Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deutschen Zeitung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­tion beschäftigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Tochter ihr eine Frage gestellt hat, bei der Antwort aber gar nicht lange zuge­hört hat, weil — auf Nach­frage — die Antwort ihr nicht hil­fre­ich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht moralisch geboten sei, als Fra­gen­der unab­hängig vom eige­nen Gedanken, ob die Antwort hil­fre­ich ist, der Antwort zuzuhören.

Erlinger meint, dass es bei diesem Fall u.a. um die Frage gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhören muss, find­et. Offen­bar ist das eine philosophisch zu klärende Frage für Her­rn Erlinger. Da hätte ich gerne mal gewusst, wieso das denn der Fall ist.

Erlinger behan­delt den Fall des Auskun­ft­suchen­den:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung dieser Infor­ma­tion. Aber der­jenige bleibt eigen­ständig sowohl in der Entschei­dung, ob er oder sie antwortet, als auch darin, was und wie umfan­gre­ich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er antwortet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an ein­er bes­timmten Infor­ma­tion inter­essiert ist, nicht aber an dem, was der andere zu diesem The­ma sagen will. Man reduziert ihn tat­säch­lich auf ein Auskun­ftsmit­tel.

Erlinger sieht nur an ein­er Stelle eine Berech­ti­gung, den Auskun­ft­geben­den zu unter­brechen:

wenn die Antwort nicht mehr für den Fra­gen­den erfol­gt, son­dern umgekehrt der Antwor­tende den Fragesteller als bloßes Mit­tel für seine Selb­st­darstel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlinger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus ein­er For­mulierung von Kant einen kat­e­gorischen Imper­a­tiv für alle Men­schen zu zaubern. Dem ist nicht so. Zunächst ein­mal han­delt es sich im vor­liegen­den Fall um eine pri­vate Kom­mu­nika­tion, bei der nicht zwin­gend kat­e­gorische Imper­a­tive eine Rolle spie­len.

Wenn ich jeman­den um Rat frage, dann impliziert das nach Kant möglicher­weise einen kat­e­gorischen Imper­a­tiv. Nahe­liegend wäre, dass er bein­hal­tet, dass jemand bei ein­er Frage best­möglich antwortet, so wie man selb­st es wün­scht, dass ein jed­er bei ein­er solchen Frage best­möglich antwortet. Ein Bruch dieses Abkom­mens wäre es, bei ein­er Gegen­frage für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, ger­ade wenn ich über eine hil­fre­iche Antwort ver­füge. Im Beispiel, dass Erlinger bear­beit­et, ist aber genau das der Fall: Die Tochter antwortet der Mut­ter auf deren Gegen­frage. Die Tochter betra­chtet die Mut­ter dem­nach ger­ade nicht lediglich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschilderten Imper­a­tiv gefordert wird.

Erlinger müsste erk­lären, weswe­gen ein solch­er kat­e­gorisch­er Imper­a­tiv über­haupt bein­hal­ten sollte, dass man geduldig ein­er Antwort lauscht, wenn schon abzuse­hen ist, dass die Antwort dem Fra­gen­den nicht weit­er­hil­ft, so wie es schein­bar im Beispiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhöre oder nicht. Selb­st Gesten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahele­gen, dass ich zuhöre. Hat mein Gegenüber ein Recht darauf, dass ich zuhöre und das Gehörte ver­ar­beite und hat er ein Recht darauf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine solche Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­meiner­bar, denn sie würde Men­schen nöti­gen, andere (nach Erlinger zumin­d­est bei nicht selb­st ver­her­rlichen­den Antworten) generell ausre­den zu lassen, rel­a­tiv unab­hängig von der Hil­fe, die die Antwort darstellt, und von der Länge der Antwort, so the­ma­tisch passend sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schiedlich­sten Momente, in denen man andere in ihrer Rede unter­bricht, und diese sind unter­schiedlich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führte Gedanke bekan­nt ist, und es für den Angere­de­ten uner­he­blich ist, den bloßen Gedanken gän­zlich auszuführen. Mitunter ist das The­menge­bi­et auch so klar, dass Anek­doten das eigentliche The­ma nicht bere­ich­ern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den anderen zu erziehen oder ihm durch Zuhören Wohl zu tun, muss ich seine Antwort nicht abwarten. Es ist mir allerd­ings unbenom­men, mir selb­st eben einen solchen kat­e­gorischen Imper­a­tiv aufzuer­legen.

