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Übersicht besprochener Bücher

Bau­er, Patrick und Micha­el Ebert — Unnüt­zes Wis­sen * Klo­lek­tü­re (09)
Bene­dikt XVI. — Licht der Welt
Ber­lin, Kat­ja und Peter Grün­lich — Was wir tun, wenn es an der Haus­tür klin­gelt * Klo­lek­tü­re (18)
Birr, Til­man — Zum Leben ist es schön, aber ich wür­de da ungern zu Besuch hin­fah­ren * Klo­lek­tü­re (16)
Bode, Thi­lo — Die Essens­fäl­scher
Dobel­li, Rolf- Die Kunst des kla­ren Den­kens
Duve, Karen — Anstän­dig essen
Duve, Karen — Lexi­kon der berühm­ten Tie­re • Klo­lek­tü­re (01)
Emcke, Caro­lin — Gegen den Hass
Fröh­lich, Axel und Oli­ver Kuhn — Die gro­ße Brock­laus * Klo­lek­tü­re (05)
Gott­wald, Caro­li­ne — Ist der Hahn tot, wenn man ihn zudreht? * Klo­lek­tü­re (19)
Grö­ner, Anke — Nudel­di­cke Deern
Gsel­la, Tho­mas — Rei­ner Schön­heit Glanz und Licht Ihre Stadt im Schmäh­ge­dicht * Klo­lek­tü­re (15)
Guil­lau­me, André de — Wie man ein Genie wird * Klo­lek­tü­re (02)
Haeus­ler, Tan­ja & John­ny – Netz­ge­mü­se
Ham­mer, Agnes — Ich blogg dich weg!
Han­sen, Eric T. — Nör­geln !
Hes­sel, Sté­pha­ne — Empört euch!
Homering-Elsner, Jörg und Ralf Hei­mann — Lepra-Gruppe hat sich auf­ge­löst: Per­len des Lokal­jour­na­lis­mus * Klo­lek­tü­re (21)
Jens Bis­ky über Miri­am Meckels Bur­nout
Koch, Anna und Axel Lili­en­blum — SMS von ges­tern Nacht * Klo­lek­tü­re (08)
Kühn, Tot­te — Am Ende der Wels * Klo­lek­tü­re (17)
Kutt­ner, Sarah — Die anstren­gen­de Dau­er­an­we­sen­heit der Gegen­wart * Klo­lek­tü­re (24)
Lich­ter, Horst — Kei­ne Zeit für Arsch­lö­cher
Lus­ti­ges Taschen­buch Maus-Edition 4 — Alles Gute! * Klo­lek­tü­re (14)
Marx, Rein­hard — Das Kapi­tal
Mro­zek, Bodo — Lexi­kon der bedroh­ten Wör­ter * Klo­lek­tü­re (11)
Müh­ling, Jens — Mein rus­si­sches Aben­teu­er
Mun­roe, Rand­all — What if? * Klo­lek­tü­re (20)
Natur­ern­te — Samen­ba­sier­te Rezep­te
Non­hoff, Sky — Don’t belie­ve the hype! * Klo­lek­tü­re (13)
Pirinçci, Akif — Deutsch­land von Sin­nen: Shit­s­torm in Buch­form
Pro­i­mas, James — 12 things to do befo­re you crash and burn *Klo­lek­tü­re (23)
Rosen­bach, Mar­cel & Hol­ger Stark — Staats­feind Wiki­leaks
Sau­er, Joscha — Nicht­lus­tig * Klo­lek­tü­re (10)
Scher­pe, Mary — An jedem ein­zel­nen Tag
Schier­ach, Fer­di­nand von — Ver­bre­chen * Klo­lek­tü­re (06)
Schill, Nadi­ne — Hoch­zeits­pla­nung für Dum­mies
Schnei­der, Hel­ge — Arsch­fahl kleb­te der Mond am Fens­ter * Klo­lek­tü­re (07)
Schrö­der, Atze — Und dann kam Ute * Klo­lek­tü­re (03)
Sim­sek Semiya, Peter Schwarz — Schmerz­li­che Hei­mat
Süd­deut­sche Zei­tung — Der gro­ße Jah­res­rück­blick 2013 * Klo­lek­tü­re (12)
Sün­der, Tho­mas: Wer Ja sagt, darf auch Tan­te Käthe aus­la­den
Vegas, Rob — Ich, Harald Schmidt
Vei­el, And­res — Black Box BRD
von der Lip­pe, Jür­gen — Beim Deh­nen sin­ge ich Bal­la­den * Klo­lek­tü­re (22)
Weih­nachts­buch­ge­schenk­tipps
Wel­ding, Mal­te — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Lie­bes­le­ben der ande­ren
Wischmey­er, Diet­mar und Oli­ver Wel­ke — Frank Bsirs­ke macht Urlaub auf Krk * Klo­lek­tü­re (04)

Bauer, Patrick und Michael Ebert — Unnützes Wissen * Klolektüre (09)

Wenn Kühe zu vie­le Karot­ten essen, wird die Milch rosa.”

John Way­ne hiess eigent­lich Mari­on Morrison.”

Das Ver­bot, im Par­la­ment zu ster­ben, wur­de 2007 zum lächer­lichs­ten Gesetzt Gross­bri­tan­ni­ens gewählt”.

Das sind nur drei skur­ri­le Fak­ten aus dem 2008 erschie­nen Buch Unnüt­zes Wis­sen: 1374 skur­ri­le Fak­ten, die man nie mehr vergisst

.

Man kann pri­ma dar­in rum­schmö­kern, indem man das Buch ein­fach irgend­wo auf­macht und eine der 1374 Unsin­nig­kei­ten liest, und es ist alle­mal unter­halt­sa­mer als die Fern­seh­zeit­schrift. Lei­der hat man irgend­wann mal alle Fak­ten durch und es ver­liert kom­plett als Span­nung. Also gehört es nicht zu den Schmö­kern, die man ewig auf dem stil­len Ört­chen lie­gen las­sen kann. Nichts­des­to­trotz ist es eine pri­ma Unter­hal­tungs­lek­tü­re für das Gäs­te WC. Daher von mir von fünf Rollen:

Benedikt XVI. — Licht der Welt

buchleser

Peter See­wald inter­viewt Papst Bene­dikt XVI. ali­as Joseph Ratzin­ger und agiert dabei als Fan der Katho­li­schen Kir­che im Gewand eines seriö­sen Jour­na­lis­ten. Viel­leicht mag das in die­ser Form kir­chen­in­tern okay sein, aber einen kri­ti­schen Ansatz zu den Bemer­kun­gen des Paps­tes, trotz aller kri­ti­schen Ansät­ze beim Fra­gen, ver­misst man doch schmerz­lich. Spä­tes­tens wenn See­wald ein “bra­si­lia­ni­sches Model” mit Aller­welts­weis­hei­ten anführt, knirscht der Leser mit den Zäh­nen. Und dann all die­se alber­nen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen See­walds, die glau­ben machen, es gehe in die­sem Buch auch um die Ansich­ten See­walds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. War­um schreibt See­wald nicht ein eige­nes Buch, wenn er sich genö­tigt fühlt, die Posi­ti­on der Katho­li­schen Kir­che zu rechtfertigen?

Aber es passt auch irgend­wie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf sei­ne Wei­se Fun­da­men­ta­list, zieht sich immer wie­der auf selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen zurück. Schwul­sein ist halt unna­tür­lich — obwohl es doch dau­ernd in der Natur vor­kommt — und soll nicht Anreiz zum Pries­ter­wer­den sein. Sex­ver­zicht sei eben­so von Gott auf­er­legt, was­im­mer das genau hei­ßen soll. Letz­ten Endes wird immer auf irgend­et­was Unbe­leg­ba­res ver­wie­sen, kei­ne ein­zi­ge der­ar­ti­ge Ansicht ist beleg­bar. Immer­hin ver­weist der Papst auf eine angeb­li­che Immer­ver­füg­bar­keit von Kon­do­men und lässt im Rau­me ste­hen, ob dies eine akzep­ta­ble Mög­lich­keit sein soll.

Aber auch sonst ist es inter­es­sant, was der Papst da vom Sta­pel lässt:

Die mono­ga­me Ehe gehört zum Fun­da­ment, auf dem die Zivi­li­sa­ti­on des Wes­tens beruht. Wenn sie zusam­men­bricht, bricht Wesent­li­ches unse­rer Kul­tur zusammen.

In der Sicht der Katho­li­schen Kir­che bricht immer irgend­was zusam­men, wenn man an ihren fun­da­men­ta­lis­ti­schen Sicht­wei­sen rüt­telt. War­um soll­te über­haupt gleich etwas zusam­men­bre­chen, wenn Mono­ga­mie nicht der Stan­dard bleibt?

Ein Groß­teil der heu­ti­gen Phi­lo­so­phen besteht tat­säch­lich dar­auf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahr­heits­fä­hig. Aber so gese­hen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Lau­fen­den, was in der Phi­lo­so­phie so abgeht. Das Pro­blem an die­ser Stel­le ist nur: Die­se Phi­lo­so­phen bezwei­feln ja auch die­sen Ethos. Und dage­gen ver­rich­tet man mit einem schlicht behaup­te­ten Gegen­satz nichts.

Es brei­tet sich eine neue Into­le­ranz aus, das ist ganz offen­kun­dig. Es gibt ein­ge­spiel­te Maß­stä­be des Den­kens, die allen auf­er­legt wer­den sol­len. Die­se wer­den dann in der soge­nann­ten nega­ti­ven Tole­ranz ver­kün­det. Also etwa, wenn man sagt, der nega­ti­ven Tole­ranz wegen darf es kein Kreuz in öffent­li­chen Gebäu­den geben. Im Grun­de erle­ben wir damit die Auf­he­bung der Tole­ranz, denn das heißt ja, dass die Reli­gi­on, dass der christ­li­che Glau­be sich nicht mehr sicht­bar aus­drü­cken darf.

Natür­lich darf er das, nur nicht vor­ge­schrie­ben wir­kend in der Schu­le. Aber einem Fun­da­men­ta­lis­ten kön­nen sie auch kaum erklä­ren, dass er Fun­da­men­ta­list ist.

Eine blo­ße Fixie­rung auf das Kon­dom bedeu­tet eine Bana­li­sie­rung der Sexua­li­tät, und die ist ja gera­de die gefähr­li­che Quel­le dafür, dass so vie­le Men­schen in der Sexua­li­tät nicht mehr den Aus­druck ihrer Lie­be fin­den, son­dern nur noch eine Art von Dro­ge, die sie sich selbst verabreichen.

Dro­ge, natür­lich, da drun­ter wäre kei­ne Meta­pher des Bösen zu fin­den. Dabei will ja nie­mand eine blo­ße Fixie­rung auf Kon­do­me. Über­haupt sind Vor­stel­lun­gen von Leu­ten, die nie Sex hat­ten, über Sex, dass die­ser aus­schließ­lich Aus­druck von Lie­be sei, höchst skuril.

In Deutsch­land hat jedes Kind neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Wie­so dann gar so wenig hän­gen bleibt, um es mal so aus­zu­drü­cken, ist unbe­greif­lich. Hier müs­sen die Bischö­fe in der Tat ernst­haft dar­über nach­den­ken, wie der Kate­che­se ein neu­es Herz, ein neu­es Gesicht gege­ben wer­den kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Lau­fen­den: Nicht jedes Kind hat neun bis drei­zehn Jah­re Reli­gi­ons­un­ter­richt. Und die Ansicht, dass die Bischö­fe der Basis­ar­beit in der Katho­li­schen Kir­che zu Popu­la­ri­tät ver­hel­fen kön­nen, fin­de ich eher belustigend.

