Irgendwer hat wohl neulich von mir übersetzte Untertitel aus dem Russischen auf YouTube freigeschaltet. Weil das M … https://t.co/PKOzN5momD

Großstadt

A large city cannot be experientially known;
its life is too manifold for any individual
to be able to participate in it.

Aldous Huxley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Ausgabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Freundin und ihre Freundin kommen erst in einer halben Stunde, also starte ich ein Stadtmelancholieren, dieses Mal in einer Großstadt oder zumindest einer, die sich dafür hält: Düsseldorf. Und was einem schnell auffällt: 18 Uhr ist eine schlimmsten Uhrzeiten in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrradfahrer, die wenigen Passanten gehen nicht, sondern hasten über die Baustellenampeln der Fußgängerzone und dauernd patschen ohrbestöpselte Menschen auf ihre hell erleuchteten Computertelefone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Selbst die Kniebettler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlendere in einen Arkadenbau hinein. Auch hier: Gähnende Leere. Keine chinesische Geisterstadteinkaufspassage, aber eine gänzlich uninspirierende. Ich lehne mich an ein Geländer, da fängt unter mir Klaviermusik an. Eine Barhockersängerin intoniert Night & Day. Etwas merkwürdig, denn im Keller des Arkadenbaus ist nie zu erkennen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Verweilen lädt mich nichts ein. Ich erinnere mich an eine Passage aus Erich Kästners Fabian, in der Fabian festhält, dass Kaufhäuser unheimlich gut geeignete Orte für Streuner sind, die eh nichts kaufen, sondern sich nur aufwärmen wollen, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buchhandelskette betrete. Hier wird mit Büchern noch Handel betrieben, ins Auge springen nur Bestseller. Gute Bücher sucht man fast vergeblich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klamottengeschäften passiert, in Bücheräden noch von Verkäufern angesprochen wurde, um bei der Literatursuche behilflich zu sein. Als ich zwei lauthals tratschende Kolleginnen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden, danke ich innerlich dafür, dass mir heute Literaturtipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgängerzone, ab zum Schauspielhaus. Ich registriere, dass kaum ein Geschäft irgendetwas hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woanders, wer holt sich diese Sachen? In der Parfümeriefiliale entdecke ich einen dieser flachbrüstigen Flakonbodyguards, der nie lächelt und seinen Blick so mechanisch schwenkt, als sei er schon ein Halbroboter, der das mit der menschlichen Kommunikation noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich einmal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erreiche nun über bepfütztes Baustellengebiet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Betonplatten markieren die Trostlosigkeit auf dem Vorhofs des Schauspielhauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leerstehende, hyhnenhafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und entdecke im zweitobersten Stockwerk des dortigen, noch bezogenen Bürogebäudes ein vorm Computer sitzendes Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schauspielhaus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schauspielhauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir entgegen, dem einzigen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Freundin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Niederländerin aus Amsterdam, die in Düsseldorf gestrandet ist. Gestrandet ist vielleicht ein zu ästhetisches Wort. Denn Düsseldorf ist nicht schön, sagt sie. Amsterdam ist schön. Aber Düsseldorf? Nein, keine Frage, Düsseldorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hinunter in Richtung Kaiserswerth. Schön da, aber irgendwie nicht Düsseldorf. Düsseldorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schönheit der Stadt identifizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düsseldorf.

Beim Hinausgehen merkt die Freundin meiner Freundin an, dass sie es nie verstanden hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzendfach in Hamburg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innenstadt. Das sei aber ganz normal in der Woche nach der Karnevalszeit, sagt meine Freundin. Die Leute gingen einfach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depression über die Einkaufspassagen und Cafés. Ach so.

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