Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Warteschlangenlogik

fussgaengerzone

Hin­ter mir an der Super­markt­kas­se schlur­fen zwei Rent­ner an, um sich in die War­te­schlan­ge einzureihen.

Wal­dorf Wenn ich eben ste­hen geblie­ben wäre, wäre ich jetzt viel wei­ter vor­ne. Ich war schon eben hier.

Stat­ler Ich war schon vori­ge Woche hier.

(Rent­ner­ge­läch­ter.)

Seconhandladeneskalation

Kun­din Ich inter­es­sie­re mich für das Kleid auf der Anzieh­pup­pe dort drüben…
Ver­käu­fe­rin Ach ja?
Kun­din Wür­den Sie mir hel­fen, es abzuziehen?
Ver­käu­fe­rin Ich weiß nicht, ob das geht.
Kun­din Man muss ein­fach nur anhe­ben, den­ke ich.
Ver­käu­fe­rin Das passt Ihnen nie.
Kun­din Woher wol­len Sie das wissen?
Ver­käu­fe­rin Das ist 38.
Kun­din Was den­ken Sie, dass ich habe?
Ver­käu­fe­rin Kei­ne 38.
Kun­din Aber nicht viel mehr.
Ver­käu­fe­rin Das passt Ihnen nie.
Kun­din Könn­ten Sie mir den Schrank mit den Glä­sern aufschließen?
Ver­käu­fe­rin Wol­len Sie die angucken?
Kun­din Kaufen.
Ver­käu­fe­rin Ich hab jetzt Feierabend.

Lokführerstreik

Ich ver­tre­te mir kurz vor dem Esse­ner Haupt­bahn­hof die Füße und tref­fe auf einen Zug­be­glei­ter, der sich gera­de eine Ziga­ret­ten­pau­se gönnt.

Na, mor­gen gro­ßer Streiktag?”

- “Na, das wer­den wir mal sehen. Genau weiß noch kei­ner, was mor­gen los ist. Eigent­lich alles ein ganz gro­ßer Schwach­sinn. Und wenn die sich mor­gen wie­der wie beim letz­ten Mal zum Gril­len ver­ab­re­den, die Lok­füh­rer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch ein­mal Ärger gibt.”

Der Vor­sit­zen­de der GDL war ja frü­her auch Lokführer.”

- “Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wis­sel­ski oder wie der heißt, den küm­mert es doch einen Scheiss, ob die Leu­te hin­ter­her 3% mehr oder 5% mehr bekom­men. Sie kön­nen mor­gen aber auf jeden Fall den RE2 neh­men, die fährt.”

Aber wenn nach so einer Ankün­di­gung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgend­wie unglaubwürdig.”

- “Ich muss ja sowie­so mor­gen antre­ten, ich darf nicht strei­ken. Sie kön­nen auch über Bie­le­feld fah­ren. Der RE6 fährt auch. Je nach­dem, wohin Sie wollen.”

Nanu? Wie­so dür­fen sie nicht streiken?”

- “Ich bin beim Sub­un­ter­neh­men ange­stellt. Wir kom­men mor­gen hier zum Bahn­steig, und dann wird uns gesagt, wo wir fah­ren. Oder wir rau­chen uns stun­den­lang eine. Das wird eine Scheis­se. In Deutsch­land müs­sen Sie Mil­lio­nen auf der hohen Kan­te haben oder sie haben die Arschkarte.”

Ein Sub­un­ter­neh­men, das ihren Ange­stell­ten Namens­schil­der der Deut­schen Bahn zur Ver­fü­gung stellt?”

- “Gut, ne?”

Ganz gro­ßes Kino.”

- “Ja, die Bahn ist halt inzwi­schen ein wirt­schafts­ori­en­tier­tes, nee, war­ten Sie, wie heißt das noch? Ein kos­ten­op­ti­mie­ren­des Unter­neh­men. Ich muss jetzt wie­der rein. Schö­nen Abend noch!”

Hoeneß

Da tref­fe ich den Uli an der Wurst­brate­rei, wie er sein Würst­chen gera­de in den Senf auf der Papp­scha­le tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil neh­mend an sei­ner Umge­bung. Und irgend­wie bleibt man doch nicht schwei­gend dane­ben stehen.

Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

Naja, die Pres­se und die Staats­an­walt­schaft sitzt dir doch im Nacken. Ange­nehm ist das doch sicher­lich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer dar­auf ver­las­sen, selbst zu kämp­fen. Immer. Sowas scho­ckiert mich nicht son­der­lich. Und wenn man dann so gran­di­os gegen den wich­tigs­ten Fuss­ball­ver­ein der Welt gewinnt, dann bestä­tigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgend­wel­che Hinterzimmeradvokaten.”

Aber genau die kön­nen dir doch ans Bein pinkeln.”

- “Das ist auch nichts Neu­es. Wenn sie so lan­ge einem Ver­ein vor­ste­hen, da müs­sen sie wis­sen, wie sie mit Leu­ten umge­hen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weni­ger Eitel­keit, als viel­mehr Selbst­be­haup­tung und der Erfolg zeigt, dass das im Sin­ne der Sache war.”

Und wo bleibt die Rücken­de­ckung, außer von Franz und Kalle?”

- “Da drau­ßen wird kein Fuß­ball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es kei­ne Mann­de­ckung, da wird nicht abge­pfif­fen, wenn jemand dich foult. Da musst du vor­sor­gen. Schau, die Spa­ni­er waren ja vor­bil­dich, was ihre Netz­werk­ar­beit anging. Nur war die viel zu stark vom Finan­zi­el­len abhän­gig. Bei uns wir­ken zudem ande­re Kräf­te. Wir sind nicht so finanz­stark, dafür kip­pen wir nicht um, wenn eine Säu­le insta­bil ist. Und bei mir funk­tio­niert das ähnlich.”

Das heißt, dein Ein­fluss wird nicht weni­ger, selbst wenn du fal­len solltest?”

- “Das wer­den wir ja noch sehen.”,

sag­te Ulli, biss noch ein­mal von sei­ner gesenf­ten Brat­wurst ab, schief­te ordent­lich in sein Stoff­ta­schen­tusch, warf die gebrauch­te Papp­scha­le in den über­vol­len Müll­korb, nick­te mir bestimmt zu und schlurf­te zu sei­nem Audi rüber, den er mit sei­ner Schlüs­sel­fern­be­die­nung auf­blin­ken ließ.

Lauter Loser

Neu­lich traf ich Gott in mei­ner Stamm­knei­pe und zwi­schen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

Sag mal, was ist denn da oben eigent­lich los? Ein spar­süch­ti­ger Argen­ti­ni­er wird Papst, durch die Wirt­schaft ver­lot­tert die Moral und das Wet­ter passt doch auch vor­ne und hin­ten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

Na, sag doch!”

- “Das war damals wun­der­bar geplant: Die Moral wird an die Kir­che out­ge­sour­ced und wir kön­nen uns da oben einen schö­nen Lenz machen, uns mehr um das Gro­ße und Gan­ze küm­mern, du verstehst?”

Das Gro­ße und Ganze?”

– “Ich woll­te eine zwei­te Welt erschaf­fen, mit weni­ger Bugs. So mit stär­ke­rem Pro­zes­sor, aber die­ses Mal intern, nicht extern, ver­stehs­te, gei­le­rer Gra­fik sowie­so, aktu­el­le­re Netz­werk­tech­nik, bes­se­re Kon­den­sa­to­ren, sowas halt – und irgend­wo energiesparender.”

Wor­an haper­te es denn?”

– “Ja, konn­te unser­eins denn ahnen, dass man wegen dem Alt­teil da immer um Sup­port gebe­ten wer­den? Dau­ernd zankt sich wer, dau­ernd ver­zwei­felt wer, dau­ernd wun­dert sich einer, dass er das Teil wirk­lich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Wei­ter­ent­wick­lung küm­mert sich kei­ner so recht, nur um Unterhaltung.”

Aber die Reli­gio­nen ver­su­chen ja immer­hin, den Laden zusam­men zu halten.”