Immanuel Kant bein­hal­tet diesen ganzen Bere­ich in einem Textstück, das Erlinger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugendpflicht­en gegen Andere in Die Meta­physik der Sit­ten. Eine nahezu unbe­d­ingte Zuhörpflicht find­et sich dort nicht.

Und zur Antwort über die Aus­nahme zu Erlingers Zuhörpflicht sei gesagt: Dass ein Antwor­tender den Fragesteller als bloßes Mit­tel für seine Selb­st­darstel­lung gebraucht, muss nicht bedeuten, dass die Antwort für den Zuhören­den keine inhaltliche Bere­icherung darstellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­n­ung, man solle bei jed­er Gele­gen­heit Zuhören­den seine Gedanken ausle­gen, um sie so verbessern zu kön­nen. Es ist unklar, wieso das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­lichen kat­e­gorischen Imper­a­tivs sein soll.

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Die Krim und das Völkerrecht

Da ich mich in mein­er Uni-Abschlus­sar­beit mit dem Völk­er­recht nach Kant beschäftigt habe, kann ich ja mal kurz die Lage auf der Krim in dieser Hin­sicht erläutern. In philosophis­ch­er Hin­sicht müsste grund­sät­zlich noch erk­lärt wer­den, welchen Stel­len­wert Begrün­dun­gen an sich haben, was eine Begrün­dung ist, wo und wie Begrün­dun­gen ver­ankert wer­den usw. So weit gehe ich nicht zurück.

Das Völk­er­recht [hierzu: Wikipedia] ist in philosophis­ch­er Hin­sicht — Kant ist meines Eracht­ens der einzige Philosoph, der das Völk­er­recht begrün­det dar­legt — zunächst ein­mal ein aus dem Staat­srecht notwendig wer­den­des, aber unver­ankertes Recht. Unver­ankert, weil es keine Recht­sprechungsin­stanz für das Völk­er­recht gibt. Hier­von geht Kant in Die Meta­physik der Sit­ten aus. Das Völk­er­recht ist zunächst schlicht das nach außen gewen­dete Staat­srecht, ein Staat hat die Pflicht, die rechtliche Ord­nung nach innen zu schützen und entsprechend nach außen. Laut Kant erwächst hier­aus das Recht zu kriegerischen Hand­lun­gen, falls der eigene Staat ange­grif­f­en, die eigene Recht­sor­d­nung somit bedro­ht ist. Er muss laut Kant die notwendi­gen Mit­tel ergreifen dür­fen, d.i. Bürg­er als Sol­dat­en ein­set­zen, die er zur Erfül­lung sein­er Pflicht braucht.

Ein Staat kann sich nach Kant durch einige Ereignisse bedro­ht fühlen: Mil­itärische Aufrüs­tung, Kriegserk­lärun­gen oder Belei­di­gun­gen. Let­zteres ist sicher­lich ein sehr diskutabler Punkt, allerd­ings wird er als Kriegs­grund meines Wis­sens sel­tenst ange­führt.

Soweit die The­o­rie. Im aktuellen Kon­flikt um die Krim kann man fes­thal­ten: Rus­s­land ist nicht belei­digt wor­den, die Ukraine hat nicht mil­itärisch aufgerüstet, sie hat nie­man­dem den Krieg erk­lärt und ist auch son­st außen­poli­tisch nicht andere Staat­en ange­gan­gen. Rus­s­lands Vorge­hen ist ein ein­deutiger Ver­stoß gegen das Völk­er­recht, indem man mit Sol­dat­en in ein anderes Land einge­drun­gen ist. So ein Ver­hal­ten kann man als Kriegserk­lärung werten.

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Wie man aus Kant einen Antisemiten macht

zeigt der Reli­gion­sstu­dent Markus Voss-Göschel und bekommt dafür den Franz-Delitzsch-Förder­preis für christlich-jüdis­che Ver­ständi­gung. Dabei ist die Grund­lage sein­er Behaup­tun­gen mehr als dürftig.

