Denis Schecks Druckfrisch und Martin Walser

Ges­tern Abend zeig­te die ARD zum 10jährigen Jubi­lä­um eine extralan­ge Fol­ge der Lite­ra­tur­sen­de­rei­he Druck­frisch, in der Mar­tin Wal­ser nicht feh­len durf­te. Mar­tin Wal­ser ist Dau­er­gast in die­ser Sen­dung, er taucht öfters auf als jeder ande­re Schrift­stel­ler. Viel­leicht weil er jedes Jahr ein Buch schreibt und tat­säch­lich jedes zwei­te Buch in letz­ter Zeit es wert war, ihn ein­zu­la­den. Ich kann das nicht ein­schät­zen, Tod eines Kri­ti­kers war der letz­te Wal­ser, den ich las. Auch ich emp­fand die Schil­de­run­gen in die­sem Buch teils anti­se­mi­tisch. Zudem fand ich es lahm und unin­spi­rie­rend, unge­fähr so wie die Fern­seh­auf­trit­te Wal­sers.

In Druck­frisch wur­de die Kri­tik der anti­se­mi­ti­schen Dar­stel­lun­gen bei Wal­ser nie ange­spro­chen, auch wenn sie aktu­ell waren, auch wenn Wal­ser dau­ernd vor­bei schaut. Beim dies­ma­li­gen Auf­tau­chen Wal­sers in Druck­frisch gibt es auf der Inter­net­sei­te einen merk­wür­di­gen Begleit­text, in dem die Anti­se­mi­tis­mu­vor­wür­fe abge­han­delt wer­den:

Der Kon­flikt eska­lier­te noch ein­mal 1982, als Wal­ser den (Schlüssel-) Roman “Tod eines Kri­ti­kers” ver­öf­fent­lich­te, des­sen Vor­ab­druck die FAZ ver­wei­ger­te und der Wal­ser den nicht nach­weis­ba­ren Vor­wurf ein­brach­te, anti­se­mi­tisch zu sein.

Der Vor­wurf lau­te­te nicht, Wal­ser sei anti­se­mi­tisch, son­dern der Roman. Und dazu kann man sicher­lich einen Nach­weis füh­ren, was auch schon(s.u.) geschah. Aber wei­ter im Text:

Als er 1998 den “Frie­dens­preis des deut­schen Buch­han­dels” erhält, kri­ti­siert er in sei­ner Dan­kes­re­de die Instru­men­ta­li­sie­rung von Ausch­witz und stellt die The­se auf, dass die per­ma­nen­te The­ma­ti­sie­rung des Holo­caust eher das Weg­schau­en zur Fol­ge hät­te. Die erneu­te Anschul­di­gung des Anti­se­mi­tis­mus sowie die sehr hef­tig aus­ge­tra­ge­nen Debat­ten in der deut­schen Öffent­lich­keit wer­den erst nach einem gemein­sa­men Gespräch von Wal­ser mit Ignaz Bubis, dem Vor­sit­zen­den des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land, bei­ge­legt mit der Fest­stel­lung, dass für den Umgang mit der deut­schen Ver­gan­gen­heit noch kei­ne ange­mes­se­ne Spra­che gefun­den sei.

Von die­ser Bei­le­gung weiß man bei der Süd­deut­schen Zei­tung nichts:

Das Gespräch war damals ohne einen Abschluss been­det wor­den: Bubis hat­te zwar sei­nen Vor­wurf gegen­über Wal­ser, die­ser sei ein “Brand­stif­ter” des Anti­se­mi­tis­mus, zurück­ge­nom­men, aber wei­ter dar­auf insis­tiert, die Friedenspreis-Rede sei miss­ver­ständ­lich gewe­sen. Wal­ser hin­ge­gen hat­te dar­auf beharrt, völ­lig ein­deu­tig gespro­chen zu haben.

Es ist mir eigent­lich uner­klär­lich, wie der Faux pas um die fal­sche Jah­res­an­ga­be von Tod eines Kri­ti­kers ent­ste­hen konn­te. Schreibt hier Mode­ra­tor Denis Scheck, der Lesun­gen mit Wal­ser abhält? Oder irgend ein Prak­ti­kant? Es ist kein Ver­se­hen, dass Wal­sers Tod eines Kri­ti­kers um zwan­zig Jah­re ins Jahr 1982 ver­frach­tet wird – der Autor glaubt offen­bar wirk­lich an die­se Jah­res­zahl, denn er schreibt 1998 sei er erneut wegen anti­se­mi­ti­schen Anschul­di­gun­gen kri­ti­siert wor­den. Da scheint jemand kei­ne Ahnung zu haben, von dem, was er da schreibt.

Und die­ser jemand kennt wohl auch nicht die Stu­die, die sich mit den anti­se­mi­ti­schen Vor­komm­nis­sen in Wal­sers Werk beschäf­tigt. Elke Schmit­ter schreibt dazu:

In Wal­sers Werk aller­dings kann man lesen, dass die Abwehr von Trau­er und Mit­ge­fühl auch die Selbst­re­fle­xi­on nach­hal­tig schä­digt.

Offen­bar auch die Fremd­re­fle­xi­on.

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2 Kommentare

  1. Du bist ja ein ech­ter Schlau­mei­er!
    Glaubst Du wirk­lich, Wal­ser weiß nicht, dass Tod eines Kri­ti­kers mit­nich­ten im Jahr 1982 ver­öf­fent­licht wur­de? Und Du wür­dest die­se auf geis­ti­ge Ver­wir­rung zurück­füh­ren zu müs­sen­de Fehl­leis­tung auch noch auf­ge­deckt haben wol­len?
    Naja, war­um nicht? Schließ­lich gibt es auch Män­ner mit zwei Penis­sen.

    Wal­ser sagt, dass er 1998 ERNEUT des Anti­se­mi­tis­mus bezich­tigt wur­de, nach­dem es 1976 durch Reich-Ranicky bereits gesche­hen war.

    So, das war das Wort zum Sonn­tag. Amen.

    1. Na, du bist wohl der Klügs­te bei euch zuhau­se, was? Es geht dar­um, dass der nicht genann­te Ver­fas­ser des Tex­tes auf der Sei­te der Sen­dung “druck­frisch” absichts­voll schreibt, “Der Tod eines Kri­ti­kers” sei 1982 ver­öf­fent­licht wor­den. Ich gehe nicht davon aus, dass Wal­ser für “druck­frisch” die Teaser-Texte schreibt.

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