- “Ja, genau! Was die Reli­gio­nen sich da zusam­men­spin­nen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeb­lich alles auch noch gesagt und befoh­len haben. Na, schö­nen Dank auch. Als hät­te ich nichts bes­se­res zu tun als tau­send­sei­ti­ge Betriebs­an­lei­tun­gen raus­zu­ge­ben. Und da soll ich mich auch noch ums Wet­ter küm­mern. Ja, bin ich denn der Haus­meis­ter, oder was? Ich habe sowas kom­ple­xes wie die Erd­an­zie­hungs­kraft ertüf­telt, aber auf die Idee, einen Haus­meis­ter ein­zu­stel­len, bin ich nicht gekom­men, oder was? Ich hab’ ein­fach kei­ne Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schau­te ich auf die trock­nen­den Bier­schaum­spu­ren am obe­ren Rand mei­nes Gla­ses bis mich der Glä­ser put­zen­de Bar­kee­per antipp­te: “Lass ihn ein­fach, heu­te ist nur einer die­ser Tage.”

Großstadt

A lar­ge city can­not be expe­ri­en­ti­al­ly known;
its life is too mani­fold for any individual
to be able to par­ti­ci­pa­te in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die drit­te Aus­ga­be von Gebro­chen Deutsch anfängt, mei­ne Freun­din und ihre Freun­din kom­men erst in einer hal­ben Stun­de, also star­te ich ein Stadt­me­lan­cho­lie­ren, die­ses Mal in einer Groß­stadt oder zumin­dest einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimms­ten Uhr­zei­ten in Düs­sel­dorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt kei­ne Fahr­rad­fah­rer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Bau­stel­len­am­peln der Fuß­gän­ger­zo­ne und dau­ernd pat­schen ohr­be­stöp­sel­te Men­schen auf ihre hell erleuch­te­ten Com­pu­ter­te­le­fo­ne. Ein­kau­fen will kei­ner mehr, nur schnell zuhau­se sein, bevor die Bür­ger­stei­ge hoch­ge­klappt wer­den. Selbst die Knie­bett­ler haben schon ein­ge­packt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­de­re in einen Arka­den­bau hin­ein. Auch hier: Gäh­nen­de Lee­re. Kei­ne chi­ne­si­sche Geis­ter­stadt­ein­kaufs­pas­sa­ge, aber eine gänz­lich unin­spi­rie­ren­de. Ich leh­ne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Kla­vier­mu­sik an. Eine Bar­ho­ckersän­ge­rin into­niert Night & Day. Etwas merk­wür­dig, denn im Kel­ler des Arka­den­baus ist nie zu erken­nen, ob gera­de Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­wei­len lädt mich nichts ein. Ich erin­ne­re mich an eine Pas­sa­ge aus Erich Käst­ners Fabi­an, in der Fabi­an fest­hält, dass Kauf­häu­ser unheim­lich gut geeig­ne­te Orte für Streu­ner sind, die eh nichts kau­fen, son­dern sich nur auf­wär­men wol­len, als ich die gut gewärm­te Filia­le einer Buch­han­dels­ket­te betre­te. Hier wird mit Büchern noch Han­del betrie­ben, ins Auge sprin­gen nur Best­sel­ler. Gute Bücher sucht man fast ver­geb­lich. Ich ent­sin­ne mich, dass man frü­her, was heu­te nur noch in Kla­mot­ten­ge­schäf­ten pas­siert, in Büche­rä­den noch von Ver­käu­fern ange­spro­chen wur­de, um bei der Lite­ra­tur­su­che behilf­lich zu sein. Als ich zwei laut­hals trat­schen­de Kol­le­gin­nen an der Kas­se zuhö­ren muss, die in die­ser Ket­te gelan­det sind, weil sie auf der Schu­le frü­her davon träum­ten, Schrift­stel­le­rin­nen zu wer­den, dan­ke ich inner­lich dafür, dass mir heu­te Lite­ra­tur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Stra­ße, noch­mal durch die Fuß­gän­ger­zo­ne, ab zum Schau­spiel­haus. Ich regis­trie­re, dass kaum ein Geschäft irgend­et­was hat, was ich ger­ne haben möch­te. Mei­ne Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich die­se Sachen? In der Par­fü­me­rie­fi­lia­le ent­de­cke ich einen die­ser flach­brüs­ti­gen Fla­kon­bo­dy­guards, der nie lächelt und sei­nen Blick so mecha­nisch schwenkt, als sei er schon ein Halb­ro­bo­ter, der das mit der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, wer­de ich Rausschmeisser.

