Hansen, Eric T. — Nörgeln !

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Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nör­gelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohl­ha­bend,
erbe dem­nächst ein König­reich,
und bin lei­der auch gut­aus­se­hend,
die sexy Ophe­lia macht mir durch­aus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lek­tü­re.

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Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

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Die­ses Buch war­tet mit diver­sen Anek­do­ten rund um Wiki­leaks, Wikileaks-Gründer Juli­an Assan­ge und Fol­ge­be­trach­tun­gen der Ver­öf­fent­li­chun­gen von Wiki­leaks auf, ufert nach der Hälf­te des Buches aber in Über­le­gun­gen über den rech­ten Jour­na­lis­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wir­ken. Also ein klas­si­sches SPIEGEL-Produkt. Tie­fe­re Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­se von Wiki­leaks gibt es nicht und auch ansons­ten bleibt der Blick meist außen vor.
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Bode, Thilo — Die Essensfälscher

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Es gab vor ein paar Jah­ren ja ein Buch, dass “End­lich Nicht­rau­cher” oder so hieß. damals habe ich von vie­len gehört, dass dies für sie ein Ende mach­te mit allen Selbst­täu­schun­gen über ihr Rauch­ver­hal­ten. Ähn­lich könn­te es Lesern bei der Lek­tü­re von Die Essens­fäl­scher. Was Lebens­mit­tel­kon­zer­ne uns auf die Tel­ler lügen von Thi­lo Bode, der­zeit auch in der Sach­buch­best­sel­ler­lis­te zu fin­den, gehen.
Bode ver­deut­licht, wie oft­mals ver­steckt zucker­hal­tig Vie­les im Super­markt ist, dass nicht Bewe­gung, son­dern Ernäh­rung das Pro­blem des all­ge­mein anstei­gen­den Über­ge­wichts ist, und wie faden­schei­nig Ver­brau­cher­po­li­tik und wie not­wen­dig ver­ständ­li­che Pro­dukt­in­for­ma­ti­on ist.

Das geht in die­sem Buch vor allem auf die Kap­pe der CDU. Für Bode ist das Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­ri­um von Ilse Aigner schlicht ein Lob­by­mi­nis­te­ri­um:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die For­de­rung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie sol­le sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, kei­ne Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum soll­te massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staat­li­che Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weni­ger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine ent­spre­chen­de Selb­stverpflich­tung abge­ben? Die For­de­rung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Bei­spiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die end­lich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müss­ten.

Aber auch Julia Klöck­ner, die gera­de ver­sucht, in Rheinland-Pfalz Minis­ter­prä­si­den­tin zu wer­den, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staats­se­kre­tä­rin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernäh­rung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »kei­ne wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »kei­nen Nut­zen« brin­ge. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tau­sen­den von Wis­senschaftlern und Ärz­ten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist sol­che Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch des­sen Wän­de nicht mehr dringt, was »drau­ßen« pas­siert.

Zwar ist Bode manch­mal etwas schwat­zend und wie­der­holt sich des öfte­ren. Aber die­ses Buch muss man der­zeit ein­fach gele­sen haben.

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Naturernte — Samenbasierte Rezepte

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Wir hat­ten ja schon lan­ge nichts Ekli­ges mehr hier, also so rich­tig Ekli­ges. Dem kom­men wir mal gera­de etwas ent­ge­gen. Fotie Pfo­ten­hau­er, ja genau, deeer Fotie Pfo­ten­hau­er hat ein neu­es Koch­buch raus­ge­ge­ben. Ange­prie­sen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Lei­den­schaft sind und kei­ne Angst haben vor neu­en Zuta­ten, wer­den Sie die­ses Buch lie­ben!

Da fühlt man sich ja gera­de­zu her­aus­ge­for­dert, zu die­ser exqui­si­ten Grup­pe von Köchen zu gehö­ren? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfo­ten­hau­ers neu­es Buch emp­foh­len: Kochen mit Sper­ma.

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Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

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Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schät­ze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benut­zend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Inner­lich­keit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebens­klu­ge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrie­ben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

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