Gute Nacht, Freunde! https://t.co/wtpCZoHLQi

Marx, Reinhard — Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gi­on und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­setzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktu­el­len Schin­ken der katho­li­schen Hir­ten anzu­se­hen. Vor­ge­nom­men habe ich mir mal Das Kapi­tal von Rein­hard Marx, dem Erz­bi­schof von Mün­chen und Freising.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwät­zig, nicht über­wis­sen­schaft­lich, anek­do­ten­reich, ein­heits­chaf­fend. Es beinhal­tet aber inter­es­san­ter­wei­se in poli­ti­scher oder phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht alles, was man heu­te an der Katho­li­schen Kir­che kri­ti­sie­ren mag.

Rein­hard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich sei­ne Über­zeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach sei­nem Tode wohl inzwi­schen davon über­zeugt sein müs­se, dass Gott exis­tie­re. Rein­hard Marx macht es so sei­nen Lesern von Beginn an schwie­rig, ihn für voll zu neh­men. Es ist ande­rer­seits ein­fach eine Form von Respekt­lo­sig­keit, ande­ren Men­schen irgend­wel­che Behaup­tun­gen unter­zu­ju­beln, nur weil die­se Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen weh­ren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Fried­rich Nietz­sche” so getan, wo er behaup­tet, hät­te Nietz­sche nur etwas unauf­ge­reg­ter nach­ge­dacht, wäre er über­zeug­ter Evan­ge­le gewe­sen. Ich glau­be dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, wor­un­ter er Karl Marx ver­steht, gegen die Katho­li­sche Sozi­al­leh­re aus. Es ist ein Auf­ein­an­der­tref­fen einer Leh­re auf eine Phi­lo­so­phie. Das Pro­blem ist nur, dass die Leh­re ledig­lich geglaubt wer­den muss, nicht über­zeu­gend begrün­det wie eine Phi­lo­so­phie sein muss, um akzep­ta­bel zu sein. Wobei in die­sem Zusam­men­hang zu beach­ten ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx steht, ein­fach nur Skep­ti­zis­mus ist: Das Angrei­fen von Din­gen, die für Wer­te gehal­ten werden.

Die­se Wer­te ent­stam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Det­lef Hors­ter, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Phi­lo­so­phen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­li­che Beleg­me­tho­de von Rein­hard Marx: Das Her­an­zie­hen der Mei­nung eines gro­ßen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung einer eige­nen Mei­nung. Fast schon gön­ner­haft gesteht Rein­hard Marx der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung zu, dass sie Begrün­dun­gen für mora­li­sche Wer­te gelie­fert habe, dass aber die­se Wer­te eben schon vor­her bestan­den haben. Offen­sicht­lich ist es Rein­hard Marx ein Anlie­gen zu zei­gen, dass das Vor­han­den­sein von Wer­ten wich­ti­ger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che wird somit in die­sem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grund­le­gen­der ein katho­li­scher Fun­da­men­ta­lis­mus gegen objek­ti­ve Begrün­dun­gen, wor­un­ter man Phi­lo­so­phie ver­ste­hen kann.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sieht in Marx ihren größ­ten Geg­ner sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie groß­zü­gig. Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re kenn­zeich­net sich durch eine Welt­an­schau­ung, in der Indi­vi­du­en durch Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem sei­en poli­tisch und wirt­schaft­lich alle Frei­hei­ten gege­ben, solan­ge sie in einem mora­li­schen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rech­te ande­rer mög­lich sind. Marx meint offen­sicht­lich, dass dies schlich­te Motiv einer aus­ge­ar­bei­te­ten Phi­lo­so­phie gleich­kommt, die­se gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­te­te Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katho­li­sche Sozi­al­leh­re näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bes­ser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch angeb­lich denkt, dass Reli­gi­on nicht nur Pri­vat­sa­che sei, son­dern dass Kir­che eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Auf­ga­be habe (S. 63) gäbe es den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land in der vor­lie­gen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bin­dung der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in den Staat geht auf einen Pakt mit Hit­ler zurück, nicht auf ein Für­gut­hal­ten eines Staatslenkers.

Aber die­se eigen­wil­li­ge Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kir­che, und das heißt bei ihm eben die katho­li­sche, ist die Insti­tu­ti­on der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kir­che ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­ge­lie­fert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Über­ein­stim­mung mit Imma­nu­el Kant, was sein Men­schen­bild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt ger­ne von Geist­li­chen als Gewährs­mann ver­ein­nahmt ohne auf sei­ne Reli­gi­ons­kri­tik ein­zu­ge­hen) und eben­so in Über­ein­stim­mung mit Karl Marx, was des­sen Bild von der Fami­lie als Geburts­ort von Moral angeht: Für Marx sei die Fami­lie wich­tigs­ter Ort der Wer­te­ver­mitt­lung, daher sei Fami­li­en­po­li­tik wie Bil­dungs­po­li­tik vor­aus­schau­en­de Sozialpolitik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen las­sen oder hin­ter­fra­gen. Bei letz­te­rem ist man sich sel­ber aber Phi­lo­soph, und das für vie­le zwangs­läu­fig. Denn beim Stich­wort Fami­lie muss man ja bei der katho­li­schen Kir­che immer sehen, dass Schwu­le kei­ne Fami­lie sind. Eine Fami­lie ist Mama & Papa, nicht die wil­de WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katho­li­sche Kir­che die sexu­el­len Aus­wüch­se neue­ren Datums mit zu ver­ant­wor­ten. Die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che lässt völ­lig unbe­ant­wor­tet, war­um man sich nicht ein­fach durch eine ver­trau­te Bezugs­per­son eben so gut mora­lisch ent­wi­ckeln kann, wie durch ver­hei­ra­te­te Eltern. Und ob es gera­de an die­ser Stel­le nicht eben doch viel mehr auf ver­ständ­li­che, begrün­de­te Ver­mitt­lung von mora­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begeg­net in die­sem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katho­li­schen Kir­che so unheim­li­che Pro­ble­me berei­ten. Man fin­det aber als Reak­tio­nen dar­auf nur fun­da­men­ta­lis­ti­sche Durch­hal­te­pa­ro­len vor, die für sich genom­men nicht über­zeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benötigte Felder sind mit * gekennzeichnet. E-Mail-Adressen werden nicht veröffentlicht.

 

März 2011
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Feb   Apr »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren