Kauderwelsch

In jeder Fami­lie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merk­wür­dig ist. Der bei Kaf­fee und Kuchen stört, wo man doch gera­de so ein­hel­lig bei­sam­men sitzt. Der pein­li­che Sachen vom Sta­pel lässt, wo aller immer so ver­schämt ins Off ver­su­chen zu gucken. Des­sen The­ma man schleu­nigst über­la­bern möch­te.

Bei den Nach­barn mei­ner Oma war das frü­her deren alter Opa. Der stand immer im Vor­gar­ten und hat von dort aus das Welt­ge­sche­hen kri­ti­siert, immer in der Hoff­nung, aber auch etwas weh­mü­tig, auf eine bes­se­re Zeit: “Unter Adolf hät­te es sowas nicht gege­ben.” Sowas wie jun­ge Mäd­chen in Jeans, laut fuß­ball­tre­ten­de Knirb­se, nicht­grü­ßen­de Spat­zier­gän­ger, knat­tern­de Mofas, schrei­en­de Schul­kin­der auf dem Weg zum Bus, Män­ner, die voll­be­packt ihren nichts­tra­gen­den Frau­en hin­ter­her­lau­fen, Tür­ken. So ziem­lich alles, was an Mensch­li­chem die Stra­ße rauf und run­ter kam.

Dabei war Adolf nur das Syn­onym für Kon­ser­va­ti­vi­tät. Das Sosein der Alten, das Unfle­xi­ble, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Ver­tei­di­gung der eige­nen Ent­wick­lung, unkri­ti­sier­bar ein­ge­lullt in den Gedan­ken, der Adolf hät­te ledig­lich für all das gestan­den. Wenn’s reg­ne­te wur­de der Opa rein­ge­holt, so wie man den Son­nen­schirm rein­holt. Er wur­de aber auch rein­ge­holt, wenn er für zu viel Auf­se­hen unter den Nach­barn sorg­te. Man möch­te eben nicht zu sehr Dorf­tratsch­the­ma sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Sieg­fried Kau­der. Natür­lich darf ein jeder auch dort sei­ne eige­ne Mei­nung haben. Inwie­weit er sie breit­tre­ten darf, wird aber schon noch kon­trol­liert. Kon­trol­liert, nicht gemobbt, das ist der CDU wich­tig. So eine Mei­nung kann ja durch­aus nütz­lich sein, schließ­lich gibt es diver­se Mei­nun­gen in der CDU. Irgend­wen wird man da schon bedie­nen.

Nun muss der Sig­gi wohl im Vor­gar­ten gestan­den haben und jun­ge Men­schen kamen vor­bei. Die hat­ten sowas gemacht, wie ihre Mofas fri­sie­ren. Und, oh, wie ist der Sig­gi da ener­gisch gewor­den. Welch Fre­fel­tat. Welch Unge­zo­gen­heit. Das muss ver­bo­ten wer­den, strengs­tens. Da muss man mit Här­te ran­ge­hen. Damit die das mal ler­nen. Här­te und Stren­ge, nicht die neu­mo­der­ne Tät­schel­ver­weich­li­chung. Das war schon frü­her gut so. Aus uns ist ja schließ­lich auch was gewor­den. Sowas brüll­te der da im Vor­gar­ten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa rein­ge­holt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Ein­zel­mei­nung, die hat weder ne Mehr­heit in unse­rem Haus, noch wird das ernst­haft mit­ge­tra­gen, was der da im Vor­gar­ten so raus­po­saunt hat. Alles wie­der gut, wir sind noch zurech­nungs­fä­hig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst neh­men wür­de.

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