Guten Morgen, liebe Folglinge! ☕

Die neue Sperrfreudigkeit von Twitter

Ich habe seit eini­ger Zeit schon mit­be­kom­men, dass bei Twit­ter neue Accounts mit­un­ter umge­hend gesperrt wer­den, weil wie auch immer geahn­de­tes ver­däch­ti­ges Ver­hal­ten erkannt wur­de. Der jewei­li­ge Account ist dann nur gebrauch­bar, wenn man sich mit einer Han­dy­num­mer ausweist. 

Jetzt ist mir auch ein alter Account gesperrt wor­den, und mir scheint das Fol­gen­de die Twitter-Regel zu sein, gegen die ich mit dem Zweit­ac­count verstoße:

Das Anle­gen meh­re­rer Accounts mit über­schnei­den­der Ver­wen­dung, oder um der vor­über­ge­hen­den oder dau­er­haf­ten Sper­rung eines sepa­ra­ten Accounts zu ent­ge­hen, ist nicht erlaubt.

Da ich weder Inter­es­se habe, mit Twit­ter dar­über zu dis­ku­tie­ren, noch denen mei­ne Han­dy­num­mer geben wer­de, nut­ze ich Twit­ter dann eben ein­fach weni­ger und lösche die­ses Kon­to las­se das Kon­to verwaist.

Bildschirmschau 2016

2016-01-04-11-25-18

Viel­leicht wird es auch mal eine klei­ne Serie, jähr­lich auf sei­nem Smart­pho­ne zu schau­en, in wel­che Rich­tung es da ab geht. 2016 sieht es auf mei­nem Firefox-Telefon so aus:

20 Apps oder Ver­lin­kun­gen befin­den sich auf dem ers­ten Bild­schirm. Ziem­lich selbst­ver­ständ­lich sind der Brow­ser, das Pod­cast­hör­pro­gramm, das Twitter-/ADN-Program Macaw, der Feed­re­ader, der EPu­bre­ader, die FAZ-App, die Facebook-App, das Musik­pro­gram, die ZDF-Mediathek, die Kicker-App, die Taschen­lam­pe, die Kame­ra samt Gale­rie, die Kame­ra, das Tele­fon, E-Mail und Notizen.

Hin­ter sta­tus befin­det sich die Gnu Social-App für mei­ne eige­ne Gnu Social-Installation. Die Dial-Radio-App ist die schöns­te App mei­nes Erach­tens: Eine Radio-App mit Wähl­schei­be, über die favo­ri­sier­te Radio­sen­der und loka­le ange­zeigt werden.

Die ZDF-Mediathek ist die ein­zi­ge deutsch­spra­chi­ge Fernsehsender-App für Fire­foxOS. Ich nut­ze sie sel­ten, aber es ist nett, beweg­te Nach­rich­ten in Reich­wei­te zu haben. Open­Wapp ist der Whats-App-Klon des Systems.

Auf den hin­te­ren Plät­zen befin­den sich noch Wörterbuch-, Stadtplan-, Foto-, Blog-, Audio- und Spiele-Apps, aber ich ver­wen­de an sich mein Smart­pho­ne nur gele­gent­lich, von daher spie­len die wirk­lich kei­ne gro­ße Rolle.

Die Top10-Alben 2015

2015 war das Jahr, in dem gleich zwei Ibben­bü­re­ner Musik­dar­bie­ter in die Top-5 der deut­schen Album-Charts stie­ßen, bei­de Alben haben aber in den Top-10 des Jah­res nichts ver­lo­ren und damit Büh­ne frei:

10. Death Cab For Cutie — Kintsugi
Das vor­erst letz­te Album mit Song­schrei­ber Chris Wal­la kommt ange­nehm unauf­ge­regt daher:

9. Mum­ford & Sons — Wil­der mind
Die Bri­ten las­sen mehr elek­tro­ni­sche Musik­in­stru­men­te zum Zuge kom­men, was viel­leicht nicht ganz die Vor­gän­ger erreicht, aber den­noch gut hör­bar ist:

8. Ade­le — 25
Man kommt nicht an ihr vor­bei, wenn auch das drit­te Album hin­ter den Erwar­tun­gen und dem Niveau der Vor­gän­ger zurück bleibt:

7. Ellie Goul­ding — Delirium
Flot­ter Pop, bei dem man von der Über­kan­di­de­lie­rung mal abse­hen sollte:


6. Eric Church — Mr. Misunderstood

Der Ame­ri­ka­ner über­zeugt aber­mals mit sei­nem 8. Album und rocki­gem Country-Sound:

5. Blur — The magic whip
Blur sind wie­der da, klin­gen wie immer, und das ist auch gut so:

4. Mylè­ne Far­mer — Interstellaires
Die gran­de dame der fran­zö­si­chen Pop­mu­sik über­zeugt ein wei­te­res Mal mit einem fast schon rou­ti­nier­tem Album:

3. John Grant — Grey Tick­les Black Pressure
Wun­der­ba­rer, wenn auch düs­te­rer Elektro-Sound des mul­ti­lin­gua­len Bri­ten, den man unbe­dingt mal live gese­hen haben muss:

2. Chris­ti­an Steif­fen — Feri­en vom Rock’n’Roll
Platz 63 der deut­schen Album Charts drückt etwas aus, wie unter­schätzt Chris­ti­an Steif­fen noch ist. Denn hin­ter der Schla­ger­fas­sa­de ver­birgt sich nichts weni­ger als die Erwei­te­rung der deut­schen Musik um die gefei­er­te, befrei­en­de Besin­nung auf die eige­ne, aus­rei­chen­de Sub­jek­ti­vi­tät ange­sichts gesell­schaft­li­cher und zwi­schen­mensch­li­cher Ansprü­che, die das deut­sche Spie­ßer­tum aus­ma­chen. Oder wie es eine Dame ver­ständ­li­cher auf den Punkt gebracht hat: “Man wür­de es nicht so sagen, aber man denkt das­sel­be.” Jetzt schon ein Klas­si­ker, des­sen Aro­men man sich lang­sam nähern muss wie denen eines guten Whiskeys.

1. Elle King — Love Stuff
Platz 1 belegt eine New­co­me­rin, die ein abwechls­ungs­rei­ches, nie lang­wei­li­ges Album vor­legt, des­sen ers­te Sin­gle auch in spä­te­ren Jah­ren noch ange­spielt wer­den kann:

Guten Morgen

Morgenkaffee

Eine lan­ge Zeit waren die­se mor­gend­li­chen Ein­trä­ge ja Rou­ti­ne bei mir und sind oft auch viel zu rou­ti­niert run­ter­ge­r­at­tert wor­den. Ein wenig mehr Kon­zen­tra­ti­on bei der Sache ist da sicher­lich mal ne Maß­nah­me — nicht mehr Arti­kel ver­lin­ken, die man nicht gele­sen hat. Also ab dafür.

Wolf­gang Bau­er beschreibt jeman­den, der für 6 Jah­re in den Bau geht.

In Grie­chen­land wird ein Ruck­sack am Strand ange­spült. Mal­te Henk geht sei­ner Geschich­te nach.

Pan­kaj Ishra beschreibt, dass Reli­gi­on beim IS nur Ideo­lo­gie ist.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Drif­tet man im Netz zu schnell ab? hole ich mir erst­mal noch einen Kaffee.

NRW-SPD bei “menschlicher” Abschiebung umgefallen

Innen­mi­nis­ter Jäger so:

Was wir in Nordrhein-Westfalen nicht tun wer­den, ist in den frü­hen Mor­gen­stun­den plötz­lich bei irgend­ei­ner Fami­lie auf­zu­tau­chen, die Kin­der aus dem Bett zu zer­ren und dann eine Abschie­bung durchzuführen

Rea­li­tät so: Ding dong

Es geht doch

Schopenhauer über too much information

Ich neh­me selbst­ver­ständ­lich gleich zurück, dass sich Arthur Scho­pen­hau­er über too much infor­ma­ti­on geäu­ßert hat. Er for­der­te aller­dings, dass sich ein den­ken­der Geist mit guten, nicht mit bloß popu­lä­ren Büchern beschäf­ti­gen sol­le. Alles ande­re ver­der­be den Geist. Kei­ne all­zu leich­te Posi­ti­on: Auch unter­hal­ten­de Lite­ra­tur kann für den Geist erqui­ckend und — wie man so schön sagt — geist­reich sein, auch wenn die Lehr­sam­keit hin­ten ansteht.