Die Kir­che hat “kei­ner­lei Voll­macht”, Frau­en zu wei­hen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, son­dern: wir kön­nen nicht. Der Herr hat der Kir­che eine Gestalt gege­ben mit den Zwöl­fen — und in deren Nach­fol­ge dann mit den Bischö­fen und den Pres­by­tern, den Priestern.

Schnöff, tä tää­ä­ä­ä­ää. War­um wirkt der Gott der Katho­li­ken auf Katho­li­ken nur immer so irra­tio­nal? Sicher auch nur eine Prü­fung für Katho­li­ken, damit wäre die Sache dann wie­der rund.

Ent­täuscht wer­den sich von die­sem Buch auch alle sehen, die sich in den Miss­brauchs­skan­da­len Auf­klä­rung sei­tens der Katho­li­schen Kir­che wün­schen: Nach dem Papst sieht der nor­ma­le Pro­zess hier so aus: Erst den miss­brauch­ten Schäf­chen hel­fen, dann die Täter stra­fen und dann das Ver­bre­chen auf­klä­ren. Nach Belie­ben der Katho­li­schen Kir­che wird hier­über die Öffent­lich­keit infor­miert. Vom recht­zei­ti­gen Ein­be­zug rechts­stat­li­cher Orga­ne kei­ne Rede. Von der Kri­tik von Miss­brauchs­op­fern, dass die Katho­li­sche Kir­che Auf­klä­rung mut­wil­lig behin­dert — kei­ne Rede. Nur Rede davon, dass gesamt­ge­sell­schaft­lich gese­hen ver­hält­nis­mä­ßig wenig Miss­brauch in der Katho­li­schen Kir­che statt­fin­det. Das soll dann wohl was Gutes sein.

Berlin, Katja und Peter Grünlich — Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt * Klolektüre (18)

Dies ist der Nach­fol­ger

von Was wir tun, wenn der Auf­zug nicht kommt und steht die­sem in Sachen Humor in nichts nach. Die ein­zel­nen Gra­fi­ken sind schnell erfass­bar und das Buch als sol­ches schnell durch­blät­ter­bar, ohne dass es die Schmun­zel­ge­fahr außer Kraft set­zen würde.

Die­ser Schmö­ker zwar kein erhel­len­der, dafür unge­mein unter­halt­sa­mer Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Birr, Tilman — Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern zu Besuch hinfahren * Klolektüre (16)

Der Schin­ken war ein Geburts­tags­ge­schenk. Man soll mir ja eher nicht so Bücher schen­ken. Sowas ist immer schwie­rig, wenn der Beschen­ker den Beschenk­ten nicht so kennt. Aber ab und zu pas­siert das dann doch. Und man liest das dann. War ja ein Geschenk. Und man verzweifelt.

Birr ist Slam Poet. Wobei: Heut­zu­ta­ge schimpft er sich Kaba­ret­tist, weil das wohl erwach­se­ner klingt. Und er hat die­ses Buch irgend­wie geschrie­ben, was man nur lesen soll­te, wenn man sich selbst inner­lich einen auf­ge­brach­ten Slam Poe­ten auf­le­ben lässt.

Nüch­tern geht’s nicht. Das Buch will hip sein und kommt mit Städ­te­be­schimp­fun­gen an, die ande­re schon bes­ser vor­ge­macht haben. Das Buch will lus­tig sein. Ist es nicht. Zum Ver­re­cken nicht. Es ist unge­fähr so, als wür­de Jan Hofer das Hör­buch zu Die Super­na­sen ein­spre­chen. Das klingt dann so:

Was haben Sta­lin, Hit­ler und Jack the Rip­per gemein? Sie alle waren mal Kin­der. Das kann doch kein Zufall sein!

Grot­tig.

Die­ser Schmö­ker ein öder Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Bode, Thilo — Die Essensfälscher

buchleser

Es gab vor ein paar Jah­ren ja ein Buch, dass “End­lich Nicht­rau­cher” oder so hieß. damals habe ich von vie­len gehört, dass dies für sie ein Ende mach­te mit allen Selbst­täu­schun­gen über ihr Rauch­ver­hal­ten. Ähn­lich könn­te es Lesern bei der Lek­tü­re von Die Essens­fäl­scher. Was Lebens­mit­tel­kon­zer­ne uns auf die Tel­ler lügen von Thi­lo Bode, der­zeit auch in der Sach­buch­best­sel­ler­lis­te zu fin­den, gehen.
Bode ver­deut­licht, wie oft­mals ver­steckt zucker­hal­tig Vie­les im Super­markt ist, dass nicht Bewe­gung, son­dern Ernäh­rung das Pro­blem des all­ge­mein anstei­gen­den Über­ge­wichts ist, und wie faden­schei­nig Ver­brau­cher­po­li­tik und wie not­wen­dig ver­ständ­li­che Pro­dukt­in­for­ma­ti­on ist.

Das geht in die­sem Buch vor allem auf die Kap­pe der CDU. Für Bode ist das Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­ri­um von Ilse Aigner schlicht ein Lobbyministerium:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die For­de­rung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie sol­le sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, kei­ne Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum soll­te massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staat­li­che Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weni­ger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine ent­spre­chen­de Selb­stverpflich­tung abge­ben? Die For­de­rung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Bei­spiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die end­lich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müssten.

Aber auch Julia Klöck­ner, die gera­de ver­sucht, in Rheinland-Pfalz Minis­ter­prä­si­den­tin zu wer­den, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staats­se­kre­tä­rin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernäh­rung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »kei­ne wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »kei­nen Nut­zen« brin­ge. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tau­sen­den von Wis­senschaftlern und Ärz­ten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist sol­che Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch des­sen Wän­de nicht mehr dringt, was »drau­ßen« passiert.

Zwar ist Bode manch­mal etwas schwat­zend und wie­der­holt sich des öfte­ren. Aber die­ses Buch muss man der­zeit ein­fach gele­sen haben.

Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buches schon ver­korkst im Titel vor: Kla­res Den­ken ist kei­ne Kunst. Es ist eine Metho­de, nichts um ande­re vor­ran­gig zu beein­dru­cken. Aller­dings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in die­sem Buch gar nicht versteht.

Das Buch ent­hält Feuilleton-Artikel, in denen Anek­do­ten ver­bra­ten wer­den, in denen eine auf Vor­ur­tei­len basie­ren­de Pro­blem­lö­sung dar­ge­stellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hier­ge­gen. Das Buch soll nicht auf­klä­ren, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit kla­rem Den­ken schon wie­der nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahr­schein­li­che Ereig­nis­se” inter­pre­tiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigent­lich klas­sisch betrach­tet eine Wir­kung in der Welt ohne kau­sa­le Ursa­che. Eine Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hän­gig vom Ver­käu­fer abwi­ckeln. Wenn Sie jetzt nach­fra­gen: Wie­so immer? — das Buch gibt auf sol­che auf der Hand lie­gen­den Fra­gen kei­ne Ant­wort. Der Autor behaup­tet ein­fach nur rum. Kla­res Den­ken sieht anders aus.

Iro­nie der Geschich­te: Einem Bekann­ten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wir­ken­den Wid­mung, das Buch sei auf Grund sei­ner Erst­plat­zie­rung in der Spiegel-Bestseller-Liste aus­ge­wählt wor­den. Viel­leicht hät­te man sich doch erst mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sollen.

Duve, Karen — Anständig essen

buchleser

Die­ses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wie­so es gera­de so oft in den Medi­en zu fin­den ist. Ich habe auch nicht ver­stan­den, ob einer der Grün­de, dass es die­ses Buch ist, der­je­ni­ge ist, dass eine Auto­rin ihrem Ver­lag mal wie­der ein Buch ver­schaf­fen muss. Das Buch nervt schlicht wegen sei­nes über­bor­den­den Sub­tex­tes, durch den man irgend­wann nicht mehr durch­schaut und durch­schau­en will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexi­kon der berühm­ten Tie­re mei­ne Lieb­lings­klo­lek­tü­re geschaf­fen. Dabei ist die Grund­aus­gangs­la­ge von Anstän­dig essen leicht erläutert:

Die Grau­sam­kei­ten, Gemein­hei­ten und Rück­sichts­lo­sig­kei­ten, die Men­schen wie ich jden Tag bege­hen, sind die Fol­gen eines bilo­gi­schen Prin­zips, das wir mit allen ande­ren Spie­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten tei­len, dem Prin­zip Eigennutz.

So gese­hen ist das Essen von Tie­ren legi­ti­miert. In Fra­ge­stel­lun­gen dar­über, ob und auf wel­che Wei­se Tie­re genutzt wer­den dür­fen, wird oft auf Tier­ethik ver­wie­sen. Nur gibt es schlicht kei­nen Grund, Ethik auf Tie­re selbst aus­zu­wei­ten. Daher ver­weist auch Duve auf Mit­leid oder Mit­ge­fühl, um Tier­nut­zung als ethi­sche Ange­le­gen­heit aus­zu­ge­ben. Aber dies ist schlicht nur ein argu­men­ta­ti­ver Grund­feh­ler. Als argu­men­ta­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se taugt das Buch somit nicht. Viel­leicht sen­si­bi­li­siert es den­noch eini­ge Leser, was ihr Ess­ver­hal­ten betrifft. Und auch als eine Art per­sön­li­cher Erzäh­lung mag es sei­ne Berech­ti­gung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der gan­ze teils naiv-persönliche Sub­text. Das ver­wäs­sert nur das gan­ze The­ma. Bes­ser Thi­lo Bode lesen.

Duve, Karen — Lexikon der berühmten Tiere • Klolektüre (01)

Das Sofa ist wohl nicht das ein­zi­ge Plätz­chen in den eige­nen vier Wän­den, an dem man ger­ne zur Lek­tü­re greift. Auch das stil­le Ört­chen wird ger­ne für einen Blick in Gedruck­tes genutzt. Das hat in unse­ren Wän­den dazu geführt, dass Gäs­te unse­res Lokus­ses sicher sein kön­nen, Lesens­wer­tes zu entdecken.

Ein Klas­si­ker unter den Klo­lek­tü­ren ist das Lexi­kon der berühm­ten Tie­re. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und Ledas Schwan

von Karen Duve und Thies Vol­ker. In die­sem Stan­dard­werk [ hier eine Bespre­chung von Flo­ri­an Felix Weyh ], bei uns in der Aus­ga­be von 1999 aus­ge­legt, wird von alter­tüm­li­chen Gestal­ten wie den Eulen von Athen, Fabel­we­sen, Wer­be­fi­gu­ren wie dem Erd­al­frosch, Comic­fi­gu­ren wie Fix und Foxi bis hin zu rea­len Tie­ren wie For­tu­n­ée, dem Mops der Kai­se­rin Jose­phi­ne, so ziem­lich alles abge­grast, was man bis dato selbst gera­de noch in Erin­ne­rung hat.

Es ist also durch sei­ne Lus­tig­keit, durch die Erin­ne­rungs­mög­lich­keit und die inter­es­san­ten, neu­en Geschich­ten der Idea­le Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dach­te erst, man müss­te die Auto­rin even­tu­ell gegen ihre Kri­ti­ker in Schutz neh­men, aber all­zu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktu­el­len Buch mit den auf­kei­men­den und gedie­he­nen natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen in Deutsch­land und dar­über hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möch­te für die Ver­tei­di­gung von Min­der­hei­ten im Lich­te des Popu­lis­mus die­ser Zeit. Sie bril­liert an den Stel­len, an denen sie Posi­tio­nen als dis­kri­mi­nie­rend und pole­mi­sie­rend demas­kiert, indem sie die Posi­ti­on unauf­ge­regt ent­schlüs­selt. Weni­ger über­zeu­gend ist Emcke aller­dings in ihrer Ein­ord­nung von Posi­tio­nen in einen his­to­ri­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Kon­text. So bestimmt sie die “Par­tei­lich­keit der Ver­stan­des­waa­ge” aus einer Text­stel­le aus Kants “Träu­me eines Geis­ter­se­hers”, d.i. ein Text vor des­sen so genann­ter kri­ti­schen Pha­se, als “Vor­ein­ge­nom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betref­fen­den Stel­le im Kan­ti­schen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig über­zeu­gend wie beein­dru­ckend. Und auch wenn ande­re Stel­len in ihrer gewoll­ten Beleh­rung eher ner­ven als ein­neh­men, ist das Buch wegen der Ana­ly­se­fäh­rig­keit der Auto­rin empfehlenswert.

Fröhlich, Axel und Oliver Kuhn — Die große Brocklaus * Klolektüre (05)

Klo­lek­tü­ren als Weih­nachts­ge­schen­ke — eine schwie­ri­ge Ange­le­gen­heit. Woan­ders als Buch des Tages gewür­digt, sprang bei mir bei … Die gro­ße Brock­laus: Das kom­plett erfun­de­ne Lexikon

von Oli­ver Kuhn, Alex­an­dra Rein­warth und Axel Fröh­lich der Fun­ke oder, wenn man so mag, die Laus nicht über. 6 oder 7 mal habe ich schmö­kernd irgend­was ange­le­sen und wegen zu gewoll­ter Lus­tig­keit umge­hend weg­ge­legt. Viel­leicht fällt die Begeis­te­rung für die­sen Schmö­ker anders aus, wenn man sich viel Zeit oder das Hör­buch zur Hand nimmt .

Was aber die Prä­sent­taug­lich­keit angeht, stim­me ich dem zu, der schreibt: “Zum Ver­schen­ken nicht geeig­net.” Das Risi­ko, zu ent­täu­schen und den Geschmack des Beschen­ken zu ver­feh­len, ist da ein­fach zu groß.

Der Schmö­ker ist trotz gro­ßem Umfangs, ein paar guten Ein­fäl­len, aber oft­mals bloß brä­si­gem Humor nur ein mäßig inter­es­san­ter Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Gottwald, Caroline — Ist der Hahn tot, wenn man ihn zudreht? * Klolektüre (19)

Wit­zi­ger als im Buch­ti­tel wird die­ser Schmö­ker nicht. Die Auto­rin greift irgend­wann nach jedem Stroh­halm, um Fra­gen stel­len zu kön­nen. Das ist bemüht, aber eben völ­lig geistlos.

Die­ser Schmö­ker ist zwar kein erhel­len­der, schnell ner­ven­der Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Gröner, Anke — Nudeldicke Deern

buchleserAnke Grö­ner hat sich als Blog­ge­rin sicher­lich ver­dient gemacht: So sym­pa­thisch wie sie schreibt, steht sie ein für kla­re, unauf­ge­reg­te Spra­che, Offen­heit für die Genuss­sei­te des Lebens, für Lesen, für Bestän­dig­keit. Sie zählt auch zu den weni­gen deut­schen Blog­ge­rin­nen, denen gro­ße Ach­tung inner­halb der Blog­go­sphä­re zukommt.

Nur: War­um hat nie­mand ver­sucht zu ver­hin­dern, dass sie so ein Buch schreibt?

Das Buch ist ein Ich-bin-okay-du-bist-okay-Durchhalteparolen-Lebensratgeber (Und das mit dem Ich bin okay, du bist okay kommt im Buch tat­säch­lich vor). Es ist nicht so ver­lo­gen wie die fröh­li­che Mop­pel­li­te­ra­tur, denn da ist die prä­sen­tie­ren­de Auto­rin ja immer um eini­ges mop­pe­li­ger als auf dem Buch­um­schlag, aber es ist lei­der auch ver­lo­gen: Es geht im Buch um die Auf­ga­be von Abnehm­vor­ha­ben zur ver­meint­li­chen Ret­tung der eige­ne Psy­che, nicht um’s Abneh­men oder Dick­sein. Ich hal­te es für pro­ble­ma­tisch, sich für die­se Auf­ga­be Applaus zu holen.

Natür­lich darf und soll­te jeder sei­nen eige­nen psy­cho­lo­gi­schen Haus­halt so arran­gie­ren, dass man gefeit ist gegen Angrif­fe von außen. Das zählt für Dicke so wie für Dün­ne. Ich weiß auch nicht, wer das ange­zwei­felt haben soll­te. Wer aber zu viel wiegt und wem das Zuviel auf die Psy­che schlägt, der soll­te abneh­men, wenn er das Pro­blem lösen will. Das bedeu­tet auch, dass man gegen den eige­nen inne­ren Schwei­ne­hund ankämpft. Wer nun meint, die­ser Kampf sei schon gewon­nen, weil man nach einer Diät weni­ger wiegt, täuscht sich einfach.

Anke Grö­ner schreibt nun in ihrem Buch, man kön­ne die­sen Kampf auf­ge­ben, solan­ge nur die eige­ne Psy­che okay ist. Mit ande­ren Wor­ten: Ver­drän­gung. Kann man. Muss man aber nicht. Gera­de wenn die Kör­per­fül­le am eige­nen Selbst­be­wusst­sein nagt, ist ein gelun­ge­ner Abnehm­ver­such ja ein Erfolg. Der Schlüs­sel lau­tet nicht, wie das Buch weis machen will: Free your mind, and your fat ass will fol­low im Sin­ne von: Ent­las­te dei­ne Psy­che, son­dern Free your mind, and the rest will fol­low im Sin­ne von: Regel dein Ver­hal­ten nach nicht bloß momen­ta­nen Gesichts­punk­ten (wor­un­ter auch eine Kan­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Wor­tes frei fal­len könnte).

Wer ver­drängt, ver­drängt mit dem Pro­blem eben auch die Pro­blem­lö­sung. Das ist die unan­ge­neh­me Wahr­heit, die man im Buch nicht zu lesen bekommt.

Gsella, Thomas — Reiner Schönheit Glanz und Licht Ihre Stadt im Schmähgedicht * Klolektüre (15)

Tho­mas Gsel­la hat divers­te Städ­te mit Schmäh­ge­dich­ten bedacht und — sage Bub — Ibben­bü­ren ist auch mit dabei. Bes­ser gefällt mir ja Düs­sel­dorf, aber das ist sicher auch Geschmackssache.

Das Gan­ze gibt es online, aber auch zwi­schen Buchdeckeln

. Die Gedich­te ins­ge­samt sind mal mehr, mal weni­ger wit­zig, oft­mals zeigt Gsel­la aller­dings, dass er etwas vom raf­fi­nier­ten Gedicht­schrei­ben versteht.

Somit ist die­ser Schmö­ker ein kurz­wei­li­ger, aber respek­ta­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Guillaume, André de — Wie man ein Genie wird * Klolektüre (02)

Eines die­ser Exem­pla­re ist der Schmö­ker Wie man ein Genie wird: Das Hand­buch für ange­hen­de Überflieger


von André de Guil­lau­me, über­setzt aus dem Eng­li­schen von Petra Trin­kaus. Das Buch ergeht sich eigent­lich nur in Eigen­wil­lig­kei­ten und Anek­do­ten berühm­ter Män­ner. Das ist ganz nett zu lesen, kurz­wei­lig, aber irgend­wie nicht erhel­lend. Ein paar Schmunz­ler sind aber drin.

Er ist also durch sei­ne Inten­ti­on, die hüb­sche Mach­art und durch hin und wie­der inter­es­san­te Anek­do­ten ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weih­nach­ten steht vor der Tür und vie­ler­orts wer­den nun die Buch­lä­den durch­stö­bert, um inter­es­san­te lite­ra­ri­sche Sachen aus­fin­dig zu machen. Ich habe mir mal Netz­ge­mü­se von Tan­ja und John­ny Haeus­ler, der auch unter spreeblick.de bloggt, ange­schaut. In die­sem Fall ist es viel­leicht hilf­reich, die bei­den erst selbst zu Wort kom­men zu lassen:

Jetzt kann man zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es hier eine dicke Markt­lü­cke gibt. Das Inter­net ist in vie­len Facet­ten nicht leicht zu ver­ste­hen. Das macht beson­ders dann Pro­ble­me, wenn Eltern dar­über nach­den­ken, wie sie ihre Kin­der im Inter­net beglei­ten. Und das tut Not, denn im Inter­net lau­ern recht­li­che und per­sön­li­che Gefah­ren. Ande­rer­seits bewe­gen sich Inter­net­nut­zer ziem­lich frei und unge­bun­den durch das Netz. Wor­auf sol­len sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Fra­ge, der das Ehe­paar Haeus­ler nach­geht. Sicher­lich ist das Buch so geschrie­ben und wird so prä­sen­tiert, dass es sich irgend­wie ren­tiert. Inso­fern ist die­ser Ein­trag auch schon wie­der eine Form von Wer­bung. Aber ande­rer­seits bin ich davon über­zeugt, dass das Buch die Auf­ga­be, Eltern für ihre Auf­ga­be, Kin­der im Umgang mit dem Inter­net ver­ant­wor­tungs­voll zu beglei­ten, gut erfüllt.

Jetzt könn­te ich auch am Buch rum­mo­sern über man­chen gram­ma­tisch nicht ganz so per­fek­ten Satz­bau, ver­kürz­te und somit falsch wir­ken­de Dar­stel­lun­gen oder den Begriff Netz­ge­mü­se, der mich das gan­ze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber dar­auf gerich­tet ist, her­aus­zu­fin­den, ob die­ses Buch Eltern eine Hil­fe sein kann, schie­be ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erst­mal bei­sei­te gescho­ben ist fällt zunächst die gro­ße Band­brei­te auf, die das Buch umfasst: Es han­delt den Umgang mit Com­pu­ter­spie­len, ille­ga­le Down­loads, Inter­net­diens­ten, Blogs, Mob­bing, Pseud­ony­men, sozia­len Kom­pe­ten­zen, Taschen­geld, Smart­pho­nes und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefun­den, was ich ver­mis­se. Alle The­men wer­den zwar nur ange­ris­sen und Bei­spie­le und Lösungs­an­sät­ze von wirk­lich schwie­ri­gen Pro­ble­men kom­men nicht vor. Das ist aber für ein Eisn­tiegs­buch in die Mate­rie nicht wei­ter schlimm. Die Fra­ge wäre eh, ob man ein sol­ches Buch nicht über­frach­te­te, wenn man zu vie­le Lösun­gen anbie­ten wollte.

