Simsek, Semiya und Peter Schwarz – Schmerzliche Heimat

So langsam komme ich mal meiner Ableseliste hinterher: Dieses Buch beinhaltet Semiya Şimşeks Beschreibung des Lebens und der Ermordung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Folgen für ihre Familie und erbärmliche Rolle, die der deutsche Staat bei der Aufarbeitung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schreiben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jahre zurück, und der Prozess gegen das letzte Mitglied der für die dazugehörende Mordserie verantwortliche Gruppe, geht dem Ende entgegen. Und dennoch ist es erschreckend, wie viele wichtige Fragen hierzu offen sind und vielleicht bleiben.

Dieses Buch verschafft einen Einblick in die Situation, wie sie sich für beteiligte Familienangehörige, darstellt. Es verliert sich nicht in kitschigen oder anders sachfremden Beschreibungen, sondern fokussiert sich auf die Tat und ihre Nachwirkungen. Abgeschlossen wird es von einer juristischen Einschätzung der Angelegenheit durch die Anwälte von Semiya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen politischen Skandal es hier eigentlich geht. Das es bei der ganzen Sache noch keinen einzigen Rücktritt eines zuständigen Beamten gegeben hat, ist nicht minder verwunderlich, eher aussagekräftig.

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit und dafür, in der Katastrophe Stärke zeigen zu können.

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Emcke, Carolin – Gegen den Hass

Ich dachte erst, man müsste die Autorin eventuell gegen ihre Kritiker in Schutz nehmen, aber allzu schlimm fand ich die Kritik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktuellen Buch mit den aufkeimenden und gediehenen nationalistischen Positionen in Deutschland und darüber hinaus, wobei sie einen Akzent setzen möchte für die Verteidigung von Minderheiten im Lichte des Populismus dieser Zeit. Sie brilliert an den Stellen, an denen sie Positionen als diskriminierend und polemisierend demaskiert, indem sie die Position unaufgeregt entschlüsselt. Weniger überzeugend ist Emcke allerdings in ihrer Einordnung von Positionen in einen historischen oder wissenschaftlichen Kontext. So bestimmt sie die „Parteilichkeit der Verstandeswaage“ aus einer Textstelle aus Kants „Träume eines Geistersehers“, d.i. ein Text vor dessen so genannter kritischen Phase, als „Voreingenommenheit durch die Hoffnung“, wobei es an der betreffenden Stelle im Kantischen Text überhaupt nicht um Hoffnung geht. Um Hoffnung geht es bei Kant in der Religionsphilosophie. So ein Namedropping ist so wenig überzeugend wie beeindruckend. Und auch wenn andere Stellen in ihrer gewollten Belehrung eher nerven als einnehmen, ist das Buch wegen der Analysefährigkeit der Autorin empfehlenswert.

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Flasch, Kurt – Warum ich kein Christ bin

Der englische Philosoph Bertrand Russell hat 1927 einen Vortrag mit dem Titel Warum ich kein Christ bin gehalten. Darin kritisiert er christliche Argumentationen wie Gottesbeweise und moralische Argumente als widerprüchlich und nicht konsistent. Ein Christ ist für Russell jemand, der an Gott, Unsterblichkeit und Christus glaubt:

Ich meine, man muss wenigstens daran glauben, dass Christus, wenn schon nicht göttlich, so doch zumindest der Beste und Weiseste der Menschen war. Wenn Sie nicht einmal soviel von Christus glauben, haben Sie meiner Ansicht nach kein Recht, sich als Christen zu bezeichnen.

Der deutsche Philosoph Kurt Flasch geht in seinem aktuellen Buch Warum ich kein Christ bin in ähnlicher Hinsicht diverse Textauseinandersetzungen mit biblischen Stellen und Argumentationen von christlicher Seite ein. Das alleine ist schon sehr lesenswert. Im Grunde sagt er aber gar nichts anderes als Russell:

Ja, ich bin kein Christ, wenn man unter einem Christen jemanden versteht, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod und an die Gottheit Christi glaubt. (Kapitel IV.)

Für Philosophen ist es schon mal verwunderlich, dass auf einen so unklaren Satz verwiesen wird: Wie bedeutsam ist das „und“ im Satz? Was versteht man genau unter „glauben“?

In einem aktuellen Interview mit Papst Franziskus findet man den interessanten, auf das Christentum bezogenen Satz:

Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.

Einmischungen kann es wegen mir, sofern sie rechtlich akzeptabel sind, durchaus geben. Er könnte aber auch das Verbitten von Bevormundung bezüglich des eigenen Denkens meinen – und das wäre ein Hammer (nicht nur, weil man so Russell und Flasch den Wind aus den Segeln nimmt): Man könne als Christ Agnostiker sein, der sich an den Geschichten der Bibel orientiert, im Grunde seine Überzeugungen aber selbst verantwortet. In gewisser Hinsicht verstehe ich Kant so, der Beispiele aus der Bibel für passende Umsetzungen des Kategorischen Imperativs, der für sich genommen von Kant philosophisch hergeleitet wird, hält.

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Fischer, Marc – Die Sache mit dem ich

Marc Fischer nahm sich 2011 das Leben. Zudem verlor er sich in seiner selbst so genannten “Fischerwelt”, dass jede nähere Befassung mit ihm und diesem Buch nicht unbedingt zu guter Laune führt. Dem Leser bleibt bei all den in diesem Buch versammelten Reportagen Fischers die Frage, was schief gelaufen ist. Und die Frage, warum einen diese Frage umtreiben sollte. Ich vermag weder die eine, noch die andere gut zu beantworten. Der Popjournalismus, den er hier vertritt, hat durchaus Ansätze von Haltung (wie im bestechenden Text über Katja Riemann), aber eine zufriedenstellende Aussage finde ich nirgends.