Ich habe too much infor­ma­ti­on in die­sem Blog immer so auf­ge­fasst, als dass dem Inter­net­sur­fer online und über ande­re Medi­en immer wie­der Infor­ma­tio­nen zuge­tra­gen wer­den, die streng genom­men nicht son­der­lich lehr­reich sind, schlimms­ten­falls bös­wil­lig irre­füh­rend. Und schon bin ich nahe am Scho­pen­hau­er­schen Gedan­ken: Muss ich nicht flux den Blick abwen­den, wenn ich auf schlech­te Infor­ma­ti­ons­quel­len sto­ße? Habe ich nicht zu Fil­tern beim gro­ßen Infor­ma­ti­ons­an­ge­bot, dass das Inter­net beinhal­tet? Wor­auf ist zu ach­ten? Las­sen wir ein­mal den Phi­lo­so­phen selbst spre­chen:

Daher ist, in Hin­sicht auf unse­re Lek­tü­re, die Kunst, nicht zu lesen, höchst wich­tig. Sie besteht dar­in, dass man Das, was zu jeder Zeit so eben das grö­ße­re Publi­kum beschäf­tigt, nicht des­halb auch in die Hand neh­me, wie etwa poli­ti­sche oder kirch­li­che Pam­phle­te, Roma­ne, Poe­si­en u. dgl. m., die gera­de eben Lärm machen, wohl gar zu meh­re­ren Auf­la­gen in ihrem ers­ten und letz­ten Lebens­jah­re anfan­gen: viel­mehr den­ke man als­dann, daß wer für Nar­ren schreibt alle­zeit ein gro­ßes Publi­kum fin­det, und wen­de die stets knapp gemes­se­ne, dem Lesen bestimm­te Zeit aus­schließ­lich den Wer­ken der gro­ßen, die übri­ge Mensch­heit über­ra­gen­den Geis­ter aller Zei­ten und Völ­ker zu, wel­che die Stim­me des Ruh­mes als sol­che bezeich­net. Nur die­se bil­den und beleh­ren wirklich.

Vom Schlech­ten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen: schlech­te Bücher sind intel­lek­tu­el­les Gift, sie ver­der­ben den Geist. – Weil die Leu­te, statt des Bes­ten aller Zei­ten, immer nur das Neu­es­te lesen, blei­ben die Schrift­stel­ler im engen Krei­se der cir­ku­li­ren­den Ide­en und das Zeit­al­ter ver­schlammt immer tie­fer in sei­nem eige­nen Dreck.

Es ist ganz inter­es­sant, dass in eng­li­schen Über­set­zun­gen frei wei­ter­ge­spon­nen wird:

In order to read what is good one must make it a con­di­ti­on never to read what is bad; for life is short, and both time and strength limited.

Oder die­se Übersetzung:

schopenhauergoodbooks

Lud­wig Mar­cu­se hat vor mehr als 50 Jah­ren auf­ge­for­dert, sich ein­mal mit die­sen Gedan­ken in aktua­li­sier­ter Form aus­ein­an­der zu set­zen. Die eng­li­schen Zita­te sind dann auch eher als eine Inter­pre­ta­ti­on des eigent­li­chen Gedan­kens zu sehen.

Schon am Anfang habe ich gegen Scho­pen­hau­er ein­ge­wen­det, dass unter­halt­sa­me, nicht lehr­rei­che Lite­ra­tur für den Geist sinn­voll sein kann, ohne ihn zu ver­der­ben. Das wider­spricht sei­nem Gedan­ken nicht voll­kom­men: Ich habe bei­spiels­wei­se für ein Lokal­blog im Müns­ter­land ein­mal ange­fan­gen, Müns­ter­land­kri­mis zu lesen. Anfangs mit einem gewis­sen Ansporn, irgend­wann mit star­ker Ableh­nung. Und das aus unge­fähr dem, was Scho­pen­hau­er gegen schlech­te Lite­ra­tur anführt: Nicht die Qua­li­tät des Tex­tes steht bei der Ver­öf­fent­li­chung eines Buches im Vor­der­grund, son­dern die Geld­ma­che­rei oder das Ego des Schrei­bers. Das ist Schrift­stel­lern nicht grund­sätz­lich anzu­krei­den, nur für gebil­de­te Leser eben ein Hin­der­nis für eine wei­te­re Lektüre.

Und die­ses Hin­der­nis wie­der­um besteht dar­in, dass die Lek­tü­re für den Leser nicht geist­reich ist, sie ver­setzt einem, psy­cho­lo­gisch gespro­chen, kei­ne Kicks. Da Lesen oft­mals sowie­so kei­ne leich­te Ange­le­gen­heit ist, wird eine Lek­tü­re so schnell zur Belastung.

Um nun aber bei Lite­ra­tur zwi­schen guter und schlech­ter zu unter­schei­den, braucht es Lek­tü­re und eben auch Lek­tü­re schlech­ter Bücher, um gute erken­nen zu kön­nen. Nur die boden­los schlech­te, die man an Ver­kaufs­form des Medi­ums, Titel, The­ma, spä­tes­tens beim ers­ten Lese­ein­druck erkennt, fällt mei­nes Erach­tens genau in Scho­pen­hau­ers zu igno­rie­ren­de Literatur.

