Pirinçci, Akif — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­bü­re­ner mal wie­der in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijo­ma Man­golds Ver­riss von Akif Pirinçcis Deutsch­land von Sin­nen.

Pirinçci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesens­wer­ten Kat­zen­kri­mi geschrie­ben, der ein Best­sel­ler wur­de. Danach ver­such­te er die­se Roman­tier­form am Köcheln zu hal­ten, was leid­lich gelang. Lesens­wert ist das alles nicht. Nun hat er sei­ne Homo­pho­bie oder sein homo­pho­bes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit sei­ner Isla­mo­pho­bie zwi­schen Buch­de­ckel gepresst. Es ist das argu­men­ta­ti­ves Armuts­zeug­nis eines Haupt­schul­ab­sol­ven­ten, dem wei­te­re Bil­dung nie ein Bedürf­nis war, so dass er zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­form begrenzt sich auf das Dif­fa­mie­ren der als fun­da­men­ta­lis­tisch gekenn­zeich­ne­ten Gegen­po­si­ti­on, was sei­ne eige­ne, eben­so bloß daher­be­haup­te­ten Posi­tio­nen als rech­tens erwei­sen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mudda-Gene­ra­ti­on und für den Rest ein Fall fürs Alt­pa­pier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lo­se Frech­heit, die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung als einen Hau­fen von reak­tio­nä­ren, Nazis, ja, ver­hin­der­ten Mör­dern zu ver­un­glimp­fen, sobald sie mit­be­stim­men möch­te, mit wel­cher Sor­te von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­le­ben wünscht und mit wel­cher nicht. (Akif Pirinçci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schrei­ben, wenn man nicht ver­stan­den hat, was ein Rechts­staat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von die­sem auf­ge­wie­gel­ten Geschwätz anhei­zen und ver­gleicht das Mach­werk allen Erns­tes, unnö­ti­ger Wei­se und völ­lig unüber­zeu­gend mit Hit­lers Mein Kampf:

Die­ses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bramar­ba­sie­ren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stands­lo­sen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­um­pha­lis­ti­schen Ges­te der Ent­lar­vung von media­len Lügen­ge­spins­ten, in sei­ner Mischung aus Bru­ta­li­tät und Heu­le­rei erin­nert das Buch – ich schwö­re, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezo­gen in mei­nem Berufs­le­ben – an Adolf Hit­lers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hit­ler hat­te eine Agen­da, setz­te ent­spre­chend um, was er in sei­nem Buch anspinn­te, so höl­zern geschrie­ben es auch ist. Pirinçci schreibt nicht höl­zern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­gen­ar­tig. Man­gold heizt so den Shit­s­torm, den das eigent­lich in Rede ste­hen­de Buch ver­kör­pert, nur wei­ter an.

Ste­fan Wil­le­ke reagiert auf die Empö­run­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Auf­müp­fi­ge kon­tak­tiert. Dar­un­ter Herrn H. aus Ibben­bü­ren, der Man­golds Text wohl als “geis­ti­gen Dünn­pfiff” cha­rak­te­ri­siert hat. In die Fäkal­spra­che hat­te aller­dings auch Man­gold schon ein­ge­stimmt. Der ange­ru­fe­ne Herr H. legt zunächst ein­fach auf, wird aber ein zwei­tes Mal ange­ru­fen:

Dies­mal sagt er, bevor er auf­legt: “Mich inter­es­siert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.”

Schö­ne Replik, aller­dings nicht ganz so über­zeu­gend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redak­ti­on schreibt.

Wil­le­ke selbst ver­fängt sich im Shit­s­torm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Jour­na­lis­ten der gro­ßen Zei­tun­gen, unehr­lich? Man muss über uns kei­ne Stu­di­en anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stär­ker zum rot-grünen Milieu ten­die­ren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natür­lich leben wir viel zu oft in den­sel­ben bür­ger­li­chen Stadt­tei­len der­sel­ben Groß­städ­te, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Alt­bau, hohe Decken, Fisch­grät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homo­ge­ni­täts­fal­le der urba­nen Mit­tel­schicht ste­cken, wird nicht der Umkehr­schluss zuläs­sig, Pirinçci leis­te auf­rich­ti­ge Basis­ar­beit. Viel unheil­vol­ler ist es, wenn der Dem­ago­ge Pirinçci von sei­ner Bon­ner Vil­la aus die Geräu­sche der Stra­ße imi­tiert, um damit reich zu wer­den.

Ach Gott­chen. Wer Pirinçci Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter nicht pas­send ana­ly­sie­ren kann, ohne ihm der­art Din­ge zu unter­stel­len, der argu­men­tiert für Leser nicht grund­le­gend anders als Pirinçci selbst. Und wer bit­te­schön hat nach die­ser selbst­ver­lieb­ten Jour­na­lis­ten­flan­ke gefragt?

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Wel­ding, Malte — Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet | Das Liebesleben der anderen

Mal­te Wel­ding, Ver­siebt, ver­kackt, ver­hei­ra­tet: Vom Leben nach dem Hap­py End, 204 Sei­ten, Piper Taschen­buch (9,99€) und eBook (8,49€), 2012

Der Flie­ger star­tet mor­gen früh nach Ber­lin. Wir kom­men zum Früh­stück an, das ist wich­tig. Dann arbei­tet der gemei­ne Ber­li­ner und die Tou­ris­ten sind noch nicht aus­ge­schwärmt. Aber es ist echt früh, der Flie­ger geht um Sechsuhr­ir­gend­was. Ich been­de den Tag vorm Lap­top am Schreib­tisch, da kommt mir Mal­te Wel­dings neu­es Buch zu. Das letz­te war nicht ganz mein Fall. Aber viel­leicht das. Viel­leicht soll­te man es in Ber­lin lesen. Viel­leicht hilft das. Abge­macht. Wel­ding­le­sen in Ber­lin. Der Authen­ti­zi­tät wegen. (Viel­leicht meint nun der ande­re oder eine, dass das nicht fair ist: Sein eige­nes Emp­fin­den und das Bespre­chen eines Buches zu ver­mi­schen. Wer das aus­ein­an­der­hal­ten möch­te, lese im Fol­gen­den ein­fach nur den ein­ge­rück­ten Text.)

Um zunächst etwas zum Autor ver­lie­ren: Mal­te Wel­ding ist Kolum­nist der Ber­li­ner Zei­tung und in Inter­net­krei­sen als Blog­ger bekannt gewor­den. Er hat schö­ne Arti­kel zu Spree­blick bei­ge­tra­gen, sol­che die man jetzt dem Blog wie­der wünscht. Dane­ben hat er für die Blogs Foo­li­gan, Neue Boden­stän­dig­keit und Deus ex machi­na geschrie­ben. 2010 erschien sein ers­tes Buch Frau­en und Män­ner pas­sen nicht zusam­men — auch nicht in der Mit­te.

Der Flie­ger erhebt sich am fol­gen­den Tag pünkt­lich um 6.40 Uhr in die Lüf­te. Die Ste­war­des­sen set­zen zu ihrer Mor­gen­gym­nas­tik an und ich schla­ge die ers­ten Sei­ten auf.

Das Buch han­delt von den drei Brü­dern Roman, Ben, Paul sowie Pauls Freund Jimo, deren Bekannt­schaft Wel­ding hat und die es nach dem Abitur von Aachen nach Ber­lin ver­zieht. Alle­samt ste­cken sie in Bezie­hun­gen, die ins Sto­cken gera­ten. Wel­ding scheint sie pri­vat zu ken­nen. Wird das jetzt eine Freun­des­ana­ly­se? Oder ein Roman und mehr als man meint ist fik­tiv? Alles bleibt etwas dun­kel für den Leser, der ins kal­te Was­ser gewor­fen wird. War­um sind die Geschich­ten der vier so inter­es­sant? Ich füh­le mich an Mar­cel Reich-Ranicki erin­nert, der mal mein­te, er wol­le nur noch Pro­blem­schil­de­run­gen von Intel­lek­tu­el­len lesen. Ich kann das gut ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber ein­fa­che Lite­ra­tur zu schät­zen weiß. Es muss nicht immer Kavi­ar sein. Aber weil ich eben Lie­bes­pro­ble­ma­ti­sie­run­gen in der Pop­kul­tur von David Bad­diel bis Ver­rückt nach dir inhalt­lich durch­wa­ten habe, fragt sich doch: Was bie­tet die­ses Buch neu­es? Außer dass es ein Fri­ends aus Ber­lin zu sein scheint? Der Blick in Bezie­hun­gen “nach dem Hap­py End”? Viel­leicht ist das Buch eher für Leu­te, die nur Lie­bes­fil­me ken­nen.

Als wir wie­der fes­ten Boden unter den Füßen haben, bemer­ke ich, dass in Ber­lin ja noch Win­ter ist. Min­des­tens 7 Grad weni­ger als in Düs­sel­dorf. Es herrscht inter­kon­ti­nen­ta­les Kli­ma, wie ich mich aus dem Sach­un­ter­richt zu erin­nern glau­be. Der war aber auch vor der Wen­de. Ich habe Durst und zie­he mir was am Auto­ma­ten. Mei­ne Freun­din fängt laut­hals an zu lachen, als sie die Büch­se sieht und ber­li­nert:

Ditt kenn­wa im Wes­ten ja schon janich mehr: Dosen ohne Pfand!

Die S-Bahn ver­spä­tet sich, ich kra­me mei­ne Lek­tü­re raus:

Wel­ding stellt jedem Kapi­tel Zita­te vor­an. Sowas mag ich ja gar nicht. Die Zita­te sind nicht son­der­lich vom­ho­ckerhau­end, haben mit dem was folgt auch nicht direkt zu tun. Ich über­le­se sie kon­se­quent. Die drei Brü­der ste­cken in Bezie­hun­gen: Roman hat Mia gehei­ra­tet, Mia trennt sich gera­de von Paul und Ben ist mit Jui­la Mia zusam­men. Was sind das nun also für Leu­te?

Wir che­cken bei mei­nem Freund am Ost­kreuz ein und ler­nen Maren ken­nen, die auch dort wohnt. Sie hat Medi­zin stu­diert, aber nicht zu ende, ist Mit­te 30 und sat­telt nun zur Immo­bi­li­en­mak­le­rin um. Die letz­te Prü­fung hat sie in Ber­lin ver­passt, kann sie aber, was sie heu­te erfah­ren hat, in Ros­tock able­gen. Und hin­ter­her viel­leicht noch etwas stu­die­ren — was man in Ber­lin eben so macht. Über die Brü­cke am Ost­kreuz ver­schlägt es uns in das Dat­scha. Es gibt schwe­res rus­si­sches Früh­stück…

… und Zeit zum lesen:

Zunächst ler­nen wir Roman und Paul ken­nen, nach­dem Gre­ta Paul, der sich gera­de auf einem LSD-Trip befin­det, den Lauf­pass gege­ben hat. Von Roman und Gre­ta erfah­ren wir, dass bei­de ein Kind bekom­men wol­len, aber etwas kon­tra­pro­duk­ti­ver­wei­se das mit dem Sex gera­de so gar nicht läuft. Von Ben wis­sen wir, dass er Archi­tek­tur stu­diert oder stu­diert hat und Paul ist ehr­geiz­lo­ser Rechts­an­walt. Die Beru­fe spie­len aber im Fol­gen­den kei­ne son­der­li­che Rol­le. Mia hängt an Roman, viel­leicht etwas lei­den­schaft­li­cher als umge­kehrt, Gre­ta scheint eine gut­aus­se­hen­de, wil­lens­star­ke Frau zu sein. Gene­rell bleibt es aber bei Typi­sie­run­gen der Cha­rak­te­re, ein eige­nes Bild will sich kaum ein­stel­len. Die Ker­le kom­men mir vor wie phan­ta­sie­lo­se, unlus­ti­ge Tunicht­guts. Wenig inspi­rie­rend — weder zum Inter­es­se an den Cha­rak­te­ren, noch zum Wei­ter­le­sen.

Als wir nach­mit­tags so durch den Osten schlen­dern, fal­len mir die tra­di­tio­nel­len Ber­li­ne­risms auf. In der Stra­ßen­bahn hat gefühlt jeder Zwei­te eine Bier­fla­sche dabei, im Osten fla­nie­ren Hun­de­köt­tel die Geh­we­ge, es herrscht distan­zier­te Humor­lo­sig­keit, hek­ti­sches Gehen, Gedrän­gel, und man sieht, was Frau­en in Ber­lin für Mode hal­ten: Knal­len­ge Legg­ins zu dun­kel­wat­tier­ten Ret­tungs­wes­ten. Oder wie mei­ne Freun­din sich aus­drückt:

Hier lau­fen selbst die ganz hüb­schen Mäd­chen auf häss­lich getrimmt rum.

Als irgend­wo wasch­ech­te Düs­sel­dor­fe­rin zieht es sie in eine der 111 Sehens­wür­dig­kei­ten des Sehens­wür­dig­kei­ten­bu­ches, das in Ber­lin die Tou­ris­ten erkenn­bar macht: Das ganz­jäh­ri­ge Ver­klei­dungs­ge­schäft.

Wäh­rend sie den Laden aus­ein­an­der­nimmt und sich schließ­lich für eine über­di­men­sio­nier­te Geburts­tags­bril­le, sowie 30er Absperr­band und Warn­schil­der für ihren Geburts­tag ent­schei­det, lese ich…

… einen Witz. Tat­säch­lich. Ich lache auf Sei­te 130. So, dass eini­ge mich schon komisch anschau­en. Öffent­li­ches, spon­ta­nes Lachen in Ber­lin ist so eine Sache. Ich wer­de aber qua­si mit die­ser Stel­le etwas wär­mer mit dem Buch. Ich den­ke nicht mehr ans Weg­le­gen. Immer­hin so gut muss die Lek­tü­re sein. Man kann sie wei­ter­le­sen. Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, dass man sich, viel­leicht wie in einem Roman, mit irgend­ei­ner Figur der­art anfreun­det, dass man mit­fie­bert. Pus­te­ku­chen. Dafür gibt es Name­drop­ping: Daw­kins, Pin­ker und die Inter­net­aus­steck­anek­do­te von Fran­zen. Jaja.

Am nächs­ten Mor­gen hole ich Bröt­chen, Saft und Milch. Die B.Z. titelt “ENDLICH! Sauf Ver­bot in der BVG”. Kri­tik wird hier ja schnell umge­setzt, den­ke ich. Ubrin­gens: Die schmie­ri­gen Graf­fi­ti sind auch schei­ße! Ich gelan­ge zur Bröt­chen­the­ke, an der ich mich nicht ent­sin­nen kann, wie Ber­li­ner noch mal in Ber­lin hei­ßen, ler­ne dage­gen: “Good Coo­kies go to hea­ven, bad coo­kies go to…”

Als ich mit den Früh­stücks­sa­chen wie­der in die Woh­nung kom­me, erzählt Maren, dass sie nun eine Woh­nung in Ros­tock hat. Dafür die Prü­fung aber nicht machen kann. Ist nicht immer alles Ein­bahn­stra­ße. Zum Mit­tag­essen zieht es mei­ne Freun­din und mich wie­der in den Osten. Hin­ter den Hacke­schen Höfen ist Sushi ange­sagt. Das Sushi kann es mit den Düs­sel­dor­fern auf­neh­men. Da ich weni­ger Tel­ler ver­put­ze als mei­ne Beglei­tung…

… und mir die dor­ti­gen Klei­dungs­fach­ge­schäf­te nicht so zusa­gen wie mei­ner Freun­din, blät­te­re ich etwas.

Die han­deln­den Per­so­nen im Buch las­sen sich offen­bar immer von irgend­wel­chen Gefüh­len trei­ben. Man erfährt eigent­lich zu wenig über wirk­li­che Grün­de. Alles bleibt Spe­ku­la­ti­on, alle Ver­än­de­rung wirkt wie Ein­bahn­stra­ße. Das Buch ver­lei­tet, selbst über Pär­chen nach­zu­den­ken. Ich habe nach mei­ner Abi­zeit selbst ger­ne Pär­chen ana­ly­siert, nach Zie­len gefragt, über das Wohl­be­fin­den der ein­zel­nen Part­ner nach­ge­dacht. Ein­mal habe ich das einem Bekann­ten vor­ge­legt, wor­auf die­ser mein­te: “Japp, das klingt alles schlüs­sig. Und ich glau­be auch nicht, dass Bezie­hun­gen immer son­der­lich glück­lich sind unterm Strich. Aber viel­leicht sind die damit zufrie­den.” Da habe ich mich ange­fan­gen, mich in Zurück­hal­tung zu üben, was ande­re Pär­chen angeht.

Als wir den Rück­weg antre­ten — Rot­front tritt abends für lau im So36 auf-, kommt uns in Form drei­er Per­so­nen Mia. ent­ge­gen. Sagt zumin­dest mei­ne Freun­din. Ich habe nur Augen für die schul­ter­be­pols­ter­ten Lila­an­zü­ge, die mir einen Tick zu metro­se­xu­ell vor­kom­men. Die blon­de Beglei­tung ist zu klein, um mir auf­zu­fal­len. Kann sein, dass das Miet­ze war. Oder auch nicht.

Auf dem Rück­weg kom­men wir am St. Ober­holz vor­bei, uns ver­schlägt es aber in Unser Haus am Meer. Mei­ne Freun­din klagt seit 2 Tagen über Sei­ten­ste­chen. Blind­darm, even­tu­ell. Kann sein, mein­te Maren. Ich las­se mir das Wlan-Passwort geben und goog­le die 5 typi­schen Kenn­zei­chen einer Blind­darm­ent­zün­dung. Ihre Weh­weh­chen qua­li­fi­zie­ren nicht für was mit Blind­darm.

“Wan­der­schmerz”, lese ich vor. “Ja, jetzt, wo du’s sagst: im Rücken zieht was!” — “Nee, das soll hei­ßen, der Schmerz wan­dert zum Blind­darm hin, nicht quer durch den Kör­per.” — “Ach, so.”

Ihr geht es schlag­ar­tig bes­ser. Und wäh­rend sie her­aus­zu­fin­den ver­sucht, wer die über­bo­tox­te Frau im roten Kleid auf der ande­ren Sei­te ist, und ob sie ihren Beglei­ter aus dem Fern­se­hen kennt, lese ich das Buch zu ende.

Das Buch ist zu ende gele­sen und ver­han­delt. Das Ende wird nicht ver­ra­ten. Wir erfah­ren mehr über Bens Dreier­er­fah­rung, Jimos Fami­li­en­pla­nung und die Eltern der drei Brü­der. Soviel sei gesagt.

Was rate ich nun einem poten­ti­el­len Leser? Viel­leicht das, was man einem zu Ber­lin auch emp­feh­len wür­de: Man soll­te es selbst erkun­den. Ich hal­te mich nicht für son­der­lich reprä­sen­ta­tiv, um die­ses Buch geschmack­lich genau ein­zu­ord­nen. Dazu hat man, gera­de was Lie­be als The­ma angeht, doch viel Gepäck immer mit dabei.

Ob die­ses Buch was für Sie ist, mein geneig­ter Leser, müs­sen sie selbst her­aus­krie­gen. Viel­leicht haben Sie durch die vor­an­ge­gan­gen Zei­len etwas Appe­tit bekom­men.