Ich errei­che nun über bepfütz­tes Bau­stel­len­ge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten mar­kie­ren die Trost­lo­sig­keit auf dem Vor­hofs des Schau­spiel­hau­ses. Ein leich­ter Wind zieht auf und es tröp­felt etwas. Zur Lin­ken ragt das leer­ste­hen­de, hyh­nen­haf­te Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich las­se mei­nen Blick nach rechts schwei­fen und ent­de­cke im zwei­t­obers­ten Stock­werk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäu­des ein vorm Com­pu­ter sit­zen­des Hoppermotiv:

Er wird noch da sit­zen, als wir das Schau­spiel­haus wie­der verlassen.

Ich schaue nach vor­ne zur Anzei­gen­ta­fel des Schau­spiel­hau­ses, die wie der Vor­hof mit Ästhe­tik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem ein­zi­gen, der da gera­de auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absät­ze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

End­lich kommt mei­ne Freun­din und ihre Beglei­tung zwei Minu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Auf der Büh­ne sitzt die­ses Mal eine Nie­der­län­de­rin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf gestran­det ist. Gestran­det ist viel­leicht ein zu ästhe­ti­sches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, kei­ne Fra­ge, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fah­re ger­ne mit dem Fahr­rad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kai­sers­werth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fi­zie­ren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, den­ke ich — in Düsseldorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Freun­din mei­ner Freun­din an, dass sie es nie ver­stan­den hat, wie­so solch ein Bohei um die Kö gemacht wer­de, sol­che Stra­ßen gäb es dut­zend­fach in Ham­burg und ich erzäh­le von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Kar­ne­vals­zeit, sagt mei­ne Freun­din. Die Leu­te gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­si­on über die Ein­kaufs­pas­sa­gen und Cafés. Ach so.

Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du lie­bes Biss­chen! Ja, frü­her, da war das roman­tisch und so. Das war ja auch alles nur in Fern­se­hen. Da rit­ten die Ame­ri­ka­ner auf ihre gestrie­gel­ten Pferd­chen durchs wil­de Was­weis­sich­nich­stan und erober­ten die Prä­rie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Ein­ge­bo­re­nen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lau­er um rum­zu­schie­ßen und Leu­te zu über­fal­len. Humor hat­te von denen kei­ner, da kann­ten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur über­fal­len und Büf­fel­sup­pe aufkochen.

Als dann die Eisen­bah­nen erfun­den wur­den, da lagen sie dann anne Schie­nen zu hor­chen. Da mach­ten die Loks wohl son­nen Krach, dass sich das über die Schie­nen ange­kün­digt hat. Das war qua­si, woll­ma­sa­gen, der Vor­läu­fer vom Tele­fon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wur­de über­fal­len und abends auf den Erfolg wie­der ordent­lich Büf­fel­sup­pe getrun­ken. Und immer so weiter.

Ja, und nun hat da wohl einer zu lan­ge in Ber­lin die alten Winnetou-Folgen sich rein­ge­pfif­fen getan. Jetzt wol­len die das hier ein­füh­ren. So nen Bun­des­in­dia­ner. Der liegt dann anne Gerä­te und horcht ab, was da so abgeht. Nur weil der die­se Tele­fo­nier­ab­hör­tech­nik vor Jahr­hun­der­ten schon im Blut hat­te. Die ham­se dann über die Büf­fel­sup­pe wei­ter­ver­erbt. So wird das wohl gewe­sen sein. Dass das doch eigent­lich kri­mi­nell ist, das stört die in Ber­lin gar nicht. Könn­te man doch legal wer­den las­sen, sagen se.

Na, hoch die Tas­sen. Irgend­wann sind wir soweit, da wer­den sie uns Büf­fel­sup­pe intra­ve­nie­ren. Aber lus­tig wird das nicht.

