Guten Morgen

morgenkaffee

In Frank­furt feiert man den 150. Todestag Arthur Schopen­hauers mit einem Ver­anstal­tungs­marathon, um ihn dann wieder in die uni­ver­sitären Elfen­bein­türme zu ver­stauen.

Der finanziell sich nicht mehr ren­tierende Rheinis­ch­er Merkur soll an Die ZEIT verkauft wer­den.

Der Bund der Steuerzahler find­et es skan­dalös, dass die Hypo Real Estate Bank 140 Mil­liar­den Euro Staats­bürgschaften beansprucht, um dann 25 Mil­lio­nen Euro Boni an ihre Angestell­ten zu zahlen.

Und während ich mir die Frage stelle: Wieviele andere bun­desweit ver­triebene Blät­ter kön­nen sich heute eigentlich son­st noch eigen­ständig gar nicht mehr hal­ten? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

[Foto: Luc van Gent]

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Sterns Pöbeljournalismus oder: Blogger, bleib bei deinen Gadgets

sternloerrach

Irgend­wie hat man beim STERN einen Nar­ren an Amok­läufen gefressen. Schon zu Zeit­en von Win­nen­den meinte man dort, man sollte zeit­nah zum Amok­laufgeschehen den Blick auf Twit­ter wer­fen, um den moralis­chen Zeigefin­ger zu erheben und über das böse Web zu schimpfen. Pöbeljour­nal­is­mus nan­nte Ste­fan Nigge­meier das damals. Selb­stkri­tik hat man damals beim STERN wohl nicht betrieben, die Masche bleibt dieselbe.

Dieses Mal darf Felix Dis­sel­dorf Dis­sel­hoff dran. Anhand von 4 — in Worten: VIER — Tweets brand­markt er in Das Web spot­tet, was “das Web” in Sachen Amok­läufen von sich gibt:

User “Schlen­za­lot” scheint, mit sarkastis­chem Unter­ton, eine Erk­lärung für die Tat gefun­den zu haben und zieht gle­ich Par­al­le­len zum angeklagten TV-Mod­er­a­tor Jörg Kachel­mann: “In Lör­rach wur­den auch Jörg Kachel­mann und Sebas­t­ian Deisler geboren, dort weiß man, wie man mit “leicht­en Störun­gen” in die Presse kommt.”

Ob, wie von “Zyneas­t­he­sie” behauptet, die Täterin ver­heiratet und het­ero­sex­uell war und ob sie katholis­chen Glaubens ist, stand zum Zeit­punkt des ersten Tweets noch gar nicht fest. […]

So funk­tion­iert das Web nur allzu oft. Aus ein­er einzel­nen Mel­dung wird eine Law­ine, die den Wahrheits­ge­halt und das men­schliche Dra­ma oft unter sich begräbt.

[Schreibfehler des Twit­ter­na­mens Zynaes­the­sie im Orig­i­nal.]
So funk­tion­iert dann auch der STERN nur allzu oft. Vielle­icht sollte man beim STERN mal schau­rige Musik den Artikeln unter­legen, damit die mor­lais­che Empörung ihrer weisen Autoren bess­er zur Gel­tung kommt. Wenn ein solch niedriges inhaltlich­es Niveau in ein­er Schülerzeitung vorkom­men würde — nie­mand hätte richtig was dage­gen, es wäre ja nur eine unpro­fes­sionelle Veröf­fentlichungs­form. Aber dies ist immer­hin der STERN, der sich aber­mals grot­tig­sten Jour­nal­is­mus auf die Fahne schreibt. Aber gott­sei­dank nur im Inter­net — da liest das ja kein­er und da sind ja ehr nur Twit­ter-Idioten.

Und für Dis­sel­dorf Dis­sel­hoff darf dann die Mär vom qual­i­ta­tiv über­ra­gen­den Jour­nal­is­ten natür­lich auch nicht fehlen:

Das Prob­lem ist wie so oft nicht die Nachricht, son­dern wie mit ihr umge­gan­gen wird. Während aus­ge­bildete Jour­nal­is­ten darin geschult sind, sen­si­bel mit Dat­en von Per­so­n­en umzuge­hen und Fak­ten zu recher­chieren, ste­ht hinge­gen bei Twit­ter die Mei­n­ung schnell fest.

Keine Rede davon, wie hier mit der STERN-Nachricht umge­gan­gen wird, die auf VIER Tweets basiert. VIER! Das nenne ich mal eine Fak­ten-Recherche. Und solch ein Aus-dem-Fen­ster-Gelehne ger­ade mal ein Jahr nach der nicht min­der pietät­losen STERN-Tweets zu Win­nen­den.

So kann man nur Gerd Blank vom STERN recht geben, dass nicht zu erwarten war, dass Jour­nal­is­ten bedachter mit Vor­fällen wie Amok­läufen umge­hen wer­den — ger­ade beim STERN selb­st, bei denen diese ver­all­ge­mein­erte, moralin­saure Twit­ter­rüge bei Amok­läufen mit­tler­weile wohl ein­fach Stan­dard ist.

Aktu­al­isierung
Till Achinger hat noch mal genauer nachgeschaut und fest­gestellt, dass Dis­sel­hoff teil­weise wortwörtlich von Blank abgeschrieben hat.

Blank 2009:
So funk­tion­iert das Web. Aus ein­er Mel­dung wird eine Law­ine, die den Wahrheits­ge­halt oft unter sich begräbt.

Dis­sel­hoff 2010:
So funk­tion­iert das Web nur allzu oft. Aus ein­er einzel­nen Mel­dung wird eine Law­ine, die den Wahrheits­ge­halt und das men­schliche Dra­ma oft unter sich begräbt.

Nicht mal mehr zu eigen­ständi­gen For­mulierun­gen hat’s gere­icht.

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