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Dobelli, Rolf- Die Kunst des klaren Denkens

buchleserTja, hier liegt das Ansin­nen des Buches schon ver­korkst im Titel vor: Kla­res Den­ken ist kei­ne Kunst. Es ist eine Metho­de, nichts um ande­re vor­ran­gig zu beein­dru­cken. Aller­dings eine, auf die sich der Autor zumin­dest in die­sem Buch gar nicht ver­steht.

Das Buch ent­hält Feuilleton-Artikel, in denen Anek­do­ten ver­bra­ten wer­den, in denen eine auf Vor­ur­tei­len basie­ren­de Pro­blem­lö­sung dar­ge­stellt wird. Danach fol­gen Ein­wän­de gegen hier­ge­gen. Das Buch soll nicht auf­klä­ren, son­dern unter­hal­ten und indem es zu unter­hal­ten ver­sucht, hat es mit kla­rem Den­ken schon wie­der nichts am Hut.

Da wer­den z.B. Wun­der als “unwahr­schein­li­che Ereig­nis­se” inter­pre­tiert. Ein Wun­der ist dabei aber eigent­lich klas­sisch betrach­tet eine Wir­kung in der Welt ohne kau­sa­le Ursa­che. Eine Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung hat damit streng genom­men gar nichts zu tun. Dobel­li redet kon­se­quent am The­ma vor­bei. So soll man einen Deal immer unab­hän­gig vom Ver­käu­fer abwi­ckeln. Wenn Sie jetzt nach­fra­gen: Wie­so immer? — das Buch gibt auf sol­che auf der Hand lie­gen­den Fra­gen kei­ne Ant­wort. Der Autor behaup­tet ein­fach nur rum. Kla­res Den­ken sieht anders aus.

Iro­nie der Geschich­te: Einem Bekann­ten von mir wur­de das Buch geschenkt mit der begrün­dend wir­ken­den Wid­mung, das Buch sei auf Grund sei­ner Erst­plat­zie­rung in der Spiegel-Bestseller-Liste aus­ge­wählt wor­den. Viel­leicht hät­te man sich doch erst mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sol­len.

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Naturernte — Samenbasierte Rezepte

buchleser

Wir hat­ten ja schon lan­ge nichts Ekli­ges mehr hier, also so rich­tig Ekli­ges. Dem kom­men wir mal gera­de etwas ent­ge­gen. Fotie Pfo­ten­hau­er, ja genau, deeer Fotie Pfo­ten­hau­er hat ein neu­es Koch­buch raus­ge­ge­ben. Ange­prie­sen wird es wie folgt:

Wenn Sie Koch aus Lei­den­schaft sind und kei­ne Angst haben vor neu­en Zuta­ten, wer­den Sie die­ses Buch lie­ben!

Da fühlt man sich ja gera­de­zu her­aus­ge­for­dert, zu die­ser exqui­si­ten Grup­pe von Köchen zu gehö­ren? Oder nicht? Wen es anspricht, dem sei also Fotie Pfo­ten­hau­ers neu­es Buch emp­foh­len: Kochen mit Sper­ma.

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Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout

buchleser

Mir ist Miri­am Meckel das ers­te Mal auf­ge­fal­len, als sie damals in den Schlag­zei­len stand, jüngs­te deut­sche Pro­fes­so­rin in Müns­ter gewor­den zu sein. Und auch da schon war irgend­et­was, was mich intui­tiv an ihr stör­te. Dabei ist Miri­am Meckel grund­sym­pa­thisch, soweit ich sie ken­ne, über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, gut­aus­se­hend, offen, sie hat die­se geis­ti­ge Unei­tel­keit, die ich sehr an Men­schen schät­ze.

