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Warum wir keine Zeitungen mehr kaufen

Viele denken ja, die Krise der Zeitungen habe etwas mit dem Aufkommen des Internets zu tun. Dabei began sie viel früher. Ein Professor hat mir einmal erzählt, wie er vor Jahren sein Abo der Süddeutschen Zeitung gekündigt hat. Daraufhin habe man sich telefonisch bei ihm gemeldet und nach den Gründen gefragt. Es würde ihnhaltlich immer mehr auf popkulturelle Themen gesetzt, sagte er, dafür bräuchte er keine Zeitung. Die Telefonistin habe aber nicht im Ansatz verstanden, was er meinte.

Mir ist ja noch etwas gut in Erinnerung, was den wenigsten vergönnt ist: Zu erleben, wie eine neue Zeitung an den Markt geht. Das war 1993. Die Zeitung hieß Die Woche, sie wurde 2002 eingestellt. Man erlebte damals mit, wie die Verantwortlichen sich die Frage stellten, wie eine aktuelle Zeitung aussehen müsse. Und so sah sie dann aus: Sie war bunt, jedes Thema hatte ein ordentlich großes Bild, auf den ersten 10 Seiten gab es zu einem Thema eine oder mehrere Seiten, letztere das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtend. Die Woche war mein Einstig in das regelmäßige Kaufen einer Zeitung. Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine waren damals komplett in schwarz-weiß und vom Design her äußerst starr. Bunte Fotos sollte es erst Jahre später geben. Die Woche hatte 35.000 Abonnementen und 120.000 Leser insgesamt. Offenbar zu wenig. Marcel Reich-Ranicki sagte damals, es habe halt einfach keine Marktlücke für dieses Produkt gegeben. Das habe ich verstanden. Leid tat es mir trotzdem.

Heute habe ich mir mal die Süddeutsche Zeitung gekauft. Das tue ich immer seltener. Aufgemacht ist sie nach den Grundsätzen, die schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben: Dutzende Buchstabenblockspalten. Dazu als modernen Einfluß, ungeordnet Bilder, ab und zu übergroß. Die Themen kenne ich auf den ersten Seiten schon aus dem Netz: Die Löw-Balljungen-Geschichte, die Merkel-Hallo-Europa-Deutschland-geht-auch-nicht-ewig-gut-Geschichte, die Dicke-Deutsche-Geschichte, der Waldjunge, über den ich dank Internet heute schon mehr erfahren habe. Dazu ein Interview zum Urheberrecht mit Till Kreutzer und einem holzpressevertretrigen Bernd Graff. Immerhin: Ein gutes Interview mit Nikos Dimou (im Internet: Ein Telefon-Interview). Ich sehe noch einen Vorsendungsabschrieb der Geburtstagssendung von Herbert Feuerstein und irgendwas zu Kino.to, bevor ich die Zeitung zusammenfalte. Anspruchslose Popkultur, wohin man schaut. Ausblicke? Optimusmus? Fehlanzeige.

Bei der Frankfurter Allgemeinen: Merkelgriechenbetreuungsgeldspanierdickedeutschewaldjunge, kennt man alles. Früher habe ich mich ja gewundert, wie man am Tag zwei bis drei Zeitungen überhaupt durchlesen kann. Kunststück bei den vielen Wiederholungen. Dazu ein Bericht über Burma und einer über Ägypten. Dorothee Bär darf unkommentiert CSU-Propaganda in die Zeitung kippen, wobei die einschneidenden Kritiken (Hindernis für Integration, Schwächung der Berufsquote für Frauen, Ersatz für fehlende Kita-Plätze) einfach mal ignoriert werden.

Zusammengefasst: Ich denke beim Lesen auf jeder zweiten Seite: Kenn ich schon. Und dazu gibt es dann keine Informationen, die sonderlich tief gehen. Kein Spezialist, der es schafft, mich zu belehren. Viel Dümmliches, viel Regenbogenpresse. Vielleicht stehen in den Wirtschaftsnachrichten noch interessante Sachen. Aber am Ende einer Zeitung interessiert mich das herzlich wenig. Mag sein, dass heute kein guter Tag für spektakuläre Meldungen ist, es ist aber ein typischer Tag für eine deutsche Tageszeitung. Ein langweiliger.

Währenddessen habe ich im Internet heute schon mindestens 10 Artikel gesehen, die ich lesenswert fand und die nicht von Zeitungen und ohne ein Leistungsschutzrechtgewinsel aus-kamen. Morgen kaufe ich keine Zeitung.

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