Wobei heut­zu­ta­ge das Para­do­xon zu Tage tritt, dass es wohl kaum jemals mehr zu lesen gab und es doch so schwie­rig erscheint, an gute Lite­ra­tur zu bekom­men. Oder ken­nen noch jemand eine ver­trau­ens­wür­di­ge Buch­hand­lung, die von einer bestimm­ten Lek­tü­re abrie­te, wo man doch ein Geschäft machen könnte?

Botho Strauß’ Deutschlandsorge

Wer hat Botho Strauß nur so ins Hirn geschissen?

Die Sor­ge ist, dass die Flu­tung des Lan­des mit Frem­den eine Mehr­zahl sol­cher bringt, die ihr Fremd­sein auf Dau­er bewah­ren und beschüt­zen. [..] Dank der Ein­wan­de­rung der Ent­wur­zel­ten wird end­lich Schluss sein mit der Nati­on und ein­schließ­lich einer Natio­nal­li­te­ra­tur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folg­lich sei­ne Hoff­nung allein auf ein wie­der­erstark­tes, neu ent­ste­hen­des „Gehei­mes Deutsch­land“ richten.”
                     Botho Strauß: Der letz­te Deutsche

Da fällt mir immer das ein:

Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deut­schen Zei­tung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­ti­on beschäf­tigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Toch­ter ihr eine Fra­ge gestellt hat, bei der Ant­wort aber gar nicht lan­ge zuge­hört hat, weil — auf Nach­fra­ge — die Ant­wort ihr nicht hilf­reich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht mora­lisch gebo­ten sei, als Fra­gen­der unab­hän­gig vom eige­nen Gedan­ken, ob die Ant­wort hilf­reich ist, der Ant­wort zuzuhören.

Erlin­ger meint, dass es bei die­sem Fall u.a. um die Fra­ge gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhö­ren muss, fin­det. Offen­bar ist das eine phi­lo­so­phisch zu klä­ren­de Fra­ge für Herrn Erlin­ger. Da hät­te ich ger­ne mal gewusst, wie­so das denn der Fall ist.

Erlin­ger behan­delt den Fall des Auskunftsuchenden:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung die­ser Infor­ma­ti­on. Aber der­je­ni­ge bleibt eigen­stän­dig sowohl in der Ent­schei­dung, ob er oder sie ant­wor­tet, als auch dar­in, was und wie umfang­reich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er ant­wor­tet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimm­ten Infor­ma­ti­on inter­es­siert ist, nicht aber an dem, was der ande­re zu die­sem The­ma sagen will. Man redu­ziert ihn tat­säch­lich auf ein Auskunftsmittel.

Erlin­ger sieht nur an einer Stel­le eine Berech­ti­gung, den Aus­kunft­ge­ben­den zu unterbrechen:

wenn die Ant­wort nicht mehr für den Fra­gen­den erfolgt, son­dern umge­kehrt der Ant­wor­ten­de den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlin­ger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus einer For­mu­lie­rung von Kant einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv für alle Men­schen zu zau­bern. Dem ist nicht so. Zunächst ein­mal han­delt es sich im vor­lie­gen­den Fall um eine pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der nicht zwin­gend kate­go­ri­sche Impe­ra­ti­ve eine Rol­le spielen.

Wenn ich jeman­den um Rat fra­ge, dann impli­ziert das nach Kant mög­li­cher­wei­se einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv. Nahe­lie­gend wäre, dass er beinhal­tet, dass jemand bei einer Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer sol­chen Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet. Ein Bruch die­ses Abkom­mens wäre es, bei einer Gegen­fra­ge für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, gera­de wenn ich über eine hilf­rei­che Ant­wort ver­fü­ge. Im Bei­spiel, dass Erlin­ger bear­bei­tet, ist aber genau das der Fall: Die Toch­ter ant­wor­tet der Mut­ter auf deren Gegen­fra­ge. Die Toch­ter betrach­tet die Mut­ter dem­nach gera­de nicht ledig­lich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschil­der­ten Impe­ra­tiv gefor­dert wird.

