Wie ist das eigentlich mit… der Bewertungsverteidigung einer Doktorarbeit?

Das ist wohl ein Novum im Wis­senschafts­be­trieb: Die öffentliche Vertei­di­gung der Akzep­tanz und Best­noten­be­w­er­tung ein­er Dok­torar­beit durch die uni­ver­sitären Betreuer. Lei­der ist sie nicht überzeu­gend.

Natür­lich ist es eine Frech­heit, was Karl-Theodor Gut­ten­berg den Prüfern sein­er Dok­torar­beit unterge­jubelt hat. Und es ist eine weit­ere Frech­heit, diesen jet­zt unter­jubeln zu wollen, es han­dle sich bei den Fehlern um einzelne Fußnoten, die fehlen, und zu behaupten, Gut­ten­berg sei der Überblick ver­loren gegan­gen. Eine ver­trauliche per­sön­liche Beziehung entlässt aber nicht das per­sön­liche kri­tis­che Arbeit­en im wis­senschaftlichen Bere­ich, ger­ade nicht bei Magna-cum-laude-Dok­torar­beit­en.

Wenn die zuständi­gen Pro­fes­soren Häber­le und Strinz ihre Bew­er­tung nun schon öffentlich vertei­di­gen, sei sie kri­tisch hin­ter­fragt:

- Einen hoher “Grad der Durch­dringung des The­mas in allen seinen Facetten” stelle mir als Grund­lage jed­er Dok­torar­beit vor. Eine Best­note in ein­er Dok­torar­beit muss anders begrün­det wer­den.
— Der Satz, dass das Kapi­tel über den Gottes­bezug eine damals aktuelle Diskus­sion des Ver­fas­sungsver­trags der EU aufnähme ist etwas zäh­neknirschig ob der schlicht­en Kopie des größten Teils dieses Kapi­tels, was aber nicht ent­deckt wer­den kon­nte, weil die Prüfer Google nicht ver­wen­det haben.
— Die Annahme allerd­ings, man hätte 2006 Google noch nicht zur Iden­ti­fizierung von Pla­giat­en nutzen kön­nen, ist schlicht falsch. Zudem wird durch diese Behaup­tung die Frage aufge­wor­fen: Haben die bei­den Bew­ert­er bis 2006 bei ihren Dok­toran­den über­haupt keine zeit­entsprechende Pla­giat­sprü­fung durchge­führt?

Wovor ret­tet denn nun diese Dok­torar­beits­be­w­er­tungsvertei­di­gung wen?

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Was ich noch sagen wollte… zur Christlich-Demagogischen Union

Aus kon­ser­v­a­tiv­en Kreisen kam nach dem Rück­tritt Gut­ten­bergs wieder­holt die Auf­forderung das The­ma Gut­ten­berg nun gut sein zu lassen. Aber genau das ist Teil der Anti-Aufk­lärung, die die Union weit­er­hin betreibt: Die polemis­che Abkan­zlung kri­tis­ch­er Analy­sen.

Andreas Fis­ch­er-Les­cano, der den Gut­ten­berg-Skan­dal ins Rollen brachte, hat eben diese Anti-Aufk­lärung im Sinn, wenn er in Anlehnung an Luh­mann eine eigene Kausal­ität im Süden kon­sta­tiert:

Der Vertei­di­gungsmin­is­ter gibt die Lin­ie der Argu­men­ta­tion vor, die Bayreuther Kom­mis­sion spin­nt sie dankbar weit­er. Die Wis­senschaftsin­sti­tu­tion befre­it den Poli­tik­er von ein­er lästi­gen Diskus­sion; der Poli­tik­er been­det eine für die Uni­ver­sität rep­u­ta­tion­ss­chädliche Diskus­sion.

Nach Luh­mann macht genau das die „Kausal­ität im Süden“ aus: Errun­gen­schaften des Rechtsstaats und der funk­tionalen Aus­d­if­feren­zierung wer­den kurzgeschlossen. Das Recht wird kreativ angepasst. Man könne, so Luh­mann, ger­ade im Süden beobacht­en, dass die Gewohn­heit, „in Net­zw­erken der Hil­fe, der Förderung und der erwart­baren Dankbarkeit zu denken, erhal­ten geblieben, aber von der gesellschaftlichen Strat­i­fika­tion auf die Organ­i­sa­tio­nen über­tra­gen wor­den ist“. Die „ansprech­baren“ Ressourcen wür­den aus den Kom­pe­ten­zen „abgezweigt“, die Posi­tio­nen in Organ­i­sa­tio­nen zur Ver­fü­gung stell­ten. Oft genüge das Pres­tige ein­er Posi­tion, um sich für etwas einzuset­zen, was mit den Auf­gaben des Amtes nichts zu tun hat.

