Hinter geschlossenen Lidern

IMAGE_033

Fal­ken­dom, Bie­le­feld, 15. Novem­ber 2009, 19.30 Uhr, 70 Zuschau­er

And now for some­thing com­ple­te­ly dif­fe­rent.

Sei­ne Augen beweg­ten sich anstren­gend schnell hin­ter geschlos­se­nen Lidern, sei­ne Hand, wäre da noch eine gewe­sen, hät­te sich in mei­ne gekrallt. Da lie­fen die letz­ten Tage und Stun­den vor einem Rest sei­nes Gehir­nes, hät­te er noch eines gehabt, ab, sag­te der Arzt. Das sei so, vor dem Tod, sag­te der Arzt.

Die Foto­gra­fin Kathi Ficek hat mal eine Aus­stel­lung gemacht mit dem Titel “Hin­ter geschlos­se­nen Lidern”. Sie beschäf­tigt sich dar­in mit einem Krank­heits­bild aus der Psy­cho­ana­ly­se, das jun­ge Men­schen beschreibt, denen der Schritt ins Erwach­se­nen­le­ben nicht gelingt. Sie ver­har­ren an der „Schwel­le“ ihrer Kind­heit, unfähig von ihr Abschied zu neh­men. Gefan­gen im Nie­mands­land. Gelähmt von der aus­ein­an­der­klaf­fen­den Sche­re zwi­schen Ichi­de­al und Ichrealität wer­den sie zu Beob­ach­tern des Lebens, anstatt dar­an teil­zu­neh­men.

Die Thea­ter­grup­pe Thea­tro­po­lis hat frei nach Sibyl­le Berg ein Stück unter dem­sel­ben Titel erar­bei­tet, in dem es zumin­dest auch um Erwach­se­ne geht, die ähn­lich beklem­men­de Zustän­de emp­fin­den.

Hin­ter geschlos­se­nen Lidern” han­delt von des­il­lu­sio­nier­ten Per­so­nen, die auf ande­re eben­so des­il­lu­sio­nier­te Per­so­nen tref­fen, sich ihrem Schick­sal erge­ben, sich aber selbst nicht auf­ge­ben wol­len. Sie klam­mern sich an ande­re, an Gegen­stän­de oder ihre Jobs. Das wird in anein­an­der­ge­reih­ten Ein­zel­ge­schich­ten dar­ge­stellt, die sich text­lich manch­mal über­schnei­den, die der Zuschau­er aber selbst ver­bin­den müss­te, wenn er einen roten Faden sucht.

berglider

Ich fin­de ja sol­che düs­te­ren Stü­cke durch­aus reiz­voll, aber auch schwie­rig, denn man muss von ihnen immer irgend­wie los­kom­men. Noch schwie­ri­ger wird es, wenn das Stück selbst kei­nen posi­ti­ven Aus­blick bie­tet. Das ist so mein Pro­blem bspw. bei Fil­men wie Lich­ter, in dem aber ein Aus­weg zumin­dest bild­lich ange­bo­ten wird. In “Hin­ter geschlos­se­nen Lidern” emp­fand ich das nicht so. Aber ande­re sehen sowas offen­bar anders. Als eine Schau­spie­le­rin auf der Büh­ne über ihre neue Beze­hung, die sie mit obi­gem Zitat ver­liert, meint “Ich war nicht ver­liebt, aber ich hat­te mich an ihn gewöhnt”, da kicher­te ein kau­zi­ges Senio­ren­pär­chen vor mir. Ich fand den Satz über­haupt nicht wit­zig, aber ich wür­de ger­ne wis­sen, ob ich das in ein paar Jahr­zehn­ten wit­zig fin­den wer­de.

Die Lai­en­schau­spie­ler (die­sen Begriff ver­wen­de ich jetzt aber nur des­we­gen, weil es kei­ne Berufs­schau­spie­ler sind) sind mit dem schwie­ri­gen Stück gut zurecht gekom­men. Die Sze­nen waren klar und ver­ständ­lich, die Pro­ble­ma­ti­ken bedrü­ckend. Mir ist nur ein klei­ner Pat­zer auf­ge­fal­len, der nicht wei­ter stö­rend war, dafür war das Stück zu düs­ter. Manch­mal wur­de etwas lei­se gespro­chen, was mit der ange­las­se­ne Kühl­an­la­ge im Fal­ken­dom das Zuhö­ren etwas erschwer­te. Was mich per­sön­lich immer etwas stört ist, wenn Sät­ze, die für einen Wil­len, etwas beson­de­res mit ihnen aus­zu­drü­cken, ste­hen, nur so aus­ge­spro­chen wer­den, als sei der Spre­cher glück­lich, den Satz feh­ler­frei raus­be­kom­men zu haben. Das pas­siert aber auch in wesent­lich auf­wen­di­ge­ren Pro­duk­tio­nen und ist hier nur eine Rand­ma­ku­la­tur. Aber Sprech­pau­sen und das rhe­to­ri­sche Nach­hal­len las­sen von Aus­sa­gen gibt bestimm­ten Dar­stel­lun­gen eben einen beson­de­ren Kick.

Das ist bei der Dar­stel­lung des alko­hol­ab­hän­gi­gen und in die Jah­re gekom­me­nen Feuil­le­ton­jour­na­lis­ten beson­ders gut gelun­gen, wie ich fin­de. Gera­de in die­ser Ecke West­fa­lens ist so eine Figur nun wirk­lich nicht unbe­kannt.

Hin­ter geschlos­se­nen Lidern” ist kein Stück für jeden, aber für alle, die sich düs­te­ren Stü­cken stel­len wol­len.

Nächs­te Auf­füh­rung: Fal­ken­dom Bie­le­feld, 29.11., 19 Uhr (Ein­lass 18:30)

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.