Was ich sehr über­zeu­gend fin­de, ist, dass die Auto­ren heik­le The­men wie Por­no­gra­fie im Inter­net, die von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Sei­ten um rich­tig in Schwung zu kom­men, trifft aber dann den rich­ti­gen Ton. Wer also Eltern kennt oder sel­ber erze­hungs­be­rech­tigt ist, dem lege ich die­ses Buch wärms­tens ans Herz.

Hammer, Agnes — Ich blogg dich weg!

Ich blogg dic weg!

Jule ist ein jun­ges Mäd­chen, das mit ihrer Band beim Schul­fest auf­tre­ten soll. Dann erhält sie jedoch anony­me E-Mails, Beschimp­fun­gen und Dro­hun­gen. Ein Fake-Profil von ihr taucht im Inter­net auf und ihr wird nahe gelegt, die Band zu ver­las­sen. In die­ser star­ken Bedräng­nis kommt es schließ­lich zur gewalt­tä­ti­gen Auseinandersetzung.

Das Buch von Agnes Ham­mer behan­delt ein sehr aktu­el­les The­ma: Die Pro­ble­ma­tik, dass Jugend­li­che einer­seits in der rea­len und ande­rer­seits in der vir­tu­el­len Welt unter­wegs sind, und es schwie­rig wird, wenn Pro­ble­me der einen Sphä­re mit der ande­ren in Berüh­rung kom­men, indem anony­mes Mob­bing betrie­ben wird.

Was der Leser schnell merkt, ist, dass es sich hier­bei um eine klas­si­sche Schul­lek­tü­re han­delt, und das ist auch schon das Man­ko des Buches, wenn man so will: Die Geschich­te ist über­ra­schungs­arm, vor­her­seh­bar, das klas­si­sche Pro­blem, dass die jugend­li­che Erzäh­le­rin mit mit­un­ter arg ver­schach­tel­teln Sät­zen alles ande­re als jugend­lich klingt, sowie dass sich die Akteu­re für Jugend­li­che doch sehr abge­klärt ver­hal­ten. Bei ero­ti­schen Situa­tio­nen wirkt die poli­ti­cal cor­rect­ness dann schon mal belustigend.

Aber als Schul­lek­tü­re, und für eine kom­mu­ni­ka­ti­ve Behand­lung durch Jugend­li­che ist das Buch, das einen für Jugend­li­che sehr fai­ren Preis hat, sicher­lich her­vor­ra­gend geeignet.

Hansen, Eric T. — Nörgeln !

buchleser

Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nörgelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohlhabend,
erbe dem­nächst ein Königreich,
und bin lei­der auch gutaussehend,
die sexy Ophe­lia macht mir durchaus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lektüre.

Hessel, Stéphane — Empört euch!

buchleser

Empö­rung führt zur Ver­bes­se­rung miss­li­cher Lagen, das hat die Ver­gan­gen­heit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empö­ren, wenn sich eine Gele­gen­heit bie­tet. Es kann nur bes­ser wer­den. Die Bot­schaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch sel­ber eben auch.

Wäh­rend ich das Buch im Zug gele­sen habe, saßen mir zwei Män­ner auf einem Vie­rer schräg gegen­über. Der eine hielt aus­ge­brei­tet eine Zei­tung, der ande­re hat­te den Ellen­bo­gen kopf­stüt­zend auf dem rech­ten Ober­schen­kel gestellt und hielt mit der lin­ken Hand ein dicke­res Buch fest. Bei­de lasen.

Und dann — aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glau­be, dass der Zug­fah­rer mit dem Buch Leh­rer gewe­sen ist? Also, ich glau­be, dass er Leh­rer gewe­sen ist. Dann jeden­falls raschel­te es und der Leh­rer hob sei­nen Kopf und sag­te sei­nem Gegenüber:

Also, das ist jetzt schon min­des­tens das fünf­te Mal, dass Sie einen Teil der Zei­tung fal­len las­sen. So liest man doch kei­ne Zei­tung. Kön­nen Sie nicht auf­pas­sen? Sowas stört einen doch.

Und dann mein­te der Gegenüber:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besit­zer die­ser Zei­tung und kann doch wohl mei­ne Zei­tung im Zug fal­len las­sen, so oft und so lan­ge ich will. 

Und dann nahm er einen Teil der Zei­tung und ließ ihn mit aus­ge­streck­tem Arm den Leh­rer im Blick demons­tra­tiv fal­len. Den Kopf etwas zurück­zie­hend schau­te der Leh­rer sein Gegen­über Zäh­ne zei­gend mit streng geschürz­ten Lip­pen ob die­ser Unkul­ti­viert­heit ange­wie­dert an, strich über die Falz sei­nes Buches und las kopf­schüt­telnd wei­ter. Aber nur kurz. Er blick­te wie­der rüber und sagte:

Aber dann neh­men Sie doch wenigs­tens die Wer­bung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden ste­hen, wenn man sie schon runterwirft.

Und dann nahm er ein Wer­be­pro­spekt sei­nes Gegen­übers und liess das demons­tra­tiv fal­len. Das Pro­spekt stand für 5 Sekun­den und sank dann gänz­lich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel besser.

Ich weiß nicht, wie die bei­den Kon­tra­hen­ten ver­blie­ben sind, weil ich an der nächs­ten Hal­te­stel­le den Zug ver­ließ. Aber dass es so wün­schens­wert ist, sich immer und über­all gleich zu empö­ren, davon war ich bei Ver­las­sen des Zuges weit weni­ger überzeugt.

Homering-Elsner, Jörg und Ralf Heimann — Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst: Perlen des Lokaljournalismus * Klolektüre (21)

Die Facebook-Seite Per­len des Lokal­jour­na­lis­mus hat mitt­ler­wei­le über 190.000 Fans, jetzt gibt es den Schmö­ker zur Sei­te. Aber wer die Sei­te schon kennt, wird nicht son­der­lich begeis­tert sein: Das Buch beinhal­tet nur Alt­be­kann­tes und die Kom­men­ta­re zu den Zei­tungs­schnip­seln sind doch sehr kurz.

Die­ser Schmö­ker ist wohl nur was für Leu­te ohne Inter­net­an­schluss, aber wegen der guten Aus­gangs­idee gibt es von fünf mög­li­chen Klorollen:

Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benutzend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Innerlichkeit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebenskluge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrieben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

Koch, Anna und Axel Lilienblum — SMS von gestern Nacht * Klolektüre (08)

 Das Bes­te aus SMSvonGesternNacht.de ist eine laue Kopie von Texts from last night, mitt­ler­wei­le in drei oder vier Buch­aus­ga­ben als Rei­he ver­füg­bar. Man fin­det viel­leicht auf den ers­ten Sei­ten eine ganz wit­zi­ge Mini­ge­schich­te über Leu­te, die miss­ver­ständ­li­che und miss­ver­stan­de­ne SMS-Unterhaltungen füh­ren, aber irgend­wann zieht man bei der Lek­tü­re nicht mehr mit. Erfun­den oder real? Wen interessiert’s?
Der Schmö­ker ist mit sei­nen sel­tenst wit­zi­gen Mini-Geschichten ein mäßig unter­halt­sa­mer Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken, mitt­ler­wei­le dürf­ten die­je­ni­gen, die sowas inter­es­siert, ihn auch zur Genü­ge ken­nen, und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Kühn, Totte — Am Ende der Wels * Klolektüre (17)

Geburts­tags­ge­schen­ke in Buch­form kön­nen auch Über­ra­schungs­tref­fer sein, des­we­gen rate ich eigent­lich kaum jemand, außer den erfah­re­nen Fehl­schen­kern, von Buch­ge­schen­ken ab. Eigent­lich kann man die Schin­ken ja auch dann noch irgend­wie ver­wurs­ten als Wei­ter­ge­schenk­tes oder so.

Am Ende des Wels von Tot­te Kühn, der auch bei den Mons­ters of Lie­der­ma­ching — hier mal eine Kost­pro­be — singt, ist so ein Schmöker.

Der Erst­ling ent­hält diver­se Erzäh­lun­gen aus dem Leben eines Musi­kers, rea­lis­tisch oder erspon­nen, da greift alles mal inein­an­der. Die Geschich­ten kom­men aber so ent­spannd und nicht über­am­bi­tio­niert daher, dass das Lesen immer wie­der Freu­de berei­tet. Auch hebt sich das Sprach­ni­veau und der Ein­falls­reich­tum Kühns ange­nehm von denen vie­ler sei­ner aktu­ell deutsch sin­gen­den Kol­le­gen ab.

Die­ser Schmö­ker ein kurz­wei­li­ger, über­ra­schend unter­halt­sa­mer Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Kuttner, Sarah — Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart * Klolektüre (24)

Sarah Kutt­ner fand ich immer nett und woll­te nie ein Buch von ihr Lesen. Da ich dann die­sen Schmö­ker fand, wan­der­te er zumin­dest ganz kurz mal aufs Klo. Und dann blät­tert man da rein, ist ent­täuscht, weil der quiet­schi­ge Inhalt so flach wie die Schreib­kunst ist, blät­tert wei­ter und wei­ter, weil viel­leicht doch noch was Inter­es­san­te­res kom­men könn­te, kommt dann zu län­ge­ren, aber eben nicht tief­schür­fe­ren­den Tex­ten — anfangs wer­den nur kolumm­nen­ar­tig Fra­gen beant­wor­tet — und schwupps ist das Büch­lein am Ende. Dass es sol­che Tex­te ernst­haft in die Süd­deut­sche Zei­tung geschafft haben, ist wohl nur dem Ver­mark­tungs­wert geschul­det. Ein ande­rer Leser ver­reißt die­ses Kau­gum­mi­werk so:

Bei der Beant­wor­tung jeder Fra­ge greift sie das The­ma auf, nimmt ein Wör­ter­buch zur Hand und ent­nimmt die­sem irgend­ei­nen x-beliebigen Begriff. Die­sen lässt sie dann zusam­men mit eini­gen Tri­via­li­tä­ten ihres All­tags in die Ant­wort ein­flie­ßen. Was bis­wei­len als frech, unkon­ven­tio­nell und post­mo­dern geprie­sen wird, ist bei nüch­ter­ner Betrach­tung blan­ker Non­sens. Da die begriff­li­chen Ver­bin­dun­gen (Weihnachtsmann-Mundgeruch, Frank Elstner-Epiliergeräte, etc.) kei­ner Geis­tes­leis­tung, son­dern eher dem Zufall geschul­det sind, fehlt der intel­lek­tu­el­le Mehr­wert in dem Buch fast vollständig.

Das Cover ist noch das Bes­te an die­sem Bänd­chen, daher gibt es für die­sen lah­men Schmö­ker von fünf mög­li­chen Klorollen:

Lichter, Horst — Keine Zeit für Arschlöcher

Nach der Lek­tü­re die­ses Buches wür­de ich sagen: Horst Lich­ter ist ein her­zens­gu­ter Rhein­län­der, der im Fern­se­hen einer der letz­ten sym­pa­thi­schen Fernseh-Moderatoren der leich­ten Unter­hal­tung dar­stellt und der über­flüs­si­ge Bücher schreibt. Die­ser Bio­gra­phie geht lei­der kom­plett das Ana­ly­ti­sche ab, sie ist zwar auf­rich­tig, aber kratzt nur an Ober­flä­chen. Es wird gelit­ten, es wird geweint, es wird gefei­ert, es wird was erreicht. Aber wie man aus Tälern her­aus­kommt, wie man Erfolg ver­kraf­tet, ein­ord­net, wie man zuhört, wie man Arsch­lö­cher erkennt und umgeht, wie es der Titel doch irgend­wie anvi­siert wird — das alles fehlt in die­sem Buch. Alles schwimmt im Unge­fäh­ren. Für Fans eine ein­fühl­sa­me Unter­hal­tung, das war’s aber auch.

Lustiges Taschenbuch Maus-Edition 4 — Alles Gute! * Klolektüre (14)

Micky Maus ist im Novem­ber letz­ten Jah­res 85 Jah­re alt gewor­den. Das ist der Auf­hän­ger die­ser Aus­ga­be.

Als Klo­lek­tü­re funk­tio­niert die­ser Disney-Comic-Schinken wie gewohnt. Aller­dings bin ich ent­we­der den Geschich­ten ent­wach­sen oder Micky-Maus-Geschichten sagen mir nicht son­der­lich zu. Jeden­falls gibt es in die­ser Aus­ga­be gera­de mal eine Geschich­te, die ich wirk­lich eini­ger­ma­ßen inter­es­sant fin­de. Der Rest ist schon unglaub­lich banal gehalten.

Daher ist die­se Aus­ga­be ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Marx, Reinhard — Das Kapital

buchleser

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gi­on und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­setzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktu­el­len Schin­ken der katho­li­schen Hir­ten anzu­se­hen. Vor­ge­nom­men habe ich mir mal Das Kapi­tal von Rein­hard Marx, dem Erz­bi­schof von Mün­chen und Freising.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwät­zig, nicht über­wis­sen­schaft­lich, anek­do­ten­reich, ein­heits­chaf­fend. Es beinhal­tet aber inter­es­san­ter­wei­se in poli­ti­scher oder phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht alles, was man heu­te an der Katho­li­schen Kir­che kri­ti­sie­ren mag.

Rein­hard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich sei­ne Über­zeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach sei­nem Tode wohl inzwi­schen davon über­zeugt sein müs­se, dass Gott exis­tie­re. Rein­hard Marx macht es so sei­nen Lesern von Beginn an schwie­rig, ihn für voll zu neh­men. Es ist ande­rer­seits ein­fach eine Form von Respekt­lo­sig­keit, ande­ren Men­schen irgend­wel­che Behaup­tun­gen unter­zu­ju­beln, nur weil die­se Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen weh­ren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Fried­rich Nietz­sche” so getan, wo er behaup­tet, hät­te Nietz­sche nur etwas unauf­ge­reg­ter nach­ge­dacht, wäre er über­zeug­ter Evan­ge­le gewe­sen. Ich glau­be dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, wor­un­ter er Karl Marx ver­steht, gegen die Katho­li­sche Sozi­al­leh­re aus. Es ist ein Auf­ein­an­der­tref­fen einer Leh­re auf eine Phi­lo­so­phie. Das Pro­blem ist nur, dass die Leh­re ledig­lich geglaubt wer­den muss, nicht über­zeu­gend begrün­det wie eine Phi­lo­so­phie sein muss, um akzep­ta­bel zu sein. Wobei in die­sem Zusam­men­hang zu beach­ten ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx steht, ein­fach nur Skep­ti­zis­mus ist: Das Angrei­fen von Din­gen, die für Wer­te gehal­ten werden.

Die­se Wer­te ent­stam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Det­lef Hors­ter, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Phi­lo­so­phen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­li­che Beleg­me­tho­de von Rein­hard Marx: Das Her­an­zie­hen der Mei­nung eines gro­ßen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung einer eige­nen Mei­nung. Fast schon gön­ner­haft gesteht Rein­hard Marx der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung zu, dass sie Begrün­dun­gen für mora­li­sche Wer­te gelie­fert habe, dass aber die­se Wer­te eben schon vor­her bestan­den haben. Offen­sicht­lich ist es Rein­hard Marx ein Anlie­gen zu zei­gen, dass das Vor­han­den­sein von Wer­ten wich­ti­ger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che wird somit in die­sem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grund­le­gen­der ein katho­li­scher Fun­da­men­ta­lis­mus gegen objek­ti­ve Begrün­dun­gen, wor­un­ter man Phi­lo­so­phie ver­ste­hen kann.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sieht in Marx ihren größ­ten Geg­ner sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie groß­zü­gig. Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re kenn­zeich­net sich durch eine Welt­an­schau­ung, in der Indi­vi­du­en durch Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem sei­en poli­tisch und wirt­schaft­lich alle Frei­hei­ten gege­ben, solan­ge sie in einem mora­li­schen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rech­te ande­rer mög­lich sind. Marx meint offen­sicht­lich, dass dies schlich­te Motiv einer aus­ge­ar­bei­te­ten Phi­lo­so­phie gleich­kommt, die­se gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­te­te Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katho­li­sche Sozi­al­leh­re näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bes­ser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch angeb­lich denkt, dass Reli­gi­on nicht nur Pri­vat­sa­che sei, son­dern dass Kir­che eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Auf­ga­be habe (S. 63) gäbe es den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land in der vor­lie­gen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bin­dung der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in den Staat geht auf einen Pakt mit Hit­ler zurück, nicht auf ein Für­gut­hal­ten eines Staatslenkers.

Aber die­se eigen­wil­li­ge Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kir­che, und das heißt bei ihm eben die katho­li­sche, ist die Insti­tu­ti­on der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kir­che ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­ge­lie­fert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Über­ein­stim­mung mit Imma­nu­el Kant, was sein Men­schen­bild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt ger­ne von Geist­li­chen als Gewährs­mann ver­ein­nahmt ohne auf sei­ne Reli­gi­ons­kri­tik ein­zu­ge­hen) und eben­so in Über­ein­stim­mung mit Karl Marx, was des­sen Bild von der Fami­lie als Geburts­ort von Moral angeht: Für Marx sei die Fami­lie wich­tigs­ter Ort der Wer­te­ver­mitt­lung, daher sei Fami­li­en­po­li­tik wie Bil­dungs­po­li­tik vor­aus­schau­en­de Sozialpolitik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen las­sen oder hin­ter­fra­gen. Bei letz­te­rem ist man sich sel­ber aber Phi­lo­soph, und das für vie­le zwangs­läu­fig. Denn beim Stich­wort Fami­lie muss man ja bei der katho­li­schen Kir­che immer sehen, dass Schwu­le kei­ne Fami­lie sind. Eine Fami­lie ist Mama & Papa, nicht die wil­de WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katho­li­sche Kir­che die sexu­el­len Aus­wüch­se neue­ren Datums mit zu ver­ant­wor­ten. Die Sozi­al­leh­re der katho­li­schen Kir­che lässt völ­lig unbe­ant­wor­tet, war­um man sich nicht ein­fach durch eine ver­trau­te Bezugs­per­son eben so gut mora­lisch ent­wi­ckeln kann, wie durch ver­hei­ra­te­te Eltern. Und ob es gera­de an die­ser Stel­le nicht eben doch viel mehr auf ver­ständ­li­che, begrün­de­te Ver­mitt­lung von mora­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begeg­net in die­sem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katho­li­schen Kir­che so unheim­li­che Pro­ble­me berei­ten. Man fin­det aber als Reak­tio­nen dar­auf nur fun­da­men­ta­lis­ti­sche Durch­hal­te­pa­ro­len vor, die für sich genom­men nicht über­zeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.

Mrozek, Bodo — Lexikon der bedrohten Wörter * Klolektüre (11)

Bodo Mro­zek lis­tet in sei­nem Buch Lexi­kon der bedroh­ten Wörter

so eini­ges an Wör­tern auf, die einem nicht mehr oder nie­mals geläu­fig sind oder war. Oder weiß jemand aus dem Kopf oder wie man heu­te sagt: Ohne zu goog­len, was ein Brat­kar­tof­fel­ver­hält­nis ist? Oder eine Dut­ten­g­re­tel? Oder eine Schne­cken­schleu­der? Eini­ge Wör­ter wie Export­bier, Kon­fe­renz oder Kava­lier sind mir dann doch noch sehr geläu­fig und wit­zig sind eini­ge Ein­trä­ge dann auch nicht. Aber eine Fund­kis­te bleibt die­ses Büch­lein allemal.

Der Schmö­ker ist trotz vie­ler wenig inspi­rie­ren­der Ein­trä­ge wegen ein paar Auf­hor­chen las­sen­der Her­vor­he­bun­gen ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Mühling, Jens — Mein russisches Abenteuer

buchleser

Die­ses Buch ist eine Art Road-Movie zwi­schen Buch­de­ckeln quer durch Russ­land und die Ukrai­ne. Müh­ling ist auf der Suche nach wah­ren Geschich­ten, von denen ihm ein Freund mal sag­te, es gäbe sie nur in Russ­land zu fin­den. So macht er sich eines Tages auf den Weg, Agaf­ja Lyko­wa zu tref­fen, was sich als wag­hal­si­ges, wenn nicht gar lebens­ge­fähr­li­ches Aben­teu­er erweist.

Man lernt in die­sem Buch vie­les über die Geschich­te Russ­lands und eini­ges über den Umgang mit Rus­sen. Agaf­ja Lyko­wa ist wohl die Dame in die­sem Video:

Ein sehr lesens­wer­ter Schmö­ker für alle, die mal einen Blick über den Tel­ler­rand wagen wollen.

Munroe, Randall — What if? * Klolektüre (20)

Dies ist die zwei­te Webcomic-Reihe von Rand­all Mun­roe nach xkcd in Buch­form. Es wer­den diver­se außer­ge­wöhn­li­che Fra­gen so ernst wie mög­lich behan­delt. Jetzt weiß ich also, dass es wahr­schein­li­cher ist, irgend­ei­ne Tele­fon­num­mer anzu­ru­fen, “Gesund­heit” zu sagen und der­je­ni­ge, der den Hörer abge­nom­men hat, hat gera­de tat­säch­lich genießt, als einen 6er im Lot­to zu krie­gen. Und dass 2060 Face­book wahr­schein­lich mehr Pro­fi­le Toter als Leben­di­ger hat. Und dass ich durch Tee­um­rüh­ren das Tee­was­ser nicht zum Kochen brin­gen kann. Wie wundervoll!

Die­ser Schmö­ker ist ein erhel­len­der, nicht ganz anspruchs­lo­ser Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält, da er wohl für jeden etwas Inter­es­san­tes birgt, von fünf mög­li­chen Klorollen:

Naturernte — Samenbasierte Rezepte

buchleser

Wir hat­ten ja schon lan­ge nichts Ekli­ges mehr hier, also so rich­tig Ekli­ges. Dem kom­men wir mal gera­de etwas ent­ge­gen. Fotie Pfo­ten­hau­er, ja genau, deeer Fotie Pfo­ten­hau­er hat ein neu­es Koch­buch raus­ge­ge­ben. Ange­prie­sen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Lei­den­schaft sind und kei­ne Angst haben vor neu­en Zuta­ten, wer­den Sie die­ses Buch lieben! 

Da fühlt man sich ja gera­de­zu her­aus­ge­for­dert, zu die­ser exqui­si­ten Grup­pe von Köchen zu gehö­ren? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfo­ten­hau­ers neu­es Buch emp­foh­len: Kochen mit Sperma.