Ich bin kein so großer Luh­mann-Fan, daher halte ich es lieber mit dem Begriff der Anti-Aufk­lärung als eine gegen die Aufk­lärung gerichtete Denkweise.

Im Gut­ten­berg-Skan­dal ist es Gut­ten­berg selb­st, der diese Anti-Aufk­lärung betreibt. Gut­ten­bergs rhetorisch­er Trick ist immer der­selbe: Er nimmt eine berechtigte Sachkri­tik und sagt dann, er habe darauf angemessen und durch­dacht reagiert. Das ist so wie bei einem Fußballer, der nur eine einzige Drib­blingsart beherrscht. Aber das reicht in der Union, denn dribbeln kann da kein ander­er. Wer jet­zt in Frage stellt, dass das angemessen oder durch­dacht ist, was Gut­ten­berg von sich gibt, gerät in die Gefahr, als übertreiben­der Nör­gler da zu ste­hen. Diesen Vorteil erre­det sich Gut­ten­berg.

Gut­ten­berg hat so beim soge­nan­nten Krisen­man­age­ment der Pla­giat­saf­färe schon in Kelkheim am 21.02.2011 stark die Presse ange­grif­f­en. Das geschah durch Ausspie­len der ange­sproch­enen Zuhör­er als Öffentlichkeit und den Medi­en als Haupt­statt­presse. Durch diese Gegenüber­stel­lung sagt er, dass die Medi­en gar nicht zur Öffentlichkeit gehören.

Auf der Spitze dieser Darstel­lung sagt Gut­ten­berg, dass die Zuhör­er bess­er ihm direkt lauschen, als das lesen, was Medi­en wie die FAZ über ihn schreiben. Grotesk wird die Aus­sage ger­ade dadurch, dass Gut­ten­berg die Ein­leitung sein­er Dok­torar­beit voll­ständig aus der FAZ kopiert hat. Der nack­te Kaiser merkt auf dem Höhep­unkt sein­er öffentlichen Bejubelung nicht, was für eine Witz­fig­ur er eigentlich abgibt.

Aber auch andere Poli­tik­er in der Union basteln fleißig an der Anti-Aufk­lärung:

Kristi­na Schröder hat in ihrer zu Recht kaum beachteten Dok­torar­beit den inter­es­san­ten Unter­schied zwis­chen CDUlern auf Bun­de­sebene und CDUlern an der Basis gemacht. Sie wollte wis­senschaftlich her­aus­find­en, wie man der­ar­tige Unter­schiede method­isch analysieren kann. Völ­lig ignori­ert hat Köh­ler dabei die Möglichkeit, dass CDU-Poli­tik­er auf Bun­de­sebene eben gar nicht nach wis­senschaftlich erfass­baren Kri­te­rien arbeit­en, son­dern ledliglich mach­to­ri­en­tiert. Aber es ist schon inter­es­sant, dass jemand von der Bun­de­sebene dieses mögliche Missver­hält­nis wis­senschaftlich adeln möchte.

Schließlich der CSU-Bun­desmin­is­ter­nach­fol­ger von Gut­ten­berg, Hans-Peter Friedrich. Dieser hat zu Amts­be­ginn den kaum ver­ständlichen Satz for­muliert:

Dass der Islam zu Deutsch­land gehört, ist eine Tat­sache, die sich auch aus der His­to­rie nir­gends bele­gen lässt.

Unterm Strich hat Friedrich etwas gesagt, was er nicht sagen wollte, näm­lich: Dass der Islam zu Deutsch­land gehört, ist eine Tat­sache. His­torische Belege fehlen, aber es ist eine Tat­sache.

Er wollte wohl eher sagen, dass es eine Behaup­tung ist, der his­torische Belege fehlen. Lei­der fehlen die aber gar nicht. Aber es geht ihm ja auch nicht um Aufk­lärung. Friedrich bedi­ent lediglich nation­al­is­tis­che Gefüh­le: Dazuge­hören und inte­gri­eren, d.h. alte Sit­ten aus­radieren, wenn sie nicht deutsch sind, weil sie nicht deutsch sind, egal wie gut begrün­det sie sein mögen. Wohl gemerkt: Für die Union heißt inte­gri­eren nicht par­tizip­ieren.

Teile von CDU und CSU sind also auf der Suche nach der eige­nen kon­ser­v­a­tiv­en Iden­tität im Nation­al­is­mus gelandet. Von hier aus her­zlichen Glück­wun­sch.

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