Erlin­ger müss­te erklä­ren, wes­we­gen ein sol­cher kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv über­haupt beinhal­ten soll­te, dass man gedul­dig einer Ant­wort lauscht, wenn schon abzu­se­hen ist, dass die Ant­wort dem Fra­gen­den nicht wei­ter­hilft, so wie es schein­bar im Bei­spiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhö­re oder nicht. Selbst Ges­ten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahe­le­gen, dass ich zuhö­re. Hat mein Gegen­über ein Recht dar­auf, dass ich zuhö­re und das Gehör­te ver­ar­bei­te und hat er ein Recht dar­auf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine sol­che Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­mei­ner­bar, denn sie wür­de Men­schen nöti­gen, ande­re (nach Erlin­ger zumin­dest bei nicht selbst ver­herr­li­chen­den Ant­wor­ten) gene­rell aus­re­den zu las­sen, rela­tiv unab­hän­gig von der Hil­fe, die die Ant­wort dar­stellt, und von der Län­ge der Ant­wort, so the­ma­tisch pas­send sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schied­lichs­ten Momen­te, in denen man ande­re in ihrer Rede unter­bricht, und die­se sind unter­schied­lich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führ­te Gedan­ke bekannt ist, und es für den Ange­re­de­ten uner­heb­lich ist, den blo­ßen Gedan­ken gänz­lich aus­zu­füh­ren. Mit­un­ter ist das The­men­ge­biet auch so klar, dass Anek­do­ten das eigent­li­che The­ma nicht bereichern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den ande­ren zu erzie­hen oder ihm durch Zuhö­ren Wohl zu tun, muss ich sei­ne Ant­wort nicht abwar­ten. Es ist mir aller­dings unbe­nom­men, mir selbst eben einen sol­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv aufzuerlegen.

Imma­nu­el Kant beinhal­tet die­sen gan­zen Bereich in einem Text­stück, das Erlin­ger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugend­pflich­ten gegen Ande­re in Die Meta­phy­sik der Sit­ten. Eine nahe­zu unbe­ding­te Zuhör­pflicht fin­det sich dort nicht.

Und zur Ant­wort über die Aus­nah­me zu Erlin­gers Zuhör­pflicht sei gesagt: Dass ein Ant­wor­ten­der den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht, muss nicht bedeu­ten, dass die Ant­wort für den Zuhö­ren­den kei­ne inhalt­li­che Berei­che­rung dar­stellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­nung, man sol­le bei jeder Gele­gen­heit Zuhö­ren­den sei­ne Gedan­ken aus­le­gen, um sie so ver­bes­sern zu kön­nen. Es ist unklar, wie­so das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­li­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs sein soll.

Flüchtlingsopfer

Jörg Babe­row­ski darf sich heu­te in der NZZ am Sonn­tag aus­kot­zen:

Wer die Migra­ti­ons­po­li­tik von Ange­la Mer­kel zu kri­ti­sie­ren wagt, wird […] von der Debat­te aus­ge­schlos­sen. […] Deutsch­land ist ein Land ohne Oppo­si­ti­on, des­sen Regie­rung wünscht, dass in ihm nur noch eine Spra­che gespro­chen und nur noch eine Auf­fas­sung ver­tre­ten wer­de. […] Deutsch­land wird sich bis zur Unkennt­lich­keit ver­än­dern. Der sozia­le Frie­de und der Zusam­men­halt ste­hen auf dem Spiel. Man kann nur hof­fen, dass Deutsch­land an der Auf­ga­be, die unkon­trol­lier­te Mas­sen­ein­wan­de­rung zu bewäl­ti­gen, nicht zerbricht.

Ja, lie­be NZZ, so hört sich das an, wenn man die Kom­men­tar­spal­te Pro­fes­so­ren, die wie Pegida-Anhänger klin­gen, zur Ver­fü­gung stellt. Ich gehö­re ja zu den Deut­schen, die so ein ner­vö­ses Augen­lid­zu­cken bekom­men, wenn in einem Text ohne gro­ße Not mehr als fünf Mal das Wort “Deutsch­land” vor­kommt. Das ist immer so ein Zaunpfahlwink.

In Deutsch­land wer­den sozia­le Ein­hei­ten nicht durch Immi­gran­ten gefähr­det. Der sozia­le Frie­de viel­leicht schon, wenn das bedeu­tet, dass rech­te Intel­li­genz­ver­sa­ger Gewalt aus­üben. Aber von sozia­lem Frie­den zu spre­chen, nur weil die Rech­ten kei­ne güns­ti­ge Gele­gen­heit sehen, zu Gewalt auf­zu­ru­fen und sie aus­zu­füh­ren, das ist schon etwas zynisch.

September 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
« Aug    
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930  
Pinnwand
Schriftgröße
Vor 5 Jahren
Seite 1 von 3212345...102030...Letzte »