Zum einen ver­weist er auf das Zitat “Jet­zo sind sie die Vampyre der Gesellschaft”, das allerd­ings nicht in Kants Schriften auf­taucht, soweit ich weiß, son­dern bei J.F.A. Abbeg, der es Kant zuschreibt. Streng genom­men ist es nur Hören­sagen und entzieht sich so ein­er ern­sthaften wis­senschaftlichen Erörterung. Für Voss-Göschel ist dies in öffentlichen Äußerun­gen der erste Beleg für Kants Anti­semitismus: Getratsche.

Der zweite Beleg ist ein Lese­fehler Voss-Göschels

Kant beze­ich­net die Juden als ‘Vampyre der Gesellschaft’ und fordert ‘die Euthanasie des Juden­tums’!”, nen­nt Markus Voss-Göschel zwei Beispiele für die zum Teil extremen anti­semi­tis­chen Äußerun­gen in Kants Schriften.

Kant fordert nichts der­gle­ichen. Allerd­ing meint er, ein Über­gang zur “reinen moralis­chen Reli­gion” aus dem Jugend­tum her­aus, sei die Euthanasie, d.i. der san­fte Tod, des Jugend­tums:

Die Euthanasie des Juden­thums ist die reine moralis­che Reli­gion mit Ver­las­sung aller alten Satzungslehren, deren einige doch im Chris­ten­thum (als mes­sian­is­chen Glauben) noch zurück behal­ten bleiben müssen: welch­er Secte­nun­ter­schied endlich doch auch ver­schwinden muß und so das, was man als den Beschluß des großen Dra­ma des Reli­gion­swech­sels auf Erden nen­nt, (die Wieder­bringung aller Dinge) wenig­stens im Geiste her­beiführt, da nur ein Hirt und eine Heerde Statt find­et.

Voss-Göschel bringt Anti­simitismus in diesen Kon­text, nicht Kant. Es wird halt das gefun­den, was man find­en will. Wenn diese Erörterun­gen stel­lvertre­tend sind für die Wis­senschaftlichkeit der Erörterung, dann bleibt da nicht viel. Aber hören wir dem Nach­wuchs weit­er zu:

Über Kant gibt es so viele Abhand­lun­gen, doch bish­er gab es keine klaren Antworten darauf, wie genau er Reli­gion definiert

sagt Voss-Göschel.

Das bezwei­fle ich, und vielle­icht hätte er da lieber Kant selb­st gele­sen als Abhand­lun­gen, denn bei Kant find­et sich z.B. diese Def­i­n­i­tion:

Reli­gion ist (sub­jec­tiv betra­chtet) das Erken­nt­niß aller unser­er Pflicht­en als göt­tlich­er Gebote *)[Fußnote aus­ge­lassen]. Diejenige, in welch­er ich vorher wis­sen muß, daß etwas ein göt­tlich­es Gebot sei, um es als meine Pflicht anzuerken­nen, ist die geof­fen­barte (oder ein­er Offen­barung benöthigte) Reli­gion: dage­gen diejenige, in der ich zuvor wis­sen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein göt­tlich­es Gebot anerken­nen kann, ist die natür­liche Reli­gion.

Und weil Voss-Göschel wohl Kants Reli­gions­be­griff nicht geläu­fig ist, ver­steigt er sich laut israelogie.de zu dieser Äußerung

Für Kant ist das Juden­tum ein absur­des und sinnlos­es Geset­zeswerk ohne moralis­chen Bezug und daher eigentlich keine Reli­gion

und fol­gen­der gän­zlich aus den Fin­gern gezo­ge­nen Behaup­tung

Er [Kant] habe sich nicht die Mühe gemacht, seine jüdis­chen Fre­unde zu fra­gen, worum es im Juden­tum geht, son­dern auf ekla­tan­ten Falschin­for­ma­tio­nen aufge­baut.

Eine Behaup­tung ohne Beleg, ein­fach mal so rausspekuliert. Die Aus­sage, Kant hat heim­lich bis ins hohe Alter am Dau­men genuck­elt, besitzt in etwa densel­ben Wahrheitswert. Ern­sthafte Wis­senschaft ist etwas ganz anderes.