Verständnis

Nach­dem Sie sich ver­ab­schie­det hat, und sich der Boarding-Schlange zum Flie­ger ange­schlos­sen hat, ste­he ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Hal­le des Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fens und betrei­be etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebür­tig von der Krim, hat spät noch die deut­sche Spra­che gelernt und spricht daher etwas rade­bre­chend Deutsch mit jid­di­schem Ein­schlag. Tags­über mar­schiert sie stun­den­lang durch Düs­sel­dorf, abends schal­tet sie die Flim­mer­kis­te ein:

Cha­be ich rus­si­sche Fern­se­hen abbe­stellt. Cha­be ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Glei­che, immer jam­mern sie, immer nega­tiv. Rus­sen immer das­sel­be. Schaue ich jetzt Car­men Nebel. Sche­en. Und, äh, wie cheisst? Sonn­tags, abends, Dirigent?

André Rieu, hel­fe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hän­de an die Brust

schee­e­e­e­e­e­en, so schee­e­e­en. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Gün­ter Jauch.

Ist nicht leicht zu ver­ste­hen. Nicht leicht. Redet mon­tags Palas­berg, auch schwer, kann ich nicht gut ver­ste­hen. Kom­met dann Maisch­ber­ga, kann ich sehr gut ver­ste­hen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut ver­ste­hen. Sehr gutt. Beek­mann, schwer. Redet schnell, so schnell. Ver­ste­he nicht gutt. Aber Anne Will ver­ste­he ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deut­lich, stim­me ich bei.

Nur ver­ste­he ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

War­um reden Deut­sche so viel?

Nee, kei­ne Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Kauderwelsch

In jeder Fami­lie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merk­wür­dig ist. Der bei Kaf­fee und Kuchen stört, wo man doch gera­de so ein­hel­lig bei­sam­men sitzt. Der pein­li­che Sachen vom Sta­pel lässt, wo aller immer so ver­schämt ins Off ver­su­chen zu gucken. Des­sen The­ma man schleu­nigst über­la­bern möchte.

Bei den Nach­barn mei­ner Oma war das frü­her deren alter Opa. Der stand immer im Vor­gar­ten und hat von dort aus das Welt­ge­sche­hen kri­ti­siert, immer in der Hoff­nung, aber auch etwas weh­mü­tig, auf eine bes­se­re Zeit: “Unter Adolf hät­te es sowas nicht gege­ben.” Sowas wie jun­ge Mäd­chen in Jeans, laut fuß­ball­tre­ten­de Knirb­se, nicht­grü­ßen­de Spat­zier­gän­ger, knat­tern­de Mofas, schrei­en­de Schul­kin­der auf dem Weg zum Bus, Män­ner, die voll­be­packt ihren nichts­tra­gen­den Frau­en hin­ter­her­lau­fen, Tür­ken. So ziem­lich alles, was an Mensch­li­chem die Stra­ße rauf und run­ter kam.

Dabei war Adolf nur das Syn­onym für Kon­ser­va­ti­vi­tät. Das Sosein der Alten, das Unfle­xi­ble, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Ver­tei­di­gung der eige­nen Ent­wick­lung, unkri­ti­sier­bar ein­ge­lullt in den Gedan­ken, der Adolf hät­te ledig­lich für all das gestan­den. Wenn’s reg­ne­te wur­de der Opa rein­ge­holt, so wie man den Son­nen­schirm rein­holt. Er wur­de aber auch rein­ge­holt, wenn er für zu viel Auf­se­hen unter den Nach­barn sorg­te. Man möch­te eben nicht zu sehr Dorf­tratsch­the­ma sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Sieg­fried Kau­der. Natür­lich darf ein jeder auch dort sei­ne eige­ne Mei­nung haben. Inwie­weit er sie breit­tre­ten darf, wird aber schon noch kon­trol­liert. Kon­trol­liert, nicht gemobbt, das ist der CDU wich­tig. So eine Mei­nung kann ja durch­aus nütz­lich sein, schließ­lich gibt es diver­se Mei­nun­gen in der CDU. Irgend­wen wird man da schon bedienen.

