Jens Bisky über Miriam Meckels Burnout
am 16. März 2010 um 12:30 Uhr von unter Bücherkiste abgelegt.

buchleser

Mir ist Miriam Meckel das erste Mal aufgefallen, als sie damals in den Schlagzeilen stand, jüngste deutsche Professorin in Münster geworden zu sein. Und auch da schon war irgendetwas, was mich intuitiv an ihr störte. Dabei ist Miriam Meckel grundsympathisch, soweit ich sie kenne, überdurchschnittlich intelligent, gutaussehend, offen, sie hat diese geistige Uneitelkeit, die ich sehr an Menschen schätze.

Ich erfuhr, dass sie nach eigener Aussage einen Burnout hatte, ein Buch darüber geschrieben hat, dass allerdings einige Leser den Inhalt für nicht so lebensnah hielten. Ich dachte, dass da eben das zum Tragen kam, was mich auch irgendwie störte. Aber ausformuliert hatte ich das bisher nicht, ich nahm das von ihr wahr, was mir über den Weg kam, aber ich las ihr Blog nur unregelmäßig, kommentierte nichts, kaufte nicht ihre Bücher.

Heute sprang mir beim Durchblättern der Süddeutschen Zeitung ins Auge, dass es eine ganzseitige Besprechung ihres Buches oder dessen Themas gab. Ich fühlte diesen intuitiven Störfaktor, der mir sagte, dass dies nach erster Einschätzung nur eine unkritische Buchbeschreibung sein könne, las dann aber Jens Bisky, den Namen des Autors, und fing an zu lesen.

Und ich las so mit gemäßigtem Interesse bis zu der Stelle, die mich die Zeitung begeistert weglegen liess:

Aber sie braucht die kultur- und kapitalismuskritischen Stellen wohl, um den Punkt richtig zu setzen. Der abschließende Brief – “Liebes Leben” – formuliert in Floskeln therapierter Innerlichkeit einen Anspruch, den in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Marx erhob, die Formeln der Hegelschen Philosophie benutzend.

Der saß.

Nicht die Biskysche Erinnerung an Marx. Die Floskeln therapierter Innerlichkeit. Es ist einerseits das Tolle der deutschen Sprache, das hier zum Ausdruck kommt. Sie ist nicht so lautschön wie andere, aber mitunter kriegen sie Begriffszusammenstellungen vorgesetzt, die sie selbst entfalten müssen, um zu erkennen, was sich der Redner wie zusammengereimt hat. Andererseits trifft es auch die Störung, die ich bei Miriam Meckel so denke. Die Rede von den Floskeln therapierten Innerlichkeit lässt doch bei Meckel die Frage stellen: Warum übernimmt sie Floskeln, die in einer Therapie auftauchen bei einem so persönlichen Projekt wie der eigenen Innerlichkeit?

Irgendwie ist es das, was mich an Meckel störte, ohne sie deswegen unsympathisch zu finden: Das Stehenbleiben an einem gewissen Punkt, das geistige Sich-Abfinden mit einer erreichten Höhe. Eigentlich ist ein solches Rummäkeln ungehörig, es ist nur deswegen zulässig, weil Meckel eben durchaus was drauf hat.

Bisky setzt diesen Treffer aber eben auch, nicht um Meckel in Grund und Boden zu stampfen, sondern er findet folgenden Schluss

Meckels Brief ans eigene Leben fordert die individuelle Unverfügbarkeit von den Übungsleitern, Systemoptimierern und Geschäftsführern zurück, fordert sie auch gegen das eigene, notwendig in der Kultur der Grenzenloskigkeit befangene Ich. Man muss Reserven in sich selbst bereithalten. Reservate im Innern sorgsam bewachen. Das ist keine große, erst recht keine radikale Lösung, aber eine lebenskluge.

Dieser Text aber ist ein großer, so einen kriegen nur wenige geschrieben.

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Jens Bisky – Ein erzwungenes, willkommenes Ende der Verlässlichkeit, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2010

[P.S. Dagegen hätte sich die Süddeutsche Zeitung die Veröffentlichung dieses voreingenommen altklugen Artikels von Sarina Plauth lieber gespart.]

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