Ich erfuhr, dass sie nach eige­ner Aus­sa­ge einen Bur­nout hat­te, ein Buch dar­über geschrie­ben hat, dass aller­dings eini­ge Leser den Inhalt für nicht so lebens­nah hiel­ten. Ich dach­te, dass da eben das zum Tra­gen kam, was mich auch irgend­wie stör­te. Aber aus­for­mu­liert hat­te ich das bis­her nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unre­gel­mä­ßig, kom­men­tier­te nichts, kauf­te nicht ihre Bücher.

Heu­te sprang mir beim Durch­blät­tern der Süd­deut­schen Zei­tung ins Auge, dass es eine ganz­sei­ti­ge Bespre­chung ihres Buches oder des­sen The­mas gab. Ich fühl­te die­sen intui­ti­ven Stör­fak­tor, der mir sag­te, dass dies nach ers­ter Ein­schät­zung nur eine unkri­ti­sche Buch­be­schrei­bung sein kön­ne, las dann aber Jens Bis­ky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemä­ßig­tem Inter­es­se bis zu der Stel­le, die mich die Zei­tung begeis­tert weg­le­gen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stel­len wohl, um den Punkt rich­tig zu set­zen. Der abschlie­ßen­de Brief — “Lie­bes Leben” — for­mu­liert in Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit einen Anspruch, den in den vier­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Karl Marx erhob, die For­meln der Hegel­schen Phi­lo­so­phie benut­zend.

Der saß.

Nicht die Bis­ky­sche Erin­ne­rung an Marx. Die Flos­keln the­ra­pier­ter Inner­lich­keit. Es ist einer­seits das Tol­le der deut­schen Spra­che, das hier zum Aus­druck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie ande­re, aber mit­un­ter krie­gen sie Begriffs­zu­sam­men­stel­lun­gen vor­ge­setzt, die sie selbst ent­fal­ten müs­sen, um zu erken­nen, was sich der Red­ner wie zusam­men­ge­reimt hat. Ande­rer­seits trifft es auch die Stö­rung, die ich bei Miri­am Meckel so den­ke. Die Rede von den Flos­keln the­ra­pier­ten Inner­lich­keit lässt doch bei Meckel die Fra­ge stel­len: War­um über­nimmt sie Flos­keln, die in einer The­ra­pie auf­tau­chen bei einem so per­sön­li­chen Pro­jekt wie der eige­nen Inner­lich­keit?

Irgend­wie ist es das, was mich an Meckel stör­te, ohne sie des­we­gen unsym­pa­thisch zu fin­den: Das Ste­hen­blei­ben an einem gewis­sen Punkt, das geis­ti­ge Sich-Abfinden mit einer erreich­ten Höhe. Eigent­lich ist ein sol­ches Rum­mä­keln unge­hö­rig, es ist nur des­we­gen zuläs­sig, weil Meckel eben durch­aus was drauf hat.

Bis­ky setzt die­sen Tref­fer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stamp­fen, son­dern er fin­det fol­gen­den Schluss

Meckels Brief ans eige­ne Leben for­dert die indi­vi­du­el­le Unver­füg­bar­keit von den Übungs­lei­tern, Sys­tem­op­ti­mie­rern und Geschäfts­füh­rern zurück, for­dert sie auch gegen das eige­ne, not­wen­dig in der Kul­tur der Gren­zen­los­kig­keit befan­ge­ne Ich. Man muss Reser­ven in sich selbst bereit­hal­ten. Reser­va­te im Innern sorg­sam bewa­chen. Das ist kei­ne gro­ße, erst recht kei­ne radi­ka­le Lösung, aber eine lebens­klu­ge.

Die­ser Text aber ist ein gro­ßer, so einen krie­gen nur weni­ge geschrie­ben.

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Jens Bis­ky — Ein erzwun­ge­nes, will­kom­me­nes Ende der Ver­läss­lich­keit, Süd­deut­sche Zei­tung, 16.03.2010

[P.S. Dage­gen hät­te sich die Süd­deut­sche Zei­tung die Ver­öf­fent­li­chung die­ses vor­ein­ge­nom­men alt­klu­gen Arti­kels von Sari­na Plauth lie­ber gespart.]

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