Nonhoff, Sky — Don’t believe the hype! * Klolektüre (13)

Schmö­ker aus dem Grab­bel­korb bei der Pos­ten­bör­se in Schier­loh. Mit 2€ für ein Män­gel­ex­em­plar zwar nicht unheim­lich güns­tig, die Lek­tü­re lohnt sich allerdings.

Non­hoff gibt in Don’t belie­ve the hype!

einen Pop-Begriff vor, nach dem mitt­ler­wei­le nicht mehr neu kre­iert, son­dern mas­sen­taug­lich gesam­plet wird, über den er diver­se, ger­ne mal als Klas­si­ker bezeich­ne­te Alben über die Klip­pe sprin­gen lässt: Neil Youngs Rust never sleeps, The White Stri­pes’ White Blood Cells, Never Mind the Bol­locks von den Sex Pis­tols, Ser­geant Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beat­les, Blood Sugar Sex Magic von den Red Hot Chil­li Pep­pers, Eric Clap­tons Unplug­ged und und und.

Zumin­dest als Debat­ten­bei­trag funk­tio­niert der Schmö­ker unheim­lich gut. Zudem wird mein Geschmacks­emp­fin­den sehr oft getrof­fen. Ande­rer­seits ist man auch irgend­wie froh, dass die eige­nen Lieb­lin­ge der 80er Pop-Szene nicht unter den Ver­damm­ten zu fin­den sind. Und ab und an ist Pop auch gut, weil er gut klingt, auch wenn er Vor­gän­ger hat­te. Aber sei’s drum:

Der Schmö­ker ist dank vie­ler guter, kur­zer Bei­trä­ge, einer schö­nen Ein­lei­tung, obwohl man schon die bespro­che­nen Alben selbst bes­ser ken­nen soll­te, um die Kri­tik zu ver­ste­hen, ein idea­ler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Pirinçci, Akif — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­bü­re­ner mal wie­der in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijo­ma Man­golds Ver­riss von Akif Pirinçcis Deutsch­land von Sin­nen.

Pirinçci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesens­wer­ten Kat­zen­kri­mi geschrie­ben, der ein Best­sel­ler wur­de. Danach ver­such­te er die­se Roman­tier­form am Köcheln zu hal­ten, was leid­lich gelang. Lesens­wert ist das alles nicht. Nun hat er sei­ne Homo­pho­bie oder sein homo­pho­bes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit sei­ner Isla­mo­pho­bie zwi­schen Buch­de­ckel gepresst. Es ist das argu­men­ta­ti­ves Armuts­zeug­nis eines Haupt­schul­ab­sol­ven­ten, dem wei­te­re Bil­dung nie ein Bedürf­nis war, so dass er zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­form begrenzt sich auf das Dif­fa­mie­ren der als fun­da­men­ta­lis­tisch gekenn­zeich­ne­ten Gegen­po­si­ti­on, was sei­ne eige­ne, eben­so bloß daher­be­haup­te­ten Posi­tio­nen als rech­tens erwei­sen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mudda-Gene­ra­ti­on und für den Rest ein Fall fürs Altpapier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lo­se Frech­heit, die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung als einen Hau­fen von reak­tio­nä­ren, Nazis, ja, ver­hin­der­ten Mör­dern zu ver­un­glimp­fen, sobald sie mit­be­stim­men möch­te, mit wel­cher Sor­te von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­le­ben wünscht und mit wel­cher nicht. (Akif Pirinçci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schrei­ben, wenn man nicht ver­stan­den hat, was ein Rechts­staat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von die­sem auf­ge­wie­gel­ten Geschwätz anhei­zen und ver­gleicht das Mach­werk allen Erns­tes, unnö­ti­ger Wei­se und völ­lig unüber­zeu­gend mit Hit­lers Mein Kampf:

Die­ses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bramar­ba­sie­ren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stands­lo­sen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­um­pha­lis­ti­schen Ges­te der Ent­lar­vung von media­len Lügen­ge­spins­ten, in sei­ner Mischung aus Bru­ta­li­tät und Heu­le­rei erin­nert das Buch – ich schwö­re, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezo­gen in mei­nem Berufs­le­ben – an Adolf Hit­lers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hit­ler hat­te eine Agen­da, setz­te ent­spre­chend um, was er in sei­nem Buch anspinn­te, so höl­zern geschrie­ben es auch ist. Pirinçci schreibt nicht höl­zern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­gen­ar­tig. Man­gold heizt so den Shit­s­torm, den das eigent­lich in Rede ste­hen­de Buch ver­kör­pert, nur wei­ter an.

Ste­fan Wil­le­ke reagiert auf die Empö­run­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Auf­müp­fi­ge kon­tak­tiert. Dar­un­ter Herrn H. aus Ibben­bü­ren, der Man­golds Text wohl als “geis­ti­gen Dünn­pfiff” cha­rak­te­ri­siert hat. In die Fäkal­spra­che hat­te aller­dings auch Man­gold schon ein­ge­stimmt. Der ange­ru­fe­ne Herr H. legt zunächst ein­fach auf, wird aber ein zwei­tes Mal angerufen:

Dies­mal sagt er, bevor er auf­legt: “Mich inter­es­siert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.”

Schö­ne Replik, aller­dings nicht ganz so über­zeu­gend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redak­ti­on schreibt.

Wil­le­ke selbst ver­fängt sich im Shit­s­torm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Jour­na­lis­ten der gro­ßen Zei­tun­gen, unehr­lich? Man muss über uns kei­ne Stu­di­en anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stär­ker zum rot-grünen Milieu ten­die­ren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natür­lich leben wir viel zu oft in den­sel­ben bür­ger­li­chen Stadt­tei­len der­sel­ben Groß­städ­te, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Alt­bau, hohe Decken, Fisch­grät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homo­ge­ni­täts­fal­le der urba­nen Mit­tel­schicht ste­cken, wird nicht der Umkehr­schluss zuläs­sig, Pirinçci leis­te auf­rich­ti­ge Basis­ar­beit. Viel unheil­vol­ler ist es, wenn der Dem­ago­ge Pirinçci von sei­ner Bon­ner Vil­la aus die Geräu­sche der Stra­ße imi­tiert, um damit reich zu werden.

Ach Gott­chen. Wer Pirinçci Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter nicht pas­send ana­ly­sie­ren kann, ohne ihm der­art Din­ge zu unter­stel­len, der argu­men­tiert für Leser nicht grund­le­gend anders als Pirinçci selbst. Und wer bit­te­schön hat nach die­ser selbst­ver­lieb­ten Jour­na­lis­ten­flan­ke gefragt?

Proimas, James — 12 things to do before you crash and burn *Klolektüre (23)

Die­ser Schmö­ker ist eigent­lich ein Jugend­buch, aber wegen sei­nes Wit­zes und der Kür­ze sei­ner Ein­zel­epi­so­den durch­aus auch für Erwach­se­ne Broi­ler inter­es­sant: Hercs Vater ist gestor­ben. Un weil er auf der Beer­di­gung als ein­zi­ger den Mumm hat, zu sagen, das sein Vater ein Arsch­loch war, wird Herc zur Stra­fe zu sei­nem Onkel geschickt, der ihm wie sei­nem Namens­ge­ber für die Zeit sei­nes Auf­ent­halts 12 Tag für Tag abzu­ar­bei­ten­de Auf­ga­ben stellt:

  1. Such dir eine Aufgabe.
  2. Fin­de den bes­ten Pizza­la­den der Stadt.
  3. Räum die Gara­ge auf.
  4. Mis­te die Stäl­le auf der River­bend Farm aus.
  5. Setz dich unter einen Baum und lies ein kom­pet­tes Buch.
  6. Begib dich an einen Ort der Hul­di­gung und des Gebets.
  7. Geh zu sie­ben Bewerbungsgesprächen.
  8. Ver­bring den Tag mit gro­ßen Gedan­ken, Schreib sie auf.
  9. Iss eine Mahl­zeit mit einem Unebkannten.
  10. Mach etwas für mich.
  11. Trag auf der Mit­ter­nachts­ly­rik­le­sung im Blake’s Cof­fee Shop ein Gedicht vor.
  12. Been­de dei­ne Aufgabe.

Die Geschich­ten behal­ten dank guter Über­set­zung von Uwe-Michael Gutzsch­hahn den mit­un­ter schrof­fen Stil des Ori­gi­nals und erhei­tern durch wie­der­hol­te Aus­he­be­lung der Erwar­tun­gen des Lesers. Der auf­hei­tern­de Schmö­ker bekommt von fünf mög­li­chen Klorollen:

Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

buchleser

Die­ses Buch war­tet mit diver­sen Anek­do­ten rund um Wiki­leaks, Wikileaks-Gründer Juli­an Assan­ge und Fol­ge­be­trach­tun­gen der Ver­öf­fent­li­chun­gen von Wiki­leaks auf, ufert nach der Hälf­te des Buches aber in Über­le­gun­gen über den rech­ten Jour­na­lis­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wir­ken. Also ein klas­si­sches SPIEGEL-Produkt. Tie­fe­re Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­se von Wiki­leaks gibt es nicht und auch ansons­ten bleibt der Blick meist außen vor.

Sauer, Joscha — Nichtlustig * Klolektüre (10)

Joscha Sauers Nicht­lus­tig

besticht allein schon durch die Gra­fi­ken. Aller­dings sind die Comics nicht immer son­der­lich wit­zig, aber das ist sicher­lich Geschmacks­sa­che. Man­che Gags kom­men öfters vor, man­che ver­steht man kaum. Unterm Strich bleibt aber das Inter­es­se her­aus­zu­fin­den, wor­um es auf der nächs­ten Sei­te geht, bestehen. Und das ist dann auch der blei­ben­de Ein­druck des Schmökers.

Der Schmö­ker ist mit sei­ner beein­dru­cken­den Optik, trotz der oft­ma­li­gen Nicht­lus­tig­keit ein gut unter­hal­ten­der Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken, er ver­lei­tet zum Kauf des nächs­ten Ban­des, und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Scherpe, Mary — An jedem einzelnen Tag

buchleser

Mary Scher­pe ist eine bekann­te Mode­blog­ge­rin. Und sie hat einen Stal­ker. Der schickt ihr tag­täg­lich irgend­wel­che Din­ge, mischt sich in ihre Pri­vat­le­ben ein, kon­tak­tiert Freun­de, ver­folgt sie. In die­sem Buch schreibt sie nie­der, was pas­siert ist. Wie sie ver­sucht hat, ihn zu brem­sen, ihn zu ver­ste­hen, ihm zu hel­fen. Wie sie schei­ter­te und wie es ihr zusetzte.

Die Stär­ke des Buches ist, dass Scher­pe nicht in femi­nis­ti­sche Kli­schees abwan­dert, ihre eige­ne Rol­le nicht merk­lich schön­schreibt und sprach­lich sehr gut for­mu­liert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles wider­fährt, aber auch irri­tiert, wes­we­gen sie ihn vor Freun­den ernst­haft als Affä­re kaschiert oder ver­sucht, sich sei­nes Pro­blems anzunehmen.

Das Buch ist nicht mora­li­sie­rend, nicht objek­tiv, aber offen und schil­dert, wie Stal­king heut­zu­ta­ge von­stat­ten­geht. Und es ist ein Plä­doy­er dafür, sich zu weh­ren, wenn man ange­gan­gen wird.

