Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Archiv für den 27. Februar 2012

Guten Morgen

Morgenkaffee

Neu­es­te Erkenn­tis­se über die Welt im ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf: Rick San­torum hat her­aus­ge­fun­den, dass in den Nie­der­lan­den kaum noch jemand ins Kran­ken­haus geht, weil man da zwangs­eu­tha­ni­siert wird.

Ama­zon möch­te auf dem E-Book-Markt die Prei­se drü­cken und schmeisst 4000 Bücher aus dem Sor­ti­ment.

Die Deut­schen Ver­le­ger haben kei­nen Erfolg mit dem Ver­such, bei Goo­g­les fair sha­res finan­zi­ell was abzu­zwa­cken.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Gibt es irgend­ei­nen Unsinn, den man im ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf nicht erfin­den darf? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

Großstadt

A lar­ge city can­not be expe­ri­en­ti­al­ly known;
its life is too mani­fold for any individual
to be able to par­ti­ci­pa­te in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die drit­te Aus­ga­be von Gebro­chen Deutsch anfängt, mei­ne Freun­din und ihre Freun­din kom­men erst in einer hal­ben Stun­de, also star­te ich ein Stadt­me­lan­cho­lie­ren, die­ses Mal in einer Groß­stadt oder zumin­dest einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimms­ten Uhr­zei­ten in Düs­sel­dorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt kei­ne Fahr­rad­fah­rer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Bau­stel­len­am­peln der Fuß­gän­ger­zo­ne und dau­ernd pat­schen ohr­be­stöp­sel­te Men­schen auf ihre hell erleuch­te­ten Com­pu­ter­te­le­fo­ne. Ein­kau­fen will kei­ner mehr, nur schnell zuhau­se sein, bevor die Bür­ger­stei­ge hoch­ge­klappt wer­den. Selbst die Knie­bett­ler haben schon ein­ge­packt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­de­re in einen Arka­den­bau hin­ein. Auch hier: Gäh­nen­de Lee­re. Kei­ne chi­ne­si­sche Geis­ter­stadt­ein­kaufs­pas­sa­ge, aber eine gänz­lich unin­spi­rie­ren­de. Ich leh­ne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Kla­vier­mu­sik an. Eine Bar­ho­ckersän­ge­rin into­niert Night & Day. Etwas merk­wür­dig, denn im Kel­ler des Arka­den­baus ist nie zu erken­nen, ob gera­de Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­wei­len lädt mich nichts ein. Ich erin­ne­re mich an eine Pas­sa­ge aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fest­hält, dass Kauf­häu­ser unheim­lich gut geeig­ne­te Orte für Streu­ner sind, die eh nichts kau­fen, son­dern sich nur auf­wär­men wol­len, als ich die gut gewärm­te Filia­le einer Buch­han­dels­ket­te betre­te. Hier wird mit Büchern noch Han­del betrie­ben, ins Auge sprin­gen nur Best­sel­ler. Gute Bücher sucht man fast ver­geb­lich. Ich ent­sin­ne mich, dass man frü­her, was heu­te nur noch in Kla­mot­ten­ge­schäf­ten pas­siert, in Büche­rä­den noch von Ver­käu­fern ange­spro­chen wur­de, um bei der Lite­ra­tur­su­che behilf­lich zu sein. Als ich zwei laut­hals trat­schen­de Kol­le­gin­nen an der Kas­se zuhö­ren muss, die in die­ser Ket­te gelan­det sind, weil sie auf der Schu­le frü­her davon träum­ten, Schrift­stel­le­rin­nen zu wer­den, dan­ke ich inner­lich dafür, dass mir heu­te Lite­ra­tur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Stra­ße, noch­mal durch die Fuß­gän­ger­zo­ne, ab zum Schau­spiel­haus. Ich regis­trie­re, dass kaum ein Geschäft irgend­et­was hat, was ich ger­ne haben möch­te. Mei­ne Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich die­se Sachen? In der Par­fü­me­rie­fi­lia­le ent­de­cke ich einen die­ser flach­brüs­ti­gen Fla­kon­bo­dy­guards, der nie lächelt und sei­nen Blick so mecha­nisch schwenkt, als sei er schon ein Halb­ro­bo­ter, der das mit der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, wer­de ich Rausschmeisser.

Ich errei­che nun über bepfütz­tes Bau­stel­len­ge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten mar­kie­ren die Trost­lo­sig­keit auf dem Vor­hofs des Schau­spiel­hau­ses. Ein leich­ter Wind zieht auf und es tröp­felt etwas. Zur Lin­ken ragt das leer­ste­hen­de, hyh­nen­haf­te Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich las­se mei­nen Blick nach rechts schwei­fen und ent­de­cke im zwei­t­obers­ten Stock­werk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäu­des ein vorm Com­pu­ter sit­zen­des Hoppermotiv:

Er wird noch da sit­zen, als wir das Schau­spiel­haus wie­der verlassen.

Ich schaue nach vor­ne zur Anzei­gen­ta­fel des Schau­spiel­hau­ses, die wie der Vor­hof mit Ästhe­tik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem ein­zi­gen, der da gera­de auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absät­ze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

End­lich kommt mei­ne Freun­din und ihre Beglei­tung zwei Minu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Auf der Büh­ne sitzt die­ses Mal eine Nie­der­län­de­rin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf gestran­det ist. Gestran­det ist viel­leicht ein zu ästhe­ti­sches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, kei­ne Fra­ge, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fah­re ger­ne mit dem Fahr­rad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kai­sers­werth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fi­zie­ren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, den­ke ich — in Düsseldorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Freun­din mei­ner Freun­din an, dass sie es nie ver­stan­den hat, wie­so solch ein Bohei um die Kö gemacht wer­de, sol­che Stra­ßen gäb es dut­zend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Kar­ne­vals­zeit, sagt mei­ne Freun­din. Die Leu­te gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­si­on über die Ein­kaufs­pas­sa­gen und Cafés. Ach so.

Lesezeichen vom 27. Februar 2012

Die Nachtgeschichten von heute

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