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Das Elternrecht

kannitverstan Markus Pieper, EU-Par­la­men­tari­er aus dem Mün­ster­land, hat sich als ein­er der weni­gen mal getraut, auf den Punkt zu brin­gen, wie die kon­ser­v­a­tive Posi­tion der CDU zum Eltern­recht aussieht:

Kinder haben gottgegebenes Recht auf Vater und Mut­ter. Nie­mand ein Recht auf Kinder.

Gut, wenn man Gott in Spiel bringt, hat man keine son­der­lich große Diskus­sions­ba­sis. Ver­suchen wir es mal mit einem etwas zugänglicheren Mann: Immanuel Kant.

Bei Kant ist eine Sorgepflicht der Eltern für ihre Kinder dadurch gegeben, dass sie es gewe­sen sind, die ihre Kinder ohne deren Ein­willi­gung in die Welt geset­zt haben. Damit haben Eltern ein ethis­ches, wie juridis­ches Recht zur Erziehung ihrer Kinder, wie die ethis­che Pflicht (aber nicht eine juridis­che) hierzu. Kinder sind bei Kant keine Rechtsper­so­n­en, daher kommt bei ihm nicht vor, dass diese bes­timmte Rechte hät­ten. Wie sollte ein Kind auch das ange­bliche Recht auf einen Vater in Anspruch nehmen, wenn dieser gestor­ben oder unaufind­bar ist?

Sicher­lich hat Kant bei Eltern an Vater und Mut­ter gedacht. Aber die Begrün­dung der Rechte und Pflicht­en von Eltern liegt nicht in ihren biol­o­gis­chen Attribut­en:

da das Erzeugte eine Per­son ist, und es unmöglich ist, sich von der Erzeu­gung eines mit Frei­heit begabten Wesens durch eine physis­che Oper­a­tion einen Begriff zu machen*): so ist es eine in prak­tis­ch­er Hin­sicht ganz richtige und auch noth­wendi­ge Idee, den Act der Zeu­gung als einen solchen anzuse­hen, wodurch wir eine Per­son ohne ihre Ein­willi­gung auf die Welt geset­zt und eigen­mächtig in sie herüber gebracht haben; für welche That auf den Eltern nun auch eine Verbindlichkeit haftet, sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zus­tande zufrieden zu machen.

Wäre es dem­nach denkbar, dass der Beschluss, ein Kind in die Welt zu set­zen, von zwei gle­ichgeschlechtlichen Men­schen aus geht, so wie er von leib­lichem Vater und leib­lich­er Mut­ter aus­ge­ht?

Ja. Das ist der­selbe Fall wie bei der kün­stlichen Befruch­tung. Auf die Idee, den geset­zlichen Eltern eines so gezeugten Kindes, ehe­liche Rechte zu entziehen, ist auch noch nie­mand gekom­men.

Bei Kant ist das Eltern­recht ethisch begrün­det, nicht juridisch, nicht biol­o­gisch und nicht religiös. Juridis­che, biol­o­gis­che und religiöse Umstände mag es geben, sie rüt­teln aber nicht an der ehtis­chen Begrün­dung des Eltern­rechts, weil man es hier mit ver­ant­wortlichen Erwach­se­nen zu tun hat.

Kant wen­det sich impliz­it gegen Piepers Rede vom Gott gegebe­nen Eltern­recht, weil Kinder Wesen sind, denen es möglich sein wird, freie Entschei­dun­gen zu tre­f­fen, wobei es für den Men­schen unmöglich zu denken ist, dass die Möglichkeit zu freien Entschei­dung auf eine physis­che Ursache zurück­führbar wäre,

*) Selb­st nicht, wie es möglich ist, daß Gott freie Wesen erschaffe; denn da wären, wie es scheint, alle kün­ftige Hand­lun­gen der­sel­ben, durch jenen ersten Act vorherbes­timmt, in der Kette der Naturnoth­wendigkeit enthal­ten, mithin nicht frei. Da sie aber (wir Men­schen) doch frei sind, beweiset der kat­e­gorische Imper­a­tiv in moralisch prak­tis­ch­er Absicht, wie durch einen Macht­spruch der Ver­nun­ft, ohne daß diese doch die Möglichkeit dieses Ver­hält­niss­es ein­er Ursache zur Wirkung in the­o­retis­ch­er begrei­flich machen kann, weil bei­de übersinnlich sind.