Mary Scher­pe, An jedem ein­zel­nen Tag. Mein Leben mit einem Stal­ker, Bas­tei Lüb­be, 14,99€ (gebun­de­ne Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

Schierach, Ferdinand von — Verbrechen * Klolektüre (06)

Zunächst habe ich die ZDF-Fernsehserie zum Buch Ver­bre­chen: Stories

gese­hen. Die ent­nom­me­nen Geschich­ten aus dem Buch wir­ken wie 1:1-Versionen der Ver­fil­mun­gen. Was mich an bei­den stört, ist die mora­li­sche Neu­tra­li­tät, die allen beschrie­be­nen Ver­hal­ten bei­wohnt. Im Buch gibt es noch eine inter­es­san­te Geschich­te um einen Muse­ums­wäch­ter, der lang­sam, aber sicher durch­dreht, die mir ganz gut gefällt, ansons­ten muss nie­mand zum Buch grei­fen, der die Serie geschaut hat.

Der Schmö­ker wegen der Kür­ze der inter­es­san­ten, wenn auch hal­tungs­los beschrie­be­nen Geschich­ten und dem guten Schreib­stil ist pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Schill, Nadine — Hochzeitsplanung für Dummies

Einen ganz guten Über­blick über diver­se The­men einer Hoch­zeit, so wie man sie heut­zu­ta­ge ange­hen soll­te, bie­tet die­ser Schmö­ker der Dummies-Reihe. Wobei die Rat­schlag­ge­be­rei im Detail lei­der schon wie­der etwas schwach ausfällt:

Eine Band kos­tet in etwa das Drei- bis Vier­fa­che eines DJs. (…) Eine gute Band hat ein­fach ihren Preis. Hier muss man schon ein wenig den Namen mit­be­zah­len. Aus ver­schie­de­nen Grün­den ist ein DJ aber ohne­hin fast immer die bes­se­re Wahl: Bands ver­fü­gen oft über kein so gro­ßes Reper­toire. Der DJ kann hin­ge­gen die Charts der letz­ten 30 Jah­re aus sei­nem Kof­fer zau­bern. Zudem benö­tigt eine Band viel Platz und sie pro­du­ziert eine gewis­se Grundlautstärke.

Also da haben wir gera­de eine gegen­tei­li­ge Erfah­rung gemacht: DJs unter 1000€ – sofern man sie nicht schon kennt – sind kaum zu bekom­men, wenn man sicher gehen möch­te, dass der- oder die­je­ni­ge in der Lage ist, Hoch­zei­ten musi­ka­lisch im Griff zu haben. Eine Band liegt da nicht weit von ent­fernt, man muss auch gera­de nicht den Namen mit­be­zah­len, mei­ner Mei­nung nach sind pas­sen­de Bands mit­un­ter preiswert.

Und was den Hoch­zeits­fo­to­gra­fen angeht:

Der Ama­teur (…) ist unschlag­bar güns­tig. Das wer­den Sie sei­nen Bil­dern jedoch auch stets anse­hen. (…) Schlech­te Bil­der jedoch wer­den Sie ein Leben lang begleiten!

Das ist der Pos­ten, den wir gera­de auf Null geschraubt haben, eben weil wir pro­fes­sio­nel­le Foto­gra­fen, die wir bis­lang erlebt haben, so gar nicht gut fan­den. Wir set­zen auf den Ama­teur, der Spaß dar­an hat, sicher nicht nur Fotos machen wird, aber auch, und der sehr wohl pro­fes­sio­nel­le Fotos hinbekommt.

Kurz­um: Die Band­brei­te der The­men lässt nichts fast nichts zu wün­schen übrig, aller­dings hät­ten Tipps, wie man ohne Qua­li­täts­ver­lust Ein­spa­run­gen machen kann, dem Buch – das für sich abso­lut preis­wert ist — gut getan. Das Buch ist im Umfang der auf­ge­stell­ten Fra­gen und mit diver­sen unter­schied­li­chen Mei­nun­gen sehr emp­feh­lens­wert. Die Ant­wor­ten – abge­se­hen vom recht­li­chen Bereich — gibt man sich dann aber bes­ser ein­fach selbst.

Schneider, Helge — Arschfahl klebte der Mond am Fenster * Klolektüre (07)

 Bei einer Bekann­ten ent­deckt: Arsch­fahl kleb­te der Mond am Fens­ter…: Die Kom­mis­sar Schnei­der Roma­ne 1 — 4 in einem Band als Klo­lek­tü­re. Die Kür­ze der ein­zel­nen Kapi­tel spricht schon für die­sen Schmö­ker als Klo­lek­tü­re, er ist aber nur etwas für die­je­ni­gen, die gedank­lich stark auf die ver­schach­tel­te Geschich­te ein­stei­gen. Für Gele­gen­heits­le­ser, und damit als Gäs­te­klo­lek­tü­re, eig­net sich das gute Stück eher weni­ger. Man braucht schlicht etwas Zeit, um über­haupt ein­stei­gen zu kön­nen, und die Geschich­ten selbst sind auch nicht jeder­manns Geschmack.
Der Schmö­ker ist mit sei­nen mit­un­ter wit­zi­gen, aber umständ­li­chen beschrie­be­nen Geschich­ten ein mäßi­ger Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Schröder, Atze — Und dann kam Ute * Klolektüre (03)

Atze Schrö­ders ers­ter Roman

. Abge­packt in kur­ze Epi­so­den erin­nert der Schmö­ker etwas an Und dann kam Pol­ly und hat gefühlt den­sel­ben Plot: Cha­ris­ma­ti­sche Sie bringt hel­den­haf­ten und ver­mö­gen­den Ihn unter ihre Fit­ti­che. Span­nungs­är­mer wär’s wohl nicht gegan­gen. Manch­mal taucht unser Ems­det­tener Komi­ker aus die­ser selbst­ver­lieb­ten Laber­ge­schich­te auf und bringt Schmun­zel­ba­res wie

Als ich beim Pin­keln in den Spie­gel schau­te, sah ich so fer­tig aus wie Hel­mut Schmidt nach einer Elektrozigarette.

aber, das ist rar gesät, der Witz ver­bleibt im Meta­pho­ri­schen und wird ger­ne mal wie­der­holt für alle, die es beim ers­ten Mal noch nicht ver­stan­den haben. Oder sol­len so Run­ning Gags ange­lei­ert werden?

Der Schmö­ker ist wegen guter Les­bar­keit, flot­tem Tem­po und den paar Witz­chen ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Simsek Semiya, Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

buchleser

So lang­sam kom­me ich mal mei­ner Able­se­lis­te hin­ter­her: Die­ses Buch beinhal­tet Semiya Şimşeks Beschrei­bung des Lebens und der Ermor­dung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Fol­gen für ihre Fami­lie und erbärm­li­che Rol­le, die der deut­sche Staat bei der Auf­ar­bei­tung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schrei­ben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jah­re zurück, und der Pro­zess gegen das letz­te Mit­glied der für die dazu­ge­hö­ren­de Mord­se­rie ver­ant­wort­li­che Grup­pe, geht dem Ende ent­ge­gen. Und den­noch ist es erschre­ckend, wie vie­le wich­ti­ge Fra­gen hier­zu offen sind und viel­leicht bleiben.

Die­ses Buch ver­schafft einen Ein­blick in die Situa­ti­on, wie sie sich für betei­lig­te Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, dar­stellt. Es ver­liert sich nicht in kit­schi­gen oder anders sach­frem­den Beschrei­bun­gen, son­dern fokus­siert sich auf die Tat und ihre Nach­wir­kun­gen. Abge­schlos­sen wird es von einer juris­ti­schen Ein­schät­zung der Ange­le­gen­heit durch die Anwäl­te von Semiya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen poli­ti­schen Skan­dal es hier eigent­lich geht. Das es bei der gan­zen Sache noch kei­nen ein­zi­gen Rück­tritt eines zustän­di­gen Beam­ten gege­ben hat, ist nicht min­der ver­wun­der­lich, eher aussagekräftig.

Ein Plä­doy­er für Gerech­tig­keit und dafür, in der Kata­stro­phe Stär­ke zei­gen zu können.

Süddeutsche Zeitung — Der große Jahresrückblick 2013 * Klolektüre (12)

Zum Jah­res­über­gang habe ich mal die­sen Schmö­ker ange­schafft, auf dass einem nicht lang­wei­lig wird zwi­schen den Jah­ren. Wur­de es aber eh nicht. Wenn ich es rich­tig sehe, ist die­ser Jah­res­rück­blick der zwei­te sei­ner Art sei­tens der Süd­deut­schen Zei­tung. Er beinhal­tet, so weit ich sehe, alle nen­nens­wer­ten Ereig­nis­se des ange­lau­fe­nen Jah­res bis Anfang Dezem­ber 2013. Eine aktu­el­le Aus­ga­be fin­det sich als “Digi­tal Zugang”, der eine App-Version online für Nut­zer von Apple- oder Android-Geräten ist. Ich als Firefox-Nutzer schaue also in die Röhre.

The­ma­tisch sind die Arti­kel von Johan­nes Boie über den NSA-Skandal und von Hans Ley­en­de­cker über Uli Hoe­neß inter­es­sant, der Rest, so weit ich ihn gele­sen oder über­flo­gen habe, ver­liert sich in Beschrei­bun­gen — so auch Josch­ka Fischer über den Unter­gang der FDP. Die Beschrei­bun­gen der meis­ten Arti­kel kom­men einem schon sehr geläu­fig vor. Es feh­len ein wenig gute Ana­ly­sen und fri­scher Wind für Leu­te, denen eine Zei­tung nicht Medi­um Nr. 1 ist und die sich online auskennen.

Rest­los ent­täuscht die optisch und inhalt­lich zusam­men­ge­wür­felt wir­ken­de Rubrik Die bes­ten CDs, Bücher, Fil­me und Apps des Jah­res auf ledig­lich zwei gra­fisch breit aus­ge­leg­ten Sei­ten. Befo­re mid­ni­ght ist ein Film des Jah­res? EyeEm eine App des Jah­res? Das Unge­heu­er von Teré­zia Mora und F von Kehl­mann sind Bücher des Jahres?

Der Schmö­ker ist trotz dank eini­ger guter Bei­trä­ge neben viel Über­flieg­ba­rem ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich von fünf mög­li­chen Klorollen:

Sünder, Thomas: Wer Ja sagt, darf auch Tante Käthe ausladen

Wer zu hei­ra­ten beab­sich­tigt, darf auch mal ein Buch zur Hand neh­men, wie eine Hoch­zeits­fei­er denn ablau­fen soll. Und da griff ich zu die­sem Schmö­ker von Tho­mas Sün­der, einem Ham­bur­ger DJ

Der Autor beschreibt ganz tref­fend, dass man sich klar­ma­chen soll­te, dass es sich bei die­ser Fei­er wohl um die teu­ers­te Ver­an­stal­tung han­deln wird, die man pri­vat in sei­nem Leben aus­rich­ten wird. Und zur Unter­maue­rung, dass man es sich allein aus die­sem Grun­de bei den diver­sen Ein­zel­ent­schei­dun­gen nicht zu leicht machen soll, fügt er diver­se unter­hal­ten­de Bei­spie­le an.

