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Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benutzend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Innerlichkeit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebenskluge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrieben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

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