Peter Lau schreibt:

T. glaubt ebenfalls, dass Berlin Fischer nicht gutgetan hat. „Wer zieht denn hier hin? Die Männer, die sich um ihre Frauen und ihre Kinder kümmern, die bleiben in Solingen oder in Nürnberg. Nach Berlin gehen die, die etwas erleben wollen und sich für großartig halten. Und das sind dann die Leute, die in den Medien unser Bild von der Welt prägen. Marc hatte oft Freun dinnen mit Kindern, er mochte Kinder. Aber er hielt sich trotzdem alles offen. Er hatte, glaube ich, dieses Gefühl: Wenn ich mal groß bin, habe ich auch Kinder. Als er merkte, dass er schon groß war, war das für ihn ein Schock. Marc war letztlich ein sehr einsamer Mensch. Und er ist gestorben, weil keiner auf ihn aufgepasst hat. Das kann auch kein Arzt. Das müssen Freunde machen, dafür sind Freunde da.“

Ich weiß nicht, was man außerhalb der Berlin-Blase mit Fischers Erbe anfangen kann.

mehr
Cornelius Wüllenkemper: Zwischen Weltbeobachtung und Projektion
Peter Lau: Woran starb Marc Fischer? in: brand eins. Heft 2/2012, S. 152–162 (Versuch einer journalistischen Würdigung und Erklärung Fischers)

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Schoeps, Julius H. – Leiden an Deutschland

Dieses Buch ist 1990 veröffentlicht worden und ich habe es seit den 90ern irgendwo im Bücherschrank gelassen. Anfangs dachte ich, dem Thema nicht sonderlich gerecht zu sein, was durchaus zutreffend gewesen ist. Inzwischen sehe ich das anders und gottseidank hat dieses Buch nichts an seiner Aussage verloren. Gerade in der heutigen Zeit, in der mit der Beschneidungsdebatte ein Kern der jüdischen Religion zur Disposition steht, ist dieses Büchlein ein ungemein wertvolles Dokument.

Das liegt daran, dass Schoeps einerseits ein sprachlicher Virtuose ist und andererseits keine Scheu vor deutlichen Worten und scharfen Analysen hat. Bei diesen ist man verwundert, dass das Buch schon 22 Jahre alt ist.

Etwas unklar bleibt mir Schoeps Haltung von „Deutschen“ und „Juden“ und der zu seiner Zeit festgestellten Nichtintegrierbarkeit. Mir kommt der Begriff der „Deutschen“ schlicht zu undifferenziert vor. Auch andere Gruppen, auch Deutsche in Teilen Deutschlands, die nicht ihre Heimat sind, können von Integrationsproblematiken ein Lied singen. Es ist fraglich, ob die Referenz „Deutsche“ in dieser Hinsicht nicht schlicht zu pauschal und schwarzmalerisch ist, um das Problem des Fremdseins im eigenen Land zu fassen.

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Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weihnachten steht vor der Tür und vielerorts werden nun die Buchläden durchstöbert, um interessante literarische Sachen ausfindig zu machen. Ich habe mir mal Netzgemüse von Tanja und Johnny Haeusler, der auch unter spreeblick.de bloggt, angeschaut. In diesem Fall ist es vielleicht hilfreich, die beiden erst selbst zu Wort kommen zu lassen:

Jetzt kann man zunächst einmal feststellen, dass es hier eine dicke Marktlücke gibt. Das Internet ist in vielen Facetten nicht leicht zu verstehen. Das macht besonders dann Probleme, wenn Eltern darüber nachdenken, wie sie ihre Kinder im Internet begleiten. Und das tut Not, denn im Internet lauern rechtliche und persönliche Gefahren. Andererseits bewegen sich Internetnutzer ziemlich frei und ungebunden durch das Netz. Worauf sollen sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Frage, der das Ehepaar Haeusler nachgeht. Sicherlich ist das Buch so geschrieben und wird so präsentiert, dass es sich irgendwie rentiert. Insofern ist dieser Eintrag auch schon wieder eine Form von Werbung. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass das Buch die Aufgabe, Eltern für ihre Aufgabe, Kinder im Umgang mit dem Internet verantwortungsvoll zu begleiten, gut erfüllt.

Jetzt könnte ich auch am Buch rummosern über manchen grammatisch nicht ganz so perfekten Satzbau, verkürzte und somit falsch wirkende Darstellungen oder den Begriff Netzgemüse, der mich das ganze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber darauf gerichtet ist, herauszufinden, ob dieses Buch Eltern eine Hilfe sein kann, schiebe ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erstmal beiseite geschoben ist fällt zunächst die große Bandbreite auf, die das Buch umfasst: Es handelt den Umgang mit Computerspielen, illegale Downloads, Internetdiensten, Blogs, Mobbing, Pseudonymen, sozialen Kompetenzen, Taschengeld, Smartphones und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefunden, was ich vermisse. Alle Themen werden zwar nur angerissen und Beispiele und Lösungsansätze von wirklich schwierigen Problemen kommen nicht vor. Das ist aber für ein Eisntiegsbuch in die Materie nicht weiter schlimm. Die Frage wäre eh, ob man ein solches Buch nicht überfrachtete, wenn man zu viele Lösungen anbieten wollte.

Was ich sehr überzeugend finde, ist, dass die Autoren heikle Themen wie Pornografie im Internet, die von Jugendlichen konsumiert werden kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Seiten um richtig in Schwung zu kommen, trifft aber dann den richtigen Ton. Wer also Eltern kennt oder selber erzehungsberechtigt ist, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herz.

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