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Mein Freund Kant

Bei Anne Will habe ich wohl eine intellek­tuelle Diskus­sion zu Friedrich, dem Großen, ver­passt. Richard von Weizsäck­er hat offen­bar die Idee, den alten Fritz als Vor­bild gel­ten zu lassen, unter Ver­weis auf seinen “Fre­und Kant” vom Tisch gewis­cht:

Von Kant her gese­hen ist die höch­ste Tugend die Über­win­dung der Tugen­den zugun­sten des Selb­stzwecks der Pflicht.

und eben nicht die Imi­ta­tion eines anderen. Das klingt zwar irgend­wie nach Preussis­chem Pflicht­ge­hor­sam, hat aber mit Kant, so weit ich ihn gele­sen habe, nichts zu tun: Pflicht selb­st ist kein Selb­stzweck. Aber es klingt eben auch so gut, dass Patrick Bah­n­ers den Feder­hand­schuh aufn­immt und das ganze in einem Fernsehkri­tik­text ver­wurstet, in dem er dann wiederum ver­sucht, Richard von Weizsäck­er selb­st als Reinkar­na­tion von Friedrich, dem Großen, darzustellen.

Es ist eben Fernse­hen oder um es mit Richard von Weizsäck­er zu sagen “alles großer Blödsinn”.

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Stuttgart 21 und das Widerstandsrecht nach Kant

rothwiderstand

Tja, in der Tat: woher eigentlich?

Poli­tik­er, Bahn-Chefs und Straafrechtler haben bezüglich der Demon­stra­tio­nen gegen Stuttgart 21 eingewen­det, dass poli­tis­che Entschei­dun­gen nicht auf Grund der­ar­tiger Demos zurückgenom­men wer­den kön­nten, da es kein Wider­stand­srecht gäbe. Grund­sät­zlich ist das The­ma des Wider­stand­srechts so von Inter­esse, und wird derzeit argu­men­ta­tiv so bedeut­sam ver­wen­det, dass ich hier mal Kants Sacherk­lärung dar­lege, die ich für dur­chaus rel­e­vant halte:

Kant sagt zum einen, dass ein rechtlich­er Wider­stand des Volkes gegen seinen Ober­tan nicht eingeräumt wer­den kann, weil dies die Exis­tenz ein­er rechtlichen Ord­nung dekon­stru­iere: Die Gründe für einen rechtlichen Wider­stand, d.i. ein Wider­stand, der im Gesetz niedergeschrieben wird, sind für sich selb­st nicht objek­tiv begründ­bar und man kön­nte sich willkür­lich dazu entschei­den.

Dies ist nach Kant der recht­spos­i­tive oder aktive Wider­stand. Was Kant Inter­pre­ten aber oft­mals gar nicht auf dem Schirm haben: Es gibt nach Kant einen neg­a­tiv­en Wider­stand. Mit diesem ver­hält es sich so:

In ein­er Staatsver­fas­sung, die so beschaf­fen ist, daß das Volk durch seine Repräsen­tan­ten (im Par­la­ment) jen­er und dem Repräsen­tan­ten der­sel­ben (dem Min­is­ter) geset­zlich wider­ste­hen kann — welche dann eine eingeschränk­te Ver­fas­sung heißt -, ist gle­ich­wohl kein activ­er Wider­stand (der willkür­lichen Verbindung des Volks die Regierung zu einem gewis­sen thäti­gen Ver­fahren zu zwin­gen, mithin selb­st einen Act der ausüben­den Gewalt zu bege­hen), son­dern nur ein neg­a­tiv­er Wider­stand, d. i. Weigerung des Volks (im Par­la­ment), erlaubt, jen­er in den Forderun­gen, die sie zur Staatsver­wal­tung nöthig zu haben vorgiebt, nicht immer zu will­fahren; vielmehr wenn das let­ztere geschähe, so wäre es ein sicheres Zeichen, daß das Volk verderbt, seine Repräsen­tan­ten erkäu­flich und das Ober­haupt in der Regierung durch seinen Min­is­ter despo­tisch, dieser sel­ber aber ein Ver­räther des Volks sei.

