die Grenze, ab der man nicht mehr zuhören muss, findet. Offenbar ist das eine philosophisch zu klärende Frage für Herrn Erlinger. Da hätte ich gerne mal gewusst, wieso das denn der Fall ist.

Erlinger behandelt den Fall des Auskunftsuchenden:

Wenn man von jemandem etwas wissen will, benutzt man ihn als Mittel zur Erlangung dieser Information. Aber derjenige bleibt eigenständig sowohl in der Entscheidung, ob er oder sie antwortet, als auch darin, was und wie umfangreich. Unterbricht man ihn jedoch, weil man das, was er antwortet, doch nicht wissen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimmten Information interessiert ist, nicht aber an dem, was der andere zu diesem Thema sagen will. Man reduziert ihn tatsächlich auf ein Auskunftsmittel.

Erlinger sieht nur an einer Stelle eine Berechtigung, den Auskunftgebenden zu unterbrechen:

wenn die Antwort nicht mehr für den Fragenden erfolgt, sondern umgekehrt der Antwortende den Fragesteller als bloßes Mittel für seine Selbstdarstellung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlinger tut leider so, als sei es so simpel aus einer Formulierung von Kant einen kategorischen Imperativ für alle Menschen zu zaubern. Dem ist nicht so. Zunächst einmal handelt es sich im vorliegenden Fall um eine private Kommunikation, bei der nicht zwingend kategorische Imperative eine Rolle spielen.

Wenn ich jemanden um Rat frage, dann impliziert das nach Kant möglicherweise einen kategorischen Imperativ. Naheliegend wäre, dass er beinhaltet, dass jemand bei einer Frage bestmöglich antwortet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer solchen Frage bestmöglich antwortet. Ein Bruch dieses Abkommens wäre es, bei einer Gegenfrage für eine Beantwortung nicht zur Verfügung zu stehen, gerade wenn ich über eine hilfreiche Antwort verfüge. Im Beispiel, dass Erlinger bearbeitet, ist aber genau das der Fall: Die Tochter antwortet der Mutter auf deren Gegenfrage. Die Tochter betrachtet die Mutter demnach gerade nicht lediglich als Mittel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschilderten Imperativ gefordert wird.

Erlinger müsste erklären, weswegen ein solcher kategorischer Imperativ überhaupt beinhalten sollte, dass man geduldig einer Antwort lauscht, wenn schon abzusehen ist, dass die Antwort dem Fragenden nicht weiterhilft, so wie es scheinbar im Beispiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wissen, ob ich zuhöre oder nicht. Selbst Gesten und Bewegungen können nur nahelegen, dass ich zuhöre. Hat mein Gegenüber ein Recht darauf, dass ich zuhöre und das Gehörte verarbeite und hat er ein Recht darauf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine solche Pflicht ist gar nicht verallgemeinerbar, denn sie würde Menschen nötigen, andere (nach Erlinger zumindest bei nicht selbst verherrlichenden Antworten) generell ausreden zu lassen, relativ unabhängig von der Hilfe, die die Antwort darstellt, und von der Länge der Antwort, so thematisch passend sie auch sein mag.

Es gibt die unterschiedlichsten Momente, in denen man andere in ihrer Rede unterbricht, und diese sind unterschiedlich gut begründet. Manchmal schneidet man jemandem das Wort ab, weil der ausgeführte Gedanke bekannt ist, und es für den Angeredeten unerheblich ist, den bloßen Gedanken gänzlich auszuführen. Mitunter ist das Themengebiet auch so klar, dass Anekdoten das eigentliche Thema nicht bereichern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jemanden anderen zu erziehen oder ihm durch Zuhören Wohl zu tun, muss ich seine Antwort nicht abwarten. Es ist mir allerdings unbenommen, mir selbst eben einen solchen kategorischen Imperativ aufzuerlegen.

Immanuel Kant beinhaltet diesen ganzen Bereich in einem Textstück, das Erlinger nicht so geläufig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugendpflichten gegen Andere in Die Metaphysik der Sitten. Eine nahezu unbedingte Zuhörpflicht findet sich dort nicht.

Und zur Antwort über die Ausnahme zu Erlingers Zuhörpflicht sei gesagt: Dass ein Antwortender den Fragesteller als bloßes Mittel für seine Selbstdarstellung gebraucht, muss nicht bedeuten, dass die Antwort für den Zuhörenden keine inhaltliche Bereicherung darstellt. Heinrich von Kleist war gar der Meinung, man solle bei jeder Gelegenheit Zuhörenden seine Gedanken auslegen, um sie so verbessern zu können. Es ist unklar, wieso das eine Verletzung eines nicht bloß persönlichen kategorischen Imperativs sein soll.

Lesezeichen vom 30. September 2015

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