Die­se Bei­spie­le wir­ken zwar auf den ers­ten Blick etwas weit weg, weil nicht jeder Vor­fall so bei einem selbst ein­tre­ten wird, aber dafür tre­ten ande­re ein, die die Hei­rats­wil­li­gen vor ver­gleich­ba­re Pro­ble­me stellen.

Als DJ ist er bei der Fra­ge nach der Musik auf einer Hoch­zeit natür­lich ganz in sei­nem Metier: Man soll­te gera­de auf die Musik­dar­bie­tung ach­ten, da sie einen ganz gro­ßen Teil der Hoch­zeit aus­macht. Sün­der spricht in der Fol­ge von über­teu­er­ten und zu bil­li­gen DJs, von typi­schen Anmach­sprü­chen an DJs und von untaug­li­chen Bewer­bungs­sprü­chen der Musikanten.

Uns hat die Lek­tü­re nach Durch­schau­en des Inter­net und Infor­ma­tio­nen über das Kön­nen loka­ler DJs dazu bewo­gen, eine Band zu enga­gie­ren. So unge­fähr funk­tio­niert der Schmö­ker und inso­fern ist er nützlich.

Vegas, Rob — Ich, Harald Schmidt

buchleser

Schlicht ver­ho­ben hat sich Rob Vegas mit die­ser Pseudo-Biographie des ehe­ma­li­gen Late-Night-Talkers Harald Schmidt. Dem inspi­ra­ti­ons­lo­sen Anek­do­ten­mix aus Inter­views und eige­nen Ide­en fehlt genau der Esprit, die Gif­tig­keit, die Mis­an­thro­pie, die Harald Schmidt einst aus­mach­ten. Es hät­te mehr Mut gebraucht, dem Alt­meis­ter nahe zu kom­men. Statt­des­sen plau­dert sich Vegas in bana­ler, dem Sub­jekt des Buches gar nicht ent­spre­chen­der Spra­che durchs Buch und lässt Schmidts Achil­les­ver­se, sei­ne intel­lek­tu­el­le Eitel­keit, kom­plett aus. Es ist eine Come­dy, die ange­lacht wer­den muss, und in Buch­form gänz­lich versagt.

Veiel, Andres — Black Box BRD

Die­ses Buch ist auch schon wie­der alt, aber nicht mal ange­staubt, wie mir scheint. In bezug auf die Ermor­dung Alfred Herr­hau­sens ist man in den letz­ten Jah­ren kein Stück wei­ter gekom­men. In die­sem Buch wird erzäh­le­risch das Leben Herr­hau­sens und das von Wolf­gang Grams, die bei­de im Stru­del R.A.F.-Terrors ihr Leben ver­lo­ren. Das Buch ver­gli­chen mit dem Film ist span­nen­der, dich­ter, der Film dage­gen mit den Stim­men der Betei­lig­ten und Betrof­fe­nen anschaulicher.

von der Lippe, Jürgen — Beim Dehnen singe ich Balladen * Klolektüre (22)

Jür­gen von der Lip­pes Schmö­ker haben nicht sel­ten die Eigen­schaft, dass sie in der eige­nen Wie­der­ga­be nicht so lus­tig sind, als wenn der Autor selbst sein Werk wie­der­gibt. Dahin­ge­hend scheint auch der etwas brä­si­ge Titel die­ses Schin­kens zu ver­wei­sen. Aller­dings soll­te man sich in die­sem Fall nicht täu­schen las­sen: Der Enter­tai­ner unter­hält den geneig­ten Leser durch­aus gut mit absur­der Situa­ti­ons­ko­mik — wenn auch die Geschichts­en­den, von denen er anfangs schreibt, dass sie gut sein müs­sen, reih­nen­wei­se enttäuschen.

Auch wenn die Geschich­ten in vor­ge­tra­ge­ner Form erst ihren eigent­li­chen Reiz ent­fal­ten — das Hör­buch mit Caro­lin Kebe­kus und Jochen Malms­hei­mer sei an die­ser Stel­le wärms­tens empfohlen-, gibt es für die­sen gelun­ge­nen, kurz­wei­igen Schmö­ker von fünf mög­li­chen Klorollen:

Weihnachtsbuchgeschenktipps

Wer kurz vor Weih­nach­ten noch ein Geschenk braucht, nicht irgend­was schen­ken will und Büchern nicht abge­neigt ist, dem sei fol­gen­des empfohlen:

Lite­ra­tur / Thriller
Mei­ne Tan­te beschwert sich mal, dass sie seit­dem sie 80 ist nur noch Bücher übers Älter­wer­den und den Tod bekä­me. Des­we­gen bekommt sie nun Fumi­no­ri Naka­mu­ra — Der Dieb. Eine span­nen­de Geschich­te aus dem All­tags­le­ben eines Taschen­die­bes in Tokio, den sei­ne Ver­gan­gen­heit einholt.

Lite­ra­tur / Liebesgeschichte
Tho­mas Mey­er — Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se. War in der Schweiz ein Best­sel­ler und beschreibt wit­zig das jüdi­sche All­tags­le­ben in der Schweiz.

Lite­ra­tur / Familiengeschichte
Ali­na Bron­sky — Baba Dun­jas letz­te Lie­be. Baba Dun­ja schreibt Brie­fe an ihre Toch­ter Iri­na, die Chir­ur­gin bei der deut­schen Bun­des­wehr ist, über das Leben in ihrem rus­si­schen Dorf: Was­ser gibt es aus dem Brun­nen, Elek­tri­zi­tät an guten Tagen und Gemü­se aus dem eige­nen Gar­ten. Doch dann kommt ein Frem­der ins Dorf und bedroht die Dorfgemeinschaft.

Kin­der­buch ab 4 Jahren
Ali­ce Mel­vin — Emma kauft ein. Sehr schön bebil­der­te Kurzgeschichte.

Kin­der­buch
Oren Lavie — Der Bär, der nicht da war. “Da ist er, der Bär, der gera­de noch nicht da war, und zieht aus sei­ner Tasche einen Zet­tel, auf dem steht: »Bist du ich?« Gute Fra­ge, denkt er sich, fin­den wir es her­aus! Sofort macht er sich auf und wan­dert in den wun­der­sa­men Wald.” Ein­falls­rei­che Geschich­te mit wun­der­vol­ler Bebil­de­rung — auch für Erwachsene.

Eng­li­scher Schmöker
Ein mys­te­riö­ser Mann gibt Zwil­lin­gen einen Con­trol­ler, der aber nicht für ihre bis­he­ri­gen Video­spie­le geeig­net ist. Als sie ver­ste­hen, was man über ihn beein­flusst, wäh­nen sie sich im Land ihrer Träu­me. David Bad­diel — The Per­son Con­trol­ler.

Nie­der­län­di­sche Biographie
Isa Hoes — Toen ik je zag. Die Lebens­ge­fähr­tin von Anto­nie Kamer­ling ali­as Hero beschreibt ihr Leben im Medi­en­zir­kus der 90er Jah­re und die Krank­heit von Kamer­ling, die in einer Tra­gö­die endete.

Klo­lek­tü­re
Es ist wahrschein­licher, irgen­deine Tele­fon­num­mer anzu­rufen, “Gesund­heit” zu sagen und der­jenige, der den Hörer abgenom­men hat, hat ger­ade tat­säch­lich genießt, als einen 6er im Lot­to zu krie­gen. Die­se und mehr merk­wür­di­ge Weis­hei­ten fin­den sich in: Rand­all Mun­roe — What if?

Für Reise­in­ter­es­sier­te / klei­ner Preis
Einen unge­mein unter­halt­samen Kennnlern­schmöker hat Mile­na Moser da geschrie­ben. Die gebür­tige Zür­che­rin beschreibt ihre Geburts­stadt Zürich anek­doten­re­ich und ohne Aus­las­sung der Macken ihrer Ein­wohner oder den Nach­tei­len der Stadt. Abgerun­det wird Gebrauchs­an­wei­sung für Zürich mit Krim­i­le­setipps und Heimatliebe­bekun­dun­gen einge­sessener Zür­cher. Unter­halt­sam, selbst wen man nicht in nächs­ter Zeit nach Zürich rei­sen möchte.

Für Reise­in­ter­es­sier­te / geho­be­ner Preis
Jud­tih Schalan­sky — Atlas der abge­le­ge­nen Inseln: Fünf­zig Inseln, auf denen ich nie war und nie­mals sein wer­de. Groß­ar­ti­ger Schmö­ker mit beein­dru­cken­den Gra­fi­ken der Auto­rin, in dem genau das ist, was der Titel verspricht.

Geschich­te
Mar­tin Kit­chen — Speer: Hilter’s Archi­tekt. Es ist so beein­dru­ckend wie merk­wür­dig, dass es nach der Bio­gra­phie von Joa­chim C. Fest, des­sen Ansich­ten getrübt sind, noch kei­ne bes­se­re Bio­gra­phie zu Albert Speer gege­ben hat. Bis zu dieser.

Kochen
Roland Trettl — Ser­viert – Die Wahr­heit über die bes­ten Köche der Welt. Kurz­wei­li­ge Abrech­nung des Star­kochs mit den bes­ten Köchen sei­ner Zunft, das am bes­ten ist, wenn er ein paar der bes­ten Rezep­te die­ser Meis­ter verrät.

Hör­buch
Pas­tew­ka & Kom­pli­zen — Paul Temp­le und der Fall Gre­go­ry. Bas­ti­an Pas­tew­ka kla­mü­sert sich einen fast ver­lo­ren gegan­ge­nen Fall von Fran­cis Durbridge zusam­men und ver­setzt ihn mit etwas Humor. Sehr lustig.

[ Die Links zu den Büchern sind Werbelinks. ]

Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me kennen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und berlinert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leute?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Frühstück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Weiterlesen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich ausdrückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Verkleidungsgeschäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Begleitung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blinddarm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekommen.

Wischmeyer, Dietmar und Oliver Welke — Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk * Klolektüre (04)

… Deut­sche Hel­den privat

, geschrie­ben teils von Oli­ver Wel­ke, teils von Diet­mar Wischmey­er, und daher teils lang­wei­lend unin­spi­riert und teils unter­halt­sam bis höchstamüsant. 

Wischmey­er hat die­se Por­traitform in der ARD mal vor­ge­führt, unge­fähr so funk­tio­nie­ren die guten Por­traits, wenn sich auch die Stil­mit­tel ab und an wie­der­ho­len und somit dem Leser bekannt vorkommen. 

Ande­rer­seits ver­steht es Wischmey­er, Pro­mi­nen­te an ihrer Achil­les­ver­se, der Eitel­keit, zu tref­fen und sein Publi­kum mit einem ein­zi­gen Satz in schal­len­des Geläch­ter zu ver­set­zen. Wie hier bei Ger­hard Schröder:

Wenn Schrö­der mor­gens das Bad ver­lässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spie­gel noch minu­ten­lang ver­harrt, ehe es erlischt.

Den meis­ten Spaß mit dem Schmö­ker hat man, wenn man sich ein­ge­le­sen hat und die Bei­trä­ge von Wel­ke erken­nen und über­sprin­gen kann. So ist das Buch wegen halb­wegs wit­zi­gem Inhalt ein pas­sa­bler Beglei­ter auf unse­rem Don­ner­bal­ken und erhält folg­lich bei einer Wer­tung des einen Autors mit zwei und des ande­ren Autors mit vier von fünf mög­li­chen Klorollen:

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