Immanuel Kant, Die Meta­physik der Sit­ten, AA VI, 322

Wenn ein Volk nach Kant so eine Demon­stra­tion wie zu Stuttgart 21 nicht mehr auf die Rei­he bekommt, wäre dies ein Indika­tor sein­er Ver­dor­ben­heit. Dass man unter Ver­weis auf die Nichtein­räu­mung eines Wider­stand­srechts in pos­i­tivrechtlich­er Hin­sicht, dieses allerd­ings gle­ich kom­plett vom Tisch fegen möchte, zeugt von einem gewis­sen Manko.

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Guten Morgen

morgenkaffeeHer­fried Mün­kler kri­tisiert in der Süd­deutschen Zeitung Wik­ileaks:

Die durch Wik­ileaks veröf­fentlicht­en Doku­mente bestätigten nur, was man geah­nt und befürchtet hat­te: dass einige amerikanis­che Sol­dat­en — oder auch ganze Trup­pen­teile — die Her­aus­forderun­gen asym­metrisch­er Kriegführung nutzten, um Jagd auf Zivilis­ten zu machen und erkennbar Unbeteiligte hem­mungs­los “abzuk­nallen”, und dass man es in Afghanistan mit einem Geg­n­er zu tun hat­te, der tief in den sozialen und kul­turellen Struk­turen des Lan­des ver­wurzelt war und gegen den man kein pro­bates Mit­tel gefun­den hat­te. Eigentlich haben die Veröf­fentlichun­gen bloß vor­läu­figes in defin­i­tives Wis­sen ver­wan­delt, nichts Sen­sa­tionelles also, auch wenn einige Jour­nal­is­ten anfangs diesen Ein­druck zu weck­en ver­sucht hat­ten. [… ] Immanuel Kant hat das Ver­schwinden solch­er strate­gis­chen Geheimnisse als die Voraus­set­zung eines dauer­haften Welt­friedens begrif­f­en [… Allerd­ings] han­delt es sich eher um Mach­tumverteilun­gen als Ent­mach­tun­gen. […] Man darf bezweifeln, dass dies bei anderen, Wik­ileaks oder wem auch immer, bess­er aufge­hoben ist.

tagesschau.de fragt, was an Sar­razins The­sen dran ist:

Obwohl es bei den Schul- und Uni­ver­sitätsab­schlüssen keine großen Unter­schiede gibt, haben Men­schen mit Migra­tionsh­in­ter­grund einen deut­lich schlechteren Zugang zum Arbeits­markt. 12,4 Prozent sind arbeit­s­los, bei den Zuwan­der­ern aus der Türkei sind es 16,8 Prozent und bei den Zuwan­der­ern aus dem Iran, dem Irak und Afghanistan ist jed­er vierte arbeit­s­los — trotz hoher Bil­dung. Woran liegt das? Migra­tions­forsch­er Ste­fan Luft von der Uni­ver­sität Bre­men sieht gegenüber tagesschau.de zwei Gründe: Zum einen wer­den im Aus­land erzielte Schul- und Beruf­s­ab­schlüsse in Deutsch­land nur begren­zt anerkan­nt, zum anderen haben bei gle­ich­er Qual­i­fika­tion Zuwan­der­er mit ara­bisch oder türkisch klin­gen­den Namen oft schlechtere Chan­cen.

Die Deutsche Welle bietet hierzu einen kleinen Press­espiegel voll ablehnen­der Hal­tun­gen der Zeitun­gen. Michael Spreng meint, Sar­razin wäre der einzige, der rechts von CDU/CSU eine rechte, bun­desweit bedeut­same Partei grün­den könne. Thomas Prom­ny wun­dert sich bei diesem The­ma über etwas anderes. der stel­lvertre­tende Spiegel-Chefredak­teur Math­ias Müller von Blu­men­cron reagiert auf Kri­tik, dass der Spiegel Sar­razin ein Forum gibt.

