Hessel, Stéphane — Empört euch!

buchleserEmpörung führt zur Verbesserung misslich­er Lagen, das hat die Ver­gan­gen­heit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empören, wenn sich eine Gele­gen­heit bietet. Es kann nur bess­er wer­den. Die Botschaft des Buch­es ist kurz, aber das ist das Buch sel­ber eben auch.

Während ich das Buch im Zug gele­sen habe, saßen mir zwei Män­ner auf einem Vier­er schräg gegenüber. Der eine hielt aus­ge­bre­it­et eine Zeitung, der andere hat­te den Ellen­bo­gen kopf­stützend auf dem recht­en Ober­schenkel gestellt und hielt mit der linken Hand ein dick­eres Buch fest. Bei­de lasen.

Und dann — aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glaube, dass der Zug­fahrer mit dem Buch Lehrer gewe­sen ist? Also, ich glaube, dass er Lehrer gewe­sen ist. Dann jeden­falls raschelte es und der Lehrer hob seinen Kopf und sagte seinem Gegenüber:

Also, das ist jet­zt schon min­destens das fün­fte Mal, dass Sie einen Teil der Zeitung fall­en lassen. So liest man doch keine Zeitung. Kön­nen Sie nicht auf­passen? Sowas stört einen doch.

Und dann meinte der Gegenüber:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besitzer dieser Zeitung und kann doch wohl meine Zeitung im Zug fall­en lassen, so oft und so lange ich will.

Und dann nahm er einen Teil der Zeitung und ließ ihn mit aus­gestreck­tem Arm den Lehrer im Blick demon­stra­tiv fall­en. Den Kopf etwas zurückziehend schaute der Lehrer sein Gegenüber Zähne zeigend mit streng geschürzten Lip­pen ob dieser Unkul­tiviertheit angewiedert an, strich über die Falz seines Buch­es und las kopf­schüt­tel­nd weit­er. Aber nur kurz. Er blick­te wieder rüber und sagte:

Aber dann nehmen Sie doch wenig­stens die Wer­bung, da ist das Papi­er dick­er. Und die kann sog­ar auf dem Boden ste­hen, wenn man sie schon run­ter­wirft.

Und dann nahm er ein Wer­be­prospekt seines Gegenübers und liess das demon­stra­tiv fall­en. Das Prospekt stand für 5 Sekun­den und sank dann gän­zlich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel bess­er.

Ich weiß nicht, wie die bei­den Kon­tra­hen­ten verblieben sind, weil ich an der näch­sten Hal­testelle den Zug ver­ließ. Aber dass es so wün­schenswert ist, sich immer und über­all gle­ich zu empören, davon war ich bei Ver­lassen des Zuges weit weniger überzeugt.

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