Die vorzeitige Adelung von Jakob Augstein

Jakob Aug­stein scheint seit Jahren das Ziel zu ver­fol­gen, bedeut­same jour­nal­is­tis­che Stimme in Deutsch­land zu wer­den. Und dafür bringt er gute Vor­raus­set­zun­gen mit: Ele­gantes Auftreten, einen kühlen Kopf, eine gute ver­ständliche Aus­druck­sweise, eine schnelle Auf­fas­sungs­gabe, ein passendes Selb­st­be­wußt­sein, ein großer Nach­name. Er kann sich schnell assim­i­lieren, scheut sich aber auch nicht, sich sofort auszu­gren­zen, wenn er sich seinem Rück­rat verpflichtet sieht. Ein Mann mit For­mat, keine Frage. Er hat nur eine Archilles­ferse: Er schreibt keine großen Texte.

Den let­zten Satz muss man gle­ich aufnehmen: 1. Bish­er waren die Texte nicht groß, vielle­icht ändert sich das. 2. Was heißt über­haupt, er schriebe keine großen Texte? Nun, Aug­stein nimmt immer staat­stra­gende Texte ins Visi­er, ohne einen eige­nen, tief­er­en Gedanken, der so woan­ders nicht vorkommt und sach­lich überzeugt, in seinen Tex­ten instal­lieren zu kön­nen. Einen Satz wie diesen kön­nte Aug­stein ärg­ern, wie es jeden Jour­nal­is­ten mit Anspruch ärg­ert. Schlimm ist er allerd­ings nicht, denn Aug­stein spielt mit seinen Tex­ten immer noch in ein­er hohen Liga, weit ent­fer­nt von anderen.

Jakob Aug­stein – ein Anti­semit ?

Ich würde zunächst ein­mal Salomon Korn zus­tim­men: Ich habe in Aug­steins Tex­ten auch nichts anti­semi­tis­ches gele­sen und ich würde auch bei Hen­ryk M. Broders Analy­sen vor­sichtig sein. Um hier bei der Stange zu bleiben: Broder hat recht, wenn er hier ein Zitat Aug­steins her­vorhebt und kri­tisiert. Argu­men­ta­tiv ist die Qui-bono-Vari­a­tion, die Aug­stein anschlägt, nicht überzeu­gend, weil aus einem Qui-bono-Gedanken, wie ihn Aug­stein anstellt, allen­falls eine Wahrschein­lichkeit­san­nahme, aber eben keine kausal­itäre her­auskommt. In seinem Text – so finde ich – erweckt Aug­stein aber genau diesen Ein­druck ein­er Kausal­ität. Broders Schluss aus diesem Zitat ist, dass, wer so argu­men­tiert wie ein Anti­semit, selb­st ein Anti­semit ist. Diese Schlussfol­gerung ist allerd­ings genau­so pauschal wie die kri­tisierte Argu­men­ta­tion Aug­steins. Ob Aug­stein Anti­semit ist oder nicht, lässt sich daraus nicht schließen. Weil das Simon-Wiesen­thal-Zen­trum ohne eine ade­quate Analyse der Texte Aug­steins ver­fährt, ist eben auch die Auf­nahme Aug­steins in eine Top-10 von anti­semi­tis­chen Verunglimpfern eine Dummheit. Rab­bi Abra­ham Coop­er ver­weist auf diesen Text Aug­steins, aber seine Kri­tik ist pauschal­isierend und lässt sich so im Text Aug­steins, der für sich genom­men kein Glan­zlicht an argu­men­ta­tiv­er Klarheit ist, nicht wiederfind­en. Er recht­fer­tigt zudem nicht, was der Name Aug­stein in dieser Liste zu suchen hat.

Das Abschüt­teln eines Schat­tens

Was aber in dieser Angele­gen­heit passiert ist fol­gen­des: Jakob Aug­stein ist dank des medi­alen Inter­ess­es und der Vertei­di­gung Aug­steins durch Bun­de­spoli­tik­er zu ein­er bun­desweit beacht­samen jour­nal­is­tis­chen Stimme aufgestiegen. Das Auf­tauchen in dieser Liste schadet Aug­stein nicht im min­desten. Was immer diese Liste bezweck­en sollte, der Zweck wurde ver­fehlt. Aug­stein selb­st hat eine solch her­aus­ge­hobene Posi­tion noch nicht ganz ver­di­ent. Er hätte in der Angele­gen­heit bess­er auf seine eige­nen, kri­tisierten Texte einge­hen sollen, – die er aber nur als all­ge­meines Tages­geschäft umreißt – und nicht auf Kon­tro­ver­sen um Judith But­ler, woraus her­vorge­hen soll, dass Israelkri­tik­ern all­ge­mein Unrecht wider­fährt – so auch ihm. Er liegt auch falsch darin, dass es in dieser Angele­gen­heit darum gin­ge, Israelkri­tik­er mund­tot zu machen. Seine Kri­tik­er ver­weisen schon auf Pas­sagen in seinen Tex­ten, die argu­men­ta­tiv schlecht aus­gear­beit­et sind, woraus sie allerd­ings dann einen Anti­semitismusvor­wurf ableigen.

Ich bin opti­mistisch, dass Aug­stein der her­vorge­hobe­nen Stel­lung, die ihm so wider­fährt, gerecht wer­den kann, wenn er seine Argu­men­ta­tio­nen klar­er dar­legt. Das täte allen Seit­en gut.

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ZEIT.de: Rab­bi Abra­ham Coop­er: “Aug­stein sollte sich bei den Lesern und dem jüdis­chen Volk entschuldigen” (auch hier beschränkt sich der Rab­bi auf ein einziges Zitat, dass nur unter sein­er Inter­pre­ta­tion als anti­semi­tisch gedeutet wird. Das ist zu wenig in ein­er aufgek­lärten Gesellschaft.)
Salomon Korn: Das Wiesen­thal-Zen­trum ken­nt die deutschen Ver­hält­nisse nicht
— Salonom Korn bezieht sich auf diesen Artikel von Chris­t­ian Bom­mar­ius.

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