In Israel bekommt ein Sänger 39 Peitschen­hiebe, weil er vor gemis­cht­geschlechtlichem Pub­likum aufge­treten ist.

NRWak­tuell por­traitiert ein­mal mehr, dass die Braunen sich nicht grün sind.

Die amerikanis­che Elek­trome­di­en­kette Best Buy hat einen Film mit 15.000€ pro­duziert. Torsten Dewi kri­tisiert diese Zahl: Dieser Film habe nicht 15.000€ gekostet, es sei soviel nur bis­lang an die Teil­nehmenden bezahlt wor­den.

Andrea Köh­ler wun­dert sich bei der NZZ über den Hype um Jonathan Franzens neues Buch.

Und während ich mir die Frage stelle: Wer­den rechte Posi­to­nen wieder ‘in’? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

[Foto: Luc van Gent]

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Was ich noch sagen wollte zu… eheähnlichen Gemeinschaften


Julia Seel­iger hat drüben bei der taz einen Text über alter­na­tive Lebens­ge­mein­schaften zu Ehen geschrieben und fordert ade­quate Rechte. Sie begin­nt den Text mit der Infor­ma­tion, dass ihre Fre­und, während sie schreibt, sich mit ein­er anderen vergnügt. So gese­hen kann der Text auch dahinge­hend ver­standen wer­den, dass man von solchen Tex­ten ver­schont bleibt, wenn man den Fre­und nur zur Monogamie zwingt. Jeden­falls: Wer beru­flich­es Schreiben nicht vom Erzählen sein­er Pri­vat­mei­n­ung tren­nen kann, und das auch gle­ich zu Beginn eines Textes, der sollte sich nicht wun­dern, wenn über Pri­vates dann auch kom­men­tiert wird.
Generell fasst Seel­iger Ehe als Form von Liebesge­mein­schaft auf, und dazu gäbe es Alter­na­tiv­en. Daher sollte was verän­dert wer­den. Nun ist die Ehe als Liebesverbindung ein Gedanke neueren Datums. Das kann man auch anders auf­fassen. Nach Immanuel Kant z.b. ist eine Ehe

die Verbindung zweier Per­so­n­en ver­schiede­nen Geschlechts zum lebenswieri­gen wech­sel­seit­i­gen Besitz ihrer Geschlecht­seigen­schaften.

Gegen Schwule und Les­ben hat er also was. Diese stell­ten eine wider­natür­liche Geschlechts­ge­mein­schaft dar, und unter ein­er Geschlechts­ge­mein­schaft ver­ste­ht Kant

wech­sel­seit­i­gen Gebrauch, den ein Men­sch von eines anderen Geschlecht­sor­ga­nen und Ver­mö­gen macht

[Brecht hat das mal vergnüglich auf die Schippe genom­men.] Von Liebe ist hier keine Rede, von der Kinder­pla­nung auch nicht, son­dern nur vom Genuß, denn jemand, der eine Ehe einge­ht, von der Geschlechts­ge­mein­schaft hat. Wer­den jet­zt Kinder in die Welt geset­zt, haben Eltern die Auf­gabe,

sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zus­tande [d.i. dem In-die-Welt-geset­zt-sein ] zufrieden zu machen

weil die so gezeugten Per­so­n­en ohne ihre Ein­willi­gung auf die Welt geset­zt wur­den. Hier­aus entste­ht nach Kant eine notwendi­ge häus­liche Gesellschaft, die in Rede ste­hen­den Per­so­n­en bilden eine Fam­i­lie.
[Kant, AA VI, 277ff.]
Inter­es­sant an der ganzen Geschichte ist nun, dass ja viele heutzu­tage an der Kan­tis­chen Sicht das Wider­natür­liche, was Schwule und Les­ben ange­ht, abstre­it­en wür­den, ohne dass sie vol­lkom­men vom Begriff des Wider­natür­lichen lassen wür­den. Man lässt keine Kuh als Eltern­teil zu, weil das wider­natür­lich ist. Die Verbindung von Mann und Frau ist der einzig natür­liche Weg zur Erzeu­gung eines Kindes, bei allen anderen Möglichkeit­en. Adop­tion ist eine staatliche Anerken­nung ein­er Lebens­ge­mein­schaft als Für­sorg­er eines Kindes, aus der rechtliche Ansprüche erwach­sen.
Den Vätern des Grundge­set­zes war bei ihrer Idee der Famile der Gedanke der Ver­sorgung der Frau und der Kinder wichtig. Den Kindern sollte ein gutes Aufwach­sen ermöglicht wer­den, auch wenn der Ehe­mann frühzeit­ig starb und so die Frau Ober­haupt der Fam­i­lie wurde. Ein Werte­wan­del hat sicher­lich insofern stattge­fun­den, als dass damals rein rechtlich, die Ehe­frau beim Kauf ein­er Wurst nur ihren Ehe­mann ver­trat, da sie selb­st keine Verträge einge­hen durfte.
Eine Verän­derung des Fam­i­lien­be­griffs in rechtlich­er Hin­sicht hin zu einem mehr metapho­rischen Gebraucht scheint mir damit eher unsin­nig zu sein.