Nun muss der Sig­gi wohl im Vor­gar­ten gestan­den haben und jun­ge Men­schen kamen vor­bei. Die hat­ten sowas gemacht, wie ihre Mofas fri­sie­ren. Und, oh, wie ist der Sig­gi da ener­gisch gewor­den. Welch Fre­fel­tat. Welch Unge­zo­gen­heit. Das muss ver­bo­ten wer­den, strengs­tens. Da muss man mit Här­te ran­ge­hen. Damit die das mal ler­nen. Här­te und Stren­ge, nicht die neu­mo­der­ne Tät­schel­ver­weich­li­chung. Das war schon frü­her gut so. Aus uns ist ja schließ­lich auch was gewor­den. Sowas brüll­te der da im Vorgarten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa rein­ge­holt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Ein­zel­mei­nung, die hat weder ne Mehr­heit in unse­rem Haus, noch wird das ernst­haft mit­ge­tra­gen, was der da im Vor­gar­ten so raus­po­saunt hat. Alles wie­der gut, wir sind noch zurechnungsfähig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst neh­men würde.

Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hät­te frü­her unheim­lich ger­ne in etwas abge­half­ter­ten Bie­le­fel­der Knei­pen abge­han­gen. Irgend­wann wäre man dann dort bekannt, “das ist der Sacha da”, und, wenn man aus­hält, wür­de man auf Typen tref­fen, die einem die merk­wür­digs­ten Geschich­ten erzählen.
Sowas in der Art war das beim letz­ten Bie­le­fel­der Inter­net­ge­mein­de­treff, kurz Bib­lo­sta­ti, der Fall: Nach­dem der ers­te Bulk an Leu­ten die Heim­rei­se ange­tre­ten hat­te, und noch der har­te Kern im düs­te­ren Hin­ter­stüb­chen übrig blieb, kam ein erschüt­ter­ter Wom­ke vom stil­len Ört­chen zurück an den Stammtisch:

Also, das glaubs­te ja nicht. Da steht unser­eins pul­lernd am Pis­si­or, lehnt sich einer in mei­nen Bereich rüber und meint: “Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, mor­gen Geburts­tag. Komms­se vor­bei, wei­ße schon mal bescheid. Brings­te Wod­ka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann.” und lehnt sich wie­der weg.

Wir schüt­teln alle ver­wun­dert die Köp­fe, machen noch­mal kurz aus vol­le Glä­ser lee­re Glä­ser, da geht ne gute Stun­de spä­ter die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut’s? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach mor­gen ne Par­ty, seid ihr alle dabei, Ernst-Wiemann-Straße, gegen­über vom Krankenhaus-Mitte, bringt ihr Wod­ka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahr­rad drau­ßen ste­hen, super Ange­bot, kos­tet auf­fer Lis­te 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahr­rad? Hab ich beim Poker gewon­nen, lag ein Tau­sen­der aufm Tisch. Spit­zen­teil, kos­tet eigent­lich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damen­fahr­rad zuhau­se, Kett­ler, könnt ihr angu­cken, kommt ihr mit, ich muss noch­mal nach vor­ne, bis dann.

Ist ja super, den­ke ich. Eine Stun­de spä­ter und er hat immer noch den­sel­ben Geträn­ke­wunsch. Und wie­so hat er nicht den Tau­sen­der genom­men, wenn er gewon­nen hat? Naja, wir lachen etwas, machen noch­mal kurz aus vol­le Glä­ser lee­re Glä­ser und ten­die­ren dann ab zur The­ke. Am Ende der The­ke höre ich schon Uwe, der eine halb­vol­le Becks­fla­sche schief hal­tend sei­nem Neben­mann hinhält:

… is noch frisch. Ver­kauf ich dir für 1,50.

Ich beglei­che mei­nen Deckel und dann sehe ich, dass Uwe tat­säch­lich ein Fahr­rad neben sich in der Knei­pe ste­hen hat und er haut sei­nen Neben­mann noch mal kurz an:

… kos­tet auf der Lis­te 500, für dich 250!

bis der aus der Knei­pe flüch­tet. So schnell stei­gen die Fahr­rad­prei­se in der Tangente.

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