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Nitrošilova, Nelli — Zum Freiheitsverständnis des kantischen und nachkanitschen Idealismus

Es sieht ein­fach gut aus, solche kleinen Büch­er mit gebildet klin­gen­dem Titel auf seinem Schreibtisch rum­liegen zu haben. Dabei ist dieses Büch­lein dur­chaus inter­es­sant. Es behan­delt rus­sis­che Philosophen und ihren Umgang mit deutsch­er Philoso­phie. Das liest sich nett, auch wenn einiges unklar herge­holt daherkommt.
Der Titel ist etwas unge­nau gehal­ten, was sol “zum Frei­heitsver­ständ­nis” genau heißen? Sowas ist eigentlich ver­pönt, denn unter der­ar­tige Über­schriften kann alles und nichts fall­en. Wenig­stens etwas fällt in diesem Buch darunter. Damit die Blogleser hier wenig­stens etwas von diesem Ein­trag haben, ver­weise ich auf den meines Eracht­ens besten Artikel über Kants Frei­heits Begriff, der als solch­er heute immer noch höch­stak­tuell ist, und zwar Georg Geis­mann: Kant über Frei­heit in speku­la­tiv­er und prak­tis­ch­er Hin­sicht. Diesen Artikel dür­fen sich auch soge­nan­nte “Nicht­philosophen”, wasim­mer das auch sein soll, antun. Er ist zwar etwas anspruchsvoll geschrieben und von vie­len Bele­gen unter­brochen, was aber nichts anderes ist als ein unge­mein genauer Ausweis der Kom­pe­tenz des Autors und Hil­fe für den Leser, aber sicher­lich für jeden Leser ein Gewinn.

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Timmermann, Jens — Kant’s Groundwork of the Metaphysics of Morals

Tim­mer­mann bemüht sich als Kant-Forsch­er einen Namen zu machen. Das ist nicht weit­er verdächtig und solange der Ver­such erfol­gre­ich wird, nicht zu bean­standen. Man kann ja nur davon prof­i­tieren. Mit diesem Buch zu Kants Grundle­gung zur Meta­physik der Sit­ten hat Tim­mer­mann das vielle­icht beste Sekundär­lit­er­atur­buch hierzu vorgelegt. Das heisst noch nicht son­der­lich viel, da es bis­lang zur Grundle­gung her­zlich wenig und oft­mals schlecht­es an Sekundär­lit­er­atur gibt. Insofern kann man sagen, dass Tim­mer­man die Lat­te für die Befas­sung mit der Grundle­gung gut auflegt. Sein Ver­di­enst ist es, das gesamte Buch in den Griff zu bekom­men. Er bietet allerd­ings keine Lösungsan­sätze für die Grundle­gung dieses Buch­es, sprich für das, was für Dieter Hen­rich die Dunkel­heit im drit­ten Abschnitt ste­ht. Dazu ver­misst man als Leser eine genaue Textstel­len­analyse bes­timmter, weg­weisender Stellen. Das min­dert die Freude darüber, dass man Sin­nvolles über die Grundle­gung schreiben kann, aber nicht. Und wenn es nach Tim­m­mer­man nichts mehr zu forschen gäbe in der Grundle­gung, man wäre ja auch etwas ver­schnupft.

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